FAQ
© 2017 Staats- und Universitätsbibliothek
Hamburg, Carl von Ossietzky

Öffnungszeiten heute09.00 bis 24.00 Uhr alle Öffnungszeiten

Eingang zum Volltext in OPUS

Hinweis zum Urheberrecht

Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:18-79205
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2016/7920/


Die Ökonomie des axé - zur Aus- und Verhandlung der candomblé-Religion in Santo Amaro, Bahia, Brasilien

Leuschner, Hannes

pdf-Format:
 Dokument 1.pdf (3.426 KB) 


SWD-Schlagwörter: Candomblé , Umbanda , Synkretismus , Brasilien , Bahia , Taktik , Strategie , Soziales Kapital , Kulturelles Kapital , Religion
Freie Schlagwörter (Deutsch): Afrobrasilianisch
Freie Schlagwörter (Englisch): Afro-Brazilian , social capital , cultural capital , tactic , strategy
Basisklassifikation: 73.55 , 73.73 , 73.06 , 73.50 , 73.00
Institut: Kulturgeschichte und Kulturkunde
DDC-Sachgruppe: Sozialwissenschaften, Soziologie, Anthropologie
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Mischung, Roland (Prof. i.R. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 11.05.2016
Erstellungsjahr: 2015
Publikationsdatum: 04.07.2016
Kurzfassung auf Deutsch: Der brasilianische candomblé ist eine der großen afroamerikanischen Religionen, die im Laufe des transatlantischen Sklavenhandels entstanden sind. Sein Hauptgebiet liegt im nordostbrasilianischen Bundesstaat Bahia. Im Zentrum seiner religiösen Praxis steht die Verehrung und Inkorporierung ersteinmal afrikanischer Entitäten (inquices, voduns, orixás), und dann auch neuweltlicher Geistwesen (beispielsweise 'Indianer'-, Matrosen oder auch Prostituiertengeister). Die vorliegende Arbeit fußt auf mehr als zweijähriger Feldforschung in der im Recôncavo Baiano gelegenen Stadt Santo Amaro (ca. 60.000 Einwohner), in der es über 60 candomblé-Gemeinden (terreiros) und etwa 2000 initiierte candomblé-Anhänger gibt. In einer ausführlichen Ethnographie wird die Welt des candomblé in Santo Amaro beschrieben und als ein soziales Feld neben anderen sozialen Feldern herausgearbeitet. Unterschiede in den von den verschiedenen Gemeinden vertretenen Theologien und Praxen weisen darauf hin, dass der candomblé als solcher (trotz verschiedener Versuche, verbindliche Doktrinen zu etablieren) noch immer in einem starken Aushandlungsprozess befindlich ist; so auch die Frage, welche candomblé-Häuser innerhalb, am Rande oder außerhalb des Feldes des candomblé in Santo Amaro liegen. An dem Aushandlungsprozess, was candomblé eigentlich ist, wer candomblé machen darf und wie er ihn machen soll, sind nicht nur die initiierten Mitglieder der Religion selbst, sondern im Wechselspiel mit diesen auch Akteure anderer Felder beteiligt; vor allem aus dem Bereich der Politik und aus dem akademischen Bereich. Um diesen Aushandlungsprozess zu untersuchen, werden Leitfragen verfolgt, die auf einem an Pierre Bourdieu angelehnten Denken in ineinander transformierbaren Kapitalformen (finanzielles, soziales, kulturelles Kapital etc.) und auf der von Michel de Certeau für die Sozialwissenschaften erschlossenen Unterscheidung zwischen taktischem versus strategischem Handeln basieren: Auf welche Art bestimmte, auf welche Art in ihrem Wert ausgehandelte Kapitalien werden vom candomblé mit welchen anderen Feldern verhandelt? Wieweit handeln die Akteure (religiösen Vorsteher) in solchen Aus- und Verhandlungen taktisch, wieweit strategisch? Und auch: Wieweit gestaltet, verändert sich das Feld des santamarensischen candomblé durch die Aus- und Verhandlung ihm zugehöriger oder zugeschriebener Kapitalien? Bezüglich der Diskussion der Kapitalien zeigt sich, dass es oftmals weniger religiöse oder spirituelle Ressourcen im engeren Sinne sind, woraus und womit die Akteure des candomblé in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen handeln. Oft ist es eher ein mit dem candomblé eng verbundenes kulturelles und vor allem auch ethnisches Kapital, das die Akteure in andere Kapitalformen zu transformieren suchen. Das dabei erstrebte Kapital ist häufig ein finanzielles; eine gewisse 'Monetarisierung' des candomblé, einmal nach außen, dann aber auch innerhalb der Szene, wird von vielen seiner Anhänger beklagt: Sie sehen darin eine Bedrohung sowohl der den candomblé konstituierenden Spiritualität, als auch seiner traditionell zwar hierarchischen, darin aber durchaus kommunitären religiösen Familienstruktur. In diesem Zusammenhang müssen verschiedene, oft auch von der akademischen Forschung vertretene Narrative über den candomblé anhand der Realitäten des Feldes hinterfragt werden: beispielsweise die Vorstellung des candomblé als einer afrobrasilianischen Strategie des Widerstandes gegen eine eurobrasilianisch dominierte Gesellschaftsordnung. Certeau zufolge bedarf es, um strategisch (also auf nachhaltige Verbesserungen einer Lage hin) handeln zu können, eines Ortes, der als 'Eigener' verstanden werden kann; ansonsten bleibt nur das (auf kurzfristige Gewinne angelegte) Taktieren an den Orten der anderen. Vor allem aufgrund mangelnden Zusammenschlusses der religiösen Vorsteher kann derzeit nur bedingt vom candomblé in Santo Amaro als einem seinen Akteuren in Certeaus Sinne 'eigenem' Ort die Rede sein. Gründe für eine mangelnde Solidarität und ein mangelndes Vertrauen zwischen den candomblé-Anhängern können unter anderem innerhalb einer Art emisch vertretener Sozialpsychologie gefunden werden, worin das Misstrauen eine wichtige Rolle spielt. Im Laufe der Arbeit wird das Spektrum der gegenwärtigen soziokulturellen, politischen und ökonomischen Positionen des santamarensischen candomblé und seiner Anhänger polyperspektivisch ausgebreitet und auf ihm inhärente Zusammenhänge hin untersucht. Ob es den Akteuren gelingen wird, sich einen von ihnen selbst ausgehandelten candomblé zu einer Basis strategischen Handelns zu machen, bleibt ungewiss – Das Ziel vorliegender Arbeit ist es, eine solche Situation der Ungewissheit, ihre Gründe und Möglichkeiten zu erforschen, und damit zusammenhängende Fragen zu formulieren: Antworten darauf zu geben liegt nicht beim Ethnologen, sondern bei den Akteuren und in ihrem Handeln.
Kurzfassung auf Englisch: The Brazilian candomblé is one of the big Afro-American religions which developed in the course of the transatlantic slave trade. Its center lies in the north eastern federal state of Bahia. His central religious practice is the veneration and incorporation of non-human beings: i.e. in the first place African deities (inquices, voduns, orixás), but also spirits of the new world's entities (spirits of 'indians', sailors, prostitutes and others). This thesis is based on more than two years of field research in the Bahian town Santo Amaro (around 60.000 inhabitants) in the Recôncavo Baiano. There are more than sixty candomblé-communities (terreiros) in Santo Amaro and aproximately 2000 initiates. In the ethnographic part of this study the world of candomblé in Santo Amaro is described and profiled as one social field besides other social fields. Theological disagreements and considerable differences in the religious practice between the various terreiros indicate that the candomblé is still in a strong process of formation and negotiation, in spite of approaches to unify its doctrine. Even the question if a particular terreiro really belongs, maybe belongs or does not belong to the candomblé community can not always be answered clearly. What is candomblé? Who is legitimized to practice candomblé? In which way should candomblé be performed? Answers to these questions are not only discussed and sometimes forced by the adepts of the religion themselves, but also by agents of other fields, especially from the political and academic world. Some central questions have been developed to investigate this process of negotiation. They are based on the bourdieuan concept of transformable capitals (financial, social, cultural capital etc.) and the comparison of strategic versus tactical acting made by Michele de Certeau: What are the capitals related to candomblé; how is their value set; with which other fields are they traded? To what extent do the actors use strategies, to what extent do they use tactics in such negotiations? In which extent is the field of the local candomblé changing through the negotiation of its capitals? Relating to the forms of capital the investigation shows that the bases of the actor's position in larger society are seldom religious or spiritual resources in a narrower sense. In many situations their acting is more based in a cultural and ethnic capital strongly connected to their religion. The capital aspired through transformations is often a purely financial one. A certain monetization of candomblé is lamented on different levels: inside one terreiro, between the various terreiros and between the terreiros and larger society. Many followers of candomblé are afraid of an ongoing change from traditionally more communitarian (though strictly hierarchic) to more egocentric structures. They are worried about a loss of spiritual capital itself when it is money that rules. In this context some narratives about candomblé, some of them built up by academic studies, have to be questioned; for example the imagination of candomblé as a place of Afro-Brazilian resistance to a Euro-Brazilian dominated order of society. According to Certeau strategical acting (which aspires sustainable improvement of a situation) depends on a place (lieu) which can be understood as 'ones own', in this case the leaders and followers of candomblé own place. Otherwise the only possible way of acting are short-termed tactical actions in the places of the others. Mainly because of a lack of union between the religious leaders one can hardly speak about the candomblé of Santo Amaro as its main actors 'own place' in certeauian terms. Reasons for a certain lack of solidarity and trust between the actors can be found in a kind of emic social psychology where distrust is a central concept. In the course of this work the spectrum of contemporary sociocultural, politic and economic positions of candomblé and its actors is shown in a polyperspective way and examined for its inherent connections. If the actors will succeed to make candomblé their very own place and, as such, a basis for strategies, is incalculable. The aim of this thesis is to explore such a situation of uncertainty, its reasons and possibilities and to ask the resulting questions: The answers can't be given by the anthropologist but by the actors and through their acting only.

Zugriffsstatistik

keine Statistikdaten vorhanden
Legende