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Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:18-30611
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2006/3061/


Segmentierung der menschlichen Wahrnehmung und die Dauer der Gegenwart : Eine psychobiologische Untersuchung der Zeitverarbeitung im Sekundenbereich

Subjective present and segmentation in human perception : A psychobiological study of time perception in the range of seconds

Maase, Till

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SWD-Schlagwörter: Zeitwahrnehmung , Zeitbewusstsein , Gefühl , Wahrnehmung , Humanethologie , Natürlichkeit , Kognitive Komplexität
Freie Schlagwörter (Deutsch): 3 Sekunden Zeitfenster , Segmentierung von Wahrnehmung und Verhalten , natürliches Zeiterleben , soziale Kognition , Gegenwart
Freie Schlagwörter (Englisch): time perception , subjective present , emotion , complexity , duration reproduction
Basisklassifikation: 77.40 , 77.05 , 77.03 , 42.88 , 42.66
Institut: Biologie
DDC-Sachgruppe: Biowissenschaften, Biologie
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Christiansen, Kerrin (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 30.06.2006
Erstellungsjahr: 2006
Publikationsdatum: 02.10.2006
Kurzfassung auf Deutsch: Es wurde die menschliche Zeitverarbeitung im Bereich weniger Sekunden untersucht. Dabei wurden gleichzeitig kognitive Mechanismen erkundet, die eine verlässliche mentale Repräsentation der (Über-)Lebensumwelt ermöglichen, indem sie die komplexe Flut von Sinnesinformationen zu einem stimmigen Bild bzw. zu einem kohärenten Wahrnehmungserlebnis zusammenfassen. Wahrnehmung (und motorische Handlungen) sind beim Menschen (wie auch bei anderen, nichtmenschlichen Säugetieren) in solche kohärenten, perzeptuellen Einheiten von ungefähr 3 Sekunden Dauer segmentiert. Ein zeitlicher Integrationsmechanismus erzeugt diese bewussten Perzepte dadurch, dass er aufeinander folgende Informationen/Reize zu einer prägnanten WahrnehmungsGestalt verbindet. Dieser Integrationsmechanismus, das so genannte 3 Sekunden-Zeitfenster, gibt also den zeitlichen Rahmen für den einen, aktuellen Bewusstseinsinhalt vor, welcher dann als gegenwärtig bzw. als jetzt empfunden wird.

Die Kombination eines kognitionspsychologischen Ansatzes mit dem psychobiologischen Blickwinkel führte zur Entwicklung einer neuen Untersuchungsmethode. Mittels dieser wurde erstmalig versucht, die Komplexität „natürlicher“ Zeit- bzw. Ereigniswahrnehmung zu berücksichtigen: In ein klassisches Versuchdesign der Zeitpsychologie (Methode der Reproduktion) wurden neben den üblichen einfachen, physikalischen Stimuli (Sinuston, Licht an/aus) anthropologische Schlüsselreize eingebunden - der akustische und mimische Ausdruck menschlicher Basisemotionen. Affektive, nonverbale Vokalisationen (Lachen, Weinen, Angstschreien) und Bilder entsprechender emotionaler Gesichtsausdrücke (freudig, traurig, angstvoll) wurden so modifiziert und standardisiert dargeboten, dass erstmals die zeitliche Verarbeitung komplexer, menschlicher Gefühlsäußerungen analysiert werden konnte.

Über die Methode der Reproduktion (Zeitdauer 1000 - 5000 ms) konnte nicht nur der Einfluss diverser Faktoren auf die Zeitverarbeitung im Allgemeinen untersucht werden, sondern auch der 3-Sekunden-Zeitfenster-Mechanismus im Speziellen. Mit der Programmieroberfläche PsyScope erstellte Computerprogramme führten 93 Probanden interaktiv durch die 3 Versuchsreihen (akustisch, visuell, audiovisuell).

Mittels explorativer Verfahren und varianzanalytischer Modellierungen wurde der Datensatz von 16.275 Einzelmessungen (maximaler Messfehler < 60ms) ausgewertet - dabei konnten bis zu 96% der beobachteten Variation aufgeklärt werden: Abgesehen von der absoluten Dauer der vorgegebenen Zeitintervalle (längere Zeitintervalle werden als länger wahrgenommen) hat die Probandenpersönlichkeit den größten Einfluss auf die Zeitwahrnehmung; der relative Einfluss der vorgegebenen Zeitdauer und die Art der Stimuli (Komplexität, emotionaler Gehalt) haben einen mittelgroßen Effekt; der Einfluss der Sinnesmodalität ist nicht relevant.
Mit zunehmender Dauer der vorgegebenen Zeitintervalle wurden diese bei der Reproduktion immer mehr unterschätzt. Aber nicht nur diese absolute Unterschätzung (in ms) nimmt zu - sondern auch die prozentuale Unterschätzung, der sog. Zeitfehler. Folglich lässt sich die Reproduktion von Zeitintervallen (im Sekundenbereich), also die Transformation von objektiver, physikalischer Zeit in subjektiv wahrgenommene Zeit, nicht als lineare Funktion beschreiben (im Widerspruch zur Scalar Timing Theory).

Die Analysen zeigen ein spezielles Muster der menschlichen Zeitwahrnehmung auf: Zwischen etwa 3-4 Sekunden wechselt der Zeitverarbeitungsmechanismus (vermutlich von der sensorischen Wahrnehmung zur kognitiv gesteuerten Schätzung der Zeitintervalle) - die Dauer der Gegenwart beträgt (maximal) wenige Sekunden.

Die unterschiedliche Qualität der akustischen und audiovisuellen Stimuli (d.h. ihre Komplexität, ihr emotionaler Gehalt bzw. die durch sie induzierte Stimmung) hatte einen deutlichen und hoch signifikanten Einfluss auf ihre zeitliche Verarbeitung. Die differentiellen Wirkungen der akustischen, visuellen und audiovisuellen Reize mit unterschiedlicher emotionaler Qualität wurden im Zusammenhang mit kognitionspsychologischen Modellen und Ergebnissen bildgebender Verfahren diskutiert.

Die unterschiedlichen emotionalen Reaktionssysteme können als phylogenetische Anpassungen mit jeweils spezifischer Funktion verstanden werden. Der Vergleich der Wirkungen akustischer Stimuli mit den Wirkungen visueller Stimuli bei gleicher emotionaler Valenz sollte enthüllen, ob es (unabhängig von der Sinnesmodalität) eine spezifische Wirkung der jeweiligen Emotion auf die Zeitwahrnehmung gibt. Eine auf die emotionale Gestimmtheit des Wahrnehmenden abgestimmte Zeitverarbeitung wäre ein Fitnessvorteil (z.B. beschleunigte Informationsverarbeitung bei Furcht - Flucht/Kampf). Ein solcher, funktionaler Einfluss der Emotionen auf die Zeitwahrnehmung konnte zwar nicht nachgewiesen werden, es fanden sich aber Auffälligkeiten bzw. Muster in den Daten, die eine solche Arbeitshypothese weiterhin untersuchenswert erscheinen lassen.
Kurzfassung auf Englisch: Subjective present and segmentation in human perception: A psychobiological study of time perception in the range of seconds

Human perception (and behaviour) is segmented into functional units with durations of a few seconds. A mechanism of temporal integration binds successive events into ‚gestalt’-like perceptual units. The so-called ‚3-second-window’ provides a temporal working-platform for conscious percepts thereby creating the phenomenal impression of „nowness“.
Considering the natural complexity of time and event perception, this ‚3-second-window’ was explored with an interdisciplinary methodology: anthropological key stimuli – affective nonverbal vocalisations and pictures of facial affect – were implemented into a classic experimental paradigm of time psychology. In a pilot study, new methods had been developed allowing for the standardization of complex emotional utterances and, consequently, the analysis of their temporal processing. Combining an ethological approach with cognitive psychology, the issues of the study are: Is the processing of the 3-second-window affected by modality of senses? Does stimulus quality bias time perception? Do the differential stimulus complexities unveil mental processing constraints?
In particular, it was explored if the comparison of acoustic und visual stimuli containing the same emotional content can prove a functional (i.e. fitness maximizing) impact of emotions on time processing in the range of seconds.

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