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Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:18-62850
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2013/6285/


Klatschjournalismus : Fragment einer adligen Kultur in der bürgerlichen Gesellschaft

Hennig, Bettina

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SWD-Schlagwörter: Adel , Aristokratie , Bild <Zeitung> , Zeitung , Boulevard , Privatheit , Öffentlichkeit , Publikum , Massenmedien , Habermas, Jürgen , Kommunikations
Freie Schlagwörter (Deutsch): Klatschjournalismus, Unterhaltungsjournalismus, Qualitätsjournalismus, Peoplejournalismus, Pressegeschichte
Freie Schlagwörter (Englisch): yellowpress, mass media, tabloids, gossip, people,
Basisklassifikation: 05.30
Institut: Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften
DDC-Sachgruppe: Nachrichtenmedien, Journalismus, Verlagswesen
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Neverla, Irene (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 11.07.2012
Erstellungsjahr: 2013
Publikationsdatum: 30.07.2013
Kurzfassung auf Deutsch: Bettina Hennig geht in ihrer Doktorarbeit davon aus, dass im Klatschjournalismus Werte und Fragestellungen einer adligen Kultur aufleben und auf bürgerliche Leistungsträger aus Show, Musik, Sport, Kino und zunehmend auch aus Politik übertragen werden.
Auf welcher Basis gründet dieser Gedanke? Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist der ethymologische und linguistische Befund, dass das Wort Klatsch, wie wir es heute kennen und verwenden, erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts entstanden ist, das Derivat „Klatschbase“ sogar erst seit dem 19. Jahrhundert (vgl. Kluge 1966: 261. Alle archaischen Formen dessen, was wir heute mit „Klatsch“ bezeichnen, wie etwa „Das Reden am Brunnen“, „Das Reden am Lagerfeuer“ sind Projektionen aus der heutigen Perspektive auf damalige Sachverhalte sind, die nur Teilaspekte des komplexen, widersprüchlichen Wortes Klatsch in sich vereinen. Hennigs Hypothese ist, dass die Entstehung des Wortes Klatsch eng mit einem Strukturwandel des Privaten zusammen hängt, der sich – analog zu dem von Jürgen Habermas beschriebenen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) – von der feudal geprägten vorindustriellen Gesellschaftsform im 18. Jahrhundert bis zur „industriell fortgeschrittenen und sozialstaatlichen verfassten bürgerlichen Gesellschaft“ vollzogen hat – also mit dem Übergang von einer adligen zu einer bürgerlichen Gesellschaft. Mit diesem Strukturwandel hat sich, so Hennigs These, das Private in der Form, wie wir es heute kennen, überhaupt erst herausgebildet. Nämlich als konstitutive Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Deshalb kann es mit diesem Strukturwandel die Sozialform und das Wort „Klatsch“ überhaupt erst geben. Denn ohne Privates gibt es keinen Klatsch.
Mehr noch: Hennig behauptet, die bürgerliche Gesellschaft hat sich nicht nur aus eigenen Systembedingungen heraus entwickelt, sondern in Ablehnung und Auflehnung gegen eine adlige Leitkultur – und in Ablehnung ihres Wertekanons. Und diese Ablehnung eines adligen Wertekanons spiegelt sich – so ihre Hypothese – in der Ablehnung der Praxis des Klatschens wieder.
Ein Beispiel, das an der Dichotomie Öffentlichkeit/ Privatheit erläutern werden soll: Im bürgerlichen Wertekanon werden die Sphären des Privaten und des Öffentlichen getrennt. Der Adel aber kennt keine Privatheit im bürgerlichen Sinne, er verhandelt Privates öffentlich: Es gibt öffentliche Hochzeitsnächte und öffentliche Geburten. In einer bürgerlichen Gesellschaft wäre das tabuisiert. Beim Adel hingegen sind diese sozialen Handlungen aus der Notwendigkeit heraus kultiviert worden, Kontrolle über rechtmäßige Erben zu haben. Aus der gleichen Notwendigkeit heraus, wird beim Adel öffentlich über Dinge verhandelt, die in einer bürgerlichen Gesellschaft im Privaten verhandelt werden: Wer heiratet wen? Wer bekommt ein Kind? Wer trennt sich? Wer ist krank, wer liegt im Sterben?
Auf der Basis dieser Überlegungen geht Hennig zwei Hypothesen nach:
A.) Metatheoretisch: Die Abwehr gegen den Klatschjournalismus begründet sich nicht, wie allgemein angenommen, in Klatschjournalismus als Ausdruck einer „Unterschichtenkultur“ sondern darin, dass Klatschjournalismus Themen setzt und behandelt, die in einer adeligen Kultur relevant waren, einer Kultur gegen das sich das Bürgertum erhoben hat. Geht es im Bürgertum darum Geld- und Machtchancen durch Eigenleistung und Gelderwerb zu festigen, ging es im Adel darum diese durch familiäre Seilschaften zu manifestieren. Es sind zwei völlig verschiedene und einander kategorisch ausschließende Werte-Systeme, die sich u.a. in der soziokulturellen Handlung Klatsch auf widerstrebende Art zeigen: Das Private war im Adel keine fundamentale Kategorie. Im Adel war es wichtig das, was man in einer bürgerlichen Gesellschaft privat nennt, öffentlich zu machen, mehr noch: Das Private war hier politisch. Erst mit dem Bürgertum entwickelt sich das Private als geschützte Sphäre, wie wir sie heute kennen. Mit der Entwicklung und Entstehung des Privaten als konstitutionelle Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, unterliegt auch das „Reden über Privates“ einem fundamentalem Strukturwandel. Das Reden über Privates wird Klatsch.
B.) Die Hypothese, dass das veröffentlichte Private einer adligen Kultur entstammt und in der bürgerlichen Kultur und im Klatschjournalismus weiterhin als Fragment Bestand hat, operationalisiert Bettina Hennig und versucht auf dieser theoretischen Basis eine Antwort auf die Frage zu finden, welche Qualitätskriterien im Klatschjournalismus gelten und welche Selektionskriterien hier vorherrschen. Geht man jedoch davon aus, dass Klatschjournalismus ein Fragment adliger Kultur ist, und im Klatschjournalismus die Themen relevant sind, die Ehe, Scheidung, Kinder etc. betreffen, erschließen sich diese Selektionskriterien.

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