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Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:18-44087
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2010/4408/


Wie macht man bessere Menschen? Die Reform des hamburgischen Strafvollzugs in der Weimarer Republik

Eichholz, Erik

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SWD-Schlagwörter: Strafvollzug , Gefängnis , Resozialisierung , Weimarer Republik , Reform , Kriminalität , Verbrechen
Freie Schlagwörter (Deutsch): Christian Koch , Strafvollzugsreform
Freie Schlagwörter (Englisch): prison , prison reform , rehabilitation , Weimar Republic
Basisklassifikation: 15.43
Institut: Philosophie und Geschichtswissenschaft
DDC-Sachgruppe: Geschichte Deutschlands
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Hilger, Marie-Elisabeth (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 14.07.2008
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 01.02.2010
Kurzfassung auf Deutsch: Am Beispiel Hamburgs erforscht die Studie, warum und wie es in der Weimarer Republik zu einer ambitionierten Reform des Strafvollzuges kam. Das bis dahin vorherrschende Leitbild der Vergeltung wurde durch ein neues ersetzt. Besonders profiliert in Hamburg galt nun das neue Prinzip der Resozialisierung, also das wichtigste, wenn auch zunehmend angezweifelte Programmstück des heutigen Strafvollzuges.
Die Arbeit mag bei solchen Menschen auf Interesse stoßen, die mindestens eines der folgenden „besonderen Kennzeichen“ aufweisen:
1. Wissbegier auf Strafvollzugsgeschichte, die das lange vernachlässigte Geschehen im Deutschland des 20. Jahrhunderts beachtet und einen Blick in den konkreten Alltag der strafenden Institutionen und ihrer Menschen wagt.
2. Wissbegier auf die Politik, Gesellschaft, Menschen und Mentalität der Weimarer Republik, auf die innovatorischen Potentiale und ihre Grenzen, auf Aufbruch und Scheitern der neuen demokratischen Ordnung.
3. Wissbegier auf die Geschichte Hamburgs, auf die Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens in dieser Stadt und über Möglichkeiten und Grenzen in ihr Neues zu schaffen.
Wie die Gesellschaft der frühen Weimarer Republik überhaupt stand auch die hamburgische Gefängnisverwaltung vor jenem Scherbenhaufen, den der Erste Weltkrieg hinterlassen hatte. Es galt den von allgegenwärtigen Mangel durchtränkten Alltag jenseits der nicht mehr selbstverständlich gültigen machtstaatlichen Routinen des Kaiserreiches zu organisieren. Der Zwang, Lösungen für das akut brennende Problem sowohl der inflationären Kriminalitätswelle als auch der Disziplinlosigkeit innerhalb der Gefängnismauern zu finden und die Utopie der Heilung von Delinquenten, gingen eine wirkungsvolle Koalition ein. Die tief gehende Erschütterung des Status quo in der Revolution war eine Voraussetzung für die Gefängnisreform gewesen. Dem Ansinnen förderlich war die alte hanseatische Tradition der Besserung im protestantischen Zuchthaus und eine politische Großwetterlage in Hamburg, in der sich politische Stabilität und reformerischer Wille zu sozialer Modernisierung verbanden.
Das Gefängniswesen blieb zwar ein Hinterhof des ohnehin unvollkommenen, von Geldnot geprägten Weimarer Wohlfahrtsstaates, dennoch fand im Hamburger Staat ein beachtlicher Wandel hinter den Gefängnismauern statt. Der neue, quasi demokratisch von den Beamten gewählte Direktor Christian Koch schuf durch eine manchmal harsche Personalpolitik eine republiktreue Beamtenschaft. Das Arbeitswesen wurde modernisiert und den Anforderungen des freien Wirtschaftslebens angepasst, zudem eine staatliche Fürsorge für Gefangene und Entlassene eingerichtet. Kernstück der Reform war der Stufenstrafvollzug, der Wohlverhalten durch Vergünstigungen belohnte. Die wohl wichtigste Erleichterung des Lebens hinter Gittern bildete der Freizeitsektor: nun konnte musiziert, Vorträgen gelauscht, geturnt und, was auf besonders viel Gegenliebe stieß, Fußball gespielt werden. Der Schulunterricht blieb allerdings ein recht nutzloses Unterfangen, stagnierte auf dem Niveau zeitvertreibender Plauderstunden wie schon im Kaiserreich. Auch Vorurteilsstrukturen blieben bestehen, etwa zugunsten bürgerlicher Gefangener oder zuungunsten von Prostituierten, deren Menschenwürde keine Achtung erfuhr.
Die Reform war ein echtes Kind der Weimarer Republik. Als der Republik mit der Weltwirtschaftskrise endgültig die Legitimität verloren ging, geriet auch das neue Strafen immer mehr in die Kritik. Sowohl die Hoffnungen der Menschen auf ein besseres Leben, wie die, Straftäter bessern zu können, waren bald unter den Lasten der Wirtschaftskrise begraben. Der Nationalsozialismus beseitigte den schon zuvor von den Sparnotwendigkeiten untergrabenen „modernen Strafvollzug“, um ihn zu einem Instrument des Terrors umzuschmieden.

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