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Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:18-98388
URL: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2019/9838/


Dissoziationsverhalten bei Borderline Patienten mit und ohne psychotische Symptome

Dissociation in patients with borderline personality disorder (BPD) with and without psychotic symptoms

Reckmann, Anja

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SWD-Schlagwörter: Borderline , Borderline-Persönlichkeitsstörung , Wahn
Basisklassifikation: 44.91
Institut: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin, Gesundheit
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Schröder, Katrin (PD Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 09.05.2019
Erstellungsjahr: 2018
Publikationsdatum: 05.07.2019
Kurzfassung auf Deutsch: Dissoziative Symptome treten bei einem überwiegenden Teil der Patienten mit einer diagnostizierten Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS) in Erscheinung (Korzekwa und Dell 2009) und auch psychotisches Erleben wird von 20-50% der Patienten mit BPS berichtet (Schroeder und Fisher 2013). In vorangegangenen Studien lag der Fokus bei den untersuchten psychotischen Symptomen auf akustischen Halluzinationen und Wahnideen. Eine Differenzierung zwischen Halluzinationen aller Sinnesmodalitäten blieb zumeist aus. Lediglich Pearse et al. unterschieden in ihrer klinischen Studie zwischen den verschiedenen Modalitäten (Pearse, Dibben et al. 2014). Ziel der vorliegenden Arbeit war es zu identifizieren, inwieweit zeitgleich auftretende dissoziative und psychotische Symptome bei Patienten mit BPS einen Zusammenhang aufweisen und inwieweit das Auftreten von psychotischem Erleben Dissoziationen vorhersagen kann.
74 stationäre Patienten mit einer diagnostizierten BPS nach der vierten Auflage des Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen (DSM-IV) wurden auf Zusammenhänge zwischen dem Ausprägungsgrad dissoziativer Symptome und dem Auftreten psychotischer Symptome untersucht. Dissoziative Symptome wurden mithilfe des Fragebogens für dissoziative Symptome (FDS) und psychotisches Erleben mit der Sektion B des strukturierten klinischen Interviews für Achse-I-Störungen (SKID-I), den Psychotic Symtom Rating Scales (PSYRATS) und den daran angelehnten Interviews zu taktilen, optischen, gustatorischen und olfaktorischen Halluzinationen sowie der Freeman Paranoia Checklist (FPC) erfasst. Dabei wurde zwischen aktuellen und anamnestisch aufgetretenen Wahrnehmungsstörungen und Wahnideen unterschieden. Mithilfe des Childhood Trauma Questionnaire (CTQ) wurden traumatische Erlebnisse in der Kindheit erfasst.
Bei 28 Patienten (37,8%) wurden aktuell auftretende psychotische Symptome erfasst. 31 Patienten (41,9%) berichteten von anamnestisch aufgetretenem psychotischen Erleben. Die psychotischen Symptome traten vorrangig in Form von Halluzinationen in Erscheinung. Mehr als ein Drittel der Patienten mit BPS berichtete von aktuellen (N = 26, 35,1%) und 27 Patienten mit BPS (36,5%) von anamnestisch aufgetretenen Halluzinationen. Besonders häufig traten taktile (17,6%) und optische (14,9%) Halluzinationen sowie akustisch-verbaler Halluzinationen (AVH;13,5%) auf. Fünf Patienten berichteten von olfaktorischen Halluzinationen. Von aktuellen Wahnideen waren lediglich acht Patienten (10,8%) betroffen. Elf Patienten (14,9%) berichteten von anamnestisch aufgetretenen Wahnvorstellungen. Die psychotischen Symptome zeigten sich in Abhängigkeit der jeweiligen Sinnesmodalität über einen langen Zeitraum von im Durchschnitt bis zu 14,3 Jahren anhaltend. Abhängig vom jeweiligen Symptombereich verursachten diese bei den betroffenen Patienten eine minimale bis mittlere Lebensbeeinträchtigung. Bei 27 Patienten wurde eine psychotische Störung nicht näher bezeichnet (NNB) diagnostiziert. Die Patienten waren von dissoziativen Symptomen mittleren Schweregrades betroffen.
Die Ergebnisse der Korrelationen zeigten innerhalb der einzelnen Sinnesmodalitäten der Halluzinationen deutliche Unterschiede in der Stärke ihrer Assoziation mit dissoziativen Symptomen. Den stärksten Zusammenhang wiesen AVH und Dissoziationen auf. Die Assoziation von Dissoziationen mit taktilen Halluzinationen lag im Bereich einer mittleren Effektstärke. Optische Halluzinationen und Wahn korrelierten im Bereich kleiner Effektgrößen mit dissoziativen Symptomen. Paranoide Überzeugungen, welche mit der FPC erfasst wurden, zeigten eine wesentlich stärkere Korrelation mit Dissoziationen verglichen mit jener von PSYRATS-Wahn mit Dissoziationen. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit, gemessen mit dem CTQ wiesen ebenfalls einen stark ausgeprägten Zusammenhang mit dissoziativem Erleben bei den untersuchten Patienten mit BPS auf. Patienten mit BPS und einer psychotischen Störung NNB zeigten ein signifikant höheres Dissoziationslevel verglichen mit den Patienten ohne letztere Diagnose. Bei der Differenzierung zwischen Halluzinationen oder Wahn zeigten Patienten mit Halluzinationen einen signifikant höheren Ausprägungsgrad dissoziativen Erlebens, nicht aber Patienten mit Wahnvorstellungen. Im Rahmen einer durchgeführten Regressionsanalyse zeigten sich AVH und Kindheitstraumata als stärkste Prädiktoren von Dissoziationen. Die vorliegende Studie konnte einen starken Zusammenhang zwischen psychotischen Symptomen und dissoziativem Erleben bei den betroffenen Patienten mit BPS nachweisen. Patienten mit einer komorbiden psychotischen Störung NNB dissoziierten stärker verglichen mit Patienten ohne psychotische Symptomatik. Insbesondere bei gleichzeitig auftretenden Halluzinationen ist das Dissoziationslevel der Patienten erhöht, wobei sich innerhalb der einzelnen Sinnesmodalitäten unterschiedlich starke Effekte zeigen.
Für zukünftige Arbeiten zu diesem Thema könnte die Differenzierung zwischen Halluzinationen der einzelnen Sinnesmodalitäten aufschlussreich sein, um zu beleuchten, inwieweit sich Unterschiede innerhalb der Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Sinnesmodalitäten und dem Dissoziationsverhalten der betroffenen Patienten mit BPS zeigen. Auch sollte die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse in verschiedenen Patientenpopulationen überprüft und verglichen werden. Hierzu bedarf es weiterer Forschung mit größeren klinischen Stichprobe. Ebenfalls könnten sich für weitere Untersuchungen in diesem Kontext Längsschnittstudien als vorteilhaft erweisen, welche eine Betrachtung des Dissoziationslevels zu unterschiedlichen Zeitpunkten und über ein breiteres Zeitintervall ermöglichen sowie eine zeitliche Abfolge der verschiedenen Symptombereiche erkennen lassen würden. Es ist möglich, dass sich die Zusammenhänge über eine längere Lebensspanne verändern.
Weiter erweist es sich als sinnvoll, die verwendeten Messinstrumente zur Erfassung taktiler, optischer, gustatorischer und olfaktorischer Halluzinationen auf deren Validität sowie Reliabilität zu erproben und ggf. auch für weitere Fragestellungen und neben Patienten mit BPS auch für andere Diagnosegruppen zu benutzen.
Kurzfassung auf Englisch: Dissociation occurs for most of patients with borderline personality disorder (BPD) (Korzekwa and Dell 2009). Psychotic symptoms are reported for 20-50% of patients with BPD (Schroeder and Fisher 2013). However, the etiology of psychotic symptoms and their effects on dissociative tendencies in patients with BPD remain unclear.
Most studies examining psychotic symptoms in BPD focus on auditory hallucinations and paranoid ideation. There is a lack of research on hallucinations of all sensory modalities. Only the study of Pearse et al. differentiates between the modalities of hallucinations (Pearse et al. 2014). The present study investigates if there is an association between the severity of dissociative symptoms and psychotic symptoms for patients with BPD. Further, the predictive value of psychotic features on dissociative symptoms in BPD is analyzed.
A total of 74 psychiatric inpatients diagnosed with BPD constitute the sample of this investigation. The Structured Clinical Interview for DSM-IV, Axis-II personality disorders (SCID-II) was used to confirm the diagnosis of BPD. Dissociative symptoms were assessed with the German adaption of the Dissociative Experiences Scale (DES), the „Fragebogen zu Dissoziativen Symptomen“(FDS). Psychotic symptoms were measured with the aid of several assessment instruments: The Section B of the SCID-I, the Psychotic Symptom Rating Scales (PSYRATS) and the Freeman Paranoia Checklist (FPC). Based on the original version of PSYRATS, three questionnaires were designed to get further information about visual, tactile, gustatory and olfactory hallucinations. During the clinical interviews current and anamnestic psychotic symptoms were differentiated. The Childhood Trauma Questionnaire (CTQ) was used to measure childhood maltreatment. In this study, 28 patients (37.8%) experienced current psychotic symptoms. 31 patients (41.9%) reported anamnestic psychotic experiences. More than one-third of the patients (N= 26, 35.1%) reported current hallucinations and 27 patients (36.5%) hallucinations that occurred in the past. Especially tactile hallucinations (17.6%), visual hallucinations (14.9%), and auditory verbal hallucinations (AVH; 13.5%) were reported. Five patients experienced current olfactory hallucinations. However, only eight patients (10.8%) were suffering from current paranoid delusions. Eleven patients (14.9%) reported anamnestic paranoid delusions. The psychotic symptoms were experienced for a long duration and caused a minimal to medium disruption of life. Further, 27 patients showed Psychotic Disorder Not Otherwise Specified (NOS). The patients of this sample showed medium levels of dissociation.
The correlations between psychotic symptoms and dissociation show associations of varying strength depending on the sensory modality. The strongest association exists between dissociation and auditive hallucinations. The association between dissociation and tactile hallucinations shows a medium effect size, whereas visual hallucinations and paranoid delusions correlate with dissociation in the range of small effect sizes. Correlation analyses indicate a stronger association between paranoid ideation (measured by FPC) and dissociation compared to paranoid delusions (measured by PSYRATS) and dissociation. Childhood maltreatment is also positively correlated with the level of dissociation. Patients diagnosed with BPD and Psychotic Disorder NOS show significantly higher levels of dissociation compared to the group of BPD patients without psychotic background. The psychotic symptoms were further differentiated. Results stress that patients suffering from hallucinations exhibit greater dissociation compared with the group of patients with paranoid delusions. Auditive hallucinations and childhood maltreatment are significant predictors of dissociation in the linear regression analysis of this study.
A limitation of the present study is the lack of assessment instruments for tactile, visual, olfactory and gustatory hallucinations. The structured interviews based on PSYRATS that were designed for these specific types of hallucinations should be tested for their general suitability on further questions and different diagnosis groups. Another limitation is the small sample size within subgroups that impedes additional in-depth analyses for specific psychotic symptoms. Thus, future research is encouraged to investigate hallucinations of all modalities and the differences in their effects on dissociative tendencies using a larger sample size. Longitudinal data might further help to examine the level of dissociation during a broader time interval.  

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