FAQ
© 2018 Staats- und Universitätsbibliothek
Hamburg, Carl von Ossietzky

Öffnungszeiten heute09.00 bis 24.00 Uhr alle Öffnungszeiten

Eingang zum Volltext in OPUS

Hinweis zum Urheberrecht

Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:18-92527
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2018/9252/


Ordinary Homeless Cities? : Geographien der Obdach- und Wohnungslosigkeit in Rio de Janeiro und Hamburg

Ordinary Homeless Cities? : Geographies of Homelessness in Rio de Janeiro and Hamburg

Schmidt, Katharina

pdf-Format:
 Dokument 1.pdf (34.549 KB) 


SWD-Schlagwörter: Geografie , Obdachlosigkeit , Rio de Janeiro , Hamburg , Intersektionalität , Fotografie , Postkolonialismus
Freie Schlagwörter (Deutsch): global urbane Forschung , visuelle Geographien , reflexive Fotografie , intersektionelle Analyse , Geographien der Obdach- und Wohnungslosigkeit
Freie Schlagwörter (Englisch): global urban research , visual geographies , reflexive fotography , visual-intersectional analysis , geographies of homelessness
Basisklassifikation: 74.10 , 74.09 , 74.12
Institut: Geowissenschaften
DDC-Sachgruppe: Geowissenschaften
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Neuburger, Martina (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 02.11.2017
Erstellungsjahr: 2017
Publikationsdatum: 29.08.2018
Kurzfassung auf Deutsch: Das Phänomen der Obdach- und Wohnungslosigkeit (OL&WL) in Großstädten ist weltweit verbreitet und wird spätestens seit den 1990er Jahre versucht sozial- und stadtgeographisch unter dem Schlagwort „geographies of homelessness“ zu fassen. Homeless cities werden als Ergebnisse komplexer Geographien der Obdach- und Wohnungslosigkeit verstanden und sind dabei viel mehr als nur Verortungen von Hilfsstrukturen, Ergebnisse „spezieller“ Raumnutzungsstrategien oder Mechanismen sozialer Kontrolle in städtischen Räumen. Die Frage nach der Konstruktion von homeless cities durch verschiedenste Geographien der Obdach- und Wohnungslosigkeit eröffnet Möglichkeiten, aufzuzeigen, dass diverse homeless cities Bestandteil jeder Stadt sind bzw. sein können. Diese Diversität basiert auf individuellem (Alltags-)Wissen, Theorien und Praktiken obdach- und wohnungsloser (ol&wl) Menschen, die eng verwoben sind mit den Prozessen, Politiken und Ordnungen einer Stadt: seien es Prozesse der Aufwertung durch eine „tourist city“, Wohnraumpolitiken beeinflusst durch die „neoliberal city“ oder gesellschaftliche Ordnungen einer „postcolonial city“. Demzufolge wird nicht von einem bereits vorhandenen Repertoire an bestehenden Geographien der Obdach- und Wohnungslosigkeit einer Stadt ausgegangen, sondern von deren individuellen Konstruktionen in Verknüpfung mit historisch-gesellschaftlichen sowie aktuellen stadtpolitischen Kontextualisierungen. Gerade visuelle Ansätze bieten sich dabei an, Zugänge zu den homeless cities nicht nur zu eröffnen, sondern auch diverse Verschränkungen der Zusammenhänge im Alltag der Städte zu verdeutlichen und offenzulegen. Konzeptionell werden die Städte Hamburg und Rio de Janeiro als Fallstudien im Sinne einer postkolonialen Stadtforschung nach Jennifer Robinson in ihrer „Gewöhnlichkeit“ theoretisierend als „ordinary cities“ verstanden. Diese werden ausgehend von den visuellen Geographien einiger ihrer homeless cities betrachtet, um das interdependente Wirkungsgefüge von Geographien der Obdach- und Wohnungslosigkeit in Hamburg und Rio aufzuzeigen.

Dabei zeigen und erläutern in den zwei Fallstudien insgesamt zwölf ol&wl Bewohner_innen mit Hilfe von Fotografien ihre Perspektiven auf Hamburg und Rio de Janeiro. Das dadurch gewonnene Wissen über Orte, Dynamiken, Erfahrungen, Politik, Positionen und gesellschaftliche Verhältnisse in den beiden Städten wird in intertextuell-intersektionellen Analysen nachgezeichnet und in seiner Relationalität untersucht. Die persönlichen visuell-verbalen Konfigurationen, die sich aus der Verknüpfung zwischen Bild und Text durch die Befragten ergeben, werden so vor dem Hintergrund des historischen Umgangs mit OL&WL im jeweiligen Kontext betrachtet und ebenso in Verhältnis zu aktuellen Debatten und Aushandlungen um die Thematik gesetzt. Dabei zeigen sich deutliche Kontinuitäten und Brüche, aber vor allem Intersektionen von Machtverhältnissen im Umgang mit OL&WL in beiden Kontexten, welche sowohl die diskursive Ebene, Praktiken aber auch gesellschaftliche Aushandlungen betreffen. Zentral für die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen diesen unterschiedlichen Dimensionen erwiesen sich die politics of control und politics of care. Historische und aktuelle Formen von Gewalt und Fürsorge sowie Diskriminierung und Solidarität spiegeln sich in diesen wieder und legen Prozesse und Mechanismen der Normalisierung der urbanen Verhältnisse in ihrem Verhältnis zu Menschen in Situation der OL&WL offen. Der Fokus der Arbeit auf die visuell-mediale Verhandlung der Thematik der OL&WL stellt in beiden Kontexten heraus, wie visuelle Repräsentationen und Sehkonventionen eine wirkmächtige Rolle bei der Normalisierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse einnehmen, indem diese ol&wl Menschen als urbane „Andere“ darstellen.

Ordinary homeless cities stellen das Ergebnis des Zusammenspiels zwischen individuellen Erfahrungen und historisch-strukturellen Umgangspraktiken mit OL&WL sowie politischen, ökonomischen und sozialen Dynamiken in einer Stadt dar. Ordinary homeless cities werden häufig als marginal und anders betrachtet und vom urbanen Geschehen ausgegrenzt, obwohl sie alltäglich durch deren Interdependenzen hervorgebracht werden. Gerade in der unhinterfragten Gewöhnlichkeit dieses Zusammenspiels wirken Machtverhältnisse, welche Menschen in Situation der OL&WL als urbane „Andere“ normalisieren. Diese Normalisierungsprozesse gilt es ständig zu hinterfragen und anzugreifen, indem Zusammenhänge aufgezeigt, Machtverhältnisse benannt und Blicke und konventionelle Sichtweisen irritiert werden – und so die Komplexität der ordinary homeless cities in urbanen Gesellschaften deutlich wird.
Kurzfassung auf Englisch: The phenomenon of homelessness in big cities is globally present and since at least the 1990s, social and urban geography are attempting to grapple with it under the slogan „geographies of homelessness. Homeless cities are understood as a result of complex geographies of homelessness and are more than the mere locating of support structures, results of particular space utilization stratgies or mechanisms of social control in urban spaces. The question of the construction of homeless cities though various geographies of homelessness opens possibilities to show that many Homeless Cities can be or are a part of any city. This diversity is based on individual (everyday-) knowledge, theory and practice of homeless people, who are closely linked with processes, politics and orders of a city: be it processes of upgrading through a “tourist city”, housing politics informed through the „neoliberal city“ or the social orders of a „postcolonial city“. Accordingly, an existing repertoire of geographies of homelessness is not presumed, in favour of individual constructions alongside historic-societal as well as current urban-political contextualizations. In particular visual approaches promise not only access to homeless cities, but also to highlight and reveal various entanglements of relations of the everyday life of a city.

Conceptionally, the cities of Hamburg and Rio de Janeiro will be understood as case studies of postcolonial urban research in “ordinary cities”, in line with Jennifer Robinson. These will be looked at through the visual geographies of some of their homeless cities, in order to interrogate the interdependent causal network of geographies of homelessness in Hamburg and Rio.
In the two case studies, twelve homeless residents will show and explain their perspectives on Hamburg and Rio de Janeiro through the aid of photography. The subsequently acquired knowledge on places, dynamics, experiences, politics, positions and social relations in the two cities will be traced in intertextual-intersectional analyses and probed for its relationality.

The personal, visual-verbal configurations, which result from the connection of image and text by the interviewees, will thus be looked at before the backdrop of the respective historical handling with homeless people and also put in relation to current debates and negotiations around the theme. Through that, significant continuities and disruptions, and in particular intersections of power relations in regard to homeless people come to the fore, which affect both the discursive level, practice and societal negotiations. For the investigation of the relations between those different dimensions, the politics of control and the politics of care have proven pivotal. In these, historic and current forms of violence and care, as well as discrimination and solidarity have become apparent and reveal processes and mechanisms of normalization of urban relations in their relation to people in situations of homelessness. The focus of this piece lies on the visual-medial handling of the subject of homelessness and exposes, how visual representation and conventions of gaze inhabit powerful roles in the normalization of social power relations, by displaying homeless people as urban Others.

Ordinary homeless cities are the result of the interplay between individual experiences and historic-structural practices of handling homelessness, as well as political, economic and social dynamics of a city. Ordinary homeless cities are often regarded as marginal and separate from urban happenings, even though they are produced daily through their interdependencies. In particular the unquestioned ordniariness of this interplay are a function of power relations, which normalize people in situations of homelessness as urban others. These processes of normalization are to be questioned and resisted constantly by revealing connections, naming power relations and by disrupting conventional gazes and perspectives, in order to trace the complexity of ordinary homeless cities in urban societies.

Zugriffsstatistik

keine Statistikdaten vorhanden
Legende