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URN: urn:nbn:de:gbv:18-66980
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2014/6698/


Der steigende Kampferbedarf infolge der Erfindung des Celluloids und die Unterwerfung der indigenen Bevölkerung Taiwans während der japanischen Kolonialherrschaft

Riebensahm, Ken

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SWD-Schlagwörter: Campher , Celluloid , Taiwan , Indigenes Volk , Japan , Unterdrückung , Kolonie , Photographie , Rohstoff
Basisklassifikation: 15.79 , 15.80
Institut: Asien-Afrika-Institut
DDC-Sachgruppe: Geschichte Asiens
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Vogt, Gabriele (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 30.10.2012
Erstellungsjahr: 2011
Publikationsdatum: 01.04.2014
Kurzfassung auf Deutsch: 1895 erlangte Japan die Herrschaft über Taiwan und errichtete seine erste Kolonie. Während der von landwirtschaftlich nutzbaren Ebenen und Hügelland geprägte, westliche Teil der Insel bereits erschlossen war und von etwa drei Millionen chinesischen Siedlern bewohnt wurde, war die Hälfte der Insel noch unerschlossen. Das unerschlossene Landesinnere wurde von einer Vielzahl nicht systematisch erfasster indigener Gesellschaften bewohnt. Sie gingen dem Prinzip der Subsistenzwirtschaft nach und ernährten sich vom Feldbau sowie von der Jagd. In den ersten 20 Jahren der japanischen Herrschaft unterwarf die Kolonialadministration den überwiegenden Teil der indigenen Gesellschaften. Als Motiv der japanischen Ureinwohnerpolitik wird die Erlangung von Stabilität und Sicherheit sowie die Kontrolle über die gesamte Insel gesehen. Das Geschichtsverständnis sieht die „Pazifizierung“ der indigenen Bevölkerung Taiwans bislang nicht im Zusammenhang mit den Entwicklungen im Bereich der Kampferwirtschaft.
Die monokausale Begründung der Erlangung von Stabilität und Sicherheit erscheint nicht nur aufgrund der hohen, sowohl menschlichen als auch finanziellen Opfer, die die Erlangung der Kontrolle forderte, unzureichend. Zur Zeit der Unterwerfung stellte Kampfer einen bedeutenden Rohstoff dar. Das Naturprodukt wurde in erheblicher Menge als nicht-substituierbarer Bestandteil bei der Herstellung von Celluloid benötigt. Wenngleich der Kampferbaum heute in tropischen und gemäßigten Klimazonen vorkommt, kam er im 19. Jahrhundert ausschließlich in Japan, auf Taiwan sowie in einigen Küstenprovinzen des chinesischen Festlands vor. Das langsame Wachstum und die späte Nutzungsreife des Baums schränkten die Kampfergewinnung weiter auf natürliche Weise ein. Während in den chinesischen Küstenprovinzen keine nennenswerte Kampfergewinnung stattfand, war der in Japan und auf Taiwan gewonnene Kampfer von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Zur Deckung der stetig wachsenden, internationalen Nachfrage fand insbesondere in Japan eine ausufernde Nutzung der Kampferbaumbestände statt. Als Folge machte sich in Japan allmählich eine Knappheit bemerkbar. Auf Taiwan hingegen war der Baum, vor allem im dichtbewaldeten Landesinneren, noch häufig anzutreffen.
Celluloid erfuhr als erster „Massenkunststoff“ eine weite Verbreitung. Darüber hinaus revolutionierte die Einführung des rollbaren Endlosfilms aus Celluloid den Bereich der Fotografie und schuf gleichzeitig die Voraussetzungen für die Entstehung des Kunst- und Unterhaltungsbereichs der Kinematografie. Die Erfindung des Celluloidfilms markiert einen Wendepunkt sowohl in der technischen als auch in der ökonomischen Bedeutung des Materials.
In Bezug auf die Kampferwirtschaft erlangte Japan mit der Übernahme Taiwans nicht nur seine ehemalige Stellung als wichtigster Kampferproduzent zurück, sondern avancierte darüber hinaus, in einer Zeit als sich die jüngst etablierte Celluloidindustrie zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig entwickelte, zum alleinigen Akteur auf dem globalen Kampfermarkt.
Die Arbeit thematisiert den Zusammenhang zwischen der gegenüber der indigenen Bevölkerung Taiwans betriebenen Grenzpolitik und den Entwicklungen im Bereich der Kampferwirtschaft. Dabei geht die Arbeit von der These aus, dass die wachsende Kampfernachfrage infolge der Etablierung der Celluloidindustrie als Triebfeder für die Landeserschließung sowie der in diesem Zuge stattgefundenen Unterwerfung der Ureinwohner zu sehen ist. Eine zeitliche Gegenüberstellung erlaubt die Rekonstruktion kausaler sowie chronologischer Zusammenhänge zwischen den beiden Entwicklungen. Der Beschreibung und Hinterfragung der überaus aufwendig betriebenen Unterwerfung folgt die Erkenntnis, dass die steigende Kampfernachfrage als maßgeblicher Grund für das Handeln der Kolonialverwaltung gegenüber der im Landesinneren lebenden indigenen Bevölkerung zu sehen ist. Die Erschließung des Landesinneren erfolgte in erster Linie aus dem wirtschaftlichen Interesse der Nutzbarmachung der Waldbestände. Sowohl die Landeserschließung Taiwans selbst, als auch die Unterwerfung der indigenen Bevölkerung muss in direktem Zusammenhang mit der Entwicklung der Kampferwirtschaft gesehen werden. Die Durchdringung Taiwans stellt einen weiteren Fall der kolonialen Ausbeutung, wie sie während des 19. Jahrhunderts in unterschiedlicher Gestalt rund um den Erdball auftrat, dar.
Kurzfassung auf Englisch: In 1895, Japan gained control of Taiwan and established its first colony. At that time, the arable western plains and hills were already inhabited by about three million Chinese settlers. The other half of the island was still unopened and inaccessible. The mountainous inner area of Taiwan was inhabited by numerous, unrecorded indigenous societies subsisting on farming and hunting. The majority of these indigenous societies were subjugated by the colonial administration during the first 20 years of Japanese colonial rule. Security reasons and the gain of control over the entire island are seen as the motivation behind the policies towards the indigenous people. To date, the understanding of Taiwanese history does not see the “pacification” on the indigenous people of Taiwan in connection with the developments in the field of the camphor industry.
When looking at the tremendous human and financial sacrifices which accompanied the seizure, the mono-causal explanation of gain of control and security seems to be insufficient. The subjugation occurred at a time when camphor was an important raw material. Due to its unique properties, camphor was a non-substitutable ingredient in the manufacturing process of celluloid and thus required in considerable quantities. Nowadays, the camphor tree has been introduced to many countries of tropical and moderate climate, but during the 19th century the tree could only be found in Japan, Taiwan, and some coastal provinces of China. Additionally, the possibility to obtain camphor was naturally limited by the slow growth and late maturity of the tree. While the camphor production of the coastal provinces did not result in any considerable output, the camphor obtained in Japan and Taiwan was of economic importance. Particularly in Japan, the felling of camphor trees was increased in order to meet the growing international demand. This resulted in a gradually increasing shortage of camphor trees in Japan. In Taiwan, however, especially in the densely forested, mountainous area the tree could still be frequently found.
Celluloid, the first thermoplastic, was widely used and became one of the first mass produced polymers. Moreover, the invention of the endless celluloid film revolutionized the field of photography and set the prerequisite for the emergence and development of the art and entertainment sector of cinematography. The invention of the celluloid film marks a turning point in the technical and economic importance of the material.
In regard to the camphor industry, with the rule over Taiwan, Japan not only restored its former position as the world´s most important camphor producer, but also gained monopoly in a time when the recently established celluloid industry matured into a significant economic sector.
The work focuses on the correlation between the policies towards the indigenous people of Taiwan and the developments in the field of the camphor industry. The starting hypothesis argues that the increasing demand for camphor due to the establishment of the celluloid industry must be seen as the driving force behind the decision to subjugate the indigenous people and to open up the inner, mountainous districts of Taiwan. A critical comparison reconstructs causal and chronological relationships between these two developments. The costly subjugation process is described and questioned. The study concludes that the increasing demand for camphor can be seen as the major reason for the actions taken by the Japanese colonial administration against the indigenous people of Taiwan. The opening up of the interior districts was mainly driven by the economic interest of gaining access to forests and timber. The opening process of inner Taiwan and the subjugation of the indigenous population must be seen in direct relation to the development of the camphor industry. The conquest of Taiwan represents another case of the various forms of colonial exploitation which took place around the globe during the 19th century.

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