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Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:18-90155
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2018/9015/


The Rise of Finance in the Wind Industry : Financialization in Global Commodity Chains. Analysis of the German Wind Energy Market

Der Aufstieg der Finanzwirtschaft in der Windindustrie : Finanzialisierung in globalen Wertschöpfungsketten. Analyse des deutschen Windenergiemarktes

Jantz, Philipp

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Windenergie , Wind , Finanzwirtschaft , Finanzialisierung , globale Wertschöpfungskette , Erneuerbare Energie
Freie Schlagwörter (Englisch): Wind Energy , Finance , Financialization , Global Commodity Chains , Wind Industry , Renewable Energy
Basisklassifikation: 83.10 , 83.39 , 52.56 , 83.50 , 74.08
Institut: Geowissenschaften
DDC-Sachgruppe: Geowissenschaften
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Parnreiter, Christof (Prof. Dr.)
ISBN: 978-3-746703-26-8
Sprache: Englisch
Tag der mündlichen Prüfung: 11.12.2017
Erstellungsjahr: 2018
Publikationsdatum: 22.03.2018
Kurzfassung auf Deutsch: Die Energiewende stellt eine der größten Herausforderungen der heutigen Zeit dar. Eine besondere Rolle bei der Umsetzung einer nachhaltigen Energieversorgung spielt dabei die Windenergie. Die durch die Politik und den Markt vorgegebene Komplexität bei Planung, Bau und Betrieb von Windenergieanlagen sowie die geforderten Ziele zur Überführung von erneuerbaren Energien in einen freien Markt stellt ein Windenergieprojekt in Deutschland heute und auch in der Zukunft vor komplexe Aufgaben. Die größte Herausforderung dabei wird es sein, ein Windenergieprojekt trotz schwankender Einspeisevergütung, Veränderung politischer Rahmenbedingungen und auftretender negativer Strompreise wirtschaftlich stabil betreiben zu können. Diesen neuen Herausforderungen begegnen die Windindustrie und der Finanzsektor mit immer neuen Ideen.
In diesem Kontext erfolgt im Rahmen der Arbeit eine Analyse aus der Perspektive des Global Commodity Chain Ansatzes, welche die Austauschbeziehungen zwischen der Windindustrie und dem Finanzsystem aufzeigen und Veränderungen in diesem System erklären soll. Ziel dabei war es, herauszufinden, ob Finanzialisierungsprozesse die Struktur, die Akteure und die Funktionen der Windindustrie beeinflussen, wie Finanzialisierungsprozesse die Governance der Warenkette Windenergie verändern und ob Veränderungen des institutionellen Rahmens Finanzialisierungsprozesse begünstigen. Der Begriff Finanzialisierungsprozess bezeichnet dabei die zunehmende Rolle und Bedeutung von finanziellen Motiven, Finanzmärkten und Finanzakteuren in einer Warenkette.
Auf Grundlage der Forschungsfragen und aufgestellten Hypothesen wurden Indikatoren definiert, anhand derer eine Identifikation von Finanzialisierungsprozessen der Warenkette Windenergie möglich ist. Der wissenschaftliche Diskurs über Finanzialisierung wird dabei in den Global Commodity Chain Ansatz integriert und der Forschungsdiskurs um Global Commodity Chains somit erweitert. Die empirischen Ergebnisse, die sich auch auf zahlreiche Gespräche und Interviews mit Branchenexperten und Marktakteuren stützen, belegen, dass die Windindustrie finanzialisiert und von Finanzakteuren und Finanzmärkten Schritt für Schritt durchdrungen wird. Es zeichnet sich ab, dass diese Entwicklung jedoch erst am Anfang steht. Die qualitativen Ergebnisse der Interviews konnten mit quantitativen Daten aus Statistiken oder selbst erstellten Datenbanken verifiziert werden, was die aufgestellten Hypothesen zusätzlich bestätigt.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich durch Finanzialisierungsprozesse das Aufgabenfeld und der Einfluss des Finanzsektors mit seinen unternehmensbezogenen Dienstleistungen innerhalb der Windindustrie stark gewandelt haben. So war der Einfluss des Finanzsektors bei einem Windenergieprojekt Anfang der 2000er Jahre meist nur auf die Bereitstellung von Fremdkapital und die Strukturierung einer Finanzierung beschränkt. Heute begegnen Finanzdienstleister den aus sich verändernden institutionellen Rahmenbedingungen resultierenden Herausforderungen mit immer neuen Finanzierungsformen und Finanzprodukten, wie die Analyse von Finanzierungsstrukturen in dieser Arbeit zeigt.
Akteuren aus dem Finanzsektor und seinen unternehmensbezogenen Dienstleistungen wird hierbei eine Schlüsselposition zuteil. Durch die umfangreichen Interviews konnte belegt werden, dass zum einen Dienstleistungen, Empfehlungen und Beratung mit Fokus auf Projekt- und Unternehmensfinanzierungen angeboten sowie Optimierungspotenziale von sich in Betrieb befindenden Windparks aufgezeigt werden. Zum anderen wurde gezeigt, dass Finanzakteure durch neue Finanzprodukte und Finanzdienstleistungen neue Kreisläufe von Wertschöpfung erschaffen. So konnten neue Finanzprodukte und Beteiligungsmodelle für Privatanleger und professionalisierte Investoren am Markt etabliert werden, welche mittlerweile zu einem festen Bestandteil der Windindustrie geworden sind. So belegt eine eigene Erhebung, dass Firmen aus dem ursprünglich produzierenden Gewerbe der Windindustrie mittlerweile auch maßgeblich als Finanzdienstleister in der Windindustrie auftreten. Diese Leistungen werden durch die Fähigkeit vervollständigt, Kapital in andere Kreisläufe zu transferieren. Bedingt durch die Schnittstellenposition der Finanzakteure zwischen Windindustrie und Finanzwirtschaft schaffen sie die Möglichkeit, Kapital von anderen Investmentbereichen wie dem Immobilien- oder Versicherungssektor in die Windindustrie zu transferieren und auch wieder zurück.
Aufgrund dieser angebotenen Dienstleistungen können Finanzdienstleister durch verschiedene Beratungsmandate, Finanzprodukte und Zugang zu Windenergieprojekten gezielt Investmententscheidungen vorbereiten und Investitionsmöglichkeiten aufzeigen, was einen erheblichen Einfluss auf die Lenkung und Steuerung der Wertschöpfungskette mit sich bringt. Finanzialisierungsprozesse haben somit stetig die Governance-Prozesse und Strukturen in der Windindustrie verändert und beeinflusst. Verstärkt werden diese Prozesse in der Wertschöpfungskette Windenergie durch Veränderungen des Investitionsverhaltens und des institutionellen Rahmens. So zeigt eine Korrelationsanalyse auf Grundlage einer selbst erstellten Datenbank für Fondsprodukte im Windenergiebereich, dass die prognostizierten Fondslaufzeiten stetig gesunken sind und Investoren einen immer kürzeren Anlagenhorizont wählen. Die Veränderungen des institutionellen Rahmens zeichnen sich durch eine anhaltende Niedrigzinspolitik, fehlende Investitionsmöglichkeiten, eine Liberalisierung des Sektors der erneuerbaren Energien und eine Überakkumulation von Kapital aus.
Diese Überakkumulation von Kapital in der Windindustrie hat dazu geführt, dass Renditeerwartungen gesunken sind und gleichzeitig die Risikobereitschaft gestiegen ist, was durch die zahlreichen Interviews belegt werden konnte. Durch die niedrigen Renditeerwartungen eröffneten sich Finanzakteuren neue Möglichkeiten, um Windenergieprojekte finanziell neu zu strukturieren umso die Rendite zu verbessern. Die erhöhte Risikobereitschaft ermöglichte den Finanzdienstleistern neue und stärker risikobehaftete Produkte zu entwickeln und zu verkaufen. Diese Entwicklung führte zu krisenähnlichen Phänomenen in der Windindustrie, welche bereits heute aufgezeigt werden können. Dennoch ist noch nicht von einem Zusammenbruch oder Kollaps der Branche auszugehen. Eine mögliche Finanzialisierung bei der Durchdringung von erneuerbaren Energien im Mobilitäts- und Wärmesektor wird dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Kurzfassung auf Englisch: The energy revolution represents one of the greatest challenges of our times. Wind energy plays a special role within the implementation of sustainable energy supply. The increasing complexity of wind park planning, construction and operation, led by policy and economic developments, as well as the required targets for transferring renewable energies into a free market, is a difficult task for wind energy projects in Germany both today and in the future. Hereby the main challenge will be to operate an economically stable wind energy project despite fluctuating feed-in tariffs, changes to the political framework and occurring negative electricity prices. The wind industry and the financial sector are addressing these new challenges with new ideas.
In this context, an analysis from the perspective of the Global Commodity Chain approach will be presented, which will show the relations between the wind industry and the financial system and explain changes and shifts in this system of exchange relationship. The aim was to find out whether financialization processes influenced the structure, the actors and the functions of the wind industry, how financialization processes changed the governance of the wind energy commodity chain and whether changes in the institutional framework favored financialization processes. The term financialization process refers to the increasing role and importance of financial motives, financial markets and financial actors in a commodity chain.
Based on the research questions and the formulated hypotheses, indicators which made it possible to identify financialization processes in the wind energy commodity chain were defined. The scientific discourse on financialization has been integrated into the Global Commodity Chain approach, thus broadening the research discourse on Global Commodity Chains. The empirical results, which are also based on numerous discussions and interviews with industry experts and market players, show that the wind industry is being financialized and is gradually being penetrated by financial actors and financial markets. It appears that this development is only the beginning. The qualitative results of the interviews can be verified with quantitative data from statistics or self-created databases, which additionally confirmed the hypotheses.
The results show that the field of activity and the influence of the financial sector with its advanced producer services has changed considerably within the wind industry. In the early 2000s, the influence of banks and financial service providers within a wind energy project was mostly limited to the provision of loan capital and the structuring of financing. Today, financial service providers are faced with the challenges arising from the changing institutional frameworks with ever new forms of financing and financial products, as the analysis of financing structures in this work shows.
A key position will be given to service providers from the financial sector with advanced producer services. Through the extensive interviews, it could be proved that on the one hand, services, advice and consultancy with a focus on project and corporate financing are offered as well as optimization potentials of wind parks in operation. On the other hand, it has been found that new financial products and financial services create new circuits of value. New financial products and investment models for private investors and professionalized investors have been established on the market, and have now become an integral part of the wind industry. For example, an own survey shows that companies from the original manufacturing industry in the wind industry are now also playing a major role as financial services providers in the wind industry. These services are complemented by the ability to switch capital to other circuits of capital. Due to their interface position, financial actors are able to transfer capital from other investment sectors such as the real estate or insurance sector to the wind industry and also to return capital from the wind industry to other sectors.
As a result of these services, financial services providers are able to prepare investment decisions by means of various advisory mandates, financial products and access to wind energy projects, and are able to point out investment opportunities, which has a considerable influence on the command and control of the commodity chain. Financialization processes have thus constantly changed and influenced the governance processes and structures in the wind industry. These processes have been strengthened in the wind energy commodity chain through changes in investment behavior and in the institutional framework. For example, a correlation analysis on a self-made database for fund products in the wind energy sector shows that the projected fund maturities have been steadily declining and investors have chosen an ever shorter investment horizon. Changes in the institutional framework are characterized by a sustained low-interest policy, lack of investment opportunities, liberalization of the renewable energy sector and over-accumulation of capital.
The overaccumulation of capital in the wind industry has led to a decline in return expectations and an increase of the readiness to assume risk, which could be proved by the numerous interviews. The low return expectations opened up new possibilities for financial service providers to financially restructure wind energy projects to improve returns. The increased readiness to assume risk enabled financial service providers to develop and sell new and more risk-bearing products. This development leads to crisis-like phenomena in the wind industry, which are already visible today. Nevertheless, a breakdown or collapse of the industry is not anticipated. However, financialization could play a major role in possible future collapses, particularly if there is a penetration of renewable energies in the mobility and heat sector and this penetration is accompanied by further financialization.

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