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Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:18-54426
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2012/5442/


Textentwicklung bei Schulkindern der Lenca in Honduras: Eine Gemeinde mit einer elementaren Literalität

González Serrano, Aura

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SWD-Schlagwörter: Schreib- und Lesefhigkeit , Schulkind , Honduras , Lenca
Freie Schlagwörter (Deutsch): Textentwicklung , Literarität
Freie Schlagwörter (Englisch): textual development , school children
Basisklassifikation: 17.60 , 17.25
Institut: Erziehungswissenschaft
DDC-Sachgruppe: Sprache, Linguistik
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Hüttis-Graff, Petra (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 18.11.2011
Erstellungsjahr: 2011
Publikationsdatum: 08.02.2012
Kurzfassung auf Deutsch: Diese Studie untersucht die Textentwicklung bei indigenen Kindern in der Primarschule der kleinbäuerlichen Lenca-Gemeinden in Honduras.

Zahlreiche Kinder in Honduras scheitern beim Lesen- und Schreibenlernen: 1996 fielen 26% der Schüler der ersten und 17% der zweiten Klassen in Spanisch durch. Einer der Gründe ist die unzureichende Ausbildung der Primarschullehrer. Ein grundlegendes didaktisches Problem ist die Trennung zwischen der Aneignung der kulturellen Technik des Schreibens und die Vermittlung der Schriftnorm einerseits und der Bildung einer autonomen Schrift andererseits.

FRAGESTELLUNGEN
1. Inwieweit haben die Lenca-Gemeinden eine elementare Literalität entwickelt, die es ihnen erlaubt an einer Schrifttradition teilzuhaben, so dass die in der Schule erlernten Lese- und Schreibkenntnisse genutzt und damit erhalten bleiben?
2. Wie entwickelt sich der geschriebene Text bei Kindern einer Kultur, die nur eine elementare Literalität entwickelt hat?

METHODIK
Für die Bearbeitung der ersten Frage wurde die teilnehmende Beobachtung bei literalen Ereignissen, z.B. Versammlungen, benutzt. Es wurden 19 semi-strukturierte Interviews mit repräsentativen Mitgliedern dieser Gemeinde geführt; außerdem wurde eine Auswahl aus den 163 geschriebenen und 43 gelesenen Texten in der Gemeinde gesammelt, die die Existenz einer elementaren Literalität in dieser Gemeinde belegen.

Zur Beantwortung der zweiten und zentralen Frage wurde eine Quasi-Longitudinalstudie anhand von vier Fallstudien durchgeführt. Die 15 analysierten narrativen Texte, die im Rahmen eines GTZ-Bildungsprojektes im Spanischunterricht entstanden, wurden regelmäßig über zwei Jahre hinweg jeweils im Abstand von etwa sechs Monaten gesammelt. Zudem wurden offene Einzelinterviews über Kohärenz und Orthographie der Texte und das Konzept der Schrift durchgeführt.

Die Ergebnisse der Fallstudien aus der urbanen Lenca-Gemeinde wurden mit 216 Schülertexten einer durchschnittlichen städtischen Schule in der Hauptstadt des Landes verglichen.

ERGEBNISSE
Zu Frage 1:
Die Gemeinde gehört zwar zu einer vorwiegend oralen Kultur, aber sie hat in Interaktion mit politischen Bewegungen, der katholischen Kirche, Regierungsstellen, nationalen und internationalen Organisationen und NGOs ein gewisses literales Bewusstsein und eine elementare Literalität entwickelt.

Die Mitglieder der Lenca-Gemeinde kennen verschiedene Textsorten und deren Funktion, d. h. sie unterscheiden, wann und welche Textsorte, z. B. ein Protokoll, geschrieben wird. Sie nutzen sie bei den literalen Praktiken und Ereignissen im Rahmen von organisatorischen, religiösen sowie Aus- und Fortbildungsveranstaltungen der Gemeinde.

Auch Lenca, die nicht schreiben können, verfügen über eine Vorstellung von Schrift. Das belegt das Vorhandensein einer elementaren, spezifischen Literalität, die eine soziale und pragmatische Funktion erfüllt, insbesondere um die organisatorischen Ziele der Gemeinde zu erreichen.

Zu Frage 2:
Der entscheidende Zeitpunkt bei der Textentwicklung der Kinder der Fallstudien ist das dritte Schuljahr. Neben der Konsolidierung der narrativen Struktur entwickeln sich zu diesem Zeitpunkt verstärkt die für textliche Homogenität und Expansion des Textes wichtigen Elemente: die Einführung und Aufrechterhaltung der Referenz, die Einführung neuer Personen und/oder Eigenschaften und ihre Verbindung mit den bereits vorhandenen sowie die Explikation der für das Textverständnis nötigen Informationen.
Insgesamt ähnelt die Textentwicklung der untersuchten Fälle hinsichtlich Kohärenz und textlicher Homogenität derjenigen in der städtischen Vergleichsschule.

Auf der Syntaxebene treten drei Typen von untergeordneten Konstruktionen in den analysierten Texten auf: 1. Nebensätze mit que (dass) und si (ob) und Adverbialsätze (46%); 2. Infinitiv-konstruktionen oder untergeordneten Finalsätze (30%) und 3. Relativsätze (24,1%).
In den Texten der Lenca-Kinder finden sich jedoch häufig linguistische Varietäten, z. B. Ersetzungen des la (sie) durch lo (ihn) beim direkten Objekt.

DISKUSSION
Die Analyse der Fallstudien zeigt, dass Desymptomatisierung und Kontextualisierung ein langer und nicht linearer Prozess ist. Er hängt eng mit der Komplexität des zu kommunizierenden Themas und mit den Charakteristiken des Schriftmediums zusammen.

Die elementare Literalität der Lenca-Gemeinde ist eine der Grundbedingungen für die Nachhaltigkeit der in der Schule entwickelten Literalität. Dadurch können die Kinder eine Vorstellung von Schrift und ihrer Funktion entwickeln, die sie motiviert, die Schule zu besuchen.

Wünschenswert wäre die Entwicklung einer Didaktik des Lehrens und Lernens einer authentischen Schrift, d.h. aus einer kulturellen Perspektive, die die Interaktion mit literarischen Texten (mündlich/schriftlich) sowie die vorhandenen literalen Praktiken der Gemeinde integriert, und eine entsprechende Aus- und Weiterbildung der Lehrenden.
Kurzfassung auf Englisch: This study analyzes textual development of indigenous primary school students in Lenca communities of small farmers in Honduras.

Many children in Honduras fail at learning how to read and write: in 1996 26% of the students in first grade and 17% of the students in second grade failed Spanish. One of the reasons contributing to this is primary school teachers not being sufficiently trained and educated. A fundamental didactic problem is the separation of learning how to write as a cultural technique from teaching the writing standard on the one hand and developing autonomous writing on the other.

QUESTIONS
1. To what extent have the Lenca communities developed basic literality that would enable them to participate in a writing tradition so that the knowledge of reading and writing acquired in school may be used and consequently maintained?
2. How does written text develop in children of a culture that has only developed basic literality?

METHODOLOGY
To analyze the first question participatory observation of literal events was used, for example of meetings. 19 semi-structured interviews with representative members of this community were conducted. In addition, a selection from the 163 written and 43 read texts collected in the community was made that prove the existence of basic literality in this community.

To answer the second and central question a quasi-longitudinal study using four case studies was conducted. The 15 narrative texts analyzed were created in Spanish classes during a GTZ (German Technical Cooperation) educational project and were collected during two years at regular intervals of about six months. In addition, individual interviews on the coherence and orthography of the texts and on the concept of writing were conducted.

The results of the case studies from urban Lenca communities were compared to 216 student texts from an average urban school in the country’s capital.

RESULTS
With regard to question 1:
The community may belong to a predominantly oral culture, but by interacting with political movements, the Catholic Church, government institutions, national and international organizations and NGOs has developed certain literal awareness and basic literality.

The members of the Lenca community know different types of text and their functions, i.e. they differentiate which type of text is written and when, e.g. a protocol. They use them in literal practices and events during organizational, religious, and educational and training events in the community.

Also those Lenca unable to write have an idea of writing. This is confirmed by the existence of a basic, specific literality fulfilling a social and pragmatic function, in particular to achieve the organizational objectives of the community.

With regard to question 2:
The critical point in the textual development of the children in the case studies is third grade. Not only do they consolidate the narrative structure, but at this time, they also increasingly develop the elements important to textual homogeneity and text expansion: the ability to introduce and maintain the reference, to introduce new characters and/or characteristics and to connect them with existing ones as well as to explain the information necessary for understanding the text. With regard to coherence and textual homogeneity, the textual development in the analyzed cases in general is similar to those in the urban reference school.

At syntax level, the analyzed texts feature three types of subordinate structures: 1. subordinate clauses with “que” (that) and “si” (if/whether) and adverbial clauses (46%), 2. infinitive constructions or subordinate final clauses (30%), and 3. relative clauses (24.1%).
However, the texts by the Lenca children frequently show linguistic varieties, e.g. substituting “la” (she) by “lo” (him) in direct objects.

DISCUSSION
The analysis of the case studies shows that desymptomization and contextualization constitute a long and non-linear process. This process is closely connected to the complexity of the topic to be communicated and to the characteristics of the medium of writing.

The basic literality of the Lenca communities is one of the prerequisites for sustaining the literality developed in school. It allows the children to develop an idea of writing and its function that motivates them to attend school.

It is desirable to develop a theory and methodology of teaching and learning authentic writing, i.e. from a cultural perspective, that integrates the interaction with literary texts (oral and written) and the existing literal practices in the community as well as the corresponding education and training and continuing education of teachers.

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