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Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:18-31499
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2006/3149/


Die Genese von Autonomie als bildungstheoretisches und didaktisches Problem der Grundschule : Eine empirisch-mikroanalytische Studie zu kooperativen Problemlöseprozessen unter Grundschulkindern

The Development of Autonomy as a Problem of Education and Didactics in Primary School : An empirical microanalytical study on cooperative problem-solving amongst children in primary school

Steenbuck, Olaf

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SWD-Schlagwörter: Autonomie , Grundschulpädagogik , Emergenz <Soziologie> , Didaktik , Genetische Epistemologie , Mikroanalyse , Objektive Hermeneutik , Bildung
Freie Schlagwörter (Englisch): autonomy , didactics , primary school , necessity , interaction
Basisklassifikation: 81.74 , 81.61 , 81.23
Institut: Erziehungswissenschaft
DDC-Sachgruppe: Erziehung, Schul- und Bildungswesen
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Fiedler, Ulrich (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 31.03.2006
Erstellungsjahr: 2005
Publikationsdatum: 19.12.2006
Kurzfassung auf Deutsch: Die Grundschule hat neben der Vermittlung fachlicher und gesellschaftlich-kultureller Wissensbestände die Aufgabe und Funktion, zur Bildung mündiger, gesellschaftlich autonom handlungsfähiger und sozialisierter Subjekte beizutragen. Die allgemeine Didaktik der Grundschule müsste demnach erklären können, wie die von ihr betreuten unterrichtlichen Lernprozesse mit grundlegenden Bildungsprozessen dieser Art im Zusammenhang stehen. Es ist jedoch festzustellen, dass entsprechende didaktische Konzeptionen aufgrund eines vorwiegend entwicklungs- und interaktionstheoretischen Explikationsdefizits der Didaktik bislang kaum zur Verfügung stehen.

Für die vorliegende didaktische Untersuchung bildet vor allem Ulrich Oevermanns Programm einer soziologischen Sozialisationstheorie einen theoretischen Rahmen, um auf der Basis von Piagets Untersuchungen zur Autonomiegenese, die im Kontext weiterer seiner Teile seines Werkes interpretiert werden, eine Relation von Lernen und Bilden angeben zu können.

Autonome Handlungsfähigkeit, so zeigt Piaget, kann nur aus der Praxis autonomen Handelns selbst hervorgehen. Die didaktische Intention richtet sich folglich darauf, dass eine solche soziale Praxis im Grundschulunterricht zum Funktionieren gelangen kann. Hierfür sind die Struktur autonomen Handelns und die Bedingungen ihrer prozessualen Genese zu bestimmen. Die Grundlage dafür bildet Piagets These, derzufolge sich die Sonderfälle autonomer Praxis ausschließlich in der Kooperation unter Gleichaltrigen einstellen können. Eine Interaktion unter Grundschülern wird nun allerdings nicht schon dadurch zu einer autonomen Praxis, dass hier Gleichaltrige aufeinandertreffen. Eine genaue Untersuchung der Ergebnisse Piagets zeigt die interaktionsstrukturellen wie auch die kognitiv-epistemischen Faktoren und deren Wechselwirkungen auf, die an diesen Zusammenhängen beteiligt sind. Die Möglichkeitsbedingungen von Autonomie und Kooperation unter Grundschülern werden damit didaktisch deutbar.

Eine zentrale Rolle spielt hierbei die didaktische Interpretation der Theorie Piagets durch Ulrich Fiedler. Aus einer komplementären Deutung von Piagets sozialpsychologisch orientierten Frühschriften vor dem Hintergrund seiner späteren kognitiven Kompetenztheorie entwickelt Fiedler die "Zwei-System-These": Ihr zufolge ist die Differenzierung und Koordination der gegenstandsgerichteten und der interpersonalen Bezüge in den Sonderfällen der Kooperation unter Gleichaltrigen durch eine vorgängige Reversibilität gekennzeichnet, die funktional und strukturell der Reversibilität im System der formalen Operationen entspricht.

Aus dem didaktischen Interesse der Untersuchung heraus müssen theoretische und konzeptionelle Bestimmungen dieser Art in ihrem empirischen Gehalt ausweisbar, das heißt an die Ebene der Handlung anschlussfähig sein. Aus diesem Grunde bildet die Interpretation eines exemplarischen Falles - die Mikroanalyse einer protokollierten Gruppenarbeit unter vier Grundschulkindern - den empirischen Fokus im weiteren Verlauf der Arbeit.

Nach der Konzeptualisierrung des didaktischen Untersuchungsgegenstandes im ersten Teil der Arbeit dient der zweite Teil der Entwicklung eines mikroanalytischen Interpretationsverfahrens, das auf die Frage zugeschnitten ist, wie es in den Prozessen der Interaktion unter Grundschülern selbst zur Emergenz der strukturellen Qualität autonomen Handelns kommt. Das Verfahren lehnt sich an die Methodologie der objektiven Hermeneutik (Oevermann) an, wird aber um ein spezielles logisches Analyseinstrumentarium angereichert, um die logisch-strukturellen Aspekte der Interaktionstexte, die durch die Relationen der Äußerungen untereinander entstehen, rekonstruieren zu können. Hierbei kommt das Formalisierungsmodell der "natürlichen Logik" des Genfer Mathematikers und Logikers Henri Wermus zur Anwendung: Es erlaubt den Anschluss an die kognitive Theorie Piagets, ist aber zugleich sehr viel stärker als diese für eine Interpretation performativer und emergenter Prozesse geeignet.

Mit dem so entwickelten Verfahren kann die Mikroanalyse der ausgewählten Interaktionssequenz im dritten Teil der Arbeit zeigen, wie die strukturelle Qualität autonomen Handelns im vorgängigen Prozess von den Kindern selbst erst generiert wird. Auf dieser empirischen Basis werden erste Hypothesen über didaktisch relevante Faktoren und Möglichkeiten dieser sozialen Strukturemergenz in problembezogenen Verständigungsprozessen unter Kindern im Grundschulunterricht entwickelt. Darüber hinaus deckt die Fallrekonstruktion eine Verbindung zwischen der Genese autonomen Handelns und der Genese von logischer Notwendigkeit in den Urteilen der Kinder auf. Diese wird unter Aspekten der kognitiven Entwicklungstheorie Piagets sowie der modalen Logik ausgewertet. Hiermit kann die Untersuchung an Arbeiten von Leslie Smith anknüpfen, die die Verbindung von Autonomiegenese und Notwendigkeitsgenese von theoretischer Seite stützen.
Kurzfassung auf Englisch: Besides teaching curricular contents, primary school has to fulfil the social task of contributing to the education of children so that they may become responsible and autonomous members of society. Primary school didactics therefore should be able to explain how learning processes in school correspond to elementary developmental processes of the subject. We have to state, however, that despite this task and function of didactics, complying concepts haven't been developed yet.

To cover this theoretical gap, this study refers to works on "Entwicklungspädagogik" (i.e. developmental pedagogics) by Stefan Aufenanger and the programmatic works by Ulrich Oevermann on a sociological theory of socialization. They set up a theoretical framework, within which Piaget's works on the development of autonomy can be interpreted in a perspective suitable for the explanation of the relation between learning and development.

As Piaget shows, the ability to act autonomously can only be developed from within autonomous action itself. It should therefore be the aim of a didactic approach to make a functioning of such social practice in primary school possible. Hence, the structure of autonomous action as well as the genesis of this structure have to be explained. The explanation is based on Piaget's well-known thesis, according to which cases of autonomous action can only be realized in cooperation among peers. But cooperation (in Piaget's terms) amongst primary school children won't necessarily function by itself just because children of the same age meet. A closer look at Piaget's conclusions in his early works reveals the factors of interaction structure as well as epistemic possibilities of the children to interpret the social process they're engaged in. Hence it becomes possible to didactically explain the conditions underlying the possibilities of autonomy and cooperation amongst primary school students.

Of central importance for the argumentation in this point is a didactic intepretation of Piaget's theory by Ulrich Fiedler. In a complementary approach to the early socio-psychological works as well as the later works on the ontogenesis of cognitive structures, Fiedler formulates a "two-system-thesis". Its says that differentiation and coordination of object-oriented and interpersonal relations in cases of autonomous social processes between peers are characterized by an operational reversibility, which structurally and functionally corresponds to reversibility in the system of formal operations as described by Piaget.

To show the didactic and empirical significance of theoretical findings like these, a microanalytic reconstruction of an empirical case of group interaction among children in primary school constitutes the focus in further parts of the study.

In this first part of the study the didactic problem and the empirical objective are conceptualized. In the second part a microanalytic method is developed, which allows to reconstruct the emergence of structural qualities like those of social autonomy in interaction processes among children. This method refers to the methodology of "objective hermeneutics" (U. Oevermann). In addition, to be able to reconstruct logical relations between propositions the children produce while interacting, it makes use of "natural logics" as developed by the Genevan mathematician and logician Henri Wermus. This logical model allows us to refer to the results of Piaget's cognitive theory, but at the same time is better suited for studying microgenetic and emergent processes than Piaget's models of logic.

Analyzing the above mentioned empirical case of groupwork by using this method, it can be shown in the third part of the study, how the structure of autonomy is generated within the process of the social act itself. Based on this empirical data, first conclusions can be drawn on didactically relevant factors and possibilities supporting cases of structural emergence of autonomy in primary school learning.
Moreover, the reconstruction of the empirical process discloses a connection between the microgenesis of autonomy and the microgenesis of logical necessity in the childrens judgements. This connection is analyzed in detail against the background of Piaget's cognitive models as well as modal logics. The findings resulting from this empirical study correspond to theoretical works by Leslie Smith on the relation between development of autonomy and necessity.

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