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Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:18-88711
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2017/8871/


Widerstände in der Arzt-Patienten-Kommunikation : eine diskursanalytische Untersuchung von medizinischen Aufklärungsgesprächen

Resistance in doctor-patient communication : a discourse analytic study of medical briefings for informed consent

Pawlack, Birte

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SWD-Schlagwörter: Linguistik , Pragmatik , Portugiesisch , Türkisch
Freie Schlagwörter (Deutsch): Arzt-Patient-Kommunikation , Motivation , Zustimmung , Diskursanalyse , Funktionale Pragmatik
Freie Schlagwörter (Englisch): doctor-patient communication , discourse analysis , functional pragmatics , consent
Basisklassifikation: 18.87 , 18.36 , 17.61 , 17.23
Institut: Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften
DDC-Sachgruppe: Sprache, Linguistik
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Bührig, Kristin (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 15.06.2017
Erstellungsjahr: 2017
Publikationsdatum: 06.12.2017
Kurzfassung auf Deutsch: In dieser sprachwissenschaftlichen Untersuchung von medizinischen Aufklärungsgesprächen werden Konstellationen erforscht, in denen deutlich wird, dass die im Gespräch angestrebte patientenseitige Zustimmung unsicher ist. Zwar steht es dem Patienten durchaus frei, einen Eingriff abzulehnen. Diese Option aber stellt für die Institutionsseite tendenziell etwas Unerwünschtes dar, weil ohne die Zustimmung keine Behandlung durchgeführt werden kann und keine angestrebte Heilung bzw. Therapie des Patienten bewirkt werden kann. Problematisch ist vor allem, wenn sich abzeichnet, dass eine Zustimmung aufgrund lückenhaften oder strittigen Wissens nicht zustande kommt oder, wenn der Patient gar keine Entscheidung treffen kann bzw. will. Derlei Konstellationen, sogenannte ‘patientenseitige Widerstände’, sind Gegenstand der Untersuchung.
Mithilfe der linguistischen Theorie der Funktionalen Pragmatik werden fünf authentische Aufklärungsgespräche untersucht. In diesen Gesprächen klärt der Arzt den Patienten über diagnostische oder therapeutische Eingriffe auf (z.B. Magen- oder Lungenspiegelung) und bezweckt, eine patientenseitige Zustimmung zum jeweiligen Eingriff einzuholen. Ziel der Arbeit ist zum einen, unterschiedliche Typen von Widerständen zu identifizieren und zum anderen arztseitige Reaktionen auf die Widerstände zu untersuchen. Da die vorliegenden Gesprächsdaten mehrsprachig sind – Ärzte und Patienten sprechen unterschiedliche Sprachen und zweisprachige Pflegekräfte dolmetschen – wird außerdem geprüft, inwiefern die mehrsprachige Konstellation Einfluss auf patientenseitige Widerstände und arztseitige Reaktionen hat.
Es wurden unterschiedliche Typen patientenseitiger Widerstände identifiziert. Zum einen wurden Widerstandstypen beschrieben, die die Motivation zum geplanten Eingriff betreffen. Sieht der Patient keinen Grund für den Eingriff (”Warum machen wir Vollnarkose?“) oder hat er Zweifel am Erfolg (‘lohnt es sich?’), bildet er möglicherweise keine erforderliche Motivation für den Eingriff und für die Zustimmung aus. Und bewertet er Elemente des Eingriffs negativ (”Ich hab so Angst.“), bildet er wolmöglich sogar eine Motivation aus, den Eingriff abzulehnen. Weiterhin können einer Zustimmung auch Wissensdefizite bzgl. des Behandlungsplans oder bzgl. der Diskursart Aufklärungsgespräch im Wege stehen. Und schließlich sind notwendige Voraussetzungen für eine patientenseitige Entscheidung nicht gegeben, wenn der Patient deutlich macht, dass er sich nicht imstande sieht zu entscheiden (”Und er kann auch nicht entscheiden, ob es gut oder schlecht ist.“).
Hinsichtlich der arztseitigen Reaktionen auf die patientenseitigen Widerstände können die folgenden Ergebnisse festgehalten werden. Es werden unterschiedliche Reaktionstypen in Form von sprachlichen Handlungsmustern (z.B. ‘argumentatives Begründen’ nach motivationsbezogenen Widerständen oder ‘Elizitieren’ nach diskursartenspezifischem Wissensdefizit) beschrieben. Diese arztseitigen Handlungsmuster werden nicht immer zielführend eingesetzt, in dem Sinne, dass patientenseitige Widerstände überwunden werden. Die patientenseitigen Einstellungen und Wissensbestände, die einer Zustimmung im Wege stehen, bleiben bisweilen auch nach den arztseitigen Bearbeitungsversuchen bestehen. So ist für das ‘argumentative Begründen’ festzuhalten, dass es lediglich bei einem Begründungsversuch bleibt, wenn nicht adressatenspezifisch genug gearbeitet wird, z.B. wenn der Arzt angesprochenen Ängsten des Patienten nicht begegnet.
Schließlich wurden Erkenntnisse im Hinblick auf die mehrsprachige Konstellation gewonnen. Patientenseitige Widerstände, die in Wissensdefiziten bestehen – in Bezug zum gesamten Behandlungsplan sowie zu Diskursartenpezifika – werden durch die mehrsprachige Konstellation begünstigt. Weiterhin kommt es in mehrsprachiger Arzt-Patienten-Kommunikation leichter zum Scheitern arztseitiger Bearbeitungsversuche von patientenseitigen Widerständen. So können Bearbeitungsversuche vereitelt werden, wenn dolmetschende Personen Aspekte der Ausgangshandlungen in ihren Verdolmetschungen verändern.
Für eine Verbesserung der kommunikativen Praxis ist generell Folgendes festzuhalten: Damit Ärzte einen bestimmten Eingriff durchführen und gleichzeitig das medizinisch und juristisch begründete Selbstbestimmungsrecht des Patienten respektieren können, gilt es zunächst, aufmerksam unterschiedliche Zeichen von etwaigen patientenseitigen Widerständen zu lesen, um dann entsprechend reagieren zu können und diese Widerstände ggf. zu überwinden.
Kurzfassung auf Englisch: In this linguistic study of medical briefings for informed consent, scenarios are investigated in which it becomes clear that the sought after consent of the patient is not guaranteed. Of course the patient can always refuse a procedure. However, this option tends to be undesirable for the physician as treatment cannot be carried out without the patient’s consent and the necessary measures for the ultimate curing of the patient cannot be achieved. It is particularly problematic when consent cannot be obtained due to knowledge deficits or controversial knowledge, or if the patient is unable or not willing to make a decision at all. Such scenarios, so-called ‘patient-side resistances’, are the subject of this investigation.
Using the discourse analytical approach of ‘functional pragmatics’, five authentic doctor-patient-interactions were analysed. In these interactions physicians inform the patient about a planned diagnostic or therapeutic intervention (e.g. gastroscopy or bronchoscopy) and seek to obtain the patient’s consent. The aim of the thesis is, firstly, to identify different types of patient-side resistance and, secondly, to investigate the reactions of the physicians. Since the conversational data herein is multilingual – physicians and patients speak different languages and bilingual nurses interpret – it is also examined to what extent the multilingual scenario has an influence on patient-side resistances and the reactions of the physicians.
Different types of patient-side resistance were identified. First, resistance types have been described which relate to the motivation for the planned intervention. If the patient sees no reason for a medical treatment (”Warum machen wir Vollnarkose?“, Why do we need a general anaesthetic? ) or if he has doubts about the success (‘lohnt es sich?’, is it worth it?), he may not develop the necessary motivation to give his consent. And if he evaluates elements of the intervention negatively (”Ich hab so Angst.“, I’m so afraid.), he may even be motivated to reject the procedure. Furthermore, knowledge deficits regarding the whole plan for treatment or knowledge deficits on discourse specifics can also be obstacles. Finally, the necessary conditions for a patient-sided decision are not present if the patient sees himself unable to decide (”Und er kann auch nicht entscheiden, ob es gut oder schlecht ist.“, And he cannot decide whether it is good or bad).
Regarding the physician’s reactions to the patient-side resistances the following results can be obtained. Different reaction types were described in the form of linguistic action patterns (e.g. ‘argumentative reasoning’ for motivation-related resistances or ‘elicitation’ for discourse-specific knowledge deficits). These action patterns are not always effectively used, in the sense that patients’ resistances are overcome. The attitudes and knowledge base of the patient, which stand in the way of consent, sometimes persist even following the doctor’s persuasive efforts. In the case of argumentative reasoning, it should be noted that the reasoning remains only a reasoning attempt, if it is not addressee-specific enough, for instance when the physician does not encounter revealed fears of the patient.
Finally, new insights were gained with regard to the multilingual constellation. Patient-side resistances that persists in knowledge deficits – regarding the whole plan for treatment and discourse specifics – are compounded by the multilingual scenario. Furthermore, physicians’ attempts to overcome resistances are more likely to fail in multilingual communication. For instance, physicians attempts can be undermined when interpreters change aspects of the original utterances in their interpretations.
For an improvement in communicative practice, the following statement applies in general: In order to perform a specific medical procedure and at the same time respect the medically and legally justified right to self-determination of the patient, physicians need to read the different signs of possible patient-side resistances carefully so that they can react accordingly and overcome these resistances.

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