Das ehemalige Zisterzienserinnenkloster Zarrentin in Mecklenburg

 

 

Zur Baugeschichte von Kirche und Kloster

 

 

Dissertation

zur Erlangung der Würde des Doktors

der Philosophie

der Universität Hamburg

 

 

vorgelegt von

 

Britta Schlüter

aus Hamburg

 

 

Hamburg 2001

 

 

 

 

        

 

   1. Gutachter    Prof. Manfred F. Fischer

     2. Gutachter    Prof. Dr. Bruno Reudenbach

 

 

Tag des Vollzugs der

Promotion: 07.07.1999

 

           

           

 

 

 

 

Für

Felix, Rafael (+), Ricarda Nele

und Ylva

 

 

 

                       INHALTSVERZEICHNIS

 

 

 

VORWORT

 

EINLEITUNG ............................................... 1

 

 

I.     ZARRENTIN  -  EIN ZISTERZIENSERINNENKLOSTER

    IN MECKLENBURG

 

A. Forschungsbericht und geschichtlicher Überblick

 

   1. Gedruckte Quellen und Archivalien ................. 3

 

   2. Literatur und Forschungsstand ..................... 8

    

     a) Resumé des Forschungsstandes ................... 14

 

   3. Zarrentin wird Kirchspiel ........................ 15

 

   4. Zarrentin als Klosterort ......................... 17

  

B. Die Baureste des Klosters ........................... 24

 

    1. Die Kirche

      

      a) Technische Vorbemerkungen ..................... 26

      

      b) Die Außenansicht .............................. 28

     

      c) Die Innenansicht .............................. 31

     

        

   2. Der Ostflügel des Klosters

      

      a) Technische Vorbemerkungen ..................... 36

      

      b) Die Außenansicht .............................. 37

     

      c) Die Innenansicht .............................. 39

 

 

 

     

II.  DIE BAUGESCHICHTE 

 

A. Erstes Viertel 13. Jh.: Die Dorfkirche

  

   1. Der feldsteinerne Chorunterbau ................... 43

    

     a) Baugrunduntersuchungen ......................... 45

 

     b) Archäologische Untersuchungen .................. 47

 

   2. Zum Dorfkirchenbau in Norddeutschland ............ 50

  

   3. Datierung ........................................ 56

      

B. Um 1240: Der Baufortgang: Kirchenschiff

  

   1. Die Nischengliederung der Südwand ................ 58

  

   2. Die Wandstruktur im Vergleich .................... 63

  

   3. Datierung .......................................  67

 

C. Nach 1251: Das ältere Klausurgebäude

 

   1. Die rundbogige Öffnung in der Kirchensüdwand ..... 69

 

      a) Zur Frage der Nonnenempore .................... 70

 

   2. Zur Herkunft des Laufgangmotives und Lage des

      Ostflügels ....................................... 74

 

   3. Datierung ........................................ 77

 

D. Um 1300: Die Erhöhung der Kirche

  

   1. Die backsteinerne Chorerhöhung ................... 78

 

     a) Die Wandmalereien .............................  80

 

   2. Der Mauerrücksprung der Schiffssüdwand ........... 85

 

   3. Fenster und Giebelschmuck im Vergleich ........... 86

 

   4. Datierung ........................................ 88

      

E. Der mittelalterliche Turm

 

   1. Der feldsteinerne Unterbau ....................... 90

 

   2. Datierung ........................................ 96

 

F. Die Klostergebäude 1300-1350

 

   1. Der Klausurostflügel ............................. 97

 

      a) Rekonstruktion / Der Visitationsbericht

         von 1576 ..................................... 105

      

      b) Bauverlauf ................................... 112

 

   2. Die Bauformen und ihre Parallelen

      

      a) Säulen ....................................... 113

      

      b) Schlußsteine ................................. 122

    

.............c) Konsolen ..................................... 129

      

      d) Kreuzgang .................................... 131

      

      e) Giebel ....................................... 133

 

   3. Datierung ....................................... 137

 

   4. Die übrigen Klausurflügel ....................... 138

  

      a) Archäologische Grabungen ..................... 139

  

      b) Rekonstruktion der Klausur ................... 141

 

   5. Die Bauten außerhalb der Klausur ................ 142

 

      a) Die Lageskizze von 1693 ...................... 145

 

G. 1460: Der spätgotische Umbau der Kirche

  

   1. Formunterschiede zwischen Süd- und Nordwand ..... 149

 

   2. Die Lüneburger Kapelle .......................... 156

  

   3. Archaisierende Tendenzen und die Priorität der   

      Struktur......................................... 159

  

   4. Datierung

      

      a) Der Ablaßbrief von 1460 ...................... 162

      

      b) Dendrochronologische Untersuchung ............ 163

      

      c) Schlußbemerkung .............................. 163

 

 

III. KLOSTER ZARRENTIN IM NETZWERK

 

A. Die Zisterzienserregel ............................. 165

 

   1. Die Sonderstellung der Zisterzienserinnen ....... 168

 

B. Der Bautyp in Zarrentin:

   zwischen Regel und Regellosigkeit

  

   1. Kirche: Typus, Größe und Nonnenempore ........... 170

  

   2. Klausur: Grundriß und Kreuzgangtypus ............ 173

  

   3. Raumabfolge ..................................... 175

  

   4. Frauenklöster in Norddeutschland ................ 179

  

   5. Lübeck und die Bettelorden ...................... 183

 

   6. Zusammenfassung ................................. 184

 

C. Exkurs:

   Die religiöse Frauenbewegung im 12. und 13.

   Jahrhundert ........................................ 185

  

   1. Die Haltung des Zisterzienserordens ............. 186  

  

   2. Das Verhältnis der Zarrentiner Nonnen zu

      Cîteaux ......................................... 191

 

D. Zur Größe des Konventes ............................ 195

 

 

 

IV.   SCHLUß ......................................... 197

 

 

 

ANHANG I: VERÄNDERUNGEN NACH AUFLÖSUNG DES KLOSTERS

 

 

Kirche und Kloster nach der Reformation ............... 201

 

 

A. Die Kirche

 

   1. Das 16. Jahrhundert

     

      a) Vorlage von Strebepfeilern und Anlegung

         eines neuen Emporenzuganges .................. 203

      

      b) Das Dach über dem Chor ....................... 203

  

   2. Das 17. Jahrhundert

      

      a) Zusetzung von Fenstern ....................... 204

      

      b) Turmneubau von 1672 .......................... 205

      

      c) Aufstellung der Kanzel ....................... 205

  

   3. Das 18. Jahrhundert

      

      a) Aufstellung des Barockaltars: Veränderung

         der Chorfenster .............................. 206

     

      b) Das Dach über dem Chor ....................... 206

      

      c) Einbau des Amtschores ........................ 207

      

      d) Reparatur des Kirchturmes .................... 208

      

      e) Reparatur der Pfeiler ........................ 209

  

   4. Das 19. Jahrhundert

      

      a) Choreinbauten und Pläne von 1844 ............. 210

      b) Veränderung der Fenster ...................... 212

     

      c) Verschalung des Portalvorraumes .............. 213

      

      d) Reparatur des Kirchturmes und Anlegung

         eines neuen Einganges im Turm ................ 213

      

      e) Choranbau .................................... 215

      

      f) Reparatur der Pfeiler ........................ 216

      

      g) Reparatur des Kirchendaches .................. 217

      

      h) Ausweißung ................................... 217

  

   5. Das 20. Jahrhundert

      

      a) Die Restaurierung von 1905/06 ................ 218

      

      b) Weitere Baumaßnahmen ......................... 221

 

B. Das Klostergebäude

  

   1. Verfall.......................................... 223

  

   2. Das 18. Jahrhundert: Brauhaus ................... 223

  

   3. Das 19. Jahrhundert: Amtsgebäude ................ 228

  

   4. Das 20. Jahrhundert: Jugendherberge etc. ........ 230

 

 

 

ANHANG II: QUELLENAUSZÜGE ............................. 232

    

   Anlage 1: LA, DA Wittenburg 1515 ................... 232

  

   Anlage 2: LA, DA Wittenburg 1423 ................... 253

 

 

QUELLENVERZEICHNIS .................................... 263

 

LITERATURVERZEICHNIS .................................. 268

 

ABKÜRZUNGEN UND SIGLEN ................................ 284

 

INDEX ................................................. 286

 

 

 

ABBILDUNGSVERZEICHNIS .........................    liegen als

 

ABBILDUNGSNACHWEIS ............................   gesonderter

 

ABBILDUNGEN ...................................      Band vor  

      

 

    

 

    

  

 

 

 

 

VORWORT

 

 

Die Anregung zu der vorliegenden kunstgeschichtlichen Monographie über die Baugeschichte des ehemaligen Klosters der Zisterzienserinnen in Zarrentin erhielt ich Anfang 1991 durch den Leiter der Restaurierungswerkstatt des Denkmalschutzamtes Hamburg, Herrn Michael Doose. Die Sicherungsmaßnahmen am Zarrentiner Barockaltar, die durch die Hamburger Werkstatt ausgeführt wurden, waren gerade beendet. Bei einem abschließenden Besichtigungstermin hatte ich die Gelegenheit, mir ein Bild von der Anlage zu machen. Obwohl mir die vielfältigen Problematiken, die mit dem Standort, dem Zeitpunkt und dem Bauwerk selbst verbunden waren, bewußt waren, faßte ich den Entschluß, diese Arbeit zu schreiben. Dieses Thema bedeutete eine große Herausforderung, da Mecklenburg - und besonders Zarrentin als Stadt im Grenzgebiet - aufgrund der politischen Situation vor 1989 ein vergleichsweise unerforschtes Gebiet auf kunsthistorischem Sektor darstellte.

 

Herrn Prof. Manfred F. Fischer vom Denkmalschutzamt Hamburg möchte ich an dieser Stelle dafür danken, daß er die Betreuung der Arbeit übernahm. Bei meinen Forschungen ließ er mir freie Hand, unterstützte mich aber geduldig mit Vorschlägen zur thematischen Eingrenzung und kritischen Denkanstößen.

 

Mein herzlicher Dank gilt Herrn Pastor Voß in Zarrentin, der mir jederzeit Zutritt zur Pfarrkirche ermöglichte und mir eine Vielzahl von Anregungen gab. In ihm fand ich stets einen interessierten Gesprächspartner.

Ferner sei hier für die freundliche Unterstützung gedankt, die mir in Zarrentin von Seiten des Bauvereins für das Klostergebäude, von Herrn Dr. Christoph Prösch und Frau Ingrid Riedl, zuteil wurde. 

Weiteren Dank schulde ich den Architektenbüros Körber/Zimmermann, Grundmann/Rehder(Grundmann/Hein) und Hoffmann/Krug, die mir bereitwillig ihre Unterlagen und Pläne zur Verfügung stellten.

Zu danken habe ich außerdem Herrn Prof. Ziegert vom Archäologischen Institut in Hamburg und Herrn Prof. Wolters von der Technischen Universität in Berlin.

Für vielfältige Hilfe bedanke ich mich bei den Mitarbeitern folgender Institutionen: des Landesamtes für Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin, vor allem Herrn Ende für seine engagierten Hilfestellungen; des Oberkirchenarchivs in Schwerin, besonders Herrn Piersig, der mir unbürokratisch Einsicht in die teilweise noch unsortierten Akten gewährte; des Landeshauptarchivs in Schwerin.

Besonderen Dank schulde ich meiner ehemaligen Kommilitonin Helga Schönemann (+). Sie konnte mir mancherlei fachkundigen Rat geben und begleitete mit viel Einsatz die Redaktionsarbeit. Für weitere redaktionelle Unterstützung und Engagement bin ich Renate Kremhöller überaus dankbar.

Schließlich möchte ich mich herzlich bei Bardo Metzger und Reinhard Oldekop für die technische Hilfe bedanken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seite 1

EINLEITUNG

 

Wie die jüngsten Veröffentlichungen belegen, ist die Thematik des weiblichen Ordenwesens zunehmend in den Blickpunkt der historischen Forschung gerückt[1]. Hierbei wurden vor allem historische, wirtschaftliche und soziale Aspekte der Frauenklöster erörtert. An Arbeiten zu den einzelnen Klosterbauten - besonders des norddeutschen Raumes - mangelt es jedoch. 

Auch das verglichen mit anderen Zisterzienserklöstern relativ unbekannte Frauenkloster Zarrentin erfuhr bisher noch keine ausführliche Darstellung seiner Baugeschichte. Der schlechte Erhaltungszustand des Klosters läßt eine kunsthistorische Bearbeitung unattraktiv erscheinen. Lediglich die von verschiedenen Bauperioden zeugende Kirche und ein östlich gelegenes Klostergebäude, das im Laufe der Jahrhunderte den unterschiedlichsten Nutzungen angepaßt wurde, sind erhalten. Diese Bauteile des Klosters ließen bis zur Teilfreilegung des Ostflügels kaum den Eindruck eines ehemals zusammengehörigen Komplexes erkennen.

Ein weiterer Grund, Abstand von einer Bearbeitung zu nehmen, mag die schlechte Quellenlage - besonders in bezug auf die mittelalterliche Baugeschichte - sein. Die das Kloster betreffenden Urkunden lassen nur geringe Aussagen zum Bauvorgang zu. Neuzeitliche Quellen wurden dagegen noch nicht ausreichend ausgewertet, so daß der Eindruck hervorgerufen wurde, es gäbe nur wenige.

 

Seite 2

 

Mit der "Wende" veränderte sich nicht nur die geographische und politische Situation, sondern auch die öffentliche Haltung gegenüber dem Kloster. Ausschlaggebend war 1990 die Gründung eines Bauvereines zur Restaurierung der Kirche auf Initiative von Jürgen Körber (Architekt) und Carl-Wilhelm Lohmann aus Hamburg. Ein knappes Jahr später erfolgte auf Betreiben von Dr. Christoph Prösch aus Zarrentin die Gründung eines Fördervereins zur Restaurierung des Klostergebäudes.

Durch die Initiative dieser Vereine wurden verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen an Kirche und Klostergebäude angeregt und unterstützt. Dadurch konnten erstmals fundamentale Erkenntnisse über die Substanz der Bauwerke gewonnen werden, die die Basis für die noch andauernden Sanierungsarbeiten lieferten. Auch wenn die Arbeiten vor allem aus finanziellen Gründen zum Teil nur langsam vorankommen, sind bereits erhebliche Erfolge zu verzeichnen. So ist beispielsweise durch die Teilfreilegung des Ostflügels für den Besucher heute erstmals wieder die Kreuzgang-Situation erfahrbar.

 

Der Versuch einer Rekonstruktion der Baugeschichte von Kirche und Kloster unter Einbeziehung der bisherigen naturwissenschaftlichen Untersuchungen ist Inhalt der vorliegenden Arbeit. Dabei waren Fragen zum Bauablauf nicht immer zur vollsten Zufriedenheit zu lösen.

Der zeitliche Rahmen der Bearbeitung reicht von der ersten Erwähnung Zarrentins 1194 bis heute. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der mittelalterlichen Baugeschichte des 1251 in Zarrentin gegründeten Klosters.

Die Arbeit umfaßt drei Teile: die Analyse der Ausgangssituation, die mittelalterliche Baugeschichte von Kirche und Kloster und die Einordnung des Frauenklosters in den historischen und kunsthistorischen Zusammenhang. In einem Anhang werden die neuzeitlichen Veränderungen dokumentiert. Dem Textband ist ein gesondert vorliegender Abbildungsband beigegeben.

 

Seite 3

 

 

I.     ZARRENTIN - EIN ZISTERZIENSERINNENKLOSTER IN

        MECKLENBURG

 

 

A. Forschungsbericht und geschichtlicher Überblick

 

1. Gedruckte Quellen und Archivalien

 

Das Mecklenburgische Urkundenbuch bildete die Grundlage für die Forschungen zum Thema "Kirche und Kloster in Zarrentin"[2]. Die Publikation beinhaltet in ihren 25 Bänden Urkunden aus den Jahren 786 - 1400. Das Urkundenbuch umfaßt also einen Zeitraum von gut 600 Jahren. Die hier veröffentlichten Dokumente, die das Kloster in Zarrentin betreffen, enthalten leider keine eindeutigen Hinweise auf bauliche Aktivitäten an Kirche und Kloster. Alle wesentlichen, Zarrentin betreffenden Urkunden - auch die, die auf Bautätigkeiten schließen lassen - wurden Ende des 19. Jahrhunderts von dem in Schwerin tätigen Archivrat Georg Christian Friedrich Lisch in den Mecklenburgischen Jahrbüchern[3] angeführt, ausgewertet und schließlich von dem in Schwerin lebenden Museumsdirektor Friedrich Schlie in dem dritten Band seines Inventarwerkes über die Bau- und Kunstdenkmale des damaligen Grossherzogtums Mecklenburg-Schwerin[4] zusammengefaßt.

 

Im Landeshauptarchiv Schwerin fand sich darüber hinaus verhältnismäßig umfangreiches Akten- und Urkundenmaterial zu Zarrentin aus der Zeit während und nach der Säkularisation des Klosters. Das Thema der vorliegenden Arbeit erlaubte es, nur diejenigen Akten einzusehen, die direkte oder indirekte Hinweise auf architektonische Zusammenhänge zu geben versprachen.

 

Seite 4

 

Eine detaillierte Prüfung aller Unterlagen war bei der Fülle des Materials zu Zarrentin im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich[5].

 

Die geprüften Archivalien stammen aus den Beständen "Acta monasteria, ordines equestres" (= "Klöster und Ritterorden"), "Acta ecclesiastica, specialia", "Kirchenvisitationsprotokolle" und "Domanialamt Wittenburg".  

 

Die Akte "Zisterziensernonnenkloster zu Zarrentin" aus dem Bestand "Klöster und Ritterorden" enthält Urkunden aus der Zeit der Auflösung des Klosters (von 1530 - 1559). Soweit es das teilweise sehr unleserliche Schriftbild erkennen läßt, werden in den Unterlagen in erster Linie interne politische Klosterangelegenheiten thematisiert. Die Urkunden dokumentieren den Auflösungsprozeß des Klosters vor und während der Reformation. Hinweise auf Bautätigkeiten oder Beschreibungen der Klosteranlage sind nicht enthalten[6].

 

In dem Bestand "Acta ecclesiastica, specialia" findet man unter den Signaturen 13489 bis 13540/1-12  eine Anzahl von Stichworten, die unterschiedliche, Zarrentin betreffende Angelegenheiten umreißen. Von Interesse ist die Akte "Bauten" (Acta eccl. spec. 13491/92). Sie enthält Urkunden aus den Jahren von 1633 bis 1747 und gliedert sich in Nachrichten, die sich zu einem Teil auf die Kirche (13491) und zu dem anderen Teil auf das Pfarrhaus (13492) beziehen.

 

Seite 5

 

Von großer Wichtigkeit sind die Visitationsberichte (Acta eccl. spec. 13531-36), in denen teilweise auch der Bauzustand der kirchlichen Gebäude protokolliert wird. Die Berichte von Zarrentin stammen von 1652 und 1707.

Schließlich wurden die Akten "Kirchenrechnungen" (Acta eccl. spec. 13508) und "Begräbnisse/Friedhof" (Acta eccl. spec. 13493-95) eingesehen. Sie beinhalten eine Relation des Superintendenten zu Parchim, Dr. Kempen, über die von ihm in Augenschein genommenen Kirchenrechnungen von 1684 bis 1687 nebst einer Aussage über den Zustand der Kirche von 1688. Eine Skizze, die die Erweiterung des Friedhofes veranschaulicht, gibt einen Eindruck von dem Aussehen der Anlage im 17. Jahrhundert (Abb. II. 9).

 

Aus dem Bestand "Kirchenvisitationen" wurden die betreffenden Akten eingesehen (KVP 12, KVP 356). Leider enthalten die Berichte von 1541 und 1694 keine Angaben über die Bauwerke.

 

In dem Findbuch "Domanialamt Wittenburg" ist eine Fülle von Stichworten vermerkt, die sich ebenfalls auf die verschiedensten Angelegenheiten Zarrentins bezieht. Ausgangspunkt der Untersuchungen waren die bereits bei Prösch angeführten Schriftstücke zum Umbau des Klostergebäudes im 18. Jahrhundert (DA Wittenburg 1513-15/ vgl. Anhang II, Anlage 1). Da das Klostergebäude nachweislich schon kurz nach Auflösung des Klosters als Brauerei diente, wurden die vorhandenen Akten zum Brauereibetrieb untersucht (DA Wittenburg 907, 1253-55). Sie enthalten allerdings keine Beschreibungen über das Aussehen der Anlage in früherer Zeit. Ein Bericht über das durch den Amtmann Aepinius in Augenschein genommene Brauhaus (Nr. 1254 : Mälzen und Bierbrauen 1631-1679) gibt nur Auskunft über die Beschaffenheit des Daches. Dieses muß sich in einem verhältnismäßig guten Zustand befunden haben, da nur von Ausbesserungen die Rede ist. Über die Ausstattung der Brauerei berichten zwei Schriftstücke: 1632 werden zwei Braupfannen angeführt und 1647 wird die Verfertigung einer Malzdarre erwähnt (DA Wittenburg 1454). Ansonsten geht es ausschließlich um Fragen des Im- und Exportes sowie um Streitigkeiten.

 

Seite 6

 

Ferner wurden für das Klostergebäude folgende Akten herangezogen: DA Wittenburg 1423 (Inventar von den herrschaftlichen Gebäuden) und DA Wittenburg 1578 (Kopie eines Gutachtens von Lisch betr. einer Reparatur des Klostergebäudes). Das Inventar von 1878 enthält eine detaillierte Beschreibung der Räume im Klostergebäude, das zu jener Zeit als Amtshaus diente (vgl. Anhang II, Anlage 2).

 

Hinsichtlich der Kirche wurden die Nummern 1540 (Orgelchor und Seitenchöre) und 1533 (Varia, Pfarre und Kirche ab 1672) eingesehen. Die Akte Nr. 1540 umfaßt diverse Kostenvoranschläge, Briefe und Protokolle aus den 40er Jahren des 18. Jahrhunderts, die sich auf den geplanten Umbau von 1844 im Innern der Kirche beziehen. Die Akte DA Wittenburg Nr. 1533 ist eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten unterschiedlicher Thematiken. Sie enthält auch die von Prösch publizierte Grundrißzeichnung der Kirche (Abb. II. 11, 12) sowie einige interessante Kostenvoranschläge, die über den Zustand der Kirche Auskunft geben.

 

Zuletzt sollte geprüft werden, ob die Kirche bzw. das Klostergebäude bei den verschiedenen Bränden in Zarrentin Schaden genommen haben könnten, wodurch eine Wiederherstellung oder Restaurierung notwendig geworden wäre. Hierzu lagen die Nummern 1555, 1556 und 1558 vor.

Die Dokumente geben jedoch keine Hinweise darauf, daß Kirche und Klostergebäude in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ein  Plan, der nach der Feuersbrunst von 1775 angefertigt wurde, gibt Aufschluß über das Ausmaß des Brandes (DA Wittenburg 1558 / Abb. II. 10).

 

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Der Versuch, in dem Findbuch "Altes Archiv - Internum" unter dem Stichwort "Fürstliche Schlösser und Häuser" eventuell etwas zur Nutzung des Klostergebäudes durch die herzögliche Familie unmittelbar nach der Säkularisation des Nonnenklosters zu ermitteln, war leider erfolglos. Zarrentin ist hier nicht vermerkt.

 

Der Nachlaß von Hamann und Lorenz, welche 1896 und 1927 Zeichnungen von Kirche und Kloster anfertigten, ist in dem Findbuch "Baupläne" aufgeführt (Abb. III. 13, 19, 20)[7].

 

 

Weitere, die Kirche betreffenden Unterlagen werden im Oberkirchenarchiv in Schwerin verwahrt.

Das Oberkirchenarchiv, das aus der "Kirchencomission" hervorgegangen ist, wurde am 1. Januar 1850 gegründet[8]. Dem Archiv zugehörig sind die Akten "Bauten und Reparaturen" Band I (1748-1906) und Band II (1906-1955). Weitere Akten wurden teilweise von der Landesregierung übernommen, als das Archiv gegründet wurde.

Die staatlichen Hochbauakten, die provenienzmäßig zum Mecklenburgischen Finanzministerium, Abteilung Hochbau, gehören, sollten nach dem 2. Weltkrieg eigentlich vernichtet werden[9]. Sie wurden seinerzeit jedoch von Adolf Friedrich Lorenz, Landesbeamter in Mecklenburg, sichergestellt und ins Oberkirchenarchiv überführt. Die Akten umfassen Unterlagen zu den Kirchenbauten ab 1866. Ältere Schriftstücke sind bei einem Brand verlorengegangen. Der gesicherte Bestand wurde damals von Eckhard Piersig[10] geordnet. Dabei stellte sich heraus, daß der Aktenbestand mit dem Buchstaben "W" endet. Akten der Orte mit Z", so auch Zarrentin, sind anscheinend verlorengegangen.

 

Seite 8

 

Der Aktenbestand im Oberkirchenarchiv wurde vollständig eingesehen. Er umfaßt vor allem Kostenvoranschläge und Liquidationen, die sich auf Reparaturarbeiten an Pfeilern, Mauern und Verdachungen der Kirche sowie auf Arbeiten an den kirchlichen Gebäuden beziehen. Mehrere Unterlagen betreffen auch die Kirchenausstattung.

 

Darüberhinaus wurden auch im Landesamt für Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin Dokumente eingesehen. Die wenigen Unterlagen aus den Jahren 1895 und 1905 enthalten aber kaum Angaben zur Baugeschichte. Im Domarchiv Ratzeburg; - Mecklenburgische Kirchenbuch-Abteilung - und im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv / Schloß Gottorf befinden sich keine bzw. keine für die Baugeschichte relevanten Archivalien zu Zarrentin.

 

 

2. Literatur und Forschungsstand

 

Wie bereits erwähnt bearbeiteten Ende des 19. Jahrhunderts vor allem Lisch und Schlie die älteren Urkunden von Zarrentin, anhand derer sie u. a. ihre Auffassung zur Baugeschichte begründeten[11]. An ihren Thesen wurde nicht gerüttelt, vermutlich da die Geschichte des Klosters damit als abgeschlossen galt[12]. Ohnehin fand das Kloster kein weiterreichendes Interesse. Mit Ausnahme von mehreren Artikeln von Schmahl und Prösch in der lokalen Presse blieb es relativ ruhig um Zarrentin[13]. Erst 1991 legten Christoph und Margarete Prösch zur 740. Wiederkehr der ersten Beurkundung des Klosters mit der Schrift "Das ehemalige Zisterzienser-Nonnenkloster "Himmelspforte" zu Zarrentin" eine Zusammenfassung ihrer bisherigen Forschungen vor.

 

Seite 9

 

Im Hinblick auf anstehende Restaurierungen und Freilegungsarbeiten wurden seit 1990 verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt und Gutachten angefertigt. Die Ergebnisse liegen zum größten Teil in schriftlicher Form vor. Hiervon sind vor allem zu nennen:

 

Baugrunduntersuchung:

 

- R. Henze: Sanierung der Kirche in Zarrentin / Baugrunduntersuchung und Gründungstechnische Beratung bei der Instandsetzung, 05.12.1990; 1. Nachtrag: 30.04.1991[14].

 

- ders.: Klosteranlage in Zarrentin. / Baugrunduntersuchung und Gründungstechnische Beratung, 30.10.1990.

 

- ders.: Ehemaliges Zisterzienser Kloster in Zarrentin / Baugrunduntersuchung und Gründungstechnische Beratung, 1. Nachtrag, 30.04.1991.

 

Mauerwerksgutachten:

 

- G. Böttcher: Gutachten über den Zustand des Mauerwerks der Kirche in Zarrentin, 31.05.1990[15];

 

-         BAYPLAN, Bayerische Bautenschutz-Fachplanung GmbH: Untersuchungsbericht (Gutachten zum feuchte- und salzgeschädigten Mauerwerk), 22.10.1990[16];

 

Seite 10

 

Statische Gutachten:

 

- U. Krause/ C. Anastasiou:

1. Zwischenbericht über den baulichen Zustand in statischer Hinsicht, der Kirche in Zarrentin, Bericht vom 10.04.1991[17];

 

- dies.: Gutachten über den baulichen Zustand der Klosteranlage in Zarrentin, 26.11.1991.

Restaurauratorische Gutachten:

 

- F. Kluth/J. Spillner/R. Labs: Untersuchung der Farbigkeit im Innenraum der Klosterkirche Zarrentin als Zuarbeit zur denkmalpflegerischen Zielstellung, Bericht vom November 1990[18];

 

- J. Böddeker/U. Schlichting: Untersuchungsbericht. Ehem. Zisterzienser-Nonnenkloster (Ostflügel), 1991[19];

 

- J. Seebach: Bericht über die Untersuchungen in und an der Kirche zu Zarrentin, 1991[20];

 

- H. P. Autenrieth/P. Turek: Ev. Pfarrkiche Zarrentin (Mecklenburg), Untersuchung am 28./29.8.1991, Bericht vom 24.9.91[21];

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Denkmalpflegerische Zielstellungen:

 

- Grundmann/Rehder: Kirche in Zarrentin/Mecklenburg. Denkmalpflegerische Zielstellung, 23.05.91[22];

 

- Körber + Zimmermann: Klostergebäude Zarrentin. Vorbereitende Untersuchungen und denkmalpflegerische Zielstellung, Juli 1992[23];

 

Dendrochronologisches Gutachten:

- S. Wrobel: Dendrochronologische Untersuchung von Hölzern aus der Kirche zu Zarrentin, 12.2.1992[24].

 

 

Das archäologische Gutachten von Prof. Ziegert aus Hamburg liegt bisher noch nicht schriftlich vor[25].

 

Im Auftrag des Deutschen Zentrums für Handwerk und Denkmalpflege und der Leitstelle für Diagnose und Therapie von Schäden an Denkmalen in Potsdam erstellten Ursula Auweiler und Claudia-Christina Hennrich 1991 eine Anamnese der ehemaligen Zisterzienserinnen Klosterkirche in Zarrentin. Aus dieser Untersuchung ging 1994 die Magisterarbeit von Ursula Auweiler mit dem Titel "Die Klosterkirche Zarrentin" hervor.

 

Weitere Gutachten, die hier nicht einzeln aufgeführt werden sollen, sind u. a. in den "Denkmalpflegerischen Zielstellungen" der Architekten verzeichnet. Sofern sie grundlegend für die Baugeschichte waren, wird an entsprechender Stelle darauf verwiesen.

 

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1993 erschien von Verena Friedrich ein kleines Heft mit dem Titel "Zarrentin. Mecklenburg" (Nr. 92 aus der Reihe der Peda-Kunstführer), das eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse gibt. Zuletzt wurden zur 800-Jahr-Feier von Zarrentin zwei Schriften veröffentlicht, in denen das Kloster Erwähnung findet:

Von der Stadt Zarrentin wurde die Festschrift "800 Jahre Zarrentin 1194-1994" herausgegeben. Die Schrift von Peter Mewes mit dem Titel "1194-1994. 800 Jahre Zarrentin in Gedichten und Geschichten, dit un dat in hoch un platt för jeden wat" erschien im Selbstverlag des Autors. 

 

Innerhalb der Literatur über Klosterarchitektur im allgemeinen oder Zisterzienserklöster im besonderen taucht Zarrentin - wenn überhaupt - nur am Rande auf. In verschiedenen Listen und Karten ist Zarrentin als Kloster der Zisterzienserinnen zumindest verzeichnet[26]. Ein größerer Abschnitt, der auch eine Zusammenstellung der Literatur über Zarrentin bis 1983 gibt, ist in der Bibliographie von Ursula Creutz zu finden[27].

 

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Ansonsten werden dem Kloster Zarrentin nur kurze Abschnitte innerhalb der Mecklenburgischen Architekturgeschichte gewidmet, die weitgehend auf den älteren Publikationen von Lisch und Schlie basieren[28].

 

Verschiedene Baupläne von Kirche und Kloster vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts liegen von Gustav Hamann (Landbaumeister) und Adolf Friedrich Lorenz (Denkmalpfleger) vor (Abb. III. 13,19,20,21). Da die älteren Pläne den heutigen Anforderungen in ihrer Genauigkeit nicht genügten, wurden 1990/91 neue Handaufmaße im Maßstab 1:100 von den Architekten Grundmann/Rehder und Körber + Zimmermann (Stand: Dez. 1990/Jan. 1991) angefertigt (Abb. III. 14,15,16,17,18,22,23,24). Eine weitere, fotogrammetrische, verformungsgetreue Bestandsaufnahme vom Klostergebäude wurde im Juni 1991 im Maßstab 1:50 erstellt (Abb. III. 25,26,27,28,29,30,31,32,33).

 

Ein von Körber + Zimmermann vorgeschlagenes Nutzungskonzept nebst Plänen wurde vom Bauverein nicht akzeptiert[29]. Daraufhin erfolgte 1994 ein Wechsel des für die Sanierung des Klostergebäudes zuständigen Architektenbüros. Die Architektengemeinschaft Hoffmann + Krug aus Kiel löste das Team Körber + Zimmermann ab[30]. Als Ergänzung zu der Bestandsaufnahme von Körber + Zimmermann wurden Konzeptzeichnungen des Kellergeschoßbestandes im Maßstab 1:50 erstellt, die allerdings nicht verformungsgetreu sind (Abb. III. 34,35,36,37).

 

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a) Resumé des Forschungsstandes

 

Die mittelalterliche Baugeschichte ist eng mit drei urkundlich überlieferten Daten verbunden:

 

- 1194 :      erste Erwähnung Zarrentins als Kirchspiel;

- 1251/52 :   Zarrentin wird Klosterort; den Nonnen wird die Pfarrkirche übereignet;

- 1460 :      Ablaß für einen Neubau der Kirche.

 

Da in den Backsteinbau der Kirche Reste einer älteren Feldsteinkirche einbezogen wurden, nahm man an die o. g. Daten angelehnt bislang drei Bauabschnitte für die Klosteranlage an, nämlich erstens den Bau der Pfarrkirche in Feldstein, zweitens die Errichtung der Klostergebäude und drittens den Neubau der Kirche in Backstein. Die Auffassungen unterscheiden sich vor allem in der Datierung der Feldsteinkirche. Lisch und Schlie wollen sich hierzu nicht festlegen. Für sie ist lediglich sicher, daß die Kirche vor 1252 stand[31]. Nach Prösch stammen die Reste von einer romanischen Feldsteinkirche, deren Baubeginn "noch vor 1160" angenommen werden muß[32]. Reifferscheid, Schmaltz und Pilz meinen, die Fragmente gehören zu einem Bau des Übergangstils aus der Mitte des 13. Jahrhunderts[33].

Konkrete Aussagen über das Aussehen der ersten Kirche gibt es bisher nicht. Auch bei der Frage nach weiteren Bauabschnitten herrscht Zurückhaltung. Einzig die Aufstockung des Chorraumes wird vor Mitte des 14. Jahrhunderts angesetzt[34].

Der Kirchturm, der wie der Chor einen Unterbau aus Feldstein besitzt, wird gemeinhin laut der angebrachten Jahreszahl

 

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1672 datiert[35]. Hierzu gibt es auch Urkunden, die belegen, daß der Kirchturm 1648 durch einen Sturm einstürzte. Überreste eines romanischen Vorgängerbaues vermutet hingegen Dehio[36].

Weitgehende Übereinstimmung besteht dagegen hinsichtlich der Baudaten des Klosters. Den Baubeginn setzt man ins 13. Jahrhundert oder genauer 1250-52, die Fertigstellung ins 14. Jahrhundert[37]. Nur Lorenz unterschied zwei separate mittelalterliche Bauabschnitte[38].

 

 

3.  Zarrentin wird Kirchspiel

 

Zarrentin liegt im Westen Mecklenburgs auf der südwestlichen Seite des Schaalsees, etwas abseits der alten großen Salzstraße, die von Lüneburg; über Boizenburg, Mölln und Ratzeburg nach Lübeck führte (Abb. I. 2)[39].

Der Ortsname "Zarrentin" ist - wie das Suffix "-in" anzeigt, wendischen Ursprungs[40]. Seit dem 6. Jahrhundert lebten in

 

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Holstein und Mecklenburg verschiedene slawische Stämme, die unter der Gesamtbezeichnung "Wenden" in der Geschichtsschreibung zusammengefaßt worden sind[41]. Im Rahmen der "Ostsiedlung" kamen ab dem 12. Jahrhundert verstärkt Deutsche und Niederländer in diese Gebiete[42]. Heidnisches Kulturgut wurde nach und nach durch christliches verdrängt.

Im Jahre 1194 wird Zarrentin erstmals urkundlich erwähnt[43]. In dem Schriftstück bestimmt Isfried, der Ratzeburg;er Bischof, durch Schiedsrichter die ratzeburgischen Stiftsgüter für den Bischof und das Dom-Kapitel. Hieraus geht u. a. hervor, daß "Zarnethin", das zur Provinz Wittenburg gehörte, bereits Parochie war. Somit wird sich am Ort zu dieser Zeit schon eine Kirche befunden haben.

Als Kirchspiel wird Zarrentin auch im Ratzeburger Zehntenregister von 1230/34 erwähnt[44].

 

Seit 1227 hatte Graf Heinrich I. die Provinz Wittenburg zu Lehen genommen[45]. Damit gehörte Zarrentin zwar zum Ratzeburger Sprengel,

 

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 die Landeshoheit gebührte aber den Grafen von Schwerin[46].

 

 

4. Zarrentin als Klosterort

 

Die Stiftung des Zisterzienserinnenklosters in Zarrentin geht zurück auf die Gräfin Audacia und ihrem Sohn Gunzelin III.[47]. Audacia war die Gemahlin von Heinrich I. von Schwerin, welcher 1228 verstorben war[48]. Die Gräfin Audacia war nachweislich sehr aktiv in Klosterangelegenheiten[49]. Die Rolle ihres Sohnes Gunzelin ist eher unklar. Augenscheinlich wurde er aber zur Zeit der Klosterstifung erst mündig. Kurze Zeit später jedoch zeugen mehrere Urkunden von einer regen Tätigkeit Gunzelins in religiösen und politischen Angelegenheiten[50].

Am 1. November 1246, so gibt die Stiftungsurkunde Auskunft, wird das neu gegründete Kloster mit sechzig Hufen bewidmet, die allerdings südlich von Schwerin gelegen waren[51]. Der genaue Stiftungsplatz läßt sich nicht feststellen. Lisch unternahm den Versuch, anhand der Angaben in den ersten Stiftungsurkunden die ungefähre Lage des Klosters zu ermitteln[52].

 

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Danach erhielt das Kloster seine ersten Güter in dem Dorf Lübbelow und in der Gegend zwischen Lübbelow und Neustadt. Der Nonnenkonvent wird hier spätestens 1248 angesiedelt gewesen sein. In diesem Jahr kam es zu einer zweiten Schenkung durch Gunzelin. Das Kloster erhielt das Dorf Schonenlo sowie vier Hufen in Holthusen bei Schwerin. In der Urkunde ist bereits von einem Konvent "ordinis Cisterciensis" die Rede. Über dessen Größe geht hier nichts hervor[53].

 

Das Kloster sollte wohl in erster Linie zur Versorgung der unverheirateten Töchter aus der Familie der Grafen von Schwerin sowie deren entfernte Verwandte dienen[54]. Ein weiteres Motiv wird bei der Stiftung eine Rolle gespielt haben: In einer Zeit ausgeprägten Standesbewußtseins, das mit religiösem Eifer gekoppelt war, mußte es jedem Grafengeschlecht notwendig erscheinen, durch Klosterstiftungen gegenüber anderen Adeligen hervorzutreten.

 

Der Nonnenkonvent blieb nur für kurze Zeit in der Nähe von Schwerin. Warum das Gebiet verlassen wurde, ist nicht überliefert. In erster Linie mangelte es wohl an Wasser[55]. Später wird die Gegend eine Wüstung[56]. Da traf es sich günstig, daß der Ritter Burchard von Bodenstedt, der den Grafen von Schwerin nahe stand, seine Besitzungen in Zarrentin und Umgebung gegen die dem Kloster gehörenden Güter vertauschte[57].

 

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Dieser Tausch wird 1251 durch Gunzelin bestätigt[58]. Der Konvent ist zu dieser Zeit bereits in Zarrentin angesiedelt. Der Grund für die Verlegung war sicherlich die Lage Zarrentins am Ufer des Schaalsees. Der Fischreichtum des Sees bildete eine ideale Grundlage für die fleischlose Ernährung, die für Zisterzienser Vorschrift war.

Durch die Verlegung des Klosters kamen auch die ledigen adligen Töchter des Landes Wittenburg in den Genuß einer fürsorglichen Unterbringung.

 

Zur Zeit der Stiftung gab es bereits zwei weitere Nonnenklöster im Bistum Ratzeburg: im Lande Gadebusch das Benediktinerinnen- bzw. später Prämonstratenserinnenkloster Rehna (gegr. 1236/37)[59] und in der Grafschaft Dannenberg das Kloster Eldena (1229-1235)[60], dessen Konventualinnen nach der benediktinischen bzw. zisterziensischen Regel lebten.

Das erste Nonnenkloster in Mecklenburg war Bützow (Ende 12. Jh.)[61]. Die Stiftung überdauerte aber nur kurze Zeit[62]. Im Bistum Schwerin wurde im Stiftsland Warin 1211 das Zisterzienserinnenkloster Sonnenkamp/Neukloster gegründet[63]. Es ist das älteste erhaltene Frauenkloster in Mecklenburg. Weiter östlich befanden sich später Rühn (1232, Bened./Zist.?)[64], Dobbertin, das 1234 aus einem benediktinischem Doppelkloster (1220) hervorging[65], Ivenack (1252, Zist.)[66] und Bergen auf Rügen (1193, um 1250: Zist.)[67]. Schließlich kamen Rostock (um 1270, Zist.)[68], Wanska (vor 1283, Zist.)[69], Malchow 

 

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(1298: Büßerinnen, 1474: Zist.)[70] und Ribnitz (1323, Clarissinnen)[71] (Abb. I. 1) hinzu.

 

Am 19. Mai 1252 wird das Kloster in Zarrentin durch Bischof Friedrich von Ratzeburg; bestätigt und unter den Schutz der Apostel Petrus und Paulus gestellt[72]. Gleichzeitig wird dem Konvent die Parochialkirche des Dorfes übereignet.

 

In einem Schutzbrief vom 17. Juli 1255 fordert Papst Alexander IV. die gesamte Geistlichkeit des Bremer Erzbistums auf, das Zisterzienserinnenkloster in seinen Rechten und Privilegien zu schützen[73]. In diesem Brief wird das Kloster mit dem Namen "Porta Celi" (Himmelspforte) versehen. Diese Bezeichnung setzte sich jedoch nicht durch.

Über Baumaßnahmen - man wird anfangs zumindest von der Errichtung von Wohnstätten für die Klosterbewohner ausgehen müssen - wird weder zu dieser Zeit noch im Laufe des Mittelalters berichtet.

 

Da das Kloster nun mit allen geistlichen Rechten ausgestattet war, mußte es in den ersten Jahrzehnten darauf bedacht sein, seinen Besitzstand zu vergrößern. Zahlreiche Ankäufe von Dörfern zeugen bereits zu dieser Zeit von dem Reichtum des Nonnenklosters[74].

Das hohe Ansehen des Klosters läßt sich daran ablesen, daß sich die Prinzessin Margareta, Tochter des dänischen Prinzen Abel;, im Jahre 1282 als Nonne aufnehmen ließ[75]. König Erich Klipping regelte die Angelegenheit.

 

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Außerdem war Margareta auch verwandtschaftlich mit der Schweriner Grafenfamilie verbunden (Abb. I. 8). Ihre Mutter Mechthild war die Tochter von Gunzelin III.[76]. Das Verwandtschaftsverhältnis zu den Grafen von Schwerin wird schließlich noch durch die Tatsache bestärkt, daß ihre Cousine Margarethe von Schleswig, Tochter von Erich I. und Enkelin des dänischen Königs Abel, die Gemahlin des Grafen Helmold III. von Schwerin wird[77]. Später wurde Margareta Äbtissin von Kloster Zarrentin (1309-17/18)[78].

 

Eine enge Verbindung zum Ratzeburger Domkapitel dokumentieren zwei Urkunden, in der Kapitel und Nonnenkonvent 1294 in ein Bruderschaftsverhältnis eintreten[79].  

 

Die Vermehrung des Landbesitzes hat im 14. Jahrhundert ein geringeres Ausmaß, doch zeugen verschiedene Urkunden jetzt vom Geschäftsbetrieb wie Geldverleih und Schuldverschreibungen[80]. Der Wohlstand des Klosters war zu dieser Zeit beträchtlich: In der Taxe der Kirchen und geistlichen Lehen des Bistums Ratzeburg von 1335/44 wird der Wert aller Einkünfte aus den kirchlichen Benefizien auf 500 Mark eingeschätzt[81].

 

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Damit erreicht Zarrentin gleich dem Nonnenkloster Rehna die höchste Ziffer.

Im 15. Jahrhundert stagnierte der Erwerb von Grundbesitz[82]. In dieser Zeit befanden sich die meisten Klöster in einer Krise[83]. Das Vermögen der Klöster schrumpfte und Sittenlosigkeit breitete sich aus. Die vorhandenen Urkunden des Klosters Zarrentin berichten zwar nicht davon, aber man muß davon ausgehen, daß auch hier die Verweltlichung fortschritt. Zumindest ging es so weit, daß der Bischof Johann III. Pren (bzw. "Preen") von Ratzeburg 1460 durch einen Ablaß die Renovierung der Zarrentiner Kirche sicherstellen mußte[84]. Offenbar verfügte das Kloster nicht mehr über die Mittel, seine Gebäude in Stand zu halten. Trotz der offensichtlichen finanziellen Nöte nahm gegen Ende des 15. Jahrhunderts der Zustrom ins Kloster Zarrentin wie auch ins Rehnaer Kloster

- hauptsächlich von Lübeck aus - derartig zu, daß Herzog Magnus dagegen einschreiten mußte. Schließlich richteten die Lübecker eine eigene Erziehungsanstalt, das St. Annenkloster (1502-1515), ein[85].

Im Jahre 1535 ist die Reformation in Zarrentin bereits so weit fortgeschritten, daß die Nonnen selbst um einen lutherischen Prediger bitten[86]. Im Kirchenvisitationsprotokoll von 1541 wird dann ein Prediger Arend von Tzersen (Arnt von Czersen) genannt, der die neue Lehre vertritt[87].

 

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Die Aufhebung des Klosters, die nicht ohne Komplikationen verlief, erfolgt 1552-55 auf Befehl des Herzogs Johann Albrecht I.[88]. Alle Güter wurden eingezogen und für deren Verwaltung herzogliche Beamte eingesetzt.

 

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B. Die Baureste des Klosters

 

Im Nordosten Zarrentins in unmittelbarer Nähe zum Schaalsee liegen die Baureste des alten Klosters (Abb. I. 3,4,5,6). Vom ehemaligen Klosterkomplex zeugen heute nur noch die Kirche und ein östlich isoliert gelegenes Klostergebäude. Die Kirche liegt inmitten des Kirchplatzes und ist in Ost-West-Richtung angelegt. Dabei bildet die Ostmauer des Chores und deren Verlängerung die Grenze des Grundstücks (Abb. I. 7)[89]. Die westliche Begrenzung des Platzes ist durch die heutige Amtsstraße gegeben (Abb. I. 6)[90].

 

Die Kirche ist heute eine dreijochige Saalkirche mit quadratischem eingezogenen Chor und westlichen Turm (Abb. III. 14,15,16,17,18). Sie ist im wesentlichen ein Backsteinbau, der Feldsteinunterbauten im Chor und Turmbereich aufweist. Die drei Bauteile sind in der Höhe gestaffelt. Der Chor besitzt ein eigenes Satteldach, Turm und Kirchenschiff sind dagegen unter einem gemeinsamen Dach zusammengefaßt und werden nur vom Turmaufsatz überragt.

Der Chorsüdwand ist ein Anbau vorgelagert. Im Norden und Süden ist das Schiff durch Kapellenanbauten erweitert, wobei die Anbauten nördlicherseits über die gesamte Wand, im Süden jedoch nur im östlichen Teil vorgelagert wurden. Da die Kapellen jedoch nicht Schiffshöhe erreichen, ist die Kirche nur im Ansatz nach dem Prinzip einer Wandpfeilerkirche strukturiert.

Chor und Turm sind ungewölbt. Das Kirchenschiff ist mit drei querrechteckigen Kreuzrippengewölben mit Busung und runden Schlußsteinen, die Kapellen mit sechs Kreuzrippengewölben versehen.

 

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Das Klostergebäude ist ein langgestrecktes, zweistöckiges Gebäude, das mit der Längsseite zum See gerichtet ist (Abb. III. 22,23,24,25,26,27,28,29,30,31,32,33,34,35,36,37). Mit seiner nördlichen Schmalseite ist es ca. 2 m aus der Fluchtlinie, die durch die Chorsüdwand der Kirche gebildet wird, nach Norden versetzt. Der Abstand zum Chor beträgt etwa 5,10 m.

Das gesamte Gebäude besteht aus Ziegelsteinen. Das mittelalterliche Mauerwerk im wendischen Verband (LLB) enthält Ziegel des Formates 28 x 8 x 14 cm[91]. Zugesetzte Bereiche im Block- bzw. Kreuzverband sowie in kleinerem Ziegelsteinformat sind deutlich als spätere Zutat zu erkennen[92]. Dem Bauwerk sind Pfeiler vorgelagert, die auf der Westseite vollständig entfernt wurden. Das Gebäude besaß ursprünglich reich gegliederte Schmuckgiebel, die durch neuzeitliche Veränderungen an Prunk eingebüßt haben. Besonders einschneidend war im 18. Jahrhundert der Umbau des alten Satteldaches in ein Krüppelwalmdach.

 

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In der Außenansicht vermitteln noch die spitzbogigen, jetzt im wesentlichen zugesetzten Arkaden ein Bild von dem ursprünglichen Zustand. Ferner sind Reste der Fensterluken im ersten Stock vorhanden, die ehemals eine fortlaufende Reihe bildeten. Sie erhellten zur Klosterzeit das Dormitorium der Nonnen.

Auch im Inneren sind noch viele Bauteile aus der Erbauungszeit vorhanden, zum Teil jedoch durch Umgestaltungsmaßnahmen späterer Zeit verdeckt (eingezogene Decken und Wände, vermauerte Fenster, Unterkellerung im südlichen Teil etc.). Das Gebäude wird jetzt Schritt für Schritt entkernt. Die ursprüngliche Raumabfolge im Erdgeschoß läßt sich weitgehend an der Ausbildung und Abfolge der Gewölbejoche und anhand der Mauerstärke erkennen. Danach überdeckte die zum See gerichtete Doppelreihe von zweiundzwanzig quadratischen Gewölben sechs Räume von verschiedenen Ausmaßen (Abb. III. 29; V. 185; VII. 315). Die westlich entlanglaufende Reihe kleinerer Gewölbe gehörte bis auf die letzten beiden südlichen Joche dem Kreuzgang an. Der zwölfjochige Kreuzgangflügel ist somit in das Gebäude integriert.

Im ersten Stock befand sich das Dormitorium der Nonnen. Die ursprüngliche Aufteilung ist nicht ablesbar.

 

 

1. Die Kirche

 

a) Technische Vorbemerkungen

 

Die Maße der Ziegelsteine werden in der Reihenfolge "Länge x Höhe x Breite" angegeben[93]. Die Maße sind Durchschnittsmaße. Zur besseren Lagebestimmung sind die Pfeiler jeweils von Ost nach West durchnummeriert.

 

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Maße:  

 

Chor:      Länge: 9,8 m

           Breite: 9,2 m

           lichte Länge: 7,9 m

           lichte Breite: 7,0 m

           Traufenhöhe: 11 m

           Firsthöhe: 17,6 m

           Höhe des Feldsteinunterbaus: 6,0 - 6,5 m

 

Langhaus: Länge: 23,7 m (Nordseite)

          größte Breite: 17,3 m (incl. Kapellen)

          Breite: 11,3 m (Schiffsmauern ohne Kapellen)

          lichte Länge: 20,6 m

          lichte Breite: 9,8 m

          Traufenhöhe: 12,2 m

          Firsthöhe: 23,2 - 23,7 m

 

Turm:      Länge: 7,7 m

           Breite: 9,1 m

           lichte Länge: 5,5 m

           lichte Breite: 6,1 m

           Traufenhöhe: 14 m

           Höhe insgesamt: 28,9 m

           Höhe des Feldsteinunterbaus: 9,8 m

 

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b) Die Außenansicht

 

Der gut 6 m hohe Chorunterbau besteht aus überwiegend grob behauenen Granitsteinen. Nur an den Ecken wurden quadermäßig behauene Feldsteine verwandt. Darüber geht Backsteinmauerwerk im wendischen Verband auf. Der Chor wird von je einem schmalen Spitzbogenfenster auf der Nord- und Südseite beleuchtet (Abb. III. 15, 16). Ein weiteres Fenster auf der Südseite und das große Spitzbogenfenster im Osten sind zugemauert (Abb. III. 17). Der Giebel ist mit einem Zahnschnittfries und spitzbogigen Blenden verziert (Abb. V. 45, 46). Der Chor besitzt eine eigenes Satteldach.

Der südliche Choranbau besteht aus Backsteinen relativ großen Formates (28 x 9 x 13 cm) und ist im gotischen Verband ausgeführt (Abb. V. 51, 52). Eine feldsteinerne Sockelzone ist hier nicht vorhanden. Der Anbau ist zweigeteilt, in der Höhe gestaffelt und mit zwei Pultdächern gedeckt. Der an den östlichen Kirchenpfeiler lehnende höhere Teil enthält den Aufgang zu dem sogenannten Amtschor. Der übrige Teil ist der eigentliche Chorvorbau, der durch eine rundbogige Pforte aus Granitquadern den Zugang zur Kirche gewährt (Abb. V. 53, 54). Er wird durch zwei schmale Segmentbogenöffnungen, von der die linke zugesetzt ist und die rechte eine Tür enthält, gegliedert. Die beiden Bögen sind spitzbogig überfangen. In dem sich ergebenden Feld ist ein als Blende gestalteter Okulus eingelassen. Unterhalb der Dachtraufen ist jeweils ein Felderfries eingefügt. Der pfeilerwärts liegende Seitenteil des Anbaues ist mit einer spitzbogigen Blende, die östliche Stirnseite mit einem Segmentbogenfenster versehen.

 

Über einem unterschiedlich hohen Granitsockel entwickeln sich die Schiffswände aus Ziegelsteinen.

Die Schiffssüdwand ist formal in Ost- und Westhälfte unterteilt (Abb. III, 16; Abb. V. 74). Die Osthälfte wird von

 

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zwei massigen, abgetreppten Strebepfeilern beherrscht, die mit dem übrigen Mauerwerk nicht im Verband stehen (Abb. V. 75). Ihr Unterbau besteht aus quadermäßig behauenen Feldsteinen. Pfeiler Nr. 2 liegt an einer Stelle, wo er die statische Funktion, den Gewölbeschub abzuleiten, nicht ausreichend erfüllt. Offenbar waren bei der Anlage der neuzeitlichen Pfeiler optische Gründe vorrangig.

Die gesamte östliche Wandzone ist von Ausflickungen im Mauerwerk sowie Resten von zugesetzten Öffnungen und Mauervorsprüngen gekennzeichnet (Abb. V. 76,77,78,79,80,81,82). Das Mauerwerk im westlichen Teil der Schiffssüdwand ist wesentlich ungestörter. Zwei unterschiedlich breite, aber auf gleicher Höhe abgetreppte Strebepfeiler sind hier die vertikalen Gliederungselemente, wobei der breitere (Breite: 1,7 m) gleichzeitig die westliche Begrenzung zum Turm bildet (Abb. V. 74). Die Pfeiler rahmen im unteren Teil ein Kapellenjoch der zweijochigen "Lüneburger Kapelle" ein, das als Einsatzkapelle dient. Das zweite, kürzere Joch der Kapelle schließt sich östlich an Pfeiler Nr. 3 (Breite: 1,2 m) an.

Die obere Zone der Südwand wird von drei dreibahnigen Spitzbogenfenstern, die oberhalb der Pultdächer der "Lüneburger Kapelle" ansetzen, beherrscht. Die beiden westlichen Fenster sind paarweise angeordnet und liegen in dem Bereich, der von den Pfeilern begrenzt wird.

 

Die "Lüneburger Kapelle" ist bis auf die östliche Stirnseite über einem Sockel aus Feldsteinen errichtet. Der westliche Teil des Granitsockels weist eine ausgeprägte Gliederung mit Gesimsbildung (zweilagiger Feldstein - Schrägung -Feldsteinlage) auf (Abb. V. 86). Es ist bemerkenswert, weil eine vergleichbare Sockelgliederung sonst nur noch am Turm zu sehen ist. Das Mauerwerk ist ein Verblendmauerwerk und besteht aus relativ großen Ziegeln im gotischen Verband, vergleichbar dem Choranbau (Abb. V. 84, 85).

Die Kapellenfassade ist in zwei Bereiche gegliedert: Als dekoratives Element sind zwei Spitzbögen in das Mauerwerk der westlichen Zone eingelassen. Darunter befinden sich

 

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links eine Tür und rechts ein schmaler rechteckiger Fensterschlitz. In dem östlichen Teil ist ein niedriges, dreibahniges Spitzbogenfenster angebracht (Abb. V. 74). Unterhalb der Traufe des Kapellendaches ist - wie beim Choranbau - ein Felderfries eingefügt (Abb. V. 83). Er kragt hier jedoch leicht vor und wirkt dadurch plastischer.

 

Im Gegensatz zur Südwand erscheint die nördliche Schiffswand durch die einheitliche Formgebung wesentlich harmonischer (Abb. III. 15). Gleichmäßig verteilte Strebepfeiler, Fenster und Anbauten gliedern die Wand. Das Strebewerk besteht aus vier abgetreppten Pfeilern. Die äußeren sind in den unteren Teilen als Eckstrebepfeiler ausgebildet, um den Seitenschub von Dach und Gewölbe abfließen zu lassen. Als Widerlager gegen den Schub des Schiffsgewölbes sind zwischen den Pfeilern zwei Flankenkapellen und der Portalvorraum gespannt. Der dreiteiligen unteren Zone sind drei spitzbogige Fensterpaare im oberen Bereich gegenübergestellt.

 

Grundsätzlich ist hier der gleiche Fenstertyp vorhanden wie auf der Südseite. Die Fensterpaare sind hier aber noch mit einem Überfangbogen versehen (Abb. V. 89, 90). Dazwischen liegende Bereiche sind mit einem schlichten Raster-Maßwerk verziert. Die ebenfalls dreibahnigen Kapellenfenster sind dagegen einfacher gehalten (Abb. V. 87). Weder Maßwerk noch Formsteine umrahmen sie. Die äußeren Fenster sind zugesetzt.

Das mäßig spitzbogige spätgotische Stufenportal ist in eine Vorlage eingelassen (Abb. V. 91). Im unteren Teil ist die Portallaibung lediglich schräg eingeschnitten. Die linke Seite ist stark verwittert. Darüber stuft sich das Portal abwechselnd über Rund- und Birnstäbe zurück, wobei Laibung und Bogenteil sind nicht durch eine Kämpferplatte getrennt sind (Abb. V. 92). Rechts neben dem Portal erhellt ein schmales spitzbogiges Fenster den Vorraum (Abb. V. 93).

Die Ziegel der Nordwand sind bis auf die zugesetzten Kapellenfenster in einem nahezu einheitlichen Format und Verband.

 

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Im Westen schließt der quadratische Turm an das Schiff (Abb. III. 17). Sein Unterbau besteht im Westen und Süden aus behauenen Granitsteinen, ähnlich denen des Chores. Anders als dort erheben sich die Wände über einem einfach gegliederten Sockel aus Granitquadern. Die abgestuften Eckpfeiler wurden nachträglich aus Granitquadern unter Verwendung grob behauener Feldsteine angefügt (Abb. V. 139, 142). Im Norden geht Backsteinmauerwerk in wechselnden Verbänden vom Boden auf (Abb. V. 140). Das Mauerwerk wird von einem spitzbogigen Fenster durchbrochen, das jedoch bis auf einen Okulus zugesetzt ist. Im Westen befindet sich als Eingang zur Kirche ein spitzbogiges, aus Granitquadern gebildetes Portal. Die Eisenbuchstaben, die oberhalb des Einganges an der Feldsteinmauer angebracht sind, stehen als Abkürzung für: "Von Gottes Gnaden Christian Ludwig Herzog von Mecklenburg ANNO 1672" (Abb. V. 139).

Der obere Teil des Turmes ist aus Fachwerk gebildet. Im Westen ist es mit Holzschindeln verblendet. Im Fachwerkteil sind südlicher- und westlicherseits jeweils zwei Belüftungs- bzw. Schalluken eingefügt. Der Aufsatz reicht nur wenig über die Traufe des Kirchenschiffes, so daß es möglich wurde, Turm und Kirchenschiff mit einem gemeinsamen Satteldach zu versehen. Den Turm bekrönt ein kleines, bis zum First reichendes Fachwerktürmchen, dem ein Spitzhelm aufgesetzt ist. Es ist ebenfalls im Westen verblendet.

 

 

c) Die Innenansicht

 

Im Innern erkennt man, daß der um zwei Stufen erhöhte Chorraum ohne Zweifel der älteste Teil der Zarrentiner Kirche ist (Abb. III. 14). ; Abb. V. 57). Er besaß ursprünglich ein niedriges Gewölbe, von dem noch die wuchtigen Wandvorlagen in den Ecken zeugen (Abb. V. 58). Auf dem verputzten und mit figürlichen Wandmalereien versehenen Feldsteinunterbau zeichnen sich außerdem noch die Schildbögen des alten Gewölbes - vermutlich ein Kreuzgratgewölbe - ab (Abb. V. 59).

 

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Ein Mauerabsatz markiert die Ansatzstelle der backsteinernen Erhöhung.

Im Norden und Osten sind die Fensteröffnungen von spitzbogigen Blenden mit mittelalterlichen Wandmalereien flankiert. Auf der Südseite ist nur noch eine Blende erhalten. Die wahrscheinlich urprünglich vorhandene westliche Blende mußte einem einfachen Fensterdurchbruch weichen. Später wurde das Fenster wieder geschlossen (Abb. V. 50, 57, 64).

Das zugesetzte Ostfenster läßt noch die frühere Gestaltung erkennen (Abb. V. 60). Es handelte sich um ein doppelt abgestuftes, dreibahniges Fenster mit Fasenprofil. Die Vermauerung des Ostfensters ist nicht plan erfolgt. Deutlich sieht man in der Mitte einen Rücksprung, der auf die außen erkennbare Segmentbogenöffnung Bezug nimmt.

 

In der Südwand, nahe des Triumphbogens befindet sich die rundbogige Priesterpforte aus Granitsteinen (Abb. V. 61). Sie ist in eine Überfangnische eingelassen.

Dem Überrest des ursprünglichen Triumphbogens ist ein spitzbogiger Triumphbogen mit Fasenprofil vorgelagert. Eine deutliche, vertikale Baunaht im Süden zeigt die beiden Bauabschnitte an (Abb. V. 62, 63). In der Laibung des Triumphbogens befindet sich hier eine Segmentbogennische mit Fasenprofil. Eine weitere, ganz gleiche Nische ist asymmetrisch ausgerichtet, da sie auf der gegenüberliegenden Seite des Triumphbogens auf das Kirchenschiff bezogen ist.

 

Als oberer Abschluß dient eine verschalte Holzbalkendecke mit einer Fassung aus dem Jahre 1906. Darunter befindet sich eine ältere, nicht verschalte bemalte Holzbalkendecke mit zwei Barockfassungen[94].

 

Die Innenansicht der Kirchensüdwand zeigt ein ebenso heterogenes Bild wie die Außenansicht. Zwei leicht gespitzte flache Nischen unterhalb der Empore gestalten im östlichen

 

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Teil der Südwand die untere Zone (Abb. V. 94). Der rechts folgende Rest eines Wandpfeilers mit halbrundem Gewölbedienst bildet mit den Nischen eine Einheit, die ehemals vielleicht einen Jochabschnitt bezeichnet hat (Abb. V. 95).  

Das daran anschließende Mauerwerk läuft ohne Rücksprünge von Nischen bis zu dem spitzbogigen Eingang in einen Kapellenraum ("Lüneburger Kapelle") durch (Abb. V. 107). Am Westende der Südwand liegt ein weiterer, jetzt vermauerter Eingang, der auf das westliche Joch der "Lüneburger Kapelle" Bezug nimmt (Abb. V. 108, 116). Dieser ist nicht nur etwas breiter als der oben erwähnte, sondern auch mit einem Rundbogen geschlossen.

In der oberen Zone der Schiffssüdwand fallen verschiedene Fragmente auf, die auf ältere Bauzustände hindeuten könnten. So zeichnen sich einige zugesetzte Öffnungen ab, die außen in dieser Form nicht zu erkennen sind[95].

Über dem östlichen Eingang zur "Lüneburger Kapelle" erhebt sich das große spitzbogige Fenster. Über dem westlichen Eingang zu dem Kapellenraum durchbrechen die beiden nebeneinanderliegenden Spitzbogenfenster die Südwand.

 

Die beiden Räume der "Lüneburger Kapelle" sind durch einen niedrigen, tieflaibigen Rundbogengang miteinander verbunden  und mit zwei Kreuzrippengewölben (Birnstab, teilweise durch Rundstäbe ausgeflickt) ohne Wandprofilierung und runden, reliefierten Schlußsteinen versehen (Abb. V. 109, 110). Die Schlußsteine haben - soweit unter den Farbschichten erkennbar - eine tauförmig gebildete Umrahmung (Abb. V. 117, 118). Die Reliefs zeigen ein Wappenschild.

Bemerkenswert ist der Mauerverband der Schmalseiten. Die radiale Schichtung von Läufersteinen, die eine Spitzbogenform nachbilden, taucht sonst nirgendwo in der Kirche auf (Abb. V. 110).

 

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Die untere Zone der Nordwand wird von den Öffnungen zu den Kapellen und zum Portalvorraum durchbrochen (Abb. III. 14). ; Abb. V. 119). Vier paarweise angeordnete Spitzbögen stellen den Zugang zu den beiden Kapellenräumen her. Die Bogeninnenschenkel der Kapellenzugänge liegen auf quadratischen Pfeilern auf, deren Kanten abgefast sind (Abb. V. 122). Die somit im Grundriß achteckigen Pfeiler besitzen ein flaches, scheibenartiges Kapitell mit Kämpferzone. Es wurde nachträglich mit Kunststein (?) ummantelt, offenbar weil es zu viele Fehlstellen im Ziegelmauerwerk aufwies (Abb. V. 123).

Der Portalvorraum, der heute verschalt ist, war einst zum Schiff hin durch einen weiten Rundbogen geöffnet (Abb. V. 130). Oberhalb der Durchgänge zu den Kapellen und dem Vorraum springt die Schiffsmauer über die gesamte Länge der Nordwand um etwa 15 cm zurück (Abb. V. 119, 120, 121, 130). In dem Wandstück zwischen diesem Absatz und den Sohlbänken der Fenster sind drei nebeneinanderliegende Leerbögen vermauert. Es sind Entlastungsbögen für das Gewölbe (Abb. III. 18).

Die beiden Räume der Nordkapellen sind durch einen Rundbogengang miteinander verbunden. In die Westwand der westlichen Kapelle ist eine Segmentbogenblende eingelassen (Abb. V. 127). An der östlichen Stirnseite ist dagegen keine entsprechende Flachnische vorhanden. Die Kapellen sind mit vier Kreuzrippengewölben mit Rippen aus Birnstäben bedeckt.

Über den Pfeilerkapitellen befindet sich jeweils eine halbrunde Wandvorlage zur Aufnahme der Gewölberippen (Abb. V. 123). Die Schlußsteine sind quadratisch und zwecks Aufnahme eines Schmuckes in der Mitte durchbohrt (Abb. V. 129).

 

Die Wand zum Turm weist diverse Eingriffe auf. Deutlich zeichnet sich im Mauerwerk die Verwendung unterschiedlicher Ziegelsteine ab (Abb. V. 135, 136, 137). Ferner war die Wand früher offenbar in Höhe der Orgelempore durch einen gedrungenen Spitzbogen zum ersten Turmgeschoß geöffnet. Der Durchbruch wurde teilweise mit Brettern verschlossen, nördlicherseits eine Tür eingesetzt (Abb. V. 148).

 

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Das Kirchenschiff ist mit drei querrechteckigen gebusten Kreuzrippengewölben überfangen. Die Gewölbe im Schiff ruhen auf Diensten, die auf halber Höhe enden und ihrerseits auf Konsolsteinen aufsetzen.

 

Die Farbgebung im Innenraum ist im wesentlichen das Ergebnis der Renovierung aus dem Jahre 1906[96]. Die Fassung besteht aus einem deckend roten Leimfarbenanstrich, auf dem eine weiße Fugung aufgebracht wurde.

 

Zum Raumeindruck tragen auch die Einbauten bei. So prägen im Westen zwei übereinanderliegende Emporen aus dem 19. Jahrhundert das Bild (Abb. V. 155). Die obere Empore trägt die Orgel von 1844[97]. Die untere ist für die Gemeinde vorgesehen und besitzt Seitenchöre. Der an der Südseite vorhandene Amtschor stammt in der Anlage aus dem Ende des 18. Jahrhunderts.

Die Emporen erhielten bei der Renovierung 1906 eine einheitliche Neufassung.

 

Dem feldsteinernen Spitzbogenportal des Turmes ist im Innern ein backsteinerner Rundbogen vorgelagert (Abb. V. 144). Auch die Turmwände bestehen hier aus Backsteinen. In die Nord- und Südwand ist jeweils eine flache Spitzbogennische eingelassen. Der Zugang zum Kirchenschiff befindet sich etwa in der Mitte der Ostwand. Die Tür zum Schiff wird von einer Rahmung in jugendstilartigen Formen eingefaßt (Abb. V. 147).

Eine Treppe führt an der Nordwand zum ersten Geschoß. Das Obergeschoß des Turmes, wo sich der Glockenstuhl befindet,  erreicht man auf einer einfachen Leiter, die an der Westwand hochgeführt ist. Von hier gelangt man über eine weitere Leiter zum Gewölbe des Kirchenschiffs (Abb. V. 138).

Im ersten Turmgeschoß sind ebenfalls weite und flache spitzbogige Nischen vorhanden. Im Süden, Norden und Osten wird

 

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der Bogen von einer etwa 20 cm breiten Mörtelschicht begleitet (Abb. V. 148). Besonders deutlich erkennt man in diesem Geschoß an den verschiedenartigen Ziegelsteinen und Verbänden sowie an partiellen Granitmauerwerk unterschiedliche Bauperioden. 

 

 

2. Der Ostflügel des Klosters

 

a) Technische Vorbemerkungen

 

Die Angabe der Ziegelsteinmaße ist in der Reihenfolge "Länge x Höhe x Breite" angegeben.

Die Nummerierung der Pfeiler, Spitzbogenöffnungen sowie der Gewölbejoche (Kreuzgang) erfolgte jeweils von Norden nach Süden. Die Joche der Klausurräume sind gemäß der Zweischiffigkeit jeweils von Westen nach Osten und fortlaufend von Norden nach Süden nummeriert. Die dem Kreuzgang anschließenden südlichen Joche (von diesem durch eine alte Mauer abgetrennt) zählen hierbei zu den Klausurräumen. Zur Unterscheidung von der Nummerierung der Kreuzgangjoche sind römische Ziffern verwandt worden (Abb. V. 185).

Maße:

 

Länge (ohne Peiler): 51,8 m

Breite (ohne Pfeiler): 14,6 m

Traufenhöhe: 8,5 m - 8,9 m

Firsthöhe: 16,7 - 17,1 m

Kreuzgang, lichte Länge: 43,7 m

Kreuzgang, lichte Breite: 3,32 m

 

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b) Die Außenansicht

 

Die Westseite ist mit einer dicken Zementschlämme versehen, durch die die Mauerstruktur nicht leicht zu erkennen ist. Elf Spitzbögen, von denen der südlich liegende eine größere Spannweite besitzt, sind gleichmäßig über die Wandfläche verteilt (Abb. III. 22a, 26; V. 160, 161, 162). Die Spitzbogenöffnungen wurden plan vermauert.

Am südlichen Ende zeichnet sich ein Rundbogen im Mauerwerk ab. Hier schloß sich zur Klosterzeit der Südflügel an (Abb. V. 163).

Die ehemals vorhandenen kleinen Fenster im ersten Stock sind teilweise nur schwer auszumachen, da später eingesetzte Fenster die Formen durchschneiden oder sie ersetzt haben. In der südlichen Hälfte ist ihre Gestalt noch ablesbar. In der Rekonstruktion bildeten die Luken ursprünglich fünf Dreiergruppen (Abb. VII. 309). Hinzu kamen die vier Fenster südlicherseits und vermutlich eine einzelne Luke nördlicherseits.

 

Die Ostansicht ist hinsichtlich der Einzelformen etwas aufschlußreicher (Abb. III. 22a, 25). Nördlicherseits ist in der Sockelzone noch der Rest eines alten Gesimses mit dunkel glasierten Ziegeln vorhanden (Abb. V. 172). Diese Ziegel befinden sich auch an der veränderten Segmentbogenöffnung links des heutigen Osteinganges (Abb. V. 168). Die Spitzbögen, insgesamt elf Stück, sind nur zum Teil plan vermauert. So erkennt man an den vier südlichen Bögen noch das Fasenprofil (Abb. V. 164, 165). In der südlichen Hälfte ist außerdem noch der Rest des alten Kranzgesimses zu sehen. Es ist aus zwei dicht übereinanderliegenden, vorkragenden Rollschichten gebildet. Die unteren Kanten sind abgefast (Abb. V. 166).

Die Spitzbogenöffnungen bilden hier keine gleichmäßige Reihung. Sowohl die Abstände als auch die Breite der Öffnungen variieren. Angefangen von der nördlichen Seite sind die ersten fünf Bögen diesbezüglich einheitlich (der zweite Bogen

 

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von Norden ist nicht mehr vorhanden, muß aber rekonstruiert werden) (Abb. III. 25; V. 158, 171). In etwas dichterem Abstand folgt ein Bogen (Nr. 6), unter dem sich heute eine Tür befindet, die zum Garten führt (Abb. V. 167, 169). Südlich schließen sich zwei schmalere Bogenformen an (Nr. 7, 8). Den Abschluß bilden wieder drei Bögen mit größerer Spannweite, gleich den fünf nördlich gelegenen, die aber dichter beieinanderliegen (Nr. 9-11). Der Umstand hat vermutlich etwas mit der ursprünglichen Raumaufteilung zu tun.

Die Luken im Obergeschoß sind auf der Südhälfte noch gut erhalten. Ursprünglich waren es 24 Stück, die nahezu gleichmäßig verteilt waren.

Der Fassade sind Pfeiler vorgelegt, die in Höhe und Breite variieren. Wie die Putzreste und Fundamente erkennen lassen, sind bereits Strebepfeiler beseitigt worden (Abb. V. 170). Weitere Putzreste deuten auf frühere Anbauten hin (Abb. V. 165, 167).

Die neuzeitlichen Kellerräume werden von drei unterschiedlich gestalteten Fenstern beleuchtet (rechts vom Spitzbogen Nr. 7, Spitzbogen Nr. 8 und Nr. 9). Ein weiteres Kellerfenster (Spitzbogen Nr. 7) ist heute vermauert.

 

Die Giebelwände sind verschieden gestaltet. Im Erdgeschoß der Nordfassade sind nach Osten zu zwei Spitzbogenöffnungen vorhanden (Abb. III. 22a, 27a; Abb. V. 174, 175, 176, 177). Darüber setzt das reich gegliederte Giebelfeld an, das durch ein leicht vorkragendes Gesims abgesetzt ist (Abb. V. 178, 179). Der Giebel ist durch fünf gestaffelte und reich profilierte Spitzbogenblenden gegliedert, wobei die drei mittleren durch die Abwalmung des Daches beschnitten sind. Die Blenden sind durch ein Gesims vertikal unterteilt, die so entstandenen Felder mit Maßwerk versehen. Die Formen sind auch farblich kontrastreich voneinander abgesetzt. So enthalten Gesimse und Maßwerk dunkel glasierte Formsteine, demgegenüber waren die Flächen innerhalb des Maßwerkes hell hervorgehoben (Abb. V. 178, 179, 180, 181). 

 

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Von den beiden Strebepfeilern ist der östliche als Eckpfeiler ausgebildet. Er wurde nachträglich angesetzt, besteht aber in der Grundsubstanz aus Ziegeln des Klosterformates und ist im wendischen Verband errichtet worden. Es befinden sich auch Fragmente von glasierten Ziegeln in der Pfeilerabdeckung. Der westliche Pfeiler ist ebenfalls im wendischen Verband vorgelegt.

 

Die südliche Giebelwand zeigt ein wesentlich sparsameres Dekor und ist anders strukturiert, da das Giebelfeld erst im Dachgeschoß ansetzt (Abb. III. 22a, 27b; V. 182).

Im Erdgeschoß befinden sich drei Spitzbogenöffnungen, im ersten Stock drei segmentbogige Luken, wovon die mittlere etwas größer ist. Einige Ziegellagen über den Luken springt die Mauer wenige Zentimeter zurück. Darüber, im Giebelfeld, ist der Rest einer Blendengliederung vorhanden. Die sechs hell abgesetzten Spitzbogenblenden, auf denen noch Reste von dunkler Glasur zu erkennen sind, waren ehemals von drei Spitzbogenblenden mit einfachem Fasenprofil umrahmt. Die obere Zone ist hier ebenfalls durch die Abwalmung des Daches verloren gegangen.

Der Eckpfeiler an der Ostkante ist abgestuft und im oberen Teil im Kreuzverband gemauert. In der Sockelzone sind noch Glasursteine vorhanden (Abb. V. 183). Ebensolche Steine liegen auch am Westende frei (Abb. V. 184).

 

 

c) Die Innennansicht

 

Bei den Klausurräumen handelt es sich um das achtjochige Refektorium, die vierjochige Küche, einen sechsjochigen Saal und einen weiteren vierjochigen Raum (von Norden nach Süden) (Abb. V. 185). [98].

Die Kreuzrippengewölbe sind spitzbogig mit Rippen, die aus Birnstäben mit Steg gebildet sind. Die Schildrippen dagegen

 

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sind aus einfachen Birnstäben geformt (Abb. V. 201, 202, 203, 204). Die Rippen werden von Konsolen aus Kunststein getragen[99]. Diese sind im Querschnitt trapezförmig. Die meisten Konsolen sind polygonal und durch Wülste zweifach unterteilt (Abb. V. 212, 213). Die Bereiche zwischen den Wülsten sind kelchförmig eingekehlt. Es gibt aber auch einfache kelchförmige Konsolen, die mit floralem Dekor verziert sind (Abb. V. 209, 210, 211). Diese Art ist ausschließlich im Kreuzgang auf der Seite nach den Klausurräumen vorhanden.                                                           

Dort, wo vier Gewölbejoche aufeinandertreffen, werden die Rippen von Säulen mit Knospenkapitellen aufgefangen (Abb. V. 214, 216). Da das gesamte Fußbodenniveau im Erdgeschoß im Laufe der Jahre erhöht wurde, sind die Säulenbasen nicht mehr sichtbar. Im ehemaligen Refektorium wurde bei der Grabung eine Basis freigelegt (Abb. V. 215). Den architektonischen Aufbau kann man auch in den Kellerräumen, wo die Säulen freiliegen, studieren (Abb. V. 218). Merkwürdig ist ein Säulenkapitell, das im Raum Nr. IX-XII aus der originalen Wand zum Refektorium hervorragt und hier Konsolenfunktion besitzt (Abb. V. 217). Mit Sicherheit handelt es sich hierbei um die Ergänzung einer zerstörten Konsole. Das im Vergleich zu den übrigen Knollenkapitellen etwas kleiner und geringfügig anders gestaltete Stück wird wohl aus einem anderen Zusammenhang stammen (ehemaliger Südflügel ?).

Alle sieben Säulen im Klostergebäude sind aus Sandstein - nach Haupt aus gotländischem Kalkstein[100] - und nehmen schon deshalb eine Sonderstellung im architektonischen Gesamtbild

 

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ein. Sie wirken im Vergleich zu den Kreuzrippen und Spitzbögen etwas altertümlicher.

 

Im Klostergebäude sind sowohl runde als auch quadratische Schlußsteine verwandt worden. Nur im Refektorium (Nr. I-VIII) wurde auf Schlußsteine gänzlich verzichtet. Die ursprünglichen Schlußsteine sind aus Sandstein[101]. Einzelne Steine bestehen aus einem grauen ton- und kalkhaltigen Kunststein, der auch für die Konsolen verwandt wurde. Einheitlich in Größe und Stil sind, soweit noch beurteilbar, die runden Schlußsteine im Gang des Klostergebäudes (Abb. V. 219, 220, 221, 222, 223, 224, 225, 226, 227, 228, 229, 230). Sie besitzen einen umlaufenden Grat und sind mit Reliefen verziert.

Die in der Verlängerung des Kreuzganges liegenden letzten beiden Gewölbejoche (Nr. XXIII, XXIV) zeigen kleine quadratische Schlußsteine. Ebensolche sind auch in den übrigen Gewölbejochen vorhanden, wobei die vier letzten südlichen Joche (Nr. XIX-XXII) eine Besonderheit aufweisen: Hier liegen sich jeweils zwei kleine und zwei größere Schlußsteine diagonal gegenüber (Abb. V. 231).

 

Bei der Entkernung des Kreuzganges wurden z. T. die alten Zugänge zu den Klausurräumen freigelegt.

Die mittelalterliche Treppe führte vom Kreuzgang aus bei Joch Nr. 11 zum Obergeschoß, wo sich früher das Dormitorium der Nonnen befand[102].

 

Sämtliche Räume des Erd- und Obergeschosses wurden entsprechend den jeweiligen Nutzungen in verschiedenen Farbtechniken gefaßt bzw. gestrichen oder tapeziert[103]. Bezüglich des originalen Zustands stellten die Restauratoren fest:

 

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"(...) daß die Gewölbe- und Wandflächen des Klosters ursprünglich mit einer monochromen hellen Kalktünche - durch die der Mauerverband (Gewölbe) weitgehend erkennbar bleiben sollte - gefasst waren, wobei die Gewölbegrate und architektonischen Gliederungselemente ziegelsteinsichtig blieben (mit Firnisauftrag). Dennoch möchten wir es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ganz ausschließen, daß das Kloster direkt nach seiner Erbauungsphase zumindest eine gewisse Zeit ziegelsteinsichtig gestanden hat. Dieses läßt sich anhand der vorgefundenen Rußschichten direkt auf Ziegelstein vermuten[104]."

 

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II.  DIE BAUGESCHICHTE

 

A. Erstes Viertel 13. Jh.: Die Dorfkirche   

 

1. Der feldsteinerne Chorunterbau

 

Das Mauerwerk weist deutlich mehrere Bauabschnitte auf, die durch den gut 6 m hohen Feldsteinunterbau und durch die Verwendung unterschiedlicher Backsteine (Farbe, Format) im oberen Teil ausgewiesen werden (Abb. V. 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47).

Ein eindeutiger Indiz für den Ablauf des Baues ist der Materialienwechsel am Chor (Abb. V. 42, 50, 55, 56). Durch ihn sind zwei Bauphasen deutlich voneinander zu trennen, die im Innern durch den Rücksprung markiert sind (Abb. V. 57).

Der feldsteinerne Chorunterbau ist dabei als Rest einer älteren Kirche zu verstehen. Demnach war der ältere Chor wesentlich niedriger als der jetzige. Die Traufenhöhe lag in etwa dort, wo die backsteinerne Erhöhung ansetzt.

Der Chor war mit Sicherheit gewölbt. An den Gewölbevorlagen sind noch Reste der Grate zu erkennen (Abb. V. 58). Auch die ehemals rundbogigen Schildbögen zeichnen sich an den Wänden ab (Abb. V. 59). Nach den Gratresten zu urteilen, könnte das Gewölbe selbst bereits aus Backstein gewesen sein. Zum Schiff hin war der Chor mit einem niedrigen Triumphbogen abgeschlossen. Dieser könnte, nach Ausweis des zu rekonstruierenden Gratgewölbes, noch rundbogig geschlossen gewesen sein.

 

Die Art der Vermauerung des Ostfensters läßt auf die ursprüngliche Beleuchtung schließen (Abb. V. 40, 43). Unterhalb der verschlossenen Lichtöffnung befindet sich nämlich ein zehn Ziegellagen hoher Bereich, der durch zwei Feldsteinschichten unterteilt ist. Hier sind dunklere Ziegel verwandt worden als für die Vermauerung des Spitzbogenfensters. Sie sind denen der backsteinernen Erhöhung vergleichbar. Von Bedeutung sind die zwei Feldsteinunterteilungen (Abb. V. 44).

 

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Augenfällig gehörten die Überreste zu einer älteren, vermutlich gestaffelten Dreifenstergruppe. Entsprechende feldsteinerne Fragmente unterhalb des Nord- und Südfensters lassen sich jeweils zu einer Zweifenstergruppe ergänzen.

Da das Gewölbe ziemlich niedrig ansetzte, mußten die Fensterschlitze so dicht beieinanderliegen. Es ist anzunehmen, daß sie rundbogig geschlossen waren. Die Bogenansatzsteine sind teilweise noch erkennbar (Ost- und Nordseite) (Abb. V. 43). Die Laibungen waren vermutlich ebenfalls aus Feldsteinen gearbeitet.

Die rundbogige, mit Rücksprung versehene Priesterpforte auf der Südseite ist weitgehend in ihrer Ursprünglichkeit erhalten geblieben (Abb. V. 53, 54). Die Bögen der jeweils äusseren Stufungen wurden allerdings in Backstein erneuert. Ob die Bögen ursprünglich aus Feldstein oder Backstein gebildet waren, ist nicht mehr rekonstruierbar.

An der Südseite des Chores erkennt man im unteren feldsteinernen Teil eine rundbogige Ausflickung aus Backsteinen, die vielleicht mit dem hier ehemals liegenden Kreuzgang in Verbindung gebracht werden kann (Spannweite: knapp 5 m gegenüber Länge der Kreuzgangjoche ca. 3,70 m) (Abb. V. 48). Bei dem Feldstein im Zwickel des Bogens könnte es sich um den Rest eines Konsolsteines handeln (Abb. V. 49).

 

Die Rekonstruktion des Chorraums ist dem Befund nach weitgehend sichergestellt (Abb. VII. 304). Unklarheit herrscht aber über das Kirchenschiff. War bereits eines vorhanden oder stockte der Bau ? Aufschluß darüber geben die Ergebnisse der Baugrunduntersuchung.

 

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a) Baugrunduntersuchungen

 

1990 und 1991 wurden durch das Ingenieurbüro für Grundbau, Hannover unter der Leitung von Dr.-Ing. Henze eine Reihe von Baugrunduntersuchungen durchgeführt[105].

Zum Baugrundaufbau wurde zunächst festgehalten:

Kirche und Kloster liegen laut Angabe der Geologischen Übersichtskarte 1 : 200 000, CC 3126 Hamburg-Ost, Hannover 1977 auf einer abgelagerten, ausgedehnten Grundmörane der Wechsel-Eiszeit, die aus Geschiebelehm über Geschiebemergel besteht. Der Geschiebemergel wird von pleistozänen Sanden unterlagert. Das Gelände ist hier leicht hügelig. Südlich der Kirche fällt es steil ab. Der wellige Untergrund läßt sich heute noch gut am Verlauf der Amtsstraße verfolgen.

 

Für die Untersuchungen wurden 1990 sechs Rammkernbohrungen auf der Nord- und Südseite der Kirche abgeteuft. 1991 wurden zusätzlich an fünf Prüfpunkten die Fundamente des Turmes und der Außenwände der Kirche in Schürfen freigelegt (Abb. IV. 38). Die Höhen der Ansatzpunkte wurden auf m NN bezogen (Bezugshöhe: HFP an der Nordost-Ecke der Kirche: + 44,492 m NN).

Es wurde festgestellt, daß sich über dem Geschiebelehm eine Auffüllung von 1,0 bis örtlich 3,0 m Dicke befindet (Bodengruppe A).

Die Zusammensetzung der einzelnen Bodenschichten wurde grundlegend analysiert. Die nachfolgende gründungstechnische Beurteilung ergab folgendes:

 

"Die Auffüllung (A) um die Kirche ist weniger wegen ihrer Zusammensetzung her als vielmehr wegen ihrer geringen Lagerungsdichte im Erkundungsbereich kein ausreichend tragfähiger Lastboden. (...) Es ist wegen der Ziegelreste wahrscheinlich, daß sie außerhalb der Fundamente nach Herstellung der Unterbauten auf der Oberfläche des gewachsenen Untergrundes aufgebracht worden ist. Es ist weiterhin wahrscheinlich, daß die Unterbauten der Kirche auf der Oberfläche des gewachsenen Bodens, des steifen Geschiebelehms bei

 

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"> + 42 m NN gegründet sind. (...) Wegen der örtlich großen Dicke der Auffüllung - zum Beispiel an der Nordsseite des Turmes - könnten die Unterbauten auch auf einer - ausreichend verdichteten Auffüllung - gegründet worden sein.[106]"

 

Bei der zweiten Untersuchung wurde weiterhin festgestellt, daß sich auch unter den Fundamenten der Kirche eine 0,5 bis 1,0 m dicke Auffüllung aus Sand, schluffig, schwach kiesig, mit Ziegelresten befindet (Bodengruppe SU), die sich als ausreichend tragfähiger Lastboden erwiesen hat. Örtlich sind die Fundamente durch unbehauene Granitsteine verbreitert. Darüber geht Granitstein-Mauerwerk oder Ziegelmauerwerk in die Außenwand über.

 

Im Rahmen der Baugrunduntersuchungen wurden 1991 sechs Schürfgruben zur Ermittlung der Fundamenttiefe angelegt. Dabei konnte für die entsprechenden Stellen auch die Art der Fundamente geklärt werden.

Die Unterkante des Fundamentes an der Chornordseite liegt in einer Höhe von + 42,7 m NN (Sch 3). Die Aufschüttung beginnt hier erst bei + 42,8 m NN. Die Probe an der Südseite des Chores (Sch 4) kann zur Klärung der ursprünglichen Fundamentsituation nicht einbezogen werden, da sie am neuzeitlichen Anbau lag. Überträgt man das Ergebnis der Schürfe "Sch 3" auf den gesamten Unterbau des Chorraumes, so gilt die Aussage, daß sich das aus unbehauenen Granitsteinen bestehende Fundament auf den anstehenden Boden gründet. Die Aufschüttung wurde hier nachträglich an die Mauern herangetragen.

Die Probe am südlichen Langhaus (Sch 5) ergab eine Fundamenttiefe von + 42,9 m NN, also geringfügig höher als im Chor. Das Fundament besteht an dieser Stelle aus behauenen Granitsteinen, das auf Kirchenseite durch Granitsteine verbreitert wurde. Die Unterkante der Aufschüttung liegt hier bei + 42,5 m NN. Die Schürfen auf der Nordseite (Sch 1) und Südseite (Sch 6) zeigten, daß hier die Aufschüttung unter

 

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den Fundamenten erheblich dicker ist als bei den übrigen Proben. 

Man muß daraus schließen, daß das jetzige Langhaus nicht gleichzeitig mit dem Chorraum errichtet wurde. Wahrscheinlich bestand der Chorraum längere Zeit zunächst allein als erste Kirche. Später wurde der Bau in Backstein fortgeführt. Vermutlich war anfangs ein zweijochiges Schiff mit jederseits zwei Fensterpaaren - ähnlich der jüngeren Kirche zu Berkenthin (Abb. VI. 257). - vorgesehen. Im nachhinein kam es zu einer Planänderung.

Diese These wird generell auch durch die Ergebnisse der archäologischen Grabung unterstützt.

 

 

b) Archäologische Untersuchungen

 

Die Grabungen, die 1991 vom Archäologischen Institut Hamburg, Fachbereich Vor- und Frühgeschichte unter der Leitung von Prof. Ziegert durchgeführt wurden, sollten die Fragen nach einer eventuellen Kirchenschiffserweiterung und nach der Lage der Kreuzgangflügel klären. Außerdem sollte anhand der Grabungsschnitte die Abfolge der Bodenschichten (Stratigraphie) analysiert werden.

 

Die Grabungspunkte lagen in und an der Kirche, im Klostergebäude und im Bereich des ehemaligen Kreuzganghofes an der Südseite der Kirche. Die Grabungen ergaben, daß die Fundamente von Kirche und Klostergebäude nicht auf dem anstehenden Boden des Pleistozän, sondern auf einer Aufschüttung stehen. Diese Aufschüttung wurde auch in der Kirche im Bereich der Nischen auf der Südseite (S1) festgestellt (Abb. IV. 39).[107]. Ältere Fundamente konnten im Innern der Kirche im Bereich des Schnittes S1 nicht ermittelt werden, d.h. daß die jetzigen Fundamente (zumindest auf der Südseite) wohl

 

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der ersten Bauphase angehören. Prof. Ziegert kam zu dem Schluß, daß es keine Erweiterungen in späterer Zeit gab. Die Kirche soll in ihren Größenverhältnissen unverändert geblieben sein.

Da das Gelände südlich des Pleistozänhügels steil abfällt, schloß Prof. Ziegert, daß für eine größere Anlage, wie sie ein Klosterkomplex darstellt, erst eine Ebene (Plattform) geschaffen werden mußte. Die Aufschüttung soll demnach nach 1251 vorgenommen worden sein.

Da ältere Fundamente, die sich auf anstehenden Boden gründen, in der Kirche nicht ermittelt werden konnten, lag die Vermutung nahe, daß sich eine ältere Kirche ganz in der Nähe befunden haben müsse. Diese Kirche lag mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Hügel des Pleistozäns, dessen höchster Punkt im Bereich des ehemaligen Kreuzganghofes liegt. Bei den Grabungen an dieser Stelle konnte ein Fundament aus Findlingen ermittelt werden, welches zu einer 80 cm (?) breiten Mauer gehörte. Westlich daran anschließend zeichneten sich Findlingsabdrücke im anstehenden Boden ab, die auf eine Fachwerkfundamentierung schließen lassen, welche mit der Mauer im Verband stand. Nach Ansicht von Prof. Ziegert deuten diese Fundamente auf den Rest einer älteren Kirche hin, die demnach einen Chor aus Feldsteinen und ein Schiff aus Fachwerk besessen haben soll. Es handele sich bei dieser Kirche um diejenige, welche in den Urkunden von 1194 und 1230 erwähnt wird, und welche dann den Nonnen übereignet wurde[108]. Nach Ziegerts Theorie konnte die alte Kirche von den Nonnen nicht mehr lange benutzt werden, da eine Ebene für die Klosteranlage geschaffen werden mußte. Diese ältere Kirche wurde demnach abgerissen und das Gelände begradigt, um eine neue Kirche sowie eine Klosteranlage zu bauen.

 

Bezüglich der Grabungen und den daraus resultierenden Thesen sind verschiedene Bemerkungen notwendig, da meines Erachtens einige falsche Schlüsse gezogen wurden.

 

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Das geologische Gutachten und die Grabungsergebnisse widersprechen sich in wesentlichen Punkten. So dürfte die Aufschüttungsfrage durch das Bodengutachten hinlänglich gelöst worden sein. Danach sind zumindest die Fundamente des Chores nicht auf einer Aufschüttung errichtet worden. Die übrige Schüttung kann aber unmöglich von dem mutmaßlichen ersten Kirchenbau stammen, da ja ein Granitchor mit Fachwerkschiff angenommen wurde.

Zur Plattform-Theorie ist weiterhin zu bemerken, daß die Kirche keine günstige Lage zum Konventsgebäude im Osten aufweist. Zudem ist der Typus der Kirche - Saalbau mit eingezogenem Chor - eine denkbar unpraktische Lösung für eine Nonnenklosterkirche, wenn der Kreuzgang wie hier nicht linear an der Kirche entlanggeführt werden kann. Zwar liegt dieses Grundrißschema einer großen Anzahl von Nonnenklosterkirchen zugrunde - besonders im südwestdeutschem Raum -, doch schließt der Klausurostflügel in diesen Fällen meist direkt an das Schiff an[109]. In einem anderen Zusammenhang und unter anderen Voraussetzungen kommt diese Lösung auch für Zarrentin in Betracht. Zu denken wäre hier an einen, vielleicht provisorischen Vorgängerklosterbau[110].

Wenn die Wahl bestanden hätte, hätte man sich in Zarrentin wohl für ein einfaches Oblongum entschieden. Die Möglichkeiten für die Errichtung der Klausur und vor allem des Kreuzganges waren offenbar begrenzt. Das kann aber nur bedeuten, daß zumindest ein Teil der Kirche schon bestand, als mit der Erbauung des Klosters begonnen wurde. Da die Kirche nach den Erkenntnissen von Ziegert nie erweitert wurde, war der Grundrißtyp vermutlich schon 1251 festgelegt. Mit diesem Datum hat man meiner Ansicht nach zunächst einen sicheren terminus ante quem.

 

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Zum Befund einer älteren Fachwerkkirche läßt sich an dieser Stelle kein abschließendes Urteil bilden, da das Gutachten, das diesen Befund erläutern würde, bis jetzt nicht vorliegt. Die Existenz dieser Kirche muß bis auf weiteres angenommen werden, auch wenn unklar bleibt, warum man diese nicht erweiterte, sondern eine neue Kirche errichtete.

 

 

2. Zum Dorfkirchenbau in Norddeutschland

 

Bisher herrschte überwiegend die Ansicht vor, daß der Zarrentiner Chorraum bereits Ende des 12. Jahrhunderts entstanden sei[111]. Grundlegend bei dieser These ist zum einen die Erwähnung Zarrentins 1194 als Kirchspiel im Ratzeburger Zehntregister. Zum anderen deutet insbesonders das Wölbungssystem auf diese Entstehungszeit. Kreuzgratgewölbe dieser Art sowie deren Reste sind in den ältesten Kirchen Wagriens vorhanden (z. B. Süsel, Neukirchen, Pronstorf, Reste im Turm von Ratekau und im Chor und Turmraum von Bosau).

 

Besonders hervorzuheben sind diesbezüglich die Gewölbe der Kirche in Süsel (Krs. Eutin)[112]. Kreuzgratgewölbe aus Feldsteinen über Schildbögen sind hier im Chor sowie im Turm vorhanden. Zwar ist das Gewölbe im Chor insofern anders gestaltet, als eine ornamentierte Kämpferplatte eingefügt und das Gewölbe verhältnismäßig hoch angesetzt ist, doch ist das Kreuzgratgewölbe im Turm, das etwas jünger sein dürfte, durchaus mit Zarrentin vergleichbar (Abb. VI. 246, 247, 248, 249).

Anders als in Zarrentin ist der Chorraum durch eine Apsis erweitert. Fensterpaare oder Dreifenstergruppen kommen in den wagrischen Kirchen in Regel nicht vor.

 

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Nicht weit von Zarrentin entfernt steht in Gudow (Krs. Herzogtum Lauenburg) eine Feldsteinkirche, die ebenfalls in dem Dokument von 1194 erwähnt wird und fast gänzlich in ihrer Ursprünglichkeit erhalten ist[113]. Damit bietet sie einen guten Anhaltspunkt, welcher Kirchentyp Ende des 12. Jahrhunderts in diesem Gebiet vorrangig war.

Die einschiffige Kirche besitzt einen eingezogenen Chor, dessen Verlängerung jedoch aus gotischer Zeit stammt (Abb. VI. 243). An dieser Stelle war früher eine halbrunde Apsis[114]. Durch einen rundbogigen Chorbogen sind Chorraum und Schiff voneinander abgesetzt. Das flachgedeckte Schiff wird jederseits durch vier rundbogige Fenster beleuchtet. Laibungen und Bögen dieser Fenster sind aus Feldsteinen gebildet (Abb. VI. 244). Im älteren Chorteil sind jederseits gepaarte Fenster eingesetzt. Die Kirche war ursprünglich durch ein Nord- und Südportal zu betreten. Das Granitmauerwerk besticht durch eine regelmäßige Schichtung der sorgfältig bearbeiteten Steine. Der hölzerne Turm im Westen stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Die Kirche entspricht vom Typ her den ältesten Feldsteinkirchen im holsteinischen Gebiet: Bosau, Ratekau. Süsel und Neukirchen (Abb. VI. 245, 246, 247, 248, 249, 250, 251). [115]. Allerdings fehlt in Gudow der obligatorische Rundturm. Augenscheinlichstes Merkmal für die enge Verwandtschaft ist die Anzahl, Gestaltung und Verteilung der Fenster im Schiff. Hinzu kommt die ursprünglich vorhandene, halbkreisförmige Apsis. Sie ist ebenso in Ratekau,

 

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Neukirchen, Süsel, Bosau und Pronstorf vorhanden. Alle diese Kirchen sind spätestens Ende - bzw. um 1200 - zu datieren. Es dürfte kein Zweifel über die Gleichzeitigkeit der Gudower Kirche bestehen, auch wenn der Typ in dieser Region offenbar einen Sonderfall darstellt.

 

In dem Dokument von 1194 wird auch eine Kirche in Mustin (Krs. Herzogtum Lauenburg)[116] genannt. In der Backsteinkirche - ebenfalls einer Saalkirche mit eingezogenem Chor - aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zeugen noch feldsteinerne Bereiche im Chor und in den unteren Schiffswänden von einem älteren Bau. In den Westecken des Chores sind noch spätromanische Gewölbevorlagen vorhanden, die auf ein Kreuzgratgewölbe hindeuten. Der Chor wird jederseits durch zwei leicht spitzbogige Fenster erhellt. Die Dreifenstergruppe

im Osten stammt aus der Zeit des Umbaues (Abb. VI. 252). Vermutlich gab es an dieser Stelle ursprünglich eine Halbrundapsis wie in Gudow. Der Chorbogen ist ebenfalls rundbogig. Das Schiff war auf zweijochige Wölbung angelegt. Es wird jederseits durch vier spitzbogige Fenster erleuchtet (Abb. VI. 253). Die Schiffswände sind bis zur Sohlbankhöhe in Feldsteinen ausgeführt. Der Holzturm im Westen stammt aus nachmittelalterlicher Zeit.

Allgemein besteht die Ansicht, daß die Kirche - wie auch Gudow - unter dem Einfluß der ostholsteinischen Feldsteinkirchen errichtet wurde[117]. Der Typ wäre dann im Gebiet des Lauenburgischen kein Sonderfall mehr. Jedenfalls war die erste Kirche in Mustin 1194 schon im Bau.

Wie die Dreifenstergruppe anzeigt, entspricht der Zarrentiner Chorraum in etwa der Zeitstufe des Umbaues in Mustin.

 

Um in diesem Zusammenhang auch den mecklenburgischen Kirchenbau anzusprechen, soll zuletzt noch auf die Dorfkirche

 

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in Körchow (Ldkrs. Hagenow)[118] eingegangen werden, die ebenfalls 1194 erwähnt wird. Es handelt sich um einen Feldsteinbau, der bis auf die Ostpartie weitgehend in seiner ursprünglichen Form erhalten ist. Die Kirche besteht aus einem rechteckigen Langhaus, dem im Westen ein Turm von gleicher Breite vorgesetzt ist, und einem eingezogenen, backsteinernen Chor aus dem 20. Jahrhundert (Abb. VI. 254).

Turm und Schiff sind durch eine große, leicht spitzbogige Öffnung miteinander verbunden. Das Schiff wird beiderseits durch drei schmale, rundbogige Fensterschlitze beleuchtet, die in späterer Zeit nach unten verlängert wurden. Die Gliederungen der Fenster bestanden ursprünglich alle aus Feldstein, wie das mittlere Fenster auf der Nordseite. Die Backsteineinfassungen deuten auf spätere Ausbesserungen hin (Abb. VI. 255).

Das Granitmauerwerk zeichnet sich vor allem auf der Schiffssüdseite durch eine Regellosigkeit aus, die zum Turm hin abnimmt und auf der Nordseite gänzlich in eine Schichtungsform übergeht. Die Steine sind bis auf die Ecken nur grob behauen bzw. gespalten (Abb. VI. 256).

Der Bau gehört nach Reifferscheid zu den ältesten Dorfkirchen Mecklenburgs[119]. Er datiert den Bau ins erste Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts[120]. Dehio vermutet als Entstehungszeit erst die Mitte des 13. Jahrhunderts[121]. Daß die Kirche vermutlich aber bereits Ende des 12. Jahrhunderts errichtet wurde, zeigt der Vergleich mit der Kirche in Warder (Krs. Segeberg)[122], die wiederum zu den ältesten Feldsteinkirchen im holsteinischen Gebiet gehört. Die Verteilung von drei Schlitzfenstern im Schiff ist hier ebenso vorhanden. Der Turm ist in Schiffsbreite vorgelegt. Er soll jedoch ursprünglich rund gewesen sein. Der eingezogene Chor war ehemals gewölbt und mit einer Halbrundapsis versehen. Eine gewisse Abhängigkeit der Körchower Kirche von der Kirche in

 

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Warder kann nicht geleugnet werden. Vielleicht war die Chorpartie in Körchow früher ähnlich gestaltet.

 

Die speziellen Merkmale, wie sie in Zarrentin zu finden waren, sind bei den Feldsteinkirchen dieser frühen Zeit offenbar selten. Die Besonderheit in Zarrentin besteht vor allem in der Synthese von rundbogigen, aus Feldsteinen gebildeten Fenstereinfassungen, Zwei- und Dreifenstergruppen und der Art der Wölbung.

Nach dem rekonstruierten Chortyp reiht sich die Zarrentiner Kirche vielmehr in die große Reihe der Kirchen der ostdeutschen Kolonisationszeit des 13. Jahrhunderts ein. Die Kirchen dieses Siedlungsraumes werden überwiegend dem sogenannten Übergangsstil zugerechnet[123]. Dieses Schlagwort ist eine Bezeichnung für die Baukunst in Deutschland in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts und bezieht sich auf den Übergang vom romanischen zum gotischen Stil[124].

Im Kirchengrundriß klingt das Dorfkirchen-Schema nach[125]. Deutlich tritt der additive Charakter hervor, der sich sowohl im Grundriß als auch in der Höhenstaffelung der Dächer manifestiert. Derartige Kirchen, d. h. einschiffige Anlagen mit eingezogenem, flach abschließendem Chor und gegebenenfalls einem Turmvorbau sind charakteristisch für die Dorfkirchen der deutschen Kolonisation. Die Kapellenanbauten sind hier lediglich als Erweiterungen des Grundtyps zu beurteilen.

 

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In Mecklenburg sowie in dem angrenzenden Kreis Herzogtum Lauenburg sind solche Kirchen häufig. Es sind typische Kolonisationskirchen. Oft handelt es sich dabei um einfache Kirchen von zwei Joch Länge mit niedrigem Chor und gestaffelter Dreifenstergruppe im Osten (nach westfälischer Art), sowie zum Teil auch mit Zweifenstergruppe im Norden und Süden des Chores. Das Portal ist in der Regel im Süden des Schiffes vorgesehen, im Westen mitunter der quadratische Turm für die Glocken. Als Material findet man bei den Kirchen der Übergangszeit gleichermaßen Feldstein als auch Backstein. Bei Backsteinkirchen gliedern oft Lisenen und Friese das Mauerwerk.

 

Die ältesten Feldsteinkirchen dieses Typs zeichnen sich dabei durch rundbogige Fenster, Portale und Chorbögen aus. Es sind noch rein romanische Bautypen[126]. Der Übergangsstil kündigt sich zunächst in der Spitzung der Triumphbögen an[127].  Gliederungen der Fenster, Türen und Giebel werden jetzt überwiegend aus Backsteinen gebildet. Später herrscht auch bei den Fensterformen der gedrückte Spitzbogen vor. Die Granitmauern zeichnen sich jetzt durch die Auslese gleich großer, behauener Steine und die Anordnung in Schichten aus.

Achtteilige Kuppelgewölbe sind in Mecklenburg zumindest für den Chorraum bei diesen Kirchen am verbreitetsten. Es handelt sich jedoch bei diesem Kirchentyp um eine geschlossene, lokal begrenzte Baugruppe, die vor allem in der Gegend östlich Schwerins bis zur Peene auftritt und sich als Produkt einer Massenkolonisation darstellt[128].

 

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In der Außenansicht war der Zarrentiner Chor ähnlich der Kirche in Mestlin (Ldkrs. Parchim) gestaltet (Abb. VI. 241, 242). [129]. Der quadratische Chor aus Granitfindlingen besitzt Zwei- und Dreifenstergruppen und in der Südwand eine Priesterpforte. Die Rundungen der Chorfenster sind hier noch aus Feldsteinen gebildet. Die Chorwölbung mit achtrippiger Kuppel und der spitzbogige Triumphbogen sind dagegen fortschrittlicher als in Zarrentin. Nach Dehio stammt der Mestliner Chor aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, Reiferscheid datiert etwas früher: 1220-40[130]. Seine Datierung ist im weitesten Sinne abhängig von der Datierung der Kirche in Levin (Ldkrs. Malchin), einer Feldsteinkirche mit Zweifenstergruppen, spitzbogigem Chorbogen und zweijochigem Schiff. Aus einer Urkunde von 1215, in der ein "plebanus in Levyn" erwähnt wird, schließt er, daß zumindest der Chor dieser Kirche gestanden hat[131].

Das Zarrentiner Altarhaus ordnet sich zeitlich hier ein. Es dürfte etwa gleichzeitig oder sogar geringfügig früher errichtet worden sein.

 

Der Zarrentiner Chor kann damit als das älteste Beispiel seines Typs gelten und bald nach den genannten Kirchen in Wagrien und Gudow entstanden sein.

 

 

3. Datierung

 

Der Zarrentiner Chor entspricht - wie gezeigt - nicht dem Bautyp von Gudow und den holsteinischen Feldsteinkirchen des ausgehenden 12. Jahrhunderts, da eine Apsis fehlt und eine Gruppierung der Fenster vorgenommen wurde. Augenfällig ist allerdings die Übernahme des Wölbungssystems der wagrischen Kirchen. Man wird den Chor zeitlich nicht weit entfernt ansetzen

 

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müssen, da hier vielleicht erste lokale Einflüsse durch westfälische Siedler den von den holsteinischen Kirchen abweichenden Bautyp bestimmten. Der Chorraum entspricht vom Typ her vielmehr der Zeitstufe des Umbaues der Kirche in Mustin, der in den Anfang des 13. Jahrhunderts gesetzt werden kann. Auch die Kirche in Levin, datiert auf 1215, wird etwa gleichzeitig entstanden sein, obwohl hier noch keine Dreifenstergruppe im Osten des Chores vorhanden ist, und die Kirche zu einem anderen Siedlungsraum gerechnet werden muß. Der Mestliner Chor zeigt ebenfalls Übereinstimmungen. Das achtrippige Kuppelgewölbe und der spitzbogige Triumphbogen deuten aber auf eine etwas spätere Entstehungszeit. Somit gehört der Zarrentiner Chor, den man folglich in das erste Viertel des 13. Jahrhunderts datieren muß, zu den ältesten Feldsteinbauten seines Typs in Mecklenburg.

 

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B. Um 1240: Der Baufortgang: Kirchenschiff

1. Die Nischengliederung der Südwand

 

Von der folgenden Bauphase zeugen die Fragmente eines Wandgliederungssystems, die sich südlicherseits im ersten östlichen Jochabschnitt des Kirchenschiffes unter dem Amtschor befinden (Abb. V. 94, 95).

 

In der oberen Zone der Schiffswand fallen mehrere Fragmente auf, die gleichfalls auf ältere Bauzustände hindeuten könnten (Abb. V. 100, 101). Ganz östlich zeichnet sich ein Teil eines Bogens ab, der jedoch in Höhe einer Rollschicht abbricht (Abb. V. 102). Scheinbar handelt es sich um eine Art Strebebogen (Leerbogen), wie er auch auf der Nordseite mehrfach vorhanden ist. Allerdings würde er bei gedanklicher Verlängerung reichlich weit ausfallen.

 

Ein sich daneben im Mauerwerk befindender Rundbogen deutet auf eine zugesetzte Öffnung hin. Die Bogenstirn zeigt einen Verband aus Läufersteinen, die sich mit zwei Bindersteinen abwechseln. Der Weite des Bogens nach zu urteilen könnte es sich um ein zugesetztes Doppelfenster handeln. Es folgt eine schmalere zugemauerte Rundbogenöffnung mit Rundstabprofil an den Laibungskanten (Abb. V. 103, 104).  

 

Etwas weiter über den beiden zugemauerten Öffnungen erkennt man eine Rollschicht (Abb. V. 103). Sie verläuft horizontal nach Westen hin fort und bricht etwa in der Mitte zwischen Gewölbedienst und dem östlichen Spitzbogenfenster unvermittelt ab. Der Höhe und Erstreckung nach zu urteilen, handelt es sich um die Rollschicht, die auch auf der Außenwand zu sehen ist (Abb. V. 75, 79). Am Ende dieser Schicht möchte man direkt darunter eine weitere zugemauerte Rundbogenöffnung erkennen (Abb. V. 105). Der sich nur vage abzeichnende Umriß könnte allerdings auch durch mehrfache Übertünchungen oder Verputzungen hervorgerufen worden sein. Alle diese

 

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"Öffnungen" sind außen in dieser Form nicht erkennbar, wobei in Bezug auf die profilierte Rundbogenöffnung festzustellen ist, daß ihr gegenüber auf der Außenseite der Strebepfeiler Nr. 2 vorgelagert ist, der mögliche Fragmente überdeckt hat.

 

Auf ein älteres Gewölbe deutet unter Umständen die Mauerkante, die in der südöstlichen Ecke an der Verbindung zum Triumphbogen hervorspringt, aber sich nur bis unter die Empore erstreckt (Abb. V. 98). Oberhalb davon sind Abbruchspuren vorhanden, die auf Fragmente eines Gewölbes hinweisen könnten (Abb. V. 99). In der Rekonstruktion dürfte der Bogen dem Verlauf des Entlastungsbogens folgen.

 

Schließlich ist festzustellen, daß der Rest der Wandvorlage (Südwand) bei gedanklicher Verlängerung keine vertikale Entsprechung in den vorhandenen Gewölbediensten fände. Er würde links neben dem Gewölbedienst liegen. In diesem Bereich erkennt man eine Eindellung, die evtl. aus dem Abschlagen der Wandvorlage resultieren könnte (Abb. V. 96, 97). Die Wandvorlage bezieht sich somit nicht auf das jetzige Gewölbe.

 

Außen zeigt sich in dem entsprechenden Wandbereich ein ebenso heterogenens Bild. In dem links von Pfeiler Nr. 1 liegenden Wandstück befindet sich in gut 4 m Höhe eine zugemauerte Segmentbogenöffnung (Sohlbankhöhe 4,10 m; Scheitelhöhe 2,1 m) (Abb. V. 76, 77). Oberhalb dieser Öffnung ist der Rest einer weiteren bogigen Öffnung erkennbar, die aber auf der rechten Seite vollständig durch eingeflicktes Mauerwerk überdeckt ist (Abb. V. 78). Der Bogenrest durchschneidet eine Rollschicht, die von Westen kommend (wahrscheinlich von dem links liegenden Pfeiler überdeckt) knapp unterhalb des Bogenscheitels endet. Knapp 3,0 m oberhalb der Rollschicht und etwa 1,70 m unterhalb der Traufe springt das Mauerwerk ca. einen halben bis einen Stein breit zurück (in 10,5 m Höhe) (Abb. V. 76). Der Mauerrücksprung erstreckt sich ebenfalls weiter nach Westen (Abb. V. 79, 80).

 

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In dem sich an Pfeiler Nr. 2 anschließenden Wandabschnitt, der sich bis zur Kapelle erstreckt, ist das Mauerwerk oberhalb einer schmalen Sockelzone aus Granit- und Ziegelsteinen in vielen Bereichen mit Backsteinen ausgeflickt (Abb. V. 81, 82). Einige Zonen heben sich deutlich durch kleinere Ziegelsteine und durch den Blockverband von dem übrigen Mauerwerk ab. Das Flickwerk endet etwa 1,0 m unterhalb der Rollschicht, in Höhe des Kapellendaches. Der Mauerwerksverlauf wird durch den Rücksprung (s.o.), der sich fast bis zum östlichen Spitzbogenfenster fortsetzt, horizontal unterbrochen. Hier ist das Mauerwerk in einer vertikalen Linie bis zum Dach der "Lüneburger Kapelle" erneut um einen halben bis einen Stein breit zurückgesetzt (Abb. V. 79). Es ergibt sich somit auf der östlichen Seite der Südwand ein querrechteckiger Mauerbereich, der im Verhältnis zur übrigen Wand eine größere Mauerstärke zeigt.

 

 

Die beiden niedrigen Spitzbogenblenden und der Rest der Wandvorlage an der Schiffssüdwand im Innenraum deuten also auf einen separaten Bauabschnitt (Abb. V. 94, 95). Die Höhe und Erstreckung dieses Bereiches ist an die Hochkantschicht gebunden, die innen und außen sichtbar ist und somit quer durch die Dicke der Mauer läuft. Ihr Verlauf wird auf der Außenseite durch den vertikalen Mauerrücksprung beendet (Abb. V. 79).

Daß der horizontale Rücksprung oberhalb der Rollschicht dagegen einen weiteren Bauabschnitt markieren muß, geht aus folgender Überlegung hervor:

Die Abbruchspuren an der südöstlichen Ecke in Höhe der Emporentür zeugen von der Beseitigung eines Gewölbeansatzes (Abb. V. 99). Dieses Gewölbe war - verglichen mit der heutigen Gewölbehöhe - relativ niedrig. Im Verhältnis der Staffelung der Bauteile harmoniert es jedoch perfekt mit der alten Chorhöhe. Der Gewölbeverlauf zeigt sich in dem sogenannten Entlastungsbogen, dessen Bedeutung unklar ist (Abb. V. 102). Dieser Bogen bricht aber unvermittelt in Höhe der Rollschicht

 

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ab. Somit ist anzunehmen, daß hier eine ältere Mauer abgebrochen wurde. Der Zweck der Hochkantlage dürfte daher sein, die Mauer auszugleichen und eine glatte Fläche für die weitere Mauerung zu bekommen. Die geringe Höhe der Abbruchspuren zeigt außerdem an, daß dieser Bauabschnitt zeitlich noch vor der backsteinernen Erhöhung des Chores liegen muß.

 

Damit ist der rechteckige Bereich umrissen, innerhalb 

dessen verschiedene zugesetzte Maueröffnungen liegen. Auf die wird später noch einzugehen sein.

Der Mauerverband kann aufgrund der vielen Flickzonen nur schwer beurteilt werden. Einige ungestörte Bereiche direkt unter der Rollschicht lassen jedoch darauf schließen, daß eine Zuordnung zu einem der üblichen Mauerverbände nicht möglich ist (Wechsel von zwei bzw. drei Läufern mit einem Binder).

Es deutet also alles darauf hin, daß dieser Abschnitt im Anschluß an die Errichtung des feldsteinernen Chores errichtet wurde. Allerdings fällt auf, daß der Bereich hinsichtlich der Verteilung der Nischen zwischen Ostecke und Wandvorlage (Abstand der Nischenaußenkanten hierzu unten jeweils etwa 14 cm) von der Triumphbogenwand abhängig ist. Diese muß aber unbedingt später errichtet worden sein, da die Höhe des Bogens ein derart niedriges Schiffsgewölbe ausschließt. Diese Erscheinung kann nur dadurch erklärt werden, daß man einen älteren niedrigeren Chorbogen, der noch vor dem jetzigen Triumphbogen dem ersten Bogen vorgelagert wurde, annimmt.

 

Eine Rekonstruktion dieses Bauzustandes kann sich nur auf Vermutungen stützen. So ist davon auszugehen, daß sich die beschriebene Wandgliederung analog auch auf die übrigen Wände erstreckt haben wird (Abb. VII. 305). Da aber westlich der Vorlage und noch unterhalb der Rollschicht (also innerhalb dieses Bauabschnittes) die Wand ohne Rücksprünge weiterläuft, wird man in dem mittleren Joch das frühere Südportal vermuten können. Ob es ein weiteres Portal im Norden

 

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gab, läßt sich nicht sagen. Im übrigen ist unsicher, ob von einem zwei- oder dreijochigen Schiff auszugehen ist.

 

Ebenso problematisch ist die Beurteilung der oberen Wandzone. Bei den zugesetzten Öffnungen handelt es sich jedenfalls nicht um ältere Fenster. Die profilierte Öffnung dürfte der Zugang zur späteren Nonnenempore und damit nachträglich eingesetzt worden sein (Abb. V. 103). Die mittig liegende Rundbogenöffnung, die am ehesten noch als Fenster in Frage käme, wird eher neuzeitlich sein, denn auf der Außenwand ist hier eine kleinere Segmentbogenöffnung zu erkennen (Abb. V. 76, 77). Die Größenunterschiede lassen darauf schließen, daß sich die Öffnung nach innen zu erweiterte. Sicher ist, daß der Durchbruch anstelle des alten Zuganges zur Nonnenempore nach Vorlage des Strebepfeilers (Pfeiler Nr. 2) angelegt wurde (Abb. V. 101). [132]. Für die zweite Öffnung, deren Rest sich an der Außenwand oberhalb der Segmentbogenöffnung befindet, gibt es keine befriedigende Erklärung, da sich sich innen keinerlei Spuren erkennen lassen (Abb. V. 78).

Für die Rekonstruktion wurde die übliche Gliederung "zwei Nischen - ein Fenster" zugrundegelegt. Das Fenster wäre also anstelle des neuzeitlichen Durchbruches zu suchen. Was den Entlastungsbogen anbelangt, so muß vermutet werden, daß er nur in der Ecksituation verwandt wurde. Daher taucht er auf der anderen Seite des Joches nicht auf.

 

Die Form der Wandvorlage und der Rest der Eckvorlage in der Südostecke lassen Rückschlüsse auf die vorgesehene Wölbung zu. So war der halbrund vorspringende Teil der Vorlage vermutlich für einen Gurtbogen vorgesehen (Abb. V. 95). Das Gewölbe selbst entwickelte sich auf Eckvorlagen und war vermutlich gratig.

 

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2. Die Wandstruktur im Vergleich

 

In einschiffigen Kirchen versuchte man häufig, die untere Wandzone durch Blenden zu beleben[133]. Gleichzeitig dienten diese Blendnischen zur Entlastung der in die Höhe strebenden Wände. Der Übergangsstil machte besonders reichhaltigen Gebrauch von diesem Gliederungselement. Anfänglich schneiden die Blenden nur einen halben Stein tief in die Wand ein. Später werden die Nischen tiefer. Auch wird das westfälische Wandgliederungssystem, das Laufgänge in den darüberliegenden Wandzonen vorsieht (Westquerschiff des Domes zu Münster, Chor des Osnabrücker Domes), erneut aktuell.

 

Im zweijochigen, spätromanischen Schiff der Backsteinkirche in Lütjenburg (Krs. Plön)[134] sind die Blendnischen zumeist spitzbogig. Die Blenden sind kämpferlos und unprofiliert in die Wandflächen eingetieft.

Das Gliederungssystem ist in beiden Jochen unterschiedlicher Art. In dem westlichen Joch sind nördlicherseits zwei ca. 13,5 cm eingetiefte Spitzbogenblenden (Breite x Scheitelhöhe = ungefähr 2,0 m x 3,0 m) vorhanden (Abb. VI. 260, 261). Sie sind jedoch nicht zentriert, sondern nach Westen verschoben. Das rundbogige Fensterpaar in der oberen Zone ist demgegenüber auf die Mitte bezogen. Das während der Restaurierung der Kirche 1951-56 in diesem Joch außen freigelegte Nordportal läßt vermuten, daß dieses Portal innen in die zu ergänzende dritte Spitzbogenblende mündete[135]. Südlicherseits ist die Gliederung nicht so eindeutig zu bestimmen. Jedoch ist hier eine unter den Fenstern angeordnete Nische rundbogig.

Im östlichen Schiffsjoch flankierten jederseits zwei Spitzbogenblenden des beschriebenen Typs eine höhere rundbogige Blende (heute nördlicherseits mit Einblick in die Grabkapelle

 

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der Reventlows (1608); im südlichen Bogen früher barockes Fenster, jetzt Spitzbogenfenster)[136].

Der breite Spitzbogengurt, der die Joche trennt, ist von der Zusammensetzung "Wandvorlage plus Halbsäule" mit der Vorlage in Zarrentin vergleichbar, jedoch von weitaus stärkerer Wuchtigkeit, die eher an die Altenkrempe;r und Möllner Wandvorlagen erinnert (Abb. VI. 262).

Das Lütjenburger Schiff wird gemeinhin um 1220/30 datiert[137].

 

Auch in der dreijochigen Backsteinkirche in Kirchdorf auf Poel (Ldkrs. Wismar)[138] gliedern flache Spitzbogennischen ohne Profilierung in der Art der Lütjenburger Blenden die untere Zone der Schiffswände (Abb. VI. 259). Darüber liegt jeweils ein großes, gotisches Spitzbogenfenster. Die Joche werden hier durch verhältnismäßig zierliche, gebündelte Runddienste geschieden.

Bei Kirchdorf ist die Entstehungszeit des Kirchenschiffes umstritten. Nach Schlie sind die Wände des Langhauses bis zur halben Höhe noch romanisch und gleichzeitig mit dem Turm entstanden[139]. Er erkennt eine gotische Erhöhung des Schiffes, zu deren Zeitstufe er auch die Dienste rechnet. Die Autoren der "Bau- und Kunstdenkmale" meinen, das Schiff insgesamt ins 15. Jahrhundert datieren zu können[140]. Auch Dehio ist der Ansicht, daß vom Bau des 13. Jahrhunderts nur

 

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der Turm erhalten sei[141]. Schiff und Chor sieht er als einheitlichen Erweiterungsbau des 15. Jahrhunderts.

Ohne eingehende Bauuntersuchung ist ein abschließendes Urteil zur Datierung nicht möglich. Trotzdem neige ich dazu, Schlie zuzustimmen, daß vom Ursprungsbau aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts nicht nur ein Teil des Turmes erhalten ist. Daß die Schiffswände zumindest im unteren Bereich der Zeitstufe des Turmes entsprechen können, zeigt sich zum Beispiel daran, daß auch in der Turmhalle eine vergleichbare Nischengliederung vorhanden ist. Im übrigen muß man vermutlich in dem östlichen Schiffsjoch den ehemaligen Chor erkennen, der sich noch heute durch einen kräftigen Gurtbogen von den beiden anderen Schiffsjochen absetzt. Der fünfseitige Abschluß ist wie die Schiffserhöhung mit den großen Spitzbogenfenstern und den Strebepfeilern ein Produkt der Spätgotik.

 

Etwas anders war das System in der Klosterkirche in Cismar (Krs. Oldenburg)[142] gestaltet. Jederseits drei zweifach gestufte, spitzbogige Blenden befinden sich im östlichen quadratischen Joch. Über den Nischen liegt auf jeder Seite ein dreibahniges Spitzbogenfenster. Die Wandvorlagen in den Ecken, die sich vierfach kantig vorstufen, deuten auf ein Rippengewölbe mit Schildbögen an den Seiten und den Gurten.

Nach Kamphausen handelt es sich bei diesem Joch um den ersten flach geschlossenen Chor der ehemaligen Klosterkirche[143]. Meissner konnte dagegen in seiner Dissertation überzeugend darlegen, daß nur die unteren Teile der Wände dieses Joches, das er aber als zum Kirchenschiff gehörig erkannte,

 

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zum ersten Kirchenbau zählen[144]. Der ursprüngliche Chor schloß sich östlich an diesen Teil an[145]. Bei dem quadratischen Joch handelt es sich aber nicht um den einzigen nachweisbaren Bauteil der ersten Cismarer Kirche. So konnte Meissner Überreste von Wandblenden, die ebenfalls dem ersten Bau zuzurechnen sind, auch in weiteren Jochen nachweisen[146]. Diesen ersten Bau datiert er zwischen 1245 und 1256[147].

Hinsichtlich des Wandgliederungssystems kommt Meissner zu dem Ergebnis, daß das Blendenmotiv aus dem Rheinischen als isoliertes Motiv übernommen und hier in der vereinfachten Form ohne Laufgang; und Gesimsgliederung über den Blenden erscheint[148].

 

Als Allgemeingut dieser Zeit taucht dieses Motiv auch in Nonnenklosterkirchen auf, so etwa in der kleinen, einschiffigen Prämonstratenserinnenkirche in Lette (Krs. Wiedenbrück)[149]. Innerhalb neuerer Erweiterungsbauten ist die ursprüngliche Anlage aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts erhalten.

Die Wände des Schiffes sind innen durch spitzbogige Blendbögen auf breiten Wandvorlagen in drei quadratische Joche eingeteilt. Jedes Joch hat jederseits ein romanisches Langfenster.

 

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3. Datierung

 

Urkundliche Nachrichten zu diesem Bauabschnitt gibt es nicht. Es ist aber anzunehmen, daß dieser Bauabschnitt noch vor dem Eintreffen der Nonnen in Zarrentin fertiggestellt wurde. Eine indirekte Bestätigung findet sich in dem Ablaß von 1460 zum sogenannten "Neubau" der Kirche[150]. Hier wird die Kirche nämlich mehrfach als "antiqua" bezeichnet. Gleichwohl findet aber der Umbau des Chores Erwähnung: "(...), so den Chor, der zu anderer Zeit umgestaltet |wurde|, (...)[151]". Das könnte man dahingehend interpretieren, daß die Kirche eben bis auf die Chorerneuerung, sprich: backsteinerne Chorerhöhung, alt sei. Die alte Kirche, also noch die Pfarrkirche, wird vor 1251 in der Struktur "Chor aus Feldsteinen - Schiff aus Backsteinen mit innerer Nischengliederung" bereits gestanden haben und von den Nonnen in dieser Form übernommmen worden sein. 

 

Dafür spricht auch das Wandgliederungssystem. Stilistisch erinnert die Gliederung stark an Lütjenburg und Kirchdorf;. Auch die Nischen selbst sind, da sie ohne Kämpfer und Binnengliederung erscheinen, mit denen der genannten Kirchen zu vergleichen. Lütjenburg ist mit Sicherheit älter als Zarrentin, da die Wandvorlagen in ihrer Massigkeit mit Altenkrempe vergleichbar sind. Bei Kirchdorf ist die Entstehungszeit wie gezeigt umstritten.

In der Cismarer Kirche ist die Gliederung der Nischen ausgeprägter. Möglicherweise ist die Kantigkeit der Blenden und Vorlagen als Weiterentwicklung des Lütjenburger Systems zu beurteilen.

Zarrentin wird damit zwischen Lütjenburg und Cismar einzuordnen sein, also etwa um 1240.

 

Gegen diese Datierung sprechen offenbar die Ergebnisse der Baugrunduntersuchung und der archäologischen Untersuchung.

 

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Die Schürfe "Sch 5" auf der Südseite des Langhauses erbrachte eine Fundamentsunterkante bei + 42,9 m NN (Abb. IV. 38).[152]. Die Auffüllung reichte jedoch bis + 42,5 m NN. Daraus ist zunächst zu folgern, daß die Fundamente hier auf einer Abrißschicht gegründet sind. Das vermutet auch Ziegert, der ebenso in der Kirche bei "S 1" eine Auffüllung feststellte und zu dem Ergebnis kam, daß die Kirche erst nach dem Eintreffen der Nonnen errichtet worden sein kann (Abb. IV. 39).

Es stellt sich an dieser Stelle aber die Frage: Woher stammen die Ziegelreste, die in der Auffüllung gefunden wurden ? Von der anzunehmenden ersten Kirche können sie nicht herrühren, da diese - wie Ziegert herausfand - aus Granit und Fachwerk bestand. Die Gefache waren in der frühen Zeit aber aus Stroh und Lehm[153]. Es gibt nur eine Erklärung, nämlich daß bei dem "Neubau" 1460 die Abrißmasse tief untergegraben und an die in den Umbau einfließenden alten Mauern herangetragen wurde. Unter dem Fundament, das hier seiner im Vergleich zum Chorfundament etwas jüngeren Entstehungszeit wegen aus unbehauenen bzw. behauenen Granitsteinen besteht, wird man an dieser Stelle auf der Südseite des Langhauses also keine Abrißschicht feststellen können.

 

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C. Nach 1251:  Das ältere Klausurgebäude

 

1. Die rundbogige Öffnung in der Kirchensüdwand

 

Die Erfordernisse der Nonnen bestimmten seit 1251 den Bauverlauf. Notwendig war in erster Linie ein Konventsgebäude. Hier muß von einem Vorgängerbau des heutigen Klosterostflügels aus dem 14. Jahrhundert ausgegangen werden. Seine Lage ist eng mit der Lage und Gestaltung des Nonnenchores verbunden.

Vermutlich grenzte er an das Kirchenschiff, wie es in anderen Frauenklöstern häufig der Fall ist (z. B. Birkenfeld, Himmelkron und St. Lamprecht; Abb. VI. 300 u. VII. 305). Bestärkt wird die Annahme durch eine zugesetzte rundbogige Tür im ersten östlichen Joch der Kirchensüdwand, die ursprünglich eine direkte Verbindung zwischen Dormitorium und Nonnenchor hergestellt haben könnte. Diese Öffnung ist auf der Außenseite durch einen neuzeitlichen Strebepfeiler verdeckt. Dazu ist anzumerken, daß nach Vorlage des Pfeilers rechts daneben eine Segmentbogenöffnung angelegt wurde, um den Chor weiterhin nutzen zu können[154]. Eine andere Bedeutung dieser Öffnung ist nicht erkennbar, da es sich offensichtlich weder um ein Fenster noch um eine Nische gehandelt hat. Zudem steht die stilistische Gestaltung isoliert da. Weder die Kirche noch der heutige Klausurtrakt zeigen vergleichbare Formen.

 

Ein weiteres Argument für einen Vorgängerbau ist die Verbindung von Klausurtrakt und Kirche. Der Ostflügel schließt in Zarrentin nicht direkt an das Kirchenschiff an, sondern ist nach Osten verschoben. Der Weg vom Dormitorium zur Kirche war somit ziemlich lang, gerade wenn man bedenkt, daß Klausur und Kreuzgang oftmals nicht "aus einem Guß" errichtet werden konnten. Es sollte erwogen werden, ob sich in Zarrentin der Einfachheit und Bequemlichkeit wegen ursprünglich

 

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ein älterer, erster Ostflügel unbekannter Bauart an das Kirchenschiff anschloß.

Die archäologische Untersuchung ergab zwar keine Hinweise auf ein hier liegendes Gebäude, konkrete Grabungen wurden an dieser Stelle aber auch nicht durchgeführt. Allerdings könnten Reste eines solchen Flügels Teil der mittelalterlichen Schüttung sein[155]. Denkbar wäre auch, daß es sich nur um einen einfachen Holzbau gehandelt hat.

 

 

a) Zur Frage der Nonnenempore

 

Die Nonnenklosterkirchen unterschieden sich in den meisten Fällen nicht wesentlich von anderen Kirchen. Wenn sie zugleich auch Pfarrkirchen waren, entstand eine besondere Situation: Für die Nonnen mußte ein abgeschlossener Raum geschaffen werden, wo sie zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Andachten halten konnten und der die Jungfrauen von der Gemeinde abschirmte. Hierfür diente die Nonnenempore, die über den Kreuzgang zu erreichen war[156]. Für den Einbau der Empore gab es verschiedene Möglichkeiten. Die Lösungen waren größtenteils an den Typus der Kirche gebunden[157]. In einschiffigen Kirchen fand der Nonnenchor auf einer Empore im Westen seinen Platz. Bei basilikalen Typen konnte ein Seitenschiff die Empore aufnehmen. War ein Querhaus vorhanden, war auch

 

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hier die Anlage des Nonnenchors möglich, ohne den Raumeindruck wesentlich zu stören. Mitunter diente auch ein Turmgeschoß als Nonnenchor (Wienhausen). Weniger üblich war - analog den Mönchskirchen - der ebenerdige Chor im östlichen Teil des Kirchenschiffes (Preetz[158]).

Letztendlich setzte sich der Typus "Saalkirche mit Westempore" durch, da einschiffige Kirchen nicht nur billiger in der Ausführung, sondern für den Einbau des Nonnenchors auch besser geeignet waren. 

 

Eine derartige Zweigeschoß-Teilung setzte eine ausreichende Höhe des Kirchenschiffs voraus, damit der Gesamtraum im Idealfall vom Laienschiff aus noch gut überblickbar blieb. Die Struktur zeigt sich auch in der Anordnung der Fenster. Zur Beleuchtung der Ober- und Unterkirche mußte eine Wand im Bereich der Empore mit zwei Reihen Fenstern versehen werden. Der entgegengesetzten Wand war üblicherweise der Kreuzgang vorgelagert. Daher konnte dort die Unterkirche nicht erhellt werden. Die Höhe der Fenster, die den Nonnenchor beleuchten sollten, war auf dieser Seite abhängig von der Höhe des Kreuzganges. In der Regel war der an der Kirche liegende Kreuzgangflügel zweistöckig und führte direkt auf das Gebäude mit dem Schlafsaal. Da die Dormitorien im ersten Stock lagen, konnten die Nonnen von hier aus zur Nachtzeit direkt auf die Empore gelangen.

 

Bei den meisten Nonnenklöstern lag die Empore somit im Westen und erstreckte sich oft weit ins Kirchenschiff hinein.

Zu fragen gilt, wo sich in der Zarrentiner Kirche der Nonnenchor befunden hat. Er wird nur in einer einzigen Quelle erwähnt. In dem Dokument von 1895, welches sich in der Kirchturmkugel befand, heißt es: "Der Nonnenchor befand sich

 

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an der Südseite der Kirche, da, wo heute der Amtschor ist[159]".

Anstelle des jetzigen Amtschores befand sich in der Tat schon früher eine Empore. In der Kostenaufstellung heißt es hierzu u. a.:

 

 

"II An Zimmer-Lohn

Das Gebälk und die Säulen zu dem neuen Chor zu verfertigen, zu verbinden und aufzustellen, das alte abzubrechen, das neue Treppen-Hauß zu zimmern und aufzurichten, selbiges zu latten, (...) Das alte Treppen-Haus wegzubrechen (...)[160]".

 

 

 

Der Tischler Beckmann bestätigt in seiner Rechnung vom 1. November 1784:

 

"2  Habe das alte Kohr behutsam abgenommen an die Seite gebracht

3  Habe ein neu Treppen Hauß neu gezimmert aufgestellt gelattet (...) Das alte Treppen Hauß von 2 Gesellen abgebrochen (...)[161]".

 

 

Bei der alten Treppe wird es sich kaum um den mittelalterlichen Aufgang zur Nonnenempore gehandelt haben. Die rundbogige Öffnung und mutmaßliche Tür zur Nonnenempore wurde nach Vorlage des Strebepfeilers überdeckt[162]. Möglicherweise hatte man ersatzweise die neue Segmentbogenöffnung daneben eingesetzt, um die Empore weiterhin von außen zu erreichen (Abb. V. 76, 77).

 

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Das alte Treppenhaus wird an dieser Stelle gelegen haben.

 

Eine Nonnenempore anstelle des Amtschores kann jedoch nicht ohne weiteres angenommen werden. Beispiele für Südseitenemporen dieser Art fehlen - jedenfalls in Saalkirche;n. Seitenemporen waren nur bei dreischiffigen Anlagen üblich. Es ist ohnehin fraglich, ob eine Empore in der Art des Amtschores genügend Platz für die Nonnen geboten hätte, denn der Nonnenchor; mußte auf die liturgische Sitte des Respondierens ausgerichtet sein. So war das Nonnengestühl zum Zwecke des Wechselgesanges gewöhnlich geteilt und sich gegenüberliegend angeordnet. Auf einem dem Amtschor entsprechenden Seitenchor wäre eine derartige Anordnung schwerlich möglich gewesen. Auszuschließen ist auch, daß sich der Chor über die gesamte Länge des Kirchenschiffes bis zur Rundbogenöffnung erstreckt hat.

Aufgrund dieser Fragestellung läßt sich aber auch eine ganz andere Lösungsmöglichkeit entwickeln. Wenn man nämlich eine vergleichsweise schmale, südlich gelegene Empore lediglich als Zugang zu dem eigentlichen Nonnenchor im Westen ansieht (Abb. VII. 305). Hier könnte man eine formale Abhängigkeit von den oben genannten Seitenschiffemporen konstruieren.

Ein Beispiel, das die Herkunft einer solchen Möglichkeit erklären könnte, findet sich in der sächsischen Klosterkirche Marienstern[163]. Das Südschiff der Hallenkirche ist hier zweigeschossig und bildet unten den Nordflügel des Kreuzganges und oben einen Emporengang zur Verbindung von Nonnenchor; und Dormitorium.

Auf Zarrentin übertragen könnte das heißen, daß ein Aufgang vom Kreuzgang an der Kirche über die Tür im ersten östlichen Joch auf einen Emporengang vorhanden war. Dieser vermittelte lediglich den Zugang auf eine Westempore, die auf gleicher Höhe lag[164]. Bei dieser Hypothese macht man sich unabhängig von

 

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älteren Bauzuständen. Gleichzeitig wäre die Beleuchtungsfrage des Nonnenchores geklärt, der so nicht - wie es bei einer südlichen Lage der Fall wäre - völlig im Dunkeln gelegen hätte[165].

 

Hinsichtlich der Lage der Nonnenempore in der Zarrentiner Kirche kommt nur der Westteil in Frage[166]. Vermutlich war der Nonnenchor durch einen Laufgang erreichbar. Derartige Laufgänge waren in verschiedenen süd- und westdeutschen Nonnenkirchen sehr verbreitet[167]. Sie waren überwiegend der Nonnenempore vorgelagert (vgl. Himmelspforten, Abb. VI. 298). Diese Anlage glich dann einem Lettner. Sie stellte in erster Linie den zum Kommunionsempfang nötigen Zugang her. Sonderfälle bildeten sich heraus, wenn der Ostflügel der Klausur direkt an das Kirchenschiff anschloß. Hier bestand dann mitunter eine Verbindungstür vom Dormitorium zu einem weiteren Laufgang, der auf die Empore führte.

 

Abschließend bleibt die Frage nach der Konstruktionsart dieses Einbaues. Reste, die auf einen massiven Westeinbau schließen ließen, sind nicht vorhanden. Zu bedenken gilt aber auch, daß die Kirche im 15. Jahrhundert erneuert wurde. Ein massiver Einbau, gleichgültig an welcher Stelle, könnte zu dieser Zeit bereits beseitigt worden sein.

 

 

2. Zur Herkunft des Laufgangmotives und Lage des Ostflügels

 

Für die Herkunft des Laufgangmotives und die Lage des Ostflügels an der Kirche gibt es vor allem im süddeutschen Raum Parallelen.

 

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In Birkenfeld, einer Zisterzienserinnenkirche am Ostrand der Diözese Würzburg (Bauzeit von 1275/80-1310), liegt eine Anlage vor, die auf Zarrentin übertragbar ist (Abb. VI. 300, 301). [168]. Hier hat sich die lettnerartige Laufganganlage weitgehend in ihrem romanischen Aufbau erhalten. An der Nordwand des Kirchenschiffes setzt sich der Laufgang fort und endet im Altarraum mit einer Treppe, die in den Chor herabführt. In der Mitte der Nordwand befand sich an dem Laufgang eine Pforte, die in den im Ostflügel liegenden Schlafsaal der Nonnen führte.

 

Im dem von Birkenfeld beeinflußten, fränkischen Zisterzienserinnenkloster Himmelkron ist eine ähnliche Situation gegeben[169]. Die Kirche wird gegen Ende des 13. Jahrhunderts begonnen und gegen Mitte des 14. Jahrhunderts vollendet worden sein. Vor der westlich gelegenen Nonnenempore liegt der übliche Laufgang. Außerdem ist damit zu rechnen, daß in der Südwand der Kirche in Laufganghöhe noch eine Tür existierte, die den Nonnen den Zugang vom Dormitorium zum Laufgang und über diesen zur Nonnenempore ermöglichte[170].

 

In der hessischen Nonnenkirche Caldern lag der Klausurtrakt offenbar östlich der Kirche[171]. Eine im östlichen Teil der Südwand vermutlich nachträglich angelegte Tür in Emporenhöhe deutet darauf hin, daß auch hier ein hölzerner Laufgang die Verbindung vom Klausurgebäude zur westlich gelegenen Nonnenempore herstellte (Abb. VI. 299). [172].

 

Eine vergleichbare Anlage war auch in der Dominikanerinnenkirche St. Lamprecht (Pfalz) vorhanden[173]. In der Südwand der Kirche liegt unmittelbar neben dem Triumphbogen in ca. 4,50 m Höhe eine Tür. Coester vermutet, daß sie nach Einfügung

 

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der hölzernen Nonnenempore durch einen kurzen nach Westen gehenden Laufgang mit dieser verbunden sein dürfte[174]. Sie diente als Eingang vom Kloster her. Der Laufgang könnte zugleich mit einer anzunehmenden Treppe in den Chorraum einen Zugang für den Empfang der Kommunion hergestellt haben.

Ähnlich wird die Situation in Zarrentin gewesen sein. Die im östlichen Joch der Südwand erkennbare Türöffnung befindet sich etwa in der gleichen Höhe wie die in St. Lamprecht (Abb. V. 103). [175].

 

Im übrigen sind derartige Laufgänge in keinem norddeutschen Frauenkloster nachgewiesen.

Eine ähnlich unklare Situation wie in Zarrentin liegt auch in Rehna vor. Eine rundbogige, mittelalterliche Öffnung ist hier in Emporenhöhe im östlichen Joch der Kirchensüdwand, d.h. an derselben Stelle wie in Zarrentin, zu finden (Abb. VI. 290, Südansicht). [176]. Neben dieser Tür wurde eine kleine Nische als Platz für ein Weihwasserbecken gestemmt[177]. Die Tür stellte demnach die Verbindung vom Obergeschoß des an der Kirche liegenden Kreuzganges auf eine Nonnenempore her. Der Platz des Nonnenchores ist nicht nachgewiesen. Er wird sich wie üblich im Westen befunden haben[178]. Hier ist es genauso wie in Zarrentin schwerlich vorstellbar, daß sich die Empore über drei Joche erstreckte[179]. Daher muß auch in Rehna ein Laufgang angenommen werden.

 

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3. Datierung

 

Grundsätzlich läßt sich zur Datierung des ältern Klostertraktes sagen, daß das Datum 1251 den terminus post quem bildet. Da ein Klostergebäude notwendig war, wird es kurz darauf errichtet worden sein. Das Gebäude wird bis zur Errichtung des Neubaues aus dem beginnenden 14. Jahrhundert gestanden haben.

 

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D. Um 1300: Die Erhöhung der Kirche

 

1. Die backsteinerne Chorerhöhung

 

Der folgende Bauabschnitt umfasste zunächst die backsteinerne Chorerhöhung. Das Mauerwerk ist bis auf das jetzt zugemauerte Spitzbogenfenster im wendischen Verband ausgeführt (Abb. V. 43). Innerhalb dieses Verbandes lassen sich zwei Abschnitte unterscheiden, die sich durch verschiedene Ziegelsteinfarben zu erkennen geben. Zum einen sind es die winkelförmigen Begrenzungen der Ostwand, zum anderen der Bereich um das Fenster sowie der Giebel (Abb. V. 40). Einen Abschnitt markiert auch die Rollschicht auf der linken Seite unterhalb des Zahnschnittfrieses (Abb. V. 47). Sie wird von der Südseite des Chores kommend um die Ecke geführt und bricht dann abrupt ab.

 

Unterhalb des zugesetzten Fensterbereiches sind zwei Feldsteinunterteilungen zu erkennen (Abb. V. 44). Neben und zwischen den Feldsteinlagen sind verhältnismäßig dunkle Ziegel verwandt worden, ähnlich denen in den Winkelbereichen. Das große Spitzbogenfenster ist im neuzeitlichen Blockverband geschlossen[180]. In der Mitte zeichnet sich eine schmale Segmentbogenöffnung ab, für die dunklere und größere Ziegel als Vermauerungsmaterial verwandt wurden.

 

Wie die unterschiedliche Farbe der Ziegelsteine anzeigt, ging dieser Bauabschnitt offenbar in zwei Phasen vonstatten. Der Mauerwerksverband ist zwar sämtlich der wendische und die Größe der Steine homogen, auf der Ostseite ist aber deutlich ein Wechsel des Backsteinmaterials festzustellen. Die Südwand des Chores scheint nach Ausweis der nicht direkt unter der Traufe sitzenden Rollschicht, die auf der Ostseite unvermittelt abbricht, als erstes errichtet worden zu sein (Abb. V. 47). Offenbar hatte man sich in der Höhe verschätzt.

 

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Die Nordseite unterscheidet sich durch die Hochkantschicht, die den feldsteinernen und backsteinernen Teil trennt (Abb. V. 55). Die Mauerabschlußschicht unter der Traufe ist jüngere Zutat. Die Ostseite ist vermutlich zuletzt errichtet worden (mittlerer Teil und Giebel).

 

Geringe Unterschiede zeigen auch die Fensterarten und -profilierungen. Das Fenster der Südseite ist zweibahnig mit blindem Bogenfeld, das auf der Nordseite hat hier zusätzlich einen Okulus (Abb. V. 50, 56). Bei dem östlichen Fenster handelte es sich um ein dreibahniges Fenster mit Lichtöffnungen in den Zwickeln (Abb. V. 60). Die Laibungen sind sämtlich doppelfasig abgeschrägt, jedoch sind die äußeren Bogenkanten der Fenster auf der Süd- und Ostseite (Innenansicht) mit einem Winkelstab belegt. Der Bogen des Ostfensters wird auf der Außenseite durch eine Flachschicht begleitet (Abb. V. 43).

 

Eine ähnliche Behandlung der Bogenkanten (mit Winkelstab) findet sich auch bei den fünf gestaffelten, spitzbogigen Blenden des Ostgiebels, die ansonsten einfach abgetreppt sind (Abb. V. 45, 46). Die drei mittleren umschließen Doppelblenden, die wiederum durch einen einfachen Rücksprung in das Mauerwerk eingebettet sind.

 

Ob eine Einwölbung des Chores beabsichtigt war, ist nicht mehr zu beurteilen, da Gewölbereste nicht vorhanden sind. Es wurde allerdings mehrfach vermutet, daß es sich bei der Flachdecke um ein Provisorium handele, da auch die ältere Balkendecke unter der sichtbaren Verschalung noch deutlich unterhalb des Chorbogens ansetzt (Abb. V. 71).[181]. Allerdings wird es sich bei der Triumphbogenwand um eine Baumaßnahme des 15. Jahrhunderts handeln, da hier ein ausgeprägter Fugenstrich vorhanden ist, der - zumindest in Zarrentin - erst später angewandt wurde (Abb. V. 72, 73). 

 

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a) Die Wandmalereien

 

Die Wandgemälde im Chor sind aus verschiedenen Gründen interessant (Abb. V. 64). Zum einen aufgrund ihrer Ikonographie und ihres Programmes, zum anderen aufgrund ihrer Entstehungszeit. Diese läßt Rückschlüsse auf den Zeitpunkt der Chorerhöhung zu. Hinsichtlich ihrer Ikonographie sowie der stilgeschichtlichen Einordnung sind die Gemälde hier nur bedingt von Belang. Eine eingehende Untersuchung würde eine eigenständige Arbeit bilden. Insofern kann an dieser Stelle nur eine Zusammenfassung der bisherigen Forschungen geleistet werden, der eine kurze Beschreibung der Bilder vorausgehen soll.

Die Beschreibung gliedert sich auf in die Malerei auf Feldsteinmauerwerk (unterer Teil) und in die Darstellungen in den Blendnischen (oberer Teil).

 

Auf der Südwand des Chores sind rechts vom Fenster in einem Feld mit roter Umrandung, das unten durch einen Ornamentfries begrenzt wird, drei Brustbilder von Heiligen - wahrscheinlich Fragmente von Ganzfiguren - wiedergegeben (Abb. V. 65). Links sieht man eine Frau mit Schleier, in der Mitte einen bärtigen Mann mit Kopfbedeckung und rechts etwas abseits eine Person mit halblangem Haar, Heiligenschein und Buch. Eine endgültige Klärung des Bildinhaltes ist hier nicht mehr möglich[182].

Bei dem ebenfalls fragmentarischen Gemälde links vom Fenster handelt es sich um eine Darstellung des zwölfjährigen Jesus

 

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unter den Schriftgelehrten. Das Bildfeld ist hier ebenso umrahmt.

 

Beiderseits des zugesetzten Mittelfensters der Chorostwand sind in Feldern mit roter Umrandung, aber ohne unteren Fries, Kain und Abel-Darstellungen angebracht.

Links vom Fenster ist das Opfer Kain und Abels abgebildet (Abb. V. 66).[183]. Die Figuren sind von Rankenbäumchen flankiert. Über der Szene erscheint in einer Mandorla Gottvater.

Bei dem Bild rechts vom Fenster handelt es sich um die Darstellung "Kain erschlägt Abel" (Abb. V. 67).[184]. Rechts des am Boden liegenden Abel wächst ein Rankenbäumchen empor. Wiederum ist am oberen Bildrand das Brustbild Gottvaters in einer Mandorla zu erkennen.

Von Bedeutung ist hier ein in das Bild eingefügtes Wappen, das als Stifterzeichen gedeutet werden muß. Es befindet sich über dem am Boden liegenden Abel und zeigt ein Schild mit einer schräg gelegten Leiter. Es ist das Wappen der Familie von Lützow[185].

 

Die quadratischen Bildfelder auf der Nordseite sind wiederum von einem dünnen roten Streifen gerahmt. Der untere Rand ist - wie auf der Südseite - durch einen gemalten, geometrischen Fries betont.

Links des Fensters ist eine Deesis-Darstellung abgebildet: Christus thront als Weltenrichter in der Mandorla, die von vier Engeln gehalten wird. Rechts und links der Glorie teilt ein waagerechter Streifen das Feld in zwei übereinanderliegende Bildflächen: Unten sind Maria und Johannes d.T. als

 

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Fürbitter dargestellt, oben die Engel mit den Leidenswerkzeugen Christi.

Das rechte Bild zeigt in einer runden Umrahmung eine Marienkrönung. Auf einer langen Bank empfängt Maria von dem neben ihr sitzenden Christus die Krone.

 

Die Wandblenden jederseits der Fenster im oberen Drittel der Umfassungsmauern sind jeweils mit Ganzfiguren der Apostel ausgefüllt. Im Norden und Süden sind sie paarweise in gekoppelten Blenden angeordnet, im Osten als Einzelfiguren[186].

Links vom Chornordfenster sind ein Heiliger mit Axt und

ein Apostel mit Schwert und Buch dargestellt (Abb. V. 68).[187]. Im Zwickel befindet sich der Markuslöwe. Die rechte Blende gibt Abbildungen von Bartholomäus (mit Messer) und Philippus (mit Kreuz)[188] wieder; im Zwickel: der Engel des Evangelisten Matthäus (Abb. V. 69).

Die Blenden der Ostwand zeigen links Petrus (mit Schlüssel) und rechts Paulus (mit Schwert und Buch) - die Schutzpatrone der Zarrentiner Kirche.

Links vom Südfenster sind Darstellungen von Johannes (mit Kelch) und Jakobus major (mit Stab und Buch) zu sehen. Im Zwickel steht hier der Adler des Johannes. Rechts in der Spiegelfläche wird sich vermutlich ursprünglich die der

 

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Symmetrie wegen noch fehlende Blende mit zwei weiteren Aposteln befunden haben. Hier könnte im Zwickel der Stier, das noch fehlende Evangelistensymbol des Lukas, dargestellt worden sein.

 

Ein weiteres Gemälde befindet sich in der Arkadenlaibung südlicherseits (Abb. V. 70). Es handelt sich um eine monumentale Christophorusdarstellung[189]. Das Bild zeigt den Heiligen als Ritter, der den Christusknaben (mit Reichsapfel) übers Wasser trägt.

 

 

Die Gemälde wurden bei der umfassenden Restaurierung der Zarrentiner Kirche 1905/06 unter einer Tünche wiederentdeckt und gründlich überarbeitet[190]. Der mittelalterliche Befund war vermutlich schon damals nicht mehr vollständig[191].

Im Rahmen der Instandsetzungen in den 90er Jahren waren die Wandgemälde Gegenstand verschiedener naturwissenschaftlicher Zweige. Zunächst wurde 1990 von Fred Kluth und seinen Mitarbeitern ein restauratorisches Gutachten erstellt[192]. Vom 26.-30. August 1991 schlossen sich im Rahmen einer Untersuchungskampagne als Pilotprojekt weitere Forschungen an, so die Untersuchung der Gemälde im UV-Licht durch Hans Peter Autenrieth und P. Turek[193]. Weiterhin wurde eine eingehende

 

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Beprobung der Wandmalereien "Kain und Abel" und "Marienkrönung" sowie der Malerei auf dem Pfeilerrest an der Nordostecke durchgeführt. Die Schwerpunkte lagen hierbei auf der Pigmentbestimmung, der Erstellung eines Feuchtigkeitsdiagrammes sowie der Putz- und Mörtelanalyse[194]. Durch die Infrarotaufnahmen wurden beispielsweise neue Erkenntnisse über einige, vom mittelalterlichen Befund abweichende Details der Fassung von 1906 gewonnen. 

Unabhängig von diesen Untersuchungen wurde durch zwei Studentinnen der TH Berlin eine Anamnese der Klosterkirche mit dem Schwerpunkt auf den Wandmalereien erstellt[195].

 

Kunstgeschichtlich wurden die Wandgemälde erstmals ausführlich durch Baier behandelt und in die Stilgeschichte eingereiht[196]. Nach Baier gibt es stilistische Unterschiede zwischen den unteren Darstellungen der Südwand und der übrigen Malerei. Die ältesten Bilder befinden sich danach auf der Südwand des Chores (drei Heilige, Christus im Tempel)[197]. Er erkannte eine Verwandtschaft mit den Wandbildern im Kreuzgang des Schleswiger Domes. So gleichen sich vor allem die Frau links und die Maria Magdalena der Schleswiger Kreuzigungsgruppe. Parallelen für den bärtigen Mann und den Heiland fand Baier in den Darstellungen der Kreuzigung (vornehmer Jude) und der Auferstehung (Christus)[198]. Baier kommt zu dem Schluß, daß mit einer unmittelbaren Abhängigkeit der Zarrentiner Bilder von der Schleswiger Darstellung gerechnet

 

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werden darf[199]. Die Bilder in Schleswig dürften wohl kurz nach 1320/25 entstanden sein[200].

 

Als nächstälteste Malerei erkennt Baier die Bilder der Nordwand, die er mit den Wandgemälden in Lichtenhagen und Petschow vergleicht[201]. Prägnant sei die ikonographische Übereinstimmung des Opfers Kain und Abels mit Toitenwinkel[202]. Baier hält es für wahrscheinlich, daß beide Darstellungen auf ein gemeinsames Vorbild zurückgehen. Die Apostelfiguren in den Blenden unterschieden sich dagegen von denen in Toitenwinkel, Petschow und Lichtenhagen durch ihre massive Behäbigkeit. Sie gehörten aber mit der flossenartigen Gestaltung ihrer Füße noch dem Typus des 14. Jahrhunderts an[203].

 

Nach Ansicht Baiers stammen die älteren Darstellungen aus der Zeit um 1340/50[204]. Die jüngeren Szenen sowie die Apostel datiert er zwischen 1380 und 1400[205].

 

 

2. Der Mauerrücksprung der Schiffssüdwand

 

Die drastische Chorerhöhung (von der alten Traufenhöhe zur neuen Traufenhöhe etwa 5 m) forderte auch die Erhöhung des Kirchenschiffes, deren neue Traufenhöhe in etwa durch den horizontalen Mauerrücksprung auf der Südseite markiert ist (Abb. V. 75, 76, 79).

 

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Eine ausgeprägte Staffelung der Bauteile wäre nur dann möglich, wenn sich die Traufe erheblich höher als der Rücksprung befunden hätte. Eine solche Annahme ist jedoch fraglich, vor allem, da sich keine Gewölbespuren im Innern nachweisen lassen. Das Schiff war aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls flachgedeckt, was gerade bei Zisterzienserinnenklöstern keine Seltenheit war[206]. Man hätte ohnehin eher den Chor als das Schiff überwölbt.

Die Kirche zeigt zu diesem Zeitpunkt somit eine Tendenz zum Einheitsraum, wie er durch die Kirchen der Bettelorden; vertreten ist[207].

 

Der Anlaß für die Aufstockung der Kirche dürfte der bevorstehende Bau des Kreuzganges gewesen sein. Vermutlich machte es auch die Nonnenempore erforderlich, das Kirchenschiff zu erhöhen.

 

 

3. Fenster und Giebelschmuck im Vergleich

 

Für eine Fixierung der zeitlichen Stellung dieses Bauabschnittes können die Fensterformen und der Giebelschmuck nur bedingt herangezogen werden. Der Zeitraum, in der solche Formen auftauchen ist zu groß, um die Chorerhöhung genauer einzugrenzen. Einige Beispiele sollen dies erläutern.

 

Ein frühes Vergleichsbeispiel für ein dreiteiliges, spitzbogiges Fenster mit Lichtöffnungen in den Zwickeln ist das Ostfenster der Kirche in Steffenshagen (Ldkrs. Bad Doberan)[208] aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts. Weitere

 

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Parallelen für diese Fenstergliederung stammen aus etwas späterer Zeit, so zum Beispiel in Bad Doberan[209] aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts. Hier sind überwiegend dreibahnige Fenster mit Lichtöffnungen in den Zwickeln vorhanden (Abb. VI. 263). Ebensolche Fenster befinden sich auch in verschiedenen mecklenburgischen Dorfkirchen aus dem 14. Jahrhundert[210].

 

Für das Nordfenster mit dem Okulus im Zwickel bietet das Ostfenster in Gudow (Krs. Herzogtum Lauenburg)[211] eine Parallele (Abb. VI. 243). Der Okulus ist hier jedoch nur als Blende ausgeführt. Die Veränderung und Erweitung des Chores dieser Kirche stammt aus der Zeit um 1300. Das Ostfenster selbst wird allerdings im 17. Jahrhundert verändert worden sein. Der Blockverband des backsteinernen Giebelteiles und die Glasmalerei mit Wappenscheiben von 1651 deuten darauf hin. Weiterhin sind die Schiffsfenster der Kirche in Parkentin (Ldkrs. Bad Doberan)[212], um 1300 bzw. Anfang 14. Jahrhundert, vergleichbar. Einige Fenster in der Klosterkirche Bad Doberan sind ebenfalls zweibahnig und mit Okulus versehen (Abb. VI. 263). Kreisförmige Durchbrechungen in den Scheiteln haben auch die zweibahnigen Fenster der Kirche zu Wienhausen aus dem beginnenden 14. Jahrhundert[213].

 

Einfache zweibahnige Fenster mit blindem Bogenfeld wie auf der Chorsüdseite sind noch der Frühgotik anzurechnen[214].

Derartige Fenster finden sich in der Klützer Kirche (Ldks. Grevesmühlen)[215] aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts.

 

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Blendengeschmückte Giebel erscheinen seit dem Übergangsstil[216]. Der Sägefries, über dem sich in Zarrentin die spitzbogigen Blenden erheben, wurde in der Gotik kaum noch angewandt[217]. Nach Kamphausen kommt er gar nur bis Mitte des 13. Jahrhunderts vor[218]. Andere Beispiele zeigen jedoch, daß das Deutsche Band gegen Ende des 13. Jahrhunderts noch ein typisches Bauornament dieser Zeit darstellt[219]. 

 

Giebelschmuck wie in Zarrentin findet sich an der Kirche in Stäbelow (Ldkrs. Rostock)[220] aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts. Die Blendenstaffelung ist ähnlich, eine Binnenverzierung sowie ein Sägefries o.ä. fehlen aber. Ebenfalls ohne weitere Gliederung sind die ansteigenden Blenden am Giebel der Kirche zu Lichtenhagen (Ldkrs. Rostock)[221]. Weiterentwickelt ist der Giebel der Hl.-Geist-Kapelle in Uelzen;[222], der eine differenziertere Profilierung der Blenden zeigt (Abb. VI. 265, 266). Auch hier sind wie in Zarrentin die äußeren Blenden einfach, die drei mittleren aber als Doppelblenden gegeben. Die Kapelle gehörte zu einem Hospital, das 1321 erstmals erwähnt wurde.

 

 

4. Datierung

 

Zur Datierung der Erhöhung von Chor und Schiff liefern die Wandgemälde den terminus ante quem 1380. Die Erhöhung kann prinzipiell schon vor Anbringung der älteren Gemälde 1340 stattgefunden haben. Dafür spräche das Wappen der Familie

 

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von Lützow. 1326 weilten die drei Schwestern Bertha, Godeland und Margaretha von Lützow im Kloster[223]. Seit wann die Schwestern im Kloster waren, geht aus der Urkunde nicht hervor.

Die Fensterarten und der Giebelschmuck sind in den Formen zu allgemein, als daß sie zu einer genauen zeitlichen Eingrenzung beitragen könnten. Die Erkenntnisse aus dem Abschnitt zur kunsthistorischen Stellung liefern lediglich einen Zeitraum von etwa Mitte 13. bis Anfang 14. Jahrhundert.

Die Errichtung des Klosterneubaues hingegen - eine Aktion des beginnenden 14. Jahrhunderts - ist in enger Abhängigkeit zu sehen und liefert einen weiteren terminus ante quem. Auch der stilistische Vergleich zeigt, daß die Erhöhung zeitlich davor und damit im ausgehenden 13. Jahrhundert abgeschlossen worden sein muß.

 

Leider wurde bei der dendrochronologischen Untersuchung die Balkendecke unter der heutiger Holzdecke nicht untersucht. Ein Ergebnis hätte unter Umständen Aufschluß hinsichtlich der Datierung der Chorerhöhung bringen können. So bleibt es unklar, ob sie dieser Bauperiode zuzurechnen ist. Die Sparren aus dem Dachwerk im Chor stammen im übrigen erst aus dem 16. Jahrhundert[224].

 

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E. Der mittelalterliche Turm

1. Der feldsteinerne Unterbau

 

Die Ziffern am Turm "1672" ließen bisher darauf schließen, daß zu dieser Zeit der gesamte Turmbau entstand (Abb. V. 139). Daß bis dahin aber bereits ein Turm aus Feld- und Mauersteinen stand, geht aus dem Baubefund und aus verschiedenen Quellen hervor. Der heutige Turm ist zwar im wesentlichen neuzeitlichen Ursprunges, doch deutet einiges darauf hin, daß ältere Bereiche in den Neubau mit einflossen. Bei dem neuzeitlichen Teil sind wiederum mindestens zwei Bauabschnitte zu unterscheiden.

 

Der Turm besteht aus einem Unterbau aus Feldsteinen, der sich über einem einfach gegliederten Sockel aus Granitquadern erhebt (an drei Seiten) (Abb. V. 139). Hierauf ist der Fachwerkaufsatz und das kleine bekrönende Fachwerktürmchen mit Helm errichtet. Nur auf der Nordseite besteht das Untergeschoß in erster Linie aus Ziegelsteinen. Hier sind auch zwei deutliche, vertikale Baunähte vorhanden. Eine Naht liegt an der Verbindung zum Kirchenschiff (Abb. V. 141). Die zweite liegt kurz vor dem nordwestlichen Eckpfeiler (Abb. V. 140). Östlich des Granitpfeilers ist noch ein schmaler Streifen aus Findlingen gemauert. Diese Zone ist vertikal mit Ziegelsteinen begradigt. Das sich daran anschließende Mauerwerk ist etwas zurückgesetzt.

 

Der Granitunterbau dürfte als ältester Teil erkannt werden. Die Steine sind nur grob behauen. Eine quadermäßige Bearbeitung wurde nur für die Steine des Sockelbereiches und der Portalumrandung durchgeführt (Abb. V. 139), 142). Die jüngeren Eckpfeiler, die nachträglich, vielleicht 1672 angesetzt wurden, sind ebenfalls aus Quadersteinen gebildet.

Eine vergleichende Gegenüberstellung des Granitmauerwerks mit dem feldsteinernen Chorunterbau ergibt, daß die Bereiche nicht gleichzeitig entstanden sein können. Der Chor wurde

 

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ohne eine profilierte Sockelzone ausgeführt. Hier war man aber stärker bemüht, durch die Auswahl gleich großer Steine eine gleichmäßige horizontale Schichtung zu erreichen (Abb. V. 42). Das Granitmauerwerk des Turmes hat demgegenüber besonders auf der Westseite eher die Tendenz zur Regellosigkeit.

Die backsteinerne Nordwand zeigt drei Bauabschnitte, von denen die Vermauerung des Fensters als der jüngste erkannt werden muß (Abb. V. 140). [225]. Der im Blockverband ausgeführte Bereich unterhalb des Fensters wird zeitlich davor liegen. Der übrige Bereich zeigt überwiegend Steine in Läuferansicht und wird vermutlich 1672 errichtet worden sein.

 

Im Turm selbst bietet sich ein weitaus komplexeres Bild, so daß konkrete Aussagen zu den einzelnen Bauabschnitten nur bedingt möglich sind. Erschwerend kommt hinzu, daß in jüngerer Zeit mehrfach Ausbesserungen vorgenommen werden mußten. Dadurch wird es extrem schwierig zu entscheiden, welche Bereiche dem Bau von 1672 oder gar einer früheren Bauperiode zuzuordnen sind. 

Vergleichsweise übersichtlich ist noch das Untergeschoß. Hier setzen sich die rechteckigen Bereiche über den Nischen und dem Portal durch ihre kleinformatigen Steine in Läuferansicht deutlich von dem übrigen Mauerwerk ab (Abb. V. 146). Sie sind einem jüngeren Bauabschnitt zuzuordnen. Das übrige Mauerwerk läßt per se keine Rückschlüsse auf den Zeitpunkt seiner Entstehung zu. Es besteht aus großformatigen Steinen des Formates 28 x 9 x 13 cm, die bis auf die Nischenrückwände keinem gängigen Verband zugeordnet werden können, da sie überwiegend Läuferansicht zeigen. Die Rückwände der Nischen sind dagegen im gotischen Verband vermauert. Die quadratischen Vorsprünge in den Ecken des Turmes könnten statische Gründe haben oder von einer geplanten Einwölbung zeugen (Abb. V. 145, 146).

 

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Problematischer ist die Beurteilung des ersten Stockwerkes. Die Ostwand bildet noch das geringste Problem, da sie durch ihr Steinformat und die Art des Verbandes den Wänden im Untergeschoß entspricht (Abb. V. 147). Das Backsteinmauerwerk aus großformatigen Steinen weist überwiegend Läuferansichten auf. Die Nische ist nordwärts verbrettert. Hier ist eine Tür eingefügt, die den Zugang zur Orgelempore vermittelt (Abb. V. 148). Vor dem übrigen Teil der Nische ist ein hölzerner Verschlag errichtet.

Auch die Nordwand ist noch verhältnismäßig eindeutig, da sie bis auf die Vermauerung des Spitzbogenfensters mit der Ostwand vergleichbar ist.

Die Südwand, die durch eine vertikale Baunaht von der Westwand abgesetzt ist, zeigt dagegen den wendischen Verband (Abb. V. 149, 150). Möglicherweise handelt es sich hierbei um die älteste Backsteinwand im Turm. Darauf könnte auch die Spitzbogenform innerhalb der Nische deuten (Abb. V. 149). Sie ist in Bindersteinen vermauert und könnte den Rest einer älteren Nische darstellen. Außerdem sind hier eingemauerte, zum Teil vorspringende Feldsteine vorhanden.

Die Westwand zeigt zwar hinsichtlich des Mauerverbandes (Kreuzverband;) ein eindeutiges Bild, beinhaltet aber zwei verschiedene Steinformate (Abb. V. 151). Da sich hier trotzdem ein einheitliches Bild ohne Putzstreifen um die Nische herum bietet, wird der Bereich insgesamt einem Bauabschnitt zuzuordnen sein. Ausschlaggebend für die Datierung werden die kleinformatigen Steine sein, die dem Reichsformat (25 x 12 x 6,5 cm) nahekommen. Ältere, größere Steine wurden hier vermutlich nur wiederverwandt. Lediglich die Nischenrückwand, die an dieser Stelle aus Feld- und Backsteinen besteht, wird älteren Datums sein. 

 

Es ist zu vermuten, daß der Turmkern, d. h. der größte Teil des Granitmauerwerkes, mittelalterlich ist. Zu dieser Zeit  wird er der Gemeinde gehört haben, denn für Zisterzienser bestand im allgemeinen ein Turmverbot.

 

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Die nachträgliche Errichtung eines Westturmes war eine übliche Angelegenheit. Viele kleinere Pfarrkirchen, die urprünglich turmlos waren, ließen später Turmbauten vorsetzten[226]. Einige Pfarrkirchen waren noch bis ins 17. und 18. Jahrhundert ohne westlichen Turmanbau, welcher dann jedoch meist aus Holz angefügt wurde.

 

Aus den Quellen geht hervor, daß der alte Turm schon 1644 ganz baufällig war[227]. Mehrfach wenden sich der Pastor und die Kirchjuraten an den Herzog und bitten um finanzielle Unterstützung bei der Restaurierung der Kirchengebäude und besonders des Kirchturmes. So schreibt der damalige Pastor Figuhl:

 

"(...) hiesiger Kirchen Turm ich bey antretung des Pfarrdienstes sehr baufällig befinden, und nunmehr besorge, daß er gahr herunter stürzen, die noch darin seyende gute Glocken zerfallen und sonst Aberdeme mehr Ungelegenheil abgeben dürfte. Ob ich nun woll mich den Kirchen Juraten eiserst bemühet diesen Vorkommen und den so baufälligen Turm in etwas wieder repariren zu lassen. So werden doch dazu nicht geringe Geldmittel erfordert, die bey diesen leider trüben Zeiten von der Kirche ohne das geringe gefällen und einkommen zu erheben und bey zu tragen unmöglich seyn. Ich aber dafür unterthänig, doch unmaßgeblich halten für, daß      wenn dieser Turm ietzo bey Zeiten herunter genommen, die Glocken nidergelassen und noch etwas gerettet würde, solches nicht undiensamb seyn dürfte. (...)[228]"

 

 

Ein Unwetter ließ den baufälligen Turm 1648 einstürzen, ehe es zu restauratorischen Maßnahmen kommen konnte. 1651 wendet sich der Pastor Figuhl erneut an den Herzog und bittet um Unterstützung bei der Restaurierung der Kirche[229]. In erster Linie geht es dabei um die Wiederherrichtung des Turmes.

 

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In dem Visitationsprotokoll von 1652 wird u. a. der reparaturbedürftige Zustand des Turmes - hier ausdrücklich als mit Feld- und Mauersteinen gemauert beschrieben - hervorgehoben:

 

"(...) Der Glockenthurm ist mit feldt undt Mauersteinen gemaueret, davon aber der thurm wegk, stehet nur noch das Mauerwerck, welches theils sehr untüchtich undt herunter genommen. Von neueren gemaueret und mit anderen wol verwahret worden, doferne das gemeuere bestandt haben soll. In diesem thurme ist eine Uhre, so nur die gantze stunden schleget, ist fertig undt stehet in einem holternen heuserlein, daran eine thür mit hespen undt krantze, hebey eine glocke.(...)[230]"

 

 

Wie andere Schriftstücke belegen, gab es offensichtlich aber nicht nur finanzielle Probleme, die den Wiederaufbau des Turmes behinderten, sondern auch noch Schwierigkeiten bei der Holzlieferung[231]. So verzögerten sich die Arbeiten.

Aus einem Brief der Kirchjuraten an den Herzog von 1668 geht hervor, daß 1659 endlich Holz und Kalk aus Kirchenmitteln "zu wieder auffbauung und umrüstung des Ao 1648 niedergeschlagenenen Kirchthurmes" eingekauft und herbeigebracht wurden[232]. Hierin wird auch berichtet, daß der Kirchturm "mehr denn auff die helfte an einer seite durch den Regen niedergespület" sei.

1662 war eine Anlage zur Restaurierung errichtet[233]. Über die schließlich durchgeführten Maßnahmen von 1672 gibt es keinerlei Dokumentationen. In dem Visitationsbericht von 1707 heißt es lediglich:

 

"(...) Der tuhrm ist ao. 1672 erst neu erbauet, nach unten zu mit einer guten Mauer versehen, nach oben zu aus Holtz und die taffeln gemaueret. Daß kleine türmchen darüber ist, ist mit span gedecket. In diesem tuhrm ist eine Schlag Uhre, außwendig mit einer

 

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Scheiben, und in allen 5 gute Klocken, doch von ungleicher Größe, alle mit gutem Zubehör. (...)[234]"

 

 

Es deutet aber alles darauf hin, daß der Neubau von 1672 nur einige Bereiche betraf. Die Aussage im Visitationsprotokoll von 1652, daß vom Glockenturm der Turm weg sei und nur noch das Mauerwerk stehe, ist wohl so zu interpretieren, daß ein Aufsatz, wahrscheinlich aus Holz, zerstört war[235]. Das Mauerwerk aus Feld- und Ziegelsteinen stand jedoch noch, war aber in Mitleidenschaft gezogen. Die Bemerkung: "Von neueren gemauereret undt mit anderen wol verwahret worden, doferne das gemeuere bestandt haben soll" ist daher als ein Vorschlag für Reparaturmaßnahmen zu verstehen.

Besonders schlimm stand es um eine Seite des Turmes. Sie wurde bei dem Unwetter bis auf die Hälfte niedergespült. Es handelt sich hierbei mit Sicherheit um die Nordseite (Wetterseite). Laut Bericht von 1707 wurde der Turm nach unten zu mit einer guten Mauer versehen. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, daß der gesamte Turmunterbau neu gemauert wurde. Dem Befund nach wurde nur die Nordseite in Backstein neu errichtet. Der übrige Feldsteinunterbau dürfte von einem früheren Bau übernommen worden sein. Dafür spricht auch, daß 1814 in Zusammenhang mit einer Auszwickung des Mauerwerkes von der "alten Feldsteinmauer[236]" gesprochen wird. Es scheint etwas unwahrscheinlich, daß damit eine etwa 150 Jahre alte Mauer gemeint sein soll.

 

Die These geht auch mit den Ergebnissen der Fundamenttiefen überein. Die Baugrunduntersuchungen ergaben eine örtlich große Dicke der Auffüllung vor allem an der Nordseite des Turmes (d = 2,0 m, im Gegensatz zur Südseite d = 0,7 m)[237].

 

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Die Unterkanten des Turmfundamentes sind zwischen ca. + 42,1 (Nordseite) bis ca. 42,7 m NN (Südseite) anzusetzen.

 

Hinsichtlich der Verbindung der Kirche zum Turm gibt das Visitationsprotokoll von 1652 Auskunft[238]. Zu dieser Zeit war der "giebel nach dem thurme wehrtes" mit Brettern verschlagen und vom Wetter ziemlich "unfertich" gemacht. Ursache dürfte der bereits verfallene Turm gewesen sein, der keinen Schutz mehr vor Regenwasser bot. Vielleicht hatte man deswegen zu dieser Zeit den Giebel notdürftig verbrettert. Ein gemeinsames Dach bestand vorher wahrscheinlich noch nicht[239].

Ob es bereits einen Zugang vom Turm in die Kirche gegeben hat, ist unklar.

 

 

2. Datierung

 

Zur Entstehungszeit der ersten Turmbaues lassen sich keine konkreten Aussagen machen. Sicher ist nur, daß der Turm nicht gleichzeitig mit dem Chorraum entstand, sondern im Laufe des Mittelalters angefügt wurde.

 

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F. Die Klostergebäude 1300-1350

1. Der Klausurostflügel

 

Das heutige Klostergebäude wird entgegen der herrschenden Ansicht nicht bereits Mitte des 13. Jahrhunderts, sondern erst ab 1300 errichtet worden sein (Abb. III. 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37). Dafür sprechen nicht nur die Bauformen. Wie die Bodenuntersuchung ergab, sind die Fundamente auf einer mittelalterlichen Aufschüttung gegründet[240].

 

Es gilt zu berücksichtigen, daß das ursprüngliche Fußbodenniveau wesentlich niedriger lag. Grabungen im Refektorium haben ergeben, daß der ursprüngliche Ziegelfußboden 0,90 m unter dem heutigen Fußboden liegt (Abb. V. 215). [241]. Eine mittelalterliche Unterkellerung gab es in diesem Gebäude nach archäologischem Erkenntnissen nicht. Ursprünglich wird es also kein rein wirtschaftlich genutztes Gebäude gewesen sein.

 

Anhand der verschiedenen Mauerverbände, der unterschiedlichen Ziegelsteingrößen und der Bauweise der Wände innerhalb des Gebäudes lassen sich verschiedene Bauperioden nachweisen. So heben sich deutlich die neuzeitlichen Mauerwerksbereiche durch ihre kleinformatigen Ziegel und den Blockverband ab (Abb. V. 156, 157, 158, 159). Mittelalterliche Ziegel zeigen das Klosterformat: 27/28 x 8/9 x 13/14 cm. Später eingezogene Fachwerkwände oder Wände in Leichtbauweise sind ausreichend nachgewiesen. Die Lage der massiven Wände aus der ersten Bauphase kann somit als sicher gelten, was nicht zuletzt durch die Säulenstellung bestätigt wird. Auch die Verteilung der Spitzbogenöffnungen auf der Ostseite läßt Rückschlüsse auf die Innenaufteilung zu.

 

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Neuzeitliche Maßnahmen sind zudem relativ gut durch Schriftstücke belegt, so daß eine konkrete Aussage über den mittelalterlichen Bestand getroffen werden kann.

 

Bemerkenswert ist die Verwendung von schwarz glasierten Formsteinen. Der alte Sockel des Gebäudes war nach Ausweis der Fragmente bei Spitzbogen Nr. 1 und Nr. 3 (Osten), bei dem westlichen Spitzbogen (Süden) und zwischen mittlerem und östlichen Spitzbogen (Norden) durch Glasursteine in Form einer einfachen Schrägung abgeschlossen (Abb. V. 172, 184).  Diese Steine tauchen mehrfach als Gesims in den Giebelwänden auf. Für die Gliederung des nördlichen Giebels wurden auch andere glasierte Formsteine verwandt (Abb. V. 179, 180). Reste einer Glasur wurden auf Bogenteilen innerhalb des Südgiebels und auf der Abdeckung des nördlichen Eckpfeilers nachgewiesen[242]. Außerdem befinden sich noch glasierte Formsteine als Sockelabschluß am südlichen Eckpfeiler (Abb. V. 183).

 

Unklar ist die Funktion der mittelalterlichen Segmentbogenöffnung (1,86 x 1,05 m) bei Spitzbogen Nr. 7 auf der Ostseite (Abb. V. 167, 168). Die Öffnung ist in eine 2,15 m hohe und 1,60 m breite Vorlage gebettet, deren linke Kante direkt an den Spitzbogen anschließt. Dieser ist dadurch im unteren Teil nicht abgefast. Die Öffnung wurde zweimal verändert, zuletzt unterhalb eines Sturzes und hier zurückgesetzt als segmentbogige Kelleröffnung gestaltet. Vielleicht handelt es sich ursprünglich um eine Pforte, die den Durchgang zum Garten vermittelte. Auf der Innenseite, d.h. also im heutigen Keller, ist nur die innere, neuzeitliche Segmentbogenöffnung sichtbar (Abb. V. 234; vgl. a. Abb. III. 35). Die mittelalterliche Öffnung ist durch das Kellergewölbe verdeckt. Das Fragement einer entsprechenden Öffnung auf der gegenüberliegenden Wand zum Kreuzgang könnte mit der alten Pforte in Zusammenhang stehen (Abb. V. 196, 197).

 

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Probleme wirft auch der Schornstein bei Spitzbogen Nr. 8 auf der Ostseite auf (Abb. V. 166). Er gehört nicht dem Ursprungsbau an, da er der Öffnung vorgelagert ist. Nach Ausweis der Ziegelsteine ist er aber vielleicht noch mittelalterlich[243]. Es stellt sich hier dann aber die Frage nach dem Zweck. Er könnte zu einem Heizsystem gehören, nur gab es keine mittelalterliche Unterkellerung. Innen, bei Joch Nr. XVI, ist der Schacht als 0,70 m breiter Rücksprung in der Vermauerung zu sehen. Im Kellerbereich gibt es keine weiteren Hinweise.

 

Auf der Ostseite ist zwischen Spitzbogen Nr. 4 und Nr. 5 in der achten Zie­gelsteinlage ab dem heutigen Fußboden ein Stein mit einer Ziegelmarke ins Mauerwerk eingefügt (Abb. V. 173). Der Stein setzt sich schon durch seine intensivere, rostrote Farbe, durch die verhältnismäßig glatte Oberfläche und durch das ungewöhnliche Maß von 16 x 10 cm vom übrigen Mauerwerk ab. Das strahlenförmige Motiv in Viertelkreisform füllt die rechte untere Ecke des Steines aus[244]. Ob dieser Stein dem Ursprungsbau angehört, dürfte zweifelhaft sein. Leider habe ich nicht in Erfahrung bringen können, welche Ziegelei dieses Motiv als Stempel verwandt hat.

 

Ein anderes Problem betrifft die Rollschicht auf der Nordseite (Abb. V. 174, 175). Sie wird von den beiden Spitzbögen durchschnitten, ist aber nicht bis zu den Mauerkanten fortgeführt. Sie ist nicht auf ein Stockwerk bezogen, ihr Dekorationswert zweifelhaft. Auf der südlichen Giebelwand findet sie sich nicht. Allerdings befindet sich in der Kirche im Mauerwerk zwischen den Spitzbögen der Nordkapellen eine vergleichbare Rollschicht (Abb. V. 120). Hier besteht ein Zusammenhang, der aber wohl nicht zeitlicher Natur ist.

 

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Es fällt auf, daß die Luken auf der Westseite zu Dreiergruppen geordnet sind, im Osten dagegen keine Gruppierung vorhanden ist. Es gibt zwei Erklärungsmöglichkeiten: Zum einen könnte diese Anordnung einen inhaltlichen Grund haben. Hier ist auf den Symbolwert der Zahl Drei zu verweisen[245]. Zum anderen könnte die Gliederung aus einer praktischen Notwendigkeit heraus entstanden sein. Man wird schon sehr bald bemerkt haben, daß Pfeilervorlagen unabdingbar waren. Möglicherweise plante man sie daher auf der Westseite von Anfang an mit ein[246].

 

Die Eckpfeiler wurden nachträglich angebracht. Sie waren hier ursprünglich nicht geplant. Als Folge der Fundamentsituation wurden offenbar schon früh Schäden am Mauerwerk hervorgerufen, so daß man bereits im Mittelalter Eckstrebepfeiler anbrachte. Beispielsweise ist neben dem linken Fenster auf der Nordseite ein deutlicher Riß im Mauerwerk vorhanden. Vermutlich drohte das Mauerwerk abzusacken und man mußte durch Strebepfeiler stützend eingreifen. Sicherlich wird man auch Pfeiler an den Längsseiten vorgelagert haben (Abb. V. 158). In den Unterlagen zum Brauereiumbau im 18. Jahrhundert werden ältere Pfeiler erwähnt, die beseitigt werden sollen[247]. Folglich wird man von einem mittelalterlichen Stützsystem ausgehen müssen. Die diagonale Anordnung der Eckpfeiler seewärts deutet auf das Spätmittelalter. Auf der gegenüberliegenden Seite war diese Anordnung nicht möglich, da hier ein weiterer Klausurflügel anschloß.

 

Die Zahl der Joche im Kreuzgang ist symbolhaft zu verstehen. Hier wird auf die zwölf Apostel angespielt, der Kreuzgang als Raum zwischen Himmel und Erde ausgewiesen[248]. Jedes Joch besitzt

 

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eine lichte Länge von etwa 3,70 m (gemessen von Konsolmitte zu Konsolmitte).

 

Die breitere Arkadenöffnung bei Nr. 12, die sich im Innern abzeichnet, stellte die Verbindung zum Kreuzgangsüdflügel her[249]. Der Kreuzgangnordflügel schloß sich an das nördliche Joch an. Die Art der Verbindung kann z. Zt. noch nicht geklärt werden. Auf dem Plan von Lorenz ist ein Spitzbogen eingezeichnet (Abb. III. 19). Eine spätere Freilegung könnte hierzu weiteren Aufschluß geben.

Zum Garten war der Kreuzgang also ursprünglich durch zehn Spitzbögen geöffnet. Es läßt sich nicht mehr sagen, ob die Arkatur von Anfang an eine Verglasung erhalten hat. Bei den Grabungen gefundene Glasscherben mit Spuren von Malerei zeigen aber, daß der Kreuzgang zumindest im Laufe des Mittelalters verglast wurde.

Die Abstemmspuren an den unteren Teilen der Arkadenlaibungen bis zu einer Höhe von ca. 0,55 m (gemessen vom heutigen Fußboden) deuten auf die Beseitung einer Mauerbank (Abb. V. 188, 189). [250]. Soweit feststellbar bestand bis auf die Anschlüsse der Kreuzgangflügel im Süden und Norden eine durchgängige Brüstung. Es gab also auf dieser Seite keinen Zugang zum Garten.

 

Hinsichtlich der Verteilung der beiden Konsoltypen ist von Bedeutung, daß Laubwerkkonsolen nur auf der Ostwand im Kreuzgang anzutreffen sind. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand, wenn man den Kreuzgang als Einheit von Kreuzgarten und Kreuzumgang und damit als dualen Raum versteht[251]. Bei

 

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dieser Betrachtungsweise treffen Architektur und Natur, Licht und Schatten, sowie Innen und Außen aufeinander und bedingen sich gegenseitig. Die Arkatur, die ursprünglich zum Garten hin geöffnet war, hat gleichzeitig trennende und verbindende Funktion[252]. Sie bildet die Raumgrenze. Der Plastik im Kreuzumgang fällt die Aufgabe zu, zwischen Natur und Architektur zu vermitteln. Mit in Stein gehauener Natur versuchte man einerseits diese Grenze zu mildern und andererseits die Einheit von Gang und Garten zu bewahren. Auch der aufwendig gestaltete Schlußsteinschmuck findet seine Erklärung in dieser integrativen Sichtweise. 

 

Im Kreuzgang und im Raum IX-XII enden die Gewölberippen in reliefierten Schlußsteinen. Die übrigen Schlußsteine im Klostergebäude sind - mit Ausnahme des Refektoriums, welches ganz ohne dieses Bauglied auskam - quadratisch. Für diese plötzliche Schlichtheit muß es eine Erklärung geben. Man möchte hier vielleicht noch an untergelegte, hölzerne Scheiben denken wie sie im Ostflügel des Lübecker Burgkloster und später noch im St. Annenkloster zu finden sind[253]. Dagegen spricht der Raum, wo sich jeweils zwei größere und zwei kleinere Steine diagonal gegenüber befinden. Diese Anordnung ist auf Ansicht bedacht. Hier erscheinen hölzerne Scheiben sinnlos.

 

Verschiedene, zum Teil veränderte Portale führten vom Kreuzgang aus zu den Klausurräumen. Mit Sicherheit ursprünglich

 

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ist das Portal bei Nr. 12 (Abb. V. 199). Es ist mehrfach abgefast. Der Bogenteil ist noch vermauert, so daß der spitzbogige Abschluß nur vermutet werden kann[254]. Die Öffnung besitzt eine lichte Breite von 1,10 m.

Bei Nr. 11 handelt es sich um einen Rundbogen mit Fasenprofil (Abb. V. 198). Seine lichte Höhe beträgt 2,16 m, seine lichte Breite 1,80 m. Ein Fasenprofil eines anderen, vermutlich älteren Bogens ist links in der Laibung zu sehen. Hier ist eine spitzbogige Öffnung anzunehmen.

Im vierten Joch von Süden (Nr. 9) ist unter der Konsole noch ein Rest einer segmentbogigen Öffnung (mit Fasenprofil ?) zu erkennen (Abb. V. 195, 196, 197), die vielleicht auf die auf der Ostseite zu sehende Segmentbogenöffnung Bezug nimmt und somit den Durchgang zum Garten vermittelte.  

Bei Nr. 7 gelangte man durch ein rundbogiges Portal (2,40 x 1,06 m), das 1995 nach Befund neu aufgemauert wurde, in den dahinterliegenden vierjochigen Raum (Abb. V. 194). Möglicherweise handelt es sich hier um die spätere Veränderung eines urspünglichen Zuganges, dessen Laibungskanten sicher abgefast waren.

Ob es sich bei den beiden überdurchschnittlich hohen und weiten Rundbögen ohne Gewändeprofilierung bei Nr. 4 und 5 noch um mittelalterliche Zugänge handelt, ist zweifelhaft (Abb. V. 190, 192). Der Größe (3,70 x 2,50 m) nach zu urteilen waren es offene Portale, wie sie etwa auch für Kapitelsäle üblich waren[255]. Auf eine spätere Veränderung deutet hier allerdings ein originales Spitzbogenfragment mit Fasenprofil am westlichen Schenkel des Rundbogens bei Nr. 5 (Abb. V. 191).

Weitere Verbindungstüren gab es zum Treppenhaus, zum zweijochigen Raum und von hier zum Klausursüdflügel. Durch einen Rundbogen bei Joch Nr. XVII, der entsprechend ausgebildet ist wie bei Nr. 11, gelangte man zur mittelalterlichen Treppe. Nach Ausweis eines Fragmentes war der in der Verlängerung

 

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des Kreuzganges liegende Raum bei Joch Nr. XXIV zu dem vierjochigen Saal durch eine Tür mit Fasenprofil verbunden (Abb. V. 200). Außerdem bestand hier ein rundbogiger Zugang zum Klausursüdflügel, der aber nur noch auf der Außenseite ablesbar ist, da die Innenwand im unteren Teil verputzt und mit Tapete versehen ist (Abb. V. 163).

In der Wand zwischen Raum IX-XII (bei Nr. XII) und dem südlich anschließenden Raum ist eine originale, segmentbogige Fensteröffnung vorhanden, die über dem Kellergewölbe liegt (Abb. V. 233). Diese Luke ist auch auf dem Plan von Lorenz vermerkt (Abb. III. 20). Eine andere Verbindung zwischen den Räumen gab es vermutlich nicht[256].

 

Die Kreuzrippengewölbe sind spitzbogig, die Gewölbekappen partiell als Ährenwerk/Fischgrat gemauert[257].

Im freigelegten Bereich des Raumes XIII/XIV ist deutlich zu sehen, daß für Schildbogen und Diagonalrippen/Gurtbogen unterschiedliche Formsteine verwandt wurden (Abb. V. 202, 203). Die Schildbögen bestehen aus einem einfachen, gespitzten Stab. Die übrigen Rippen zeigen ein differenzierteres Profil. Der Birnstab mit abgeplatteter Nase liegt hier vor Kehlen, die seitlich leicht ausladen und in Wülsten auslaufen, um wiederum mit Kehle und Wulst abzuschließen.

Der bei Erdarbeiten gefundene Gewölbestein kann nicht im Klostergebäude untergebracht werden[258].

 

Die ursprüngliche Farbgebung ist durch die restauratorische Untersuchung geklärt worden[259]. Wie die Rußspuren direkt auf  Ziegelsteinen zeigen, war das Kloster vermutlich einige Zeit lang ziegelsteinsichtig, wobei die Gewölberippen mit einem glänzenden, kolophoniumhaltigen Überzug hervorgehoben waren.

 

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Wie lange das Gebäude in diesem schlichten, aber äußerst materialbetontem Zustand gestanden hat, läßt sich nicht sagen. Laut Bericht der Restauratoren muß von einer frühen, hellen Kalktünchung der Wände und Gewölbe mit Ausnahme der Rippen ausgegangen werden. Diese Fassung steht möglicherweise in Verbindung mit einem Brand, den es im Kloster gegeben hat (Rußspuren auf originalem Ziegelstein bzw. Säulen, Abb. V. 216)[260]. Ein Brand mag auch die Ursache dafür sein, daß viele Konsolen und teilweise auch Rippen beschädigt wurden bzw. verlorengingen und durch granithaltigen Gußstein ersetzt werden mußten. Es steht fest, daß es schon früh zu Ergänzungen und Neuanfertigungen aus diesem Kunststein gekommen sein muß.

 

 

a) Rekonstruktion / Der Visitationsbericht von 1576

 

In Zusammenhang mit dem Umbau des Klostergebäudes als Jugendherberge, erstellte A. F. Lorenz 1927 bereits einen Wiederherstellungsversuch (Abb. VII. 306). Seinem Vorschlag ist im großen und ganzen zuzustimmen. Die Überhöhung der Giebelwände um etwa 2,50 m, die durch die Rekonstruktion der Blendengliederungen bedingt wird, halte ich allerdings für problematisch. Es zeigt jedoch das Dilemma, daß die sicherlich richtig rekonstruierte Blendendisposition eine steilere Dachschrägung voraussetzt. Möglich wären hier aber auch Treppengiebel. Die eingezeichneten Tondi im Südgiebel sind dagegen reine Spekulation. Sie wurden vermutlich von dem westlichen Propsteigiebel von Kloster Sonnenkamp abgeleitet[261].

 

Der Aufteilung des Erdgeschosses bei Lorenz ist nichts entgegenzusetzten. Die beiden nördlich eingezeichneten Zugänge von Joch Nr. 1 und 2 zum achtjochigen Saal sind hier mit

 

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Fragezeichen versehen, ebenso der Zugang zum Raum IX-XII und ein weiterer links des Treppenhauses bei Joch Nr. 9. Die erstgenannten Verbindungstüren möchte ich bezweifeln. Die Ursprünglichkeit des Rundbogens zur Küche ist wegen der Höhe ebenfalls fraglich. Die Lage des Zuganges bei Joch Nr. 7 dürfte aber zutreffen. Ebenso halte ich die Tür bei Joch Nr. 9 für ursprünglich. Eine Verbindung war hier sicherlich zu der gegenüberliegenden Segmentbogentür bei Spitzbogen Nr. 7 (Ostseite) gegeben. Somit wäre hier ein Durchgang zum Garten zu rekonstruieren.

Ob es eine originale Verbindung vom Kreuzgang zum Raum XXIII/XXIV gab - wie bei Lorenz vermerkt -, ist derzeit nicht feststellbar.

Das Treppenhaus und der Schornstein wurden von Lorenz bereits als mittelalterliche Veränderung erkannt und angeführt.

 

Die Disposition der Räume um den Kreuzgang wirft einige Fragen auf. Die Quelle, die die Räumlichkeiten erstmals benennt, stammt erst aus nachklösterlicher Zeit. In diesem Visitationsprotokoll aus dem Jahre 1576 heißt es:

 

 

 

"Dass Closter Ambt Zerrentin

    I.

Die seite des Creutzgangs nach dem Sehe warttß ist gewelbet vnd aufgemauret. Daruber sein drei vndt dreissig Sparren, welche mit einem duppelten Zigeltach gedecket. Das Tach aber ist vndicht vnd bedarff besserung.

Vber diesem gewelbe ist ein gepflastert bodden von Maursteinen, daselbst ist vorin das schlaffhaus gewesen, vnd wirdt itzo zum Kornhause gebrauchet. Hierunter ist nach dem Bawhoffe wartts der Reuenter. Darin sein 4 Lufftenn mit altenn gemhaltenn vnd zubrochen Fenstern. - 2. Die Küche. - 3. Vnsers seligen gnedigen Fursten vnd herrn - - Stube vnd Cammer. - 4. Das Brawhaus. - 5. Der Hertzogin Gemächer (drei).

    II.

Die ander seite des Creutzganges ist auch gewelbet vnd gehet nach dem Bomgartenn; - - bedarf grosse besserung. Die vbrigenn beiden seitenn des Creutzganges, vonn welchem die eine seite gantz vnd gar eingefallenn, hatt

 

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darinn begebene Jungfraw Margareta Pentzenn ein, vnd ist die eine noch stehende seite tachloß vnd bawfellig vnd bedarff nötiger besserung[262]."

 

 

Danach befanden sich im Ostflügel das Refektorium (Reuenter = Remter), die Küche, eine Stube und Kammer des Fürsten, das Brauhaus und drei Gemächer der Herzogin. Das Refektorium wird als zum Bauhof gerichtet beschrieben, lag also im nördlichen Teil des Ostflügels[263]. Somit hat es sich bei dem achtjochigen Saal um den Speiseraum gehandelt. Mit der Küche müßte dann der daran anschließende vierjochige Raum gemeint sein. Nach der Anzahl der genannten Räume zu urteilen, wird man damals bereits Veränderungen vorgenommen haben. Laut zisterziensischem Idealplan wären im Ostflügel Sakristei, Armarium, Kapitelsaal, Auditorium und Mönchs- bzw. Nonnensaal (von Norden nach Süden) zu erwarten (Abb. VI. 302)[264]. Am südlichen Ende des Kreuzgangostflügels befand sich üblicherweise die Wärmestube. Das Restauratoren-Team Böddeker/ Schlichting hat versucht, diesem Ideal genüge zu tun und eine entsprechende Rekonstruktion gezeichnet (Abb. VII. 314)[265]. Es wurde dabei argumentiert, daß die bisherige Hypothese zur Raumabfolge, die auf dem Bericht von 1576 basiert, im starken Kontrast zur Zisterzienser Bauordnung stünde.

 

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Dem ist im Grunde zuzustimmen. So bestünde die Möglichkeit, daß die Räume zur Klosterzeit anders genutzt wurden. Refektorium und Küche, die stets beieinander lagen, könnten sich bis zur Auflösung des Klosters gemäß dem Idealplan im Südflügel befunden haben. Dieser war in Zarrentin 1576 schon baufällig. Daher könnte man für die letzten, noch im Kloster lebenden Nonnen diese notwendigen Räume in den Ostteil verlegt haben[266]. Der Visitationsbericht trüge dann den veränderten Gegebenheiten Rechnung. So wird auch das Brauhaus nicht von Anfang an im Osttrakt gelegen haben. Es muß also angenommen werden, daß ein Großteil der Räumlichkeiten hier erst nach der Säkularisation des Klosters eingerichtet wurde.

 

Andererseits widersprechen die Aufteilung des Gebäudes und die Raumgrößen grundsätzlich dem zisterziensischen Ideal. Der Kapitelsaal würde beispielsweise nach diesem Modell überdurchschnittlich groß ausfallen[267]. Auch wäre für eine Wärmestube eine Unterkellerung notwendig, die hier aber nicht nachgewiesen wurde[268]. Der zisterziensische Idealplan 

 

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kann vermutlich nicht ausschließlich als Maßstab angelegt werden. Man wird darüber nachdenken müssen, inwieweit bei Frauenklöstern Abweichungen von den Bauidealen die Regel waren[269].

 

Denkbar wäre auch, daß ein eigentlicher Kapitelsaal nicht vorhanden war. So verzichtete man in kleineren Konventen mitunter auf einen zusätzlichen Versammlungsraum. Hier wurde etwa das Refektorium oder das Äbtissinnenzimmer (Lübeck, St. Johannis) für diese Zwecke mitbenutzt. Zum Teil wurden die Kapitel auch auf der Empore abgehalten[270].

Es besteht auch die Möglichkeit, daß der Kapitelsaal in Zarrentin zum Beispiel mangels eines noch nicht erbauten Südflügels als Refektorium diente und eine spätere Verlegung des Speisesaals unterblieb.

 

Es gibt allerdings auch Kriterien für die Bestimmung als Kapitelsaal bzw. als Refektorium. Der Speisesaal war durch ein Portal zugänglich, das oft aus der Fülle der anderen Zugänge herausragt[271]. Dem Raum gegenüber lag eine Waschstätte, entweder ein Brunnenhaus; im Kreuzgarten oder zumindest ein Handwaschbecken neben dem Portal oder gegenüber im Kreuzgang[272]. Meist gab es eine Verbindungstür zwischen dem Refektorium und der benachbarten Küche (Bersenbrück). Auch zwischen Kreuzgang und Kapitelsaal, der häufig mit einer

umlaufenden Mauerbank versehen war, gab es eine besondere Verbindung: Der Zugang war häufig von Doppelfenstern flankiert[273]. So auch im Zisterzienserinnenkloster Himmelspforten (Würzburg)[274].

 

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Ein jetzt vermauertes frühgotisches Portal führte vom Kreuzgang aus zu einem dreijochigen Raum[275]. Nach Ausweis der diesen Zugang flankierenden Zwillingsfenster handelte es sich bei dem Raum ursprünglich wohl um den Kapitelsaal;[276]. Solche, das Kapitelsaalportal flankierende Doppelfenster gibt es u. a. auch in Mariental bei Helmstedt[277].

 

Leider sind augenfällige Merkmale der genannten Art in Zarrentin nicht erhalten. Nischen für Handwaschbecken (oder auch für Bücher) sind im Kreuzgang nicht vorhanden. Es soll sich ein Brunnen in der Nähe des Ostflügels befunden haben. Wo der Zugang lag, ist unsicher.

Eine Querverbindung konnte nur von der "Küche" zum benachbarten südlichen Raum festgestellt werden (Abb. V. 233).

Für die Deutung des "Refektoriums" als Kapitelsaal gibt es keinerlei konkrete Anzeichen.

 

Die unterschiedliche Gestaltung der Schlußsteine - im örtlichen Zusammenhang gesehen - könnte hier schon eher eine Lösung liefern. Während die schmuckreichere Ausstattung in der Funktion des Kreuzganges mit seinem sakralen Charakter begründet liegt, hat man für Räume des profanen Bereiches einfachere Dekore gewählt. Demnach kann es sich bei dem Raum Nr. IX-XII, wo wie im Kreuzgang runde Schlußsteine vorhanden

 

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sind, keinesfalls um die Küche gehandelt haben. Es ist wohl kaum denkbar, daß man einen der Wirtschaft vorbehaltenen Raum stilistisch mit dem Kreuzgang gleichsetzte. Also wäre zu überlegen, ob dieser Raum ursprünglich eine andere Funktion erfüllte. Und hier wäre lediglich an einen Kapitelsaal zu denken. Das achtjochige Refektorium könnte, da somit die benachbarte Küche und eine Wärmequelle fehlte, als Sommerrefektorium benutzt worden sein (Abb. VII. 315). Die übrigen Räume könnten abgeleitet von dem Idealplan und der Rekonstruktion von Böddeker/Schlichting als Nonnensaal, Novizinnensaal und evtl. Wärmestube genutzt worden sein.

 

Über die ursprüngliche Raumaufteilung des Obergeschosses ist nichts bekannt. Es gilt aber als gesichert, daß sich hier das Dormitorium der Nonnen befunden hat. Die anfänglich noch ungeteilten Schlafsäle lagen üblicherweise in diesem Trakt. Daß es auch in Zarrentin so war, wird in der Beschreibung des 16. Jahrhunderts bestätigt, wo es heißt: "(...) daselbst ist vorin das schlaffhaus gewesen, (...)[278]". Möglicherweise wurde dieser Saal im Laufe des Mittelalters durch hölzerne Wände in einzelne Zellen unterteilt, die über einen Mittelgang zu erreichen waren.

Auf dem Plan von Lorenz (Schnitt a-b) sind nischenartige Aussparungen zwischen den Luken auf der Innenwand verzeichnet, die heute nicht mehr sichtbar sind (Abb. III. 020). Mit Sicherheit handelt es sich hierbei um Büchernischen. Solche waren in der Regel auch im Kreuzgang vorhanden, doch lassen sie sich hier nicht nachweisen.

Über die ursprüngliche Nutzung des Dachbodens wissen wir nichts.

 

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b) Bauverlauf

 

Allem Anschein nach wurde der Bau relativ zügig errichtet. Dafür spricht der einheitliche Charakter des Gebäudes.

Einige Ungereimtheiten fallen jedoch auf. So gibt es eine kleine Unregelmäßigkeit im Grundriß, die allerdings nur im Plan Stand 06.1991 zu erkennen ist: Die Westseite ist hier etwas länger als die Ostseite wiedergegeben (Abb. III. 029). Die Nordseite schließt sich daher leicht schiefwinklig an. Eine ähnliche Anordnung zeigt auch das Kloster Wienhausen. Hier schließt der Westflügel nicht im rechten Winkel zu der Achse von Nonnenchor und Kirche an[279]. Appuhn vermutet, daß diese Unregelmäßigkeit auf Vorgängerbauten zurückzuführen ist[280]. Der Westflügel sollte hier die Verbindung zwischen dem Nonnenchor und einem bereits bestehenden Brunnen herstellen.

 

Interessant ist die Gewölbeausbildung im Bereich der mittelalterlichen Treppe. Die Vermutung lag nahe, daß das Treppenhaus erst nach Fertigstellung der Gewölbe eingebaut wurde, da Rippen und Kappen hier wie "abgeschnitten" wirken. Außerdem ist bei Joch XVII die Konsole zur Treppenhauswand nicht, wie zu erwarten, als Eckkonsole ausgebildet, so daß man hier einen weiteren Anhaltspunkt für die nachträgliche Veränderung findet. Durch Zufall erfuhr die Annahme Bestätigung: Im Joch Nr. XIII kann man durch ein Treppenhausfenster den Bereich der ehemaligen Anlage überblicken (Abb. V. 204, 205, 206, 207, 208). Hier befindet sich etwas weiter unten ein Loch im Treppengewölbe, durch das man die erhalten gebliebenen Rippen des westlichen Gewölbeteils von Joch Nr. XV sehen kann. Die Treppe gehört somit nicht dem ersten Bau an, wird aber im Laufe der Mittelalters eingebaut worden sein[281]. Ihre Lage entspricht nicht der üblichen Anordnung. In der Regel errichtete

 

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man die Treppenhäuser quer zum Kreuzgang[282]. Wo sich die ursprüngliche Treppe befand, läßt sich nicht mit Gewißheit sagen. Sie könnte aber im Kreuzgang gelegen haben.

Eine solche Treppenanlage besteht auch im ehemaligen Frauenkloster Isenhagen (Zist.) und war auch im verlorenen St. Johanniskloster der Zisterzienserinnen in Lübeck vorhanden[283].

Dann wäre folgender Bauablauf denkbar: In einem ersten Bauabschnitt erfolgte die Einwölbung der Klausurräume mit Ausnahme der "Küche". Als man zu einem späteren Zeitpunkt den Kreuzgang und die "Küche" einwölben wollte, mußte man das Treppenhaus verlegen.

Die unterschiedliche Gestaltung der Schlußsteine signalisiert zwar diesen zeitlichen Unterschied, erklärt sich indes nicht ausschließlich durch fortgeschrittenere Gestaltungsmöglichkeiten. Wie bereits gezeigt, ist das reiche Baudekor von Kreuzgang und "Küche" auch an die unterschiedlichen Funktionen der Räume gebunden.

 

 

 

2. Die Bauformen und ihre Parallelen

 

a) Säulen

 

Der Säulentypus, speziell die Kapitellform, ist im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts entstanden und erfuhr große Verbreitung in der französischen Frühgotik[284]. Das Knospenkapitell als die letzte mögliche Entwicklungsform des alten Blätterkelchkapitells wurde vermutlich durch die Zisterzienser

 

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in Deutschland eingeführt[285]. Seine größte Verbreitung erfuhr es hier zwischen 1220 und 1250. Kapitelle aus einer Bauperiode um 1200 finden sich in Maulbronn[286]. Hier sind die Kelche schlank und steil und die teilweise verschieden langen, lanzettförmigen Blätter plastisch hervorgehoben. Eine reiche, plastische Bearbeitung erfuhren auch die Knospen.  

 

Das 35 cm hohe, blockhafte Kapitell von Zarrentin, das oben mit einer quadratischen, einfach gestuften Abakusplatte von 44 x 44 cm abschließt, zeichnet sich durch seine abstrahierte Form aus (Abb. V. 214, 216). Die vier schmalen Eckblätter, die sich oben zu kugelhaften Knospen aufrollen, erinnern nur noch wenig an naturalistische Vorbilder. Die Blätter verschmelzen fast mit dem Kapitellkorpus. Alles wirkt erstarrt, kompakt. Dieser strengen Gestaltung entspricht auch die attische Basis (Abb. V. 215, 218). Sie erhebt sich sich über einer höchstens 1 cm starken Plinthe von 40 x 40 cm. Der runde Säulenfuß (H.: 27 cm) setzt sich aus zwei unterschiedlich großen Wülsten zusammen, die durch Einkehlung voneinander abgesetzt sind (Torus-Trochilus-Torus). Die Basis ist ohne spezielle Sockelzier, die den Übergang vom Quadrat zum Rund vermitteln könnte. Der Säulenschaft weist eine leichte Enthasis auf und muß mit einem Umfang von etwa 96 cm (= Durchmesser: 30,5 cm) als ziemlich stark bezeichnet werden. Er ist oben durch einen Schaftring begrenzt.

 

Derartige Säulen mit den seltsamen Kugelkapitellen sind nicht weit entfernt von Zarrentin in Ratzeburg zu finden[287].

 

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Das Doppelbogenportal zum ehemaligen Kapitelsaal des Domklosters (Ostflügel) besitzt eine Zwilligssäule mit Knollenkapitellen als Mittelstütze (Abb. VI. 272).

Nach einer Inschrift im Kreuzgang wird der Baubeginn mit dem Datum "1251" bezeichnet[288]. Zu dieser Zeit war der Kapitelsaal noch nicht eingewölbt. Der Saal wurde vermutlich erst im Laufe des 15. Jahrhunderts mit einem Gewölbe versehen[289].

 

Verblüffende Ähnlichkeit mit den Zarrentiner Säulen zeigen die Stützen im Refektorium des ehemaligen Benediktinerinnenklosters zu Dobbertin (Bzk. Goldberg) (Abb. VI. 273)[290]. Sie sind hier noch in voller Größe erhalten. Der Saal ist mit sechs Kreuzrippengewölben überdeckt. Vom Raumeindruck her erinnert vieles an das Zarrentiner Refektorium. Die genaue Datierung ist unklar. Schlie spricht lediglich von "gotischen Kreuzgewölben"[291].

 

Die gleichen Formen wie in Zarrentin zeigt auch ein vereinzeltes Kapitell aus Kalkstein in der Dorfkirche von Gross-Eichsen (Ldkrs. Gadebusch)[292]. Die Kirche stammt aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts[293]. Bestimmung und Datierung des Fragmentes sind ungeklärt.

 

In Lübeck werden Knollenkapitelle in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts häufig[294].

Im Lübecker Burgkloster der Dominikaner finden sich vergleichbare Säulen im östlichen Teil des Nordflügels der

 

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Klausur[295]. Die letzten vier östlichen Joche wurden einem bereits bestehenden älteren Bauteil angefügt[296]. Über Klauenbasen und runden Schäften (Durchmesser: ca. 34 cm) entwickeln sich hier die vierseitig konzipierten Kapitelle. Von den vier Kapitellen zeigen zwei die Knospenform. Davon ist eines achtknospig, wobei nur die Eckblätter knollig ausgebildet sind (Abb. VI. 278). Die aufsteigenden Blätter legen sich plastisch über die Knollen.

Die frühgotischen Kalksteinsäulen stammen laut Wilde aus dem 3. Viertel des 13. Jahrhunderts[297].

 

Am Lettner in der Kirche des Hl.-Geist-Hospitals in Lübeck sind die nur 2,10 m hohen Säulen verhältnismäßig zierlich[298]. Ihr Umfang beträgt nur 65 cm (= Durchmesser: 21 cm). Die Kapitelle wirken trotz ihrer kleinen Größe (H.: 26 cm) relativ kompakt (Abb. VI. 279). Die Blätter sind zum Teil als Dreiecke geformt und enden in Kugeln ohne Blattbelag. Die Formen sind vergleichsweise schematisiert und zeigen in dieser Hinsicht Verwandtschaft mit denen in Zarrentin. Die geometrische Komposition trägt dazu bei, daß jegliche Erinnerungen an pflanzliche Formen verschwinden. 

Nach Teuchert ist die Lettnerlaube, "deren altertümliche Knollenkapitellsäulen vielleicht aus einem anderen Zusammenhang stammen[299]" um 1300 entstanden.

 

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Ein weiteres Beispiel, das die Beliebtheit dieser Form dokumentiert, sind die Säulen im Refektorium des Lübecker St. Katharinenklosters[300]. Eine Inschrift im Westflügel des Kreuzganges berichtet von der Fertigstellung dieser Bauteile 1353[301]. Die Säulen sollen aber laut Bearbeiter des Inventarbandes vermutlich von einem älteren Bau übernommen worden sein[302]. Es handelt sich hier um vier runde Mittelstützen mit vierseitigen und relativ flachen Knollenkapitellen der abstrakten Form wie sie im Hl.-Geist-Hospital vorkommen.

 

Weiterhin findet man ähnliche Kapitellformen in Schleswig, und als Bruchstücke in Cismar und Eldena[303].

Für das steinerne Dreisitzgehäuse im Schleswiger Dom - einer dreijochigen Laubenarchitektur - wurden zwei gotländische Kalksteinsäulen verarbeitet[304]. Die dünnen Säulen stehen auf attischen Basen mit Ecksporen. Die Kapitelle entsprechen der geometrischen Form wie diejenigen des Lettners im Hl.-Geist-Hospital.

Das Gehäuse wird in den Anfang des 14. Jahrhunderts datiert, wobei die Säulen "wiederverwandt" wurden[305]. Aus welchem Zusammenhang sie stammten, wird allerdings nicht deutlich.

 

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Die Fundstücke in Cismar bestehen aus grauem, gotländischen Kalkstein; und stammen aus Klausurräumen[306]. Bei den Fragmenten handelt sich um Knollenkapitelle, die für achtseitige Schäfte mit einem Durchmesser von 25 cm gearbeitet waren sowie um attische Basen mit Eckblättern[307]. Bei fünf dieser Kapitelle wachsen acht zungenförmige Blätter empor und legen sich oben über die fast vollplastisch gebildeten Knollen. Auch hier erinnert kaum noch etwas an Vorbilder aus der Vegetation. Nach Meissner sind die Formen trotz konservativer Prägung erst um oder kurz nach 1300 entstanden[308]. Er beruft sich auf Wilde, der nachwies, daß die achtseitige, aus Kalkstein oder Granit gefertigte Gewölbestütze in Lübeck erstmals um 1310 in der Briefkapelle der Marienkirche und etwa gleichzeitig im Kapitelsaal des Burgklosters verwandt wurde[309].

 

In der Ruine des Zisterzienserklosters Eldena (Krs. Greifswald) konnten 1829 und 1927 (= umfangreiche Grabung von Kloer) Knollenkapitelle und dazugehörige Basen aus gotländischem Kalkstein; sichergestellt werden, die den Klausurräumen entstammen[310].

Bis auf die Tatsache, daß sie für runde Schäfte gearbeitet wurden, ist ein achtknolliges Kapitell (H.: 22,5 cm) in der Ausführung vergleichbar mit Fundstücken in Cismar[311]. Die Abakusplatte ist bei diesem Kapitell achteckig.

Bei einem vierknolligen Kapitell (H.: 29 cm) bestehen stilistische Übereinstimmungen mit dem achtknolligem Kapitell

 

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aus dem Nordflügel des Lübecker Burgklosters[312]. Die unterhalb der quadratischen Abakusplatte umgeklappten Akanthusblätter sind ähnlich grob gearbeitet. Diese Gebilde sind die erste Stufe auf der Entwicklung zur abstrakten Kugelform. Zwischen den beiden oben genannten Stücken in Eldena besteht ein erkennbarer, zeitlicher Unterschied: Das Laien;refektorium im Klausurwestflügel und der Kapitelsaal im Klausurostflügel, dem die Stücke zuzuordnen sind, werden in der Mitte des 13. Jahrhunderts bzw. um 1300 eingewölbt worden sein[313].

 

Hinsichtlich der zeitlichen Einordnung der Säulenform bestehen generell einige Unsicherheiten. Haupt datiert diese Art von Stützen allgemein ins 1. Viertel des 13. Jahrhunderts[314]. Diese relativ frühe und daher zweifelhafte Einordnung der "nordischen" Knollenform entspricht allerdings der Tendenz in der Kunstgeschichte, die Säulen mit den altertümlich wirkenden Kapitellen innerhalb eines Baugefüges als Relikt einer früheren Bauperiode anzusehen. Wo derartige Säulen in Bauten um 1300 auftauchen, werden sie gerne einer älteren Bauphase zugerechnet bzw. als ein Überbleibsel einer solchen erkannt[315]. Auf ihre einstige Bestimmung wird aber - vermutlich aus gutem Grund - nicht weiter eingegangen[316]. Es ist nicht nachzuvollziehen, daß die Säulen in allen diesen Fällen in neue Bauzusammenhänge eingefügt sein sollen. Vielmehr ist hier Meissner zuzustimmen, der überzeugend darlegte, daß die Stücke in Cismar erst um die Wende des 14. Jahrhunderts entstanden sein können[317]. Die achtseitigen Schäfte, die erstmals in dieser Zeit in Lübeck verwandt wurden, sind ein

 

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Indiz für das lange Weiterleben der Zierformen des Knollenkapitells. Es deutet also alles darauf hin, daß diese verhältnismäßig altertümliche Form zu dieser Zeit und in diesem Gebiet durchaus üblich war[318].

 

Auch läßt sich eine relative Chronologie innerhalb dieser Gruppe aufstellen: Nach Meissner weisen vierseitige Kapitelle auf die frühe Zeitstufe hin, während eine achtseitige, rundum gleichmäßige Ausarbeitung des Säulenkopfes wie in Cismar und im Kapitelsaal von Eldena einer fortgeschritteneren Wölbweise entspricht[319]. Von Weigert wird andererseits der periodische Wechsel von Lösung und Bindung der Form verdeutlicht[320]. Die Entwicklungsrichtung des Kelchknospenkapitells führt danach von der naturnahen, lebendigen Darstellungweise über die Erstarrung der Formen bis hin zur Abstraktion.

Berücksichtigt man beide Thesen, so wäre eine Entwicklung der Kapitellformen beginnend vom Laienrefektorium in Eldena (Mitte 13. Jh.) über das Burgkloster (3. Viertel 13. Jh.), der Gruppe Ratzeburg-Zarrentin-Dobbertin (Ende 13. Jh.) zum Hl.-Geist-Hospital und Schleswiger Dreisitz (um oder kurz nach 1300) denkbar. Als Vorreiter innerhalb der Gruppe Ratzeburg-Zarrentin-Dobbertin dürfte Ratzeburg gelten. Einziges Problem ist hier, daß die bisherige Datierung, die auf einer Inschrift basiert, im Widerspruch dazu steht. Dasselbe Problem tritt bei der Einordnung der Säulen des Katharinenklosters auf. Sie zeigen die Nähe zu den Lettnersäulen des Hl.-Geist-Hospitals und zur Gruppe Ratzeburg-Zarrentin-Do-bertin. Daher ist schwerlich denkbar, daß sie erst Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden sind, wie es die Inschrift vermittelt. Es gilt zu überdenken, ob die Bauinschrift analog

 

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zur Bauinschrift an der Katharinenkirche - in einem anderen Zusammenhang zu sehen ist. Eine Datierung in den Anfang des 14. Jahrhunderts wäre jedenfalls aus stilistischen Gründen realistischer.

Eine Zwischenstellung nehmen die achtseitig ausgebildeten Kapitelle in Eldena (um 1300) und die für achtseitige Schäfte vorgesehenen Stücke in Cismar (nach 1300) ein. Sie stehen am Ende der o. g. Entwicklung und gleichzeitig am Anfang der Entfaltung einer anderen Säulenform. Danach scheinen Knollenkapitelle nicht mehr allzulange verwandt worden zu sein[321].

 

 

Von Interesse ist auch die Herkunft und Materialfrage. Säulen waren für Klostersäle unerläßlich und mußten, da Ziegelsteine für diese Zweck nicht gut geeignet waren und Kalkstein in Norddeutschland rar war (nur Segeberg), importiert werden. Nach Haupt kamen die Säulen als Massenware aus Gotland[322]. Auch Roosval vermutete, daß derartige Werkstücke um 1300 im Umkreis der gotländischen Steinmetzwerkstätten entstanden[323].

Über den Export von Steinmetzarbeiten aus Gotland ist kaum etwas überliefert. Zwar gab es westfälich-gotländische Beziehungen in der Architektur des 13. Jahrhunderts - u. a. auch zwischen Zisterziensern und Gotland - doch ist über Anfertigungen von Säulen bzw. Kapitellen im einzelnen nichts bekannt[324].

Als Fußbodenbelag wurden Kalkplatten aus Gotland und Öland seit dem 17. Jahrhundert in Lübeck verwandt[325]. Die Handelsbeziehungen

 

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zwischen Lübeck und Gotland gestalteten sich vermutlich schon seit dem Mittelalter so, daß fertige Stücke mangels Rückfracht als Ballast geladen wurden.

 

Material und Herkunft der Säulen des Zarrentiner Klostergebäudes sind noch nicht hinlänglich geklärt. Im Bericht der Restauratoren wird von Sandsteinsäulen gesprochen[326]. Diese könnten aus dem rheinisch-westfälischen Raum stammen. Eine genaue Herkunftsbestimmung der einzelnen Säulen wäre indes nur auf der Basis einer genauen Materialanalyse möglich[327].

Daß die Säulen vermutlich vorgefertigt nach Zarrentin kamen, zeigt das als Konsole dienende Knospenkapitell im Raum IX-XII, das wohl als Ersatz für eine verlorene Originalkonsole benutzt wurde (Abb. V. 217). Man muß in diesem Zusammenhang fragen, wo das Kapitell ursprünglich untergebracht war.

 

Abschließend ist noch darauf hinzuweisen, daß Beziehungen zwischen Zarrentin und Gotland belegt sind. So wurde für die Umbauarbeiten der Brauerei noch im 18. Jahrhundert Kalk aus Segeberg und Gotland verwandt[328].

 

 

b) Schlußsteine

 

Einheitlich in Größe und Stil sind die runden Schlußsteine im Kreuzgang (Nr. 1-12) sowie die Steine der vier Joche neben dem Refektorium (Nr. IX-XII).

Eine genaue Beschreibung der Reliefs wird durch den teilweise sehr dicken Farbauftrag erschwert. Lisch hatte bereits versucht, die Darstellungen im Kreuzgang zu identifizieren[329].

 

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Nach Lisch sind noch zu erkennen: "Gewölbe 1: eine segnende Hand, G. 2: ein Pelikan, G. 3: ein bärtiger Kopf, G. 5: eine Sirene, G. 8: eine heraldische Lilie, G. 9: ein sechsstrahliger Stern.[330]". Diesem Stil entsprechen auch die Steine der vier Joche neben dem Refektorium (Nr. IX-XII), obwohl sie hier fast vollständig mit Farbe zugesetzt sind.

Seine Beobachtungen lassen sich aber noch ergänzen, wobei gleichzeitig einige Berichtigungen gemacht werden müssen[331].

 

Darstellungen (Abb. V. 219):

 

Nr. 1:  eine segnende Hand (Abb. V. 220);

Nr. 2:  ein Pelikan, der seine Jungen nährt (Abb. V. 221);

Nr. 3:  verloren (Treppenaufgang);

Nr. 4:  Eichenlaub (Abb. V. 222);

Nr. 5:  vogelleibiges Mischwesen mit gekringeltem Schwanz,

        wohl eine Sirene (Abb. V. 223);

Nr. 6:  Eichenlaub (Abb. V. 224);

Nr. 7:  ein bärtiger Zwerg (Abb. V. 225);

Nr. 8:  eine fünfblättrige Blume (Abb. V. 227);

Nr. 9:  durch Farbe zugesetzt (Abb. V. 227);

Nr. 10: ein Kopf ? (Abb. V. 228);

Nr. 11: ein siebenstrahliger Stern (Abb. V. 229);

Nr. 12: ein geflügeltes Mischwesen mit Schuppenkörper, vielleicht eine Sirene (Abb. V. 230).

 

 

Die Darstellungen entstammen verschiedenen Themenbereichen: christliche Symbole, Tiermotive, Mischwesen, pflanzliche und ornamentale Motive. Derartige Zyklen waren im 13. und 14.

 

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Jahrhundert als Dekor für Schlußsteine sehr beliebt. Die vieljochigen Kreuzgänge boten hierfür die ideale Vorraussetzung, wie es etwa im Benediktinerinnenkloster Ebstorf zu sehen ist.

 

Über den Pelikan, als Symbol für den Opfertod Christi, heißt es im Physiologus u. a.:

 

"Wenn er Jungen geboren hat und sie ein wenig heranwachsen, schlagen sie den Eltern ins Gesicht. Die Eltern züchtigen die Kinder und töten sei. Später bereuen die Eltern das und betrauern die Kinder, die sie getötet haben. Am dritten Tage reißt sich die Mutter die Brust auf; das Blut tropft auf die Leichen der Jungen und weckt sie wieder[332]."

 

Die daraus erwachsende Legende, daß der Pelikan seine Nachkommen mit eigenem Blut nähre, bis er selbst sterbe, war ein entsprechend häufig dargestelltes Motiv. In der Regel wird der Pelikan mit drei oder vier Jungen im Nest gezeigt wie er sich die Brust öffnet und die Jungen das herabfließende Blut trinken[333].

 

Schlußsteine mit dieser Darstellung finden sich beispielsweise im Kreuzgang des niedersächsischen Benediktinerinnenklosters Ebstorf (Abb. VI. 287)[334], im Unterchor von St. Katharinen (Lübeck);[335] und in St. Michaelis (Lüneburg)[336]. Pelikane zieren auch das Chorgestühl in der Zisterzienserkirche Bad Doberan[337] und das Retabel in Cismar[338]. Die Besonderheit in Zarrentin besteht in der Kopfwendung des Pelikans.

 

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Sie weicht in der Richtung gegenüber vergleichbaren Schlußstein-Darstellungen ab.

 

Mischwesen wie die Sirene gehören zur Gattung der Drôlerien. Diese lustig grotesken Figuren tauchen in der Bauplastik des 13. und 14. Jahrhunderts häufig auf. Die Sirene ist ein Mischwesen von Vogel- oder Fischleib mit Frauenkopf[339]. Ihr ambivalenter Charakter wird schon in der griechischen Mythologie beschrieben. Als Personifikation der Verführung wird sie schließlich im Physiologus dargestellt[340].

In Ebstorf sind die Sirenendarstellungen ins Spielerische umgeformt. Als Zeichen für ihre Gutartigkeit stehen hier ihre nach oben stehenden, gekringelten Schwänze[341]. Auch im Unterchor der St. Katharinenkirche in Lübeck; schmücken Sirenendarstellungen mehrere Schlußsteine (Abb. VI. 282).

 

Pflanzen verkörpern das Positive in der Natur. Das ganze Mittelalter hindurch ist pflanzlicher Schmuck für die Kirchenarchitektur unabdingbar[342]. Eine einzige, unwiderlegbare Erklärung für die Verwendung von Naturformen im steinernen Bau scheint es indes nicht zu geben[343]. Im Mittelalter ist jedoch ihr symbolischer Charakter vorrangig[344]. So ist das Eichenlaub Sinnbild der Kraft und des ewigen Lebens[345].

Ähnlich kreisförmig angeordnet, aber vielblättriger und plastischer als in Zarrentin (Schlußstein Nr. 6), ist das Laub auf einem Schlußstein im unteren südlichen Seitenschiff von St. Katharinen in Lübeck;[346]. Die Eichenblätter winden sich kranzförmig gegen den Uhrzeigersinn. Hier wird die Mitte durch drei weitere Blätter mit Eicheln betont.

 

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Bei der von Lisch als "heraldische Lilie[347]" erkannten Darstellung handelt es sich vermutlich eher um eine einfache Blume. Die Art, in der eine heraldische Lilie dargestellt wurde, ist auf einem Schlußstein im Kreuzgang des Lübecker Burgklosters zu sehen.

 

Der Stern ist oftmals auf Christus oder Maria bezogen[348].

Sechsstrahlig wie in den Kreuzgängen des Lübecker Burgklosters und Ebstorf wird er meist Maria zugeordnet[349]. Der siebenzackige Stern, wie er in Zarrentin auftaucht, mag als Zeichen der Vollendung und Vollkommenheit gedeutet werden[350].

 

Eine segnende Hand findet sich im Kapitelsaal des ehemaligen Prämonstratenserinnenklosters in Rehna[351]. Im übrigen sind im Kreuzgang von Rehna ebenfalls runde Medaillons in der Größe der Zarrentiner Schlußsteine vorhanden (Abb. VI. 295). Auch hier sind die Ränder gratig. Die Reliefs, die es vielleicht gegeben hat, sind jedoch verloren. Schlopsnies datiert den nördlichen Kreuzgang nach 1400, was meiner Ansicht nach etwas zu spät sein dürfte[352].

 

Die Steine im Raum Nr. IX-XII sind derart stark mit Farbe zugesetzt, daß eine Identifikation zur Zeit nicht möglich ist. Bei dem Stein Nr. XI könnte es sich allenfalls noch um ein florales Motiv handeln. Weitere Aussagen sind an dieser Stelle nicht möglich.

 

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Man möchte hinter der Vielfalt der Darstellungen ein Programm vermuten. Hahn-Woernle konnte jedoch in der bunten Mischung von Ebstorf kein Konzept entdecken[353]. Sie geht davon aus, daß diese Vielfalt lediglich die Darstellung der geistlichen Welt war, in der die Klosterfrauen lebten. Dennoch ist zu vermuten, daß es eine übergeordnete Systematik gab, denn Bauweise und Ausgestaltung des Kreuzganges stehen in einer engen Beziehung zum mittelalterlichen Weltbild[354]. Die Frage nach einem Konzept erübrigt sich aber für Zarrentin. Dieses könnte sich nur aus der Gesamtheit erschließen. Es ist aber nur ein Flügel erhalten.

 

Die überwiegende Zahl der oben genannten Beispiele stammt aus ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Tonangebend im Bereich der Schlußsteinplastik wird Lübeck gewesen sein. Hier ist vor allem St. Katharinen; anzuführen. Wentzel datierte die Schlußsteine des Unterchores noch um 1325/30[355]. Jaacks hält die Zeit um 1300 für realistischer, da er nicht von einem nachträglichen Einbau des Unterchores ausgeht[356]. Seine Datierung wird durch die dendrochronologische Untersuchung bestätigt[357]. Die in diesem Zusammenhang zu sehenden Werke in Ebstorf werden von Hahn-Woernle in die Mitte des 14. Jahrhunderts datiert[358].

Auch die Zarrentiner Werkstücke werden - wie das Eichenlaubdekor auf dem Schlußstein Nr. 6 zeigt - in den größeren Rahmen der Lübecker Plastik einzuordnen sein. Eine genaue zeitliche Bestimmung wird hier erschwert, weil die Details der Darstellungen teilweise nicht erkennbar sind. Nähere Feststellungen über andere Vorlagen (etwa aus der Miniaturmalerei,

 

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Schnitz- oder Textilkunst) sind hier ebensowenig möglich.

Da eine genauere Analyse der Schlußsteine zur Zeit nicht durchführbar ist, ergibt sich für eine Datierung lediglich ein Zeitraum von etwa 1310 bis 1350. 

 

 

Die quadratischen Schlußsteine der übrigen Räume sind in den Formen zu allgemein, um Vergleiche anzustellen (Abb. V. 231). Möglicherweise sind die Kanten leicht erhaben, der Farbüberzug verunklärt jedoch die Formgebung. Steine der kleinsten Größe mit einer Kantenlänge von ca. 15 cm wurden im Raum XIII-XVIII und Raum XXIII/XXIV verwandt. Im südlich gelegenen vierjochigen Saal sind Steine mittlerer und großer Größe diagonal angeordnet.

Solche Schlußsteine wurden in mittelalterlichen Bauten sowohl im 14. als auch im 15. Jahrhundert verarbeitet. Eine Datierung für Zarrentin ist daraus also grundsätzlich nicht ableitbar, was anhand einiger Beispiele kurz dargestellt werden soll.

Viereckige Schlußsteine wurden etwa im Kreuzgang des ehemaligen Benediktinerinnenklosters Dobbertin verwandt[359]. Die beiden Flügel am Westende der Kirche gehören mit ihrem Rundbogenstil zum älteren Teil des Kreuzganges, der aufgrund der gotischen Minuskeln einiger Kragsteine ins 14. Jahrhunderts datiert werden kann[360].

Die Schlußsteine im Westteil der Klosterkirche in Cismar, nach Meissner in das dritte Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts einzuordnen, sind rautenförmige Steine aus Stuck von 14 cm Kantenlänge[361]. Eine Durchbohrung in der Mitte zeigt an, daß hier ehemals Verzierungen, vielleicht in Form von hölzernen Scheiben, angebracht waren.

Die Schlußsteine im Lübecker Katharinenkloster sind im Gegensatz zu denen des Unterchores der Kirche zumeist glatt

 

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kreisförmig oder quadratisch und entsprechend später um die Mitte des 14. Jahrhunderts zu datieren[362]. Die Formen der Schild- und Gewölberippen geben jedoch keinen Anlaß dazu, von einer wesentlich späteren Fertigstellung des Klosters auszugehen.  

Ein Beispiel aus der Mitte des 15. Jahrhunderts ist im Refektorium des Zisterzienserinnenklosters Hl. Kreuz in Rostock zu besichtigen (Abb. VI. 296)[363]. Hier sind die Schlußsteine wesentlich kantiger. Die Gewölberippen selbst treten stärker hervor und sind gratiger, sie besitzen einen kräftigeren Steg und sind insgesamt eckiger. Hier zeigt sich eine deutlich fortgeschrittenere Formgebung.

 

Letztlich sind auch die quadratischen Schlußsteine in den Kapellen der Zarrentiner Kirche ein Beispiel aus dem 15. Jahrhundert.

 

 

c) Konsolen

 

Die Konsolen sind ca. 27 cm hoch und im oberen Bereich ca. 32 cm breit. Ihre Unterkanten liegen in einer Höhe von 1,96 m über dem jetzigen Fußboden. Das entspricht einer originalen Höhe von etwa 2,86 m.

Die einfache Form ist aus einem Achteck konstruiert, fünf- bzw. als Eckkonsole dreiseitig gebrochen und erweitert sich trichterförmig nach oben (Abb. V. 212). Sie wird durch drei Wülste und zwei gekehlte Zwischenstücke, die durch Kanten abgesetzt sind, gegliedert. Die Gewölberippen setzten auf einer Platte auf, die von dem oberen Wulst durch eine Kehle getrennt ist.

Die mit wenigen, großen Weinblättern dekorierten Konsolen besitzen bis auf den Unterschied, daß der mittlere Wulst

 

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fehlt, eine ähnliche Grundform (Abb. V. 209, 210, 211). Die naturalistisch ausgebildeten Blätter und Trauben sind nachträglich an den Konsolenkern angefügt. Die Weinblätter stehen symbolisch für Christus[364].

Die komplett aus Ersatzmaterial bestehenden Konsolen sind zwischen oberem und unterem Wulst einfach kelchförmig gestaltet (Abb. V. 213).

 

Im Kreuzgang (Ostflügel) des Lübecker Burgklosters wurden  neben fächerförmig gestalteten Kelchkonsolen sowohl eine Blattwerkkonsole als auch eine einfache Konsole ohne Dekor wie die in Zarrentin verwandt (Abb. VI. 276, 277)[365]. Die aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammenden Stücke zeigen eine starke Ähnlichkeit zu denen in Zarrentin[366].

 

Eine unbeschädigte Eckkonsole im Südflügel der Klausur in Cismar ist mit dem schmucklosen Typus vergleichbar[367]. Nach Meissner ist eine Datierung in das dritte Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts denkbar[368].

 

Großblättriges, sich frei entfaltendes Weinblattdekor auf fünfeckigen Konsolen wie in Zarrentin findet sich in der Klosterkirche Bad Doberan[369]. Die Konsolen sind ebenfalls dem 14. Jahrhundert zuzuordnen.

 

Der so umrissene Zeitraum entspricht dem der Schlußsteine.

 

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d) Kreuzgang

 

Für die Verbindung des Kreuzganges mit den Klausurgebäuden gibt es generell zwei Möglichkeiten[370]. Entweder ist der Gang den Flügeln vorgelegt und verbindet so die Flügel (meist stuft er die doppelstöckigen aufragenden Bauteile ab), oder er wird in das Erdgeschoß des Klostergebäudes einbezogen. Diese Variante ist in Zarrentin zu finden. Derartige Anlagen mit integriertem Kreuzgang finden sich überwiegend in stadtnahen Klöstern, weil sie platzsparend sind. Demzufolge ist diese Art oft bei den Predigerorden zu finden, wie etwa im Burgkloster der Dominikaner zu Lübeck. Auch bei Frauenklöstern ist dieser Bautyp besonders häufig anzutreffen, so beispielsweise in den Heideklöstern Wienhausen, Isenhagen, Lüne, Ebstorf, sowie in Bersenbrück, Rostock, Dobbertin, Rühn und wohl auch in Rehna[371].

 

Aber auch im nahen Ratzeburger Domkloster ist der Kreuzgang integriert. Hier liegt auch der Fall vor, daß er - wie in Zarrentin - als eine Reihe kleinerer Gewölbe die Hauptgewölbe der Klausurgebäude begleitet[372]. Mit Ratzeburg hatte Zarrentin bereits den Säulentyp gemeinsam. Größere Ableitungen sind - bis auf ähnliche Gewölbebehandlung im Nordflügel - nicht feststellbar.

Der Nordflügel des Kreuzganges in Ratzeburg ist vom Raumeindruck vergleichbar (Abb. V. 186, 187; VI. 269). Im westlichen Joch wurden Schild- und Gewölberippen ebenfalls mit unterschiedlichem Profil (Halbrundstab und Birnstab) versehen (Abb. VI. 270, 271). In den anderen Jochen ist kein

 

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Schildbogenprofil vorhanden. Das westliche Joch ist noch frühgotisch, der übrige Nordflügel um 1300 entstanden[373].

Der Zarrentiner Kreuzgangflügel ist mit dem später entstandenen Teil vergleichbar, obwohl hier eine Absetzung der Schildbögen nicht mehr erfolgt ist. Die kantigen Konsolen in diesen Jochen sind jedoch weitläufig mit denen in Zarrentin verwandt.

 

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wird auch der nördliche Kreuzgangflügel in Rehna seine Einwölbung erhalten haben[374]. Schildbögen und Gewölberippen sind auch hier mit unterschiedlichem Profil versehen (Abb. VI. 294, 295). Die Konsolsteine sind stark verändert, die runden Schlußsteine ohne Reliefs, so daß keine weiteren Aussagen zur kunstgeschichtlichen Stellung gemacht werden können. Der Kreuzgang selbst wird nach Ausweis der Fensterformen schon einige Zeit gestanden haben.  

 

Bezüglich des Dobbertiner Kreuzganges heißt es bei Lisch, er sei innerhalb Mecklenburgs nur mit dem Zarrentiner Kreuzgang vergleichbar[375]. Der Kreuzgang ist vollständig erhalten. Es handelt sich um jeweils zwei Gänge im Rundbogen- und zwei im Spitzbogenstil. Vergleichbar sind der südliche und der westliche Arm[376]. Hier wurden die Schildbögen profiliert und die mit Laubwerk geschmückten Konsolsteine hochgestellt (im Gegensatz zu den anderen Seiten). Die Schlußsteine sind rund und mit verschiedenartigen Rosetten und Laubwerk verziert, diejenigen der beiden älteren Flügel im Norden und Osten viereckig.

 

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Weitere Verbindungen gibt es zu Lübeck. Der Kreuzgang im Burgkloster zeigt eine vergleichsweise hohe Mauerbank (neun Stein hoch, ca. 1,05 m) in den mit Fasenprofil versehenen Arkadenöffnungen (Abb. VI. 275). Die Schildbögen sind mit Spitzstab, die Gewölberippen mit Birnstab profiliert. Ebenso ist das Gewölbe im Kreuzgang des Hl.-Geist-Hospitals gestaltet[377]. Hier ist allerdings die Mauerbank in den abgefasten Arkadenfenstern zurückgesetzt. Der Kreuzgang des Katharinenklosters zeigt Schildbogenprofil, abgefaste Arkadenöffnungen und eine niedrige Mauerbank, die mit der Wand abschließt[378]. Die Beispiele in Lübeck stammen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

 

Der Kreuzgang in Ebstorf ist teilweise etwas fortgeschrittener. Das Gewölbe besitzt kein Schildbogenprofil. Die Mauerbank ist im Südflügel leicht zurückgesetzt. Die Arkaden werden größtenteils mit einem Profil aus Wulst und Kehle versehen. Nur einige Öffnungen vor allem im Westflügel sind abgefast (Abb. VI. 286). Hier ist auch die niedrige Mauerbank nicht zurückgesetzt. Der Westflügel, der auch am ehesten der Stufe Zarrentin entspricht, dürfte etwas früher als die anderen Flügel, nämlich um 1350, fertiggestellt worden sein[379].

 

Der Zeitraum, in den der Zarrentiner Kreuzgangflügel einzuordnen ist, deckt sich also mit den bisherigen Ergebnissen.

 

 

e) Giebel

 

Das nördliche Giebelfeld ist durch Spitzbogenblenden gegliedert, in die im Laufe der Zeit Fenster unterschiedlicher Größe und Form eingesetzt wurden. Unten ist der Giebel durch ein leicht vorkragendes Gesims abgegrenzt (Abb. V. 179). Es setzt sich aus Läufersteinen (mit Viertelrundstabprofil) und

 

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einer darüberliegenden Bindersteinlage zusammen und ist mit glasierten Formsteinen (Biberschwänze) abgedeckt. Darüber liegen die fünf gestaffelten und profilierten Blenden. Das Profil besteht aus einem Halbrundstab, einem Rücksprung und einem eingelegten Birnstab (Abb. V. 180). Alle Blenden waren ursprünglich spitzbogig. Die drei mittleren sind heute durch die Abwalmung des Daches im 18. Jahrhundert beschnitten.

 

Die fünf Blenden sind durch ein Gesims mit dunkel glasierten Formsteinen vertikal unterteilt. Die so entstandenen Felder wurden mit Maßwerk versehen. In den oberen Teilen ist noch altes Maßwerk aus dunkel glasierten Formsteinen vorhanden. Es zeigt gestaffelte Kleeblattbögen, deren Flächen mittlerweile wieder hell abgesetzt sind (Abb. V. 179, 180). Die beiden rechts und links zur Mitte hin folgenden Blenden sind in allen vier Feldern mit spitzbogigen Doppelblenden versehen (Abb. V. 178, 179). Im oberen Feld der mittleren Blende kam bei der Freilegung eine mit Fasensteinen profilierte Rundbogenöffnung zum Vorschein (Abb. V. 181).

 

In reduzierter Form erscheint das südliche Giebelfeld. Im Gegensatz zum Nordgiebel, wo die Blendengliederung im ersten Stock beginnt, setzen die Blenden hier erst in Dachbodenhöhe an. Offenbar handelte sich ehemals um drei spitzbogig geschlossene Blenden, die jeweils Doppelblenden umrahmten. Die Profilierung besteht hier lediglich aus Fasensteinen.

 

Die Giebel sind vom Typus her Dreiecksgiebel (Abb. V. 174, 182). Der Nordgiebel ist als Schauseite reicher ausgebildet als sein Gegenstück, das dem Wirtschaftsbereich zugewandt war. Inwieweit dieser Giebel möglicherweise als Treppengiebel rekonstruiert werden muß, läßt sich nicht sagen. Die äußeren Spitzbogenblenden liegen jedoch äußerst nahe an der Dachschräge. Entweder war also das Dach ursprünglich steiler, oder es war ein Treppengiebel vorhanden. Der Südgiebel könnte dann entsprechend der Rückfronten von Profanbauten als einfacher Dreiecksgiebel gestaltet gewesen sein.

 

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Hinsichtlich der Entwicklungsgeschichte sind Horizontal- bzw. Vertikalgliederungen von Bedeutung[380]. So wird der romanische Giebel durch eine Horizontalgliederung bestimmt. Beim gotischen Baustil herrscht das Vertikalmotiv vor. Der gotische Giebel läßt sich wiederum in entwicklungsgeschichtliche Gruppen einteilen[381]. Bei der Zuordnung orientiert man sich an der Art der Profilbildung und der Stärke der Lisenen.

In Zarrentin ist die vertikale Ausrichtung vorherrschend. Horizontale Betonungen durch die Gesimse (besonders auf der Nordseite) sind zwar vorhanden, aber beherrschen nicht das Gesamtbild. Als Formsteine wurden der gespitzte Stab, Steine aus Kante und Viertelstab sowie Fasensteine verwandt.

 

 

Von der reichhaltigen Verwendung der Glasursteine auf der Nordseite sind die Kleeblattbogenformen hervorstechend (Abb. V. 180). Sie setzen auf einem kleinen Kämpferglied auf.

Das Motiv des Kleeblattbogens ist vor allem in der Kirche und im Kloster von Bad Doberan häufig. Am Fuß der asymmetrischen Dreiecksgiebel des um 1290 errichteten, ehemaligen Wirtschaftshauses sind die Bögen als Friese gestaltet (Abb. VI. 264)[382]. Auch hier wird im übrigen die Gliederung des Giebels durch gestaffelte Spitzbogenblenden erreicht. Das Profil ist jedoch einfacher. Die vorhandenen Segmentbogenluken besitzen ebenfalls Fasenprofil.

 

Die sich nördlich an die Kirche des Hl.-Geist-Hospitals an­schließenden Längsgebäude besitzen ein ähnlich gebildetes Giebelmotiv: fünf bzw. drei gestaffelte Spitzbogenblenden, die kleinere Doppelblenden umschließen (Abb. VI. 280). Diese Giebelfassaden waren ursprünglich getreppt. Das für profane

 

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Zwecke dienende Nebengebäude des Hospitals entstand um 1320[383].

 

Im Profanbau sind die Vordergiebel der heutigen Löwenapotheke (Lübeck, Dr.-Julius-Leber-Str. 13) aus dem 14. Jahrhundert vergleichbar (Abb. VI. 283)[384]. Die Blenden sind durch Doppelfasen profiliert, die gepaarten Luken spitzbogig. Beim Giebel des Lübecker Hauses in der Mengstr. 6 (früher: Fischerstr. 19), ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert, sind die Lisenen reicher profiliert (Abb. VI. 284, 285)[385]. In der Abfolge von Halbrundstab-Rücksprung-eingelegter Halbrundstab entspricht die Profilierung fast derjenigen von Zarrentin. Auch hier umschließen die Blenden spitzbogige Doppelluken. Der rückwärtige, gotische Giebel des Hauses in der Lübecker Königstr. 25 stammt aus dem Jahre 1270[386]. Die Blenden werden durch eingelegte Rundstäbe hervorgehoben. Sie fassen hier gestaffelte Drillingsfenster ein. Die Zarrentiner Giebel sind demgegenüber eindeutig fortgeschrittener.

 

Von besonders repräsentativem Charakter ist der Treppengiebel des Kloster-Westflügels von Wienhausen, der laut Ergebnis einer dendrochronologischen Untersuchung kurz nach 1308 entstanden sein muß[387]. Sieben profilierte Blenden gliedern den Giebel, der abwechselnd aus glasierten und unglasierten Steinen besteht.

 

Mehrere Giebel des Zisterzienserinnenklosters Sonnenkamp/Neukloster waren ebenfalls als Treppengiebel gestaltet (Abb. VI. 297)[388]. Erhalten sind nur noch diejenigen der ehemaligen Propstei[389]. Fünf gestaffelte Spitzbogenblenden, die ihrerseits

 

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spitzbogige Doppelfenster umschließen, gliedern den Ostgiebel, der im ersten Stock ansetzt. Er ist in seiner heutigen Form verändert. Ursprünglich waren die drei mittleren Blenden bis in gleiche Höhe hinaufgezogen. Der Ziergiebel im Westen beginnt erst mit dem Dachansatz. Er ist einfacher gestaltet. Volkmann datiert die Giebel der Propstei in das erste Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts[390].

 

 

3. Datierung

 

Schriftliche Quellen zum Baubeginn oder zur Baufertigstellung des Klostergebäudes fehlen ganz. Einen einzigen, aber nicht sehr ergiebigen Anhaltspunkt bietet das Gründungsdatum des Klosters 1251 in Zarrentin. Es kann aber nur einen terminus post quem liefern.

Für die zeitliche Einordnung sind die Raumsituation sowie die Einzelformen heranzuziehen. Nach obigen Ergebnissen ist eine Bauzeit von etwa kurz vor 1300 bis 1350 gegeben. Als jüngste, mittelalterliche Bauteile sind die Giebel, die Treppe und die Einwölbung von Kreuzgang und Raum IX-XII anzusehen. Da das Treppenhaus rücksichtslos Teile der Wölbung durchschneidet, erfolgte der Einbau erst, nachdem die Klausurräume eingewölbt waren. Demzufolge müssen die Gewölbe hier auch älter sein als die Gewölbe des Kreuzganges und der Küche. Ein großer zeitlicher Unterschied dürfte aber nicht bestehen. 

So steht der Bau also in engem Zusammenhang mit den Amtszeiten der Äbtissinnen Prinzessin Margareta von Dänemark (1309-17), Bertradis (1318-19), Bertha von Lützow (1329-31) und Audacia (1333-70). In den Urkunden sind vor allem die größeren finanziellen Geschäfte mit dem Grafen Nicolaus von Schwerin nennenswert, die in die Amtszeit von Audacia fallen[391]. Möglicherweise fand mit diesen Geldmitteln der Ausbau des Klosters seine Beendigung.

 

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4. Die übrigen Klausurflügel

 

Aus dem Inventar von 1576 gehen mehrere Details zur Aufteilung des Klausurgebäudes im Osten, sowie zur Gesamtanlage hervor[392]. Für einige Verwirrung sorgt der Umstand, daß mit "Creutzgang" hier sowohl die Flügel des Wandelganges als auch die anschließenden Klausurgebäude bezeichnet sind[393].

So war zunächst unsicher, ob mit der "seite des Creutzganges nach dem Sehe warttß" der gesamte Ostflügel oder nur die Klausurräume gemeint sind. Daraus resultierend stellte sich die Frage, ob der eigentliche östliche Kreuzgangflügel in dem Text überhaupt separat erwähnt wird bzw. was in diesem Zusammenhang "Die ander seite des Creutzganges" zu bedeuten hat. Ist hier ein weiterer Klausurflügel oder - wie Prösch interpretiert - der Kreuzgangflügel des Ostgebäudes gemeint[394]?

Die Folgen für eine Rekonstruktion: Auf der einen Seite würde es sich um ein Kreuzgangviereck mit einem an die Kirche anschließenden Kreuzgangnordflügel handeln. Bei der anderen Deutung des Textes würde ein Nordflügel fehlen.

Zur Klärung dieser Frage wurde eine Lageskizze von ca. 1693 herangezogen (Abb. II. 9).)[395]. Darin wird eine geplante Erweiterung des Friedhofes veranschaulicht. Von Bedeutung für die Rekonstruktion der Klosteranlage war hier der mit dem Buchstaben "O" versehene Bereich im Süden, der sich an das mit "I" bezeichnete Gebäude des Nonnenklosters anschließt. Es handelt sich laut Legende um den Amtsgarten mit Bäumen. Mit Sicherheit ist dieses der "Bomgartenn", nach dem die "ander seite des Creutzganges", demnach also der Südflügel, gerichtet war. In dem Visitationsbericht werden also alle vier Flügel erwähnt.

Dieser südlich gelegene Kreuzgangflügel war laut Bericht renovierungsbedürftig. Ein weiterer Flügel war bereits verfallen,

 

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der vierte dachlos und ebenfalls baufällig. Es ist mit Prösch zu vermuten, daß diese Gebäude gegenüber dem Ostflügel eine leichtere Bauweise besaßen[396].

 

Aus dem Bericht geht weiterhin hervor, daß sich im Osten und Süden mit Gewölben versehene Klausurgebäude an das Kreuzgangviereck anschlossen. Ob die übrigen Flügel zu dieser Zeit ebenfalls mit Gewölben versehen waren und ob sich im Westen weitere Gebäude an den Kreuzgang anlehnten, geht aus dem Protokoll nicht direkt hervor. Es heißt hier aber: "Die vbrigenn beiden seitenn des Creutzganges, vonn welchem die eine seite gantz vnd gar eingefallenn, hatt darinn begebene Jungfraw Margareta Pentzenn ein, (...)[397]". Diese Margareta dürfte die letzte Klosterbewohnerin gewesen sein[398]. In den Urkunden, die den Auflösungsprozeß dokumentieren, wird sie das erste Mal genannt[399]. Nach Interpretation des Visitationsberichtes muß sie 1576 im westlichen Teil der Klausur gelebt haben. Wenn nicht ein Teil des auf dieser Seite liegenden Kreuzganges für sie abgeteilt wurde, muß man also von einem Gebäude im Anschluß an den Kreuzgangwestflügel ausgehen.

 

 

a) Archäologische Grabungen

 

Die 1991 durch das Archäologische Institut Hamburg durchgeführte Grabung im Bereich des Klosterhofes südlich der Kirche sollte die Lage der Kreuzgangflügel klären. Der Grabungsbereich war durch spätere Baumaßnahmen teilweise sehr gestört. Ende des 17. Jahrhunderts wurde hier der neue

 

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Friedhof eingerichtet[400]. Bei Bauarbeiten zur Straße wurde ein Teil nochmals umgebaggert.

 

Ergraben wurde ein Teil des westlichen Kreuzgangflügels sowie ein Mauerstück des Flügels der Südseite. Die Lage des westlichen Kreuzgangflügels konnte anhand der Fragmente, die in ca. 50 cm Tiefe freigelegt wurden, ermittelt werden[401] (Abb. II. 39). Danach schloß sich dieser Flügel im Norden nicht ganz bündig an die Westwand der Lüneburger Kapelle an (Portalbereich) und erstreckte sich etwa bis zur heute gepflasterten Gasse im Süden. Die südliche Ecke konnte nicht ermittelt werden, da sie bei Bauarbeiten der Straße zerstört wurde.

Das ergrabene Fragment des südlichen Flügels deutet auf die Gestalt des Kreuzganges hin. Der archäologische Befund ergibt - bei Verlängerung der ermittelten Mauerführung nach Osten und Westen - eine leicht schiefwinklige Kreuzganganlage.

 

Hinsichtlich des nördlichen Kreuzgangflügels wurde aufgrund von Ähnlichkeiten zwischen den Schlußsteinen der Lüneburger Kapelle und denen des Ostflügels vom Archäologenteam geschlossen, daß die Lüneburger Kapelle Teil des Kreuzganges war. Die Rundbogenformen im Mauerwerk der Kirchensüdwand, die als Gewölbefragmente zu deuten sind, unterstützten die These, daß von hier eine durchgehende Verbindung zum Ostflügel bestand. Die Kapelle kann jedoch mit dem Kreuzgang nichts zu tun haben, was aus verschiedenen Überlegungen hervorgeht. Sie kann den Ausmaßen nach keineswegs einen Teil des ehemaligen Kreuzganges darstellen. Die geringe Breite von knapp 2,30 m schließt die Funktion als Wandelgang aus[402].

 

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Auch die Art der Verbindung zum Kirchenschiff spricht gegen die Deutung als Teil des Kreuzganges. Derart breite und hohe Zugänge wären vom Kreuzgang aus untypisch gewesen, da es dem Klausurgedanken widerspräche. Man wird davon ausgehen müssen, daß der Raum bereits zur Zeit des "Neubaues" die Funktion als Kapelle erhielt.

Ähnliches gilt für die Schlußsteine, deren Art innerhalb der Kirche einzigartig ist. Auch zu denen des Klostergebäudes gibt es keine Beziehung. Sie sind zwar ebenfalls rund und reliefiert wie im östlichen Kreuzgangflügel, doch wesentlich kleiner (Abb. V. 117, 118, 219, 220, 221, 222, 223, 224, 225, 226, 227, 228, 229, 230). Die Steine sind mit einem deutlichen, kordelartigen Rand - dem Taustab - versehen und zeigen ein Wappenschild, das ins 15. Jahrhundert verweist[403].

 

Über die Bauart und Höhe des Kreuzganges können die archäologischen Grabungen keine Ergebnisse liefern. Ebensowenig sind hieraus Aussagen zur zeitlichen Einordnung der Fragmente möglich. Lediglich die Tatsache, daß sowohl der Ostflügel als auch die ermittelten Reste auf einer mittelalterlichen Schüttung gelagert sind, gibt einen Anhaltspunkt für eine Datierung. Da für den Ostflügel erst eine Bauzeit von ca. 1300 bis Mitte 14. Jahrhundert ermittelt wurde, wird auch der übrige Teil der Klausur erst zu dieser Zeit - gegebenenfalls etwas später - errichtet worden sein.

 

 

b) Rekonstruktion der Klausur

 

Eine Rekonstruktion der Klosteranlage wurde schon 1927 von Lorenz vorgeschlagen (Abb. VII. 312).

Die aktuellen archäologischen Ergebnisse ermöglichen eine genauere Rekonstruktion der ehemaligen Klausur. Von Körber/ Zimmermann wurde 1992 eine Grundrißzeichnung der Klosteranlage nach 1251 angefertigt (Abb. VII. 313)[404]. Hier wurden

 

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beide Forschungsergebnisse verarbeitet. Im Unterschied zu Lorenz - unter Berücksichtigung der archäologischen Ergebnisse - versetzten Körber/Zimmermann den Westflügel um ein Joch weiter nach Westen. Die ungefähre Größe des Klosterhofes betrug 1300 qm[405]. Es handelt sich demnach um einen ungewöhnlich großen Kreuzgang[406].

 

Im spekulativen Bereich bleibt die Zahl der Joche bei Körber/Zimmermann. Auch das Erscheinungsbild des Westflügels ist unklar. Bei Lorenz und Körber/Zimmermann fehlt dieser Klausurteil ganz. Allerdings spricht einiges für die Existenz von Klausurgebäuden auf dieser Seite[407].

Die Situation des Kreuzgangflügels an der Kirche stellt ein weiteres Problem dar. Hier befand sich seit 1460 eine Kapelle, die durch zwei große Rundbögen zur Kirche hin geöffnet war. Die Anlage an dieser Stelle schloß einen umlaufenden Wandelgang zumindest nach 1460 aus[408]. Es wird jedoch, wie die Rundbögen im Mauerwerk der Kirche zeigen, einen älteren Flügel entlang der Kirchensüdseite gegeben haben (Abb. V. 48, 81). Hier lag auch der Aufgang zur ehemaligen Nonnenempore. Wie weit sich der Flügel nach Westen erstreckte, läßt sich nicht eindeutig nachvollziehen. Möglich ist, daß er beim Aufgang der Empore, d.h. vor der späteren Lüneburger Kapelle endete.

 

 

5. Die Bauten außerhalb der Klausur

 

Neben der Klausur im engeren Sinn, d. h. dem Quadrum ohne die Klosterkirche, gab es noch weitere Klostergebäude, für

 

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die aber kein festes Schema bestand. Es handelt sich hierbei um Wirtschaftsgebäude und Zweckbauten, die einer lockeren Bebauungsweise folgten.

Hinsichtlich der Lage und Anzahl der Bauten außerhalb der eigentlichen Klausur ist man in Zarrentin größtenteils auf Vergleiche angewiesen. Genaue Hinweise zur Gestalt und zum Umfang der gesamten Anlage gibt es nicht.

 

Nach dem Inventar von 1576 befand sich der Bauhof, d.h. die Wirtschaftsgebäude, nördlich der Klausur ("Hierunter ist nach dem Bauwhofe warts der Reventer"). Dieser Hof wurde vom Kloster an das Domkapitel zu Ratzeburg verpachtet und verwaltet[409]. Die Pacht wurde vermutlich zum Teil in Form von Naturalien geleistet. Das Hauptgebäude des Bauhofes diente nach der Säkularisation als Amtshaus. Auf der Lageskizze von 1693 ist es das mit "L" bezeichnete Gebäude nördlich der ehemaligen Klosteranlage (Abb. II. 9). Der alte Bauhof wird auch später im 18. Jahrhundert noch einmal in Zusammenhang mit der Brauereiverlegung in den Quellen erwähnt[410]. Laut "Muttercharte von dem Flecken Zarrentin" befindet sich noch 1882 an derselben Stelle ein Bauhof (Abb. I. 6). Auch auf den topographischen Karten von 1984 und 1985 ist er noch vermerkt; und schließlich als "Stall" verzeichnet (Abb. I. 4, 5). Der Bereich wurde also weiterhin für wirtschaftliche Zwecke genutzt.

 

Über die Bestandteile des Wirtschaftshofes geben die Urkunden keine Nachricht. Zu den Gebäuden selbst kamen noch die Ackerflächen und Gärten, so daß man einen ziemlich umfangreichen Komplex annehmen darf. In Neukloster zählten zu dem weit ausladenden Wirtschaftshof der Frauenzisterze, der hier südöstlich der Klausur angelegt war, auch eine Reihe von Ställen und Scheunen[411]. In Wanska, ebenfalls Kloster für Zisterziensernonnen, lag der Bauhof westlich der Klausur und

 

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umfaßte neben verschiedenen Ställen, Scheunen und Wagenschauer mehrere Gärten und Koppeln[412].

 

Auf dem Bauhof arbeiteten die Konversen, ursprünglich Laienmönche, die zwar das Gelübde zur Armut, zur Keuschheit und zum Gehorsam abgelegt hatten, aber nicht über ein Stimmrecht im Konvent verfügten[413]. In Frauenklöstern gab es sowohl Laienschwestern als auch -brüder. Sie verrichteten die praktischen Arbeiten, um die Versorgung des Klosters zu gewährleisten.

Das Vorhandensein von Konversen im Zarrentiner Nonnenkloster wird durch eine Urkunde bestätigt, die von Moldenhauer untersucht wurde[414]. An dieser Konversenurkunde sei nach Moldenhauer ungewöhnlich, daß es sich bei den betreffenden Laien um ein Ehepaar handele, das bei fortbestehender Ehe im Kloster Wohnung beziehen und versorgt werden solle[415]. Das Ehepaar verfügte vermutlich über ein nicht unbedeutendes Vermögen, das sich das Kloster nicht entgehen lassen wollte[416]. Daher wurden gewisse Sonderregelungen - wie etwa der Bezug von einer Leibrente - vereinbart.

In der Urkunde wurden auch Bestimmungen zu den Arbeitspflichten, zur Kleiderfrage und zum Unterhalt niedergelegt. Die Frau dürfe beispielsweise bis zum Tode ihres Mannes ihre weltliche Kleidung tragen. Danach erhalte sie die graue Toga und Tunika vom Kloster. Die Kleidervorschriften für ihren Ehemann waren strenger.

Für die Laien, deren Anzahl nicht festgelegt war und im Laufe des Mittelalters abnahm, mußte ein privater Gebäudekomplex vorhanden gewesen sein[417]. Bei Mönchsklöstern lag der

 

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Konversentrakt gemeinhin auf der Kreuzgang-Westseite[418]. In Frauenklöstern wird ein vom eigentlichen Klausurbereich getrennter Komplex vorhanden gewesen sein. Zur genauen Lage gibt es bei Nonnenklöstern jedoch weder feste Regeln noch Überlieferungen.

 

Sicher war auch eine Propstei vorhanden, welche nicht im engeren Klausurbereich lag[419]. Gewöhnlich gab es ein größeres Gebäude bzw. einen umfangreicheren Gebäudekomplex für den Propst, Propsteidiener etc. In Rehna grenzte die Propstei vermutlich an den Kapitelsaal (Abb. V. 289)[420]. In Rostock war es ein vom eigentlichen Klausurbereich gesondertes, mittelgroßes Gebäude[421]. In Neukloster hatte das Propsteigebäude etwa das Ausmaß der Kirche (Abb. V. 297)[422]. Die gesamte Propsteianlage lag hier südlich der Klausur.

 

 

a) Die Lageskizze von 1693

 

Einige Rückschlüsse auf die mittelalterliche Anlage lassen sich aus dem Lageplan von etwa 1693 ziehen (Abb. II. 9)[423]. Auf der Skizze wird eine geplante Erweiterung des Friedhofes veranschaulicht. Bereits 1652 wurde das Anliegen erstmals dem Herzog vorgetragen. Die Genehmigung zur Erweiterung ließ jedoch auf sich warten. Am 4. April 1692 wenden sich die Vorsteher der Kirche erneut an den Herzog. Diesmal untermauern

 

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sie ihre Bitte mit einer wesentlich drastischeren Schilderung der Zustände. So heißt es, der Kirchhof sei

"mit Todten dermassen angefüllet, daß bey Eröffnung der Gräber zu drey und vier Todten Köpfe, nebst Zähnen, ja auch die Bretter von den Särgen gantz und unverweset außgegraben worden, alß ist daher höchst besorglich, es möchte bey anstehenden Sommer leicht eine Infection daraus hieselbst entstehen[424]".

Von Seiten der Kirchenvorsteher wurde darum gebeten, den ehemaligen Klosterkirchhof als zusätzliche Fläche zur Verfügung zu stellen. Doch erst ein Jahr später, nachdem Henric Hornemus Senioris aus Wittenburg im Auftrage einer Kommission die Zustände in Zarrentin in Augenschein genommen und seinen Bericht nebst dem vorliegenden Plan zur Erweiterung des Friedhofes an den Herzog geschickt hatte, wurde die Sache genehmigt.

In dem Bericht heißt es:

 

"(...) daß die Kirche nur nach der Nordt und Westseiten etwas vom Kirchhofe habe, der doch albereit mit Gräbern und diesfals auffgeworffen Hüegell angefüllet gewesen, so daß wie der Pastor und jurati hiebey referiret, es sich mannig mahl begeben, daß bey Verfertigung der Gräber, die Hirn Schettell noch mit Haaren bewachsen, auch die Gebeine kaum von verweseten Fleische entlediget werden ausgegraben würden. (...) Von da bin ich gegangen zur Ostseite und daselbst grentzet der ambtshoffe nahe an der Kirchmauer, und ist gar nichtes vom Kirchhoffe, auff der Süederseiten aber ist der Zaun vom fürstl. ambtsgarten, den augenschein nach, und wie es daß Thor am Kirchhoffe, durch welches die Todten auß den flecken getragen werden zu nahe gesetzt, so daß man ein gangk zwischen der Kirche und dem garten Zaun obhanden, undt der daselbst befindtliche Nonnen Kirchhoff alß welcher sonder Zweiffell ein pertinens der Kirchen mit ist an welches er lieget undt grentzet, mit in den gezogen und von der Kirchen separiret worden. Man nun Ew. Hochfürstl. Durchl. der Kirchen so gnädig erscheinen und verordnen wolten, daß der Zaun welcher den Nonnen Kirchhoff von der Kirchen biß dato separiret, auff die grentzen und scheiden gedachten Nonnen Kirchhofes nach der garten zu gesetzet würde, und von der Eußersten Ecke des Nonnen Kirchhofes linea recta biß an daß Thor des Einganges zum Kirchhofe

 

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gezogen würde, so kriegte damit der Kirchhoff seine gangsahme Erweiterung, undt were der abgangk von garten eine Spitze am Nonnen Kirchhofe dem augenmaaß nach von etliche 30 fues, am Thor des Einganges aber von 3 oder 4 fues, wie bey gelegter Schematismus außweiset, habe solches wie mir befohlen unterthänigst verrichten undt referiren müßen. (...)[425]".

 

Der Plan zeigt, daß sich nördlich und westlich der Kirche der Kirchhof und südlich die ehemalige Klausur befand (Abb. II. 9). Nördlich dieser Anlage lag ein Garten (P), im Westen ein großes Feld (Q). Im Süden war ursprünglich ein Garten mit Obstbäumen angelegt, der aber überwiegend durch "Hackelwerk" ersetzt wurde (O; siehe auch unten)[426]. Im Nordosten schloß sich der ehemalige Bauhof des Klosters (Amthaus, L) sowie ein größerer, offenbar unbebauter Platz (K) an. Scheinbar wurde fast die gesamte Fläche rund um das Kloster wirtschaftlich genutzt. Die Gasse (N) entspricht möglicherweise einem älteren Zugang zur Kirche und zum Kloster.

 

Aufgrund des Lageplanes erhellt sich auch der Sinn eines anderen Schreibens vom 14. Juni 1679[427]. Hierin geht es um Streitigkeiten wegen einer Pforte im Hackelwerk des Amtsbraugartens, durch welche der Priester gehen muß, wenn er zur Kirche will. In dem Brief eines Herman Hertell (Schwerin) an den Herzog, der zu dieser Zeit in Hamburg weilte, heißt es folgendermaßen:

 

"(...) Zu Zarrenthien ist vor alters ein Closter gewesen mit einer großen Ring Maur umbgeben. also ist die maur hinter deß Priesters Hauße herlang gegangen, und in selbiger sol dahinter werts hinaus ein steinern Thor gewesen sein, so vermeinnt der ietzige Pastor, daß solches Thor deß Priesters halber solte vor alters gemacht sein, welches aber schwerlich zu glauben, zumahlen erweislich, daß daß Pfarhaus von einer ... Mühlen erbauet, und außer allen Zweiffel nach her als daß Closter secularisiret worden, nachdehm ohrt hin,

 

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daselbst es itzo stehet, in den flecken verleget worden; (...)[428]".

 

 

Bei der Ringmauer wird es sich um die alte Klostermauer gehandelt haben, deren südliche Begrenzung vermutlich die Achse zwischen dem Amtsgarten (O) und dem Pfarrhaus (R) bildete.

Weiterhin geht aus dem Schreiben hervor, daß der Priester auch eine mit Steinen gepflasterte Straße zu der Kirche hatte (N). Er könne sich also nicht beschweren. Als jedoch die Mauer niedergefallen sei, haben die Beamten einen Zaun errichten lassen, welcher nun aber keine Tür mehr für den Priester hatte (g).

Wenig später erfolgte eine Verordnung, daß wieder eine Pforte im Zaun gemacht werden müsse, welche kurz darauf aber wieder geschlossen wurde. Zur Zeit des Amtsmannes Clarßen wurde die Pforte erneut geöffnet. Laut Schreiben habe sich der Amtsmann Aepinius aber den daselbst befindlichen Baumgarten wieder vorgenommen und die Obstbäume zum größten Teil abgehauen (O). Anschließend ließ er dort Hackelwerk pflanzen sowie von neuem über 100 Stämme setzen. Falls nun die Pforte für den Priester offen gehalten werden solle, stehe zu befürchten, daß auch Ziegen und Schweine sowie Kinder und Gesindel sich dieses Weges bedienen könnten und dann kein Apfel und keine Birne mehr sicher sein würde. Um den Priester seinen Eintritt in die Kirche durch die kleine Kirchtür zu ermöglichen, habe der Amtsmann einen anderen Weg abzäunen lassen (c, e).

 

Detaillierte Erkenntnisse über die Klosteranlage lassen sich hieraus zwar nicht gewinnen, doch bestärkt es zumindest den Rekonstruktionsversuch der Anlage, wie auf beiliegendem Plan skizziert (Abb. VII. 316).

 

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G. 1460 : Der spätgotische Umbau der Kirche

 

1. Formunterschiede zwischen Süd- und Nordwand

 

Als verhältnismäßig sicher ist anzusehen, daß um 1460 grundlegende Baumaßnahmen an der Kirche erfolgten. Diese Annahme basiert auf einem Dokument aus diesem Jahr, in dem ein Neubau befürwortet wird. Ungeachtet dessen gilt herauszufinden, ob die vorgeschlagene Neugestaltung durchgeführt wurde und welche Teile der Kirche letztendlich davon betroffen waren.

 

Den Bauformen nach bezog sich die Erneuerung nur auf Teile des Kirchenschiffes. Turm und Chor wurden nicht von den Umbaumaßnahmen berührt. Wollte man den sich an der Kirchensüdseite anlehnenden Kreuzgangflügel erhalten, wie es geschehen war, so waren auch hier nur begrenzt bauliche Eingriffe möglich. Wie die Rundbögen im Mauerwerk der Kirchensüdwand - Reste des Kreuzganggewölbes - und die fehlenden Fenster im östlichen Bereich zeigen, beließ man diese Hälfte in seinem Zustand. So ist auch die ungleichmäßige Verteilung der drei großen Spitzbogenfenster im westlichen Teil zu erklären. Das westliche Fensterpaar liegt in dem Bereich, der von den Pfeilern Nr. 3 und 4 begrenzt wird. Sie haben eine Stichhöhe von 4,7 m und sind jeweils etwa 2,5 m breit. Das dritte Spitzbogenfenster mit der gleichen Größe befindet sich ca. 0,9 m östlich des 3. Pfeilers. Dieses Fenster liegt über dem östlichen Kapellenjoch. Ein zweites Fensterpaar konnte nicht eingeplant werden, da sich der nördliche Kreuzgangflügel vermutlich bis zum Ende des Mauerabsatzes und damit bis zur Lüneburger Kapelle erstreckte bzw. bis hierhin erhalten werden sollte.

 

Der übrige Teil der Südwand westlich des Mauerrücksprunges weist stilistische Unterschiede zur Nordwand auf. Auch innen ist die Formgebung nicht homogen.

Schon die Wahl des Ziegelverbandes ist nicht einheitlich.

 

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Die Südseite zeigt noch den wendischen Verband (Abb. V. 79, 80). Auf der Nordseite dagegen ist eine Unentschlossenheit bei der Wahl des Mauerverbandes festzustellen. Über der zweilagigen Sockelzone aus Granitquadern sind teilweise einige Ziegellagen im wendischen Verband vorhanden. Die obere Zone sowie der Portalbereich sind überwiegend im gotischen Verband gemauert. Die Verbände wechseln ansonsten zwischen beiden Varianten. Vor allem ist im oberen Wandbereich ein deutlicher Kellenstrich auszumachen, der auf der Südwand in dieser Form nicht vorhanden ist (Abb. V. 90)[429]. Eine derartige Fugenbehandlung ist auch an der Triumphbogenwand sichtbar (Abb. V. 73).

In der Lüneburger Kapelle ist der Verband der Schmalseiten sowie der Verbindungswand der beiden Joche auffällig. Die radiale Schichtung von Mauersteinen erscheint sonst nirgendwo an der Kirche(Abb. V. 110).

 

Die Gestaltung der Südfenster entspricht im wesentlichen der Gliederung der Fenster auf der Nordseite. Sie sind von einem Rundstabprofil umrahmt, dreigeteilt mit einem Stabwerk aus Rundstäben. Die Fenster auf der Nordseite sind zusätzlich mit Überfangbogen und Maßwerk dekoriert. Auch innen sind Variationen vorhanden:

Die Laibungskanten des westlichen Südfensters sind durchgehend durch Birnstäbe hervorgehoben, die des Fensterpaares dagegen abgefast und nur die Bogenkanten mit Birnstäben besetzt. Die großen Spitzbogenfenster der Nordseite sind lediglich einfach abgefast.

 

Auch die Kapellenfassaden sind verschiedenartig gestaltet. Die Lüneburger Kapelle ist mit Maßwerk versehen, wobei jedoch zu bedenken ist, daß das Dekor einer neuzeitlichen Ummantelung angehört. Die Nordkapellen sind schmucklos, fast

 

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unscheinbar. Diesem Stil entspricht auch die Portalgestaltung. Die Stufung besteht nur aus Rund- und Birnstäben.

 

Im Innenraum sind Formen und Profilierungen der Öffnungen zu den Nebenräumen nicht kongruent.

Beide Zugänge zur Lüneburger Kapelle waren ursprünglich rundbogig geschlossen, wobei der Bogen nur zum Schiff hin abgefast war, wie der am Westende der Südwand befindliche vermauerte Eingang zeigt. Die Bogenlaibung des östlichen Zuganges ist auf der Kirchenschiffsseite nachträglich schräg in die Wand geschnitten, so daß sie sich auf der Kapelleninnenseite mit dem ursprünglichen, rundbogigen Abschluß verbindet. Auch der Portalvorraum war einst mit dem Kirchenschiff durch einen Rundbogen verbunden, der auf Schiffsseite abgefast war. Die Öffnungen zu den Nordkapellen sind dagegen spitzbogig geschlossen.

Weitere Variationen gibt es in den Profilierungen der Laibungskanten. Während das Birnstabprofil bei der Lüneburger Kapelle innen wie außen auf dem Niveau des heutigen Fußbodens ansetzt, ist es bei den Nordkapellen nur auf der Seite zum Kirchenschiff vorhanden und beginnt hier erst in einer Höhe von 70 cm über dem Fußboden (Abb. V. 109, 124, 125). Demgegenüber sind die Laibungskanten in den Kapellen mit Fasenprofilen versehen, die hier sogar noch etwas höher angelegt wurden als das Birnstabprofil (Abb. V. 124).

Die Öffnung zum Portalvorraum ist - gleich den Arkaden - mit Birnstäben profiliert. Im Innern des Vorraumes sind Bereiche der Laibungskanten abgefast.

 

Besonderheiten anderer Art weisen die Schiffswände auf. Auf der Südwand zeichnet sich gleich rechts neben dem östlichen Spitzbogenfenster eine kleine, zugemauerte Segmentbogenöffnung ab, die etwas höher liegt als die Öffnung mit Rundstabprofil im ersten Joch (Abb. V. 106). Die Bogenstirn ist aus einer Schicht Bindersteinen oder einer Hochkantschicht gebildet. Auf der Außenseite deutet nichts auf diese Öffnung hin. Es wird sich wohl um eine Nische gehandelt haben. Hier

 

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kommt insbesondere eine Nische für liturgische Bücher in Frage, denn der Nonnenchor wird im westlichen Teil der Kirche gelegen haben.

 

Auf der Nordwand gibt es eine andere Auffälligkeit: In der Wandzone zwischen den beiden Arkaden ist eine Rollschicht vermauert, die etwa drei Ziegellagen unter den Bogenscheiteln liegt. Sie ist nur an dieser Stelle auf der Nordwand vorhanden (Abb. V. 120). Der Mauerrücksprung oberhalb der Kapellenzugänge wirkt zwar auf den ersten Blick wie eine Baunaht, hat aber ebenso wie die drei Leerbögen darüber eher statische Gründe (Abb. V. 120, 121). Die isometrische Zeichnung zeigt, daß die Bögen oberhalb der Gewölbe aus der Wand hervortreten (Abb. III. 18). Im Portalvorraum, wo das Gewölbe fehlt, sind die Bögen deutlich zu erkennen (Abb. V. 131). Ihre Funktion besteht offenbar darin, den Schub des Schiffsgewölbes auf die Pfeiler abzuleiten.

Was den Mauerrücksprung anbelangt, so markiert er keinen neuen Bauabschnitt. Es wäre sicher möglich gewesen, die Bögen und - damit den ganzen oberen Bereich - auch ohne Rücksprung zu vermauern[430]. Daher kommen nur statische Gründe für dieses Verfahren in Frage. Im Rahmen dieses konstruktiven Systems haben auch die Nordkapellen letzlich nur verstrebende Funktion. Wie auch der Portalvorraum sind es Flankenkapellen zwischen eingezogenen Strebepfeilern.

 

Die Freilegungsprobe am Kapitell des östlichen Arkadenpfeilers ist für eine Rekonstruktion der ursprünglichen Kapitellform unzureichend. Einen Anhaltspunkt bietet nur ein Formstein mit einer abgerundeten Kante, der im unteren Teil sichtbar ist (Abb. V. 123). 

 

Ein häufig auftretendes Motiv sind eingelassene, segementbogige Blenden; zum einen mit wandgliedernder Funktion wie im Portalvorraum östlicherseits und in der gegenüberliegenden

 

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Wand im westlichen Joch der Nordkapelle (Abb. V. 133, 127). Auch für die östliche Stirnseite der Lüneburger Kapelle wurde das Motiv in dieser Funktion - wenn auch in der neuzeitlichen Verblendung - aufgenommen (Abb. V. 85).

Einen weiteren Zweck haben die Blenden, die asymmetrisch in die Triumphbogenwand und im westlichen Joch der Lüneburger Kapelle eingetieft wurden (Abb. V. 57, 62, 114). Sie waren zur Aufnahme von kleineren Skulpturen oder liturgischen Gegenständen, wie etwa Bücher gedacht.

 

In den Nordkapellen sind einige andere Befunde erwähnenswert: In der westlichen Kapelle, westliches Joch und in der östlichen Kapelle, westliches und östliches Joch (jeweils Bogenaußenschenkel) sind Verdickungen des Mauerwerks zu erkennen (Abb. V. 126). Vielleicht sind es Fragmente einer älteren Bogenform. Auch nordöstlich ist an der Stelle, wo Eckvorlage und Rippe aufeinanderstoßen, eine Verdickung des Mauerwerks festzustellen (Abb. V. 128).

Die Kapellen wurden ursprünglich durch vier Spitzbogenfenster beleuchtet, von denen jeweils die äußeren mit etwa 15 cm Rücksprung zugesetzt wurden. Die beiden anderen sind dreiteilig mit eingelegten Rundstabprofilen. Auf dieser Wandseite fällt westlich ein Mauerrücksprung von ca. einen halben Stein Breite auf, der sich in Höhe der Fenstersohlbänke befindet. Seitlich der Fenster steigt er treppenartig auf.

Ob die beiden doppeljochigen Kapellen ursprünglich miteinander verbunden waren, ist eher zweifelhaft. Auf dem Plan von 1844 ist zwar eine Verbindung verzeichnet, die jedoch bereits neuzeitlich sein kann. Spätestens Ende des 19. Jahrhunderts sind es wieder zwei separate Kapellen. Der Gang stammt in der heutigen Form also aus dem 20. Jahrhundert.

 

Im Innern des Portalvorraumes ist über dem Bogen ein Rücksprungbogen vorhanden (Abb. V. 131). Seitlich des Überfangbogens treten die Entlastungsbögen ( s.o.) aus der Wand heraus. Darüberhinaus sind auch die anderen Wände des Raumes

 

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durch Vor- und Rücksprünge gekennzeichnet. So tritt in der nordwestlichen Ecke bis auf etwa halbe Höhe eine schmale Eckvorlage hervor, die dafür bestimmt war, die Last des Schiffsgewölbes abzuleiten (Abb. V. 132). Hier war ein Gewölbe vorgesehen, das nicht zur Ausführung gelangte.

Auf der Nordwand ist ein reckeckiger Wandabschnitt um das Fenster herum ab Sohlbankhöhe zurückgesetzt. Die schmale, spitzbogige Fensteröffnung ist wiederum durch einen einfachen Rücksprungbogen umrahmt.

 

Daß es sich auch bei der Triumphbogenwand um eine Baumaßnahme des ausgehenden 15. Jahrhunderts handeln muß, ist aufgrund des hier angewandten Kellenstriches anzunehmen (Abb. V. 73)[431]. Dieser Art der Fugenbehandlung taucht mehrfach auf der Nordwand auf.

 

Zu der oberen Zone des Kirchenschiffes gehören die auf halber Höhe auf Konsolen endenden dreiteiligen Gewölbedienste sowie das dreijochige, gebuste Kreuzrippengewölbe mit den runden Schlußsteinen (Abb. V. 138).

Die schlichten Konsolen sind zweifach vorgestuft und aus Birnstabformsteinen gebildet (Abb. V. 106, 134). Dienste und Gewölberippen setzten sich gleichfalls aus diesen Formsteinen zusammen. Wo Dienste und Rippen aufeinanderstoßen wird besonders auf der Südseite kein fließender Übergang erreicht (Abb. V. 106). Dazu beigetragen hat auch der Einzug der Zugbalken, die nachträglich zwischen die Gewölberippen gesetzt wurden. Dadurch wurden Rippen beschädigt und Ausbesserungsarbeiten nötig. Zum Teil mußten die Rippen neu um die Balken herum versetzt werden.

In der südwestlichen Ecke wird die einzelne Gewölberippe ebenfalls von einem dreiteiligen Dienst aufgefangen (Abb. V. 136). Hier stoßen Rippe und Dienst als zwei isolierte Bauteile aufeinander. Die nordwestliche Rippe bildet zwar mit dem hier einteiligen Dienst einen fließenden Übergang, doch

 

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zeigen die Fragmente, daß auch hier ursprünglich ein dreiteiliger Dienst vorhanden war (Abb. V. 137).

Die Funktion dieser Eckdienste ist nicht auszumachen (Abb. V. 136, 137). Es kaum denkbar, daß sie Überbleibsel eines älteren Gewölbes mit Schildbogenprofilierung sein können. Vielleicht zeugen sie lediglich von einer Planänderung oder ersetzten verlorengegangene Originalkonsolen.

 

Auch die Wand zum Turm ist nicht ungestört: Der obere Teil der Verbindungswand setzt sich deutlich von dem übrigen Bereich ab, da hier Ziegelsteine anderen Formates verwandt wurden (Abb. V. 135). In der nordwestlichen Ecke in Höhe der Gewölbedienste tritt eine Mauerkante hervor, vermutlich das Fragment einer älteren Wand (Abb. V. 137).

 

Die farbliche Gestaltung des Innenraumes geht aus der restauratorischen Untersuchung hervor: Die Gewölbekappen des Langhauses waren gekalkt und an den Fenstern von einem farbigen Band begleitet. Die Rippen waren geschlämmt, grün gefaßt und beidseitig ornamental gerahmt. Die erste Fassung der Wände bestand aus einer Weißtünchung[432].

 

Zusammenfassend ergibt sich folgende Schlußfolgerung:

Das Kirchenschiff ist bis auf den rechteckigen Bereich der Südwand, der außen durch den Mauerrücksprung markiert ist (ohne Strebepfeiler), einer Bauphase zuzuordnen. Süd- und Nordseite sind dabei als Einheit zu bewerten. Obgleich es Unterschiede im Mauerwerksverband, in der dekorativen Behandlung der Fassaden und in der Profilierung der Kapellenzugänge; gibt, ist die Formensprache grundsätzlich die gleiche.

Die Unterschiede im Zierat dürften einen naheliegenden Grund haben: Die Fenster und das Maßwerk südlicherseits konnten, ja sollten letztlich nicht so schmuckvoll gestaltet werden, da sie dem Klausurbereich zugewandt waren. Die Nordseite,

 

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auf der das Portal lag und die für die Gemeinde vorgesehen war, durfte dagegen mit dekorativen Elementen versehen werden. Andere Abweichungen wie der Mauerwerksverband könnten auch durch eine längere Bauunterbrechung oder einen Wechsel der Baumeister begründet sein.

Dagegen wurden strukturelle Unterschiede in erster Linie durch die Anlehnung des nördlichen Kreuzgangflügels an die Kirche hervorgerufen. Hier mußte für das Strebesystem eine andere Lösung gefunden werden. Der Plan einer Wandpfeilerkirche konnte somit nur im Ansatz zur Ausführung gelangen. Die "Einsatzkapellen" wurden nicht bis Schiffshöhe hinaufgezogen, um die symmetrische Anordnung und die Beleuchtung des Nonnenchores zu gewährleisten. Insofern erscheinen die Kapellen wie Seitenschiffe.

 

 

2. Die Lüneburger Kapelle

 

In der Rekonstruktion ist davon auszugehen, daß sich der Kreuzgang an die Südseite der Kirche angelehnt hat. Der östliche Bereich wird damit keine Strebepfeiler besessen haben.

Ein besonderes Problem stellt in diesem Zusammenhang die Lüneburger Kapelle dar, die in der Ost-West-Achse des nördlichen Kreuzgangflügels liegt. Wie die Grabungen ergaben, nahm auch der westliche Kreuzgangflügel auf die Kapelle Bezug (Abb. IV. 39). Bis zum "Neubau" wird hier ein Teil des Kreuzganges vorgelagert gewesen sein. Die breiten Zugänge vom Kirchenschiff zur Kapelle schließen allerdings aus, daß dieser Bereich weiterhin als Bestandteil des Kreuzganges genutzt wurde[433]. Entweder man verzichtete nun auf den umlaufenden Wandelgang oder er war in der geschlossenen Form niemals vorhanden gewesen[434].

 

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Die beiden Räume werden also bereits zu dieser Zeit ihre Funktion als Kapelle erhalten haben. Wann die Kapelle ihre Bezeichnung erhielt, ist nicht sicher. Jedoch wird sie für vorüberreisende Salzhändler gedient haben[435].

 

Am Mauerwerksverband ist ablesbar, daß die Kapelle eine neuzeitliche Verblendung erhalten hat. Die Stirnseite östlicherseits ziert unten eine Segmentbogenblende bzw. -nische mit relativ großen Steinen in der Rückwand (Abb. V. 82, 85). Das darüber aufgehende Mauerwerk ist bis zu einem leicht vorkragenden Gesims im Kreuzverband aus Steinen ziemlich kleinen Formates gebildet (Abb. V. 84). Über dem Gesims springt die Mauer um einen Stein breit zurück. Im abschließenden Mauerwerk zeugen mehrere Stoßfugen von Ausbesserungsarbeiten. Hier ist kein einheitlicher Verband zu erkennen.

Die nachträgliche Verblendung der Kapelle zeigt sich auch nahe der Kante an einer Baunaht (Abb. V. 85). Hier stoßen die größeren Steine der Verblendung auf die Steine kleineren Formates.

 

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Ungewöhnlich, obgleich der neuzeitlichen Ummantelung angehörend, erscheint der Felderfries. Vielleicht ist er einem älteren Befund nachempfunden worden. Auf der Nordseite ist er nicht vorhanden. 

 

Auffälligkeiten in der Kapelle:

Der Spitzbogen im Mauerwerk über der Tür im westlichen Joch der Lüneburger Kapelle ist im Verband aus jeweils einem Läufer- und zwei übereinanderliegenden Bindersteinen gebildet (Abb. V. 115). Der Bogen setzt jedoch so dicht neben der Nische an, daß der linke Bogenschenkel nicht vollständig ausgebildet werden konnte. Der Zugang wurde offenbar nachträglich, vermutlich im 20. Jahrhundert angelegt[436]. Ursprünglich gab es keine Verbindung zur Klausur, denn sie war ein abgeschlossener Bereich. Auch die Fenster wurden später eingesetzt - waren allenfalls als Blende gestaltet - und wahrscheinlich ebenfalls erst im letzten Jahrhundert angelegt[437]. Auf eine Umgestaltung deutet der rechteckige Wandabschnitt unter dem Fenster im östlichen Joch, der gegenüber dem übrigen Mauerwerk etwas zurückgesetzt ist (Abb. V. 112). 

Ebenso gehört der Rundbogengang, der beide Kapellenjoche verbindet, dem 20. Jahrhundert an[438]. Ob die beiden Joche ursprünglich ineineinander übergingen, ist nicht festzustellen. Jedoch waren sie spätestens seit 1844 durch eine Mauer getrennt (Abb. II. 11).

 

Ein weiteres Problem betrifft die Schlußsteine. Entgegen der ersten Einschätzung sind beide Steine identisch. Besonders der Stein im östlichen Joch ist derart mit Farbe zugesetzt, daß man hier den umlaufenden Taustab und die Darstellung des Reliefs nur schwer erkennen kann. Es zeigen aber beide Steine dasselbe Motiv: Ein schräg gestelltes, halbrundes Wappenschild, auf dem drei Zickzacklinien abgebildet sind, die auf Wellen bzw. Wasser hindeuten könnten. Das Wappen konnte

 

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nicht identifiziert werden. Doch könnte es in Zusammenhang mit der die Schaale befahrenden Lüneburger Salzhändlern stehen. Hier sind jedoch weitere Recherchen notwendig. Die Form des Wappenschildes weist ins 15. Jahrhundert[439].