1 DER GUINEISCHE RAUM: GRENZEN UND INHALTE

Zu Seefahrerzeiten war der Name Guinea stets mit etwas Mystischem behaftet. So ist denn auch seine Herkunft nicht eindeutig geklärt und oft mit zahlreichen Geschichten alter westafrikanischer Königreiche umwoben. Die einen sagen, er kommt aus der Zeit des sich ausbreitenden Transsaharahandels um Christi Geburt, abgeleitet von dem Wort "aginau" (schwarzer Mann) oder "akal'n'I Guinawen" (Land der schwarzen Männer) aus der Berbersprache (LEWIN 1984, S. 8). Andere vermuten seinen Ursprung im Wort "Djenné", das jenes große Handelszentrum des Königreichs Ghana um 1000 n. Chr. bezeichnet (ARCIN 1907, S. 1). Eine dritte Geschichte handelt vom Aufeinandertreffen der Europäer, die zum ersten Mal an Guineas Küste landeten, auf afrikanische Frauen, die auf jede Frage nur mit dem Wort "giné" antworteten. Dies bedeutete "Frau" in der Sprache der Soussou, die, damals wie heute, die guineische Küste bevölkerten (LEWIN 1984, S. 8). Die ersten Europäer, die einen Fuß auf das Gebiet des heutigen Guinea setzten, waren Portugiesen, die Mitte des 14. Jahrhunderts die gesamte Guineaküste abzusegeln begannen. Der Name Guinea tauchte daher am Ende desselben Jahrhunderts in den portugiesischen Seekarten auf, bezeichnete jedoch den gesamten Golf von Guinea.

Die heutige Republik Guinea, zwischen 7°10' und 12°30' nördlicher Breite sowie zwischen 8° und 16° westlicher Länge gelegen, besitzt einen etwa 300 km langen Streifen der westafrikanischen Atlantikküste, der von den Tristao-Inseln im Nordwesten bis zur Landspitze von Sallatouk im Südosten reicht. Ihr Staatsgebiet von etwa 246.000 km2 wird von 6 westafrikanischen Nachbarstaaten umrahmt, mit denen sie gemeinsame Grenzen teilt: Guinea-Bissau im Nordwesten, Senegal und Mali im Norden und Nordosten, Elfenbeinküste im Osten sowie Liberia und Sierra Leone im Süden. Die Grenzen Guineas, willkürliche Aufteilungsakte als Resultate kolonialer Großmachtinteressen, entsprechen in keiner Weise der Abgrenzung naturräumlicher Einheiten oder den Lebensräumen ethnischer Gruppen. Im Norden teilten sie die Volksgruppe der Peulh, die vom Fouta Djallon Guineas bis zum Fouta Toro im Senegal einen zusammenhängenden Lebensraum besaßen. Im Nordosten wurde das Siedlungsgebiet der Malinké, von der südlichen Hälfte Malis bis weit in den Süden Guineas zu den Quellen des Nigers reichend, jäh zerschnitten. Das südlich gelegene Nimba-Bergmassiv verbindet heute Guinea mit der Elfenbeinküste und Liberia. Auch hier wurden zahlreiche im Bergland lebende Volksgruppen und Stämme rücksichtslos voneinander getrennt.

Der auf so unnatürliche Weise entstandene guineische Raum erweckt denn auch den Eindruck einer Collage von vier charakterlich völlig unterschiedlichen Naturräumen: Niederguinea, Mittelguinea, Oberguinea und Waldguinea. Jeder dieser Räume hat sich ökonomisch, demographisch, gesellschaftlich und kulturell unterschiedlich entwickelt, grenzt sich jedoch auch durch spezifische klimatische, bodenkundliche, geomorphologische und geologische Eigenschaften markant von den anderen ab. Die Inhalte dieser Collage sind in jeder Hinsicht umfang- und facettenreich. Aber auch spezifische sozioökonomische und demographische Aspekte verleihen jedem Naturraum seinen eigenen Charakter. Niederguinea wird beherrscht vom Regierungs- und Wirtschaftszentrum Conakry, das als Hauptstadt und bedeutendstes Handelszentrum in seinem Einzugsbereich über die bestentwickelte Infrastruktur des Landes verfügt. Guineas wichtigster Rohstoff, der Bauxit, wird in diesem Naturraum gewonnen, teilweise verarbeitet und exportiert. Die die gesamte Küstenregion bevölkernde Soussou-Ethnie stellt zu einem erheblichen Anteil auch die Regierungspartei. Mittelguinea besteht aus einem zusammenhängenden Hochlandsystem, dem Fouta Djallon. Auf seinem Zentralmassiv stellt die Stadt Labé das Kultur- und Handelszentrum der dort lebenden Peulh-Ethnie dar. Die Viehzucht ist die Hauptwirtschaftsform auf diesem als größtes Wasserreservoir Westafrikas geltenden Bergland. Die Ebene des Niger und seiner Nebenflüsse dominieren das landschaftliche Erscheinungsbild Oberguineas. Die Malinké-Ethnie, Nachkommen des großen Malireiches aus dem 14. Jahrhundert, treiben von ihrem traditionellen Kulturzentrum Kankan aus Handel im ganzen Land. Die Ausbeutung der bedeutenden oberguineischen Gold- und Diamantvorkommen stellen eine wichtige Einnahmequelle für die nationale Wirtschaft dar. Das Antlitz Waldguineas wird durch die Morphologie des mit zahlreichen Bergzügen durchsetzten guineischen Rückens bestimmt. Seine reichhaltige, von der Waldsavanne über die Galeriewälder bis zum tropischen Regenwald reichende Vegetation ist die grüne Lunge Guineas. Die hier lebenden Volksgruppen der Kissi, Toma, Guerzé und Manon sind auf den Kaffee-, Tee- und Tabakanbau spezialisiert. Mit der Stadt N'Zérékoré besitzt Waldguinea einen zentralen Umschlagplatz für den Handel mit Liberia und der Elfenbeinküste.

Trotz der Unterschiedlichkeit und der durch die natürlichen, sozioökonomischen und auch ethnischen Bedingungen teilweise hervorgerufenen Isoliertheit der Naturräume treten neben der staatlichen Einheit des Volkes weitere, den gesamten guineischen Raum verbindende Inhalte hervor. Wichtige Handelsachsen, von Conakry über die Verkehrsknotenpunkte Labé für den Handel mit Guinea-Bissau, Gambia und Senegal, über Kankan für die Verbindungen mit Mali sowie über N'Zérékoré für den südlichen Austausch mit Liberia und der Elfenbeinküste reichend, durchqueren gitterförmig das Land. Somit erfüllt das Land eine für den regionalen Handel in Westafrika eine wichtige Transitfunktion. Zudem hat der Hafen von Conakry als zentraler Außenhandelspunkt für den Überseeaustausch eine das ganze Land durchziehende Sogwirkung. Ein negativer Aspekt dieses verkehrsgeographischen Inhalts ist die mehr oder minder starke Migrationsbewegungen hervorrufende Landflucht.

Die schon erwähnte Einheit des guineischen Volkes mag denn auch der am stärksten hervortretende Inhalt des Landes sein. Trotz der zu bestimmten politischen Ereignissen immer wieder aufflammenden, jedoch lokal begrenzten Konflikte zwischen ethnischen Gruppen hat das guineische Volk seinen ethnischen Frieden weitgehend gewahrt. Nur so war es möglich, daß vor den benachbarten sierra-leonischen und liberianischen Bürgerkriegen fliehende Flüchtlingsmassen, die ein Volumen von mehr als einem Zehntel der guineischen Gesamtbevölkerung erreichten, auf guineischem Territorium und in der guineischen Gesellschaft aufgenommen werden konnten.

Aus diesem grundsätzlichen inneren Frieden ergibt sich ein umfangreiches Potential an Humanressourcen, dessen Inwertsetzung, zusammen mit den Reserven an natürlichen Rohstoffen, wesentliche Entwicklungsinhalte des Landes darstellen. Dennoch bleibt die Dichotomie der Wirtschaftszweige Bergbau und Landwirtschaft, die weder in Planung und Konzeption, noch in der reellen Entwicklung zu einer der sozioökonomischen Gesamtentwicklung des Landes dienlichen integrativen Anpassung gefunden haben, ein negativer Inhalt, den es zu überwinden gilt.

2 METHODIK

Die Methodik der vorliegenden Arbeit ist eine klassische: Ausgehend von einer bestehen-den Situation wird ein Ziel definiert, das mit einer bestimmten Vorgehensweise unter Benutzung verschiedener Instrumente erreicht werden soll.

Die Ausgangssituation

Die Republik Guinea ist im aktuellen deutschen Sprachraum ein weitestgehend unbeschriebenes Blatt. Unter der 26-jährigen Diktatur eines afrikanischen Despoten, Ahmed Sékou Touré, als einer der von sozialistischen Ideologien beherrschten Staaten der panafrikanischen Unabhängigkeitsbewegung verurteilt, wird das Land nun seit dem Regierungswechsel 1984 der Kategorie halbtotalitär agierender Militärregierungen mit begrenztem politischen und wirtschaftlichen Entwicklungspotential zugeordnet.

Land und Leuten geschieht damit vielfach unrecht. Überall ist das Bestreben zu spüren, sich entwickeln und vorwärtsbewegen zu wollen. Das Ziel ist dabei immer gleich: besser zu leben. Die Rahmenbedingungen haben sich inzwischen geändert und sind immer umfassenderen und immer schneller aufeinanderfolgenden und ineinander übergreifenden Entwicklungsprozessen ausgesetzt. Doch ein konsistenter Fortschritt in aufeinander aufbauenden Etappen ist nur durch die Verfügbarkeit notwendiger Informationen möglich, mit Hilfe derer angepaßte Entwicklungsstrategien formuliert und angewandt sowie tragfähige sozio-ökonomische Strukturen geschaffen werden können.

Der Informationsbedarf ist sowohl auf der guineischen als auch auf der Seite der externen Kooperationspartner vorhanden. Guinea benötigt die Öffnung nach Außen, um mit Unterstützung internationaler Finanzhilfe und Technischer Zusammenarbeit den Entwicklungsprozeß zu forcieren. Dazu müssen Signale gesetzt werden, Bereitschaft und Dynamik zur Schaffung der notwendigen Voraussetzungen müssen gezeigt werden. Auf der anderen Seite ist Guinea ein Land voller ergiebiger Ressourcen, bereit, diese im Rahmen von Partnerschaften verschiedenster Art und Form zu erschließen und inwertzusetzen.

Die Informationen müssen fließen. Das ist die Ausgangssituation und gleichzeitig Sinn dieser Arbeit. Dabei können Informationen über die heutige Situation nur richtig beurteilt werden, wenn der problemorientierte kausalhistorische Zusammenhang, die Hauptakteure und die die zukünftige Entwicklung lenkenden Einflußgrößen bekannt sind. Eine kritische Auseinandersetzung führt damit von der Ausgangssituation zu einer realistischen Darstellung von Potentialen und Risiken.

Das Ziel

Ein sehr komplexes, in sich geschlossenes und dennoch sehr facettenreich gestaltetes Erscheinungsbild, das ist das geographische Gesicht Guineas, dessen Konturen und inneres wie äußeres Bewegungsspiel es zu beschreiben, zu analysieren und zu deuten gilt. Dieses Gesicht hat sich über lange Zeit geformt, und die Geschichte hat deutliche Spuren hinterlassen. Die Entwicklungen der letzten Dekade haben dieses Gesicht in eine andere, neue Richtung schauen lassen. Ein neuer Blickwinkel sorgt für neue Ansichten, Ein-sichten und Reaktionen, sowohl auf der guineischen als auch auf der internationalen Partnerseite. Guineas Zustand, seine Wahrnehmung und Verarbeitung der Geschehnisse

und seine Reaktionen, Möglichkeiten und Risiken für die Zukunft im Augenblick dieses Wandels zu bestimmen und zu analysieren, das ist erklärtes Ziel dieser Arbeit. Dazu gehört ebenso eine fundierte historische Hintergrundbetrachtung wie ein Aufzeigen und Beurteilen möglicher Entwicklungsperspektiven.

Die Vorgehensweise

Die Erreichung des Ziels erfordert aufgrund seiner Komplexität eine genau definierte methodische Vorgehensweise. Nachdem eine Basisstrategie ausgearbeitet ist, führt die Nutzung einer Palette von Instrumenten unter Anwendung bestimmter Prinzipien zur Aufarbeitung, Darstellung, Analyse und Beurteilung aller der Basisstrategie zugrundeliegenden Untersuchungssegmente.

Erarbeitung einer Basisstrategie

Die Basisstrategie sieht eine klare und eindeutige Bearbeitungsstruktur des Themas vor. Den Anfang bildet eine ausführliche Raumansprache, den guineischen Raum als physisches und thematisches Untersuchungsobjekt absteckend. Die Frage nach dem "Warum" der heutigen Situation der guineischen Gesellschaft und dem Zustand ihrer Wirtschaft sowie dem anschließenden "Wohin" kann nur dem Boden einer umfassenden historisch-geopolitischen Hintergrundanalyse erwachsen. Erst die Aufarbeitung der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Guineas führt zu dem nötigen Verständnis und Einschätzungsvermögen für die Gegenwart und die Zukunft von Land und Menschen im guineischen Raum.

Die darauffolgende geographische Analyse zeigt zunächst die physischen Rahmenbedingungen mit all ihren ineinandergreifenden und sich regionaltypisch präsentierenden Erscheinungsformen auf. Guineas Reichtum an Bodenschätzen ist Bestandteil dieser natürlichen Voraussetzungen und wird in der interdisziplinären Betrachtungsweise der physischen Basis des Landes als zentrale Analyseebene betrachtet, wobei die Inwertsetzung der geologischen Ressourcen entscheidend für die weitere volkswirtschaftliche Entwicklung des Landes ist.

Der anthropogeographische Teil dieser ersten Analyse beschränkt sich auf die Untersuchung der Situation der guineischen Bevölkerung. Neben den allgemeinen Problemen, die mit ihrem hohen Grad an Bevölkerungswachstum in Zusammenhang stehen, treten für die guineische Bevölkerung im Zuge des politischen und volkswirtschaftlichen Wandels der letzten Jahre neue Probleme auf. Traditionellen Elementen wie die ländlichen Haushaltsstrukturen und das Verhältnis ethnischer Gruppen zueinander stehen Veränderungen in den Migrationsbewegungen und der Verwaltungsstruktur gegenüber.

Die darauffolgende wirtschaftsgeographische Betrachtungsweise beginnt mit der Darstellung ökonomischer Strukturen und Entwicklungen seit der vorkolonialen Zeit, um einen möglichst genauen und umfassenden evolutionär-kausalistischen Eindruck der Formierung des guineischen Staats- und Wirtschaftsraumes bis heute zu vermitteln. Dieser historischen Aufarbeitung schließt sich eine detaillierte sektorielle Analyse an.

Die Struktur dieser Analyse ist auf die schwerpunktmäßige Untersuchung der für die

Volkswirtschaft Guineas wichtigsten Sektoren und Subsektoren ausgelegt, insbesondere den Bergbau und die Landwirtschaft. Doch auch die infrastrukturellen Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung in diesen und anderen Sektoren werden genau untersucht. Dazu gehört ebenso die Beurteilung des Verhaltens der guineischen Regierung in ihrer Wirtschafts-, Finanz-, Steuer- und Arbeitsmarktpolitik im Rahmen der externen Steuerungsmomente im Reformenfeld der strukturellen Anpassung wie auch eine Gesamtbetrachtung der Ergebnisse (volkswirtschaftliche Gesamtrechnung).

Die operationelle Ebene

Das Kernstück der Arbeit bildet die Bearbeitung der einzelnen Wirtschaftssektoren und Subsektoren. Eine problemorientierte Analyse zeigt hierbei die systemischen Zusammenhänge der einzelnen sektoriellen Strukturelemente auf. Gleichzeitig werden ihre Steuerungsgrößen und die sie beeinflussenden Hemmfaktoren und Entwicklungsschwellen identifiziert, analysiert und beurteilt.

Ausgehend von dieser Basis erfolgt daraufhin eine Darstellung und Untersuchung bisher vorhandener Entwicklungsstrategien mit einer Einschätzung ihrer Relevanz und Nutzen, politischen Bedeutung, Realitätsnähe und Umsetzungsmöglichkeiten. Aus der Verbindung dieser Beurteilung mit den Ergebnissen der vorangegangenen Basisanalyse resultiert im weiteren Verlauf eine Darstellung des Entwicklungspotentials sowohl im jeweiligen Sektor und Subsektor als auch auf den gesamtvolkswirtschaftlichen Kontext bezogen.

Die kritische Betrachtung und Bewertung von Rolle und Bedeutung der finanziellen und technischen Zusammenarbeit der internationalen Gebergemeinschaft fließt episodisch ein. Unbestritten ist die lebenswichtige Bedeutung der Entwicklungshilfe für Guinea. Fragen bezüglich ihrer Wirksamkeit, Koordinierung und Nachhaltigkeit werden daher vor allem im Hinblick auf ihre vorhandenen Potentiale, ihre realen Ergebnisse und mögliche Folgewirkungen gestellt.

Instrumente

Die wichtigsten in der vorliegenden Arbeit angewandten Instrumente sind Befragungen und Interviews sowie die Beschaffung, Auswertung und im direkten Gespräch mit Verfassern und verfassenden Institutionen und Organen erfolgte Interpretation, Bewertung und Beurteilung von politischen, volkswirtschaftlichen und planerischen Unterlagen und Dokumenten vor Ort, in Hamburg und in Frankfurt. Während der gesamten Bearbeitungszeit bestanden direkte Kontakte mit guineischen Personen aus Politik und Wirtschaft, die während zahlreicher Arbeitsaufenthalte des Verfassers in Guinea permanent vertieft und erweitert wurden. Zahlreiche Dokumente sind unveröffentlicht und nur für den Dienstgebrauch bestimmt, konnten jedoch ausnahmslos mit freundlicher Genehmigung der jeweiligen Behörden, Dienststellen und Organisationen/Institutionen in die Arbeit einfließen.

Im Rahmen eines Programms für beigeordnete Sachverständige zu Internationalen Organisationen des in Frankfurt ansässigen Büros Führungskräfte zu Internationalen Organisationen (BFIO) war der Verfasser 1991 - 1993 als Programme Officer bei der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (Organisation des Nations Unies

pour le Développement ONUDI) in Guinea tätig. In den Jahren 1994 und 1995 folgten mehrere beraterische und ingenieurtechnische Tätigkeiten im Hafen von Conakry während seiner Ausbau- und Konsolidierungsphase. Seit Mitte 1997 ist der Verfasser von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH als Berater des guineischen Ministeriums für Planung und Zusammenarbeit für 3 Jahre entsandt.

Im Zuge der o.g. Tätigkeiten des Verfassers in der bi- und multilateralen Entwicklungshilfe und im internationalen Beratungswesen konnten ebenfalls wichtige Daten und Erkenntnisse aus dem Kontakt mit Personen in Programmen und Projekten im bergbaulichen, agrarindustriellen, wirtschaftspolitischen und infrastrukturellen Bereich gewonnen werden. Die Teilnahme an Konferenzen, Diskussionsrunden und Foren der Entwicklungspolitik trug dazu bei, die unterschiedlichen Rationalitäten der Geber- und Nehmerseite besser zu verstehen und zu berücksichtigen. Auf eine detaillierte Darstellung der Entwicklungsprogramme der verschiedenen Geber wurde aufgrund ihrer Komplexität verzichtet. Neben der Darstellung einiger wichtiger Komponenten der Reformen der strukturellen Anpassung wurden deshalb relevante Programme und Projekte zwar in ihrer Gesamtheit analysiert, flossen jedoch nur beispielhaft während der Bearbeitung der einzelnen Themengebiete und Sektoren ein.

Ein wesentliches Instrumentarium dieser Arbeit ist das auf der Basis der verhältnismäßig umfassenden Datenlage entstandene Kartenwerk. Es setzt sich zusammen aus aktualisierten und teilweise nachkartierten physischen Karten sowie einem Paket von thematischen Karten zur Erläuterung und Darstellung thematischer Sachverhalte in den einzelnen Sektoren und Subsektoren. Alle Karten wurden der besseren Übersicht und Bearbeitung halber in einem Beiheft der Arbeit beigelegt. Als Quellen dienten für die physischen Karten zumeist alte französische und russische Karten. Für die thematischen Karten wurden ausschließlich Informationen aus den bibliographischen Quellen benutzt und kartographisch verwertet. Alle Quellenangaben für Karten sind im Literaturverzeichnis genannt.

Das Spektrum der Instrumente vervollständigen regelmäßige Auswertungen der guineischen Tagespresse während der Aufenthalte dort sowie der internationalen Westafrika-orientierten Fachpresse. Weitere wichtige Informationsquellen waren Projektberichte, Statistiken und entwicklungspolitische Hintergrundberichte der bi- und multilateralen Geberorganisationen vor Ort und in ihren Zentralen, die, ebenfalls teilweise unveröffentlicht und nur für den Dienstgebrauch bestimmt, mit freundlicher Genehmigung der Organisationen herangezogen werden konnten.

3 GUINEA GESTERN UND HEUTE - DIE STAATSBILDUNG IM KAUSALHISTORISCHEN ABRISS

Nach 26-jähriger Herrschaft des Despoten Sékou Touré, die 1984 jäh mit seinem Tode endete, entschloß sich die nachfolgende Regierung, die Tore ihres lange Zeit verschlossenen Landes weit zu öffnen und einen totalen ökonomischen und politischen Wandel zu vollziehen. Vielerorts war von Guinea als einem Land im Aufbruch die Rede, ein Land, dessen Optimismus und Initiative, über mehr als eine Generation unterdrückt, leicht den Sprung von der destruktiven Lethargie vorangegangener Jahre in einen Prozeß der progressiven Entwicklung von Volk, Staat und Wirtschaft schaffen würde.

Wie viele afrikanische Staaten unterzog sich Guinea daraufhin einem Programm zur strukturellen Anpassung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank (WB), um sich das technische Know-how und die finanzielle Grundlage für die Realisierung dieses Wandlungsprozesses zu sichern. Mit radikalen Reformen im staatlichen Verwaltungsapparat, in der Führung der öffentlichen Haushalte, im Zollwesen und Außenhandel, im Banken- und Finanzwesen, in der Wirtschaftsplanung und -steuerung sowie in der Formulierung, Initiierung und Umsetzung von sektoriellen Entwicklungsstrategien, Reformen und öffentlichen Investitionen sollten der öffentliche Dienst und die politische Führung in ihrer Leistungsfähigkeit gestärkt werden, um zu einem rationellen und konsistenten Wirtschaftswachstum zu kommen.

Doch das Erbe des ein Vierteljahrhundert währenden Staats- und Parteizentralismus wiegt schwer. Eine wenig ausgebaute und kaum funktionierende Infrastruktur behindert noch immer den ökonomischen Entfaltungswillen, ebenso wie fest verankerte Stör-, Verzö-gerungs- und Kontrollmentalitäten sowie Korruption in vielen Teilen der Gesellschaft. Eine lange Zeit der Entbehrungen hinter sich, ohne finanzielle und materielle Grundlagen und zu 73% analphabetisch, mangelt es dem guineischen Volk bis heute an den wesentlichen Voraussetzungen für eine beständige, unabhängige Entwicklung seiner Wirtschaft und Gesellschaft.

Die vorliegende Arbeit soll zuerst Aufschluß über die Resultate der Jahre des gelenkten Wandels geben. Um jedoch der vielschichtigen Problematik der Steuerungsprozesse und deren Ursachen, die Guinea in den heutigen Entwicklungsstand manövrierten, die nötige Transparenz zu verleihen, ist es zweckmäßig, zunächst einmal die wichtigsten Etappen des "Gestern" aufzuarbeiten.



3.1 Von der Kolonie über die Unabhängigkeit zum modernen Staat -

eine normale Vergangenheit?

3.1.1 Französisch Guinea - Schaffung kolonialökonomischer Basisstrukturen

Die heutigen Grenzen Guineas wurden, wie in so vielen anderen afrikanischen Regionen auch, durch die damaligen Kolonialverwaltungen ohne Rücksicht auf vorhandene ethnische Strukturen, kulturelle Raumeinheiten und naturräumliche Gegebenheiten als Verwaltungsgrenzen festgelegt. Per Gründungsdekret vom 17. Dezember 1891 wurde der

unter französischer Verwaltung stehende guineische Raum an der Westküste Afrikas dem französischen Kolonialreich angegliedert. Die Kolonie "Französisch-Guinea" (Guinée Française) war gegründet.

Ihr ging eine langjährige Verhandlungsphase mit den in Westafrika konkurrierenden Kolonialmächten um die Grenzziehung der Kolonie voraus. Als erste Partei zog sich das Deutsche Reich 1885 vom Küstengebiet unter Abtretung der Kantone Koba, Kholisoko und Khabitaye an Frankreich zurück(1). Kurz darauf, am 12. Mai 1886, wurden im Rahmen einer Konvention mit Portugal die Grenzen im Norden zwischen Portugiesisch-Guinea und Französisch-Guinea festgelegt. Einer ersten Konvention vom 10. August 1889 zwischen England und Frankreich zur Verwaltungsaufteilung der südlichen Gebiete folgten weitere Übereinkommen (26. Juni 1891 und 24. Januar 1895), in denen endgültig der Verlauf der südlichen Grenze zu Sierra Leone festgesetzt wurde. In einer Konvention vom 8. April 1904 trat England schließlich die Loos-Inseln an Frankreich ab, und der französisch-liberianische Vertrag vom 13. Januar 1911 schloß die verbleibende Lücke der Grenzen Französisch-Guineas.

Während die französischen Kolonialherren mit der Konsolidierung ihrer Machtansprüche in der Küstenregion durch ständige Präsenz und im Fouta Djallon (Mittelguinea) durch geschickte Handels- und Vertragspolitik leichtes Spiel hatten, stellten sich Ihnen in Ober- und Waldguinea schwerer zu bewältigende Hindernisse in den Weg.

In Oberguinea hatte sich zwischen 1870 und 1875 Samory Touré, ein aus einfachen Verhältnissen stammender Malinké, durch die Vereinigung mehrerer Stämme ein mächtiges und gut organisierte Reich, das "Empire du Ouassoulou", geschaffen. 1875 ließ er sich in der Hauptstadt des Reiches, Bissandougou, zum Herrscher krönen. 9 Jahre später wurde er aufgrund seiner charismatischen Erscheinung und seiner Verdienste für die Islamierung seines Machtbereiches zum Almamy(2) berufen.

Samory Touré herrschte über den oberguineischen Raum insgesamt 33 Jahre, von 1865 bis 1898. Die ersten 20 Jahre benötigte er, um dem zunächst lockeren Zusammenschluß unterschiedlicher Volksgruppen eine straff organisierte Verwaltung und Wehrhaftigkeit zu verschaffen. Die Präsenz einer schlagkräftigen Streitmacht, einer Armee von Berufssoldaten, den berüchtigten "Sofas", verbunden mit der vereinenden Religion durch die jedem Regierungsbezirk vorstehenden Oberpriester, sicherten Samory eine wirksame Kontrolle über sein Reich, ohne die er in dem darauffolgenden siebenjährigen Krieg gegen die Franzosen nicht zur Legende geworden wäre. In einem beispiellosen Wanderkrieg (VOSS 1968, S. 44) leistete er den französischen Kolonialtruppen von 1891 bis zu seiner Gefangennahme 1898 im Lager von Guélémou (in der heutigen Elfenbeinküste) erbitterten Widerstand. Nach Gabun auf die Insel Ogooué deportiert, starb Samory Touré im Jahre

1900.

Die in Waldguinea lebenden Stämme der Guerzé, Manon, Kissi und Toma wehrten sich heftig gegen die französische "Befriedung"(3). Seit 1895 versuchten die Franzosen, das bisher nur als Militärregion verwaltete Gebiet (in Kissidougou, Sampouyara, Diorodougou und Beyla standen kleine Garnisonen) vollständig zu erobern und die Stämme zu unterwerfen (s. Karte 2: Die Kolonialisierung Guineas). Lange Zeit war dieses Vorhaben aufgrund des Fehlens einer einheitlichen gegnerischen Front und dem undurchdringlichen Dschungel dem Scheitern nahe. Immer wieder trafen militärische Aktionen der Franzosen auf sich erbittert wehrende, völlig unabhängig voneinander operierende Widerstandsgruppen, die ihnen schwere Verluste zufügten. Doch schließlich wurde der Widerstand der Toma mit der Unterwerfung ihres Führers Koko Tolino während der Einnahme des Dorfes Daorassou am 5. Mai 1909 gebrochen. Als im Oktober 1911 die Städte N'Zérékoré und Samoe fielen, gaben auch die Guerzé und Manon auf (VOSS 1968, S. 47).

Der durch größtenteils erzwungene Schutzverträge und Annexion(4) angeeignete guineische Raum wurde von einer personell und materiell ständig ungenügend ausgestatteten Kolonialverwaltung mehr oder weniger willkürlich beherrscht. Zwar gehörte Französisch-Guinea per Dekret des Präsidenten der französischen Republik seit 1895 zum Verband des französischen Generalgouvernements Westafrika(5), dessen in Dakar residierender Generalgouverneur die politischen Direktiven aus Paris in Westafrika umzusetzen hatte, doch genoß die Kolonie, von einem Gouverneur verwaltet, zunächst weitgehende finanzielle und administrative Autonomie.

Im Zuge der seit der Jahrhundertwende einsetzenden französischen Zentralisierungspolitik wurde Guinea jedoch bald darauf per Dekret vom 23. Oktober 1904 zum "Eigentum des französischen Staates" erklärt (Patrimoine de l'Etat Française), was eine starke Einschränkung ihrer Autonomie zur Folge hatte. Den aus den im Mutterland glorreich proklamierten Prinzipien der Kulturförderung(6) für die Kolonien abgeleiteten Interventionsansprüchen entsprang das harsch durchgesetzte rechtliche Selbstverständnis, jedwede Störung des von Frankreich ohnehin bestimmten Gleichgewichtes und Friedens zu bekämpfen(7).

Die willkürliche Gewalt herrschte nicht nur in den neu konzipierten Verwaltungsein-

heiten, den "Cercles"(8), denen ein französischer Beamter (Commandant de Cercle) mit unbegrenzten Machtbefugnissen vorstand, sondern insbesondere in der darauffolgenden Verwaltungsebene der Kantone bzw. Dorfgemeinden(9). Die hier herrschenden traditionellen Dorf- oder Gebietsautoritäten wurden zu Handlangern der französischen Kolonialverwaltung. Vermeintliche Vorzüge der Kollaboration führten zu ungezügeltem Machtmißbrauch, in dem persönliche Bereicherung, Durchsetzung von persönlichen Interessen, Drangsalierung der Bevölkerung etc. genügend Raum fanden (VOSS 1968, S. 50). Hier drang der zerstörerische Einfluß des den Kolonialismus begleitenden Amtsdespotismus bis in die kleinsten traditionellen sozialen Strukturen vor. Er zersetzte das Gefüge der über Generationen entwickelten demokratischen Kontrollorgane in den Gesellschaften oder formte sie zu bloßen Konsultationsstationen um (EBENDA).

Die Kolonialepoche bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges war geprägt von einer intensiven Raubwirtschaft, bei der sowohl von der französischen Regierung, als auch von den von ihr beschützten Handelsgesellschaften ein Maximum an Produktion erbarmungslos aus Mensch und Erde der Kolonie herausgepreßt wurde.

Während des Ersten Weltkrieges wurden die schon arg strapazierten Ernährungsressourcen durch Zwangsabgaben für das im Krieg stehende Frankreich weiter belastet, Hungersnöte stellten sich ein. Erst in den Jahren 1918 - 1939 vermochte die Kolonie, sich zu

stabilisieren. Doch ein hohes Maß an Desinteresse seitens der französischen Regierung und Wirtschaft an Französisch-Guineas ließen dort eine langanhaltende Stagnation in allen Bereichen der wirtschaftlichen Entwicklung einkehren.

Der infrastrukturelle Ausbau beschränkte sich auf die Errichtung einer einzigen Eisenbahnverbindung von Conakry zum 662 Km entfernten, im Landesinneren gelegenen Kankan, sowie den Bau des Hafens von Conakry, der sich in seinen Ausmaßen eher bescheiden ausnahm(10). Das immense Rohstoffpotential Guineas konnte daher kaum genutzt werden, und der Aufbau einer rohstoffverarbeitenden Industrie stellte sich somit nicht ein.

Frappierend war denn auch der Mangel an Aufwendungen für die medizinische(11), soziale und kulturelle Entwicklungskomponente. Das im Jahre 1901 errichtete Hospital Ballay(12) blieb bis zur Unabhängigkeit das einzige Krankenhaus für das riesige Land. Es war wie die anderen spärlichen Einrichtungen vornehmlich für die Benutzung durch die Europäer vorgesehen. Fast die gesamte guineische Bevölkerung blieb ohne ärztliche Betreuung. Krankheiten wie Bilharziose, Lepra, Gelbfieber, Malaria und die Schlafkrankheit grassierten in der Bevölkerung, schwächten und dezimierten sie, vor allem in der südlichen Waldregion(13).

Im Ausbildungssektor war die Bilanz ähnlich enttäuschend. Die erste Schule wurde 1878 von den "Pères du Saint-Esprit", einer Missionarsgemeinschaft, in Boffa gegründet. Um 1900 zählten sämtliche Missionarsschulen etwa 300 Schüler. Am Vorabend der Unabhängigkeit von 1958 lehrten 567 französische Lehrkräfte in 296 Schulen insgesamt 45200 Schüler. Diese Zahl entsprach nur knapp 9% aller Kinder im schulfähigen Alter. Demgegenüber standen ca. 19000 Schüler, denen in 2556 arabischen Schulen der Koran gelehrt wurde (alle Zahlenangaben nach LEWIN 1984, S. 46).

Die Konferenz von Brazzaville vom 30.01. - 08.02.1944, einberufen vom französischen

nationalen Befreiungskomitee (Comité National de Délibération), dessen Präsident General Charles de Gaulle war(14), sollte die nach dem Fall der Vichy-Regierung entstandene unklare Situation in den Kolonien mit einem Reformprogramm bereinigen. Tatsächlich schien der Inhalt dieses Reformprogramms zu einem Kompromiß zwischen der ehemaligen, vom Grundsatz der Assimilation geprägten kolonialpolitischen Vorgehensweise und der neuen, den Föderalismus anstrebenden Politik zu führen, der den Menschen in den Kolonien durch erstmalige umfangreichere rechtliche Zugeständnisse erhebliche Erleichterungen versprach. Schon in den ersten beiden Nationalversammlungen vom November 1945 und Juni 1946 zur Verfassungsgebung der IV. Republik Frankreichs kam es, zumindest auf dem Papier, zur Anerkennung bestimmter französischer Bürgerrechte für afrikanische Koloniebewohner:

Verordnung vom 21.08.1945: Zulassung zumindest eines Teils der afrikanischen Bevölkerung zu den Wahlen zur französischen Nationalversammlung,

Gesetz "Lamine Gueye"(15) vom 07.05.1946: Ausdehnung der französischen Staatsbürgerschaft auf alle schwarzen Koloniebewohner,

Dekret von 1946: Presse-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit in allen französischen Überseegebieten,

Gesetz "Houphouet-Boigny"(16) vom 11.04.1946: Abschaffung der Zwangsarbeit,

Dekrete vom 20.02. u. 22.12.1946: Annulierung des Eingeborenenstrafrechts,

Dekret vom 30.04.47: Aufhebung der besonderen Strafgerichtsbarkeit für "Eingeborene"(17).

Im Referendum vom 13. Oktober 1946 schließlich wurde die neue Verfassung der IV. französischen Republik verabschiedet, die französische Union (Union Française) war gegründet(18). Gemäß dieser Verfassung wurden nun aus den Kolonien Überseegebiete (Territoire d'Outre-Mer) mit einem aus gewählten Abgeordneten gebildeten Generalrat (Conseil Général), der ab 1952 in Territorialversammlung umbenannt wurde.

Doch in der Realität verschärfte sich eher der assimilatorische Charakter des Systems auf der Ebene der Kolonien, als daß eine tatsächliche föderalistische Beteiligung eintrat. Gesetze, Verwaltung, Bürgerrechte und das Ausbildungs- und Erziehungssystem waren französisch und die ökonomische Planung der Kolonien war Teil der Wirtschaftsplanung Frankreichs. Die Macht des französischen Gouverneurs in Französisch - Guinea wurde durch

die ihm zufallende finanzielle und administrative Autonomie, von der die Kolonie selbst wenig profitierte, noch erweitert. Dennoch schaffte die reformierte Kolonialpolitik Raum und Gelegenheit für politische Aktivitäten. Es bildeten sich politische Parteien, die jedoch aufgrund ethnischer Rivalitäten regional begrenzt und ohne größeren Einfluß blieben(19).

Im Oktober 1946 entsteht im Zuge des Bestrebens nach Vereinigung der politischen Gruppen Schwarzafrikas zur Formulierung einer gemeinsamen Politik die "Rassemblement Démocratique Africain (RDA)". Im Mai 1947 wird dessen guineischer Arm gegründet, die "Parti Démocratique de Guinée". Obwohl auch hier oftmals tribalistische Auseinandersetzungen und stammesspezifische Machtinteressen ein einheitliches politisches Auftreten der Partei beeinträchtigten, waren es doch junge, leidenschaftliche Führer, die die Partei mit Energie und Initiative am Leben hielten. Unter ihnen befand sich Sékou Touré, der 1952 zum Generalsekretär der PDG gewählt wurde.

In dieser Zeit war die PDG keineswegs eine Massenpartei. Dem durch eine erhöhte Bergbautätigkeit und Schaffung neuer Industrien sich einstellenden wirtschaftlichen Aufschwung in Guinea folgte die Bildung von Gewerkschaften. Sie standen zunächst unter dem Einfluß der mit den französischen Kommunisten assoziierten allgemeinen Arbeitergewerkschaft für Französisch - Westafrika CGT-AOF (Confédération Général du Travail - Afrique Occidentale Française). Im Kampf um die Verankerung der 40-Stunden-Woche und anderer sozialer Vorteile in dem zur Verabschiedung durch die französische Nationalversammlung anstehenden Arbeitsgesetz (Code du Travail, 15. Dezember 1952) schwang sich Sékou Touré zu einem der wichtigsten massenpolitischen Sprecher der CGT-AOF auf. Als das verabschiedete Arbeitsgesetz eine vorher geforderte 20%ige Lohnerhöhung unberücksichtigt ließ, rief die CGT-AOF zum Generalstreik auf. In einem 66 Tage andauernden landesweiten Arbeiterstreik konnte Sékou Touré die verlangte Lohnerhöhung durchsetzten. Dieser gewerkschaftli-

che Erfolg, der sich im gesamten Französisch-Westafrika manifestierte(20), brachte Sékou Touré und damit auch der PDG, die er verkörperte, den politischen Durchbruch(21), auch weit über die Landesgrenzen Guineas hinaus (VOSS 1968, S. 62). 1952 wurde Sékou Touré Generalsekretär der PDG. Im August 1953 konnte er sich in einer Nachwahl in Beyla (Waldguinea) um einen Sitz im Kolonialparlament (Assemblée Territoriale) durchsetzen. Die darauffolgende Wahl (1954) um einen Abgeordnetensitz in der französischen Nationalversammlung wurde dann zu einem offenen Kampf zwischen dem konservativen BAG (Bloc Africain de Guinée), der marxistischen DSG (Démocratie Socialiste de Guinée), beide im Fouta Djallon Mittelguineas ansässig, und der PDG. Als Diawara Barry, der Kandidat des BAG, von der Kolonialverwaltung in einer durch sie selbst manipulierten Auszählung der Stimmen als Wahlsieger gegen die PDG ausgerufen wurde, kam es in der Folgezeit zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen PDG und BAG und zu Protesten in der französischen Nationalversammlung (EBENDA, S. 64).

Währenddessen wendete die PDG ein neues politisches Aktionsprogramm an, das auf die stärkere Einbeziehung vor allem der ländlichen Bevölkerung (80% der Gesamtbevölkerung) sowie der Frauen und Jugendlichen abzielte, um sich die Masse des Volkes als Wählerbasis zu sichern. Die Aktionen trugen ihre Früchte rechtzeitig für die Wahl am 2. Januar 1956 zur französischen Nationalversammlung ein, als die PDG 2 von 3 Mandaten für sich verbuchen konnte(22). Nun gab es keinen ernstzunehmenden Gegner mehr, und im März 1957 konnte die PDG die Wahlen der Volksvertretung für sich entscheiden und gewann 57 der 60 Sitze. Schließlich wurde im Juni 1957 auf der Basis der Reformen des von Frankreich postulierten "Loi Cadre" vom 26. Juni 1956(23) die erste guineische Regierung gebildet. Sékou Touré wurde ihr Vizepäsident.

Als General de Gaulle im Juni 1958 in Frankreich wieder die politische Führung übernahm, legte er zur Lösung des Kolonienproblems einen Verfassungsentwurf vor, der die alte französische Union ("Union Française") von 1946 in eine französische Gemeinschaft ("Communauté Française") überführen sollte. Dieser neue Status sollte den Kolonien zwar einerseits weitere Rechte hinsichtlich ihrer Autonomie einräumen, andererseits jedoch war die hegemoniale Stellung Frankreichs als ungleicher Seniorpartner bedingungslos

anzuerkennen. In einer Stellungnahme zu diesem Entwurf verurteilte Sékou Touré die Grundidee der Communauté Française unter Berufung auf das Fehlen einer tatsächlichen föderalistischen Struktur für Westafrika auf das Schärfste. Am 25. August 1958 erreichte General de Gaulle, nachdem er seinen Entwurf schon in den übrigen westafrikanischen Staaten der Union vorgestellt hatte, Conakry. Sékou Touré nahm in seiner ersten Stellungnahme gegenüber General de Gaulle die Entscheidung seiner Partei schon vorweg, den Beitritt abzulehnen. General de Gaulle reagierte heftig und wies auf die Konsequenzen einer negativen Antwort hin.

3.1.2 Der Sprung in die Unabhängigkeit: historische und ideologische Ge-nese der I. Republik

Im Gegensatz zu allen anderen französischen Territorien erklärte Französisch-Guinea am 2. Oktober 1958 seine Unabhängigkeit, nachdem am 28. September in einem Referendum 1,1 Mio. Guineer gegen und nur 57.000 für die Communauté Française gestimmt hatten (LEWIN 1984, S. 61). Die Territorialversammlung wurde in eine verfassungsgebende Nationalversammlung umgewandelt, und Sékou Touré übernahm die Regierungsbildung.

Mit unerwarteter Härte reagierte Frankreich auf die Unabhängigkeitserklärung: binnen 2 Monaten hatte nahezu das gesamte französische Verwaltungs-, Ausbildungs- und Militärpersonal unter Mitnahme ihrer Ausrüstung und ihrer Unterlagen das Land verlassen. Oft wurde zurückgelassenes Gerät vorsätzlich zerstört. Mit Ausnahme einer in Fria gelegenen Industrieanlage zur Herstellung von Aluminiumoxid, dem aus dem Grundstoff Bauxit gewonnenen Vorprodukt von Aluminium, in die schon zu bedeutende Investitionen flossen, wurden sämtliche Investitionsprojekte gestoppt. Der Handel mit Frankreich kam zum Erliegen. Guineische Gütertransporte wurden an einigen französischen Häfen abgewiesen und zurückgeschickt. Im Gegensatz zu den afrikanischen Nachbarländern, der Sowjetunion und anderen Mitgliedern der Ostblockstaaten sowie Großbritannien, der

Bundesrepublik Deutschland und später auch der Vereinigten Staaten erkannte Frankreich denn auch die Unabhängigkeit nicht sofort an. Im Dezember 1958 trat Guinea den Vereinten Nationen bei.



3.1.2.1 Die Innen- und Parteipolitik Sékou Tourés

Neben dem sich aus dem Abzug der Franzosen ergebenden akuten Mangel an qualifiziertem Technik- und Verwaltungspersonal mußten in erster Linie die sich drastisch verschärfende wirtschaftliche Krisensituation(24) und der Bildungsnotstand bekämpft werden. Angesichts der sich einstellenden Kapitalflucht, des Preisanstiegs und der so geschaffenen restriktiven Investitionslage beschloß die guineische Regierung, Industrie und Handel zu verstaatlichen. Im gleichen Atemzug wurde die Nationalisierung der privaten Grundschulen eingeleitet. Im März 1960 erfolgte dann die Einführung einer nicht konvertiblen Binnenwährung, des guineischen Franc. Die ökonomische Entwicklung sollte mit ambitiösen Wirtschaftsplänen in positive Bahnen gelenkt werden(25). Im Rahmen des ersten Planes (1960 - 1963) wurden zahlreiche Staatsbetriebe gegründet. Zur Kontrolle des Außen- und Binnenhandels wurden im April 1960 zwei Staatshandelskontore gebildet. Die Landwirtschaft wurde mittels Genossenschaften vollends reorganisiert. Ausländische Banken mußten alle bis auf eine schließen.

Zu Beginn des Jahre 1961 wurde Sékou Touré zum Staatspräsidenten gewählt. In der Wirtschaftspolitik trieb man in zunehmendem Maße die Entwicklung des Bergbaus und die Industrialisierung voran, während die Landwirtschaft sträflich vernachlässigt wurde. So liefen die Planungen für einen Eisenerzabbau am Mont Nimba (Waldguinea) und den Bauxitabbau bei Boké (Niederguinea) vielversprechend an. Die beiden ineffizient arbeitenden Staatshandelskontore wurden inzwischen in zahlreiche branchenspezifische nationale Handelsgesellschaften aufgesplittet. Im Zuge der allgemeinen Verstaatlichung in allen Sektoren begannen im August 1961 alle Missionsschulen zu schließen. Nach einem linken Komplott gegen Sékou Touré im September 1965 (siehe Schaukasten) stellte die Regierung ihre antikommunistische Position dar. Dies war für viele Beobachter eine Überraschung, hatte es doch durch die deutlichen sozialistischen Elemente in der Außenpolitik und die Zusammenarbeit mit dem Ostblock in Bereichen der Wirtschaft und Entwicklung nach einer pro-kommunistischen Einstellung Guineas ausgesehen.

Die Entwicklungshilfe des Ostblocks war bedeutend, denn zum einen erhoffte sich die UdSSR, das Land Guinea eines Tages als Sprungbrett für die "kommunistische Revolution" in Westafrika zu nutzen, zum anderen stellte es eine wichtige Rohstoffquelle dar (Bauxit, Eisenerz). Ein erster sowjetischer Kredit von 35 Mio US$ im August 1959 war der Beginn einer finanziellen Unterstützung, die bis 1967 insgesamt 76 Mio US$ erreichte. Trotz der zahlreichen realisierten Projekte wie das Nationalstadion, das polytechnische Institut "Gamal Abdel Nasser" und ein Hotel in Conakry, ein Sägewerk in N'Zérékoré sowie ein Schlachthof in Mamou, trotz der im Lande tätigen Ausbilder, Lehrkräfte, Techniker, Experten und Mediziner sowie der militärischen Zusammenarbeit blieb das guineische Volk gegenüber dem russischen Kommunismus stets skeptisch(26) und verschlossen.

Doch mit den Partnern China und dem Ostblock überstand Guinea die 60er Jahre, die hinsichtlich dem Verhältnis zum Westen durch eine sehr gehemmte und wenig fruchtbare Entwicklungszusammenarbeit gekennzeichnet war. Allein die Vereinigten Staaten zeichneten sich in einer wirtschaftlich und politisch krisengeschüttelten Zeit durch eine zwar begrenzte, jedoch beständige Entwicklungspolitik und Präsenz aus.

Von großer innenpolitischer Bedeutung war der VI. und VII. Parteitag der PDG vom Dezember 1962 bzw. August 1963. Unter der Prämisse "Die Verwaltung näher am Volk" ("l'administration plus près du peuple") propagierte man eine Dezentralisierung der

Verwaltungsfunktionen. Tatsächlich wurde die Legislative auf eine "ständige Kommission" reduziert und Volksgerichte auf den unteren Partei- und Verwaltungsebenen eingerichtet. Nach der Fusion von Gemeinderäten und den örtlichen Parteikomitees in den etwa 8000 Dorfgemeinden im Landesinneren existierte die Gewaltenteilung auf kommunaler Ebene nicht mehr, die Exekutive lag auch hier vollends in den Händen der Partei. Durch diese Machterweiterung gab es quasi keine Trennung mehr zwischen Staat und Partei.

Der privatwirtschaftliche Sektor wurde in einem teuflischen Wechselspiel von Verbot und Zulassung systematisch an seiner Entfaltung gehindert. Teils aus Unwissenheit und Ignoranz ob der ökonomischen Bedeutung, teils aber auch aus Furcht vor einer Kompetenz- und Kräftekonzentration wurde die Entwicklung umfangreicherer privatwirtschaftlicher Aktivitäten immer wieder unterbunden. Schließlich stellte das Rahmengesetz ("Loi Cadre") vom Jahresende 1964 das staatliche Handelsmonopol wieder her, womit sich das Ende des privaten Einzelhandels endgültig ankündigte. Wenig später zwangen steigende Nahrungsmittelimporte, vor allem Reis zur Versorgung der urbanen Bevölkerung, und sinkende Exporte die Regierung, eine Politik zur Erreichung der Nahrungsmittelautarkie und Forcierung des Anbaus landwirtschaftlicher Exportgüter einzuschlagen. Doch sowohl die dafür zur Verfügung stehenden Mittel(27) als auch die steigende Abwanderungsrate der ländlichen Bevölkerung in die Nachbarländer infolge der Zwangskollektivierung der Produktionsbetriebe, sowie weitreichende politische Kontrollen und Repressionen entzogen diesem Vorhaben bald den Boden.

1968 wurde Sékou Touré erneut zum Staatspräsidenten gewählt. Mit einer Kabinettsreform, in der die Regierung und das nationale Politbüro (Bureau Politique Nationale BPN), also die administrative und politische Exekutive, zusammengelegt wurden, zentrierte er noch einmal seine Macht. Der Parteistaat war so aufgebaut, daß den einzelnen

Elementen der Parteistruktur eine komplementäre Verwaltungsinstanz gegenüberstand (s. Grafik 1).

In der Nacht des 22. November 1970 landeten portugiesische Söldner an verschiedenen Stränden Conakrys, um dort die bei vorangegangenen Grenzauseinandersetzungen mit Guinea-Bissau gefangengenommene Soldaten zu befreien. Ihnen schlossen sich ins Exil geflohene Guineer an, um die Gunst der Stunde für einen Staatsstreich zu nutzen. Doch der wache Polizeistaat, durch die ständige Komplottangst Sékou Tourés in permanentem Bereitschaftszustand gehalten, war auf der Hut und gewann nach kurzem und rücksichtslosem Kampf die Oberhand. Mehr als 350 Einwohner Conakrys fanden den Tod.

Überzeugt von der Existenz von die Landung unterstützenden Gruppen in der Bevölkerung sowie der Mittäterschaft Frankreichs und der Bundesrepublik Deutschland gebar Sékou Touré die Komplottvorstellung der "fünften Kolonne". Mit äußerster Brutalität und diktatorischer Härte richtete er alle tatsächlichen und vermeintlichen Beteiligten(28). Die diplomatischen Beziehungen zu den beiden verdächtigten Staaten wurden abgebrochen, Franzosen und Deutsche ausgewiesen. Unter Mißachtung der Menschenrechte wurden Untersuchungen, Gefangennahmen und Verurteilungen über Monate hinaus fortgesetzt. Bis heute ist nicht bekannt, wieviele Hunderte von Menschen in die Straflager, insbesondere in das berüchtigte "Camp Boiro"in Conakry, eingeliefert wurden und dort ihr Leben lassen mußten.

Bis 1975 war die politische Entwicklung Guineas durch eine zunehmende Isolation gegenüber den europäischen Staaten und den Nachbarländern, insbesondere dem Senegal und der Elfenbeinküste(29), gekennzeichnet. Die durch Investitionen im Bergbausektor (Bauxit, Eisenerz) rapide gestiegene Auslandsverschuldung, der den Binnenmarkt schädigende Ressourcenabfluß in allen Bereichen (mineralische Rohstoffe, Agrarprodukte), das äußerst restriktive Investitionsklima bei einer unterentwickelten Infrastruktur (vor allem Transport und Kommunikation), die stetig steigende Abwanderungsbewegung von Arbeitskräften(30) sowie die Zunahme von Korruption und Veruntreuung öffentlicher Gelder trieben Guinea in den wirtschaftlichen Ruin.

War es in der Zeit nach der Unabhängigkeit das Modell eines der bedingungslosen industriellen Entwicklung verfallenen demokratischen Zentralismus, das die wirtschaftliche und politische Orientierung der guineischen Regierung auszeichnen sollte, so ging die Regierungsform zu Beginn der 70er Jahre in eine Staatsklassendiktatur über (HILLEBRANDT/WEIMER 1988, S. 25). Die politische, juristische, administrative, ökonomische und technische Macht vereinigte sich im Parteistaat, in dem die beherrschte Bevölkerung als Masse wie auch als Individuen keine Rolle mehr spielte. Die Sicherung seiner Exi-stenz basierte auf der konzentrierten Ausbeutung der einzigen funktionierenden Devi-

senquelle des Landes, dem Rohstoffabbau und dessen Exportinfrastruktur. Aus seinen Funktionären rekrutierte sich auch zum überwiegenden Teil eine schmale Oberschicht, dessen Mitglieder sich durch Machtmißbrauch (unrechtmäßiger Plantagenerwerb, Abschöpfen von Subventionen sowie Schwarzmarktgeschäfte und Schmuggel) bereicherten und sich bald völlig von Partei, Staat und Bevölkerung abtrennten. Die Verstaatlichung von Handel und Gewerbe ging schließlich soweit, daß im Jahre 1975 alle privatwirtschaftlichen Handelsaktivitäten in jeglicher Form verboten wurden, womit die Versorgung der Bevölkerung mit Industrie- und Konsumgütern vollends zusammenbrach.

Der sich daraus ergebende wirtschaftliche Druck zwang Sékou Touré, in den darauffolgenden Jahren eine Politik der allmählichen Öffnung einzuleiten. Zunächst wurden mit Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland, Senegal und der Elfenbeinküste wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen, um späteren Phasen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit den Weg zu bereiten.

Ein Aufstand von Tausenden von Marktfrauen im August 1977 als Protest gegen die bevölkerungsfeindliche und destruktive Wirtschaftspolitik des Staates erreichte eine Wiedererteilung von Einzelhandelslizenzen in kleinerem Umfang, was erste Schritte zur Liberalisierung der Wirtschaft andeutete. Doch die Regierung hatte kein Konzept zur Sanierung der extrem defizitär arbeitenden Staatsbetriebe, zur Reduzierung des Beamtenapparates und zur Integration des Bergbausektors in die übrige Wirtschaft parat. Stattdessen konzentrierten sich die Bemühungen Sékou Tourés bis zu seinem Tode im Jahre 1984 konsequent auf die Verwirklichung seiner Politik der internationalen Blockfreiheit Guineas, wobei er versuchte, jeglicher ökonomischer Realität zum Trotz mit Hilfe von regionalen und überregionalen politischen wie wirtschaftlichen Vernetzungen, die zum größten Teil wirkungslos blieben, seine panafrikanischen Ziele durchzusetzen.



3.1.2.2 Die Außenpolitik - Blockfreiheit aus Opportunismus

Die Außenpolitik der Regierung Sékou Tourés stütze sich auf 3 Hauptaktivitätsbereiche:

1. das Bestreben, für Guinea ein Niveau der totalen politischen Unabhängigkeit zu erreichen,

2. den Anspruch einer Führungsrolle in der panafrikanischen Einheitsbewegung sowie

3. das Bemühen, in permanenten Verhandlungen mit den Staaten der westlichen und östlichen Bündnissysteme unter Einnahme eines blockfreien Status' den größtmöglichen Nutzen für sich und das Land zu ziehen.

Wesentlich beeinflußt wurden die außenpolitischen Aktivitäten und Entscheidungen zum einen durch die vorherrschende Diskrepanz zwischen den politischen Endzielen Sékou Tourés und der ökonomischen Krisensituation des Landes, zum anderen formten auch die sich aus der innenpolitischen Instabilität ergebenden Zwänge das Bild der guineischen Außenpolitik mit.

Trotz der heftigen Reaktion Frankreichs auf Guineas Unabhängigkeitserklärung war das Land schon 3 Monate später von den Vereinten Nationen und über 60 anderen Staaten, darunter die U.S.A., die Sowjetunion, Großbritannien und die Bundesrepublik Deutsch-

land, diplomatisch anerkannt worden. Dennoch wahrten die westlichen Staaten mit Rücksicht auf Frankreich bezüglich einer tieferen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Guinea zunächst eine gewisse Zurückhaltung.

Im November 1958 sicherte sich Sékou Touré durch einen Besuch beim Staatschef und Freund Kwame N'Krumah die politische und wirtschaftliche Partnerschaft mit Ghana, was einen ersten Kredit von 28 Mio US$ und einen Unionsvertrag zwischen den beiden Ländern einbrachte. Dieser erste Pakt wurde als Ausgangspunkt für einen angestrebten Staatenbund aller westafrikanischer Länder betrachtet (LEWIN 1984, S. 65). 3 Jahre später stieß Mali unter Präsident Modiba Keita hinzu. Doch die Aufmerksamkeit Sékou Tourés galt fortan der Einheit des gesamten afrikanischen Kontinents, für die er sich als Vorreiter der panafrikanischen Unabhängigkeitsbewegung unermüdlich einsetzte. 1963 schließlich wurden seine Bemühungen mit der Gründung der Organisation für die afrikanische Einheit (Organisation de l'Unité Africaine OUA) in Addis Abeba gekrönt.

Doch schon kurze Zeit später setzte er sich verstärkt für die Bildung von Bündnissystemen mit regionalem Charakter im Rahmen der OUA-Charta ein (VOSS 1968, S. 76). Die daraus entstandenen Projekte resultierten aus der Weiterführung der Gespräche im Rahmen des Komitees der Anrainerstaaten des Flusses Senegal(31) sowie der Diskussionen um den Aufbau einer Guinea, Liberia, Sierra Leone und die Elfenbeinküste umfassenden Freihandelszone(32).

Nach einem erfolgreichen Besuch beim amerikanischen Präsidenten Kennedy im Jahre 1961 konnte Sékou Touré ebenfalls eine Erhöhung der amerikanischen Entwicklungs- und Finanzhilfe für Guinea verbuchen. In den ersten 5 Jahren seiner Regierungszeit erreichte er ein hohes Maß an internationaler Anerkennung und avancierte durch sein leidenschaftliches und dynamisches Eintreten für seine politischen Denkweisen rasch zum Prototyp eines afrikanischen Führers im Kampf um Einheit und gegen Postimperialismus und -kolonialismus.

Mit Frankreich blieb das Verhältnis kühl. Der Austritt aus der Franc-Zone und die Einführung einer nicht konvertiblen Binnenwährung, des guineischen Syli, erfolgte am 1. März 1960. Kurze Zeit später wurden Frankreich, Senegal und die Elfenbeinküste der Beteiligung an einem Komplott gegen Sékou Touré beschuldigt. Frankreich wiederum vermochte eine deutliche Zuwendung Guineas zum Kommunismus zu erkennen. In der Tat nutze der Ostblock das zögerliche Verhalten des Westens aus, um seine politischen, wirtschaftlichen und auch kulturellen Beziehungen zu Guinea zu verstärken. Mehrere Abkommen in diesen Bereichen sowie erhebliche Finanzhilfen für strategische Entwicklungsprojekte und zur Realisierung des ersten dreijährigen Wirtschaftsplanes

(1960 1963)(33) halfen Guinea, das nach dem Abzug der Franzosen entstandene Vakuum zunächst zu füllen. Doch zur Überraschung der westlichen Welt bekannte sich Guinea zwar zu den sozialistischen Errungenschaften und beabsichtigte, den Staatsaufbau in dieser Weise weiterzuverfolgen, es distanzierte sich jedoch deutlich vom Kommunismus des Ostblocks. Die Beziehungen zur Sowjetunion froren schließlich gänzlich ein, als Sékou Touré sie im Zusammenhang mit dem Komplott der Lehrer vom November 1961 (s. vorh. Kasten) der Mittäterschaft bezichtigt. Am 26. Dezember desselben Jahres mußte der russische Botschafter das Land verlassen. Erst nach dem Sturz Nikita Chruschtschows im Jahre 1964 nahmen die beiden Staaten wieder engere Beziehungen miteinander auf.

Ein weiterer Entwicklungspartner der ersten Stunde war die Volksrepublik China. Ein erster zinsfreier Kredit von 25 Mio US$ im Jahre 1960 ebnete den Weg für eine im weiteren Verlauf eher bescheidene, jedoch krisenfreie Partnerschaft. Im Jahre 1970 stieg China sogar zum drittgrößten Importeur auf, vor allem aufgrund der rasch anwachsenden Reislieferungen.

Nach dem Abkühlen des sowjetisch-guineischen Verhältnisses schaltete sich die USA zunehmend in die Wirtschafts- und Entwicklungszusammenarbeit ein. Besonders ein großangelegtes Nahrungsmittelhilfsprogramm gab der Regierung während ihrer Bemühungen, den Degenerationsprozeß im landwirtschaftlichen Produktionssektor aufzuhalten, lange Zeit Rückhalt und bewahrte die Bevölkerung vor Hungersnöten. Trotz allem konzentrierte sich die amerikanische Initiative im wesentlichen auf den Bergbausektor. Der Bauxitabbau und -export wurde in der Anfangsphase weitgehend durch amerikanisches Kapital ermöglicht(34).

Dann, 5 Jahre nach der Unabhängigkeit, schienen sich die Beziehungen Guineas zu Frankreich allmählich zu normalisieren. Abkommen über Handel und technische Zusammenarbeit wurden getroffen, ein kultureller Austausch wurde eingeleitet, und Saifoulaye Diallo, Sékou Tourés Stellvertreter, wurde von General de Gaulle in Paris empfangen. Doch der Frieden währte nicht lang. Schon im November 1965 wurden die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen wieder gekappt, da Frankreich beschuldigt wurde, maßgeblich am Komplott der Händler (s. vorh. Kasten) beteiligt gewesen zu sein.

Nach einem Militärputsch in Ghana im Februar 1966 gewährte Sékou Touré seinem Freund und Weggefährten N'Krumah politisches Asyl. Damit verschlechterten sich die Beziehungen zur Elfenbeinküste weiter, denn ihr Staatschef Houphouet-Boigny war ein erklärter Gegner N'Krumahs. Zudem bezichtigte ihn Sékou Touré der Mitschuld am Militärstreich (LEWIN 1984, S. 72).

Im Oktober desselben Jahres trübte ein außergewöhnlicher Zwischenfall die Beziehungen zu den USA: das neue Regime Ghanas hielt den guineischen Außenminister Béavogui auf dem Weg zur OUA-Ministerkonferenz in Addis Abeba während einer Zwischenlandung

in Accra mehrere Tage fest. Da es sich um ein PANAM-Flugzeug handelte, machte Sékou Touré die USA für diese Aktion mitverantwortlich, wies kurzerhand das amerikanische Peace Corps außer Landes und sperrte PANAM die Landerechte. Doch schon im darauffolgenden Jahr glätteten sich die Wogen und neue Kontakte, besonders im Hinblick auf die Entwicklung des Bergbausektors, wurden mit den USA geknüpft. Die Versöhnung mit Ghana erfolgte mit der Rückkehr einer stabilen ghanaischen Regierung und dem Tod N'Krumahs 1972.

Die Sprunghaftigkeit und bisweilen Unberechenbarkeit der guineischen Außenpolitik hatte bald eine politische Isolation des Landes zur Folge. Nachdem sich Guinea gegen Ende der 60er Jahre seiner Abkapselung gegenüber den westlichen Bündnissystemen und dem Ostblock sowie seinen westafrikanischen Nachbarstaaten bewußt wurde, versuchte Sékou Touré, sich mit einer offensiven Außenpolitik aus dem Abseits zu manövrieren und eine konstruktive Atmosphäre zu schaffen, um sich auch endlich den dringlichen innenpolitischen und wirtschaftlichen Problemen widmen zu können.

Die Beziehungen zur Elfenbeinküste und zum Senegal normalisierten sich. Die lange vorbereitete Gründung der Organisation der Anliegerstaaten des Senegalflusses (s. Fußnote 31) kam zum Abschluß. Mit der Wahl Siaka Stevens, einem langjährigen Gesinnungsgenossen Sékou Tourés, zum Premierminister von Sierra Leone und dem dortigen Aufbau einer stabilen Zivilregierung im Jahre 1968 wurde eine Phase intensiver Zusammenarbeit der beiden Länder eingeleitet. Auch mit Liberia bemühte sich Sékou Touré um eine freundschaftliche Kooperation.

In dieser Zeit des "positiven Neutralismus" (KAKE 1987, S. 136) scheute er sich dennoch nicht, konsequent für nationale Freiheitsbewegungen einzutreten und unterstützte sie nach besten Kräften. So wurden u.a. Vertreter der palästinensischen Freiheitsbewegung PLO in Conakry empfangen(35) sowie der portugiesisch-guineischen Freiheitsbewegung PAIGC, die unter der Führung von Amicar Cabral für ein freies und unabhängiges Guinea-Bissau kämpfte, die Benutzung Conakrys als Operationsbasis gewährt.

Nachdem schon 2 Jahre zuvor erste Annäherungsversuche an Frankreich unternommen wurden, schien das Jahr 1970, vor allem nach dem Abgang General de Gaulles, zunächst eine deutliche Verbesserung des Verhältnisses beider Länder zueiander bereitzuhalten, bekräftigt durch eine diplomatische Mission Frankreichs, die in Conakry warmherzig empfangen wurde. Doch die Invasion portugiesischer Söldner vom 22. November desselben Jahres, bei der Frankreich und auch die Bundesrepublik Deutschland der Mittäterschaft beschuldigt wurden, machten eine Wiederaufnahme jedweder Zusammenarbeit zunichte. Eine Welle unbeschreiblicher Gewalt, angetrieben von Sékou Tourés unbändigem Zorn über das Geschehene, wogte anschließend über das ganze Land hinweg. Hunderte von Menschen, der Zugehörigkeit einer für die Invasion verantwortlichen "fünften Kolonne" bezichtigt, fanden mit oder ohne Gerichtsverhandlung in öffentlichen Massen-

hinrichtungen den Tod(36).

Mit diesem Ausbruch willkürlicher Gewaltherrschaft, der in aller Welt scharf verurteilt wurde, fiel Guinea in den darauffolgenden Jahren wieder in tiefste Isolation zurück. Lediglich die Sowjetunion und Kuba konnten den Kontakt über gemeinsame Ziele im Rahmen der Unterstützung der panafrikanischen Befreiungstendenzen(37) und der bestehen-den wirtschaftlichen und militärischen(38) Kooperation halten. Die Bevölkerung reagierte ebenfalls auf die zunehmende diktatorische Unterdrückung. Ein Exodus ungeahnten Ausmaßes erfaßte das Land, vor allem in den ländlichen Regionen.

In den Jahren 1974-75 begann Sékou Touré, sein Land mit spektakulären Versöhnungen, vor allem mit Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland, aus dem Brackwasser der politischen Abgeschiedenheit zu navigieren. Auf Initiative des damaligen Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Kurt Waldheim, und des französischen Diplomaten André Lewin, die im März 1974 dem guineischen Präsidenten einen Besuch abstatteten, wurden in zähen Verhandlungen 3 langjährig im Camp Boiro festgehaltene Deutsche freigelassen, anschließend, am 22. Juli die diplomatischen Beziehungen mit Bonn wieder aufgenommen. Der in Guinea verbliebene Lewin erreichte sogar die Freilassung von weiteren 18 französischen Gefangenen und arbeitete daraufhin, vor allem seit seiner Berufung zum Botschafter seines Landes ab 1976, auf eine völlige Aussöhnung der beiden Länder hin. Seine Bemühungen erreichten ihren Höhepunkt, als dem französischen Staatspräsidenten Giscard d'Estaing im Dezember 1978, 20 Jahre nach der Abkehr Guineas von Frankreich, ein rühmlicher Empfang in Conakry bereitet wurde.

Schon bald wurden Verträge zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit unterzeichnet und Handelsabkommen getroffen. Frankreich kam mit dieser dankbaren Entwicklung zwei Zielen näher: zum einen gewann es die Verbindung zu einem Land zurück, dessen Reichtum an mineralischen Ressourcen immer noch eine profitable Erschließung und Ausbeutung wichtiger Rohstoffe in Aussicht stellte, zum anderen sollte in gewisser Weise der Ausbreitung und Konsolidierung sowjetischer Interessen Einhalt geboten werden. Auch mit seinen bisher meist als imperialistische Vasallen des neokolonialistischen Frankreich bezeichneten Nachbarstaaten Senegal und Elfenbeinküste (KAKE 1987, S. 214) wurde eine Basis für eine Annäherung und zukünftige Zusammenarbeit geschaffen. Die Präsidenten Guineas, des Senegals, der Elfenbeinküste, Togos, Sierra Leones und Gambias folgten am 17. März 1978 der Einladung des liberianischen Präsidenten Tolbert nach Monrovia, um dort ihren Willen zur Kooperation zu bekräftigen(39). Staatsbesuche in den Senegal und zur Elfenbeinküste festigten die getroffenen Grundsätze.

Doch eines der wichtigsten Elemente der Offensivpolitik Sékou Tourés war seine Rückkehr zu den Gipfeltreffen der OUA, denen er seit 1965 fernblieb, um nun, 13 Jahre später, einen triumphalen Wiedereinzug zu feiern. Denn trotz der langjährigen Abstinenz hatte niemand den "alten" Sékou Touré vergessen, jenen bedingungslosen Vertreter afrikanischen Freiheitswillens. Ungeachtet dieses Bonus' nahm er im Rahmen seiner wiederbelebten Präsenz in der OUA jene Linie wieder auf, wurde Mitglied des Komitees zur Regelung der Tschad-Frage und trat dem Ausschuß zur Erarbeitung einer Resolution über das Referendum die westliche Sahara betreffend bei(40). Zur gleichen Zeit erfolgte eine stetig wachsende Distanzierung von der Zusammenarbeit mit dem Ostblock. Ihm wurde vorgeworfen, die guineische Wirtschaft in Zeiten schwerster Probleme sich selbst überlassen zu haben, ohne die versprochene Qualität und Quantität wirtschaftlicher und technischer Zusammenarbeit jemals in die Realität umgesetzt zu haben.

Die hauptsächlichen Gründe für die 180-Kehrtwendung in der Außenpolitik Sékou Tourés waren wohl in den innenpolitischen und nationalen Macht- und Glaubwürdigkeitsverlusten sowohl auf der Seite der PDG, als auch hinsichtlich seiner Person selbst, und in der noch immer andauernden wirtschaftlichen Misere zu suchen. Es war nunmehr ein Zwang daraus geworden, aus den sich aus der außenpolitischen Totaloffensive ergebenden diplomatischen Versöhnungen und neuen Kontakten wirtschaftlichen Nutzen in Form von Krediten und Abkommen über technische Zusammenarbeit zu ziehen. Eine wichtige Rolle hierbei spielten die Verbindungen zu religionsbrüderlichen Staaten wie Marokko und Saudi-Arabien. In seiner Haltung als absoluter Verfechter der islamischen Tugenden und Vermittler zwischen im Konflikt stehenden islamischen Parteien beeindruckte er die arabische Welt(41). Dies ebnete den Weg für zahlreiche Zuwendungen wie den Bau einer der größten Moscheen Afrikas durch Saudi-Arabien, die Einrichtung einer 50 Mio US$ teuren Villenanlage mit 26 prunkvollen Chalets zur Aufnahme des 1984er OUA-Gipfeltreffens sowie mehrere Kredite der arabischen Bank für die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika (Banque Arabe pour le Développement Economique en Afrique BADEA).

Es schien, als ob Sékou Touré schließlich doch noch den Weg zur Außenpolitik seiner Vorstellungen gefunden hätte: eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten im westafrikanischen Raum, neue Impulse in der afrikanischen Einheit, bedingungslose Unterstützung von nationalen Freiheitsbewegungen, eine liberale Position gegenüber gemäßigten Partnern und eine freundschaftliche Kooperation mit der westlichen Industriewelt, um in den Genuß von Kapital, Technologie und Know-how zu kommen sowie schließlich die Beibehaltung moderater Beziehungen zum sozialistischen Lager des Ostblocks.

Doch das größte Ziel seiner außenpolitischen Anstrengungen der letzten Jahre galt letztendlich seiner Präsidentschaft der OUA im Jahre 1984. In diesem Jahr sollte ihr

Gipfeltreffen in Conakry tagen. Gemäß einer internen Regelung wurde meist der Gastgeber zum Präsidenten gewählt, und Sékou Touré wußte die Mehrheit schon auf seiner Seite. Doch am 25. März 1984 fand seine Herrschaft ein jähes Ende. Sékou Touré, Held und Tyrann, starb in einer Spezialklinik in Cleveland/Ohio an den Folgen einer Herzattacke.

3.1.3 Die Wende: Potentiale und Grenzen eines subiten Liberalismus

Die II. Republik

Nach dem Tode Sékou Tourés versuchten der Premierminister Béavogui, langjähriger Weggefährte und politische rechte Hand des verschiedenen Despoten, und Tourés Halbbruder Ismael Touré, ehrgeiziger Vertreter aus dem Familienclan, die Nachfolge der Staatsführung unter sich aufzuteilen und übernahmen die Regierungsgeschäfte.

Doch am 3. April 1984 wurde über Radio Conakry durch das "militärische Komitee zum nationalen Wiederaufbau" (Comité Militaire de Redressement National CMRN) unter der Präsidentschaft des General Lansana Conté die II. Republik ausgerufen. Ein weiterer Militär, Colonel Diarra Traoré, wurde Ministerpräsident. Die Armee, immer der Vorbereitung eines Staatsstreiches verdächtigt und daher stets von einer Spezialabteilung der PDG überwacht, hatte die Gunst der Stunde genutzt und ohne jegliche Gewaltanwendung die Führung des Landes übernommen(42).

Eine zur Hälfte aus Zivilisten bestehende Regierung wurde eingesetzt, alle existierenden Ministerien übernommen. Erste außenpolitische Aktivitäten lagen in Besuchsreisen des Ministerpräsidenten in alle westafrikanischen Länder, um die Beziehungen mit Guineas Nachbarn aufrechtzuerhalten und zu festigen. Auch mit Frankreich wurde verstärkt Kontakt aufgenommen, um ihm die weitere Kooperationsbereitschaft zu signalisieren und den Fluß der Hilfsleistungen, vor allem im Bildungswesen, nicht abreißen zu lassen.

Unter dem Jubel des Großteils der Bevölkerung wurde die PDG und ihre Organe aufgelöst und die Strafverfolgung ihrer verbrecherischen Aktivitäten zugesichert. Der Überwachungsstaat existierte nicht mehr. Die Öffnung der Zellentore des Todeslagers "Camp Boiro" in Conakry sollte symbolisch für das Ende der Gewaltherrschaft sein und eine neue Ära des Friedens und der Freiheit einleiten(43). Unter dem Appel an die Exilguineer, in ihr Heimatland zurückzukehren, wurden die Grenzen weit geöffnet.

Die neue Regierung war nun vor das schwere Problem des Wiederaufbaus einer desolaten guineischen Wirtschaft gestellt. Unerfahrenheit mit ökonomischen und politischen Fragestellungen, aber auch Eigeninteressen der Mitglieder des CMRN verhinderten zunächst die Erarbeitung klarer Konzepte für Lösungswege aus der Krise. Doch der allgemeine Trend ging in Richtung Liberalisierung der Marktwirtschaft durch den Abbau

der Staatskontrolle, die Auflösung des staatlichen Handelsmonopols, eine notwendige Währungsreform sowie die Förderung der Privatwirtschaft durch Investitionsanreize. Dazu wurde im Dezember 1984 die Rückgabe aller vom Touré-Regime konfiszierten Grundstücke und Eigentümer angekündigt. Um den dringend erforderlichen Personalabbau in der Verwaltung voranzutreiben, folgte im April 1985 das Versprechen, Staatsbedienstete, die freiwillig vorzeitig aus dem Dienst ausschieden, beim Aufbau eines Privatunternehmens zu unterstützen. Im Bildungssektor wurden private Schulen wieder erlaubt. Die nationalen Sprachen traten zugunsten des als Amtssprache anerkannten Französisch zurück. Die berufliche Ausbildung wurde entpolitisiert und mehr an der Praxis orientiert.

Der 18. Dezember 1984 brachte eine nach den ersten Erfahrungen notwendige Regierungsumstrukturierung mit sich. Der Posten des Premierministers wurde abgeschafft, Colonel Traoré bekam das Bildungsressort zugewiesen.

Am 4. Juli 1985 unternahm dieser mit Unterstützung der Polizei einen Putschversuch, während Präsident Conté einem ECOWAS-Gipfeltreffen in Togo beiwohnte. Unter Besetzung der nationalen Radiostation wurde die Auflösung des CMRN verkündet. Doch kurze Zeit später gewannen loyale Regierungstruppen die Kontrolle zurück und der Putsch scheiterte, noch ehe der Präsident 2 Tage später in sein Land zurückkehrte. Er nutzte die Situation aus und ließ neben den am Putschversuch Beteiligten zahlreiche Regimegegner verhaften.

Kurze Zeit später lösten Gerüchte über die Exekutierung der Urheber des Putschversuches, Mißhandlungen anderer politischer Gefangener sowie unmenschliche Bedingungen im Zivilgefängnis von Conakry innenpolitische Unruhen aus. War es auf internationaler Ebene die Befürchtung, die frisch gewonnene Versicherung zur Einhaltung der Menschenrechte würde unterlaufen, so spielten auf nationaler Ebene ethnische Konflikte eine große Rolle. Da der Präsident Conté dem Stamm der Soussou angehörte, eine Volksgruppe, die während der Herrschaft Sékou Tourés unter Benachteiligungen und Repressionen, vor allem in der Armee, zu leiden hatte, erwartete man nun Racheakte zur Befriedigung der Ressentiments. Die Spannungen verschärften sich, als am 6. Mai 1987 Todesurteile für 58 politische Gefangene verkündet wurden. In einer offiziellen Pressemitteilung wurde zudem bekannt, daß Diarra Traoré mit einigen anderen politischen Häftlingen schon vor ihrer Verurteilung in der Haft verstorben seien. Eine Entspannung der Situation trat erst zum Jahresende ein, als per Regierungsdekret 65 politische Gefangene freigelassen

wurden, unter ihnen Sékou Tourés Witwe mit ihrem Sohn.

In seiner Position gefestigt, setzte Conté nun die radikalen ökonomischen Strukturreformen durch, die der Internationale Währungsfonds und die Weltbank als Bedingungen für die Zusage ihrer Wirtschafts- und Finanzhilfe forderten. Seit Oktober 1985 unterlag der guineische Syli einer stufenweise Abwertung von insgesamt 93%, bis er im Januar 1986 durch die Wiedereinführung des guineischen Franc aus dem Verkehr gezogen wurde. Der öffentliche Dienst wurde von den ersten schweren Reformen mit bedeutenden Personalreduzierungen erfaßt. Einige Privatisierungsversuche von Staatsunternehmen fanden statt. Im Dezember 1985 erfolgte außerdem eine bedeutende Umbildung im Ministerrat: zum ersten Mal seit Beginn der II. Republik saß eine Mehrzahl von Zivilisten im Kabinett. Kurze Zeit später, im April 1986, wurden unter französischer Beratung in Conakry allgemeine Wahlen zum Bezirksrat abgehalten, die als erster Schritt auf dem Wege zu demokratischen Verhältnissen angesehen wurden.

Frankreich spielte bald wieder eine aktive Rolle als Entwicklungshilfepartner und auch Investor. Die Privatisierung der Staatsunternehmen wurde gefördert, zahlreiche französische Lehr- und Beratungskräfte kamen ins Land. Einen ersten Höhepunkt der Beziehungen bildete der Besuch des französischen Staatschefs François Mitterands im November 1986 in Conakry. Aber auch andere westliche Staaten wie die USA, Kanada, Japan und die Bundesrepublik Deutschland standen technischer und finanzieller Hilfe positiv gegenüber. Am 18. und 19. März 1987 schließlich fand unter dem Vorsitz der Weltbank die erste Geberkonferenz für Guinea in Paris statt. Das Ergebnis war die Zusage von insgesamt 670 Mill. US$ für öffentliche Investitionen zur Verbesserung der Infrastruktur im Rahmen eines vorgelegten nationalen Wiederaufbauprogramms für den Zeitraum von 1987 bis 1991.

Die Beziehungen zum Ostblock wurden kontinuierlich fortgeführt und durch ein Kulturabkommen mit Kuba Anfang 1987 sowie die Einsetzung einer hochrangigen guineisch-sowjetischen Entwicklungskommission im Mai desselben Jahres vertieft. Auch die militärische Zusammenarbeit blieb durch die Auslieferung zweier sowjetischer Patrouillenboote für die guineische Marine weiterhin ein Schwerpunkt. Auf regionaler Ebene setzte Conté seine Bemühungen um politische Integration durch Treffen mit den Präsidenten Malis, Sierra Leones, Guinea-Bissaus und Senegals fort.

Doch die gleichbleibend hohe Inflation, die Kürzungen und Stellenstreichungen in der öffentlichen Verwaltung sowie die schleppende Durchführung und ungenügenden Ergebnisse der Wirtschaftsreformen führten zu Unmut im guineischen Volk, das seine Unzufriedenheit zu Jahresbeginn 1988 mit heftigen Demonstrationen in Conakry zum Ausdruck brachte. Gleichzeitigen Unruhen in der Armee begegnete Conté mit einer kleinen Regierungsumbildung, bei der zwei der Opposition verdächtigte Militärs auf die Ministerposten zur Verwaltung von Mittel- und Oberguinea abgeschoben und somit isoliert wurden(44).

Präsident Conté versuchte dann, die allgemeine Unzufriedenheit am 30. Juni 1989 durch eine umfassende Kabinettsumbildung zu beseitigen. Diese Umstrukturierung versprach insofern Erfolg, als daß die Rückkehr zweier international erfahrener Diplomaten nach Conakry erfolgte: Ibrahima Sylla, der zuvor als Botschafter bei der EG in Brüssel eingesetzt war, wurde das Ministerium für Planung und internationale Zusammenarbeit anvertraut, während Major Mohamed Lamine Traoré, ehemals Botschafter bei der UNO, zum Minister für Bodenschätze und Umwelt benannt wurde. An der übermäßigen Beteiligung von Militärs im Kabinett änderte sich jedoch nichts.

Die Kritik über die Verschleppung wichtiger Reformen und die unwillige Haltung der Militärregierung, den Übergang zu einem demokratischen Mehrparteiensystem einzuleiten, rief bald eine einheitliche Oppositionsfront auf den Plan: die Versammlung des guineischen Volkes (Rassemblement du Peuple Guinéen RPG) unter der Führung Alpha Condés, eines exilierten Radikalreformers, der von Paris aus operierte(45). Die französische Presse hinter sich wissend, versuchte die RPG durch die Initiierung und Unterstützung von Demonstrationen radikaler Studentengruppen, Protestmärschen der Staatsbediensteten sowie Aktionen der guineischen Menschenrechtsliga die Regierung Contés zu destabilisieren.

Die Hauptvorwürfe der Opposition richteten sich gegen die rapide ansteigenden Preise gegenüber nur langsam wachsenden Löhnen und gegen die willkürliche Machtausübung der Regierung, die in zunehmendem Maße Regimegegner verhaftete und folterte(46).

Unter dem Druck der Öffentlichkeit und der internationalen Gebergemeinschaft legte sich Präsident Conté schließlich am 1.10.89, am 31. Jahrestag der Unabhängigkeit, auf einen Fünfjahresplan zur Einführung eines Mehrparteiensystems mit einer demokratisch gewählten Zivilregierung fest. Dazu sollte das CMRN durch eine Übergangskomitee ersetzt werden, das die Aufgabe hätte, das Land in die pluralistische Demokratie zu überführen. Den Beginn machte man am 18. Oktober mit der Bildung einer aus Vertretern von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ebenen bestehenden Kommission, die bis zum Ende des Jahres 1990 den Vorschlag zu einer neuen Verfassung zur Verabschiedung vorlegen sollte. Exekutive, Legislative und Jurisdiktion sollten streng getrennt werden. Die weitere Entwicklung sah ein Zweiparteiensystem und die Bildung eines Einkammernparlamentes vor. In allgemeinen freien Wahlen würde ein neuer Präsident für ein nur einmalig zu wiederholendes Mandat von 5 Jahren gewählt werden.

Spannungen auf internationaler Ebene bezüglich der Einhaltung der Menschenrechte in

Guinea begegnete Präsident Conté am Anfang des Jahres 1990 mit einer Generalamnestie aller politischen Gefangenen sowie der Ankündigung der Rückgabe konfiszierten Eigentums.

Am 1. März 1990 erfolgte abermals eine Kabinettsumbildung, bei der der Bildungsminister und der Sozial- und Arbeitsminister kurzerhand die Ressorts tauschten. Dieser Wechsel sollte der Bildung neue Impulse geben und der anhaltenden Krise in diesem Sektor entgegentreten: ein allgemeiner Lehrerstreik, der sich gegen die unzureichende Bezahlung und widrigen Arbeitsbedingungen richtete, konnte durch die Zusicherung einer Lohnerhöhung beigelegt werden. Im November 1990 wurde die Universität in Conakry als Antwort auf einen Vorlesungsboykott der Studenten geschlossen, die für eine Reformierung des Ausbildungsförderungssystems, eine qualitative und quantitative Verbesserung des Lehrkörpers und eine angemessenere Lehrmittelausstattung eintraten. Blutige Auseinandersetzungen der Studenten mit der Polizei begleiteten die Demonstrationen. Obwohl die Regierung die Wiedereröffnung der Universität und die Wiederaufnahme des Lehralltags anordnete, setzten sich die Unruhen bis zum Jahresende fort.

Gegen alle Forderungen der Opposition, das politische Reformprogramm zu beschleu-nigen, beharrte die Regierung auf einen graduellen Übergang zum Zweiparteiensystem. Der von der Kommission ausgearbeitete Verfassungsvorschlag wurde von der Bevölkerung in einem nationalen Referendum am 23. Dezember 1990 mit überwältigender Mehrheit angenommen(47). Die Regierung zog daraufhin am 21. Februar mit der Auflösung des Militärkomitees und der Bildung eines neuen Übergangskomitees des nationalen Wiederaufbaus (Comité Transitoire de Redressement National CTRN) die Konsequenzen. Unter der Führung Contés stellte das CTRN ein 12 Mitglieder zählendes Exekutivkomitee dar, dem 5 siebenköpfige Kommissionen unterstanden (Rechtsangelegenheiten; Verteidigung und Sicherheit; Wirtschaft, Entwicklung und Umwelt; kulturelle und soziale Angelegenheiten; Kommunikation).

Gemäß der neuen Verfassung durften Mitglieder des CTRN keine Ministerposten bese-tzen. Doch obwohl sich Präsident Conté einige bedeutende Minister aus der Kabinetts-riege in das CTRN holte, behielten die Militärs dennoch die strategisch wichtigsten Ministerposten wie die Außenpolitik, die wirtschaftliche und finanzielle Kontrolle, Post und Telekommunikation, Transport und öffentliche Arbeiten und schließlich die Justiz(48). Dies bedeutete gleichzeitig, daß er auf die Loyalität der Armee angewiesen war.

Währenddessen flammten die Unruhen im Bildungssektor erneut auf. Am 1. Mai 1991

kam es zum Streik des gesamten akademischen Personals, dem sich bald darauf weitere Bereiche der öffentlichen Verwaltung anschlossen. Gefordert wurde eine deutliche Erhöhung der Gehälter, um die Steigerung der Lebenskosten zu kompensieren. Die Regierung versuchte einzulenken und sagte einer Verdopplung der Gehälter aller Staatsbediensteten und Maßnahmen zur Verbesserung der Sozialleistungen zu. Gleichzeitig wurde die Halbierung der Gehälter von Ministern und Mitgliedern des CTRN bekanntgegeben. Doch die guineische Arbeitergewerkschaft (Confédération des Travailleurs de Guinée CTG), angestiftet durch den Mut und die Beharrlichkeit der Lehrerschaft, bezeichnete diese Maßnahmen als ungenügend und rief zu einem Generalstreik auf, der die Hauptstadt lahmlegte.

Die Verwaltung und die Banken waren geschlossen, der öffentliche Verkehr Conakrys blockiert. Nach mehreren Gesprächen, in denen Präsident Conté um Ruhe, Toleranz und die Einhaltung des sozialen Friedens bat, konnte der Streik nach 48 Stunden beendet werden. Die Protestbewegung der Studenten indessen wurde fortgeführt. Die Wogen schlugen hoch, als das Fahrzeug des Bildungsministers angezündet und verbrannt, mehrere Verwaltungsgebäude der Regierung angegriffen wurden. Diese reagierte am 9. Mai 1991 mit der einstweiligen Schließung der Universität und hielt den Campus bis Mitte Juni militärisch besetzt. Dann wurde sie wieder geöffnet und das akademische Jahr konnte mit einer Verlängerung ohne weitere Zwischenfälle beendet werden.

Indessen führte die RPG unter Alpha Condé eine Gruppe von Oppositionsparteien an(49), die vehement für die Bildung einer Nationalversammlung eintraten, um die politischen Reformen zu beschleunigen, in möglichst kurzer Zeit das Militär aus der Politik zu verbannen und zu demokratischen Verhältnissen im Rahmen eines Mehrparteiensystems zu kommen.

Mehr als 25 Jahre lang hatte das guineische Volk keine Möglichkeit, sich außerhalb der Ideologie und der Gewaltherrschaft der I. Republik Sékou Tourés politisch zu betätigen. Doch jetzt, insbesondere nach der Annahme einer neuen Verfassung (Loi Fondamentale), wurde der lang unterdrückte politische Handlungsgeist des Volkes aktiv. Aufkommender Unmut richtete sich vor allem gegen die unnötige Länge der Übergangsperiode hin zur Zivilregierung, die 5 Jahre betragen sollte.

Unter dem Druck der Opposition und der Öffentlichkeit ging Präsident Conté Anfang Oktober 1991 mit dem Vorschlag der Öffnung der politischen Debatte für alle sich formierenden Parteien und der Kürzung der Übergangszeit in die Offensive. Das Parteienverbot wurde aufgehoben. Das im Grundgesetz verankerte Zweiparteiensystem wurde

zugunsten eines integralen Mehrparteiensystems modifiziert. Neu gebildete Parteien sollten bestimmte Zulassungskriterien wie ein Parteiprogramm, eine Parteistruktur, eine Mindestanzahl von Mitgliedern und nationale Zielsetzungen erfüllen, um vom 3. April 1992(50) an offiziell zugelassen zu werden. Allgemeine freie Wahlen sollten dann schon am Ende desselben Jahres durchgeführt werden.

Schon nach kurzer Zeit hatten sich mehrere Dutzend Parteien und politische Gruppen gebildet, doch am Ende stellten sich 22 Parteien vor, von denen 17 den Kriterien der Zulassung entsprachen und offiziell zugelassen wurden. Doch nach einer weiteren Periode der politischen Konsolidierung verdoppelte sich diese Zahl etwa bis zur Jahresmitte 1992. Eine der ersten und wichtigsten Oppositionsparteien, die zugelassen wurden, war die RPG Alpha Condés, der seine offizielle Rückkehr in sein Heimatland als Parteiführer im Juni 1992 feierte.

Am 23. Dezember 1991 trat gemäß dem ein Jahr zuvor verwirklichten Referendum die neue Verfassung (Loi fondamentale) für eine Präsidialrepublik mit Gewaltenteilung in Kraft. Letzterem Grundsatz folgend, verließ Präsident Conté das CTRN, dessen Mitgliederzahl sich auf 15 verringerte. Indes blieb diese Episode des mit der Verfassung eingeleiteten Demokratisierungstheaters wie auch das am 3. April verabschiedete Gesetz zum Mehrparteiensystem und das später gewählte Parlament nur eine Fassade, hinter der sich der Präsident die Vollmachten sicherte, die faktisch ein Fortbestehen der Diktatur bedeuteten: gleichzeitig Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte ernennt er alle Regierungsmitglieder und kann in Krisensituationen den Ausnahmezustand verhängen. Auf der Grundlage der Verfassung wurden am 24. Dezember 1991 17 Rahmengesetze verabschiedet, die den Weg für politische Freiheit und die Organisation einer neuen demokratischen Gesellschaft bereiten sollten. So wurden u.a. die Bildung und Zulassung politischer Parteien (Mehrparteiengesetz, s.o.), die Pressefreiheit, das Wahlgesetz, die Unabhängigkeit der Justiz, der Aufbau des Justizapparates, die Zusammensetzung der Nationalversammlung sowie die Festlegung der Wahlbezirke neu geregelt.

. Dennoch dauerte es noch einige Monate, bis politische Parteienaktivitäten auch in der Praxis anerkannt und nicht mehr gestört oder unterdrückt wurden. Eine treibende Kraft im Kampf um weitere politische Freiheiten war das Mitte November 1991 von 30 der 33 bis dahin entstandenen Parteien gegründete Nationale Demokratieforum (Forum Démocratique National FDN). Es forderte u.a. die sofortige Einberufung einer Nationalkonferenz zur Abhaltung von freien und gerechten Wahlen. Es war dies im Vorfeld der Wahlen der erste Zusammenschluß von Parteien, die zwar keine einheitliche Politik besaßen, jedoch gemeinsam gegen die bestehende Regierung Front beziehen wollten. Im späteren Verlauf des Wahlkampfes zeigte sich jedoch keine dieser Allianzen in der Lage, einen gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten aufzustellen, zu groß waren die Unterschiede in den politischen Inhalten und in der Ethnizität.

Am 6. Februar 1992 kam es noch einmal zu einer tief einschneidenden Regierungsumbildung: die Zahl der Minister wurde von 24 auf 16 reduziert. 7 von 11 Militärmini-

stern mußten gehen, alle aus der politischen Diaspora der Sékou Touré-Ära stammenden Minister ebenfalls. Auch die Ministerposten in den 4 Naturräumen Guineas sowie die fünf Staatssekretariate für Tourismus, Energie, Fischereiwesen, Dezentralisierung und Schulausbildung wurden aufgelöst. Gouverneure ohne Kabinettsrang, die direkt dem Innenminister unterstanden, repräsentierten fortan die Regierung in den Naturräumen. Die Ministerien selbst erfuhren eine interne Umstrukturierung, um den Erfordernissen der neuen Lage besser gewachsen zu sein. So wurde beispielsweise aus dem früheren Ministerium für Planung und internationale Zusammenarbeit das Planungs- und Finanzministerium, um die Planung realistischer an den Haushalt zu binden. Gleichzeitig wurde aus dem früheren Ministerium für Industrie, Handel und Handwerk das Ministerium für Industrie und kleine und mittelständische Betriebe, um der ökonomischen Entwicklungsorientierung, die in verstärktem Maße auf die Etablierung einer Unternehmerschicht ausgerichtet war, einen staatlichen Partner zu geben.

Als Begründung für diese Kabinettsumbildung wurden Finanzprobleme im Staatshaushalt angegeben, die nicht zuletzt unter dem Druck der internationalen Gebergemeinschaft einer raschen Behebung bedurften. Conté nutzte diesen Anlaß, um jene Militärs, deren Loyalität er sich aufgrund ihrer antiliberalen Einstellungen nicht mehr sicher war, ihrer Ministerämter zu entheben und ihre Macht zu beschränken. Dies war die logische Konsequenz einer kurz zuvor erfolgten Verjüngungskur in der Armee, bei der etwa 200 ältere Offiziere in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurden. Die nachrückende junge Offiziersgarde, allesamt in den USA, in der ehemaligen Tschechoslowakei und in Frankreich ausgebildet, garantierte ihm Loyalität und sicherte ihm Schutz vor reaktionären Kräften aus der Armee zu.

Das Jahr 1992 war durch zahlreiche politische und soziale Unruhen gekennzeichnet. Jeder versuchte, die Tiefe des neugewonnenen politischen Spielraumes auszuloten und seine Interessen so weit wie möglich durchzusetzen. Mehr und mehr formierten sich Oppositionskoalitionen, die auch in ihren politischen Zielen übereinstimmten. Der politische Bildungsprozeß hatte begonnen, und die Bevölkerung beteiligte sich immer mehr am politischen Geschehen. Der für das Jahresende vorgesehene Termin für die ersten freien Wahlen mußte jedoch aus finanziellen und organisatorischen Gründen auf ein unbestimmtes Datum im darauffolgenden Jahr verschoben werden. Die Ende Mai begonnene Zählung zur Erfassung der Wähler und Aufstellung von Wählerlisten kam nur schleppend voran.

Eine neu verabschiedete Bodengesetzgebung ermöglichte nunmehr allen öffentlichen wie privaten Organisationen und Individuen, auch ausländischen Investoren, Grundeigentum und die darauf stehenden Gebäude zu erwerben. Von der nationalen und internationalen Geschäftswelt als Garantie gegen illegale Landbesetzung und Sequestration zunächst begrüßt, bleiben dennoch Zweifel an der Respektierung und konsequenten Anwendung des Gesetzes bestehen, da die Korruption in der öffentlichen Verwaltung wie auch in den Reihen der Justiz immer noch ein unkalkulierbares Manipulationsrisiko darstellt. Zu Beginn des Jahres 1993 waren 42 politische Parteien offiziell registriert, angemeldet und zugelassen. Durch die Aufsplitterung in zahlreiche Kleinbündnisse konnte sich keine einheitliche politische Kraft mehr gegen die bestehende Regierung formieren. Immer deutlicher zeichnete sich hierbei der Zusammenschluß ethnisch übereinstimmender Parteien ab, was die Parteienfront in wenige große Lager aufspaltete.

Die Situation im Ausbildungssektor blieb weiterhin krisenhaft. Nachdem sich die Studentenunruhen zu Jahresbeginn allmählich gelegt hatten, machten nun die Lehrer mobil, um gegen ihre unzumutbaren Arbeits- und Gehaltsbedingungen zu demonstrieren. Ende April 1993 riefen die beiden jungen Lehrergewerkschaften(51) zum landesweiten Streik auf. Ihre Forderungen beinhalteten u.a. die Vorgabe klarer Richtlinien und Perspektiven für die berufliche Karriere, eine Anhebung der Gehälter sowie verbesserte Sozialleistungen.

Im Zuge des von sozialen und ethnischen Differenzen gezeichneten Wahlkampfes führten Demonstrationsmärsche und Kundgebungen der Oppositionsparteien, vor allem in der Hauptstadt, oftmals zu heftigen Konfrontationen vor allem mit Anhängern der regierungstreuen Einheits- und Fortschrittspartei (Parti de l'Unité et du Progrès PUP). Die schwerste dieser Eskalationen, ein Protestmarsch Ende September in Conakry, hatte die traurige Bilanz von 43 Toten und mehreren Hundert Verletzten aufzuweisen (EIU CR 4/93, S. 11). Die Regierung erließ daraufhin ein Verbot jeglicher Demonstrationen bis zur Wahl, dessen Termin endgültig auf den 19. Dezember 1993 festgelegt wurde.

Im Vorfeld der Wahlen wurde immer deutlicher, daß die Regierung des Präsidenten Conté bereit war, seine Wiederwahl auch durch Manipulation, Repression oder das Gegeneinanderausspielen ethnischer Differenzen zu erzwingen. Die zur Überwachung der Wahl aufgestellte unabhängige Wahlkommission (Comité National d'Election CNE)(52) distanzierte sich daraufhin vom technischen Durchführungskomitee der Wahl mit den Worten, die Wahlvorbereitungen liefen undurchsichtig und eine Transparenzgarantie sei nicht mehr gegeben (EIU CR 1/94, S. 14).

Die Repräsentanten der internationalen Gebergemeinschaft, von der guineischen Regierung um Beistand für die Finanzierung, Organisation und Durchführung der Wahl gebeten, zogen ihre Unterstützung schon früher zurück. Spanische und französische Wahlbeobachter verließen Conakry Anfang Dezember, da nach ihrer Ansicht die beobachteten Bedingungen eine freie und offene Wahl nicht mehr zuließen (EBENDA). Die internationale Juristenkommission sagte ihre Bereitschaft zur Unterstützung der Regierung bei der Wahldurchführung ebenfalls ab, da die Voraussetzungen für eine gerechte Wahl bei weitem nicht erfüllt würden (Le Monde v. 18.12.93). Im journalistischen Umfeld mehrten sich die Fälle, in denen Auslandskorrespondenten an der Berichterstattung über die politischen Entwicklungen in Guinea gehindert wurden, Drangsalierungen und Bedrohungen über sich ergehen lassen mußten (EIU CR 4/93, S. 11/12).

Nach der ersten freien Mehrparteien-Präsidentschaftswahl in der Geschichte Guineas am 19. Dezember 1993 erhielt der alte und neue Regierungschef Lansana Conté knapp die absolute Mehrheit. Die Ergebnisse im einzelnen:

1. Lansana Conté, Parti de l'Unité et du Progrès PUP: 51%,

2. Alpha Condé, Rassemblement du Peuple Guinéen RPG: 21%,

3. Mamadou Bah, Union pour la Nouvelle République UNR: 13%,

4. Siradiou Diallo, Parti du Renouveau et du Progrès PRP: 12%,

5. Facinet Touré, Union Nationale pour la Prospérité de Guinée UPG: 14%.

Nach offiziellen Angaben lag die Wahlbeteiligung der etwa 3,2 Mill. Wahlberechtigten bei 78,5% (EIU CR 1/94, S. 15).

Heftig angefochten wurde die Wahl und ihr Ergebnis von den Oppositionsparteien, die noch kurz vor dem Urnengang zu einem allgemeinen Wahlboykott aufriefen, dem sich jedoch nur eine bedeutungslose Minderheit anschloß. Sie beschuldigten Präsident Conté und die Regierung, die Volkszählung zur Erstellung der Wählerlisten zugunsten des Militärmachthabers manipuliert und die Wahlzettel nicht im vom Wahlgesetz vorgeschriebenen Zeitraum verteilt zu haben. Die Hauptkritik richtete sich jedoch gegen die Tatsache, daß die 2 Mill. im Ausland lebenden Guineer, die als regierungsfeindlich gelten, nicht berücksichtigt wurden und keinerlei Wahlunterlagen erhielten. So konnten sich letztendlich nur 25.000 der vor allem in den westafrikanischen Nachbarstaaten Guinea-Bissau, Mali, Mauretanien, Senegal und Sierra Leone lebenden Guineer außerhalb ihres Landes an der Wahl beteiligen (EIU CR 1/94, S. 15).(53)

Das Wahlverhalten unterstrich einmal mehr die latente Ethnizität im guineischen Volk. Die Guineer wählten den Kandidaten ihrer Volksgruppe und bestätigten damit die ethnische Aufteilung des Landes in 4 Räume: Niederguinea, das Land der Soussou, wählte zusammen mit dem Regierungssitz Conakry ihren Kandidaten und Landsmann Lansana Conté. Mittelguinea, Lebensraum der Peulh, die etwa 30% der guineischen Bevölkerung stellen, ließ seine Stimmen seinen Kandidaten Mamadou Bah und Siradiou Diallo, beides Peulh, zu gleichen Teilen zukommen. Die Malinké Oberguineas stellten ebenfalls zwei Kandidaten, standen jedoch fast geschlossen hinter dem aussichtsreichsten Oppositionsführer Alpha Condé. Allein in Waldguinea fand der aufgestellte Kandidat Jean-Marie Doré keinen Rückhalt in der in diesem Raum besonders inhomogenen Bevölkerung (mehr als 4 verschiedene Volksgruppen), so daß Lansana Conté die Stimmen von 5 der 7 Präfekturen dieses Naturraums für sich verbuchen konnte. So hatte der amtierende und wiedergewählte Präsident Guineas den Vorteil, der einzige Kandidat seiner Ethnie zu sein und gegen keine einheitliche Front, sondern eine Vielzahl uneiniger Oppositionsführer antreten zu müssen, auf seiner Seite und konnte die Wahl für sich entscheiden.

Am 29. Januar 1994 legte Präsident Conté seinen Amtseid vor den Staatschefs von Gambia, Sierra Leone, Liberia und Guinea-Bissau sowie Vertretern der OAU und 15 politischen Parteien ab(54).Unter dem Hinweis, nun den Sprung von einer Übergangsregierung zu

einer ersten Demokratieform geschafft zu haben, wurde die III. Republik ausgerufen. Der Schein trügt, denn wie schon so oft in zahlreichen anderen afrikanischen Ländern auch hat es ebenso in Guinea ein Militärdespot geschafft, sich mit demokratischen Attributen auszustatten, um die Welt von seinen freiheitlich-demokratischen Absichten zu überzeugen. Denn auch nach den Wahlen wurde die Opposition weiter in ihrer Arbeit behindert, war die Meinungs- und Pressefreiheit nur scheinbar frei und blieb hinter den Kulissen dem Willen und der Willkür der Regierung ausgeliefert, blieben schwere Vorwürfe über Menschenrechtsverletzungen durch Militär, Polizei und Ordnungskräfte bestehen.

Und dennoch war diese Präsidentschaftswahl ein Meilenstein in der politischen Geschichte Guineas. Sicherlich waren weder die guineische Bevölkerung aufgrund des immer noch schwer auf ihr lastenden Echos der politischen Doktrin der I. Republik, noch die Regierungsmannschaft der II. Republik einschließlich des Präsidenten, noch die stetig in der Entwicklung begriffenen politische Parteienlandschaft reif, um auch nur annähernd zu demokratischen Ergebnissen zu kommen. Auch die internationale Beobachterseite gab sich oft teilweise überzogenen Hoffnungen und Illusionen hin. Allein die Tatsache der Durchführung der Wahlen indes zeigten das Einschlagen eines Weges auf, der sich nur unter Mißachtung aller international anerkannter politischen Regeln, Werte und Normen wieder umkehren läßt. Es ist davon auszugehen, daß Guinea aufgrund seiner starken Geberabhängigkeit diesen Weg weiterverfolgen wird, wobei die Geschwindigkeit, das Maß und die Qualität der Entwicklung akzeptabler freiheitlich-demokratischer Verhältnisse von zahlreichen internen und externen Faktoren abhängt(55).

Die für Ende 1994 geplanten Parlamentswahlen wurden erwartungsgemäß auf das Frühjahr des nächsten Jahres verschoben. Die Partei des Präsidenten hoffte mit diesem Aufschub darauf, die in diesem Zeitraum zu erwartende Verbesserung der wirtschaftlichen Entwicklung wahlpolitisch für sich ausnutzen zu können. Der überwiegende Teil der Oppositionsparteien erklärte sich ebenfalls bereitwillig damit einverstanden, waren sie doch selbst noch im macht- und parteipolitischen Aufbau begriffen. Doch auch diese Zeit reichte für die Opposition nicht aus, sich gegen die Regierungspartei zu formieren und einen entsprechenden Wahlkampf zu betreiben. Im Gegenteil, auf ihrem ersten Parteikongreß der RPG (Rassemblement du Peuple Guinéen) kam es nach innerparteilichen Auseinandersetzungen zu einer Abspaltung führender Parteimitglieder, einen erheblichen Mitgliederanteil mitnehmend, um eine eigene Partei zu gründen.

Am 11. Juni 1995, 15 Monate nach der Präsidentschaftswahl, fanden die Parlamentswahlen statt. Das Einkammernparlament (Assemblée Nationale) verfügt über 114 Sitze, 3 für jeden der 38 Wahlkreise, wovon 5 allein in Conakry liegen. Von etwa 3 Mill. Wahlberechtigten gingen nur ca. 62% an die Urnen. Das Ergebnis spiegelte noch deutlicher die machtpolitischen Verhältnisse der Präsidentschaftswahlen wieder. Während die Präsident Conté unterstützende Partei PUP 71 Sitze erhielt (62%), kamen die RPG auf 19 Sitze (17%), die UNR und PRP auf jeweils 9 Sitze (8%)(56). Die etwa 100 geladenen ausländischen Wahlbeobachter beurteilten die Wahl als weitestgehend frei und in der Auszählung korrekt (EIU CR 3/95, S. 9).

Die endgültige Einrichtung des Parlamentes verlief dagegen nicht spannungsfrei. Die Opposition, die sich kurz nach der Wahl zu einer 12 Parteien umfassenden Koalition, der "Coordination de l'Opposition Démocratique (CODEM)", zusammengeschlossen hatte, rief zum Boykott der Eröffnungssitzung des Parlamentes am 30. August 1995 auf. Doch die Uneinigkeit in dieser provisorischen Oppositionsfront sowie die Befürchtung, sich durch den Vorwurf mangelnder Konstruktivität ins politische Abseits zu manövrieren, ließen den Boykott platzen. Und so konnte Präsident Conté schließlich planmäßig das politische Mandat des CTRN (Comité Transitoire de Redressement National) auf das neue Parlament übertragen. Erwartungsgemäß fiel die Wahl des Parlamentspräsidenten auf einen Kandidaten der stärksten Partei PUP.

Doch trotz aller Bemühungen der Regierung, dem Anspruch einer sich in Richtung Demokratie bewegenden Staatsform gerecht zu werden, bleibt sie eine militärische, weiterhin behaftet mit den dafür charakteristischen Attributen wie Willkür, Gewalt und Unterdrückung. Nach einem für den Demokratisierungsprozeß wichtigen Jahr 1995 zeigte sich dies besonders deutlich an einer zunächst eigentlich redlich erscheinenden Demonstration von Militärs Anfang Februar 1996 gegen ungerecht niedrigen Sold, die in eine regelrechte

Meuterei und später sogar in einen Putschversuch eskalierte(57). Der Coup scheiterte letzt-

endlich am Fehlen einer einheitlichen und entschlossenen Führung in den Reihen der Militärs.(58)

Selbst ein Offizier, der nur selten seine zentrale Militärbasis "Camp Samory Touré" im Herzen von Conakry verläßt, ging Präsident Conté auf die Forderungen der Meuterer ein(59). Das schnelle Einlenken und die erschöpfenden Zugeständnisse der Regierung deuten ein Maß der Erpreßbarkeit unter dem Druck der Militärs an, der bedenklich ist. Die aus der eskalierten Gewalt des Augenblicks gleichzeitig entstandene kopf- und führungslose Willkür sorgt für zusätzliche Unsicherheit. Unter der Macht und dem Aktionswillen der Militärs wird die sich im Zentrum befindende Bevölkerung rasch zum ausgelieferten Beobachter degradiert. Auch die nachfolgend angekündigte und auch durchgeführte gründliche Untersuchung der Vorfälle und gerechte Ahndung der Vergehen lassen nicht darüber hinwegtäuschen, daß die dominierende Präsenz der Militärs ein weiterhin existierendes latentes realpolitisches Risiko in sich birgt.

Schließlich war es doch die internationale Gebergemeinschaft, allen voran der internationale Währungsfonds und die Weltbank, die für den Beginn einer neuen Ära politischer Aufklärung und Entwicklung sorgten. Ende 1995 nämlich war das von den beiden Bretton Woods-Institutionen in Guinea geführte Programm zur strukturellen Anpassung nach nunmehr fast 10 schweren Jahren dem Scheitern nahe. Neben erheblichen Verzögerungen in der Umsetzung fest vereinbarter Reformen ließ ein durch eine weiterhin wenig effiziente Einnahmenpolitik und ungerechtfertigt hohe Ausgaben gekennzeichnetes Haushaltsdefizit die finanziellen Unterstützungen von IWF und WB nur noch als "Löcherstopfen" erscheinen(60). Unzufrieden ob dieser Reformunwilligkeit setzte der IWF seine Finanzhilfe aus(61).

Präsident Conté reagierte auf diese bedrohliche Situation überraschend mit der Einrichtung des Amtes eines Premierministers, nominierte für diesen Posten den vergleichsweise unbekannten Sidya Touré(62), unterstellte ihm direkt das Ministerium für Wirtschaft, Finanzen und Planung und wechselte in einer umfassenden Regierungsumbildung 17 seiner 25

Minister aus(63). Dem Premierminister stellte er zwei bevollmächtigte Vertreter für die Ressorts Wirtschaft, Finanzen und Planung sowie Haushalt und öffentliche Verwaltungsreform zur Seite.

Gewappnet mit größtenteils ausgewiesenen Technokraten nahm die neue Regierungsmannschaft die rigorose Sanierung des Staatshaushaltes sofort in Angriff. Hauptziele waren die Erhöhung der Einnahmen, vor allem im Bereich der Steuermobilisierung und der Bekämpfung vermeidbarer Verluste durch Korruption und Mißmanagement, sowie eine drastische Reduzierung der Staatsausgaben. Dazu wurde zunächst das Zoll- und Steuersystem den Erfordernissen angepaßt: Nach einem sofortigen Wechsel des obersten Direktors der Zollbehörde wurde diese der direkten Kontrolle der Schweizer Firma Société Générale de Surveillance SGS unterstellt(64). Der Freiraum für die Gewährung von Zoll- und Steuerbefreiungen wurde erheblich eingeschränkt. Die Landesgrenzen wurden zunächst für Importe geschlossen, neues Personal und striktere Anweisungen sorgten später für eine erfolgreichere Bekämpfung des Schmuggels und Erhöhung der Zolleinnahmen. Auch die strenge Anwendung der am 1. Juli 1996 eingeführten Mehrwertsteuer von 18% trug zu einer beachtlichen Einnahmensverbesserung im Staatshaushalt bei.

Noch signifikanter waren die Maßnahmen zur Reduzierung der Staatsausgaben: eine genaue Überprüfung des Beamtenapparates führte dazu, daß eine beträchtliche Zahl von sog. "Phantombeamten(65)" von den Gehaltslisten eliminiert werden konnte. Darüber hinaus sollte das Ziel, eine 30%ige Kürzung des Haushaltes vorzunehmen, hauptsächlich durch eine Reduzierung der bis zu 50% des Haushalts einnehmenden Personalausgaben erreicht werden. Dies sollte über eine Rationalisierung der Personalstruktur erfolgen. Dazu wurde die Mehrzahl der Staatsbediensteten in ihrer Qualifikation und Kompetenz überprüft. Nach Auswertung dieser Tests kam es zur Realisierung eines mehrstufigen Abbauplans, der das Beamtenkontingent beträchtlich schrumpfen ließ und die Personalausgaben entlastete.

Mit diesem Paket von Reformen zur Verbesserung der Haushaltsführung, teilweise schon umgesetzt und mit Erfolgen belegt, überzeugte der Premierminister schließlich den IWF und die Weltbank von der Notwendigkeit, Guinea mit weiteren Krediten zu unterstützen.

Verhandlungen mit dem Pariser Club führten darüber hinaus zu einem Schuldenerlaß von 125 Mill. US$ (EIU CR 2/97, S. 3).

Im Gegenteil, aufgrund der gezeigten makroökonomischen Leistungsverbesserung, vor allem in den Bereichen Steuereinzug in nichtbergbaulichen Sektoren, allgemeine Währungs- und Haushaltsdisziplin sowie der konsequenten Verbesserung der infrastrukturellen Rahmenbedingungen (Strom, Wasser, Kommunikation, Straßenbau) bekräftigte die bi- und multilaterale Gebergemeinschaft ihren Willen, Guinea gerade jetzt, da sich das Land erstmals eine gute Ausgangsposition verschafft hat, um sich aus Armut und Unterentwicklung zu befreien, weiterhin zu unterstützen. Dazu fand nach mehr als zehnjähriger Pause Mitte des Jahres 1998 erstmals wieder ein von der Weltbank organisiertes internationales Gebertreffen höchsten Ranges statt, der "Groupe Consultatif"(66). Dort konnte Guinea Hilfszusagen in Höhe von insgesamt 1,9 Mrd. US$ für die kommenden drei Jahre verbuchen, erwartete Schuldenerleichterungen von 770 Mill. US$ eingeschlossen.

Auch auf der außenpolitischen Bühne hat sich Guinea zu einem Hort der einfachen, aber stabilitätsbewußten Integration entwickelt. Zunächst hat das Land allen Befürchtungen zum trotz den Einflüssen der benachbarten Bürgerkriege im südlichen Liberia und Sierra Leone, den Unruhen in der nördlich angrenzenden Casamance des Senegal und den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen im nordwestlichen Guinea-Bissau standgehalten, im Rahmen der ECOMOG aktiv an der Beilegung der Konflikte beigetragen und sogar schwere Flüchtlingslasten auf sich genommen. Gleichzeitig schaffte es Präsident Conté langsam aber sicher, sowohl die von Sékou Touré geschädigten Beziehungen zu einigen Nachbarländern wiederherzustellen, als auch bereits bestehende zu konsolidieren und die Zusammenarbeit zu verbessern.

So empfing er Ende Oktober 1997 zum ersten Mal nach langen Jahren politischer Mißstimmung und Opposition den ivorischen Staatspräsidenten in Conakry und setzte damit ein Zeichen für eine deutliche Annäherung beider Länder und zukünftige Zusammenarbeit in der regionalen Außenpolitik, der Wirtschaft und des Handels. Zudem weckte die strukturelle Reformierung und allgemeine Öffnung des Bergbausektors darüber hinaus das Interesse zahlreicher neuer internationaler Investoren und Investorengruppen aus Südafrika, der Ukraine, Australien, dem Iran, Kanada und Deutschland(67).

Dies entspricht der außenpolitischen Priorität Guineas, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Im Vordergrund steht die marktwirtschaftliche Orientierung zur Förderung ausländischer Investitionen. Europäische Länder, Japan und die Vereinigten Staaten sowie islamische Partner genießen Vorrang, wenngleich auch noch aus der Sékou Touré-Ära stammende Freundschaften mit der VR China, Nordkorea, Kuba und der GUS gepflegt werden(68).

Das innenpolitische Leben dieser Zeitwar von den Bemühungen der Parteien um politisches Profil sowie Erweiterung und Konsolidierung ihres Wirkungsgrades gekennzeichnet. Doch trotz Oppositionszusammenschluss blieben sich die Parteien hauptsächlich

aufgrund politischer Dissenzen und regionalen Disparitäten, gepaart mit immer wieder aufflackernden latenten Ethnizitätsproblemen uneins. Lediglich die beiden aus dem Fouta Djallon stammenden Parteien UNR (Union pour la Nouvelle République) und PRP (Parti du Renouveau et du Progrès) koalierten zur neuen UPR (Union pour le Progrès et le Renouveau).

Präsident Lansana Conté indes stellte schon lange vor Wahlkampfbeginn alle Weichen für seine Wiederwahl Ende 1998 zu einer weiteren Amtsperiode von 5 Jahren. Mit der Neu- und Umbenennung zahlreicher Provinzgouverneure und Präfekten plazierte er schon im Sommer 1998 treue Gefolgsleute im Landesinneren, vor allem in den die Oppositionshochburgen Labé (Mittelguinea) und Kankan (Oberguinea) umgebenden Präfekturen. Als Antwort auf die Frage der Opposition nach einer unabhängigen Wahlkommission ließ er einen "Hohen Rat für Wahlangelegenheiten" (Haut Conseil aux Affaires Electorales HCAE) einrichten. Finanziert aus dem Wahlhaushalt aller Parteien sollte dieses sich aus allen zur Wahl zugelassenen Parteien zusammensetzende Organ(69) die Organisation der Wahlen unterstützen und ihren ordnungsgemäßen Ablauf beobachten und sichern. Weiterhin sorgte er für einen national wie international anerkannten transparenten Verlauf des Prozesses gegen die Putschisten vom Februar 1996 (s.o.)

Andererseits zeigte die guineische Regierung im Vorfeld der Wahlen in der Demonstration ihres Machtanspruchs oftmals Ungeschick und wenig Sensibilität. So ließ die Stadtplanungs- und Wohnungsbaubehörde unter späterer Berufung auf einen seit 1991 verabschiedeten Stadtentwicklungsplan eines der bevölkerungsreichsten Viertel im äußeren Gürtel Conakrys zwangsmäßig räumen und danach demolieren und planieren. Etwa 100.000 Menschen mußten ihre Wohnungen und Häuser verlassen und der Zerstörung ihres Eigentums zusehen. Große Teile der überwiegend aus Peulh bestehenden Viertelbevölkerung waren gezwungen, auf ihre Dörfer in den Fouta Djallon zurückzukehren. Die politische Gegnerschaft brandmarkte die Aktion als eine wahltaktische Aggression der Regierung gegen die Peulh-Opposition in der Hauptstadt. Auch die juristisch fragwürdige zeitweilige Verhaftung von drei Parlamentsabgeordneten der Opposition, darunter des Sprechers der Oppositionsfraktion CODEM (Coordination de l'Opposition Démocratique (CODEM), s.o.) unter dem Vorwurf der Volksverhetzung schürte Zweifel an der Unabhängigkeit der guineischen Justiz.

Das letzte Quartal des Jahres 1998 stand ganz im Zeichen des Wahlkampfes um die Präsidentschaft. Erst am 15. Oktober legte der amtierende Präsident Lansana Conté den endgültigen Wahltermin verfassungskonform 60 Tage vorher auf den 14. Dezember fest. Die Regierungspartei wie die Opposition designierten ihre Präsidentschaftskandidaten, um mit ihnen in einem 30-tägigen Wahlkampf um die Gunst der guineischen Wähler im ganzen Land zu werben. Zur Aufstellung eines Kandidaten mußte eine Partei eine Kaution von 25 Mill. FG hinterlegen (ca. 35.000 DM), die nur bei einem Wahlerfolg von mindestens 5% aller Stimmen wieder einlösbar war. Die Wahlkampfkosten wurden pro Kandidat auf etwa 3,75 Mrd. FG geschätzt (ca. 5 Mill. DM).

Die Wahl selbst verlief diszipliniert und weitgehend problemlos. Die Wahllokale wurden

von mehr als 50 nationalen und internationalen Wahlbeobachtern im ganzen Land kontrolliert(70). Diese bescheinigten der guineischen Regierung die bis auf einige Unregelmäßigkeiten hinsichtlich des Wahlgeheimnisses und vereinzelten Fällen von Wahlbeeinflussung ordnungsgemäße Durchführung der Wahl. Die Hauptkritik der Opposition konzentrierte sich auf eine durch Desinformation gesteuerte Reduzierung der Wahlberechtigten in oppositionellen Wahlgebieten(71), Unklarheiten bei der Übermittlung der Ergebnisse von den Wahllokalen zur präfektoralen Zentralsammelstelle sowie fehlende Transparenz bei der Auswertung der Ergebnisse im Innenministerium. Das Wahlergebnis der zweiten Präsidentschaftswahlen der II. Republik Guineas stellte sich wie folgt dar:

1. Lansana Conté, Parti de l'Unité et du Progrès PUP: 56,12%,

2. Mamadou Bah, Union pour le Renouveau et le Progrès UPR: 24,63%,

3. Alpha Condé, Rassemblement du Peuple Guinéen RPG: 16,58%,

4. Jean-Marie Doré, Union pour le Progrès en Guinée UPG: 1,72%,

5. Jean-Pascal Tolno, Parti du Peuple de la Guinée PPG: 0,95%.

Der Wahlkampf und die Wahl, ihre Organisation und Durchführung sind als Indikator für den Stand des Demokratisierungsprozesses in Guinea heranzuziehen. Gemessen an der geringen Erfahrung der erst vor wenigen Jahren gegründeten Parteien in der politischen Arbeit und Diskussion und angesichts der vorherrschenden infrastrukturellen Probleme in Logistik und Kommunikation kann der Organisationsgrad der Parteienlandschaft sowie das Bewußtsein der Parteien als bemerkenswert eingestuft werden. Obwohl die politische Abgrenzung der Parteien gleichzeitig eine ethnische geblieben ist, hat sich zwischen den Wahlen von 1993 und 1998 eine Toleranz und Gewaltlosigkeit übende politische Kultur manifestiert, was schließlich im letzten Wahlkampf und während der Wahl zu einem deutlichen Abbau der ethnisch motivierten Konfrontationen führte.

Das politische Bewußtsein der Parteien spiegelt sich bislang jedoch noch zu wenig in der Zivilgesellschaft Guineas wieder. Eine intensive politische Diskussion ist in einem Land mit mehr als zwei Drittel Analphabeten und einem schwer zugänglichen Landesinneren kaum möglich. Die Inhalte der Wahlprogramme der Parteien sind sich denn auch in einem Land, in dem nahezu jeder Bereich einen immensen Entwicklungsbedarf aufweist, natürlicherweise sehr ähnlich. Trotz der Bemühungen aller Parteien, das Wählerpotential des Hinterlandes zu mobilisieren, führen alle politischen Stränge letztendlich in die Hauptstadt zurück. Diese wird in allen politischen Instanzen und Institutionen sowie in der öffentlichen Diskussion von der Regierungspartei beherrscht.

Auch die Medienfreiheit ist bis auf die schreibende Presse noch arg begrenzt, da Rundfunk und Fernsehen in staatlicher Hand sind. Zusammen mit einer noch unsoliden Justiz sind damit wichtige Grundvoraussetzungen für eine tragfähige Rechtsstaatlichkeit als basisdemokratische Werte noch nicht gegeben. Dennoch wird das Wahlergebnis von 1998 von den internationalen Partnern Guineas insgesamt begrüßt, sichert es doch gemessen an alternativen Szenarios ein hohes Maß an innerer Stabilität für die nahe Zukunft.

3.2 Unerschöpfliche Ressourcen und ihre konditionalisierte Inwertsetzung

Der Ressourcenreichtum Guineas erstreckt sich von bedeutenden mineralischen Rohstofflagern über landwirtschaftliche und hydroelektrische Produktionspotentiale bis hin zu den Humanressourcen selbst. Allerdings ließ es die in der 26-jährigen Diktatur Sékou Tourés geführte Wirtschaftspolitik nicht zu, die zahlreichen und vielfältigen Rohstoffpotentiale des Landes voll auszuschöpfen. Im Gegenteil, bis ans Ende der I. Republik wurde die konsequente Nutzung dieser Potentiale derart behindert, daß das Land bis heute, eine Dekade nach dem Tode des Despoten, trotz demokratisch und marktwirtschaftlich orientierter Reformen und trotz bedeutender internationaler Entwicklungshilfe darunter zu leiden hat.

Wurde die Ökonomie Guineas zu Beginn seiner Unabhängigkeit weitestgehend von der landwirtschaftlichen Produktion getragen, die etwa 76% der damaligen Exporterlöse ausmachte (CLAPP 1992, S. 47), so waren es Mitte der 70er Jahre die Bauxitminen, die die Exportgewinne eintrugen. Heute ist Guinea mit ca. 16 Mio t/a zweitgrößter Bauxitproduzent der Welt (DEVEY 1997, S. 199ff) und besitzt nahezu zwei Drittel der Weltreserven an abbauwürdigem Bauxit, etwa 20 Mrd t. Nach der Bauxitförderung und der Tonerdeproduktion konnte man den letzten Schritt in der Kette der Aluminiumherstellung nicht vollziehen, da hierzu bisher die nötigen Mengen an Primärenergie fehlten.

Ein entsprechendes Projekt für einen mächtigen Staudamm am Fluß Konkouré nahe des Ortes Souapiti wurde schon in den 40er Jahren von den Franzosen ins Auge gefaßt, seine Realisierung scheiterte jedoch an der späteren Unabhängigkeit des Landes. Im Jahre 1982 fertigte man diesbezüglich noch einmal eine umfassende Studie an, doch die Höhe der zu leistenden Investitionen würden den Endpreis des Aluminiums letztendlich über jede Konkurrenzfähigkeit hinaus zu sehr ansteigen lassen. Neben der instabilen politischen Lage in den 80er Jahren schreckte vor allem die verwahrloste Infrastruktur potentielle Investoren ab(72).

Dasselbe Problem stellt sich bei der Förderung der übrigen 3 Träger der guineischen Bergbauindustrie: Eisenerz, Gold und Diamanten. Das Nimba-Massiv, das sich Guinea mit Liberia und der Elfenbeinküste teilt, beherbergt etwa 6% der vermuteten Weltreserven an hochwertigem Eisenerz (mehr als 66,7% Eisengehalt) (EIU CP 97/98, S. 20). Da Guinea über keine Transportmöglichkeit vom südlichen Waldguinea zum Hafen von Conakry verfügt, bliebe derzeit nur der Schienenweg auf der Seite Liberias, der von der auf liberianischem Boden schon ausgebeuteten Mine direkt an die westatlantische Küste führt. Doch der Bürgerkrieg in Liberia machte bisher jegliche Hoffnung auf die Öffnung der Mine zunichte. Mittlerweile ist dort die Transportinfrastruktur derart

zerstört, daß auch hier hohe Investitionskosten anfallen würden. Ein ähnlich hohen Finanzierungsaufwand würde ein Abtransport durch die Elfenbeinküste und ein Export über den ivorischen Hafen San Pedro bedeuten. Zudem steht jedem Export durch fremdes Territorium natürlich das nationale Interesse Guineas im Wege, den Abtransport seiner Bodenschätze auf seinem eigenen Gebiet sicherzustellen und zu kontrollieren.

Die Goldwäscherei in Guinea geht bis in das Mittelalter zurück. Besonders die Vorkommen im nordöstlichen Teil des Nigerbeckens um Siguiri (Oberguinea) zogen über Jahrhunderte hinweg Goldsucher und Abenteurer an. Erst im Jahre 1988 begann eine gemischtwirtschaftliche Minengesellschaft mit der industriellen Goldproduktion in diesem Raum. Diamantvorkommen sind in Guinea seit 1932 bekannt. Die Lagerstätten konzentrieren sich auf den südguineischen Raum, wo das seltene Vulkangestein Kimberlit z.T. hochwertige Diamanten führt. Der industrielle Diamantabbau begann 1984 mit einer Anfangsproduktion von 40.000 Karat. Umfangreiche Prospektionen ließen auf weitere abbauwürdige Gold- und Diamantvorkommen schließen. Daraufhin folgte zu Beginn der 90er Jahre die Gründung mehrerer gemischtwirtschaftlicher Minengesellschaften, die ihre Produktion etwa Mitte der 90er Jahre aufgenommen haben.

Der Landwirtschaftssektor war und ist neben den Bergbautätigkeiten der größte Hoffnungsträger für die wirtschaftliche Entwicklung in Guinea. Das Potential ist so immens, daß sowohl eine Autarkie in der Versorgung des Landes mit Nahrungsmitteln, als auch eine exportorientierte Produktion erreichbar erscheinen (CLAPP 1992, S. 48). Doch unter der restriktiven zentralistischen Agrarpolitik der I. Republik, die mit Kollektivenbildung, Marktsteuerung und Preisdiktat dem unabhängigen Kleinbauerntum jegliche wirtschaftliche Grundlage nahm, mußte die landwirtschaftliche Produktionsstruktur zur reinen Subsistenzwirtschaft verkommen. Bis heute hat sich der Agrarsektor weder physisch noch psychisch von dieser Mißwirtschaft erholt und tut sich schwer, die von der Regierung vorgeschlagenen Reformen anzunehmen und umzusetzen. So stagniert der Anteil der Landwirtschaft am BIP seit 1989 bei knapp 17%(73) (EIU CP 1996/97, S. 17). Bei verbesserter Infrastruktur und weiterem finanziellen und technischen Input wird jedoch ein erheblicher Produktionszuwachs in den Produktbereichen Kaffee, Reis, Baumwolle und tropischen Exportfrüchten erwartet.

Eine Vielzahl der großen westafrikanischen Flüsse entspringen den Bergregionen Guineas, wie der Niger, Bafing (Senegal), Gambia, Koliba (auch Rio Corubal, Guinea-Bissau) und Kolenté (auch Great Scarcie, Sierra Leone). Deshalb wird Guinea oftmals als das "château d'eau", das Wasserreservoir Westafrikas bezeichnet. Da das Land keine anderen primären Energieträger besitzt, ist es auf die Nutzung des hydroelektrischen Potentials angewiesen. Zur Zeit existieren 4 kleinere hydroelektrischen Anlagen, die nur einen Bruchteil, nämlich 1% des tatsächlichen Potentials ausschöpfen, das auf etwa 26.000 Gigawatt/a geschätzt wird (WB 1990a Bd. II, S. 64). Hinzu kommt, daß diese Anlagen zu 30% ein Alter von

mehr als 40 Jahren aufweisen und der überwiegende Teil sich in sehr schlechtem Zustand befindet.

Zahlreiche Studien, die nach dem Fall der I. Republik und der darauffolgenden Öffnung des Landes vorgenommen werden konnten, belegen die außerordentlichen Möglichkeiten, einerseits durch große Anlagen ausreichend Energie für die Industrie zur Verfügung zu stellen, andererseits durch zahlreiche Kleinanlagen die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zufriedenzustellen. Doch die Realisierung der meisten Projekte scheitert zum Teil an der nicht vorhandenen oder in schlechtem Zustand befindlichen primären (Energietransport) und sekundären (Energieverteilung) Infrastruktur, die die Investitionen ins Unermeßliche treiben würden.

Was die menschliche Komponente im Rahmen der Ressourcennutzung angeht, so besaß Guinea zu Beginn der Unabhängigkeit ebenfalls beste Voraussetzungen, um eine moderne Ökonomie aufzubauen: 60% der arbeitenden Bevölkerung waren in der exportorientierten Landwirtschaft tätig, in der große Ananas-, Baumwoll- und Kaffeeplantagen existierten. Die Gewerkschaftsbewegung war in vollem Gang und deutete auf eine demokratisch-liberale Gestaltung der Arbeitswelt hin. Eine nicht unbedeutende Schicht von Händlern und Unternehmern hatte sich etabliert. Die Grundstrukturen im Ausbildungssektor waren gelegt.

Doch die über ein Vierteljahrhundert andauernde Gewaltherrschaft Sékou Tourés unterband jegliche privatwirtschaftliche Initiative, minimierte Anstrengungen zum Ausbau eines Sozialnetzes und des Bildungssektors, übte politisches Diktat aus und forderte somit die Abwanderung von etwa 2 Mio Guineer heraus (MT Nr. 2275, 1989, S. 1631). Heute steht das Land trotz eines BIP von 590 US$ pro Kopf (MT Nr. 2698, 1997, S. 1629; EG Nr. 7, 1998, S. 12) aufgrund der niedrigsten Werte der Indikatoren des Human Development Index HDI (PNUD RDH 1998, S. 126) in der Tabelle der menschlichen Entwicklung mit an letzter Stelle(74).

4 ALLGEMEINE GEOGRAPHISCHE ANALYSE

4.1 Naturräumliche Gliederung

Das Land Guinea gliedert sich in vier Naturräume, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen physisch-geographischen Ausstattung deutlich voneinander abgrenzen:

1. Niederguinea (La Basse Guinée): Die Küstenregion Guineas umfaßt ein Gebiet von etwa 36000 km2. Sie besitzt eine 300 km lange Küste und reicht in der Breite ca. 150 km in das östliche Landesinnere. Die typische Riasküste ist von zahlreichen, weit in das Innere des Küstensaums züngelnden Ästuaren großer Flüsse zerfurcht: im Norden die Ästuare Rio Compony des Flusses Cogon, Rio Nunez des Tinguilinka, Rio Pongo des Fatala; im Süden die weiten Mündungen der Flüsse Konkouré, Forécariah und Mellakoré. Unzählige Mäander und sekundäre Flußarme führten zur Bildung vieler kleinen Inseln. Eine Tide von mehr als 5 m läßt sie oft in den Meeresfluten verschwinden und das Salzwasser dringt weit in die bis zu 30 km breiten Ästuare ein (s. Karte 3: Niederguinea)..

Das Kap Verga und die Halbinsel Kaloum, Überreste alter, widerstandsfähiger magmatischer Gesteinsformationen, durchbrechen die Küstenlinie und ragen wie Zungen in den Atlantik. Zum Landesinneren hin schließt sich eine etwa 50 - 70 km breite Sedimentebene an, die im Osten langsam ansteigt und in die Ausläufer des Fouta Djallon-Bergmassivs mit zahlreichen Tafelbergstrukturen übergeht. Die höchsten Erhebungen sind das Massiv von Benna (1124 m), der Mt. Kakoulima (1011 m) und der Mt. Gangan (1117 m).

Der Küstensaum wird von dichten Mangrovensümpfen und -wäldern beherrscht. Der schier undurchdringliche Bestand der beiden hauptsächlich vorkommenden Arten, der stel-zenartigen roten Mangrove (Rizophora racemosa, Kinsi in Soussou) und der kurzen, verkümmert wirkenden weißen Mangrove (Avicennia nitida, Wofiri in Soussou) beherbergt eine Vielfalt von Sumpftieren und seltenen Vogelarten. Die weiten Küstenebenen sind die Heimat der großen Palmenwälder, die mit nach Osten zunehmender Reliefhöhe in Galeriewälder übergehen. Diese sind an vielen Stellen schon zu einer Waldsavanne degradiert.

2. Mittelguinea (La Moyenne Guinée): Der mittelguineische Raum wird vom Fouta Djallon beherrscht, einem aus zahlreichen zusammenhän-genden Bergmassiven mit tiefen Tälern und weiten Hochplateaus bestehenden Bergland. Bei einer Durchschnittshöhe von etwa 750 m hat es seine höchsten Erhebungen im Mt. Loura (1538 m) und im Mt. Diaguissa (1425 m) (s. Karte 4: Mittelguinea).

Das Bergland des Fouta Djallon umfaßt über 63000 km2. Die häufigste morphologische Erscheinungsform sind Gesteinsstufenplateaus, die oft durch tiefe Täler zerschnitten sind. Die hier in reger Interaktion stehenden physischen Einflußfaktoren wie die reichhaltige Hydrographie, die klimatisch bedingten, hohen Verwitterungskräfte und die geologischen Voraussetzungen führten zu einer morphologischen Dreiteilung:

1. der westliche oder abendländische Fouta:

Er weist eine Anzahl relativ niedriger, von den zahlreichen Abflüssen des Zentralmassivs voneinander getrennten und teilweise zerfurchten Plateaus und Ebenen zwischen 500 und 1000 m Höhe auf. Sich allmählich nach Niederguinea hin abneigend, reichen einige seiner südwestlichen Ausläufer bis weit in die Küstenebene hinein.

2. der zentrale Fouta:

Er wird dominiert von unzähligen Hochplateaus mit einer durchschnittlichen Höhe von ca. 1200 m, deren weite Ebenen zumeist von einer mächtigen, nährstoffarmen lateritischen Verwitterungsschicht bedeckt sind.

3. der westliche oder orientale Fouta:

Dieses homogene, sich weit in den Osten erstreckende Plateau mit einer Durchschnittshöhe von 800 - 1000 m wird nur im südlichen Teil durch den Bafing und seine zahlreichen Nebenflüsse zerschnitten.

Als größtes Wasserreservoir Westafrikas bezeichnet, beherbergt der Fouta Djallon die Quellen zahlreicher bedeutender westafrikanischer Flüsse, die zum größten Teil zur guineischen Atlantikküste (Konkouré, Cogon, Fatala) und in die nördlichen Nachbarländer abfließen (Koliba - Guinea-Bissau, Gambia - Senegal, Bafing - Mali). Die ursprüngliche Waldvegetation ist in weiten Teilen dieses Naturraumes einer Savannenbedeckung gewichen, die sich je nach Niederschlagsmenge, Bodenqualität und anthropogenem Einfluß (extensive Viehwirtschaft) in einer Trocken-, Feucht- und Waldsavanne differenziert. In einigen geschützten Tälern und an den Berghängen ist ein typischer Mischwald anzutreffen, in dem der guineischen Néré-Baum(75) als hauptsächliche Baumart vorzufinden ist. Galeriewälder säumen die Ufer der zahlreichen Flüsse.

3. Oberguinea (La Haute Guinée): Dieser Naturraum umfaßt im wesentlichen das gesamte obere Nigerbecken (ca 97000 km2). Eingerahmt von den Mandingobergen im Norden, den Ausläufern des Fouta Djallon im Westen sowie den Vorposten des guineischen Rückens im Süden, werden seine weiten Ebenen vom Niger und seinen fächerartig einlaufenden Zuflüssen, dem Tinkisso, Mafou, Niandan, Milo, Fié und Sankarani gespeist (s. Karte 5: Oberguinea).

Unterbrochen wird die homogene, von Nordosten nach Südwesten leicht ansteigende, im Mittel etwa 450 m hohe Beckenlandschaft nur von einigen kleinen Bergmassiven, strah-

lenförmigen Ausläufern des Fouta Djallon Mittelguineas und des nördlichen Berglandes Waldguineas. Die Massive von Banko (1028 m), Balayan (1025 m) und Oursa (1036 m) im Westen, sowie die Berge Tamankaya (859 m) und Koumbankourou (804 m) in der zentralen Ebene und schließlich die Ausläufer des Simandou-Massivs (1439 m) und der Tourou-Kette (1296 m) im Süden bestehen überwiegend aus alten magmatischen und metamorphen Gesteinsformationen, die bisher erfolgreich der Verwitterung widerstanden. Die Hauptschlagader dieses Naturraums, der Niger, weist in seinen alluvialen Sedimenten eine differenzierte Terrassenbildung auf. Es lassen sich 3 Terrassen unterscheiden:

1. Die Niederterrasse:

Durch jahreszeitliche Wasserspiegelschwankungen zahlreichen Überschwemmungen ausgesetzt, bilden diese feinen und hellen Alluvionen die besten Böden für ganzjährige Naßkulturen (überwiegend Reis) aus.

2. Die mittlere Terrasse:

Mit etwa 4 m über der Niederterrasse vor den Wasserspiegelschwankungen des Niger sicher, stellt diese Terrasse den bevorzugten Siedlungsraum der Feldbauern dar.

3. Die Hochterrasse:

Die aus alluvialen Altablagerungen des Niger entstandenen Kiesböden, teilweise durchsetzt mit Bändern tiefverwitterten Lateritbodens, dient den Bauern zu Anbau weniger anspruchsvoller Kornfrüchte und Gewächse wie Mais, Fonio, Sorghum und Baumwolle.

Der überwiegende Teil Oberguineas wird von einer Baum- und Buschsavanne eingenommen, dessen Hauptbe-standteil das übermannsgroße Elefan-tengras ist. Kleine Inseln von Galeriewäldern finden sich nur an den Flanken der die flache Beckenlandschaft durchbrechenden Erhebungen, an Quellhorizonten und entlang der Flußufer. Im zentralen und nördlichen Teil des Beckens finden der Karité-Baum, aus dessen nußartigen Früchten Öl gepreßt wird, und der Baobab weite Verbreitung.

4. Waldguinea (Guinée Forestière): Der südlichste Naturraum des Landes mit einer fläche von ca. 50000 km2 wird vom guineischen Rücken beherrscht, in dessen bewegtem morphologischen Erscheinungsbild sich steil aufragende Bergmassive mit tief eingeschnittenen Tälern und Schluchten ablösen. Die mächtigsten dieser durch tektonische Bewegungen emporgehobenen Granit- und Gneisformationen sind das Nimba-Massiv (1752 m), das mehr als 100 km lange, Nord-Süd verlaufende Simandou-Massiv (1656 m), das Ziama-Massiv (1346 m) sowie die Berge von Kourandou (1236 m), Tétini (1257 m) und Béro (1210 m) (s. Karte 6: Waldguinea).

Die berühmteste von ihnen, das Nimba-Massiv, erstreckt sich von Nordosten nach Südwesten über etwa 40 km Länge und 12 km Breite bis über die Grenzen zu Liberia und zur Elfenbeinküste. Dem trockenen Wüstenwind (Harmattan) ausgesetzt, bildeten seine Nordflanken eine dichte Savannenvegeta-tion aus. Auf den südlichen Hängen dagegen hat sich der immergrüne Regenwald aufgrund der feuchttropischen Klimabedingungen eines seiner letztes Refugien in Guinea erhalten. Die anderen befinden sich an geschützten Flanken des Massivs von Ziama und des Berges von Béro sowie in der Region Diécké südlich von N'Zérékoré. Die Waldbedeckung, die etwa 27% der Gesamtfläche Waldguineas ausmacht, nimmt von Süden nach Norden hin allmählich ab und geht schließlich in die Baum- und Buschsavanne Oberguineas über.



4.2 Geologischer Bauplan - der Reichtum Guineas an mineralischen Rohstoffen

Die Geologie Guineas weist eine relativ einfache Struktur auf, bestehend aus Teilen eines präkambrischen Schildes, der überwiegend aus kristallinen Gesteinen zusammengesetzt ist, und einer nur noch im Westen und Nordwesten (Niederguinea und der westliche Teil Mittelguineas) vorhandenen paläozoischen Sedimentdecke.

Der präkambrische Sockel, der somit auf etwa zwei Dritteln der Landfläche zutagetritt, besteht aus Intrusivgesteinen (Granite und Dolerite) und metamorphen Gesteinen (Schiefer, Glimmerschiefer, Quarzite und Gneise). Die sedimentäre Deckschicht präsentiert sich in Form von Sandsteinen, Konglomeraten und Schiefern aus dem Kambrium bis Devon sowie quartären alluvialen Ablagerungen am oberen Niger und im gesamten Küstenverlauf (s. Karte 7: Die Geologie Guineas).

Niederguinea besitzt eine klassische Riasküste mit weiträumigen, tiefen Ästuaren, in denen die Gezeiten bis zu 30 km und mehr ins Landesinnere wirksam sind. Der im Durchschnitt etwa 15 km breite Küstensaum setzt sich im wesentlichen aus spätquartären marinenSedimenten zusammen, nur wenige Meter über dem Meeresspiegel stehend. Es schließt sich eine den präkambrischen Sockel bedeckende Sedimentebene an. Sie wurde im Süden bei Forécariah, durch einen tektonischen Hebungsvorgang im Tertiär verstärkt der Erosion ausgesetzt, abgetragen, wodurch die in diesem Bereich aus metamorphen und magmatischen Gesteinen bestehende Sockelformation freigelegt wurde. Durch tektonische Sockelrandbewegungen verursachte Metamorphosevorgänge brachten in diesem Raum ebenfalls die Rokell-Schieferformation am oberen Lauf des Kolenté und den Gneis von Moréah hervor.

Zum Landesinneren hin geht das Flachrelief im Norden teils allmählich, im Süden oftmals abrupt und vornehmlich entlang der dort zahlreich auftretenden, südsüdöstlich-nordnordwestlich verlaufenden Verwerfungen über typische Tafelbergstrukturen in ein weiträumiges, etwa 600-700 m hohes Plateau über. Es wird als Glacis des Fouta Djallon-Hauptmassivs bezeichnet.

Zwei aus Intrusivgesteinen bestehende Zungen durchbrechen im Kap Verga und in der Halbinsel Kaloum die sedimentäre Deckschicht und ragen, tiefen Verwerfungslinien folgend, in das Meer. Ihre Herkunft wird dem Zeitraum der Doleritintrusionen im Zentralmassiv des Fouta Djallon zugeordnet. Beim Kap Verga handelt es sich um einen aus dem Glacis kommenden Arm silurischer Schiefer, der einer in den Atlantik laufenden tektonischen Bruchlinie folgt. In ihm drangen doleritische Intrusionskörper nach oben und wurden von der Erosion freigelegt.

Die Intrusion der Halbinsel Kaloum wird von einem mächtigen, an ihrer nordöstlichen Spitze stehenden Gabbrokörper beherrscht, dem Mt. Kakoulima (1011 m). Es schließt sich der langgezogene, aus dunklen, tief verwitterten Duniten bestehende Hauptkörper der Halbinsel an. Die südwestliche Spitze bilden das der Halbinsel gegenüberliegende Archipel der Loos-Inseln, die sich aus Foyaiten (nephelitische Syenite) zusammensetzen.

Wie diese beiden Strukturen ist auch das gesamte geologische und morphologische Erscheinungsbild Niederguineas von einer Schar tektonischer Verwerfungslinien geprägt, die sich vor allem auf den Süden dieses Raumes konzentrieren. Ihre Hauptachsen verlaufen im Küstenbereich in Richtung SW-NO, im Landesinneren und Süden hauptsächlich in Richtung NNW-SSO.

Niederguinea besitzt bedeutende Bauxitvorkommen, die derzeit in den Minen von Débélé (Kindia), Fria und Sangarédi abgebaut werden. Weniger bedeutende Titanlagerstätten befinden sich am Kap Verga und an der Küste in Grenznähe zu Sierra Leone. Der Naturraum beherbergt weiterhin Eisen-, Chrom- und Manganlagerstätten, deren Abbau-würdigkeit jedoch noch nicht im einzelnen geprüft worden ist.

Der Fouta Djallon Mittelguineas ist Teil des an seinen Rändern teilweise emporgehobenen afrikanischen Kontinentsockels. Nach einer tektonischen Einsenkung im Kambrium kam es in den darauffolgenden Zeitaltern zur Ablagerung mächtiger Sedimentschichten. Eine spätere tertiäre Hebung war schließlich für die heutige Hochlandmorphologie verantwortlich. Zahlreiche Verwerfungen, hauptsächlich in Richtung NNO-SSW und NNW-SSO verlaufend, zeugen heute von dieser tektonischen Aktivität.

Der westliche Teil des Fouta besteht im wesentlichen aus Sandsteinsedimenten und Konglomeraten oberkambrischer (Serie Faléa) und ordovizischer (Serie Pita) Herkunft, silurische Schieferformationen (Folge von Télimélé) und sich zum niederguineischen Raum hin abneigenden devonischen Sandsteinen mit mehreren 100 m Mächtigkeit. Die Struktur der Sandsteinformationen ist vielfältig und zeigt ein weites Spektrum von feinkristallinen und kaum zementierten bis hin zu äußerst kompakten, quarzitischen Formen.

Verantwortlich für diese Metamorphoseerscheinungen sind Doleritintrusionen, grobkörnige basaltische Gesteine, die, vermutlich aus dem Perm stammend, unregelmäßig über dem nördlichen und als kompakter Körper im Raum Dalaba im südlichen Fouta Djallon in Erscheinung treten. Der sehr eisenhaltige Dolerit, der als Ergußgestein nahezu überall in tektonischen Brüchen, Verwerfungen und Hohlräumen aller Art Bänke gebildet hat, ist auf den Plateaus des Fouta Djallon, auf denen er an der Oberfläche erschienen ist, für die Bildung einer einheitlichen, größtenteils wasserundurchlässigen Deckschicht verantwortlich, die die dort ansässigen Peulh als "bowal" (pl. "bowé") bezeichnen(76).

Eine weitere Besonderheit Mittelguineas stellt der mächtige, aus Glimmerschiefern bestehende Körper aus dem oberen Präkambrium dar (ca. 600 Mill. Jahre), der an der Verwerfung von Gaoual entlang des Flusses Koliba emporgehoben wurde. Zahlreiche Brüche und Verwerfungen zumeist tertiärer Herkunft waren es auch, die dem Fouta Djallon mehr das Aussehen eines Mosaiks von Plateaus, einzelnen Gebirgsblöcken, Schluchten und Tälern,

Horsten und Gräben gegeben haben denn das eines homogenen Mittelgebirgskörpers.

Die größten Bauxitreserven des Landes, die auf insgesamt etwa 20 Mrd. t geschätzt werden (BM 1990a Bd. II, S. 37) liegen im Zentralmassiv des Fouta Djallon und seinen Randzonen. Das größte Vorkommen wurde bei Gaoual prospektiert, andere bedeutende Lagerstätten befinden sich bei Bantignel (Pita), Dabola und Tougué. Im Norden des Landes wurden bei Lébékéré außerdem bedeutende Kalksteinvorkommen entdeckt, in der Nähe von Balaki vermutet man eine Uranlagerstätte. Östlich von Télimélé, auf Höhe des Konkouré, weiß man um weniger bedeutende Diamant- und Manganvorkommen.

Ohne jegliches Deckgebirge offenbart das Nigerbecken Oberguineas den präkambrischen Sockel als Teil der alten westafrikanischen Kontinentalscholle. Er besteht im Nordosten überwiegend aus oberpräkambrischen Glimmerschiefern (Birrimien), während den südlichen und westlichen Teil dieses Naturraumes hauptsächlich syntektonische Granite einnehmen, vereinzelt durchbrochen von Gneis- und Quarzitkörpern aus dem mittleren Präkambrium.

Im Süden grenzt der beginnende guineische Rücken die weiten Ebenen des Nigerbeckens ab. Einzig in der Region zwischen Kankan und Kouroussa durchbrechen die von NW nach SO streichenden Höhen von Niandan-Banié (Tamankaya: 859 m, Koumbankourou: 804 m), ein aus widerstandsfähigen Glimmerschiefern bestehender, langgezogener Körper, seine Monotonie. Auch eine tektonische Beanspruchung fand nur in den nördlichen und südlichen Randzonen der Ebene statt. Die Verwerfungslinien folgen der dominierenden NW-SO-Richtung. Auf die Glimmerschiefer des präkambrischen Sockels lagerte der Niger seine quartären Alluvialsedimente ab. Oberguinea verfügt im Raum um Siguiri, bei Doko an der Grenze zu Mali, bei Kouroussa und im Norden bei Banora über bedeutende Goldvorkommen.

Charakteristisch für das Erscheinungsbild Waldguineas ist der guineische Rücken. Er besitzt jedoch nicht die Form eines einheitlichen Rückens, sondern bietet eine Vielzahl an geologischen und morphologischen Strukturen. Eine großräumige tektonische Hebung brachte den hauptsächlich aus mit Dolerit- und Quarzitintrusionen durchsetzten Gneiskörper auf eine durchschnittliche Höhe von 800-1000 m. Zahlreiche Verwerfungen im Zentrum und an den Rändern des Rückens gaben ihm seinen halbmondförmigen geologischen Verlauf, der teilweise konträr zu seinem allgemeinen morphologischen Verlauf von NW nach SO steht: von Südwesten kommend schwenkt er bald in eine Nord-Südrichtung ein, um dann auf der Höhe von Beyla eine nordnordwestliche Verlaufsrichtung einzuschlagen.

Im Zuge dieser regen tektonischen Aktivitäten brach der Rücken in mehrere sich vom Umland absetzende Bergketten und -massive auf. Das Zentrum des Rückens wird von dem aus widerstandsfähigen Quarzitintrusionen bestehenden Simandou-Massiv beherrscht (Pic de Fon, 1656 m). Es wird auf beiden Seiten von mehreren kleinen, überwiegend aus Doleritkörpern bestehenden Massiven flankiert. In südwestlicher Richtung gliedert sich der Rücken in 3 Zonen: zwischen Macenta und Sérédou erhebt sich die aus Graniten bestehende Ziama-Bergkette (1346 m). Sie bildet die westliche Grenze zu der zentralen, 500-600 m hoch gelegenen Ebene von N'Zérékoré. Schließlich endet der Rücken mit dem nordöstlich-südwestlich verlaufenden Nimba-Massiv (1752 m), das auf dem Länderdreieck Guinea-Liberia-Elfenbeinküste liegt, jedoch zu 7/10 auf guineischer Seite.

Zu den bedeutendsten Vorkommen Waldguineas sind zum einen die zahlreichen Diamantvorkommen im Dreieck Macenta-Kérouané-Kissidougou zu zählen, die sich in ihrem Wirtgestein, dem hier vorkommenden Kimberlit, gebildet haben. Zum anderen beherbergt das Nimba-Massiv eine der an hochwertigem Eisenerz (bis zu 60% magnetithaltig) reichsten Lagerstätten der Welt. Weniger bedeutende Eisenerzvorkommen sind noch in den Quarziten und Gneisen des nördlichen Simandou-Massivs bis hinauf in die oberguineische Nigerebene eingelagert. Erwähnenswert sind weiterhin kleine Graphit- und Manganvorkommen, die sich ebenfalls um das Nimba-Massiv gruppieren.



4.3 Klima, Boden und Gewässer - bestimmende Faktoren eines interaktiven Wechselgefüges

Das Klima

Im Muster großräumlicher Klimaklassifikationen wurde Guinea zunächst von PENCK (1910), ausschließlich das Verhältnis von Niederschlag und Verdunstung betrachtend, in eine den südöstlichen Teil Waldguineas erfassende vollhumide Zone und eine den übrigen Raum abdeckende semihumide Zone aufgeteilt. ALISSOWs Klassifikation (1950) ist genetischer Art und bezeichnet die Eigenschaften und das Verhalten der Luftmassen als Resultat der allgemeinen Zirkulation der Atmosphäre. Er unterteilte den guineischen Raum in den südlichen Äquatorialgürtel und den nördlichen, ca. 80% des Landes erfassenden subäquatorialen Gürtel. Diese Einteilung deckte sich mit der Klassifikation von FLOHN (1950), der zwischen einer inneren und äußeren Tropenzone unterschied.

Lediglich KÖPPEN und GEIGER (1954), die Schwellenwerte von Temperatur und Niederschlägen als Indikatoren verwendeten, klassifizierten das in Guinea vorherrschende Klima in 3 Zonen. Demnach ist der südliche Küstenbereich aufgrund seiner hohen Lufttemperaturen und reichlichen Niederschläge als Urwaldklima mit einer Regenzeit zu bezeichnen (Köppenscher Klimatyp Am). Der größte Teil Nieder- und Mittelguineas sowie das gesamte Waldguinea liegt im Einzugsbereich eines Savannenklimas (Köppenscher Klimatyp Aw) mit einer ausgeprägten Trockenzeit in den Wintermonaten und einer ergiebigen Regenzeit. Der Norden Oberguineas und die östlichen Ausläufer des Fouta Djallon Mittelguineas werden von einem heißen Steppenklima erfaßt (Köppenscher Klimatyp Bsh) (s. Karte 8: Guinea im System der Klimaklassifikation).

PAFFEN und TROLL (1964) differenzierten das Klima nach seinen Auswirkungen auf die Vegetation. Ihre Klassifikation deckt sich ungefähr mit jener von KÖPPEN und GEIGER und unterscheidet in Süd-Nord-Abfolge zwischen einer Tropenzone mit immergrünen tropischen Regenwäldern und halblaubabwerfenden Übergangswäldern, den tropisch-sommerhumiden Feuchtklimaten mit regengrünen Feuchtwäldern und feuchten Grassavannen, den wechselfeuchten Tropenklimaten mit regengrünen Trockenwäldern und Trockensavannen sowie den tropischen Trockenklimaten mit tropischen Dorn-Sukkulentenwäldern und -savannen.

Der südwestliche Küstenstreifen Niederguineas kann trotz einer drei- bis viermonatigen

Trockenzeit(77) in den Monaten Dezember bis März bei hohen Lufttemperaturen von ständig mehr als 23C tropische Feuchtwälder halten, da das trockenzeitliche Regendefizit mit 2500-3000 mm Niederschlag in den übrigen Monaten ausgeglichen wird. Das Savannenklima im übrigen Guinea ist facettenreich und folgt im wesentlichen der naturräumlichen Einteilung mit ausgeprägten Regionalklimaten (s. Karte 9: Regionalklimate in Guinea).

Der subguineische Klimabereich (KZ1), der in seiner Ausdehnung mit den Grenzen Niederguineas übereinstimmt, ist geprägt durch subäquatoriale, monsunklimatische Elemente mit einem subtropischen Rhythmus, in dem eine sechsmonatige Regenzeit von einer viermonatigen Trockenzeit abgelöst wird. Die dem Fouta Djallon vorgelagerte Position als Niederschlagsempfänger lassen die jährlichen Mengen häufig auf mehr als 3000 mm ansteigen. Das exponierte Conakry und die ihm vorgelagerten Loos-Inseln erhalten gar 4.300 mm und mehr. Ihren Höhepunkt erreichen die Regenfälle im Monat August, in dem schon ein Maximum von 300 mm Tagesniederschlag beobachtet wurden (SURET-CANALE 1970, S. 44) (s. Karte 10: Jahresniederschlag).

Der Monsuncharakter und der Atlantikeinfluß lassen die Luftfeuchtigkeit, auch in den trockenen Monaten von November bis April, nie unter 63% sinken. Dies ist die Zeit des Harmattan, jenes heißen und trockenen, aus dem Inneren des nördlichen afrikanischen Kontinents kommenden Windes, der jedoch wiederum durch die Barriere des Fouta Djallon nicht seine übliche austrocknende Wirkung entfalten kann. Die ständig hohe Luftfeuchtigkeit und die flachen Reliefformen halten die Jahresdurchschnittstemperaturen konstant zwischen 25 und 27C (s. Karte 11: Die mittlere Jahrestemperatur).

Das Zentralmassiv des Fouta Djallon mit seinen südlichen und östlichen Ausläufern besitzt ein eigenes, nach ihm benanntes Regionalklima (KZ2). Die Trockenzeit reduziert sich auf vier Monate, wobei die Regenfälle aufgrund des bewegten Reliefs in manchen Gegenden oft verfrüht oder verspätet einsetzen können. Als hochaufragende Barriere wird das Massiv in den trockenen Monaten Dezember bis April stark vom Harmattan attackiert, dessen trockene Wüstenluftmassen die Luftfeuchtigkeit leicht unter die 40%-Marke drücken können. Teilweise wird die Wirkung des Harmattan wiederum durch in dieser Region häufig vorkommende stellenweise Wolken- und Nebelbildung abgeschwächt.

Überhaupt weist der Fouta Djallon durch seine Reliefvielfalt auf seinen unzähligen einzelstehenden oder miteinander verbundenen Hochplateaus sowie in seinen schmalen Schluchten und weiten Tälern zahlreiche Mikroklimate auf. Die Höhenlage und die südwestliche, den tropischen Monsunen die Stirn bietende Orientierung sorgen für Niederschläge von 1725 mm und Temperaturen von 22C im Jahresmittel.

Wie auch im nördlichen Bereich Niederguineas tritt das Temperaturmaximum vor dem Einsetzen der Regenzeit ein, da die starke Bewölkung während der Regenfälle die Sonneneinstrahlung bzw. die Erwärmung beeinträchtigt. Die Temperaturjahresamplitude besitzt mit durchschnittlich 10C einen hohen Wert und kann örtlich sogar auf 13C ansteigen. In den Bergen des Zentralmassivs treten auf der Linie Mali-Labé-Pita-Dalaba auch die absoluten Temperaturminima des Landes auf, das Erreichen der Frostgrenze ist nicht selten.

Der oberguineische Raum steht unter dem Einfluß eines heißen Savannenklimas mit ausgeprägten saisonalen Kontrasten (KZ3). Die von Juni bis Oktober einsetzende Regenzeit bringt etwa 1500 mm Niederschlag im Jahresmittel. Mit zunehmender Entfernung vom Äquator nehmen die Niederschlagsmengen ab, und die Trockenzeiten treten deutlicher und länger hervor. Besonders im oberen Nigerbecken verlängert sich die Trockenperiode auf 8 Monate. Während dieser Zeit trocknet der Harmattan die Ebene regelrecht aus und bedeckt sie mit dichtem, feinem Staubnebel. Am Ende der trockenen Saison mißt man in diesen Regionen mit über 40C die höchsten Temperaturen und mit weniger als 39% im Jahresmittel die niedrigste Luftfeuchte des Landes (s. Karte 12: Relative Luftfeuchtigkeit). Die Temperatur zeigt aufgrund des ruhigeren Reliefs eine kleinere Jahresamplitude als im Fouta Djallon, dennoch treten ein Maximum am Ende der Trockenzeit und ein Minimum zum Zeitpunkt der stärksten Regenfälle deutlich hervor.

Das vierte Regionalklima erfaßt den waldguineischen Raum (KZ4) und wird ebenfalls nach ihm benannt (KAWALEC 1977, S. 29). Als nahezu vollhumides Klima äquatorialer Ausprägung weist es im Jahresmittel mehr Niederschlag als die Küstenregion Niederguineas auf (mit Ausnahme des südwestlichen Teils), besitzt ebenfalls eine kurze Trockenperiode, die sich allerdings auf 2 Monate verkürzt. Die Niederschlagsmenge, vom Breitengrad und vom bewegten Relief dieses Naturraums abhängig, variiert zwischen 1600 und 2800 mm. Die Niederschlagskurve gibt in der Regel zwei Maxima an, eines im Juni/Juli, das andere im September (Kissidougou, Beyla) (s. Karte 13: Temperaturen und Niederschläge ausgewählter Klimastationen).

An den zahlreichen Höhenzügen des guineischen Rückens kommt es, insbesondere auf den südwestlichen Angriffsflächen der tropischen Monsune, zu teilweise starker Wolkenbildung. Hier verliert der Harmattan völlig seine Wirkung, und die Luftfeuchtigkeit erreicht Spitzenwerte von 98,5% im jährlichen Mittel (N'Zérékoré). Die Jahresamplitude der Temperatur ist sehr gemäßigt und liegt zwischen 3 und 5C. Die durchschnittliche Jahrestemperatur von etwa 25C verzeichnet ein deutliches Minimum während der Jahresmitte, wenn die stärksten Regenfälle einsetzen.

Die Böden

Es herrschen im wesentlichen drei Bodentypen vor, die bis auf die Küstenregion und das Nigerschwemmland überall im Lande zu finden sind: die Lithosole, Ferralsole und Ferrisole(78). Während der nordöstliche Teil des Fouta Djallon und das Gebiet um Koundara in seinem Nordwesten überwiegend nackten Fels zeigen, der teilweise mit einem kargen, wenig fruchtbaren Felsboden besetzt ist, werden seine westlichen Ausläufer und der südöstliche Teil von einer schwach entwickelten, überwiegend eisenhaltigen Bodenschicht, einem Lithosol, bedeckt. Wie im nordöstlichen Nigerbecken und im zentralen Teil des guineischen Rückens befindet sich diese Schicht noch in einem Frühstadium der Pedogenese und ist bis auf eine fortschreitende Lateritisierung wenig differenziert.

In weiten Teilen des Zentralmassivs des Fouta Djallon sowie auf seinen südöstlichen Ausläufern bis hin zum guineischen Rücken Waldguineas ist das Phänomen der Lateritisierung aufgrund der aggressiven Verwitterungsbedingungen weit vorangeschritten(79). Vor allem die in diesen Regionen zahlreich eingelagerten Doleritvorkommen mit ihrem hohen Eisengehalt sind dafür verantwortlich. Bei ständig wechselnden Feucht- und Trockenperioden und für diese Breiten hohe Temperaturamplituden schreitet die Verwitterung schnell voran. Dank der als Bindemittel fungierenden Eisenoxide, die zudem die Rotfärbung dieser Böden beisteuern, bilden sich die charakteristischen, harten Lateritkrusten, die "bowé", die viele der Hochplateaus im Fouta Djallon wie eine Haube abdecken (s. a. Kap. 4.1.2).

Die "bowé" bestehen aus kieselstein- bis fußballgroßen Eisenoxidkonkretionen, die als kompakte Decke eine nahezu wasserundurchlässige Schicht bilden können. Dies ist oftmals der Fall, wenn sich die Lateritkruste nicht auf der Bodenoberfläche, sondern unterhalb dieser etwa auf der Höhe des Grundwasserspiegels gebildet hat, später jedoch durch Erosion freigelegt wurde(80). In vielen Tälern und Niederungen des Fouta Djallon wie auch des guineischen Rückens konnten sich indessen fruchtbare Böden bilden. Diese Böden, die sich aus den akkumulierten Erosions- und Denudationsprodukten der sie einrahmenden Berg- und Hangstrukturen entwickelt haben, beherbergten zu früheren Zeiten einen durch Infiltrationen und Hangquellen genährten Wald, der ein bestimmtes Mikroklima regulierte. Da sie günstige Voraussetzungen für die Reisproduktion und einen intensiven Gemüseanbau boten, mußte der Wald allmählich den sich immer schneller ausbreitenden landwirtschaftlichen Nutzflächen weichen. Dies führte zu einer noch heute anhaltenden Degradation auch dieser Böden, da auf ihnen dort, wo sie nahezu vegetationsfrei und durch eine landwirtschaftliche Nutzung übermäßig strapaziert worden sind, ebenfalls die Krustenbildung einsetzt(81).

Die Ferralsole präsentieren in Guinea je nach dem Verhältnis ihrer Fe- und Al-Oxidanteile das ganze Spektrum ihrer Erscheinungsformen, von der gelbbeigegefärbten Varietät mit überwiegend Al-Oxiden bis zur rotgefärbten Varietät mit mehrheitlichem Fe-Oxidanteil. Sie finden im gesamten Zentralmassiv des Fouta Djallon, in einer etwa 50-70 km breiten Pufferzone zwischen der Küste und dem Fouta Djallon sowie einer südwestlichen Region, das sich von den Ausläufern des Fouta Djallon bei Faranah bis zum guineischen Rücken bei Yomou erstreckt, weite Verbreitung. Obwohl in diesen Oxisolen die Lateritisierung ebenfalls ihren Höchststand erreicht hat, sind diese Böden aufgrund des hohen Niederschlagsregimes in diesen Regionen wesentlich mächtiger und fruchtbarer als die Lithosole (s. Karte 14: Die Böden Guineas).

Während in Niederguinea, auf dem Zentralmassiv des Fouta Djallon und im südwestlichen Gürtel der gelbbeigefarbene, an Al-Oxiden reichhaltige Typ überwiegt, stößt man in den südlichen Teilen des Fouta im Raum Kindia und Mamou sowie in einigen Senken seines Zentralmassivs auf den rötlichen, eisenhaltigeren Typ. Gerade im Fouta Djallon bildeten die Ferralsole je nach topographischer Lage, Beschaffenheit des Ausgangsgesteins und klimatischen Bedingungen zahlreiche regional unterschiedliche Varietäten aus, die im Pular, der Sprache der dort lebenden Peulh, ihre eigenen Namen besitzen:

(Erarbeitet nach: PNUD 1992a, Bd. Mittelguinea, S. 43/44; eigene Untersuchungen).

Der schmale, den westlichen Ausläufern des Fouta Djallon vorgelagerte Streifen bietet aufgrund des flachen Reliefs und der hohen jährlichen Niederschlagssummen gute Voraussetzungen für eine intensive agrarwirtschaftliche Nutzung. Der den westlichen Teil Waldguineas erfassende Ferralsol wird durch ein niederschlagreiches Klima mit hohen Temperaturen begünstigt, welches zur Ausbildung von mächtigen Bodenhorizonten führte. Selbst nach der Vernichtung großer Teile der bis in die 30er Jahre relativ geschlossenen Walddecke durch die bis heute praktizierte Methode der Brandrodung konnte in der darauffolgenden Zeit durch die weitestgehende Einhaltung von traditionellen Anbaumethoden, die ausgedehnte Brachzeiten und eine schonende Bodenbehandlung vorsahen, die Widerstandsfähigkeit des Bodens, sogar auf Hängen mit bis zu 25% Neigung (SURET-CANALE 1970, S. 74) größtenteils erhalten werden. Erst in jüngster Zeit werden vor al-

lem die Hangböden durch zu kurze Brachzeiten einer verstärkten Denudations- und Erosionsgefahr ausgeliefert. Doch in den Niederungen sorgt die Ausbildung von hydromorphen Böden, von torfreichen bis hin zu tonreichen und tonig-schlammigen Varietäten, für gutes Anbauland. Hier werden der größte Teil des guineischen Reis', aber auch Maniok, Mais, Erdnüsse und Bananen produziert.

Eine Besonderheit stellen kleine Regionen von Vertisolen dar, entrophe Braunböden, die in den Räumen un Kissidougou und Macenta herum fleckenartig angeordnet sind. Sie bilden eine ausreichende Humusdecke und besitzen einen hohen Anteil an quellfähigen Tonmineralen. In trockenen Zeiten treten starke Schrumpfrisse und -spalten auf, in der Regenzeit dagegen sorgen Quelldruck-Bewegungsvorgänge für eine regelmäßige Hydroturbation. Diese ständige Durchmischung des Bodens sorgte u.a. für das Fortbestehen eines der letzten Refugien eines wertvollen, artenreichen Regenwaldes an den Flanken der Ziama-Bergkette, südöstlich von Macenta.

Die dritte bedeutende Bodengruppe, die Ferrisole, sind ferralitische, den Ferralsolen nahestehende Latosole, die den kristallinen Sockel des größten Teils Oberguineas und den Osten Waldguineas bedecken. Ist die Bodenqualität dieses zusammenhängenden Gebietes in seinem südlichen Teil durch einen höheren Tongehalt (Si-Anteil) und hydromorphe Verhältnisse gut, so nimmt sie mit Verringerung des Tonanteils und zunehmend ariden Bedingungen nach Norden hin ab.

Die fruchtbarsten Böden bildeten sich auf den alluvialen Terrassen des Nigers und seiner größten Zuflüsse, des Sankarani und Milo(82). Die erste Terrasse, die Überschwemmungsebene, besteht aus feinen, weißlichen Alluvialablagerungen, die einen tiefen, lockeren Boden ausgebildet haben. Ihre Breite ist unterschiedlich und von den Bewegungen des Flusses abhängig. Der hohe Wasserspiegel des Nigers erlaubt einen Bewässerungsanbau auch während der Trockenzeit. Reis ist hier die bevorzugte Anbaupflanze.

Etwa 4 m darüber erstreckt sich die mittlere Terrasse, die sich aus grobkörnigen Ablagerungen zusammensetzt. Ihre Böden gehören der Klasse der eisenhaltigen Tropenböden an. Ihre Güte hängt von der Mächtigkeit der Humusschicht sowie ihres Gehalts an Kalzium, Phosphor und Magnesium ab. Aufgrund der anspruchsvollen Bearbeitung der ersten Terrasse wurde dieser Boden oftmals bevorzugt kultiviert, was an manchen Stellen allmählich zu Verarmungs- und Verödungserscheinungen führte. Auf dieser Terrasse gedeihen Hirse, Mais. Erdnüsse, Fonio und Tabak. Die obere Terrasse schließlich setzt sich aus kies- und schotterartigen Böden mit vereinzelt auftretenden Lateritbändern zusammen.

Entlang der Atlantikküste hat sich auf den fluvio-marinen Alluvialablagerungen ein sehr fruchtbarer, tonreicher Boden entwickelt, der jedoch aufgrund des hohen Salzgehaltes und der Drainageprobleme in der Regenzeit schwierig zu bearbeiten ist. Dennoch bietet er für den Reis-, Gemüse- und Fruchtanbau günstige Voraussetzungen. Auf den darüberliegen-

den sandigen Terrassen dominieren der Maniok- und Erdnußanbau sowie Obstplantagen.

Die Hydrographie

Guinea wird zurecht als "Chateau d'eau", als Wasserreservoir Westafrikas bezeichnet, entspringen ihm doch die Mehrzahl der großen westafrikanischen Flüsse wie der Niger, Senegal und Gambia. Als Hauptquellgebiete treten der Fouta Djallon und der guineische Rücken hervor. Im Fouta Djallon läuft die Linie der Wasserscheide von Norden nach Süden entlang den höchsten Erhebungen des Zentralmassivs, während die südliche Wasserscheide der morphologischen West-Ost-Ausrichtung des guineischen Rückens folgt (s. Karte 15: Hydrographie).

In ihrem Verlauf bilden die Flüsse unterschiedliche Profile aus, die im wesentlichen vom Relief und von der Oberflächenbeschaffenheit der Gebiete abhängt, durch die sie fließen. Der dem Zentralmassiv des Fouta Djallon entspringende Kokoulo, der auf der Höhe von Sangaréah in den Konkouré mündet, ist ein Beispiel für den wechselhaften Flußbettverlauf: auf einer Gesamtlänge von ca. 182 Flußkilometern weist er einen Höhenunterschied von etwa 900 m auf, was ein Durchschnittsgefälle von ca. 50/00 ergibt. Eine der Zonen stärksten Gefälles ist zweifelsfrei sein Niedergang aus dem Zentralmassiv in die weite Ebene von Sangaréah, die nach Westen hin von den Ausläufern des Massivs begrenzt wird. Auf diesem Teilstück (50 km Länge) erreicht der Fluß ein Durchschnittsgefälle von ca. 120/00. Dadurch ist die Fließgeschwindigkeit erhöht, was wiederum einen Anstieg der fluviatilen Erosionsprozesse zur Folge hat. Bei Pita beispielsweise hat sich der Kokoulo unter Überwindung einer etwa 88 m hohen Stufe einen schluchtartigen Weg durch den ordovizischen Sandstein gebahnt (Kinkon-Wasserfall).

Auf der Ebene angekommen, fängt der Fluß aufgrund des geringen Gefälles an zu mäandrieren. Doch obwohl sich der Lauf beruhigt hat, kommt es aufgrund einer immer noch relativ hohen Fließgeschwindigkeit, die eine Sedimentation bisweilen verhindert, dort nicht zur Ausbildung von fruchtbaren Terrassen. Daher bleibt diese Ebene im Vergleich zu der hohen durchschnittlichen Bevölkerungsdichte im Fouta Djallon relativ unterbesiedelt. Im Unterlauf des Konkouré schließlich war das durch die angewachsene Fließkraft und -geschwindigkeit gestiegene Erosionspotential verantwortlich für den in weiten Teilen des Verlaufs als canyonartig zu bezeichnenden Charakter seines Flußbettes. Dies ist ein typischer Verlauf der auf der westlichen Seite des Fouta Djallon entspringenden Flüsse.

Der Niger dagegen weist in seinem Quellgebiet das höchste Gefälle auf. Der übrige, nahezu gefällelose Verlauf durch die weiten Ebenen seines Beckens erlaubten ihm ausgeprägte Mäanderbildungen, die jedoch mit dem Zulauf zahlreicher Nebenflüsse und der damit ansteigenden Wassermengen allmählich nachlassen. Die Terrassenbildung am Niger, aber auch am Niandan, Milo und Sankarani brachte fruchtbare, für den Reisanbau geeignete Ebenen hervor. Ihre Nutzung wird jedoch durch die saisonal unterschiedliche Wasserfüh-

rung beeinträchtigt und erweist sich insbesondere auf den Niederterrassen als schwierig. Dies gilt aufgrund der teilweise recht krassen Gegensätze der Niederschlagsleistungen in den Feucht- und Trockenperioden für das gesamte guineische Gewässernetz. Dadurch wird auch die Nutzung der potentiellen hydroelektrischen Energie an bestimmte Bedingungen geknüpft.



4.4 Die guineische Bevölkerung

Die Datenlage zur zahlenmäßigen Erfassung der guineischen Bevölkerung ist durch eine 1996 durchgeführte Volkszählung sicher und vollständig (Recensement Général de la Population et de l'Habitat RGPH de 1996). Zum Zeitpunkt der Endredaktion der vorliegenden Arbeit lagen lediglich die per Regierungserlaß veröffentlichten vorläufigen Ergebnisse über die in Guinea ansässige Bevölkerung einschließlich Ausländer und Flüchtlinge vor. Die im Ausland lebenden Guineer wurden nicht erfaßt. Weitergehende Informationen über die Altersstruktur der Bevölkerung, die Haushaltsgrößen und ihre Zusammensetzung, das Ehe- und Heiratsverhalten, die Migration und andere bevölkerungsgeographisch relevante Indikatoren gehen allerdings aus den Ergebnissen dieser Volkszählung nicht hervor(83). Sie basieren im wesentlichen auf

1. der 1983 durchgeführte Volkszählung (Recensement Général de la Population et de l'Habitat RGPH) (RG 1986);

2. den Ergebnissen einer 10%igen Stichprobenzählung, durchgeführt in den Jahren 1992 und 1993, zur Erstellung der Wählerlisten für die bevorstehenden Wahlen (RG 1993a);

3. einer 1992 durchgeführten Untersuchung zur Bestimmung demographischer Indikatoren und Ermittlung des Gesundheitszustandes der guineischen Bevölkerung (RG 1994b);

4. sowie den Ergebnissen mehrerer, im Rahmen der von der Weltbank und den Vereinten Nationen initiierten Rahmenprogrammen zur strukturellen Anpassung und wirtschaftlichen Förderprogrammen durchgeführten demographischen Erhebungen aus den Jahren 1990, 1991 und 1992 (RG 1991d, RG 1992e, PNUD 1992a, PNUD 1992b).

Die guineische Bevölkerung befindet sich im noch andauernden Zenit einer Bevölkerungsexplosion. Seit 1970 sind das natürliche Bevölkerungswachstum und die Lebenserwartung stetig angestiegen, die Sterberate dagegen gesunken. Die Bevölkerungsschere wird sich in den nächsten Jahren noch weiter öffnen, da die Geburtenziffer mit 51 Lebendgeborenen je 1000 Einwohner seit Jahrzehnten unvermindert hoch ist, während die Sterbeziffer in den letzten zwanzig Jahren um knapp 18% gesunken ist. Gleichzeitig liegt der Gesamtindex der Fruchtbarkeit(84) mit 6,5 permanent über dem Durchschnitt der Länder mit niedrigem Einkommen. Auch die Nettoreproduktionsrate(85)

ist einem steten Anstieg unterworfen (StLB 1994, S. 29, WB PFP 1998, S. 28).

Tabelle 1: Demographische Basisindikatoren 1970 - 1995.

1970-75 1975-80 1880-85 1985-90 1990-95
Lebendgeborene (je 1000 Einw.) 51,6 51,6 51,3 51 51
Gestorbene (je 1000 Einw.) 26,8 25,4 23,8 22 20
Natürl. Bevölkerungswachstum (%) 2,48 2,62 2,75 2,82 2,9
Gestorbene im 1. Lebensjahr

(je 1000 Lebendgeborene)

177 167 157 145 136
Lebenserwartung bei Geburt (Jahre)
Männer 36,8 38,3 40 42 43,5
Frauen 37,8 39,3 41 43 44
Nettoreproduktionsrate (je Frau) 1,97 2,03 2,11 2,19 2,19


(Quelle: StLB 1994, S. 29, WB 1994b, S. 244, PNUD RDH 1996, S. 150ff, WB 1997b, S. ii)



4.4.1 Verteilung und Dichte - Konzentrations- und Dispersionsmuster als Indikator für Gunst- und Ungunsträume

Die Volkszählung von 1996 ergab eine Gesamtbevölkerung von 7.164.893 Einwohnern (RG 1997a, S. 2). Sie verteilt sich ungleichmäßig über die etwa 246.000 km2 umfassende Landesfläche: Mittelguinea ist mit 23% am dichtesten bevölkert, während der flächenreichste (Oberguinea) und der flächenärmste Naturraum (Niederguinea, ohne Conakry) jeweils etwa 20% der Einwohner beherbergen. Waldguinea hat seinen Bevölkerungsanteil aufgrund des sich nunmehr über mehrere Jahre haltenden hohen Flüchtlingskontingent aus Liberia und Sierra Leone auf 21,7% erhöht. Die restlichen 15,3% drängen sich auf engstem Raum in der Hauptstadt und ihren Peripheriesiedlungen zusammen (Tab. 2) (s. Karte 16: Bevölkerungsverteilung).

In Niederguinea ist eine starke Konzentration der Einwohner auf einen schmalen, etwa 80 km ins Landesinnere reichenden Küstenstreifen (ausgenommen Conakry) mit den Zentren Kamsar, Boké, Boffa, Dubreka, Coyah und Forécariah zu verzeichnen. Weitere bedeutende Agglomerationen sind das Handelszentrum Kindia, der Bergbauort Fria und das Viehwirtschaftszentrum Télimélé.

Mittelguinea beherbergt den größten Teil seiner Bevölkerung im Zentralmassiv des Fouta Djallon mit den Hauptagglomerationen Dalaba, Pita, Labé und Timbi-Madina. Der südliche Ausläufer des Fouta Djallon wird von dem Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Nord-Süd und West-Ost Handel, der Stadt Mamou, beherrscht. Die nördlichen Ebenen sind nur schwach besiedelt. In diesen viehreichsten Gebieten Guineas konzentriert sich die Bevölkerung auf die beiden Viehhandelszentren Koundara und Gaoual.

Tabelle 2: Bevölkerungsverteilung in Guinea (1996).

Conakry Niederguinea Mittelguinea Oberguinea Waldguinea Gesamt
Männer 581130 712583 753864 693966 754677 3496220
Frauen 512945 753353 892095 710140 800140 3668673
Gesamt 1094075 1465936 1645959 1404106 1554817 7164893
Männer (%) 16,6 20,4 21,6 19,8 21,6 100,0
Frauen (%) 14,0 20,5 24,4 19,3 21,8 100,0
Gesamt 15,3 20,4 23,0 19,6 21,7 100,0

(Quelle: RG 1997a, S. 4).



Mit einem Flächenanteil von 38% ist Oberguinea der größte der Naturräume, jedoch nur mit weniger als einem Fünftel der Landesbevölkerung der am schwächsten besiedelte. Die Bevölkerungsverteilung weist eine starke Konzentration der Bevölkerung auf einige wenige Zentren auf. Die weite Nigerebene wird von dem Handels- und Wirtschaftszentrum Kankan dominiert. Auch die sekundären Zentren befinden sich an den wichtigsten Handels- und Verkehrswegen, wie z.B. Kouroussa (Niger, früher Eisenbahn), Dabola (West-Ost Verkehr, Schnittstelle vom Fouta Djallon in die Nigerebene) und Faranah (Knotenpunkt für den aus dem Westen kommenden Verkehr nach Süden und umgekehrt). Die Goldvorkommen in den Feldern um Siguiri am Unterlauf des Niger sowie der Diamantreichtum von Kérouané nahe der Grenze zu Waldguinea sorgten ebenfalls für eine starke Verdichtung der Bevölkerung in diesen beiden Städten.

Waldguinea dagegen ist eher durch eine dispersive Verteilung seiner Bevölkerung gekennzeichnet. Zwar zeichnen sich einzelne Ballungszentren wie N'zérékoré, Kissidougou, Macenta, Guéckédou und Beyla deutlich ab, doch ist die ländliche Ursprungsbevölkerung gleichmäßig verteilt. Der noch vor den Bürgerkriegen in Liberia und Sierra Leone bevölkerungsschwächste Naturraum nimmt aufgrund der hohen Anzahl der seit mehreren Jahren dort seßhaften Flüchtlinge nunmehr den zweiten Rang hinter Mittelguinea ein.

Die Konzentration der Bevölkerung im Zentralmassiv des Fouta Djallon ist überwiegend historisch-kulturell durch die dortige Einwanderung und Besiedlung durch die Peulh zu erklären, während die extremen Dichtewerte an den Ufern des Niger und seiner Zuflüsse die Wasserverfügbarkeit und damit die Durchführung des Naßanbaus und der Bewässerungswirtschaft als Grund hat.

Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte in Guinea beträgt 29 E/km2 (s. Karte 17: Bevölkerungsdichte). Auch hier treten zwischen den einzelnen Naturräumen deutliche Unterschiede auf:

Tabelle 3: Einwohnerdichte Guineas mit relevanten Kennzahlen (1991).

Conakry Niederguinea Mittelguinea Oberguinea Waldguinea Gesamt
Einwohner 1094075 1465936 1645959 1404106 1554817 7164893
Fläche (km2) 100 43100 55000 101000 46700 245900
Fläche (%) 0,04 17,96 22,0 41,0 19,0 100,0
Dichte (E/km2) 10940 34 30 14 33 29
Arealitätsziffer (km2/1000E) in ha 0,01 2,9 3,3 7,2 3,0 3,4


(Erarbeitet nach: RG 1991d, Anhang 1; PNUD 1992a, Hauptbericht S. 8 u. 9, StLB 1994, S. 32, RG 1997a, S. 4)

Oberguinea tritt deutlich als Naturraum mit der geringsten Bevölkerungsdichte hervor. Die Arealitätsziffer drückt aus, daß jedem Einwohner Oberguineas im Mittel eine Fläche von etwa 7,2 ha zur Verfügung stünde, doppelt soviel wie in den anderen Naturräumen. Ein Blick auf die Bevölkerungsverteilung und -dichte, auf die Raumeinteilung in Unterpräfekturen als Meßeinheit reduziert, zeigt einen hohen Wert an Zentralität dort, wo

Den höchsten Zentralitätsgrad weist die Hauptstadt Conakry auf. Sie muß in hohem Maße vom Umland mit Nahrungsmitteln versorgt werden, andersherum wickelt Conakry zu mehr als 90% den Im- und Export von Indu-strie- und Konsumgütern sowie Dienstleistungen ab. Das explosive Bevölkerungswachstum von etwa 2,9% (1990 - 1995) (WB 1997b, S. ii), eine stetige Landflucht sowie die durch die naturgeographischen Gegebenheiten begrenzten Möglichkeiten zur flächenhaften Ausdehnung lassen die Bevölkerungsdichte in Conakry beständig wachsen. Schätzungen gehen davon aus, daß die Hauptstadt im Jahre 2010 etwa 2,8 Mill. Einwohner auf einer Fläche von ca. 200 km2 beherbergen und die Dichte somit auf 14.000 E/km2 ansteigen wird (RG 1993a, S. 5).

Die vor allem aus der Karte 16 (Bevölkerungsverteilung) hervorgehenden Konzentrations- und Dispersionsmuster zeichnen deutlich die Konturen von Gunst- und Ungunsträumen für den wirtschaftenden Menschen. So profitieren die den Ausläufern des Fouta Djallon-Massivs vorgelagerten Küstenniederungen vom feuchttropischen Klima (s. Karten 10 - 13)

und den dort ausgeprägten hydromorphen Böden (s. Karte 14), was zu einer Konzentration einer im Reis- und Früchteanbau wirtschaftenden Bevölkerung (s. Karte 22) vor allem in den Präfekturen Boké, Boffa, Dubréka, Coyah und Forécariah führte (s. Karte 3). Die Siedlungsräume zwischen den Tafelbergen am Südwestrand des Fouta Djallon-Massivs, gekennzeichnet durch die Agglomerationen Kindia und Télimélé, schöpfen ihren Zentralitätswert aus ihrer Lage als Sammel- und Umschlagplatz für den Güterhandel mit dem östlichen und nördlichen Hinterland (s. a. Karten 24 u. 30).

Die Gunsträume für den wirtschaftenden Menschen im mittelguineischen Raum sind deutlich erkennbar die Höhen des Fouta Djallon-Massivs, auf denen aufgrund der günstigen klimatischen Voraussetzungen Frucht- und Gemüseanbau betrieben wird. Verkehrsgeographisch sind Mamou und Labé die Hauptumschlagplätze für den Güterverkehr in das weitere östliche Hinterland und den Norden bis in den Senegal (s. Karten 25 u. 30). Weitere Gunsträume mit ausgeprägten Ballungszentren sind die Täler und Niederungen an den westlichen und östlichen Rändern des Massivs, die mit einer erhöhten Bonität der Hang- und Talböden gute agrarwirtschaftliche Produktionsvoraussetzungen wie z.B. für den Reisanbau bieten. Die Präfektur Koundara im Nordwesten Mittelguineas, ein sowohl von den klimatischen Verhältnissen (Niederschlag < 1300 mm/a, Jahresisotherme 27°C) als auch von den pedogenetischen Voraussetzungen (undifferenziert, lateritisierte Felsböden) eher siedlungsungünstiger Raum, hat sich indes auf die extensive Viehwirtschaft spezialisiert und zum viehreichsten Teil des Landes herausgebildet (s.a. Kap. 6.1.1.2).

Der oberguineische Raum ist bis auf die östlichen Ausläufer des Fouta Djallon-Massivs ein aufgrund seiner Aridität siedlungsungünstiger Raum. Lediglich der Niger mit seinem Nebenfluß Milo bietet agrarwirtschaftliche Produktionsgunst (Mais, Reis, Hirse, Baumwolle, Fischerei) und Verkehrs- und Transportmöglichkeiten für den Handel mit dem Nachbarland Mali (s. Karten 5, 22, 26 u. 30). Die Gold führenden Alluvione des Niger und seines Zuflusses Tinkisso sowie der Flüsse Sankarani und Bakoy sind es denn auch, die in den nördlichen, zunehmend siedlungsfeindlichen Gegenden für Agglomerationen von Minengesellschaften, Goldsuchern mit ihren Familien sowie der Handels- und Versorgungsperipherie sorgten.

Waldguinea weist eine nahezu ebenso große Bevölkerungsdichte wie Niederguinea auf (33 E/km2), die aufgrund der relativ hohen physischen Homogenität des Raumes und dem damit verbundenen Gleichgewicht der Gunst- und Ungunstvoraussetzungen jedoch eher einem Dispersionsmuster folgt (Karte 16). Die ferralitischen Verwitterungsböden und einige Braunböden im Südwesten sowie einige günstige Höhenlagen auf dem nahezu ganz Waldguinea durchziehenden guineischen Rücken (s. Kap. 4.2) bilden die Rahmenbedingungen für eine erhöhte Agrarproduktion von Kaffee, Kakao, Tabak, Tee und auch Reis

(s. Karte 22), womit der südliche Raum etwas deutlichere Siedlungskonzentrationen aufweist. Die Entwicklungsgunst Waldguineas zeigt sich auch im Bereich Handel, da dieser Naturraum die Nachbarländer Sierra Leone, Liberia und die Elfenbeinküste miteinander verbindet, Hauptumschlagsplätze sind N'Zérékoré und Guéckédou.



4.4.2 Die Bevölkerungsstruktur

4.4.2.1 Sexualproportion und Altersstruktur

Die Sexualproportion der guineischen Bevölkerung hat einen allgemeinen Frauenüberschuß zu verzeichnen. Der Anteil von Frauen an der Gesamtbevölkerung liegt bei 51,2% (Tabelle 4); auf 100 Frauen kommen nur 96 Männer. Dennoch weist die Sexualproportion in den einzelnen Naturräumen erhebliche Unterschiede auf:

Tabelle 4: Sexualproportion 1996 (in %).

Conakry Niederguinea Mittelguinea Oberguinea Waldguinea Gesamt
Männer 53,2 48,6 45,8 49,4 48,5 48,8
Frauen 46,8 51,4 54,2 50,6 50,5 51,2


(Quelle: RG 1997a, S. 2)

In Conakry überwiegt die männliche Bevölkerung mit 53,2%. Eine Situation, die sich durch starke Migrationsströme männlicher Bevölkerungsteile aus allen Naturräumen Guineas hin zur Hauptstadt, dem politisch-ökonomischen Zentrum, erklärt. Besonders die junge männliche Bevölkerung der Peulh aus Mittelguinea, die mit der Tradition der ihnen unattraktiv gewordenen Viehwirtschaft brechen und ihr Glück meist als Händler, Kleinhändler und Arbeiter in den großen Städten suchen, verlassen ihre Heimat zuhauf und strömen in die Hauptstadt ein. Aus diesem Grunde herrscht im Fouta Djallon der größte Frauenüberschuß Guineas (über 54%). In Oberguinea hat der dem Trend gegenläufige hohe Männeranteil seine Ursache in den Gold- und Diamantfeldern dieses Naturraums, die überwiegend die männlichen Bevölkerungsteile anziehen.

Der Altersaufbau der guineischen Bevölkerung zeigt den für Entwicklungsländer typisch hohen Anteil an jungen Einwohnern. Bei einem Durchschnittsalter von 22 Jahren sind etwa 47% der Bevölkerung weniger als 15 Jahre alt (WB PFP 1998, S. 28). Das zur Charakterisierung der Altersverteilung aussagekräftigere Medianalter, das die Bevölkerung in zwei gleich große Teile trennt, liegt bei etwa 16 Jahren.

Eine beständig hohe Fertilität und Mortalität, bei gleichzeitig tendenziell sinkender Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie einer Verringerung der Mortalität bei den gebärfähigen Frauen (bei gleichbleibender Fertilität) sind für hohe Geburtenüberschüsse und ein rasches Anwachsen einer sich verjüngenden Bevölkerung (Ausschwingen der Pyramidenseiten) verantwortlich.

Grafik 2: Alterspyramide der guineischen Bevölkerung (1995).



(Quelle: StLB 1994, S. 30; RG 1997a, S. 5ff)

Die Alterspyramide der guineischen Bevölkerung zeigt eine die starke Jungbevölkerung repräsentierende Basis und leicht konkav geschwungener Seiten.

Das Ungleichgewicht zwischen den Anteilen der männlichen und weiblichen Bevölkerungsteile läßt sich in drei Abschnitte gliedern: Bis zum Alter von 19 Jahren überwiegt der männliche Bevölkerungsanteil; zwischen 20 und 54 Jahren sind Frauen zahlenmäßig stärker, und ab 55 Jahren wiederum die Männer.

Tabelle 5: Altersstruktur 1991 (in %).

Altersgruppen Conakry Niederguinea Mittelguinea Oberguinea Waldguinea Gesamt
0 - 14 J. 41,7 45,8 48,1 43,2 43,3 44,4
15 - 64 J. 55,9 49,9 46,5 52 52,8 51,4
> 65 J. 2,4 4,3 5,4 4,8 3,9 4,2


(Quelle: RG 1991e, S. 19 u. Anhang 1C, S. 6)

In Mittelguinea beträgt der Anteil der Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 64 Jahren nur 46,5% gegenüber 51,4% im Landesdurchschnitt. Eine deutliche Abwanderung von männlichen Bevölkerungsteilen ist hier besonders in den Altersstufen von 20 bis 49 Jahren zu verzeichnen. Im Gegensatz dazu zieht der Handels- und Wirtschaftsmagnet Conakry knapp 56% der Bevölkerung in der Altersgruppe von 15-64 Jahren an (Tabelle 4). Die ältere Bevölkerung (über 65 Jahre), dessen Anteil an der Gesamtbevölkerung nur 4,2% beträgt, lebt überwiegend auf dem Lande. In Conakry fällt ihr Anteil sogar auf 2,4% ab. Etwa 60% dieser Altersgruppe ist männlich (RG 1991e, S. 19).

4.4.2.2 Haushaltsverteilung, ihre Größe und Zusammensetzung

Die Haushaltsverteilung

1996 betrug die Gesamtzahl der guineischen Haushalte 1080988. Sie verteilen sich unterschiedlich auf die Naturräume und die Hauptstadt: Niederguinea (20,8%), Mittelguinea (26,3%), Oberguinea (15,6%), Waldguinea (22,3%) und schließlich Conakry (15%) (RG 1997a, S. 4). Etwa 71,6% der Haushalte werden auf dem Lande geführt. 34 % aller ländlichen Haushalte wiederum verteilen sich auf Mittelguinea, während sich in Conakry 52,7% aller städtischen Haushalte konzentrieren (RG 1991e, S. 20, RG 1997a, S. 15).

Untergliedert in verschiedene sozioökonomische Gruppen werden 48% aller Haushalte von unabhängigen Subsistenzbauern geführt. Es folgen die Exporterzeugnisse produzierenden Landwirte mit 14,9% und die Gruppe der berufliche inaktiven und arbeitslosen Haushaltsführer mit 13% (RG 1991e, S. 20).

Die Haushaltsgröße

Die durchschnittliche Größe eines guineischen Haushaltes beträgt 6,5 Personen, variiert jedoch zwischen den einzelnen Naturräumen und der Hauptstadt beträchtlich. In Oberguinea beispielsweise gehören einem Haushalt im statistischen Mittel etwa 7,7 Personen an, in Mittelguinea nur 5,4. Die soziale Organisation der oberguineischen Großfamilien des Volkes der Malinké behauptet sich hier gegen alle äußeren Einflüsse, während in Mittelguinea das Familiengefüge durch die schon erwähnten massiven Abwanderungen gestört und die Haus-

halte in ihrer Personenstärke vermindert werden. Der Gesamtüberblick über die Verteilung der Haushaltsgrößen zeigt, daß die am häufigsten vorkommende Haushaltsform der 5-Personen-Haushalt ist, gefolgt vom 4-, 3- und 6-Personen-Haushalt. Diese Haushaltsformen machen zusammen etwa 51% aller Haushalte aus. Mit zunehmender Größe verringert sich der prozentuale Anteil der Haushalte. Dennoch weisen 18% aller guineischen Haushalte 10 Personen und mehr auf. Die Haushaltsgröße variiert darüber hinaus mit der Zugehörigkeit der Haushaltsführung zu verschiedenen sozioökonomischen Gruppen. Im Vergleich mit der Grafik über die Verteilung der Haushalte nach sozioökonomischen Gruppen besitzen die selbständigen Viehzüchter, die nur einen Anteil von knapp 1% an den Gesamthaushalten haben, mit etwa 12 Personen die größten Haushalte. Die Selbständigen des formellen Sektors, mit 0,2% am geringsten an Guineas Haushalten beteiligt, folgen mit einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von 9,3 Personen.

Eine weitere Unterscheidungsform der Haushaltsgrößen ist die Familientypisierung. Etwa jeder zweite guineische Haushalt besteht aus einer Kernfamilie (Eltern und Kinder). Dieser Haushaltstyp dominiert zu 54,3% den ländlichen Raum, in der Stadt ist er zu 39,5% vertreten (RG 1991e, S. 22). Die zweite Haushaltskategorie ist die um zusätzliche Verwandte unterschiedlichen Grades erweiterte Familie auf (15,9% aller Haushalte). Dieser Typ kommt wiederum mehr in der Stadt (29,6%) als auf dem Lande (11%) vor (EBENDA). Die übrigen Haushalte bestehen aus unvollständigen und um zusätzliche, oft nur sehr entfernt oder gar nicht zur Familie zugehörige Personen erweitert.

Die Familiengröße nimmt im allgemeinen mit wachsendem Einkommen bzw. mit einer Erhöhung der Zahl berufstätiger Mitglieder zu. Haushalte, die sich auf ausreichende finanzielle Ressourcen einiger ein regelmäßiges Einkommen erzielender Mitglieder stützen können, sind leichter in der Lage, zusätzliche, entferntere Familienmitglieder aufzunehmen. Auch der Anteil polygamisch lebender Familien ist in dieser Haushaltskategorie höher. Oftmals wird die Tragfähigkeitsgrenze jedoch durch weitere, nicht zur eigentlichen Familie zugehörige Personen derart strapaziert, daß der Schritt zur Überlastung und damit zum wirtschaftlichen Zusammenbruch klein ist.



4.4.2.3 Religion, Ehe und Heiratsverhalten

Die guineische Verfassung garantiert Religionsfreiheit. Über 80% der guineischen Bevölkerung sind sinnitische Moslems. Sie praktizieren ihre Religion in selbständigen Gemeinden unter der Betreuung der staatlichen "Ligue islamique". Jede größere Stadt besitzt eine Moschee mit mindestens einem Minarett. Die wichtigste ist die 1983 erbaute große Moschee ("la Grande Mosquée") in Conakry, die bis zu 13000 Menschen fassen kann. 5-10% der Bevölkerung sind Christen, die überwiegend in Niederguinea und Waldguinea leben. Der überwiegende Teil davon sind Katholiken, die von einem Erzbistum in Conakry geführt werden. Eine in den achtziger Jahren am äußeren Ende der Halbinsel Kaloum erbaute Kathedrale schmückt das Antlitz Conakrys. Ein geringer Anteil von Animisten findet sich

hauptsächlich im waldguineischen Raum.

Der Islam in Guinea hat seine Wurzeln im Mali-Reich (s. Kap. 5.1), wo er seit dem Jahre 1050 von den Manding-Völkern, den Vorfahren der hauptsächlich Oberguinea bevölkernden Malinké eingeführt wurde. Im 17. Jh. überprägten die in den Fouta Djallon einwandernden Peulh den Islam mit einer reineren und intellektuelleren Form, die sich in den nächsten beiden Jahrhunderten zu einer Theokratie entwickelte. Vom Kolonialismus zerschlagen, fand der Islam während der I. Republik nur zu einer durch Gesetze und gesellschaftliche Verordnungen entkräfteten Form zurück. Seit Beginn der II. Republik erstarkten die religiösen Kräfte wieder derart, daß der Islam im täglichen Leben der guineischen Bevölkerung eine wichtige Rolle spielt. Allerdings wird vor allem in den städtischen Gebieten und innerhalb der Jugend und den jüngeren Bevölkerungsteilen der Tidjanismus, eine liberale Art des islamischen Glaubens, meist nur in seiner äußeren Form der täglichen Gebete, der Fastenzeit, der Wahl arabischer Namen und der Verweigerung von Alkohol und Schweinefleisch gewahrt.

Die Ausübung religiöser Traditionen, Zeremonien und Riten hat im gesellschaftlichen Leben der guineischen Bevölkerung eine herausragende Rolle inne, die zuweilen erhebliche Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation von Familien haben kann. Der gesellschaftliche Zwang läßt aus individuellen Ereignissen wie die Kindestaufe aber auch aus religiösen Feiertagen oftmals einen umfangreichen Pflichtakt werden, der die Wirtschaftskraft einer Familie oft übersteigt und mitunter zu langfristigen Verschuldungen führt(86).

Die Ehe stellt in Guinea einen der höchsten Werte in der Gesellschaft dar. Der eheliche Bund ist die Grundvoraussetzung für einen anerkannten gesellschaftlichen Status. Die traditionellen Rollen von Mann und Frau sind dabei eindeutig festgelegt. Die Frau hat sich der Reproduktionsrolle zu fügen und ist für die Erziehung und Gesundheit der Kinder sowie für den Haushalt verantwortlich. Der Mann stellt das Oberhaupt

der Familie dar und muß für den Unterhalt sorgen. Die patrilineare Struktur der guineischen Gesellschaft spiegelt sich auch im Heiratsverhalten wieder. Während das Durchschnittsalter der Frau bei der Heirat bei 17 Jahren liegt(87), verheiraten sich die Männer erst mit durchschnittlich 28 Jahren (UNICEF 1990, S. 139).

Im Alter von 35 Jahren sind nahezu alle Frauen verheiratet, während 25% der Männer in diesem Alter noch ledig sind (RG 1992d, S. 38). Gleichzeitig steigt die Zahl der Verwitwungen bei den Frauen ab diesem Alter deutlich an. Dies hat zwei Gründe. Einerseits ist die Lebenserwartung bei den Männern niedriger als bei den Frauen. Dieses Risiko wird durch die Tatsache, daß Männer bei der Heirat durchschnittlich um ein Jahrzehnt älter sind als die Frauen, weiter akzentuiert. Zum anderen leben die Männer häufig in Polygamie mit bis zu vier Ehefrauen. Stirbt einer der Ehefrauen, ist der Mann noch kein Witwer, solange er noch andere Frauen hat (EBENDA, S. 40).

Etwa 94,4% aller guineischen Männer im heiratsfähigen Alter sind im Ehestand, bei den Frauen sind es sogar 96,7%. Der Rest bleibt aus verschiedenen religiösen, sozialen und ökonomischen Gründen für immer ledig. Besonders in Waldguinea, wo der Einfluß des Islam weniger stark ist, finden sich in einigen animistischen Glaubensformen strenge Zölibatsregeln für Teile der männlichen Bevölkerung, die den Anteil der Ledigen auf über 10% steigen lassen. Die Scheidungsrate indes ist sehr gering und liegt im Landesdurchschnitt bei etwa 1% (RG 1992d, S. 42).



4.4.2.4 Ethnische Gruppen und interethnische Beziehungen

Die Geschichte der Menschen in Guinea ist geprägt vom Multiethnizismus, dessen Struktur sich im Verlauf der Siedlungsperioden der verschiedenen Völker immer mehr an dienaturräumliche Differenzierung anglich. Nieder-, Mittel- und Oberguinea werden jeweils von den drei größten Volksstämmen und ihren Unterstämmen dominiert (s. Karte 18: Die guineischen Völker und ihr Lebensraum). So ist der Küstenraum (Niederguinea) das Reich der Soussou. Als seßhafte Bauern und Fischer hatten sie als erste Kontakt zu Europäern und entwickelten über Jahrhunderte hinweg wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen zur nördlichen Welt.

Das gewaltige Bergmassiv des Fouta Djallon (Mittelguinea) wurde zum Refugium der Peulh. Als introvertiertes, sehr ernst ihren Traditionen folgendes Volk von inzwischen weitgehend seßhaften Viehzüchtern leben sie in enger Beziehung mit ihren ethnischen Brüdern aus den benachbarten Ländern Senegal und Mali, grenzen sich aber ansonsten gegen andere Volksgruppen ab.

Die weiten Ebenen des Nigers und seiner Zuflüsse sind der Lebensraum der Malinké, einem Mandingue-Volk. Ihr Dasein ist geprägt vom Rhythmus der Jahreszeiten und der damit verbundenen Wasserzyklen: Die Regenzeit (Juli bis Oktober) ist die Zeit der Erneuerung, der Beginn des Anbauzyklus und der Arbeit auf den Feldern. Die Trockenzeit dagegen (Dezember bis Juni) ist die Zeit der großen Reisen, der Kontakte, des Handels ohne Grenzen.

In Waldguinea dagegen haben sich im wesentlichen 3 Volksgruppen an die dort unwirtliche Natur angepaßt und leben mit ihr in Einklang. Die den Nordwesten Waldguineas besiedelnden Kissi konzentrieren sich auf die Städte Kissidougou und Guéckédou und beherrschen den Grenzbereich zu Sierra Leone und Liberia. Die Toma und Guerzé sind Bauernvölker, die, zusammen mit einigen kleineren Stämmen, im Süden des Naturraums leben. Es sind vor allem die waldguineischen Völker, die einen Großteil der vor dem liberianischen Bürgerkrieg geflüchteten Menschen aufgenommen haben.

Einige der Völker sind unter mehreren Namen bekannt. So werden beispielsweise die im Fouta Djallon lebenden Peulh als

- Foulani (Englisch),

- Fulbé (Sing. Pullo, Eigenname),

- Foulah, Poular (Umgangssprache) bezeichnet.

Neben einigen markanten physiognomischen Merkmalen im körperlichen Erscheinungsbild wie die Körpergröße und -gestalt ist es vor allem die Sprache, die die einzelnen Volksgruppen voneinander unterscheidet. In den meisten Fällen hat jede Volksgruppe ihre eigene Sprache, dessen Name ihrem eigenen gleicht. In Waldguinea leben zahlreiche ethnische Gruppen und kleinere Stämme mit gemeinsamen Traditionen und kulturellen Lebensweisen, doch ihre Sprachen haben keinerlei Ähnlichkeit miteinander. Andererseits wird der Fouta Djallon neben den Peulh noch von weiteren, kleineren Stämmen mit sehr unterschiedlichen kulturellen Riten und Merkmalen besiedelt, doch ihre Sprache ist gleich.

Die Völker im einzelnen:

Niederguinea

Die Soussou: Ihre Sprache ist fast nicht zu unterscheiden von jener der Dialonké Mittelguineas. Dies läßt die Vermutung zu, daß die Soussou und die Dialonké einst derselben den Fouta Djallon bevölkernden Gruppe angehörten, dann aber durch die Peulh-Eroberer an die Küste gedrängt wurden. Die Soussou sind überwiegend Bauern und Händler, besitzen aber derzeit eine kleine Vorherrschaft, da der Präsident der Republik und große Teile seiner Ministerriege dieser Ethnie angehören. Sie beherrschen den Handel zwischen der Küste und dem Hinterland, insbesondere auf den bedeutenden Handelswegen von der Hauptstadt bis an die Grenzen des Fouta Djallon. Im Laufe ihrer Siedlungszeit haben die Soussou zahlreiche kleinere Volksstämme entlang der Küste assimiliert. Der Angleichungsprozeß erfolgte durch eine allmähliche Veränderung der bestehenden traditionellen und sozialen Lebensweisen und Ordnungsstrukturen der Stämme. So mußte sich die ehemals matrilineare Sozialstruktur der Landouma der patrilinearen Ordnung der Soussou unterwerfen, und das Landbesitzsystem der nördlich von Kamsar und Boké lebenden Nalou wurde jenem der Soussou angepaßt.

Die Baga: Diese größte der Minderheitengruppen in Niederguinea lebt verstreut entlang der gesamten Küste zwischen Conakry und der Mündung des Rio Nunez. Ihre Herkunft ist weitgehend unbekannt, doch Volksweisen besagen, daß sie einst aus dem westlichen Teil des Fouta Djallon erst durch die Dialonké, dann durch die Peulh vertrieben worden sind. Die meist als Reisbauern lebenden Baga sind stark assimilationsgefährdet durch die Soussou-Kultur.

Die Nalou: Die Nalou leben im nördlichen Teil Niederguineas in den Mündungsgebieten des Rio Nunez und des Kogon sowie auf den Tristao-Inseln Guinea-Bissaus. Wie die Baga hatten sie ihren Ursprung einst im Fouta Djallon. Als Handwerker haben sie sich besonders in der Schmiedekunst einen Namen gemacht. Einige Vertreter dieser Berufsgattung sind im Fouta Djallon verblieben und werden heute als Ahnen der heutigen Schmiedekaste der Peulh-Gesellschaft angesehen.

Die Landouma, Tyapi und Mikhiforé: Die Landouma sind eng verwandt mit den Baga und sprechen einen Dialekt derselben Sprache. Sie leben allerdings nicht an der Küste, sondern im Landesinneren entlang den Flüssen Rio Nunez und Fatala. Ihr Zentrum ist die Stadt Boké.

Einige Dorfgemeinden in der Region um Gaoual gehören zum Stamm der Tyapi. Selbst nennen sie sich Cocoli und gehören zu den am wenigsten erforschten Gruppen Guineas. Sie sprechen die Sprache der Landouma und betrachten sich als ihnen zugehörig. Portugiesische Forschungsreisende erwähnten einst, daß diese Gruppe schon seit dem 15. Jahrhundert in der Region Guinea-Bissau existierte (NELSON et al. 1975, S. 65). Nach ihrer eigenen Tradition stammen sie ebenfalls aus dem Fouta.

In der Region zwischen den Landouma und den Baga leben die Mikhiforé. Ihre Sprache ist eine Abart der Mandé- (Maninka) Sprache, wie sie von den Malinké Oberguineas gesprochen wird.

MITTELGUINEA

Die Peulh: Sie gehören zu einer in ganz Westafrika vom Senegal bis zum Tschad verbreiteten Ethnie. Ihre Sprache, das Poular, wird von ca. 7 Mio. Menschen gesprochen. Mehr als 80% der guineischen Peulh leben im Fouta Djallon Mittelguineas. Die wichtigsten Agglomerationszentren sind Pita, Labé, Dalaba und Mamou. Außerhalb der guineischen Grenzen leben die Peulh vor allem im Bergland des Fouta Toro (Senegal), in der Region von Macina (Mali) und im Hochland von Adamaoua (Nigeria, Kamerun). Jede dieser Gruppen spricht einen eigenständigen, jedoch untereinander verständlichen Dialekt. Eine arabische Schriftvorlage diente zur Entwicklung einer eigenen, überwiegend religiösen Literatur,. So wurde der Koran Wort für Wort ins Poular des Fouta Djallon übersetzt.

Ihr Ursprung ist bis heute nicht ganz geklärt, jedoch wanderten ihre nomadischen Vorfahren aus dem Gebiet nördlich des Senegal ein. Die Peulh besiedelten den Fouta Djallon etwa im Laufe des 16. Jahrhunderts und lebten mit den wenigen Bauern und Jägern der Soussou und Dialonké zusammen. Als Viehzüchter entwickelten sie bald eine symbiotische Beziehung zu den beiden Völkern, die zum Vorteil beider Seiten war: die Peulh lieferten Milch- und Fleischprodukte im Austausch gegen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Bauern. Umgekehrt hüteten die Peulh auch die Tiere der Bauern. Dafür erhielten sie Zugang zu ihren Feldern und durften ihre Herden nach der jährlichen Ernte dort weiden lassen. Dies wiederum sorgte für eine gute Düngung des Bodens. Langsam begannen die Peulh in diesem Gebiet als Viehzüchter und auch teilweise selbst als Bauern seßhaft zu werden.

Im 18. Jahrhundert entbrannte im benachbarten Fouta Toro des Senegal ein heiliger islamischer Krieg. Zahlreiche Menschen flüchteten in den Fouta Djallon, der eine ungeahnte Einwanderungswelle erfuhr. Unter dem steigenden Bevölkerungsdruck kam es zu Konfrontationen mit den anderen Völkern. Nach einer langen Zeit von Bündnissen, Querelen und Auseinandersetzungen brachten die Peulh den Fouta Djallon schließlich völlig unter ihre Kontrolle. Viele der ehemaligen Bewohner, die den Fouta nicht rechtzeitig verließen, wurden versklavt. In diese Zeit fällt auch die allgemeine Konvertierung des Fouta zum Islam.

Obwohl die meisten Peulh sich als Moslems bezeichnen, unterscheiden sich viele in der Ausübung ihrer religiösen Praktiken recht wenig von ihren nicht-moslemischen Nachbarn. Nach einer islamischen Legende stammen die Peulh von vier Söhnen des Omar ibn Assi ab. Er war der erste, der den Islam in die Macina-Region brachte, dem heutigen Mali. Jeder Sohn wird als der Begründer einer der 4 großen Stämme der Peulh betrachtet: die Dialloubé, die Ourebé, die Ndayébé und die Férobé. Historisch prominente Familiennamen wie Diallo, Bah, Baldé, Barry, Ndiaye und Sow sind noch geläufig, jedoch ohne Bedeutung (NELSON et al. 1975, S. 67).

Im Laufe der Siedlungsperiode im 16./17. Jahrhundert und der Etablierung des Islams als Volksglaube entwickelte sich eine soziale Hierarchie im Volke der Peulh mit einem erblichen Adel an der Spitze und einem ebenso erblichen Sklaventum am Ende. Noch heute, nach mehr als 2 Jahrhunderten, sind Spuren der traditionellen, über Generationen überlieferten Abhängigkeitsstrukturen zu finden. Das Bewußtsein einer Feudalvergangenheit mit ihren Klassen und Kasten ist manchmal bis jetzt noch ein Hindernis für die tatsächliche politische und soziale Integration der Peulh, Dialonké, Malinké und anderen Bewohnern des Fouta Djallon (NELSON et al. 1975, S. 67).

Die Dialonké: Die Dialonké (auch Djallonké, Dyalonki, Jallonké) besiedelten einst den südlichen und zentralen Teil des Fouta Djallon, dem sie ihren Namen gaben. Während des heiligen islamischen Krieges, der um 1727 begann, wurden die meisten von ihnen von den Peulh versklavt. Die, die den Islam akzeptierten, blieben frei und erhielten ihr Land und ihren Besitz. Viele von ihnen wichen nach dem Kriege in den Süden aus, um sich am Fuße des Fouta-Massivs niederzulassen. Andere flohen in den Osten, um mit den Malinké in Oberguinea zu leben. Ihre Hauptaktivität ist der Gemüseanbau, doch auch Viehzucht und Handel werden betrieben. Bekannt ist ihre Eisenschmiedekunst, Töpferei und Gesangskunst.

Die Diakhanké: Die Diakhanké leben in einer Enklave nahe der Stadt Gaoual. Ihre Vorfahren kamen im späten 17. Jahrhundert aus Mali und gehörten wahrscheinlich zu den Soninké, jenem Volk, das den Hauptteil der Bevölkerung des Königreiches von Ghana stellte. Als hoch gelehrte und tief religiöse Menschen wurden sie von den Peulh respektiert, ihre Gelehrtendienste waren hoch geschätzt.

Ihre religiöse Sklavenhaltergesellschaft zerbrach jedoch, als die französische Kolonialregierung 1905 mit einem allgemeinen Sklavenverbot die Sklaven, die auf ihren Feldern arbeiteten, befreite. Fortan waren die Diakhanké gezwungen, selbst ihre Felder zu bestellen und konnten dem Studium und der Lehre des Korans, ihrer bis dahin wichtigsten Einnahmequelle, weniger Zeit widmen.

Die Tenda: Das Volk der Tenda umfaßt die Unterstämme der Coniagui, Bassari, Badyaranké, Boeni und Mayo. Kulturelle Merkmale, die sowohl bei den Peulh als auch bei den Malinké Oberguineas wiederzufinden sind, deuten darauf hin, daß sie zu den Ursprungsbewohnern des Fouta Djallon gehören. Sie waren ursprünglich über weite Teile Mittelguineas verstreut, jedoch im Laufe der Zeit von den Peulh und anderen Völkern und Stämmen immer weiter in die nordwestlichen Ebenen des Fouta Djallon zurückgedrängt, wo sie heute leben.

OBERGUINEA

Die Malinké: Das Volk der Malinké ist das dritte der großen Manding- (Mandingue) Völker(88), dessen Vorfahren einst im großen Königreich von Mali vereint waren, das sich im Lande Mandé oder Mandin am oberen Niger zwischen Bamako und Siguiri befand.

Der überwiegende Teil der Malinké lebt in Oberguinea. Er konzentriert sich auf die drei Hauptregionen Kankan, Siguiri und Kouroussa. Alte, aus der Zeit des Malireiches stammende Klan-Namen wie Keita, Camara, Traoré und Kourouma sind immer noch vorherrschend. Die Malinké blicken auf eine lange Tradition als Händler zurück. Ihrer Anpassungsfähigkeit und starken sozialen Struktur verdanken sie ihre hegemoniale Stellung in der Nigerebene. Schwächere ethnische Gruppen, die in ihrem Umfeld leben, laufen Gefahr, assimiliert zu werden. Gefährdet ist vor allem das nördliche Waldguinea, wo die Sprache der Malinké schon in vielen Teilen die Verkehrssprache geworden ist.

Die Ouassoulounké: Dieses Volk lebt östlich von Kankan an beiden Seiten der Grenze zu Mali. Obwohl sie kulturell und linguistisch mit den Malinké zu vergleichen sind, sehen sie sich als separate Gruppe an. Die Ouassoulonké (auch Wasulunka) stammen von den Peulh ab, die von Samory Touré, dem letzten großen Herrscher der Malinké, Ende des letzten Jahrhunderts erobert wurden. Nach dem Niedergang Tourés bauten die Ouassoulonké zur Jahrhundertwende ein kleines Fürstentum auf und bewahrten sich bis jetzt ihre Eigenständigkeit. Doch noch heute sind immer noch peulhstämmige Namen wie Diallo, Sidibé und Sangaré geläufig.

WALDGUINEA

Die Kissi: Im 17. Jahrhundert wurden die Kissi von den Dialonké aus dem südöstlichen Teil des Fouta Djallon vertrieben. Ursprünglich waren sie Foniobauern, die mit weiträumigen Entwaldungstechniken Anbaufläche schafften. Im 18. Jahrhundert übernahmen sie von den Malinké die Reisanbautechniken. Als in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts asiatische Reisvarietäten aus Sierra Leone eingeführt wurden, gingen die Kissi vollständig zum Reisanbau über. Sie pflanzten ihn in den sumpfigen Tälern oder entwaldeten Hängen der Berge und Hügel an und wurden bald als Reisexperten im ganzen Land berühmt. Die Malinké nannten sie die "Menschen der Reisfelder" (NELSON et al. 1975, S. 70).

Die jüngere Generation der Kissi zeigt einen hohen Grad an Mobilität. Auf der Suche nach Ausbildung und Beschäftigung zieht sie in die Stadt, auf Plantagen und in Unternehmen. Doch die jungen Menschen bleiben stets sehr eng mit ihrem Heimatdorf verbunden und kehren immer wieder zurück. Kulturell und linguistisch sind sie mit den Mmani Niederguineas verwandt, sind jedoch zunehmend dem starken Einfluß der Malinké ausgesetzt.

Die Toma: Die Toma, die sich selbst häufig Loma nennen, waren wahrscheinlich zusammen mit den Kono und Manon die ersten Bewohner Waldguineas. Sie leben heute hauptsächlich im Bezirk Macenta und in Liberia, wo sie als Basi oder Buzi bekannt sind.

Die Guerzé: Die Guerzé (auch Nguerzé, Ngere) leben im südlichen Waldguinea in der Präfektur N'zérékoré und jenseits der Grenze in Liberia, wo man sie unter dem Namen Kpelle (Pele) kennt. Ihre Hauptaktivitäten liegen im Anbau von Kaffee, Kakao, Reis, Kautschuk und Wurzelgemüsen sowie im Sammeln und Jagen.

Interethnische Beziehungen

Die Jahre vor der Unabhängigkeit waren durch Kämpfe und Rivalitäten zwischen politischen Gruppen gekennzeichnet, die hauptsächlich auf ethnische und regionale Zusammenhalte basierten. Während der Kolonialzeit stärkte die französische Verwaltung ihre Position, indem sie die ethnischen Spannungen ausnutzte und beispielsweise die Opposition

zwischen den Peulh-Herrschern und den Dialonké-Sklaven schürte oder die Konkurrenz zwischen den Nalou und den Landouma förderte. Auch die bewußte Bevorteilung einiger Stämme veränderte das Gleichgewicht der Völker und verstärkte ethnische Separationsprozesse.

Im Jahre 1947 schließlich begann mit der Gründung des guineischen Arms der ADR/RDA (siehe Kap. 3.1.2), der nationale Einheitsprozeß, bis Sékou Touré das Mosaik der guineischen Völker 1958 mit der Erklärung der Unabhängigkeit vollends unter sich vereinen konnte. Seitdem versuchte die Regierung dann, alle politischen und sozialen Implikationen, die von ethnischen Konflikten herrührten, zu unterbinden. Die Aussage Sékou Tourés, es gäbe nur noch Guineer, die sich nur in ihrem revolutionären Eifer unterscheiden könnten, faßte langsam Fuß. Dennoch existieren bis heute ethnische Spannungen, dessen starke Wurzeln im Boden der Geschichte von Eroberung, Bedrohung, Unterwerfung und Ausbeutung zwischen den Völkern nicht gekappt werden konnten. Nicht alle Coniagui, Bassari und Badyaranké haben beispielsweise vergessen, daß ihre Vorfahren während des 19. Jahrhunderts durch die Peulh von ihrem Land vertrieben wurden und Tribut an sie entrichten mußten.

Andererseits führten bestimmte ökonomische Entwicklungen zu einer teilweisen Verminderung der ethnischen Barrieren. Die Eröffnung der Minen und ihr Ausbau sowie die Bananenplantagen in Niederguinea (Mitte 1930) zogen viele Menschen unterschiedlicher Herkunft an, die fortan auf engstem Raum zusammenlebten. Nach dem 2. Weltkrieg stiegen die Peulh vom Fouta Djallon in die Nigerebene hinab, um unter den Malinké als Viehzüchter, Schlachter und Schneider ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ebenso strömten sie nach Niederguinea, um als Kurzwarenverkäufer, fliegende Händler und Hausangestellte zu arbeiten.

Im Laufe der Zeit überwanden oft die Interessen einer entstandenen Bourgeoisie aus Lehrern, Ärzten, Verwaltungsangestellten und Unternehmern die ethnischen Bindungen. Der Grundsatz der PDG über die Gleichheit aller Rassen sprach zuerst die Intellektuellen dieser Gruppe an. Diese Politik war besonders in Niederguinea erfolgreich, da hier die marktwirtschaftlichen Gesetze Fuß gefaßt hatten und traditionelle Gesellschaften weniger dominant waren als in Mittel- und Oberguinea. Die Malinké-Bauern Oberguineas traten der PDG 1954 bei. In den Folgejahren kamen die Kissi, Toma, Guerzé, Manon und Kono Waldguineas dazu, als die PDG nämlich begann, jene ihrer Stammesführer zu diskreditieren, die während der Kolonialzeit mit der französischen Verwaltung zu ihren eigenen Gunsten und zuungunsten des Volkes kollaboriert hatten. Die Peulh kamen erst 1957 dazu.

Nach der Unabhängigkeit war die Integration aller ethnischer Gruppen erklärtes Ziel der Regierung. Allen wurden gleiche Chancen im politischen, ökonomischen und sozialen Leben versprochen. Auf dem Papier entstand eine nationale Einheitspolitik, die keine Rücksicht auf ethnische Abhängigkeiten und Tendenzen mehr nehmen wollte.

Die Realität sah jedoch anders aus. Mehr als 80% der Guineer lebten auf dem Lande. Ihre Isolation behinderte jegliche Versuche zur Vertiefung der ethnischen Verbrüderung. Die Zeit der ökonomischen Stagnation trieb darüber hinaus die Mehrheit der Bauern von der exportorientierten Produktion zurück zur Subsistenzwirtschaft, ihre sozialen Bindungen wieder auf ihre lokale Gemeinschaft beschränkend. Für den armen Bauern war seine Fami-

lie und sein Stamm die Hauptgarantie gegen den ökonomischen Zusammenbruch. Dieser Zustand dauert bis heute an.

Die urbane Bevölkerung sucht ebenfalls Schutz in Kreisen gleicher ethnischer Zugehörigkeit. In den großen Städten wie Conakry und Kindia haben sich ganze Stadtviertel gebildet, in denen Menschen einer bestimmten Volksgruppe leben. So wird in Conakry das Viertel Dixinn-Ecole von den Peulh beherrscht; im direkt angrenzenden Viertel Dixinn-Port dominieren die Soussou. Auch charakteristische Selbsteinschätzungen führen zu deutlichen Abgrenzungsmerkmalen, die nicht selten zur Konfliktentwicklung beitragen:

Ethnie Einschätzung
Peulh aristokratischer als andere
Soussou besser erzogen als andere
Malinké besitzen einen besseren Geschäftssinn als andere und sind deshalb wohlhabender
Stämme der Waldregion arbeiten härter als andere


Ein anderer Faktor, der gegen einen überethnischen nationalen Einheitsgedanken arbeitet, ergibt sich aus den ethnischen Zugehörigkeiten und kulturellen Verbindungen der guineischen Völker zu anderen Völkern über die Landesgrenzen hinaus:

Ethnie Überregionale Verbindung
Coniagui und Bassari Senegal/Guinea-Bissau
Kouranko und Kissi Sierra Leone
Guerzé und Toma Liberia
Peulh Mali/Senegal
Malinké Mali/Senegal/Côte d'Ivoire


Obgleich einerseits das kulturelle Bewußtsein der Völker nicht verlorengehen darf, bleibt ein Übermaß an ethnischer Loyalität bis hin zu einem radikalen Ethnizismus ein latentes und ernstzunehmendes Risiko für die nationale Einheit Guineas.



4.4.3 Interregionale und intraregionale Migration

Obwohl die migrationsbezogene Datenlage in Guinea problematisch ist, lassen sich grundsätzliche inter- und intraregionale Migrationstendenzen bestimmen und teilweise quantifizieren. Als interregionale Migrationen werden Wanderungsbewegungen bezeichnet, die in den meisten Fällen mindestens zwischen den Präfekturen geschehen. Die intraregionale Migration umfaßt die intraruralen (Wanderungen im ländlichen Siedlungsraum, hier auch über die Präfekturgrenzen hinaus), die rural-urbanen (Landflucht) und die interurbanen Bevölkerungsbewegungen (Wanderungen zwischen Städten gleicher oder ungleicher Zentralitätsstufe).

INTERREGIONALE MIGRATION

Etwa 15% der Bevölkerung Guineas leben ständig außerhalb der Präfektur, in der sie geboren sind. Die größten Wanderungsbewegungen hat Niederguinea zu verzeichnen. 28%

der Bevölkerung dieses Naturraumes sind nicht in seinen Präfekturen geboren, und mit mehr als 18% ist die durchschnittliche Abwanderungsrate höher als in den anderen Naturräumen. Dennoch ist Niederguinea mit einer positiven Wanderungsbilanz von nahezu 10% der bedeutendste Zuwanderungsraum des Landes. Die wichtigsten Agglomerationszentren sind die Hauptstadt Conakry, das Handelszentrum Kindia und der bergbauindustrielle Standort Fria (s. Karte 19: Migration).

Mittel- und Oberguinea weisen dagegen eine negative Wanderungsbilanz auf. Der in fast allen Präfekturen zu beobachtende allgemeine Abwanderungstrend fällt besonders deutlich in den an den Hauptverkehrsadern des Landes gelegenen Präfekturen auf (Dalaba, Labé, Mamou, Dabola, Kankan, Kouroussa)(Tabelle 6). Präfekturen mit Wirtschaftsfunktionen und -strukturen von landesweiter Bedeutung wie Koundara (Viehwirtschaft), Kérouané und Mandiana (Gold und Diamanten) haben Wanderungsgewinne zu verzeichnen.

In Waldguinea fällt der Wande-rungssaldo minimal aus. Zu- und Abwanderungen halten sich mit je 12% die Waage. Die interpräfektoralen Migrationsbewegungen (s. Karte 19, weiße Pfeile) weisen in den meisten Fällen eine kurze Wanderungsdistanz auf. Lediglich die nördlichste Präfektur Waldguineas, Kérouané, besitzt aufgrund seiner Gold- und Diamantvorkommen eine über die durchschnittliche Wanderungsentfernung hinausgehende Anziehungskraft.

Mittelguinea hat kaum interpräfektorale Wanderungen zu verzeichnen. Aufgrund der starken Verarmung der Böden und dem damit verbundenen Rückgang agrarwirtschaftlicher Aktivitäten äußern sie sich zumeist als Fortzüge.

INTRAREGIONALE MIGRATION

Die Landflucht in Guinea hat seit langen bedeutende Ausmaße angenommen. Etwa 70% aller Wanderungsbewegungen führen aus den ländlichen Gebieten in die urbanen Zentren (RG 1992d, S. 131ff). Conakry stellt dabei das Immigrationszentrum für 67,5% der gesamten rural-urbanen Wanderungsbewegungen dar. Schon 1983 betrug der Anteil der Landeshauptstadt von aus anderen Präfekturen stammenden Zuwanderern 49% (EBENDA). Diese kommen zum überwiegenden Teil aus den ländlichen Regionen der niederguineischen Nachbarpräfekturen, doch auch die mittelguineischen Abwanderungsgebiete um die Städte Labé und Pita sowie die handels- und verkehrstechnisch affinen Präfekturen Kissidougou und Kankan zollen dem Magnet Conakry mit erheblichen Fortzügen Tribut.

Saisonal bedingte Arbeitermigrationen, hauptsächlich in Mittel- und Oberguinea vorkommend, werden durch verschiedene religiöse, traditionelle und sozioökonomische Einflußfaktoren gesteuert. Die Abwanderungen aus den ländlichen Regionen des agrarwirtschaftlich degradierten und mit unzureichenden Beschäftigungsmöglichkeiten ausgestatteten Fouta Djallon in die größeren Städte sind in erster Linie auf sozioökonomische Gründe zurückzuführen. Nicht selten jedoch finden regelmäßige Remigrationen statt, die ihre Ursache im Traditionsbewußtsein oder dem religiösen und familien- oder stammes-spezifischen Zugehörigkeitsgefühl zur Ursprungsregion haben.

Der überwiegende Teil der Schürfer auf den Gold- und Diamantfeldern Siguiris und Kérouanés (Oberguinea) sind saisonal arbeitende Bauern. In den Brachzeiten des landwirtschaftlichen Anbaukalenders wandern sie für einen oder mehrere Monate von ihren Dörfern in die Bergbauzonen ab, um mit der Gold- und Diamantschürferei ihren Lebensunterhalt für den größten Teil des Jahres zu erwirtschaften.

Eine interurbane Migration findet oftmals zwischen den sich auf den nationalen Haupthandelsachsen befindlichen Marktstädten mit gleicher Zentralitätsstufe wie Labé, Mamou, Kindia, Kankan und N'Zérékoré und den Verkehrsknotenpunkten und Absatzmärkten untergeordneter Zentralitätsstufe wie Pita, Dalaba, Dabola, Kissidougou und Macenta statt.



4.4.4 Eine Bevölkerungsprognose

Nach den Schätzungen der Vereinten Nationen und der Weltbank wird die Wachstumsrate der guineische Bevölkerung bis zur Jahrtausendwende ihren höchsten Wert von 2,9 - 3,0% erreicht haben, um daraufhin bis zum Jahre 2025 auf ein Durchschnittsniveau von etwa 2,4 - 2,5% abzusinken.

Guineas Bevölkerung wächst schnell, ohne daß das Land weder im wirtschaftlichen Bereich (Schaffung von Arbeitsplätzen und Rahmenbedingungen für Investitionen in Produktion, Handel und Dienstleistung), noch auf dem sozialen Sektor (Gesundheits- und Bildungswesen) und im infrastrukturellen Aufbau (Verkehr, Transport, Wohnungsbau, Energieversorgung, Wasserver- und entsorgung, Kommunikation) den Ansprüchen des Wachstums entsprechen kann. Auf dem Gesundheitssektor und im Bildungsbereich kann in weiten Teilen des Landes noch nicht einmal eine angemessene Basisversorgung gewährleistet werden.

Anstrengungen, das Bevölkerungswachstum zu verringern, beschränken sich derzeit auf Aufklärungskampagnen und Versuche, den Menschen die Familienplanung nahezubringen. Noch immer werden die verschiedenartigen Aktionsfelder und Ziele von Regierung und Entwicklungshilfeorganisationen im Rahmen der angewandten wirtschaftlichen, sozialen und menschlichen Entwicklungsstrategien nicht ausreichend und konsequent genug auf die Problematik des Bevölkerungswachstums abgestimmt. Nur ein kohärentes und interaktives Vorgehen kann verhindern, daß Fortschritte in der Armutsbekämpfung, der Familienplanung und im Bildungswesen durch Arbeitsmarktstagnation, Ressourcenschädigung und -vernichtung sowie ökonomische Destabilisierung gefährdet oder neutralisiert werden.

Das Ergebnis der jüngsten Volkszählung von 1996 (RG 1997a), die eine Wachstumsrate von 2,9% seit der Erhebung von 1983 (RG 1992d) indiziert, läßt hingegen hoffen, daß der Höhepunkt des Wachstums erreicht ist. Dies wird auch dadurch bekräftigt, daß im selben Zeitraum die Geburtenziffer leicht sank, während gleichzeitig eine ebenfalls rückläufige Sterbeziffer, eine Verminderung der Säuglingssterblichkeit und eine Erhöhung der Lebenserwartung die Wachstumsrate dennoch nicht über die 3%-Grenze trieben. Dennoch wird die Wachstumsrate noch mindestens ein Jahrzehnt empfindlich hoch sein, was wiederum eine beständige Mindestwachstumsrate der guineischen Volkswirtschaft voraussetzt, um überhaupt eine Basis für eine stabile Weiterentwicklung des Landes zu besitzen.



4.5 Die Verwaltungsstruktur - Resultate und Effekte von Reform und Dezentralisierung

Lange Zeit war die Verwaltungsstruktur des Landes kongruent zu seiner naturräumlichen Gliederung. Die vier Verwaltungsräume Nieder-, Mittel-, Ober- und Waldguinea wurden bis Ende 1991 durch je einen delegierten Minister repräsentiert, zumeist ein hoher Militär aus dem damaligen CMRN. Ab 1992 wurden aus diesen Verwaltungsräumen Gouvernorate, denen dann jeweils ein Gouverneur vorstand, der nunmehr keinen Kabinettsrang mehr

hatte. Mitte 1994 kam es dann zu einer Neuordnung der Verwaltungsstruktur, die sich nunmehr in 7 Gouvernorate mit 33 Präfekturen unterteilt. Die Hauptstadt Conakry, das achte Gouvernorat, besitzt mit einer Unterteilung in 5 Stadtgemeinden einen Sonderstatus.

Die Neuaufteilung verringerte die Verwaltungsfläche erheblich und vereinfachte somit die territoriale Verwaltung. Auf der anderen Seite bewirkte sie eine deutliche Entpolitisierung der auf der Ethnienverteilung beruhenden politischen Parteienlandschaft. So wurde beispielsweise das verwaltungstechnisch ehemals einheitliche Mittelguinea (Fouta Djallon) in die Gouvernorate Labé und Mamou unterteilt. Niederguinea und Waldguinea erfuhren ebenfalls eine ähnliche Unterteilung. Lediglich der bevölkerungsärmste Naturraum Oberguinea behielt nahezu seine vormaligen Verwaltungsgrenzen bei.

Erste Pläne zu dieser Neuordnung existierten schon seit 1986, als ein Ministerium für die Verwaltungsreform und den öffentlichen Dienst ins Leben gerufen wurde, um die damaligen Reformen im Zuge der ersten Phase der strukturellen Anpassung institutionell zu leiten. Nach ihrer Umsetzung kam es daraufhin im Zuge der Regierungsumbildung von 1996 zur Schaffung eines Ministeriums für territoriale Verwaltung und Dezentralisierung. In einer erneuten Regierungsumbildung am Ende des Jahres 1997 wurde die Dezentralisierung dann schließlich an das Innenministerium angegliedert, die territoriale Verwaltung ging in der Dezentralisierung auf.

Die II. Republik begann ab 1988 mit dem Dezentralisierungsprozeß. In einer zweistufigen Entwicklung wurden bis 1991 303 "Gebietskörperschaften für ländliche Entwicklung" (Communautés rurales de développement CRD) auf der Ebene der Unterpräfekturen geschaffen. Die Verwaltungssitze der 33 Präfekturen erhielten den Status städtischer Gemeinden (Communautés urbaines), während Conakry mit 5 städtischen Kommunen einen Sonderstatus erhielt. Im selben Jahr fanden erstmals Kommunalwahlen statt. Die Wahl der Gemeinderäte erfolgte anhand von Direktwahllisten, während über die Zusammensetzung der Räte der CRD die Vorsteher der ländlichen Distrikte entschieden, die ihrerseits von der Bevölkerung bestimmt wurden. 1995 wurden erneut Kommunalwahlen durchgeführt, die diesmal jedoch eine stärkere Politisierung zeigten.

Die Dezentralisierung gilt auf formaler Ebene als abgeschlossen. Die Verwaltungsstrukturen wie auch die notwendigen Rechtsgrundlagen sind vorhanden. Die dezentralen staatlichen Strukturen entsprechen den ländlichen und städtischen Bürgerstrukturen, ein Dialog findet über die präfektoralen Entwicklungskommittees statt (Comité préféctoral de développement), das sich aus Mitgliedern beider Seiten zusammensetzt. Basierend auf diesen Strukturen fördern zahlreiche bi- und multilaterale Geber sowie einige internationale NRO den Dezentralisierungsprozeß.

In der Realität dagegen funktionieren nur sehr wenige Gebietskörperschaften zufriedenstellend, da sich die gewählten Vertreter ihrer Aufgaben, die sie erfüllen sollen, oft nicht bewußt genug sind, zuwenig Erfahrung besitzen und lokalpolitischen und traditionellen Einflüssen ausgesetzt sind, die die Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse erschweren. Die wichtigsten Probleme der Dezentralisierung sind:

Fortgeschrittenes Alter und hoher Analphabetenanteil bei den gewählten Vertretern;

Fehlendes Verständnis bzw. politische Entscheidungsmotivation/Opportunismus für Dezentralisierungsbelange auf Ebene der Präfekten und Unterpräfekten;

Mangelndes Sendungs- und Verantwortungsbewußtsein und partizipatorisches Verständnis der gewählten Vertreter für die öffentlichen Angelegenheiten;

Geringe bzw. fehlende finanzielle Autonomie der Gebietskörperschaften, da anteilige Steuereinnahmen nicht wieder zurückfließen, weil sie in der Zentralverwaltung oder auf der Präfekturebene hängenbleiben. Damit bestehen kaum Möglichkeiten, für eine abgemessene Ausstattung, Betrieb, Transport, Kommunikation, geschweige denn Investitionen aufzukommen;

Fehlende Kompetenz und Transparenz in der dezentralen Steuermobilisierung;

Unzureichende Qualifikationen in allen dezentralen Verwaltungsstrukturen in den Bereichen Kommunikation, Organisations- und Verwaltungsabläufe sowie in der städtischen und ländlichen Entwicklungsplanung;

Historisch begründete, gesellschaftlich verwurzelte und traditionell verankerte Denkweisen, die eine zügige und effiziente Umsetzung der Dezentralisierung behindern.

Im Rahmen des sich nach den ersten konstitutionellen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 1993 allmählich entwickelnden Demokratisierungsprozesses nimmt das Dezentralisierungsbewußtsein bei Staat und Bürger parallel dazu prozeßfördernd zu. Auf lokaler Ebene überfrachten jedoch vielfach traditionelle und ethnienspezifische Einflüsse den Schritt zur Entwicklung einer Gemeinwohlethik und zum eigenverantwortlichen Entscheidungsbewußtsein des einzelnen Bürgers. Formal zwar gut durchstrukturiert, erzielt die Dezentralisierung daher vor allem in der ländlichen Bevölkerung (70% der Gesamtbevölkerung) noch nicht die Herausbildung der notwendigen Eigenverantwortung, zum Ingangsetzen dezentraler sozioökonomischer Entwicklungsprozesse mit dem Effekt der Armutsminderung beizutragen.

Im Fahrwasser der Demokratisierungsbewegungen wird der Dezentralisierungsprozeß ebenfalls mehr und mehr durchgreifen und zu einem verstärkten eigenverantwortlichen Entwicklungsbewußtsein auf der Ebene der ländlichen Gebietskörperschaften und städtischen Gemeinden führen. Verschiedene Geber werden in den nächsten Jahren diese Entwicklung nicht nur in gesonderten Programmen unterstützen, sondern auch im Rahmen der zahlreichen ländlichen Entwicklungsprogramme verstärkt darauf eingehen. Die teilweise noch auftretende Inkohärenz im aktuellen Gesetzesrahmen wird in naher Zukunft ebenfalls abgebaut werden.

Größtes Problem bleibt der Mangel an Information, Aufklärung und Schulung der gewählten Vertreter der etwa 1400 Distrikte der 303 ländlichen Gebietskörperschaften sowie deren Grundversorgung mit Richtlinien, Kommunikations- und Organisationsabläufen, aber auch materiellen Basisgütern wie Arbeitsräume, Transport- und Kommunikationsmittel etc. Geberaktivitäten können nur einen geringen Teil des Gesamtbedarfs auffangen. Die eigenverantwortliche Mobilisierung von steuerlichen und gesellschaftlichen Ressourcen zur Verwendung auf die Planung und Durchführung von Kommunalinvestitionen sowie deren Kontrolle wird daher in Zukunft von großer Bedeutung sein.

5 Wirtschaftsgeographische strukturen und entwicklungen - formierung des staats- und wirtschaftsraumes

5.1 Die Abgrenzung und Konsolidierung des guineischen Wirtschaftsraumes in vorkoloniale Zeit

Erste wirtschaftliche Bedeutung erlangte der guineische Raum mit der Konsolidierung und Expansion des Ghana-Imperiums, das von den Berbern im 3. Jahrhundert n.Chr. errichtet worden war (VOSS 1968, S. 32). Seine wirtschaftliche Macht beruhte zum einen auf der Kontrolle des Transsaharahandels mit Gold und Sklaven, für die es im Austausch Salz, Gewürze und andere Waren erhielt, zum anderen auf den Goldminen von Bambouk (Region zwischen den Flüssen Falémé und Senegal im heutigen Mali) und Bouré (Goldfeld am Fluß Bakoy, nördlich von Siguiri). Am Ende des 8. Jahrhunderts n.Chr. übernahmen die Soninké(89) die Herrschaft und schufen ein außerordentlich gut organisiertes und militärisch gefürchtetes Reich.

Im Jahre 1076 unterwarfen die vom Reichtum des Goldes angelockten Almoraviden, eine militante Berbersekte, das Reich der Soninké, doch ihre Herrschaft währte nur kurz. Schon im Jahre 1087 wurde das Reich von den wiedererstarkten Soninké zurückerobert. Die politische Instabilität während der Zeit der Machtwechsel hatte jedoch zur Abspaltung einzelner Vasallenstaaten geführt. Unter ihnen befand sich auch der südlich des Reiches gelegene Soussou-Staat Kaniaga, dessen Herrscher Soumanguru Kanté (1200-1235) im Jahre 1203 das Reich unter Einnahme der Hauptstadt Ghana(90) unterwerfen konnte.

Ein kleiner Malinké-Teilstaat wuchs indes am oberen Niger, der wirtschaftsstrategisch wichtigen Kontrollposition für den Transsaharahandel, stetig heran und schickte sich an, im Jahre 1235 unter seinem Führer Soundjata Keita (1230-1255) das Ghana-Reich zu erobern und das Mandé-Königreich von Mali zu gründen. Dieses Reich, das sowohl in seiner Ausdehnung, als auch in seiner staatlichen Struktur eines der bemerkenswertesten der Völker Schwarzafrikas gewesen war(91), erreichte den Höhepunkt seiner Macht unter dem Herrscher Mansa Moussa, der von 1312 bis 1335 regierte.

In dieser Zeit reichten die westlichen Grenzen des Reiches bis an den Atlantik und bedeckten einen Großteil des Gebietes der heutigen Republik Guinea (s. Karte 20: Frühe westafrikanische Königreiche). Der Transsaharahandel wurde von der bisherigen Nord-Süd-Route auf die Timbouktou-Kairo-Verbindung umgelenkt, um sich den ägyptischen Handel zu erschließen. Zu den Goldvorkommen von Bambouk und Bouré kamen noch die Goldminen von Galam (am unteren Falémé) und die Kupferminen der Stadt Takkeda im Aïr hinzu, die zusammen die Grundlage des malischen Reichtums bildeten.

Im Zuge fortschreitender Abspaltungstendenzen der Vasallenstaaten lehnten sich die Songhai, ein am mittleren Niger lebender Staat, immer wieder gegen ihre Herren auf, bis

sie schließlich um 1450 die Stadt Niani, die mutmaßliche Hauptstadt des damaligen Mali-Reiches (LEWIN 1984, S. 30), plünderten und zerstörten. Um 1520 war das Reich der Songhai bis zur Errichtung Französisch-Westafrikas das größte vereinigte Staatengebilde westlich des Sudans.

Im 16. Jahrhundert begann der Zerfall des durch ständige Grenz- und Expansionskriege sowie Erbfolgefehden geschwächten Reiches. Der Kontakt mit den ersten europäischen Händlern verlegte den Gold- und Sklavenhandel schnell an die Atlantikküste (s. Karte 21: Handels- und Produktionsstrukturen in vorkolonialer Zeit). Das davon berührte Marokko griff daraufhin das Reich an, und im Jahre 1591 fiel das Reich Songhai den maurischen Truppen Marokkos in die Hände. Doch selbst die maurische Kontrolle konnte den Prozeß der politischen Desintegration nicht aufhalten.

Von diesem Zeitpunkt an konnte sich keine überregionale staatsbildende politische und wirtschaftliche Macht mehr bilden. Ein Bündel von Volksgruppen ließen sich schließlich im guineischen Raum nieder und lebten in mehr oder weniger friedlichen Koexistenz(92).

Die wichtigsten dieser Volksgruppen, die Malinké, die Peulh und die Soussou, bildeten in ihren scharf voneinander abgegrenzten Lebensräumen bald Gesellschaften mit staatsähnlicher Struktur. Während sich die Malinké am oberen Nigerbecken niederließen und somit die Goldminen nördlich von Siguiri und den nach Nordosten ausgerichteten Transsaharahandel beherrschten, kontrollierten die Soussou die Küstenregion. Indes erreichten große Migrationsströme der Peulh im 17. Jahrhundert den Fouta Djallon, der mit seinem fruchtbaren Gras- und Weideland dem bis dahin nomadisierenden Volk ideale Siedlungsvoraussetzungen bot. Sie flohen vermutlich vor Krieg und Anarchie aus dem Reich Massima südlich von Timbouktou (VOSS 1968, S. 37), und lebten zunächst mit den Dialonké, der Stammbevölkerung des Fouta, friedlich zusammen.

Mitgereiste islamische Gelehrte konvertierten die Peulh bis 1725 zu strengen Gläubigen, und schon bald wurde der "Djihad", der heilige Krieg zur Bekehrung und Niederwerfung von Ungläubigen ausgerufen. Unter dem militärischen Führer Ibrahima Sori erlangten die Peulh schließlich 1770 die vollständige Herrschaft über den Fouta Djallon und die umgebenden Gebiete. Er selbst nahm den Titel des "Almamy" (= al Imam) an(93). Timbo wurde die Hauptstadt des Peulh-Staates.

Die theokratische Staatsform dieses Reiches(94) basierte auf islamischen Regeln und ethischen Prinzipien, die gewährleisteten, daß sein Recht und seine Ordnung auf relativ effektive Art und Weise zur Anwendung kamen. Die Gesellschaft zeichnete sich durch ein hohes Maß an Arbeitsteilung, soziale Differenzierung und funktionierende staatliche Organisationsformen aus (VEIT 1978, S. 76). Ihre ökonomische Basis lag in der traditionell

vorherrschenden Viehwirtschaft, dem Ackerbau und dem Handwerk(95).

Die Überwachung des Fernhandels sowie ein Besteuerungssystem waren wichtige Kontrollfunktionen, während die in fast regelmäßigen Abständen organisierten Kriegszüge hauptsächlich zur Erbeutung von Sklaven, weniger zu Expansionszwecken durchgeführt wurden (HILLEBRAND/WEIMER 1988, S. 27). Eine besondere Bedeutung kam der Provinz Labé zu, dessen gleichnamige Hauptstadt sich zu dem wichtigsten ökonomischen Zentrum entwickelte. Nicht nur, daß sie einen Ausgangspunkt für den westlichen Teil des Transsaharahandels darstellte (hauptsächlich mit Marokko), die Stadt war zudem ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für den Handel mit den Gebieten des heutigen Senegal und Guinea-Bissau. Die Macht des Peulh-Staates reichte aus, um die Volksgruppen der Soussou und Baga an der Atlantikküste zu halten, und um auf östlicher Seite mit dem Malinké-Staat in einem gegenseitigen Respektverhältnis zu leben(96).



5.2 Wirtschaftspolitische Ziele während der Kolonialepoche

5.2.1 Die Zeit der kolonialen Penetration

Aus wirtschaftsgeographischer Sicht findet in Guinea die Einteilung von AMIN (1972, S. 505) der Geschichte der kolonialen Penetration Schwarzafrikas in vier Phasen seine Anwendung:

1. Ausgehend von einer prämerkantilen Phase, die mit der Errichtung portugiesischer Handelsstationen an der guineischen Küste Mitte des 14. Jahrhunderts begann und bis zum 16. Jahrhundert währte, hatten die traditionellen Handelsstrukturen, wie der Transsaharahandel, noch eine größere Bedeutung für die Wirtschaft des guineischen Raumes als die europäischen Handelsniederlassungen.

2. In der darauffolgenden merkantilen Phase (1600 - 1800) fand eine deutliche Verlagerung der ökonomischen Entwicklungsdeterminanten statt. Infolge der beginnenden Überlagerung, Ausnutzung und Zerstörung der traditionellen Handelsstrukturen und der Auswirkungen des transatlantischen Sklavenhandels durch die an Einfluß gewinnenden Europäer büßte der guineische Raum allmählich seine Autonomie ein und wurde zum Spielball europäischer Interessen (VEIT 1978, S. 79).

3. Das 19. Jahrhundert stand ganz im Zeichen der Entwicklung und Konsolidierung einer von den europäischen Handelshäusern(97) bestimmten Handelswirtschaft, die den guineischen Raum als Lieferant von Rohstoffen und Agrarprodukten nutzte.

4. Die Gründung der Kolonie Französisch-Guinea im Jahre 1891 vollendete schließlich den Prozeß der Integration in das internationale Wirtschaftssystem (EBENDA) als Rohstoffergänzungsraum für das Mutterland. Der Übergang beschränkte sich zunächst auf das Küstengebiet, doch die, wenn nötig auch militärische, Erschließung des Hinterlandes, durch die Kolonialverträge "legalisiert", erfolgte nun sehr rasch.

Die ersten europäischen Handelsniederlassungen zu Beginn des 15. Jahrhunderts trieben zunächst Handel mit Gold, Gewürzen, Waren und einheimischen Produkten mit den Küstenvölkern. Ab dem 16. Jahrhundert begannen die Franzosen und Briten, Sklaven für ihre westindischen Plantagen zu deportieren. Der Sklavenhandel entwickelte sich mehr und mehr zur dominierenden Handelsform und beeinträchtigte sowohl die traditionellen Nord-Süd-Handelsverbindungen als auch die allgemeine Produktionskraftentwicklung des Raumes infolge der Arbeitskraftverluste im Hinterland (EBENDA, S. 80). Obwohl die europäischen Großmächte unter britischer Führung den Sklavenhandel per Dekret im Jahre 1815 offiziell verdammten, wurde er noch das ganze 19. Jahrhundert hindurch fortgesetzt.

Am Anfang der Erschließung des guineischen Hinterlandes standen zahlreiche Reisen französischer Forscher (Mollien 1818, Caillié 1827, Hecquart 1850, Lambert 1860, Zweifel und Moustier 1879). Nachdem sich Frankreich 1891 mit der formellen Gründung der Kolonie Französisch-Guinea gegen portugiesische, britische und auch deutsche Interessen durchgesetzt hatte, begann die militärische Eroberung des Hinterlandes.



5.2.2 Die Entwicklung Guineas zum Rohstoffergänzungsraum unter der französischen Kolonialherrschaft

Die Kolonie Französisch-Guinea wurde in die Föderation französischer Westafrikagebiete (Afrique Occidentale Française AOF) eingegliedert (siehe Kap. 3.1.1). Die im Laufe des 19. Jahrhunderts begonnene Plantagenwirtschaft (Kaffee, Tee, Früchte) wurde weiter ausgebaut. Die ab 1870 eingeführte, für den Export bestimmte Sammelwirtschaft von Kautschuk führte bald zu einer Verdrängung traditioneller Anbaukulturen. Die dadurch hervorgerufene Minderung der Selbstversorgungakapazität verstärkte die Krisenanfälligkeit der immer mehr auf Mono- bzw. Exportkulturen ausgerichteten Ökonomie der Kolonie.

Die Exportproduktion Fran-zösisch-Guineas stieg bis 1913 auf das Dreifache des Wertes seit der Gründung der Kolonie an (s. Tab. 8). Grund für diese Entwicklung war zum einen die Einführung der Kopfsteuer, die die Bauern zum Anbau von Handelsfrüchten zwang, den sog. crash crops (HILLEBRANDT/WEI-MER 1988, S. 29), zum anderen die Ansiedlung europäischer Pflanzer, die der Produktion kapitalistische, die tradi-

tionellen Strukturen überformende Prinzipien zugrundelegten.

Die koloniale Exporthandelswirtschaft zerstörte nicht die traditionellen Wirtschafts- und Sozialstrukturen, sondern modifizierte sie unter Beibehaltung altbewährter innerer Funktionsmechanismen (HILLEBRANDT/WEIMER 1988, S. 29) zu ausschließlich produktionsorientierten Erfüllungsorganen um, die den Importbedürfnissen und Absatzstrategien des französischen Mutterlandes entsprachen. Das Monopol des Fernhandels allerdings, im westafrikanischen Raum von einer bestimmten Markthändlerschicht, den "Dioulas" gehalten, wurde vollständig verdrängt. Seine Strukturen fielen größtenteils in die Hände von Syrern und Libanesen, die fortan als Vertreter der Handelsgesellschaften als Zwischen- und Endverkäufer den Markt beherrschten (SURET-CANALE 1970, S. 94).

Die Einführung der Geldwirtschaft führte zu weiteren einschneidenden Veränderungen innerhalb der guineischen Gesellschaft(98). Die Abschaffung der Möglichkeit, die ständig steigende Kopfsteuer in Naturalien zu entrichten, vollendete die Integration jedes einzelnen Bürgers in den kolonialen Wirtschaftskreislauf. Neben der Kopfsteuer blieben die Abgaben innnerhalb der erhaltenen traditionellen Herrschafts- und Marktstrukturen bestehen und stellten eine zusätzliche Belastung für die Bevölkerung dar(99).

Herrschte in der präkolonialen Phase ein bewährter landwirtschaftlicher, von traditionellen Hierarchien gelenkter Kollektivismus, der die Versorgung der Bevölkerung sicherte, in weiten Teilen Guineas vor, so wurde dieser bald durch die koloniale Abgabenpolitik verändert. Mit zunehmenden Abgabenforderungen und schwindender traditioneller Bande wurde dieser Kollektivismus in eine ausschließliche materielle Bezugsquelle für die Exportwirtschaft der Kolonialverwaltung transformiert. Um sich weiterhin versorgen zu können, war die Bevölkerung gezwungen, auf die Form der reinen Subsistenzwirtschaft zurückzugreifen.

Um die Jahrhundertwende existierten 54 Handelshäuser in Guinea. Da noch etwa zwei Drittel ihrer Handelsbewegungen über den Hafen in Freetown abgewickelt wurden, entschloß sich die französische Kolonialregierung, den Hafen von Conakry konkurrenzfähig auszubauen und mit einer Eisenbahnverbindung von Conakry nach Kankan sein Hinterland anzuschließen(100). Durch entsprechende Zollmaßnahmen verlor Freetown seine Vormachtstellung als Zwischenhandelsstation. Die Konzentration der Handelsaktivitäten

auf Conakry hatte außerdem das Verschwinden der Handelshäuser an den Mündungen der großen Flüsse zur Folge. Und schließlich wurde Oberguinea, lange Zeit durch die Nähe zu Bamako (Mali) sudanesisch orientiert, durch den Bahnanschluß ebenfalls an das Handelsnetz von Conakry angeschlossen.

Nach und nach verschwanden die ausländischen Unternehmen und wurden durch französische ersetzt. Die Handelshäuser begannen, sich vom Image des universellen Warenexports und -imports zu lösen und sich auf die gewinnträchtigsten Produkte zu spezialisieren (Import: Stoffe, Reis, Zucker, Eisenwaren, Baumaterial, Maschinen und Motoren etc; Export: Gold, Bananen, Kaffee, Holz).

Die Handelswirtschaft der Kolonialherren entwickelte sich in vielen Fällen zu einer Raubwirtschaft mit katastrophalen Folgen. Der steigende Bedarf an Kautschuk veranlaßte Frankreich, seine Produktion in Guinea verstärkt voranzutreiben. Guineas Latex-Kautschuk wurde in sehr extensiver Weise aus Lianen gewonnen, die mühsam per Hand gesammelt werden mußten. Dennoch stieg die Produktion von 830 t im Jahre 1890 auf 1500 t um die Jahrhundertwende an, um einen Höchststand von 1810 t im Jahre 1909 zu erreichen. 1898 betrug der Kautschukanteil des gesamten guineischen Exportwertes etwa 80% (SURET-CANALE 1970, S. 101).

Ab 1910 begann dann der Aufstieg des aus Südostasien kommenden Hévéa- Kautschuks, dessen Plantagen billiger und ertragreicher waren und in besserer Qualität produzierten. Der folgende Preisverfall des Kautschuks stürzte die Kolonie Französisch-Guinea in den Jahren 1913/14 in eine tiefe Krise. Durch die Spezialisierung auf die Kautschukproduktion wurde der landwirtschaftliche Anbau stark vernachlässigt. Nach dem Versiegen dieser Einkommensquelle konnten die guineischen Einwohner die Steuern nur noch mit dem Verkauf von Eigentum oder durch Naturalien entrichtet werden. Einer landesweiten Hungersnot brach über die Bevölkerung herein.

Verschärfend kam ab 1914 eine Abgabenerhöhung hinzu, mit der Frankreich seine im Krieg stehenden Soldaten besser zu versorgen gedachte. Zudem sorgten Versuche zur Einführung neuer, jedoch, wie sich bald herausstellte, völlig ungeeigneter Anbaukulturen seitens der Kolonialverwaltung für eine Verschwendung besten Ackerlandes und führten somit zu einer Limitierung der für die Bevölkerung zur Verfügung stehenden Anbaufläche für Subsistenzkulturen.

Eine zweite Krise stellte sich mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 ein, deren Auswirkungen Frankreich und seine Kolonien erst eineinhalb Jahre später zu spüren bekamen. Die Preise für Importgüter stiegen, die Steuern wurden mit aller Härte eingetrieben. Abermals mußte das guineische Volk seinen Besitz und seine Nahrungsmittelreserven mobilisieren, um sie entrichten zu können. Abermals kam es zu einer Hungersnot.

Es folgten Jahre der Erholung und des langsamen Wiederaufbaus. Einige Handelshäuser experimentierten mit neuen Anbauarten und -techniken wie spezielle Pflanzen zur Herstellung von Parfümen, die Produktion von Orangensaftkonzentrat und die Einführung von qualitativ hochwertigem Kaffee ("Arabica"). Doch nur die qualitätsärmere, jedoch widerstandsfähigere Kaffeevarietät "Robusta" konnte sich in Waldguinea halten und erzielte bald einige zum Optimismus Anlaß gebende Produktionsergebnisse (1940: 956 t) (SURET-CANALE 1970, S. 104). Die Goldproduktion erreichte 1936 als Produkt mit dem größten Exportwert einen Höhepunkt.

Der 2. Weltkrieg traf Französisch-Guinea so hart wie alle Kolonien Frankreichs. Die Forderung nach größtmöglicher Unterstützung des Mutterlandes in Kriegszeiten bedeutete wie schon im 1. Weltkrieg der verstärkte Abzug von Mensch und Material. Nach der Niederla-

ge Frankreichs im Juni 1940 war die Afrique Occidentale Française (AOF) auf sich allein gestellt. Noch einmal wurden die Abgabenforderungen erhöht, hauptsächlich, um die Versorgung der urbanen Zentren der AOF, insbesondere des Verwaltungssitzes Dakar, zu sichern. Nach 2 Weltkriegen und einer konsequenten kolonialen Handels- und Raubwirtschaft war das Land ausgemergelt.

Die Nachkriegszeit war geprägt von den Bemühungen Frankreichs, wirtschaftliche Aufbauarbeit zu leisten, um die Kolonie so gewinnbringend wie möglich verwalten zu können. Dazu wurde ein Investitionsfonds für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung (Fonds d'Investissements pour le Développement Economique et Social FIDES) ins Leben gerufen, der in Guinea ab 1951 Kredite u.a. für Infrastrukturmaßnahmen, den Schul- und Krankenhausbau sowie die Erweiterung von Produktionskapazitäten in der Landwirtschaft und im Bergbau vergab(101). Privatwirtschaftliche Vorhaben wurden besonders gefördert, was dazu führte, daß fast ausschließlich europäische (überwiegend französische) Firmen die Investitionshilfen einstrichen, das Land ausbeuteten und die Gewinne abführten. Es handelte sich dabei zum größten Teil um Kurzzeitinvestitionen, die keinerlei langfristigen positiven Einfluß auf die ökonomische Entwicklung des Landes besaßen. Von einer Aufbauarbeit konnte deshalb nur bedingt die Rede sein, denn die Kreditvergabe erfolgte letzt-endlich mehr den Interessen der Unternehmen als den Notwendigkeiten des Landes.

Dennoch wurde in der Zeit von 1947 - 57 der Ausbau der Infrastruktur intensiv vorangetrieben. Die Investitionsquelle FIDES verwandte mehr als die Hälfte seiner Mittel zur Schaffung einer die Handels- und Exportpolitik unterstützenden Transport- und Kommunikationsinfrastruktur:

Schiffahrt: Der Hafen von Conakry wurde erheblich ausgebaut, um die geplanten Exportkapazitäten im Bergbau aufnehmen zu können.

Flugverkehr: Neben einer ersten regelmäßigen, 1945 eingerichteten Flugverbindung Dakar - Conakry wurde 1952/53 ein innerguineisches Flugnetz aufgebaut, das die Verwaltungszentren Labé, Kankan (Verbindung zu Bamako), Kissidougou und N'Zérékoré mit Conakry verband.

Schienenverkehr: Obwohl die Züge und die technische Ausrüstung einer Wartung und Instandhaltung unterlagen sowie der Wechsel vom Dampf- zum Dieselantrieb erfolgte, fiel die Eisenbahnverbindung Conakry-Kankan dem degradierten Zustand der Schienen zum Opfer und mußte 1958 eingestellt werden.

Straßenverkehr: Der Ausbau des Straßennetzes nahm einen großen Teil der Investitionen in Anspruch. Nach dem sich abzeichnenden Niedergang der Eisenbahn war es die einzige Möglichkeit, den Gütertransport im Binnenland zu sichern.

Der Ausbau der Plantagenwirtschaft war Ausdruck der kapitalistischen Produktionsweisen und Verdrängung traditioneller Anbauformen. Bananen stellten ein bevorzugtes Produkt für das Mutterlandes dar; die Bananenproduktion auf Großplantagen wurde mit Krediten, technischen Mitteln, Dünger und der Organisation von Lagerung und Transport(102) nahezu hemmungslos gefördert. Französisch-Guinea avancierte binnen kurzem zum Hauptbananenproduzenten der AOF und lieferte 1934 etwa 90% ihrer Gesamtproduktion(103) (SURET-CANALE 1970, S. 115).

Dennoch hatte der Bananenanbau kaum stimulierende Effekte auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Guineas, da sich der überwiegende Teil der Anbauflächen Niederguineas in den Händen europäischer oder libanesischer Plantagenbesitzer befand, die ihren Gewinn in die Heimatländer transferierten. Nachdem die Bananenproduktion im Jahre 1955 einen Höchststand von nahezu 100000 t erreicht hatte, ging sie infolge einer die Bananenblätter angreifenden Pilzepidemie(104) und eines gleichzeitigen Befalls von Würmern(105), die die Wurzeln der Stauden zerstörten, in den Jahren 1956-58 drastisch zurück(106).

Die Entwicklung im Bergbausektor verlief eher schleppend. Obwohl die Goldvorkommen von Bouré am oberen Nigerbecken schon lange vor der Kolonialisierung bekannt waren, wurde das Gold weiterhin in Handarbeit geschürft. Seitdem man 1913 Diamantvorkommen in Liberia entdeckt hatte, wurden weitere Vorkommen in Waldguinea vermutet. Doch erst 1936 erhielt die SOGUINEX (Société Guinéenne de Recherches et d'Exploitation Minière) als erste Minengesellschaft Diamantschürfrechte im Gebiet von Banankoro südöstlich von Kérouané.

Professioneller ging man nach dem 2. Weltkrieg bei der Erschließung der Eisenerz- und Bauxitvorkommen ans Werk. Das Eisenerzlager auf der Halbinsel Kaloum, seit 1902 bekannt, besaß ein Volumen von ca. 200 Mill. t an Erz mit mehr als 52% Eisengehalt. Der Abbau begann 1952. Die Bauxitlager auf den Loos-Inseln Kassa und Tamara vor Conakry waren seit 1920 prospektiert. Ab 1937 begann die Minengesellschaft "Bauxites du Midi"

mit den Vorbereitungsarbeiten, wurde jedoch durch den 2. Weltkrieg unterbrochen. Erst 1952 erfolgte dann der endgültige Abbau dieses rund 10 Mill. t umfassenden Vorkommens(107).

Erheblich umfangreichere und hochwertigere Bauxitlagerstätten wurden 1942 in Débélé bei Kindia und 1954 in Fria entdeckt. Da jedoch zu diesem Zeitpunkt weder eine entsprechende Transportinfrastruktur existierte, noch die Verfügbarkeit von Energie gewährleistet war, wurde ihre Erschließung zunächst zurückgestellt. Lediglich die Ausbeutung des Fria-Vorkommens, das etwa 150 Mill. t Bauxit mit einem Aluminiumgehalt von 42% umfaßte, stand zur Stunde der Unabhängigkeit kurz vor der Realisierung. Seit 1955 plante man dort den Bau einer Verarbeitungsanlage zur Umwandlung von Bauxit in Alumina(108) (Tonerde, Grundstoff für die Aluminiumherstellung), das auf dem Schienenwege zum Hafen von Conakry und von dort exportiert werden sollte. 1956 waren die Studien für die Produktionseinheit fertiggestellt und die Fria-Bergbaugesellschaft gegründet. 1957 wurden die Studien für den Bau der Eisenbahnverbindung Fria-Conakry und der Verladeanlagen im Hafen der Hauptstadt abgeschlossen, und im Juni 1958 wurde mit der Konstruktion der Fabrik begonnen.

Bei der Konzeption und Arbeitsweise der Bergbaugesellschaften wurden die Prinzipien der Handelswirtschaft im Grunde genommen in größeren und bedeutenderen Ausmaßen fortgeführt. Ohne Einbindung in die nationale Ökonomie waren sie zur Erfüllung der Interessen der Muttergesellschaft oder des französischen Mutterlandes ausgelegt. Trug die Handelswirtschaft durch ihr über das ganze Land verstreutes Operationsnetz noch zu einem Mindestmaß an Partizipation der Bevölkerung bei, so waren die Bergbaugesellschaften als ausländische Wirtschaftsenklaven anzusehen, die mit Hilfe einer eigenständigen Infrastruktur, eingeführter Ausrüstung und fremdnationalen Fachkräften preiswert Rohstoffe abbauten, teilweise transformierten und vollständig exportierten und somit wenig zur eigentlichen ökonomischen Entwicklung des Landes beitrugen(109).

Als Ergebnis einer zügellosen kolonialen Handels- und Raubwirtschaft ergab sich für Guineas Volkswirtschaft am Vorabend der Unabhängigkeit folgendes Bild:

1. Die Überforderung der landwirtschaftlichen Produktion während der beiden Weltkriege sowie die drastische Abgabenpolitik sowohl der Kolonialverwaltung, als auch der traditionellen Herrschaftsstrukturen (Chefferien) führten zu einer fortgeschrittenen Verarmung der ländlichen Bevölkerung (80% der Gesamtbevölkerung).

2. Damit einhergehend setzte eine stetig anwachsende Landflucht in die ökonomischen Agglomerationszentren ein. Besonders die Stadtbevölkerung Conakrys wuchs überproportional.

3. Ein Grund dafür lag sicherlich im Auflösungsprozeß der traditionellen Autoritätsstrukturen. Ihr Zusammenbruch bedeutete das Ende eines jahrhundertelang währenden Systems der Kollektivwirtschaft auf dem Lande, das dem Bauern Sicherheit und sozio-ökonomische Integration gewährleistete.

4. Damit setzte gleichzeitig der Bildungsprozeß einer Schicht von afrikanischen klein- und mittelständischen Händlern und Unternehmern ein. Nach der Abkehr von der Kollektivwirtschaft und Großfamilienwerten ging der Trend hin zur Bildung von Privateigentum.



5.3 Der politische Wirtschaftsdirigismus der I. Republik 1958 - 1984: Dokumentation eines Niedergangs

Am 28. September 1958 wies die guineische Regierung mit einer überwältigenden Mehrheit in der Bevölkerung den Vorschlag Frankreichs zurück, der "Communauté Française" beizutreten, selbstverständlich unter den von Frankreich diktierten Bedingungen. Dies bedeutete gleichzeitig die sofortige und totale Unabhängigkeit Guineas von Frankreich in allen Belangen. Die französische Kolonialverwaltung brach unvermittelt jegliche Verbindung mit Guinea ab und verließ das Land, das sich quasi über Nacht führungslos in seinen Verwaltungen und Unternehmen wiederfand.

Dieses Vakuum galt es so schnell wie möglich zu füllen, sowohl auf politischer als auch auf wirtschaftlicher Ebene. Dabei wies die Ausgangslage durchaus positive Merkmale auf: Abgesehen von einigen wenigen Kaffee-, Ananas- und Bananenplantagen blieb die Landwirtschaft von flächenintensiven und auszehrenden Monokulturen weitgehend verschont und barg weiterhin ein immenses Potential, das es auszuschöpfen galt. Desgleichen stand der Bergbausektor mit der Prospektion mehrerer großer Bauxitvorkommen erst am Beginn seiner Entwicklung. Nicht zuletzt sollten schließlich die zahlreichen Möglichkeiten, hydroelektrische Energie zu produzieren, als Voraussetzung und Katalysator für den Industrialisierungsprozeß dienen.

Demgegenüber standen jedoch Herausforderungen, deren Art und Umfang einen raschen Aufbau der guineischen Ökonomie in Frage stellten:

1. Es galt zunächst, die Produktivkräfte, vor allem in der Landwirtschaft, zu sensibilisieren, zu organisieren und zu motivieren. Der in Lethargie und Subsistenzwirtschaft verfallene landwirtschaftliche Produktionssektor mußte wachgerüttelt werden und neue Perspektiven, Strukturen und Anreize erhalten. Die Umsetzung seines Potentials in ein infrastrukturell organisiertes Produktionsnetz stellte nicht zuletzt eine wesentliche Voraussetzung für den geplanten Industrialisierungsprozeß dar.

2. Dazu sollten die Relikte der kolonialistischen Wirtschaftspolitik zugunsten einer neuorientierten guineischen Volkswirtschaft sowohl materiell als auch aus dem Bewußtsein der Bevölkerung ausgelöscht werden.

3. Die Zielsetzung der Neugestaltung der Volkswirtschaft lag in der Lockerung ihrer Weltmarktabhängigkeit. Zwar war man sich bewußt, daß der Bergbausektor in seiner als optimistisch zu prognostizierenden Entwicklung das Land stets an den Weltmarkt binden würde, doch erkannte man, daß eine Erweiterung des Exportspektrums durch

Agrarerzeugnisse und Industrieprodukte für eine Verminderung einer produktbezogenen Exportabhängigkeit notwendig war.

4. Eine weitere Folge des Bruchs mit Frankreich war die Führungs- und Orientierungslosigkeit der guineischen Verwaltung nach dem abrupten Abzug der französischen Beamten. Dem nationalen Wirtschaftsaufbau mußte eine effiziente, zielorientierte Planung und Durchführungskontrolle zugrundeliegen. Doch zur Errichtung eines kompetenten Planungsapparates und ökonomischen Lenkungs-, Unterstützungs- und Förderungseinrichtungen fehlte es vor allem an qualifiziertem Personal. Die französische Kolonialmacht sah keine Notwendigkeit in einer Ausbildung von guineischen Fachkräften im Planungs-, Verwaltungs- und auch Produktionsbereich, da ihre Wirtschaftsphilosophie auf eine von ihr kontrollierte und zugunsten des Mutterlandes ausgerichtete Exportwirtschaft hinauslief.

5. Noch ein Erbe der französischen Kolonialismus war ein Haushaltsdefizit von ca. 2,8 Mrd. FCFA, das durch kurzfristige Kredite aus den Ostblockstaaten ausgeglichen werden konnte (s. Tab. 13). Dazu gesellte sich eine durch die politische Unsicherheit verursachte Kapitalflucht ausländischer Firmen in Höhe von geschätzten 3,2 Mrd. FCFA (StLB 1967, S. 35).

Diese Ausgangslage vor Augen, entwickelte Sékou Touré seine Vorstellungen von einer unabhängigen Wirtschaftspolitik, basierend auf den revolutionären Parteiprinzipien. Dies bedeutete nichts anderes, als dass die wirtschaftspolitischen Ziele die Grundlage für die allgemeine nationale Unabhängigkeit bilden mußten(110). Somit wurde postuliert, daß die ökonomische Marschrichtung mit der Realisierung der politischen Ideologie von Unabhängigkeit und Sozialismus(111) eine untrennbare Einheit darstellte, was sich in den wirtschaftlichen Entwicklungszielen der ersten Zeit wiederspiegelte:

1. Eliminierung aller kolonialen Strukturen und Verbindungen aus der guineischen Wirtschaftswelt, insbesondere im Bank- und Handelssektor.

2. Begründung einer durch den Staat kontrollierten und dirigierten Wirtschaftspolitik zur Modernisierung und Industrialisierung der guineischen Volkswirtschaft. Neben dem gemischtwirtschaftlichen Sektor mußte sich auch der privatwirtschaftliche Sektor im Sinne einer Konzentration der Kräfte auf die rasche Erlangung der ökonomischen Autonomie der Staatslenkung unterwerfen.

3. Einführung einer nationalen Währung.

4. Konzentrierte Bindung von Entwicklungszusammenarbeit und internationalen Fördermitteln in den Bereichen Handel und Finanzen. Die Hilfe ist sowohl aus dem kapitalistischen als auch dem kommunistischen Lager willkommen, solange sie nicht die inneren Angelegenheiten Guineas berühren und an politische Bedingungen geknüpft sind (SURET-CANALE 1970, S. 179).

Des weiteren sollte mit dem Streben nach einer kollektiven Produktionsphilosophie, der

der privatwirtschaftlichen Tätigkeit den Boden unter den Füßen entziehen sollte, das Aufkommen eines guineischen Kapitalismus verhindert werden. Ein wichtiges Resultat dieser Politik sollte die Anhäufung nationalen Kapitals sein, um eigene Investitionsmittel zur Verfügung zu haben und sich von der ausländischen Wirtschafts- und Finanzhilfe allmählich zu befreien (VOSS 1968, S. 148). Diese Entwicklungsprinzipien sollten in wirtschaftlichen Rahmenplänen ihre Verwirklichung finden. Der erste Dreijahresplan wurde nach einer Vorbereitungszeit von über einem Jahr(112) im April 1960 auf einer nationalen Wirtschaftskonferenz in Kankan verabschiedet.

Der Dreijahresplan (Juli 1960 - Juni 1963)

Dieser erste Plan folgte streng dem Leitmotiv der "ökonomischen Dekolonialisierung" (AMEILLON 1964, S. 106/107) und der Errichtung eines sozialistischen Wirtschaftssystems. Er war geprägt von einer Nationalisierungsdoktrin, die die Macht des ausländischen Kapitals brechen und den Einfluß des öffentlichen Sektors konsolidieren und ausdehnen sollte. Für den landwirtschaftlichen Produktionssektor war eine grundlegende Reorganisierung auf Genossenschaftsbasis vorgesehen. Außen- und Binnenhandel sowie die Produktionseinheiten der Industrie wurden verstaatlicht.

Tabelle 10: Geplante Produktionsziffern und Investitionen im Rahmen des Dreijahresplans (1960-1963) nach Wirtschaftsbereichen.

Istproduktion 1959 Sollproduktion 1963 Geplant Investitionen
Wirtschaftsbereich % der Gesamt-produktion Mrd. FCFA % der Gesamt-produktion Mrd. FG (1959 = 100) Mrd. FG %
Landwirtschaft, Fischerei 56 22 46,2 32,9 150 10110 26
Industrie 0,8 0,3 3,4 2,4 800 8280 21,1
Handwerk, Baugewerbe, Bergbau 19,3 7,6 22,6 16,1(1) 212 3738 9,7
Handel, Transport, Dienstleistungen 23,9 9,4 27,8 19,8 210 16664 42,8
Gesamt 100 39,3 100 19,8 181 38942(2) 100


(1) Ohne FRIA.

(2) Einschließlich eines Reservefonds von 0,15 Mrd. FG (= 0,4% der geplanten Investitionen).

(Quelle: StLB 1967, S. 36; AMIN 1971, S. 44ff).

Die während des Planzeitraumes tatsächlich geleistete ausländische Finanzhilfe überstieg die veranschlagte Höhe sogar um mehr als 50%. Doch zum einen war ein beachtlicher Teil der Mehrleistungen zu Konsumzwecken bestimmt(113) (StLB 1967, S. 37), zum anderen

stiegen die Durchführungskosten der Projekte unverhältnismäßig an und erreichten am 30. Juni 1963 43 Mrd. FG statt der vorgesehenen 39 (VOSS 1968, S. 156).

Tabelle 11: Leistungen der ausländischen Entwicklungshilfe für den Dreijahresplan 1960-63.

Geberland Gesamtbetrag Laufzeit Zinssatz
Mill. FG % Jahre % pro Jahr
Sowjetunion 18543 40,5 12 2,5
Ghana 6910 15,2 10 2,5
VR China 6128 13,8 20 -
BR Deutschland 3988 8,7 - -
Tschechoslowakei 2570 5,6 5 2,5
USA 2434 5,3 n.bek. 4
Jugoslawien 1976 4,3 5 - 8 3
Polen 988 2,2 5 2,5
Sowjetische Besatzungszone 633 1,4 5 2,5
Ungarn 618 1,4 4 2,5
Marokko 500 1,1 - -
Bulgarien 494 1,1 - -


(Quelle: StLB 1967, S. 37)

Die grundlegende Voraussetzung für die Realisierung des Plans bildete zunächst die am 1. März 1960 durchgeführte Währungsreform, die den Ausstieg aus der Franc-Zone bedeutete und den FCFA durch den neuen guineischen Franc 1:1 ersetzte. Damit sollte einerseits die andauernde Kapitalflucht unterbunden werden, andererseits ein größerer wirtschaftspolitischer Handelsspielraum gewonnen werden (StLB 1967, S. 35). Ausgehend von den ökonomischen Eckdaten von 1959 wurden für die einzelnen Wirtschaftsbereiche Planziele zur Produktionssteigerung gesetzt. Diese fielen am höchsten im Industriesektor, am geringsten im primären Sektor aus.

Der Löwenanteil der Investitionen war indes für den tertiären Sektor bestimmt, wobei die öffentliche Verwaltung mit 17,3% der Gesamtinvestitionen zu Buche schlug. Die geplanten Investitionen sollten zu einem Gesamtproduktionszuwachs bis zu 80% bis 1963 führen, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von etwa 15% entsprach. Die finanziellen Quellen für die Investitionen sollten zunächst die Einnahmen der Staatsbetriebe in Höhe von 6-7 Mrd. FG sowie die Arbeitsleistung der Bevölkerung (investissements humains) darstellen. Für die Deckung des fehlenden Betrages von rund 30 Mrd. FG ging man von ausländischer Wirtschafts- und Finanzhilfe aus, wobei das Interesse der Ostblockstaaten an Guinea gewissenhaft geschürt wurde(114).

Die Durchführung

Der Realisierungsversuch dieses ehrgeizigen Planes legte die Unzulänglichkeiten in den Vorgaben, die Widersprüche in den Planungsberechnungen und die Unerreichbarkeit der illusorischen Zielvorstellungen offen zutage. Während der gesamten Durchführungszeit konnte sich weder ein effizienter Planungsapparat entwickeln(115), noch standen den provisorischen Planungsstrukturen elementare Begleitinstrumente des Rechnungswesens, der Marktforschung und der Statistik in qualitativ und quantitativ ausreichendem Maße zur Seite.

Schon von Beginn an wurde der Prestigesektor Industrie dem Agrarsektor bevorzugt. Als Folge der Vernachlässigung der agrarwirtschaftlichen Entwicklung(116), die zum einen die Selbstversorgung des Landes sichern und somit den kostspieligen Lebensmittelimport verringern helfen sollte, zum anderen als Rohstofflieferant für die agro-industriellen Projekte dienen sollte, konnte die Subsistenzmentalität nicht zugunsten eines Aufbaus moderner staatlicher, auf den Anbau von Exportkulturen und Grundnahrungsmitteln für den Inlandsbedarf spezialisierter Genossenschaftsstrukturen beseitigt werden. Es stellten sich Probleme in der Nahrungsmittelversorgung ein, die vor allem die städtische Bevölkerung betrafen. Diese litt schnell an realen Einkommenssenkungen, hervorgerufen durch den folgenden Anstieg der Nahrungsmittelimporte und -preise. Schwarzmarkt, Korruption und Schmuggel verschärften sich (VEIT 1978, S, 289).

Ein Haupthindernis bei der effizienten Umsetzung der Investitionen wurde in der mangelhaften Infrastruktur, insbesondere den unzureichenden Transportmöglichkeiten erkannt. Schnell veränderte sich das geplante Investitionsgefüge zugunsten des Infrastrukturausbaus und zog 54,7% der Investitionen an sich (VOSS 1968, S. 156), natürlich zulasten anderer Sektoren wie das Sozialwesen und die Produktion.

Schließlich konnten die Staatsbetriebe aufgrund ihrer geringen Kapazitätsnutzung sowie der unausgereiften Organisation des Staatshandelssystems, in dem sich eine schleppende Bürokratie, Verantwortungslosigkeit und Korruption verbreitete, nicht den geplanten Investitionsbeitrag leisten(117) und siechten in Unproduktivität dahin. Anstatt den Investitionspool zu verstärken, mußten darüber hinaus erhebliche Mittel aus dem Staatshaushalt aufgebracht werden, um sie mit Subventionen oder den Import von Rohstoffen zu stützen.

Eine weitere bedeutende Verlustquelle stellte die Unfähigkeit der Geber- und Nehmerseite

dar, das Aufnahmevermögen der guineischen Volkswirtschaft an Sachkapital richtig einzuschätzen. Ganz besonders die Sowjetunion, die in diesen ersten Jahren des Aufbaus als wichtigster Entwicklungspartner und Geldgeber auftrat, überschätzte die Absorptionskapazität Guineas für Neuinvestitionen derart, daß ein erheblicher Teil neugelieferter Ausrüstung und Güter ungenutzt verlorengingen. Hinzu kamen noch zahlreiche Logistikprobleme, die offenbarten, daß die Wartungs- und Versorgungskette für Maschinen und Ausrüstung wenig durchdacht und löchrig war. Dies behinderte wiederum die Realisierung der Projekte, was die Einhaltung des Planes immer unmöglicher machte.

Das Ergebnis

Der ehrgeizige Plan krankte von Anfang an an einer völlig unzureichenden Planung, basierend auf ungenauen Vorgaben und Vorstellungen, was sich in den Resultaten widerspiegelte. Von den formulierten Planzielen ausgehend wurde der Plan zu 80% erfüllt. Seine wirksame Umsetzung in der Realität scheiterte jedoch an der Investitionsverteilung, was zu einer ungünstigen und entwicklungshemmenden Verschiebung der Projektrealisierungen in den einzelnen Sektoren führte. So wurden anstatt der geplanten 52,5% der Investitionen tatsächlich nahezu 72% auf nichtproduktive Sektoren verwandt (VOSS 1968, S. 156, VEIT 1978, S. 286). Die geplante Entwicklungsproportionalität zwischen Produktion, Verwaltung und Infrastruktur wich einer Unausgewogenheit, die statt der aus dem produzierenden Sektor erwarteten Kapitaleinnahmen nur zusätzliche Belastungen für die Staatskasse bedeutete.

Glücklicherweise konnte ein erheblicher Teil der so hervorgerufenen Finanzlöcher mit den vom Ausland gestellten Mitteln gestopft werden, doch das Ergebnis des Plans beschrieb schon den Beginn einer die guineische Wirtschaftsentwicklung in den folgenden Jahren weiterverfolgende Tendenz: Planungs- und Durchführungsschwächen verschiedener Art führten zu Defiziten, die durch auswärtige Hilfe ausgeglichen werden mußten. Dies bedeutete Abhängigkeit, die auf lange Sicht nur durch eine offensive Haltung (Öffnung des Marktes, Investitionsförderung), begleitet von rigorosen Einschränkungen unproduktiver Ausgaben, hätte beseitigt werden können. Beides fand nicht statt.

Im Rahmen der Planungsmängel seien an dieser Stelle gravierende Unzulänglichkeiten in den Bereichen Projektkoordination und -durchführung sowie Logistik besonders hervorgehoben, weil dadurch erhebliche Mittel und Möglichkeiten verschwendet wurden. Noch erschwert durch die fehlende Infrastruktur fanden zahlreiche Projekte schon direkt nach ihrem Beginn ihr Ende, ohne jemals das Produktionsstadium erreicht zu haben. Andere wiederum konnten nur nach langen Verzögerungen begonnen werden, auch ihr Erfolg war in der Zwischenzeit durch Materialschwund geschmälert(118).

Die guineische Regierung zog ob der Tatsache, einen ersten Wirtschaftsplan in Unabhän-gigkeit durchgeführt zu haben sowie der absoluten Menge an Mittel, die dafür bereit-gestellt werden konnten, eine erwartet positive Bilanz. Für sie war der Bruch mit der Ver-gangenheit damit endgültig vollzogen, da sich nun neben der formalen politischen Unab-hängigkeit auch die ökonomische Freiheit eingestellt hatte, die in der Währungsreform, der

Eliminierung kolonialistischer Handelsstrukturen, der Verstaatlichung der Wirtschaft und der Bodenreform(119) ihren Ausdruck fand.

Die Probleme bei der Realisierung dieses ersten Wirtschaftsplanes waren symptomatisch für die Durchführung der nachfolgenden Pläne und ihre Resultate:

Siebenjahresplan : 1964 - 1971

Fünfjahresplan : 1973 - 1978

Fünfjahresplan : 1981 - 1985

Auch im darauffolgenden Siebenjahresplan fielen die für die landwirtschaftliche Entwicklung geplanten Investitionen geringer aus als ursprünglich angesetzt, während die Verwaltung deutlich zulegte. Auffallend ist, daß sich gegenüber dem ersten Plan nun eine deutliche Diskrepanz zwischen Planung und Realisierung von Investitionen im infrastrukturellen Bereich (Transport, Verkehr, Fernmeldewesen) einstellte. Diese Tendenz zur Vernachlässigung des für die wirtschaftliche Entwicklung eminent wichtigen Aufbaus der Infrastruktur setzte sich auch in den weiteren Plänen fort und war letztendlich mitverantwortlich für die Unfähigkeit, die Produktivität und den Export zu steigern.

Grafik 6: Investitionen im Siebenjahresplan 1964 - 1971.





LWS: Landwirtschaft

IND: Industrie

BERG: Bergbau

E: Energie

INFRA: Infrastruktur

ERZ: Erziehung

GES: Gesundheit

WOH: Wohnen

VERW: Verwaltung

(Erstellt nach: AMIN 1971, S. 122)



Allen Plänen waren folgende Mängel gemeinsam:

1. Sie wurden ohne realistischen makroökonomischen Bezug aufgestellt und hatten keine klar definierte und logisch durchdachte sektorielle Strategie zur Basis(120). Die Folge war fast immer eine Fehleinschätzung der Rahmenbedingungen und Eigenkapazitäten.

2. Der Finanzierung der Pläne lag ein unrealistisches Kalkulationsgerüst zugrunde, das sich gänzlich auf die Hypothese stützte, daß fehlende Investitionsbeträge und auftreten-

de Defizite ausschließlich durch Fremdkapital gedeckt werden würden. Im letzten Fünfjahresplan 1981-1985 beliefen sich die nicht gedeckten Investitionsplanungen gar auf 75% des Gesamtvolumens, bekanntgegeben 1981, praktisch im ersten Jahr des Plans (TOURE 1981, S. 85/86).

3. Viele der geplanten Projekte waren während der Durchführung wechselhaften Bedingungen und zahlreichen Neuorientierungen ausgesetzt. Diese Unstetigkeit und Instabilität hatte ihre Wurzeln in der stets unzureichenden Kapitalverfügbarkeit, der mangelhaften Planung und Realisierungseinstellung, die durch Korruption und teilweise geradezu anarchistischen Verhaltensweisen in der Verwaltung schwer belastet war, sowie der unzureichenden Infrastruktur.

4. Ein großes Manko in der Planung war das Zugrundelegen einer integrierten, in sich abgeschlossenen ökonomischen Entwicklungsstrategie, die die zahlreichen geplanten Aktivitäten in den verschiedenen Sektoren koordinieren und als ständig zu begleitendes Leitinstrument den inneren Zusammenhang sichern sollte.

5. Dazu hätte es besserer Kontroll- und Korrekturkapazitäten bedurft, womit Fehlentwicklungen und Abweichungen frühzeitig festzustellen gewesen wären und die Setzung neuer Prioritäten unter veränderten Bedingungen noch den größtmöglichen Nutzen hätte bringen können(121).

6. Schließlich durchzog die Realisierung der Projekte eine permanente, durch die unzulängliche Infrastruktur, aber auch vor allem aufgrund der unkoordinierten, nicht in einer Gesamtstrategie eingebetteten Einzelplanung bedingte Logistikschwäche. Sie führte dazu, daß man sich nicht an einen Zeitplan der Inbetriebnahme von Produktionsstätten halten konnte. Infolgedessen waren Beginn und Höhe der voraussichtlichen Produktion ungewiß. Dies bedeutete jedoch ein Spiel mit vielen Variablen, das eine gesamtökonomische Planung, vor allem im Hinblick auf die Einbeziehung potentieller Überschüsse aus dieser Produktion zur Finanzierung weiterer Vorhaben, nahezu unmöglich machte. Wurde sie dennoch durchgeführt, waren die auf teilweise unrealistischen Annahmen beruhenden Zielvorstellungen von vorneherein in Frage gestellt.

Die Analyse der Geschehnisse um den ersten Wirtschaftsplan ist deshalb von großer Bedeutung, weil beim Versuch seiner Umsetzung grundlegende Probleme aufgeworfen wurden, die die ökonomische Entwicklung Guineas bis heute nachhaltig beeinflussen. Die Problembekämpfung, die durchaus ihren guten Willen zeigte, jedoch durch ablenkende innen- und außenpolitische Querelen und den damit verbundenen Nachlässigkeiten und Uneinsichtigkeiten geschwächt wurde, führte zu gravierenden Fehleinschätzungen, die im späteren Verlauf der Wirtschaftsentwicklung die Probleme noch verschärften und oftmals zu einer Radikalisierung der angewandten Maßnahmen führte.

Die Versorgung und Mobilisierung der Kräfte in einem weiten Land wie Guinea mit etwa 5 Mill. Einwohnern (1970) und einer Fläche von ca. 246.000 km2 war eine schwierige und

komplexe Herausforderung für die junge, enthusiastische Regierung. Durch die einseitige Konzentration auf Conakry als zentraler Versorgungs- und Umschlagplatz für den Im- und Export wurde das Gefälle zu den peripheren Räumen strukturschwacher und produktionsarmer Substanz immer größer. Zentrale Handelsverbindungen wie die nördliche Achse in Richtung Dakar, die einen Großteil des Fouta Djallon erfaßte, die südliche Gabel zu Sierra Leone, Liberia und der Elfenbeinküste, ganz Waldguinea betreffend, sowie der traditionelle Handelsstrang zwischen Oberguinea und Mali (Bamako) blieben vorherrschend. Doch mit der Einführung einer nicht konvertiblen Landeswährung blieb die Durchlässigkeit der Grenzen, die kaum gesichert werden konnten, der Ursprung für die Ohnmacht des Staates, sein Außenhandelsmonopol zur Steuerung und Kontrolle der nationalen Ökonomie durchzusetzen (SURET-CANALE 1970, S. 190ff).

Einen weiteren Hemmfaktor stellte die Größe und das realistische Potential des Binnenmarktes dar. Seine tatsächliche Absorptionskapazität war nie genau berechnet worden, womit die Rentabilität neuer, umfangreicher Industrieanlagen stets fraglich war. Überschüsse konnten aufgrund bestehender infrastruktureller Probleme selten gewinnbringend in die besser und preiswerter versorgten Nachbarländer abgesetzt werden(122).

Noch einmal unterstrichen sei an dieser Stelle der schwierige Schritt von totaler administrativer, sozioökonomischer und materieller Abhängigkeit von Frankreich während der Kolonialepoche in die abrupte politische und wirtschaftliche Selbständigkeit. Ein Großteil der für die wirtschaftliche Entwicklung notwendigen Maßnahmen, wie beispielweise die Schaffung annehmbarer Rahmenbedingungen für Investitionsvorhaben, egal, ob privater oder staatlicher Natur, waren von vornherein zum Scheitern verurteilt, da es überall am notwendigen Fachpersonal fehlte. Ein Handicap, das im Verlaufe der weiteren ökonomischen Entwicklung immer gravierender wurde, denn eine Deckung des Bedarfs an qualifiziertem Fachpersonal konnte zu keiner Zeit erreicht werden. Die vorherrschende Inkompetenz öffnete Korruption und Willkür die Pforten.

Zu dem schwerwiegendsten, von Anfang an nicht richtig durchdachten und mit nötigem Verständnis, Weitsicht und Durchsetzungskraft in Angriff genommenen Problemen gehörte nach wie vor die Neuorganisation der Landwirtschaft in einen die Versorgung des Landes sichernden Produktionssektor. Aus Mangel an Zeit und Konzepten wurde der ländlichen Struktur, die unlängst ein Verdrängen ihres traditionellen, auf Regionalismus und Ethnizität begrenzten Kollektivismus (SURET-CANALE 1970, S. 194ff) zugunsten der kolonialistischen Raubwirtschaft hinnehmen mußte, ein neues Produktionsschema sozialistisch-genossenschaftlicher Art oktroiert. Die Genossenschaften, Aus- und Fort-bildungszentren, Produktionsbrigaden und Kooperativen(123) stießen in der ländlichen Be-

völkerung zunächst auf Mißtrauen und Ablehnung, und fanden keinen richtigen Halt. Der Mangel an Vertrauen verschärfte sich, als die staatlichen Kollektivinstitutionen sich als repressive Abgabenzentren zur persönlichen Bereicherung der Funktionäre entpuppten (VEIT 1978, S. 288).

Die Unzufriedenheit der Bauern wuchs in dem Maße, in dem die Disparitäten zwischen den landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen, die zugunsten der rapide anwachsenden Stadtbevölkerung, insbesondere Conakry, künstlich niedergehalten wurden, und den allgemeinen Lebenshaltungskosten immer größer wurden. Von den ehedem zu geringen Investitionen im Agrarsektor konnte sich die ländliche Bevölkerung ebenfalls keine Besserung der Situation erhoffen. Die Folge war eine Rückkehr zur Subsistenzwirtschaft und ein Anstieg der Schmuggelaktivitäten an den Grenzen zu den Nachbarstaaten.

Die Suche nach einer effektiven Steuerung des Binnen- und Außenhandels war schwierig und opferreich. Die am 24. Januar 1959 mit der Gründung des Staatskontors zur Durchführung und Überwachung des Außenhandels (Comptoir Guinéen du Commerce Extérieur CGCE) begonnene erste Handelsreform fand ihren Abschluß in dem im April 1960 ins Leben gerufenen Pendant zur Übernahme des Binnenhandels (Comptoir Guinéen du Commerce Intérieur CGCI)(124). Die hauptsächlich durch Verwaltungsinkompetenz, Überwachungsprobleme und Veruntreuung äußerst verlustreich arbeitenden Kontore mußten als Mißerfolge verbucht und schon am 1. September 1960 aufgelöst werden. Ihre Umwandlung und Dezentralisierung in branchenorientierte Staatshandelsgesellschaften konnten die Persistenz der schon in der Kontorführung deutlich gewordenen Charakterschwächen nicht beseitigen.

Als die Versorgungslage des Landes immer prekärer wurde, gab die Regierung ab Oktober 1963 den Weg für die privatwirtschaftliche Initiative wieder frei. Doch die wiedererlangten Freiheiten hatten zunächst gegenteilige Wirkung und trieben die Schmuggelei und Schwarzmarkttätigkeiten auf Rekordhöhen (SURET-CANALE 1970, S. 203). Um der Lage wieder Herr zu werden, griff Sékou Touré schon 1 Jahr später mit der Durchsetzung eines Rahmengesetzes, dem "Loi Cadre" ein, das zum einen das Staatsmonopol im Außen- und Binnenhandel wiederherstellte(125), zum anderen eine strikte Strafverfolgung von Amtsmißbrauch und Wirtschaftskriminalität ankündigte.



5.3.1 Die monetäre Isolierung durch eine unabhängige Währung

Nachdem Guinea im März 1960 die westafrikanische Währungsunion (Franc-Zone) verlassen hatte, wurde der Franc CFA gleichgewichtig durch den Guineischen Franc ersetzt, womit gleichzeitig ein Ende der Orientierung an einer internationalen Währungsordnung signalisiert wurde. Die neue Währung war weder durch Gold noch durch Devisen gedeckt. Ihre Nichtkonvertierbarkeit bedeutete eine starke monetäre Isolierung Guineas, eine zunehmende Entwertung des guineischen Franc stellte sich ein. Einer 1969 international eingeleiteten Franc - Abwertung schloß sich Guinea nicht an, was zum Verlust der

Parität zum Franc CFA und eines dramatischen Kaufkraftverlustes führte.

Die galoppierende Inflation konnte dann mit der am 2. Oktober 1972 durchgeführten Syli- und Cauri-Währung(126) im Austausch 10 GF = 1 GS (Guineischer Syli) abgefangen werden. Mit dieser Währungsreform wurde die guineische Zentralbank (Banque Centrale de la République de Guinée BCRG) dem Präsidialamt der Republik direkt unterstellt (StLB 1973, S. 13). Die oberste Staatsbank übte sowohl die Devisenkontrolle als auch die Kreditkontrolle in Form von Genehmigungen aus, die die seit 1962 eingeführten staatlichen Geschäftsbanken bei Kreditvergaben von ihr einholen mußten(127).

Tabelle 12: Situation von Währung und Krediten während der I. Republik (in Mrd. GS).

1960 1965 1970 1975 1980(1)
Fremdkontensituation netto: 0,5 -0,8 -1,9 -1,1 -6,7
Haben 1,2 0,3 0,4 0,9 1,9
Schulden 0,7 1,1 2,3 2 8,6
Inlandnettokredit: 1 5,3 9,9 12,8 21,8
Regierung 0,4 1,3 4 0,9 6,1
Öffentliche Unternehmen 0,6 3,8 5,3 10,8 14,5
Privater Sektor 0 0,2 0,6 1,1 1,2
Geldmenge: 1,4 3,8 7,4 11,1 13
Umlaufmenge 0,9 1,3 3,2 3,7 3,3
Anlagen der öffentl. Unternehmen 0,2 1 1,5 2,9 4,7
Anlagen des privaten Sektors 0,3 1,2 2,1 2,7 -(2)
Festanlagen - 0,2 0,2 0,5 0,6
Importanlagen - 0,1 0,4 1,3 4,4
Zum Vergleich:
BIP 11,9 12,8 16,8 24,2 32,9
Nettoauslandsguthaben (%/BIP) 4,2 -6,3 -11,3 -4,5 -20,4
Nettoinlandskredit (%/BIP) 8,7 41,4 58,9 52,9 66,3
Geldmenge 11,8 29,7 44 45,9 39,5


(1) Die Daten zu den Geldmittelangaben beziehen sich auf den 31. Dezember des jeweiligen Jahres, mit Ausnahme von 1986, in dem die Daten am 6. Januar gesammelt wurden.

(2) Die Anlagen des privaten Sektors von 1980 sind in den Anlagen der öffentlichen Unternehmen eingeschlossen.

(Quelle: WB 1990a Bd. I, S. 8)

Zwischen den Jahren 1960 und 1975 wuchs die Menge des Geldes im Durchschnitt jährlich um etwa 17% , und stieg von 12% auf 46% des BIP gegenüber 20 - 25% in den anderen westafrikanischen Ländern. Das dem öffentlichen Dienst drohende Inflationsrisiko konnte dank einer rigorosen Preis- und Gehälterkontrolle lange Zeit in Grenzen gehalten werden. Doch das unproportionale Anwachsen der Geldmenge sorgte für einen Inflationsdruck, unter dem die Überbewertung des Geldes gigantische Ausmaße annahm. Am Ende des Jahres 1985 lag der offizielle Wechselkurs für den Syli bei 23 SG (Syli Guinéen) für 1 US$, gleichzeitig mußte man auf dem Parallelmarkt 400 SG pro US$ bezahlen (WB 1990a Bd. I, S. 8).

Der Nettoinlandskredit stieg im Zeitraum von 1960 bis 1980 jährlich um etwa 16,5% an, was seinen Anteil am BIP von weniger als 10% im Jahre 1960 auf mehr als 40% im Jahre 1970 und 66% im Jahre 1980 ansteigen ließ. Im Laufe der 70er Jahre nahm der öffentliche Dienst nahezu 95% des gesamten Nettokredites für sich in Anspruch.

Steigende Erträge aus dem Bergbausektor vereinfachten in den Jahren 1976-79 die Anwendung einer deflationären Geldpolitik, die nun Vorsicht walten ließ und versuchte, die Geldmenge allgemein zu reduzieren. So konnte schließlich der Anteil der Geldmenge am BIP bis 1980 auf 40% reduziert werden. Indessen jedoch war durch diese Kontrollmaßnahmen, die u.a. eine Limitierung der monatlichen Abhebungen von den privaten Bankkonten vorsahen, das Heranwachsen eines starken Mißtrauens seitens des privatwirtschaftlichen Sektors gegen das Geld- und Bankensystem zu verzeichnen.

Die sich zu Beginn der 80er Jahre einstellende Bauxitkrise verminderte die Steuereinnahmen aus dem Bergbausektor. Als Reaktion darauf mußten verstärkt Mittel aus dem übrigen Staatshaushalt zur Behebung der Defizite im öffentlichen Dienst verwendet werden. Gleichzeitig wurde die Geldmittelproduktion erneut gesteigert und erreichte bald wieder 50% des BIP (WB 1990a Bd. I, S. 9) Dies führte zu einer Wiederbelebung des Inflationsdrucks, was extreme Auswirkungen auf den Wechselkurs hatte.

Die Maßnahmen der Geldpolitik hatten aufgrund ihrer Konzeption keinen Rückhalt in der Wirtschaft, denn nur die Unternehmen des öffentlichen Dienstes, selbst wenn sie die Mehrheit darstellten, benutzten den guineischen Syli; die gemischtwirtschaftlichen Unternehmen fuhren weiterhin fort, Devisenkonten im Ausland zu benutzen, und kappten soweit wie möglich die Verbindung zur guineischen Währung. So agierte ein Großteil und noch dazu der am besten funktionierende Teil der guineischen Wirtschaft außerhalb des nationalen Währungssystems, indem in Devisen oder Immobiliengütern angelegt wurde.



5.3.2 Die Entwicklung der ausländischen Konten

Die nach der Unabhängigkeit angewandten wirtschaftlichen Praktiken hatten die Struktur der Auslandskonten Guineas drastisch verändert. Die Landwirtschaftsexporte, die zur Zeit der Unabhängigkeit etwa 70% aller Exporte ausmachten, fielen auf abrupte Art und Weise ab, und stellten im Jahre 1965 nur noch etwa 30% aller Ausfuhren dar. Die allgemein stagnierende Situation der Exporte wurde erst in den Jahren 1973 und 1974 dank des rapiden Wachstums der Mineralexporte aus dem Bergbausektor aufgehoben. So nahm im Zeitraum von 1975 bis 1984 der Export von mineralischen Rohstoffen denn auch 90 - 95% des Gesamtexportes der guineischen Wirtschaft ein.

Trotz des quasi Verschwindens von landwirtschaftlichen Exporten und den gesteigerten Einfuhren von Nahrungsmitteln, erlangte die Handelsbilanz Guineas im Jahre 1974 ein positives Vorzeichen, basierend auf der Ausbeute der neuen Bauxitminen, die die Einkünfte aus offiziellen Exporten in die Höhe schnellen ließen. Von Beginn der Unabhängigkeit an nahm die Nachfrage nach Importprodukten aufgrund der progressiven Überbewer-tung des Wechselkurses ständig zu. Um dem aus Mangel an Devisen resultierenden Druck zu begegnen, ging das Land eine Reihe von Kompensationsabkommen mit östlichen Ländern ein, die als ein Beitrag zum Ausgleich von bilateralem Austausch angesehen wurden.

Tabelle 14: Guineas Zahlungsbilanz 1964-1985 (in Mio. US$).

Bilanz/Jahr 1964/65 1969/70 1974/75 1980 1985
Leistungsbilanz:
Exporte (Fob)(1) 51,9 54,3 191,8 495,5 505,5
Importe (Caf)(2) 64,4 78,2 221,3 395,4 399,6
Saldo -12,5 -23,9 -29,5 100,1 105,9
Dienstlstg. und Transfers der Regierung -10,1 -28,4 -19,7 -10,5 -160,8
Dienstlstg. und Transfers d. priv. Sektors n.bek. n.bek. -34,3 -105,4 n.bek.
Saldo der Leistungsbilanz -22,6 -52,3 -83,6 615,8 -54,9
Kapitalbilanz:
Mittel- und langfristige Kapitalverkäufe,

öffentlicher Sektor

21,9 52,7 39,4 13,2 -31
Mittel- und langfristige Kapitalverkäufe,

privater Sektor

2 2,8 14,8 0 -17
Saldo der Kapitalbilanz 23,9 55,5 54,2 13,2 -48
Fehler, Unterlassungen und

ungeklärte Beträge

2,8 -24,3 -14,8 -84,3 -8
Saldo der Zahlungsbilanz -1,5 -21,1 -44,2 86,9 -110,9
Ausländische Schuldenlast (Jahresende) 15 314,1 761,8 1023,2 1311
Zum Vergleich:
Exporte (in % des BIP) 10 8 16,1 28,6 23,9
Importe (in % des BIP) 12,4 11,5 18,6 22,8 18,9
Handelsbilanz (in % des BIP) -2,4 -3,5 -2,5 5,8 5
Saldo der Leistungsbilanz (in % des BIP) -4,4 -7,7 -7 -0,9 -2,6
Saldo der Zahlungsbilanz (in % des BIP) -0,3 -4,9 -2,5 -4,9 -4,6
Schuldenlast (in % des BIP) 22,2 46,2 64 59 61,9




(1) Frei an Bord (Franco à bord)

(2) Kosten, Versicherung und Fracht inbegriffen (Cout, assurance, fret inclus)

(Quelle: WB 1990a Bd. I, S. 10)

Da jedoch diese Kompensationsverträge im allgemei nen zugunsten des jeweiligen östlichen Handelspartners ausgelegt waren, verwandelten sich die substantiellen Defizite auf den Kompensationskonten in mittel- und langfristige Schulden.

Der Staatshaushalt blieb während der gesamten Periode von 1965 - 1985 defizitär. Dieses Defizit nahm im Laufe der Zeit immer mehr zu, je mehr die öffentliche Schuldenlast und die Ausgaben im Privatsektor (Zinsen, Dividenden und Fondseinlagen im Ausland), u.a. verbunden mit den Investitionen im Bergbausektor, auf das Budget drückten. Nach 1980 überstieg es sogar deutlich die Handelsbilanz des Landes. Unter der ersten Republik erreichten die öffentlichen Ausgaben in den Jahren 1971 und 1972 etwa 10% des BIP.

Angesichts der nationalen unzureichenden finanziellen Ressourcen mußte der überwiegende Teil der Investitionen mit ausländischen Anleihen finanziert werden. Indessen erwies sich die Produktivität dieser Investitionen im Laufe der Zeit als äußerst schwach, wodurch wesentliche Impulse für das Wachstum des Sektors oder eine Steigerung von Exporten ausblieben, so daß diese Anleihen schwer auf den ohnehin stetig anwachsenden Auslandsschuldenkonten lasteten. Aufgrund der Kapitalflucht und der hohen Tilgungsrate der öffentlichen Anleihen im Ausland erlaubten die Kapitalbewegungen keine Kompensationen des Defizits in der Zahlungsbilanz. Von 1970 an wurde die Gesamtbilanz negativ, hauptsächlich hervorgerufen durch das Schuldenwachstum im Ausland.

Die Abhängigkeit Guineas von ausländischen Geldquellen, um den Bedarf an geplanten Finanzierungen zu befriedigen, ließ die Schuldenlast von einem 25%igen Anteil am BIP im Jahre 1965 auf einen 62%igen Anteil während der Zeit von 1975 - 1985 ansteigen. Der Privatschuldenanteil beschränkte sich indes nur auf notwendige Finanzierungen im Bergbausektor.



5.3.3 Sackgasse Planwirtschaft - Verfall der ökonomischen Basiselemente

Obwohl die von der ersten Republik geführte Wirtschaftspolitik zu einer Modifizierung und in gewisser Weise auch Modernisierung der traditionellen Produktionsweisen geführt hat, so war sie jedoch völlig unfähig, auf die Anforderungen im Bereich von Industrialisierung, beständigem Wirtschaftswachstum oder der Sozialentwicklung Antwort zu geben. Schätzungen der Weltbank zufolge nahm das BIP von 1960 bis 1974 mit 2,4% im Durchschnitt weniger zu, als das mittlere Bevölkerungswachstum von 2,8%. Dies bedeutete eine Verminderung des BIP von insgesamt 4% pro Einwohner Guineas für obengenannten Zeitraum (WB 1990a Bd. I, S. 2).

Zwischen 1975 und 1980 sorgten die Gründungen der großen Bauxitgesellschaften in Kamsar und Débélé (Kindia)(128) für ein jährliches Wachstum von 3,5%. Von 1981-85, als die neuen Minen ihre vollen Produktionskapazitäten erreicht hatten, sich aber in den übrigen Sektoren die rezessive Tendenz verstärkte, fiel das Wachstum des BIP schließlich auf 1,4% pro Jahr zurück (ASotS 1993, S. 413).

Die Vielgestaltigkeit der Naturräume Guineas erlaubte es, eine variationsreiche landwirtschaftliche Produktion zu entfalten, die etwa drei Viertel der Bevölkerung des Landes

versorgte und 1960 etwa die Hälfte des BIP ausmachte. Die Plantagen, insbesondere Ananas, Bananen, Palmen und Kaffee, stellten zu Beginn der I. Republik einen großen Anteil am Exporteinkommen des Landes.

Der Niedergang der Landwirtschaft begann mit der Vernachlässigung der rentablen agrarischen Exportproduktion in den 60er Jahren. Mit der Verlagerung des Investitions- und Entwicklungsschwerpunktes auf den Bergbau und die Industrialisierung während der 70er Jahre verlor die Landwirtschaft vollends den Rückhalt in der staatlichen Wirtschaftspolitik. Eine Rückbesinnung auf die ungenutzten landwirtschaftlichen Potentiale, die mit Hilfe einer nationalen Kraftanstrengung, des "investissement humain(129)", wieder inwertgesetzt werden sollten, konnte sie nicht mehr retten.

Tabelle 15: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) während der I. Republik (in Mrd. Syli zum jeweils aktuellen Wert).

BIP/Jahr 1960 1965 1970 1975 1980 1985
BIP zu Marktpreisen: 11,9 12,8 16,8 24,2 32,9 51,5
Primärer Sektor 6,4 7,3 8,3 11,7 13,4 20,6
Sekundärer Sektor 3 3,2 4 4,3 7,3 11,2
Tertiärer Sektor 2,5 2,9 4,5 8,2 12,1 14,8
Indirekte Steuern ohne Subventionen 0 0,8 1,3 1,7 4,3 n.bek.
BIP zu Faktorkosten 11,9 12 15,5 22,5 28,6 51,5
BIP pro Kopf (Syli) 3840 3660 5000 5260 6210 8460
Primärer Sektor (in % des BIP) 53,8 52,3 49,4 48,3 40,7 40
Sekundärer Sektor 25,2 25 23,8 27,8 22,2 21,7
davon Bergbau 7,6 9,4 8,9 7,4 14 13,4
Tertiärer Sektor 21 22,7 26,8 33,9 36,8 38,4
davon Verwaltung 8,4 13,3 16,7 9,5 13,1 n.bek.
Z. Vergl.: (in Syli, Basiswert 1980 (1))
BIP zu Marktpreisen (Mrd. Syli) 19,7 19,7 22,9 28 32,9 35,5
BIP pro Kopf 6350 5630 5580 6090 6210 5830


(1) 1 Syli = 0,096 DM

(Erarbeitet nach: WB 1990a Bd. I, S. 3)



Obgleich die Exporte in die osteuropäischen Länder, mit denen Guinea in immer größerem Maße enge Handelsverträge abschloß, dem Land eine teilweise Kompensierung der Verluste auf den internationalen Märkten mit harter Währung ermöglicht hätten, hatte diese Entwicklung der Handelsstrukturen im landwirtschaftlichen Produktionssektor eine deutliche Verminderung der Chancen zum Neuzugang zu Märkten mit westlichen bzw.

strengeren Qualitätsnormen zur Folge. Außerdem konnte das Produktionswachstum der landwirtschaftlichen Versorgungsgüter mit dem Rhythmus des Bevölkerungswachstums nicht schritthalten.

Die unerbittliche Regression nach der Unabhängigkeit Guineas waren im wesentlichen den überaus ungünstigen ökonomischen Rahmenbedingungen zuzuschreiben, die aus einem beträchtlich überbewerteten Wechselkurs, einem durch die Verwaltung festgelegten Preisrückgang in der Produktion, einem Mißbrauch der Handelsquoten, den Hindernissen für den Privathandel, der gegen uneinsichtige Staatsmonopole zu kämpfen hatte, und den ungeheuren Subventionen an die staatlichen Unternehmen resultierten. Kleine Bauern, die die große Mehrheit des ländlichen produzierenden Gewerbes darstellten, waren gezwungen, autark zu leben, und versuchten, wenn es irgend möglich war, heimlich ihre Erzeugnisse in die Nachbarländer zu exportieren. Der Rückgang der nationalen Produktion hatte einen raschen Anstieg von Nahrungsmittelimporten zur Folge, mit denen ausschließlich die urbane Bevölkerung versorgt werden mußte.

Der Anteil der Bergbauindustrie am BIP blieb indessen unter 10%. Der Bergbausektor setzte sich damals aus gemischtwirtschaftlichen Gesellschaften mit ausländischem Anteil zusammen, im wesentlichen bestehend aus 3 Bauxitgesellschaften sowie je einer Gold- und Diamantengesellschaft(130). Darüber hinaus lockten die teilweise noch unerforschten Gold- und Diamantvorkommen in Ober- und Waldguinea Tausende von Menschen an, die ihr Glück im handwerklichen Schürfen versuchten.

Tabelle 16: Anteil der Bauxit/Aluminaausfuhr am Gesamtexport 1982-85 (in %).

1982 1983 1984 1985
Bauxit/Aluminaanteil an Gesamtexport (%) 96,5 98,1 98,5 96,4


(Quelle: HILLEBRANDT/WEIMER 1988, S. 38)



Am Ende der 70er Jahre erfuhren die Bauxitexporte einen rapiden Anstieg und die Produktion erreichte gegenüber 10,6 Mio t im Jahre 1975 einen Höchststand von 13 Mio t im Jahre 1980, was einen Anstieg des guineischen Anteils an der Weltproduktion von 15% auf 17% zur Folge hatte (WB 1990a Bd I, S. 4). So übernahm der Bergbau in diesen Jahren gegenüber dem Landwirtschaftssektor die Rolle des zentralen Stützpfeilers der Wirtschaft ein. In der Zeit von 1980 - 1985 kamen im Durchschnitt etwa 30% der Steuereinnahmen und mehr als 95% aller Exportgewinne aus dem Bergbausektor, obwohl sich sein Anteil am BIP Guineas nur auf 15% belief und er nur 7000 Beschäftigte aufwies (EBENDA, S. 5).

Diese Zahlen sind ein Beweis für das Ungleichgewicht in der guineischen Ökonomie und die Rolle, die der Bergbausektor in dieser Situation spielt. Tatsächlich war er wohl indirekt erheblich mehr an der Finanzierung von Arbeitsplätzen in der Verwaltung und an Einfuhren von Konsumgütern beteiligt, als an der Steigerung der nationalen Produktions

kapazität und an der Schaffung von Arbeitsplätzen im privaten Sektor allgemein. Die Minen funktionierten als Enklaven und waren weder willens noch in der Lage, fruchtbare und produktive Verbindungen mit der übrigen Wirtschaft einzugehen.

Zu Beginn der 60er Jahre setzte sich die industrielle Basis Guineas aus einigen wenigen ausländischen Firmen zusammen, die sich noch vor der Unabhängigkeit im Lande niedergelassen hatten. Die industrielle Produktion machte weniger als 5% des BIP aus. Im Rahmen des ersten Entwicklungsplanes der ersten Republik wurde ein ambitiöses Regierungsprogramm ins Leben gerufen, welches die Gründung von 20 staatseigenen Firmen vorsah. Mit Ausnahme der Herstellung von Ananaskonserven, Öl aus verschiedenen Basisstoffen und Chinin war die Produktion der übrigen Unternehmen für den nationalen Markt bestimmt, der aufgrund der geringen Kaufkraft wenig entwickelt war und sich zudem noch meist mit der Monopolstellung dieser Unternehmen zufriedengeben mußte. Die Staatsunternehmen im industriellen Sektor wurden folglich schnell mit den Problemen ungenutzter Überkapazitäten aufgrund von Rohstoff- und Ersatzteilmangel sowie fehlendem qualifiziertem Führungs- und Wartungspersonal konfrontiert.

Mit der Zeit wurden alle noch im privaten Sektor verbleibenden Unternehmen nationalisiert, und die Aktivitäten des öffentlichen Sektors erfaßten bald ebenso den Dienstleistungsbereich und die Kommerzialisierung von Konsumgütern. 1984 verfügte Guinea über etwa 130 Handels- und Industrieunternehmen, die insgesamt ungefähr 100.000 Personen beschäftigten (WB 1990a Bd. I, S. 5). In der Zwischenzeit jedoch war aufgrund der Unfähigkeit dieser Unternehmen, die Nachfrage zu befriedigen, der informelle Sektor zur wichtigsten Quelle in der Versorgung mit Konsumgütern geworden.

Die rudimentäre Infrastruktur, die Guinea im Augenblick der Unabhängigkeit geerbt hatte, bestand aus einem wenig entwickelten Straßennetz, einer zu Beginn des Jahrhunderts erbauten Eisenbahnlinie zwischen Conakry und Kankan(131), sowie zwei kommerziellen Häfen, in Conakry und Benty(132) gelegen. Mangelnde Wartung und Instandhaltung hatten schnell eine Degradierung der Infrastruktur zur Folge, wodurch die Verbindung zwischen Conakry und dem Hinterland weiter geschwächt wurde. Die Wasser- und Elektrizitätsversorgung funktionierte zwar in den meisten urbanen Zentren, aber ihre Anlagen, Einrichtungen und Ausrüstungen waren mehr und mehr veraltet und wurden nicht erneuert. Die Nutzungsgebühren wurden selten angeglichen und die Ausgleichsrate von Rechnungen blieb hoffnungslos niedrig. Der öffentliche Dienst litt unter erheblichen Führungsproblemen, resultierend aus einer inkompetenten und korrupten Direktion. Die großen Bergbaugesellschaften kapselten sich von diesen desolaten Zuständen ab, indem sie sich ihr eigenes Transportsystem aufbauten und dessen Unterhaltung selbst durchführten und überwachten.

Eines der Hauptziele der ersten Republik war die Verbesserung des Sozialsystems. In diesem Bestreben wurde jedem Bürger der Zugang zu einer kostenlosen Ausbildung verschafft. Zwischen 1955 und Anfang 1980 stieg die Zahl der Schüler von 45.000 auf ca. 400.000 an. In der mittleren Schulausbildung sowie in der technischen Berufsausbildung kletterte die Einschulungsquote in dieser Zeit von 30.000 auf 115.000 Schüler (WB

1990a Bd. I, S. 5). Die Zahlen verschleierten jedoch die Mittelmäßigkeit des Bildungssystems, das unter einem Mangel an qualifiziertem Personal und einer extremen Politisierung litt. Das System räumte der theoretischen Ausbildung - die noch dazu eine minderwertige Qualität besaß - zuviel Raum ein, auf Kosten der praktischen Ausbildung. Das Ergebnis war, daß die diplomierten Ausbildungsabgänger keinerlei nützliche Kompetenz als Basis vorweisen konnten, wodurch es für sie immer schwieriger wurde, einen Arbeitsplatz zu finden. Damit war das Land einem permanenten Mangel an wirklich qualifiziertem Technik- und Verwaltungspersonal ausgesetzt.

Darüber hinaus hatten die Universitätsabgänger die Garantie erhalten, daß sie am Ende ihres erfolgreich abgeschlossenen Studiums einen Arbeitsplatz zugesichert bekämen. Infolge der quasi Nichtexistenz eines privatwirtschaftlichen Sektors, der die Berufsanfänger hätte auffangen können, wurde der Staat durch dieses Versprechen gezwungen, ständig Einstellungen vorzunehmen. Infolgedessen wuchs am Ende der 70er Jahre die Einstellungsrate für den Staatsdienst jährlich um 7-10%.

Von 1965 - 1979 wurden die Beamtengehälter eingefroren. Erst im Juli 1980 kam es zu einer Anhebung der Gehaltszahlungen von ca. 16%. Während dieser Zeit versuchte die Regierung, die langsame Entwertung der Gehälter durch eine strikte Preiskontrolle und Limitierung des Konsumgüter- und Dienstleistungsangebots aufzufangen. Doch anstatt den Kaufkraftverlust zu lindern, führten eine verfehlte Geldpolitik sowie Produktionsboykotts der Bauern zu einer Verknappung von Nahrungsmitteln und Gebrauchsgütern, die seit Beginn der 70er Jahre eh einer strengen Rationierung unterworfen waren. Die unmittelbare Folge war die Entstehung und schnelle Ausweitung eines Parallel-Marktes sowie die Verbreitung der Korruption als gesellschaftlich/ökonomische Notwendigkeit.



5.3.4 Die öffentlichen Finanzen - Verschuldung, Subventionen und unkontrolliertes Haushaltswachstum

Die Steuereinnahmen, die aus dem Bergbausektor kamen, sowie der Transfer zwischen den staatlichen Unternehmen und der Regierungskasse stellten die wichtigsten Quellen der Staatseinnahmen dar. Von einem unbedeutenden Prozentsatz von 1966 stiegen die Steuereinnahmen, die aus den drei Bergbauunternehmen kamen, auf 33% des Gesamtsteuervolumens im Jahre 1984 an. Dies ist sicherlich nicht vollständig dem Rückgang des privatwirtschaftlichen Sektors außerhalb des Bergbaugeschehens zuzuschreiben, sondern vielmehr dem absoluten Wachstum der Einnahmen aus dem Bergbausektor anzurechnen. Der Anteil des Gewinntransfers der Staatsunternehmen an den Steuereinnahmen, der 1966 noch 25% ausmachte, ging 1980 auf 15% zurück, eine direkte Folge von Überkapazitäten und gravierender Rentabilitätsverminderung.

Tabelle 17: Staatshaushalt der I. Republik von 1964-68 (in Mrd. FG).

Haushalt/Jahr 1964 1965 1966 1967 1968
Ordentlicher Haushalt(1) 11,7 22,6 25 29,6 32,1
Davon: Personalausgaben 4,9 11,1 9,5 10,3 11,2
Sachausgaben(2) 1,8 0,9 3,9 4,7 4
Subventionen 1,9 0,5 0,7 0,1 0,1


(1) Ohne Regional- und Entwicklungshaushalte, Haushaltsjahr: 1. Oktober des vorhergehenden bis 30. September des angegebenen Jahres.

(2) Einschließlich Instandhaltung.



(Erarbeitet nach: StLKB 1969, S. 21; StLKB 1973, S. 26; StLKB 1975, S. 22)



Der Transfer der Überschüsse geschah größtenteils zugunsten der staatlichen Handelsmonopolgesellschaft IMPORTEX, die durch das Privileg, Zugang zu überbewerteten Devisen zu haben, durch hohe Margen auf den Importen sowie geringe Unterhaltungs-, Instandsetzungs- und Erneuerungsausgaben erhebliche nominale Profite erzielen konnte(133). Während der ganzen Regierungszeit der I. Republik wurde der Bedarf an Importprodukten im Rahmen eines allgemeinen Jahresimportprogramms der IMPORTEX formuliert, obwohl die für die Realisierung von Investitionsplänen und öffentlichen Unter-

nehmen benötigten Einfuhren direkt durch den Staat oder die betroffenen Unternehmen getätigt wurden.

Es ist anzunehmen, daß zwischen 1966 und 1980 die Staatsausgaben in einem Rhythmus von mehr als 10% gegenüber den Einnahmen zugenommen haben (WB 1990a Bd. I, S. 7). Trotz ihres extrem niedrigen Niveaus nahmen die Gehälter der Staatsbediensteten aufgrund ihrer Masse 30 - 50% der Gesamtausgaben ein.

Der Staatshaushalt wuchs in der Aufbau- und Konsolidierungsphase der I. Republik rapide an und hatte 1968 schon das Dreifache des Haushalts von 1964 erreicht. Die Haupteinnahmequellen stellten die Einkommens- und Vermögenssteuern sowie die Außenhandelssteuern (Einfuhrzölle) dar. Neben den Personal- und Sachausgaben nahm der Schuldendienst einen immer bedeutenderen Rang in der Ausgabenstruktur ein, da die externe Verschuldung gerade in den von Investitionen im Bergbau geprägten 70er Jahren erheblich zunahm.

Grafik 7: Äußere Verschuldung Guineas 1965-84 (in Mill. US$).



1984 betrugen die öffentlichen Auslandsschulden etwa 1,66 Mrd. US$. 62% davon entfielen auf bilaterale Kredite, während 26% von multilateralen Finanzierungsinstituten gestellt wurden. Unter den bilateralen Kreditgebern hatte die Sowjetunion mit ca. 43% den größten Anteil. Es folgten China mit 21%, die USA mit 9% und Saudi-Arabien mit 8% (StLB 1987, S. 56).

Mitte der 70er Jahre konsolidierte sich der Haushalt, da sich zu dieser Zeit die wirtschaftliche Lage aufgrund der Aktivitäten der Bauxitgesellschaften stabilisiert hatte. In dieser Phase konnten sogar Überschüsse erwirtschaftet werden, die in den darauffolgenden Haushalt flossen. Die Bauxitkrise zu Beginn der 80er Jahre forderte eine drastische Erhöhung des Haushaltes, dessen Bilanz deutlich negativ wurde.

Tabelle 18: Staatshaushalt der I. Republik von 1976-84 (in Mrd. Syli(1)).

Jahr(2) 1976 1977 1978 1979 1980 1981 1982 1983 1984
Einnahmen 10,7 9,2 10,1 9,7 9,7 12,7 17,8 10,2 11
Ausgaben 9,7 7,9 7,5 14,8 10,8 15,1 23,3 15,3 13,3
Saldo 1 1,3 2,6 -5,1 -1,1 -2,4 -5,5 -5,1 -2,3
Ausgaben:
Personalausgaben 2 2,2 2,4 2,8 3,4 3,9 4,3 4,6 5
Sachausgaben 0,9 0,8 1,1 1,8 2,3 1,8 4,6 0,8 1,8
Subventionen 0,2 0 0,1 0,3 0,4 1,4 6,5 6,5 3,9

(1) Bis 30.09.1972 Franc Guinéen (FG), danach Syli Guinéen (SG).

(2) 1976 12-Monatshaushalt ohne Terminangabe, Teil des durch Umstellung auf das Kalenderjahr über 15 Monate laufenden Haushalts (10/75-12/76), ab 1977 Kalenderjahre.

(Erarbeitet nach: StLKB 1983; StLKB 1985; StLB 1987 ).



Den größten Anteil an den Steuereinnahmen hatten nach wie vor die Außenhandelsabgaben mit durchschnittlich 55%(134) Sie setzten sich zu 56% aus der Mineralexportsteuer und zu 43% aus Einfuhrsteuern zusammen. Es wird geschätzt, daß das Staatsbudget in der Zeit von 1976 - 1981 eine Schuldenlast von 11,6 Milliarden Sylis(135) akkumuliert hatte, was einen jährlichen Durchschnitt von 8% des BIP bedeutete. Dieses Defizit war hauptsächlich dem Ungleichgewicht zwischen dem Nettotransferniveau zugunsten der staatlichen Unternehmen und dem progressiven Anstieg der Staatsführungskosten zuzuschreiben. Gerade in den letzten Jahren der I. Republik nahmen die Subventionsleistungen für die maroden Staatsbetriebe bedenkliche Dimensionen an, deren Finanzierung überwiegend durch Anleihen im Ausland und eine erhöhte Geldmittelproduktion gesichert werden mußte.



5.3.5 Schlußbilanz eines gescheiterten Wirtschaftszentralismus

Die wesentlichen Charakteristika der in der I. Republik geführten Wirtschaftspolitik waren:

1. die Kollektivierung und Zentralisierung industrieller und landwirtschaftlicher Produktionskapazitäten, ein Staatsmonopol im Handel und in der Güterverteilung;

2. die Interventionspolitik und die Kontrolle durch den Staat bzw. die Partei zu jeder Zeit und in jedem Bereich;

3. der Mangel an Unterstützung für die Entwicklung des privatwirtschaftlichen Sektors, seine Diskriminierung und schließlich seine Unterdrückung;

4. Die Preiskontrolle und Subventionspolitik mit ihren zerstörerischen Auswirkungen auf die Beziehung zwischen städtischen Agglomerationen und ländlichem Raum;

5. und die protegierte Monopolstellung der staatlichen Betriebe und Unternehmen.

Die Wirtschaft:

Die guineische Wirtschaft war in ihrer Funktionsweise in einen den Staat, seine Unternehmen und die Bergbaugesellschaften umfassenden offiziellen Teil sowie einen in-

offiziellen Teil, den informellen Sektor, untergliedert. Der offizielle Teil steuerte nur etwa ein Viertel des BIP bei und beschäftigte rund 90 - 100.000 Personen in der Verwaltung und in den Staatsbetrieben (BAH, S. 1990, S. 2). Es gab insgesamt 178 staatliche Unternehmen, die das Monopol in allen Produktionssektoren(136) sowie im Dienstleistungs-, Banken- und Versicherungsbereich besaßen. Die übrigen drei Viertel des BIP wurden vom informellen Sektor erwirtschaftet. Er befriedigte 80% der urbanen und nahezu 100% der ländlichen Nachfrage an Gütern und Dienstleistungen.

Der Banksektor:

Es waren 6 Staatsbanken für die Aktivitäten in den verschiedenen Wirtschaftssektoren gegründet worden, die als Dependance der guineischen Zentralbank arbeiteten. Infolge der stetigen Verringerung ausländischer Anlagen und ihres permanenten Liquiditätsmangels waren die Banken von einer ständigen Zahlungsunfähigkeit bedroht. Die Währung war mit einem offiziellen Wechselkurs von 25 GS für 1 US$ gegen 300 GS für 1 US$ auf dem Parallel-Markt hoffnungslos überbewertet.

Die öffentlichen Finanzen:

Gegen die permanente Verminderung der Staatseinnahmen standen wachsende Subventionsleistungen für die Unternehmen und Betriebe der öffentlichen Hand, die zudem durch Unproduktivität, Überkapazitäten und schlechtes Management die Einnahmen im Zoll- und Steuerbereich zusätzlich schmälerten. Die öffentlichen Investitionen erwiesen sich als ungenügend, zu zentralisiert verwaltet und zu unausgewogen auf die verschiedenen Wirtschaftszweige verteilt.

Das Modell der zentralisierten Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft war zum Scheitern verurteilt, da weder angemessene Verwaltungskapazitäten, noch das nötige Führungspersonal zur Verfügung standen, um eine zentrale Planwirtschaft in die Wirklichkeit umzusetzen. Das Versagen der guineischen Wirtschaftspolitik war begleitet von schweren Menschenrechtsverletzungen, von der Nötigung und Unterwerfung der Bevölkerung durch ein Terrorregime, in dem jede Diskussion und Privatinitiative untersagt war. Zahlreiche guineische Bürger, deren Kompetenzen dem Land hätten nützlich für seine Entwicklung sein können, flüchteten außer Landes oder wurden ins Gefängnis geworfen und verschwanden. Das fast gänzliche Untersagen von Aktivitäten im privatwirtschaftlichen Sektor trug zur Veruntreuung und Vergeudung öffentlicher Mittel bei, und führte zur Förderung von Korruption und der Herausbildung einer Verhaltensweise zur alleinigen Sicherung des persönlichen Vorteils.

Im Augenblick der Unabhängigkeit war Guinea ein armes Land, das dennoch ein bedeutendes Produktionspotential besaß, in dem die landwirtschaftlichen Produzenten noch relativ wirkungsvoll in die Volkswirtschaft integriert waren. Die guineische Wirtschaft der 80er Jahre hingegen war äußerst fragmentiert ausgebildet und sein Potential immer noch in großem Maße ungenutzt. Ein quasi autarker Landwirtschaftssektor lebte mit einer urbanen Bevölkerung einher, die fast ausschließlich von den Erträgen des Bergbausektors abhing, und dessen Aktivitäten sich hauptsächlich auf die Entwicklung des Parallel-Marktes oder eines völlig unproduktiven öffentlichen Sektors konzentrierten(137).

Tabelle 19: Ausgewählte Wirtschaftsindikatoren für Guinea 1984.

Grunddaten
Fläche (km2) 246000
Bevölkerung 5924000
Bevölkerungswachstum (%) 2,8
BIP pro Kopf (US$) 3000
Wachstum des BIP pro Kopf (%, 1980 - 1985) -0,8
Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (1)
BIP (Wachstum in %) 1,6
Davon. Landwirtschaft 1,7
Industrie 1,6
Handel und Dienstleistungen 1,4
Landwirtschaft (in % des BIP) 41,2
Industrie (in % des BIP) 13,1
Handel und Dienstleistungen (in % des BIP) 32,4
Öffentliche Finanzen
Einnahmen (in % des BIP) 21,5
Ausgaben 21,9
Zahlungsbilanz (in Mill. US$)
Warenverkehr (fob): Import 438
Export 532
Saldo der Handelsbilanz 94
Saldo der Dienstleistungsbilanz und private Übertragungen -171
Saldo der staatlichen Übertragungen 19
Saldo der Leistungsbilanz -58
Fremdinvestitionen 34
Mittel- und langfristige Kredite -30
Kurzfristige Kredite -12
Ungeklärte Beträge -12
Gesamtzahlungsbilanz -78
Beschäftigte(2) (in 1000) (in %)
Landwirtschaft 2022 82
Industrie und Bergbau 271 10,98
Handel und Dienstleistungen 173 7,02
Gesamt 2466 100
Produktivität der Beschäftigten (pro Kopf) (in US$) (in %)
Landwirtschaft 351 51,85
Industrie und Bergbau 1343 198,38
Handel und Dienstleistungen 3445 508,86
Gesamt/Durchschnitt 677 100
Produktion (in Mill. US$) (in %)
Landwirtschaft 710 42,38
Industrie und Bergbau 383 22,86
Handel und Dienstleistungen 582 34,75
Gesamt 1675 100


(1) Jährliche Wachstumsrate zu konstanten Preisen von 1982.

(2) 1985.

(3) Ausgleich durch Um- und Weiterverschuldung.

(Erarbeitet nach: WB 1986a, S. 33ff.; StLB 1989, S. 76)

Die Bauxitexporte erlaubten in einem gewissen Rahmen die Konsumfinanzierung, doch kaum etwas von den Exporteinkommen wurde für rentable Investitionen eingesetzt, folg-

lich stagnierte die restliche Wirtschaft. Indessen zwangen die wachsende Unproduktivität der öffentlichen Hand und der Rückgang der Steuereinnahmen und Deviseneinkünfte aus dem Bergbausektor das Land zur Verbrauchseinschränkung. Eine tiefgreifende Staats- und Wirtschaftsreform erwies sich als unabdingbar.



5.4 Willensstarker Aufbruch mit schwerer Erblast: die II. Republik

Geführt vom Gefühl des Aufatmens und der Befreiung der Gewaltherrschaft Sékou Tourés, von einem überschwenglichen Optimismus und Unternehmergeist sowie von der Aussicht auf eine kommende Liberalisierung der Märkte und der internationalen Öffnung wurden umfangreiche Anleihen getätigt, um die stagnierende volkswirtschaftliche Entwicklung endlich vorantreiben zu können. Dies geschah zunächst ohne entsprechende Planung und Vorbereitung, so daß die Rentabilität der Investitionen fraglich blieb.

Infolge des Mißmanagements, der mangelnden Wartung und Instandhaltung sowie der ungenügenden Rohstoffzufuhr befand sich der Großteil der Produktionsanlagen außer Funktion. Noch tätige Betriebe, nur einen Bruchteil ihrer Kapazität nutzend, versuchten ihre Verluste dadurch auszugleichen, daß sie einen erheblichen Teil ihrer Produkte auf dem Parallel-Markt zu dem dort herrschenden Kurs verkauften(138). Längst war offensichtlich, daß die für die Unternehmen zur Rohstoffeinfuhr benötigte Devisenmenge bei weitem diejenige übertraf, die nötig gewesen wäre, um die von diesen Unternehmen produzierten Güter direkt zu importieren. Diese negative Bilanz ergab sich aus der Tatsache, daß nur ein geringer Teil der zugeteilten Devisen von den Unternehmen tatsächlich auf den Rohstoffimport verwandt wurde und nur ein Teil der Produktion auf dem Markt erschien. Große Mengen der Produktion wurden von den Angestellten als Ausgleich für die geringen Löhne einbehalten.

Die als nahezu anarchistisch zu bezeichnende Situation im Finanzsektor, charakterisiert durch Liquiditätsausfall der Banken, wachsende Verschuldung und galoppierender Inflation, zwang die Regierung zu radikalen Wirtschafts-, Finanz- und Verwaltungsreformen, die mit Hilfe des IWF und der internationalen Entwicklungshilfe ausgearbeitet und vollzogen werden sollte. Nach Gesprächen mit Vertretern aus den einzelnen Wirtschaftssektoren(139) erstellte die neue Regierung unter Mithilfe der Vereinten Nationen ein erstes, vorläufiges Programm für den nationalen Wiederaufbau(140). Dieser Vorläufer, der neben einer makroökonomischen und sektoralen Bestandsaufnahme und Analyse eine erste Entwicklungsstrategie und ein Investitionsprogramm enthielt, bildete die Grundlage für das nachfolgende Programm zur Reformierung von Staat und Wirtschaft.



5.4.1 Die Basis: Einleitung grundlegender Wirtschafts- und Finanzreformen

Am Ende des Jahres 1985 stellte die Regierung sein in enger Zusammenarbeit mit dem IWF, der Weltbank und der internationalen Entwicklungshilfe erarbeitetes, endgültiges

Wirtschafts- und Finanzreformprogramm(141) vor. Das Hauptziel dieses Programms lag in der grundlegenden Restrukturierung der guineischen Ökonomie durch die Aufhebung der staatlichen Wirtschaftslenkung zugunsten einer Wiederbelebung des privatwirtschaftlichen Sektors sowie in der Reorganisation des staatlichen Verwaltungsapparates.

Mit der Einführung einer liberalen Politik sollten die lange Zeit unterdrückten und ungenutzten Kräfte des Landes mobilisiert werden, damit die Produktivkräfte des Landes wieder voll entfaltet werden können. Dazu sollte ein progressiver Ausgleich der Wirtschaftssektoren im Hinblick auf Investitionen und Produktion zugunsten der Landwirtschaft und des Fischereiwesens erfolgen. In einer ersten Etappe sollte das Land zum Selbstversorgungsstatus zurückfinden, um dann in einer zweiten Etappe der Mehrproduktion landwirtschaftliche Erzeugnisse exportieren zu können und somit unabhängiger von den schwankungsanfälligen Bauxitexporten zu werden. Eine besondere Bedeutung sollte der verstärkten Integration in die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft beigemessen werden.

Das Reformprogramm war in drei aufeinander aufbauende Phasen gegliedert, die im Rahmen des Modells der strukturellen Anpassung des IWF und der Weltbank durchgeführt werden sollten(142). Die ersten beiden Phasen (1986-88 und 1989-91), die die Basisreformen in Wirtschaft und Verwaltung einleiteten, erhielten die Unterstützung der internationalen Gebergemeinschaft, dessen Rückgrat zwei Strukturanpassungskredite der Weltbank (1986: 42 Mill. US$ und 1988: 65 Mill. US$) und eine Strukturanpassungshilfe des IWF (1987: 36,6 Mill. US$) bildeten (WB 1986a, S. 1; WB 1988a, S. 1). In der dritten Phase (1991-94), durch den IWF mit einer zusätzlichen Strukturanpassungshilfe von 79,9 Mill. US$ finanziert (EIU CR 1/92, S. 18), sollten dann die Reformergebnisse konsolidiert, die Wirtschafts- und Finanzpolitik weiter stabilisiert werden.

Andere bi- und multilaterale Entwicklungshilfepartner waren vorwiegend an der Finanzierung der die Reformen unterstützenden und begleitenden Entwicklungsprogramme in den einzelnen Wirtschafts- und Sozialsektoren beteiligt. Im ersten Abschnitt des Reformprogramms (1985-88) war eine Schocktherapie für die guineische Wirtschaft vorgesehen, die durch radikale Maßnahmen zur massiven Entwertung der Landeswährung, zur Preis- und Handelsliberalisierung, zur Privatisierung der staatlichen Unternehmen sowie zur Verkleinerung und Effizienzsteigerung des Verwaltungsapparates vollzogen werden sollte.



5.4.2 Phase I (1985 - 1988): Liberalisierung und Verwaltungsreform

Die Geldentwertung

Am Ende des Jahres 1985 begann die guineische Regierung, in den Banken Schalter für den täglichen Devisenumtausch mit dem um 1500% abgewerteten Syli einzurichten. Am 28. Januar 1986 lag dann der offizielle Wechselkurs nur noch um 16% unter dem des Pa-

rallel-Marktes (WB 1990a, S. 13). Ein System der wöchentlichen Devisenversteigerungen durch die Zentralbank zu einem von ihr zuvor festgelegten Kurs hatte sich inzwischen bewährt. Um den Devisenmarkt kontrollieren zu können, mußten Privatunternehmer ihre Devisennachfrage gegenüber der Zentralbank durch eine Beschreibung der zu importierenden Güter nach Typ, Menge und Wert rechtfertigen(143).

Nach dieser ersten Entwertung gab der guineische Franc, der mittlerweile den Syli im Verhältnis 1:1 ersetzt hatte, gegenüber dem US$ im selben Jahr um 18%, 1987 um weitere 11% nach. Die Zentralbank setzte sich nun zum Ziel, die Marge zwischen dem offiziellen Wechselkurs und dem des Parallel-Marktes nicht die 10%-Marke überschreiten zu lassen, was im großen und ganzen gelang(144).

Der Devisenverkauf der Zentralbank stieg im Zeitraum von 1986 bis 1988 um durchschnittlich 60% im Jahr. Der Deviseneinkauf, der im Jahre 1986 ca. 14% des Verkaufsvolumens betrug, versiebenfachte sich bis 1989 und erreichte nunmehr 39% des Verkaufs. Die negative Bilanz des Devisenan- und -verkaufs der Zentralbank wurde hauptsächlich mit den Steuereinnahmen aus dem Bergbausektor und den internationalen Finanzhilfen zur Regulierung der Zahlungsbilanz ausgeglichen.

Tabelle 20: Devisenhaushalt Guineas 1987 - 1989 (in Mill. US$).

Jahr 1987 1988 1989
Haushaltsmodus N(1) A(2) S(3) N A S N A S
Öffentlicher Dienst 304 270,6 -33,3 375,7 257,2 -119 403,7 276 -127,7
Direktimporte d. Reg. 56,6 0 -56,6 56,2 0 -56,2 55,9 0 -55,9
Staatl. Unternehmen 57,9 80,3 22,4 47,5 83,4 35,9 45,6 76 30,4
Staatsschulden 189 0 -189 272 0 -272 302,2 0 -302,2
Steuern Bergbausektor 0 177,5 177,5 0 151,8 151,8 0 185,3 185,3
Andere Einnahmen 0 12,8 12,8 0 22 22 0 14,7 14,7
Privatwirtschaftl. Sektor n.bek. n.bek. -47,2 n.bek. n.bek. -78,5 n.bek. n.bek. -90,3
Devisenversteigerung 133 35,8 -97 221,9 63,3 -159 229,1 89,1 -140
Sonstige n.bek. n.bek. 49,8 n.bek. n.bek. 80,1 n.bek. n.bek. 49,7
Zahlungsbilanzausgleichshilfe 0 67,9 67,9 0 54,9 54,9 0 94,1 94,1
Veränderung der Auslandsreserve(4) 0 0 -43,2 0 0 22,4 0 0 -39,7
Akkumulation der ausländischen Rückstände 0 0 24 0 0 76 0 0 16,2
Umschuldung 0 0 31,8 0 0 43,7 0 0 147,4


(1) Nachfrage.

(2) Angebot.

(3) Saldo.

(4) - = Akkumulation. (Quelle: WB 1990a Bd. I, S. 16)

Obwohl die Freigabe des Devisenmarktes große Summen für den Warenimport mobilisierte(145), und damit wesentlich zu einer ersten Stimulierung der privatwirtschaftlichen Aktivitäten beigetragen hatte, blieben privater und öffentlicher Sektor weiterhin defizitär (Tab. 20). Die Beständigkeit des neuen Devisensystems war sehr stark abhängig von der äußeren Unterstützung zum Ausgleich der Zahlungsbilanz, der Verschuldungslage sowie der allgemeinen Situation des staatlichen Devisenhandels(146). Als im Laufe des Jahres 1988 feststand, daß die Zahlungsbilanz der Devisennachfrage nicht standhalten konnte, glich die Zentralbank den Devisenmangel eher aus ihren Reserven aus, als daß sie noch einmal eine Entwertung riskierte. Dies bedeutete letztendlich eine reale Aufwertung des guineischen Franc gegenüber dem US$(147). Nichtsdestoweniger wog die negative Bilanz des Devisenhaushaltes immer schwerer auf den Gesamthaushalt und betrug 1988 etwa 10% des BIP (WB 1990a Bd. I, S. 17).

Die Währungs- und Bankenreform

Nachdem die strengen Restriktionen, die unter dem alten Regime auf den staatlichen Banken lasteten, nunmehr aufgehoben waren, nahm das Volumen der Transaktionen

merklich zu. Gleichzeitig führte jedoch die zunächst konzeptlose Übergangszeit oftmals zu zweifelhaften und unseriösen Praktiken in den Banken, da die Furcht vor schweren Sanktionen abnahm. Mit dem Beginn des Reformprogramms wurden die Staatsbanken geschlossen und deren Liquidierung eingeleitet. Die privaten Konten wurden zunächst eingefroren und dann allmählich abgebaut, um das Inflationsrisiko so gering wie möglich zu halten. Die Konten der öffentliche Hand wurden aufgelöst. Die Regierung entschloß sich, die Staatsbetriebe fortan mit Direktinvestitionen zu unterstützen(148).

Indessen begann mit der Auflösung der Staatsbanken gleichzeitig der Aufbau eines privaten Banksektors(149). Im März 1985 wurde ein neues Bankengesetz verabschiedet (WB 1990a Bd. I, S. 16). Im September darauf erhielt die Zentralbank in einem weiteren Gesetzesbeschluß das Recht zur Geldmittelproduktion und -ausgabe zurück, das sie 5 Jahre zuvor verloren hatte. Doch sahen diese Gesetze weder einen Mechanismus zur Kontrolle der Banken vor, noch legten sie Vorsichtsmaßregeln im Geld- und Kreditverkehr fest, die die Banken hätten respektieren müssen.

Die Verhandlungen der guineischen Regierung mit dem französischen Banksektor schritten fruchtbar voran, und schon ab August 1985 öffneten, gestützt von bedeutenden französischen Mutterbanken, 3 Handels- und Geschäftsbanken ihre Filialen in Conakry(150). Dieser wichtige Schritt zur Verwirklichung der Reformen wurde nur durch erhebliche Steuerbefreiungen zugunsten der Banken möglich. Indessen stellte die Tatsache, daß der Staat Aktionär von 2 Banken wurde, einen Unsicherheitsfaktor dar, der das Risiko einer staatlichen Einflußnahme erhöhte(151).

Die im Januar 1986 durchgeführte Währungsreform stellte einerseits einen symbolischen Akt dar, der das Vertrauen in das Finanzsystem wiederherstellen sollte, andererseits konnte damit die sich im Umlauf befindende Geldmasse genau bestimmt werden. Mit der Wiedereinführung des guineischen Franc (FG) wurden die während der I. Republik durchgeführten 4 Währungsreformen die durch ihre entwertende Wirkung als ein Zeichen der Verarmung des guineischen Volkes gedeutet wurden, praktisch annuliert. Mit der Schaffung des neuen Bankensystems auf privatwirtschaftlicher Basis und unter liberaler und moderater Führung der Zentralbank konnten drei für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes vorrangige Ziele erreicht werden: die Mobilisierung nationaler finanzieller Ressourcen, die Etablierung eines Kreditflusses für den privatwirtschaftlichen Sektor sowie die Wiederherstellung des Vertrauens der guineischen Öffentlichkeit in das Bankensystem.

Die Liberalisierung des Handels

Zu Beginn der II. Republik blieb die guineische Handelspolitik zunächst überaus protektionistisch. In der Regel lagen die Schutzzölle bei über 100%, doch die Spannbreite reichte von 0 - 1000%. Die Schutzwirkung dieser Zölle für die nationale Produktionsstruktur war aus mehreren Gründen fragwürdig:

1. Selbst wenn die Zölle zunächst einen effektiven Schutz geboten hatten, so wurde ihre Wirksamkeit durch die hohe Überbewertung des Syli aufgehoben.

2. Der größte Teil der nationalen Produktion, der in Konkurrenz zu den fremdländischen Importen stand, kam aus dem öffentlichen Sektor, in dem diese Schutzmaßnahmen offensichtlich wenig Einfluß auf Investitionsentscheidungen hatten.

3. Darüber hinaus unterlagen die für den privatwirtschaftlichen Sektor außerhalb des Bergbaus bestimmten Importe strengen Limitierungen, was Schmuggel, Korruption und Betrug auf der Zollebene favorisierte(152).

Vor allem die fehlende Abstimmung zwischen der Zollpolitik und der Entwicklungsstrategie für die nationale Wirtschaft wirkte sich entwicklungshemmend aus: für bestimmte Produktionszweige erwiesen sich die Schutzzölle als zu hohe Barrieren für eine fruchtbare Entwicklung, für andere wiederum waren sie zu gering, um gegen das Importangebot zu bestehen(153). Am 15. Januar 1986 erfolgte schließlich eine umfassende Zollreform. Ein Grundzoll von 10% für alle Importe wurde erhoben, begleitet von weiteren 5% für einige grundlegende Konsumgüter und landwirtschaftliche Produkte sowie 20-30% für Luxusgüter.

Diese vorsichtigen Maßnahmen hatten zunächst eine Testfunktion und dienten im Rahmen einer Integrationsstrategie aller wichtigen Wirtschaftselemente in die neue liberale Orientierung für eine genaue Situationsanalyse im Zollsektor. Schließlich war die Reaktion der nationalen Ökonomie auf die Währungsentwertung und die Reformen im Geld- und Bankensystem nur bedingt vorauszusehen. Des weiteren spielte die Rücksichtnahme auf die begrenzte Effizienz und Disziplin im Zolldienst eine Rolle, denn ein Basiszoll von mehr als 10% hätte sowohl eine Verminderung der Zolleinnahmen als auch eine Beflügelung von Schmuggeltätigkeiten und Korruption riskiert.

Die Abschaffung der Preiskontrolle.

Zusammen mit ihren Monopolen über den Warentransport, ihre Lagerung und Verladung gab die guineische Regierung ihre Politik der strikten Preiskontrolle 1986 auf. Dieser Reformschritt hatte zunächst keine bedeutende Wirkung bezüglich der ökonomischen Entwicklung, da der größte Teil des Handels und Warenaustausches über die Kanäle des Parallel-Marktes lief, der sich nach den jeweiligen Marktpreisen richtete. Nichtsdestoweniger war diesem Schritt hin zur Legitimierung des privatwirtschaftlichen Handels eine enorme Bedeutung beizumessen. Vor allem im Agrarsektor erhoffte man sich eine Wiederbelebung der Produktion für den Markt, die ganz besonders unter den oktroierten offiziellen Niedrigpreisen gelitten hatte.

Dennoch behielt sich die Regierung die Preikontrolle in einigen wichtigen Bereichen vor, wie z.B. für das Grundnahrungsmittel Reis. Ebenso blieben die festgesetzten Preise der größten Staatsunternehmen für den Vertrieb und die Verteilung von Mineralölprodukten, Elektrizität und Wasser sowie für den urbanen Transport deutlich unter dem realen Ko-

stenniveau. Dies beeinträchtigte die Wettbewerbsbedingungen und belastete weiterhin den Staatshaushalt.

Die Privatisierung und Restrukturierung der staatlichen Unternehmen.

Ein Teilziel der Reformen beinhaltete die Privatisierung bzw. Auflösung aller staatlichen Unternehmen aus dem Produktionssektor(154). Die verbleibenden Unternehmen im Dienstleistungssektor sollten zur Steigerung ihrer Effizienz einer grundlegenden Restrukturierung unterzogen werden. Gleichzeitig wurden Maßnahmen zur Verbesserung der diese Unternehmen überwachenden staatlichen Organe in institutioneller und rechtlicher Hinsicht eingeleitet. Der Schwerpunkt lag in der Verbesserung der Autonomie jener Unternehmen unter der besonderen Berücksichtigung einer Stärkung ihres Bewußtseins für Verantwortlichkeiten. Dazu erfolgte eine Aufwertung der Rolle ihrer Verwaltungsräte sowie die Einführung einer effektiven Leistungskontrolle.

Innerhalb von 2 Jahren wurden mehr als 80% der vorgesehenen Privatisierungen und Liquidationen vorgenommen. Von den zu Beginn der Reformen existierenden 131 staatlichen Unternehmen (WB 1990a Bd. I, S. 22) wurden 25 überwiegend aus dem Industriebereich stammende Betriebe privatisiert, 68 im Handel tätige Unternehmen aufgelöst. Gemäß Regierungsplänen sollten weitere 20 privatisiert oder aufgelöst werden. Von den restlichen 18 Unternehmen, die unter der Kontrolle des Staates bleiben sollten, würden nur 8 unter ihnen noch zu 100% ihm gehören.

Trotz der beeindruckenden Geschwindigkeit, mit der die erste Phase der Privatisierungen vorangetrieben wurde, zogen abenteuerliche Konditionen für gewisse Investoren, der generelle Mangel an Transparenz bezüglich zahlreicher Privatisierungsvereinbarungen sowie die schleppende Wiederinbetriebnahme der Unternehmen nach dem Privatisierungsakt schwere Kritik auf sich. Viele der privatisierten Unternehmen profitierten von erheblichen Steuerbefreiungen. In einigen Fällen wurde ihnen sogar ein Monopolrecht zugestanden, was dem Investitionsgesetz deutlich entgegenstand. Neben den Folgen dieser Sonderbedingungen stellte auch die finanzielle Durchführung des Privatisierungsprogramms die erhofften wirtschaftlichen Impulse in Frage. Denn allzuoft wurden die Verkaufsbeträge über lange Zeiträume, oft über Jahre hinweg, ohne jede Zinslast gestundet. Ausrüstungen und umfangreiche Lagerbestände wurden dem Investor oft zu einem symbolischen Preis überlassen.

Die Verwaltungsreform

Die neue Rolle des Staates erforderte eine tiefgreifende Reorganisation der öffentlichen Verwaltung. Es mußte eine inner- und intraministerielle Umverteilung der Verwaltungsfunktionen erfolgen, und eine deutliche Verbesserung der Personalführung mußte ebenso realisiert werden wie ein Programm zur Verminderung und Restrukturierung des Personalkörpers. Die aus der Zeit der I. Republik stammende Garantie auf einen Arbeitsplatz im Staatsdienst für Universitätsabgänger wurde 1985 aufgehoben, Einstellungen wurden zunächst blockiert(155).

Das eigens für die Durchführung der Verwaltungsreform geschaffene Generalkommissari-

at (Commissariat Général à la Réforme Administrative CGRA)(156) begann zunächst mit einer Angestelltenzählung im öffentlichen Dienst(157). Die Zählung, durchgeführt zwischen Dezember 1985 und Mai 1986, ergab eine Zahl von etwa 90.000 Staatsbediensteten (ohne Militär), wovon 72.000 in der Verwaltung und 18.000 in den Staatsbetrieben beschäftigt waren (WB 1990a Bd. I, S. 23).

Die Verringerung der Beamtenzahl, begleitet von Restrukturierungsmaßnahmen, sollte primär zunächst die Effizienz der Verwaltungsstruktur verbessern, als die Personalausgaben reduzieren(158). Hierzu wurden für alle Ministerien gleichermaßen neue interne Verwaltungsstrukturen entworfen, die, sich auf die Realität der vorhandenen Kapazitäten beschränkend, den neugeordneten und reformzielorientierten Herausforderungen mit bedeutend weniger Personal begegnen mußten.

In einer ersten Etappe wurde das Personal durch die ausnahmslose Durchsetzung des Ruhestandsalters von 55 Jahren sowie der Vorruhestandsregelung für Beamte mit über 30-jähriger Dienstzeit reduziert(159). Die zweite Etappe sah mehrere Tests zur Überprüfung der allgemeinen Eignung und Leistungsfähigkeit in allen Ministerien sowie der bereichsspezifischen Qualifikationen auf der Ebene jedes einzelnen Ministeriums vor. Beamte, die die Tests nicht bestanden, wurden entlassen.

Nach langwierigen Verzögerungen durch politischen Widerstand einerseits, aber auch durch die ständige Umgestaltung der Ministerien und die damit verbundenen Diskussionen um die Festlegung der zu prüfenden fachlichen Kompetenzen andererseits, waren Ende 1988 25.000 Beamte getestet worden. 53% bestanden die Tests und behielten ihre Posten. 21% fielen durch und wurden stufenweise entlassen. Die restlichen 26%, die ebenfalls nicht bestanden hatten, erhielten den Status der besonderen Verfügbarkeit und bekamen nach entsprechender Weiterbildung die Möglichkeit zur Wiedereingliederung.

Ein bedeutender Teil des Beamtenapparates, die paramilitärischen Korps (Zoll, Polizei, Präsidentengarde), nahm nicht an den Tests teil. Dennoch konnte in den Jahren 1985 bis 1988 die Zahl der Staatsbediensteten von ca. 103.000 auf 71.000 verringert werden. Davon gehörten etwa 15.000 dem Militär an, während weitere 5.000 auf zeitlich begrenzter Vertragsbasis angestellt waren und somit keinen Beamtenstatus besaßen(160).

Um der Privatwirtschaft die Absorption der entlassenen Staatsbediensteten zu erleichtern, schuf die Regierung ein Hilfsbüro zu deren Wiedereingliederung (Bureau d'Aide à la Re-

conversion des Agents de la Fonction Publique BARAF), dessen Hauptaufgabe darin bestand, ehemaligen Beamten finanzielle und fachliche Hilfestellung bei Unternehmensgründungen zu geben. In der Regel konnten dabei deren Renten und Abfindungen als Sicherheiten eingesetzt werden, um den benötigten Kredit für den Aufbau des Unternehmens zu erhalten(161). Ende 1988 waren 1800 Unternehmensprojekte eingereicht worden, 400 von ihnen wurden Kredite bewilligt. Da jedoch die Unternehmer nach ihrer Existenzgründung keinen weiteren fachlichen Beistand bekamen, löste sich ein Großteil der Projekte schnell wieder auf, und die Kredite konnten nicht zurückgezahlt werden.

Tabelle 21: Die Personalreduzierung im Rahmen der Verwaltungsreform 1985-88.

Personalbereiche Bergbau Banken Staatsbetriebe Ministerien Militär Unbestimmt Gesamt
Personal Ende 1985 6517 4394 6200 70989 12700 2000 102800
Ruhestand -610 -4090 -4700
Vorruhestand -380 -6146 -6526
Freiwillige Abgänge -2391 -5985 -1744 -10120
Besondere Verfügbarkeit -4245 -4245
Vom Beamtenstatus enthoben(1) -5617 -5617
Weiterzubildendes Personal -4061 -4061
Einstellungen +1330 +2330 +3630
Personal Ende 1989 900 1013 215 52033 15000 2000 71161


(1) Auf Vertragsbasis weiter angestellt.

(Quelle: WB 1990a Bd. I, S. 27)

Die Beamtengehälter, die seit Jahrzehnten stagnierten, mußten infolge der Währungsentwertung und dem starken Preisanstieg von Nahrungsmitteln (vor allem Reis) und Mineralölprodukten Mitte des Jahres 1986 um 80% auf 15.000 FG monatlich (ca. 43 US$) angehoben werden. Ab 1988 schließlich unterlagen die Beamtengehälter einer mehr oder weniger systematischen Steigerung, angepaßt an die Lebenskostenverteuerung.

Tabelle 22: Gehaltsstruktur des öffentlichen Dienstes 1986-90.

Gehalts- Personal(2) Mittl. BG(3) Mittl. PR(4) RG(5)
Jahr budget(1) Verwaltung Militär Gesamt FG/a FG/m 1986 = 100 FG/m(3)
1986 18,2 90 13 103 178 15 100 15
1987 21,3 80 13 93 232 19 137 14
1988 44,7 70 13 83 539 45 174 26
1989 57,2 56 15 71 854 71 223 32
1990 74,9 56 15 71 1118 93 259 36


(1) In Mrd. FG.

(2) In Tausend. Die Zahlungen bezüglich des militärischen Personals sind Schätzungen.

(3) Bruttogehalt, in Tausend.

(4) Preissteigerungsrate.

(5) Realgehälter.

(Quelle: WB 1990a Bd. I, S. 28)

Die Steuerung der öffentlichen Ausgaben.

Um das Programm der öffentlichen Ausgaben, das zur Zeit der I. Republik nur aus einer Wunschliste von Investitionen bestand, die willkürlich nach Finanzlage und ohne jeglichen makroökonomischen Bezug bewilligt wurden, zu rationalisieren, wurde 1986 zunächst eine Inventur der laufenden Projekte aufgestellt. Kurz darauf stellte man sämtliche Projekte ohne Nutzen für die Entwicklung des Landes ein. Ein Jahr darauf wurde das erste öffentliche Investitionsprogramm vorgestellt(162), das einen festen Zeitraum von 3 Jahren umfaßte.

Zur besseren Kontrolle der Schuldensituation wurde die Kreditaufnahmebefugnis auf das Finanzministerium beschränkt. Gleichzeitig schuf man Datenbanken, die die Schuldenbewegungen registrierten. Eine Umschuldungsvereinbarung mit dem Club de Paris brachte zudem eine zeitweilige Entlastung der Schuldenfrage. Doch dauerte es bis 1988, als ein neues Finanzgesetz vorgestellt wurde, das die Steuerung des Staatshaushalts neu regelte(163).

Maßnahmen zur Mobilisierung ungenutzter Einnahmequellen.

Da während der Ära Sékou Tourés dem privatwirtschaftlichen Sektor gewaltsam die Hände gebunden waren, gleichzeitig die Gesamtheit der Staatsunternehmen verlustreich arbeitete, flossen fast ausschließlich Steuereinnahmen und Gewinne aus dem Bergbausektor in die leeren Staatskassen. Die steuereintreibenden Organe konnten somit nur eine kleine Rolle wahrnehmen. Zudem breitete sich infolge der restriktiven Haltung gegenüber des privatwirtschaftlichen Sektors gerade in ihnen korrupte und betrügerische Bereicherungspraktiken aus. Die II. Republik erbte schließlich eine durch Desorganisation, Ausbildungsmangel, Ignoranz, Verantwortungslosigkeit und Korruption gekennzeichneten Zoll- und Steuerverwaltung.

Nur langsam wurden zu Reformbeginn Maßnahmen zur Straffung des Steuerwesens getroffen. Ein undurchsichtiger Wirrwarr aus Steuer- und Zollbefreiungen und Sondervereinbarungen, vor allem bei Regierungsimporten und Gütertransfers im Rahmen der Privatisierungsaktivitäten sowie organisierte betrügerische Machenschaften und Korruptionsanfälligkeit stellten die Hauptbarrieren dar(164). Dennoch brachte die Einführung der Mineralölsteuer zwischen 1986 und 1988 Mehreinnahmen von etwa 10 Mrd. FG ein. Auch im Zollwesen konnten Fortschritte in den Abwicklungsprozeduren und in der Statistik erzielt werden(165), ebenso wie die Verständigung zwischen der Steuerbehörde und der Zollverwaltung verbessert werden konnte.

Die Gesetzesreformen.

Damit der Staat seine neue Rolle in der Volkswirtschaft als Förderer der Privatinitiative erfolgreich wahrnehmen konnte, mußte die bis dahin als restriktiv gegenüber privatwirtschaftlichen Tätigkeiten anzusehende Gesetzgebung revidiert werden. Eine längst fällige

Welle von Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien zur Reformierung der Bereiche Handel (1985), Bankwesen (1985), Bergbau (1986), Investitionen (1987), Arbeitsrecht (1988) und Finanzbuchhaltung (1989) setzte ein.



5.4.3 Phase II (1989 - 1991): Sanierung des Staatshaushaltes

Nach der Schocktherapie der ersten Phase, die mit ihren Basisreformen eine richtungsweisende Grundlage für weitere Maßnahmen geschaffen hatte, mußten nun Detailreformen in zahlreichen Untersektoren und Institutionen sowie weitaus schwierigere und komplexere Mentalitätswechsel in der Verwaltung und im sich entwickelnden privatwirtschaftlichen Sektor in Angriff genommen werden.

Fortführung der Verwaltungsreform

Die Neugestaltung einer rationalisierten Verwaltungsstruktur in den Ministerien und der gleichzeitige Prozeß der Überprüfung und Wiedereinsetzung des geeigneten Personals erwiesen sich aufgrund der administrativen Trägheit als langwieriger als erwartet(166). Nachdem eine neu eingerichtete, zentrale Datenbank für alle staatlichen Bediensteten eingerichtet war, legten die meisten Ministerien noch interne Personalregister an, um die Kontrolle weiter zu verbessern.

Eine Gehaltsreform im April 1989 glich Unebenheiten und Ungerechtigkeiten in den realen Beamtengehältern mittels einer neuen, ausgewogenen Berechnungsgrundlage aus. Vormals leichtfertig genehmigte Zuschüsse wichen leistungs- und problemorientierten Prämien. Außerdem wurde das mittlere Monatsgehalt um weitere 23% auf 71.000 FG angehoben (ca. 120 US$). Ziel dieser Maßnahmen war die Effizienzsteigerung des Personals durch Anreize, bessere Betreuung und Kontrolle sowie die Bekämpfung von Korruption, Diebstahl und Betrug durch Stabilität und Modernisierung.

Doch gerade diese Aufgabenstellung bedeutete für die guineische Regierung ein gefährlicher Balanceakt: Einerseits hielten laufende Ausgaben für wichtige Investitionen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Infrastruktur sowie die ständige Unsicherheit über die tatsächliche Höhe der Einnahmen aus dem Bergbausektor den Staatshaushalt relativ instabil. Daher war die Regierung gezwungen, eine eher gemäßigte und vorsichtige Verfahrensweise bezüglich der Beamtengehälter einzuschlagen, damit sie sich nicht in die Gefahr begab, in schlechten Zeiten Kürzungen vornehmen zu müssen, wenn in guten Zeiten zu ausgabefreudig verfahren wurde. Andererseits konnten Gehalts- und Prämiensteigerungen nicht mit der Erhöhung der Lebenshaltungskosten mithalten, was die Unzufriedenheit im Beamtenkader geschürt hätte.

Die Verbesserung der öffentlichen Haushaltsführung

Kernstück der Reformen in diesem Bereich war das öffentliche Investitionsprogramm von 1989-91. Zur Unterstützung seiner Durchführung wurden in allen Ministerien zusätzliche Finanz- und Verwaltungsabteilungen eingesetzt. Das Personal des Finanzministeriums war schon vorher gründlich nachgeschult und auf eine genauere Kontrolle vorbereitet worden. Dazu wurde im Dezember 1988 ebenfalls ein neues Gesetz zur Regelung der Direktimpor-te der Regierung verabschiedet. Doch erst zu Beginn des Jahres 1990 waren alle institutio-

nellen und verfahrenstechnischen Veränderungen soweit vollzogen, daß ihr Nutzen richtig zur Geltung kommen konnte.

Gravierende Probleme blieben in der Planung und Durchführung der Investitionsprojekte bestehen. Obwohl sie sich zum überwiegenden Teil nach den Prioritäten der sie finanzierenden Entwicklungshilfepartner orientierten(167), ließ die Abstimmung der Projekte untereinander, sei es im selben Investitionssektor oder in verschiedenen, strategisch übergreifend miteinander verbundenen Sektoren, noch arg zu wünschen übrig. Zudem litt das Gesamtprogramm unter zahlreichen nachteilig konzipierten Projekten, die große Investitionsmengen nutzlos verschlangen(168).

Ein weiteres Problem stellte der bislang gescheiterte Versuch dar, das Investitionsprogramm an die allgemeine makroökonomische Entwicklung anzupassen und die Programmstrategie nach den gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Perspektiven auszurichten. Dieser Planungsmangel war letztendlich verantwortlich für die Ungewißheit und Unvorhersehbarkeit der Haushaltsentwicklung und der finanziellen Situation am Ende des Programmzyklus'.

Weitere Mobilisierung von Staatseinkünften.

Die Erkenntnis, daß im Bereich der Eintreibung nicht verrichteter Steuern das größte Potential zur Normalisierung des Staatshaushaltes lag, stand im krassen Gegensatz zur Tatsache, daß ein bedeutender Teil der Bevölkerung, besonders in der Hauptstadt Conakry, sich aus Gewohnheit nicht zur Zahlung von Steuern verpflichtet fühlte und sich dessen entzog. Daraus entwickelte wiederum das Finanzministerium die Praxis zur Erhebung unerlaubter Steuern in allen möglichen Bereichen. Das neue Finanz- und Steuergesetz von 1989 zog die Steuerleistungen an und verschärfte die Eintreibungsmaßnahmen, sorgte aber auch für die Abschaffung der illegal erhobenen Steuern(169).

Das von Anarchie, Willkür und Korruption beherrschte Zollwesen wurde bald durch neue Zollgesetze, besondere Dispositionen im Personalbereich(170) und schärfere Kontrollmaßnahmen auf den richtigen Weg zurückgeführt. Neben den Handhabungsvereinfachungen der Zollvorschriften wirkte sich besonders das neu aufgestellte Register der Unternehmen, die in den Genuß von Zoll- und Steuerbefreiungen kamen, effizienzsteigernd auf den Zollsektor aus.

Die 1986 erstmals erhobene Mineralölsteuer sorgte im Jahre 1989 für Einnahmen in Höhe von ca. 19 Mrd. FG, was jedoch nur zwei Drittel der möglichen Einkünfte ausmachte. Der

Grund für diesen Verlust war hauptsächlich auf die unbezahlten Rechnungen der nationalen Fluggesellschaft Air Guinée und der staatlichen Stromgesellschaft ENELGUI(171) sowie den Diebstahl großer Mengen Treibstoffs aus den Depots der staatlichen Mineralölgesellschaft ONAH zurückzuführen.

Tabelle 23: Zusammensetzung der Staatseinnahmen 1986-92 (in Mrd. FG).

Einnahmen/Jahr 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992
Laufende Einnahmen, gesamt 101,9 172,7 200,1 274,8 354,9 390,7 478,4
Steuereinnahmen 86,3 129,7 149,3 208 271,2 311,5 339,6
in % des BIP 12,3 14 12,7 14,5 14,9 14,1 12,4
aus dem Bergbau 75,1 107,3 111,3 136,3 176 179,5 162,7
Mineralölsteuer 0 1,7 10 18,7 17 35,3 48,9
Einkommens- und Umsatzsteuer 1,1 1,6 3 5 6,3 14,4 23,3
Importsteuer 6,4 9,4 10,9 29,6 48,6 70,6 96
Andere 3,7 9,7 14,1 18,4 23,3 11,8 8,7
Nichtsteuerliche Einnahmen 2,8 8,2 14 12,3 15,4 11,5 21,5
Nichtrückzahlbare Kredite 12,8 34,8 36,8 54,5 68,3 67,7 117,3


(Erarbeitet nach: WB 1990a Bd. I, S. 77; EIU CP 1992/93, S. 24; EIU CP 1993/94, S. 25; RG 1992a, S. 14 u. Anhang A5; IWF 1993a, Anhang 7)

Im Februar 1990 stieg die allgemeine Importsteuer von 10% auf 15% an. Die besonderen Waren, die einer Reduzierung auf 5% unterlagen, mußten nun mit 8% verzollt werden. Man erkannte, daß auf mittelfristige Sicht die Importsteuer ein größeres Maß an Mehreinkünften erbrachte als die zunächst langsam fortschreitende Produktivitätssteigerung auf nationaler Ebene. Dennoch kostete es geraume Zeit und einige schmerzliche Erfahrungen(172), ehe das richtige Steuermaß gefunden war, das weder einen Protektionismus bedeutete und ein Anwachsen von Schmuggel, Betrug und Korruption zur Folge gehabt hätte, noch das Steuerpotential ungenügend ausnutzte.

Weitere Restrukturierung und Privatisierung von Staatsbetrieben

Bei der Privatisierung der restlichen 20 Staatsunternehmen nahm die Regierung eine derart zögerliche Haltung ein, daß bis Ende 1990 erst 11 von ihnen privatisiert und keines aufgelöst werden konnte. Neben den dadurch hervorgerufenen zusätzlichen Belastungen für den Staatshaushalt hatte diese ungewisse Situation eine desorientierende und vertrauenszerstreuende Wirkung auf den privaten Investitionssektor, vor allem dem ausländischen. Für diesen blieb es auch unverständlich, warum die Regierung nicht durch Privatisierung oder Liquidierung einiger der 18 noch unter direkter Kontrolle des Staates verbleibenden Unternehmen(173) die Produktions- und Dienstleistungssektoren für Investitionen freigab.

Der nationale privatwirtschaftliche Sektor war weiterhin durch die Tatsache verunsichert, daß der Staat in über einem Drittel der bisher privatisierten Unternehmen immer noch bedeutende Aktienanteile besaß, hatten doch guineische Investoren schon längst gezeigt,

daß in über 80% der Privatisierungen die Mobilisierung guineischen Kapitals zur mehr als symbolischen Unternehmensbeteiligung möglich war (WB 1990a Bd. I, S. 38).

In 5 von den 18 verbleibenden Staatsbetrieben wurde ein sofortiges Restrukturierungsprogramm in Angriff genommen, da sie eine Schlüsselstellung für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes einnahmen: nationale Gesellschaften für Energieversorgung, Luftfahrt, Mineralölvertrieb, Trink- und Brauchwasserversorgung und Post/Telekommu-nikation. Doch nur in einem dieser Programme, in der Trinkwasserversorgung der städtischen Gebiete, konnten zufriedenstellende Ergebnisse erzielt werden(174). Die übrigen hatten kein konsequent durchdachtes und den Verhältnissen angepaßtes Konzept zur Basis und gingen oftmals nicht über bloße Absichtsbekundungen der Regierung hinaus.

Ein weiterer Gesetzesentwurf sollte das Verhältnis des Staates zu seinen Unternehmen reglementieren. Dabei sollte deren Autonomie und Verantwortlichkeit erhöht werden, der Staat sich nur auf die Unternehmenspolitik und die Leistungskontrolle beschränken. Das Vorhaben scheiterte an der Verworrenheit des bestehenden gesetzlichen Umfeldes, in das die Neuregelung hätte eingepaßt werden müssen.

Weitere Geldentwertung und Verbesserung des Devisenmanagements.

Zwischen 1987 und 1989 verlor der guineische Franc gegenüber dem US$ 24,8% und dem französischen Franc 16,9% an Wert bei einer Inflationsrate von 28,2%. Die Differenz zwischen dem offiziellen und dem parallelen Wechselkurs pendelte sich relativ konstant bei 6-8% ein (s. Grafik 19) (WB 1990a Bd.I, S. 40). Die guineische Zentralbank hatte jedoch nicht alle ihr durch die Wechselkurspolitik zur Verfügung stehenden Mittel genutzt, um das Niveau der Konkurrenzfähigkeit zu halten und die allgemeine Nachfrage zu schüren, denn die Besorgnis um einen durch weitere Entwertung verursachten Inflationsschub war groß. Infolgedessen erfuhr die guineische Währung nicht das ausreichende Maß an Entwertung, das nötig gewesen wäre, um zum Kaufkraftausgleich der Währungen zu kommen (Tab. 24).

Wirtschaftswachstum und Zahlungsbilanz.

Das Wirtschaftswachstum betrug in den ersten Reformjahren von 1987-89 durchschnittlich 4,4%, was gleichzeitig ein mittleres Einkommenswachstum pro Kopf von 1,6% bedeutete (Tab. 25). In einer sektoriellen Betrachtung wurde im primären Sektor ein durchschnittliches Wachstum von 2,4% erzielt, während der sekundäre Sektor, besonders der Bergbau, ein Wachstum von ca. 6%, der tertiäre Sektor, in dem sich eine steigende Zahl von kleinen Dienstleistungsunternehmen etabliert und konsolidiert hatten, einen Wert von 4,5% zu verzeichnen hatten.

Tabelle 24: Schätzung des Kaufkraftausgleichs auf der Basis des Wechselkurses 1986 - 1990.

Zeitraum Conakry Kurs FG/US$ Kurs FG/FF Inflation KA(1) Ü(2)
Jahr Quartal VPI(3) Offiziell Parallel Offiziell Parallel Frankr. USA FF/US$ FG/US$ (%)(4)
1986 I 45,2 350,7 48,7 92,1 90,7 7,21
II 52,3 355,7 389,7 49,8 92,8 90,5 7,15
III 57,8 363,7 426 53,7 93,4 91,2 6,78
IV 58,2 384,7 456,3 58,6 94 91,7 6,57
1987 I 63,5 408,7 503,7 67,5 74 95,1 92,7 6,13
II 72,2 427 449,3 71,3 71,3 95,9 93,9 6,03
III 78 438,3 459,3 71,6 73 96,5 95 6,14 445,2 1,5
IV 78,2 440 494,3 76,5 81,3 96,9 95,8 5,75 442,8 0,6
1988 I 83,9 444,3 489,3 78,3 84,7 97,4 96,4 5,67 472,7 6
II 90,4 453,7 492 78,7 84 98,4 97,6 5,78 503,4 9,9
III 98,6 488 530,7 77 84,3 99,2 98,9 6,32 543,1 10,1
IV 99,1 515 572 85,3 88,7 99,8 99,9 6,06 541 4,8
1989 I 111,1 563,3 616 89,7 96,7 100,7 101 6,07 600,6 6,2
II 118,9 585,7 630 90 95,3 101,9 102,6 6,69 633,6 7,6
III 123,1 602 649 93 97,3 102,6 103,5 6,51 650,6 7,5
IV 124 620 673,7 100 106,3 103,4 104,4 6,17 649,8 4,6
1990 I 129,2 640 690 111,7 117 104,1 106,3 5,74 668,2 4,2

(1) Kaufkraftausgleich.

(2) Überbewertung.

(3) Verbraucherpreisindex, Dezember 1988 = 100 (Basisgleichheit für französische und amerikanische Preisindizes).

(4) Die Überbewertung entspricht dem Unterschied in % zwischen dem Kaufkraftausgleich und dem offiziellen Kurs (Basiskurs = Juni 1987).

(Quelle: WB 1990a Bd. I, S. 42)



Trotz dieser optimistisch anmutenden Werte waren es genauer betrachtet die Nebensektoren wie Transport, Handel, Bankwesen, öffentlicher Dienst und die Dienstleistungsbranche, die das stärkste Wachstum aufzuweisen hatten. Das Wachstum kann nur von Bestand sein, wenn sich die wichtigen Stützsektoren der Wirtschaft wie das produzierende Gewerbe und die Landwirtschaft ebenso entwickeln. Gefährlicherweise wurden für ihre gezielte Wachstumsförderung keine bedeutenden Investitionen getätigt. In der Landwirtschaft beispielsweise kam es trotz vermehrter Investitionen nicht zu wesentlichen einer Produktivitätssteigerung, die Anbauweisen blieben weitestgehend extensiv.

Außerdem wird der Staat, der bisher im Handels-, Dienstleistungs- und Bausektor durch ein ausgedehntes Investitionsprogramm als Zugpferd fungiert hat, bald zurücktreten müssen. Bis dahin sollten die Reformen entsprechende Rahmenbedingungen zur Mobilisierung von privatwirtschaftlichen Investitionen in diesen Bereichen geschaffen haben.

Tabelle 25: Die Verteilung des BIP nach Wirtschaftssektoren 1986 - 1989 (in %).

Sektoren 1986 1987 1988 1989 1987 1988 1989
Primärer Sektor 29,9 30 28,5 28,2 3,5 0,5 3,1
Landwirtschaft 23,1 23,2 21,9 21,6 3,5 -0,4 3
Viehhaltung 4,1 4,1 3,9 3,9 3 2,4 3
Fischerei 0,1 0,2 0,2 0,2 21,6 31,8 15,6
Forstwirtschaft 2,6 2,6 2,5 2,5 3 3,3 3
Sekundärer Sektor 32,6 34,4 33,9 34,1 8,7 4,3 4,9
Bergbau 24,4 27,5 25,1 24,8 6,2 -3,5 3,1
Industrie 3,5 3,1 3,4 3,5 -8,7 16,2 8,3
Wasser, Energie 0,7 0,6 0,8 0,8 -10,9 34,5 0
Bauwirtschaft 4 3,2 4,6 5 -18,2 54,7 13,2
Tertiärer Sektor 36,2 34 36,2 36 -3,3 12,9 3,8
Handel 21,1 19,2 21,5 21,6 -6,6 18,7 4,7
Transport 3,5 3,6 3,7 3,6 5 7,2 3,2
Verwaltung 6,4 6 6 5,7 -2,5 5,7 -1,3
Andere 5,1 5,2 5 5,1 3,7 3,5 6,6
Indirekte Steuern 1,3 1,6 1,4 1,7 27,7 -8,4 23,7
BIP 100 100 100 100 3,1 5,9 4,3


(Quelle: WB 1990a Bd. I, S. 44)



Die Zahlungsbilanz von 1986-89 spiegelt ziemlich genau die reellen Wachstumstendenzen der guineischen Wirtschaft zu dieser Zeit wieder (Tab. 26). Obwohl die Handelsbilanz positiv blieb, waren deutliche Verluste zu verzeichnen, vor allem in den Jahren 1987 und 1988.

Tabelle 26: Zahlungsbilanz Guineas 1986 - 1989 (in Mill. US$).

Zahlungsbilanz 1986 1987 1988 1989
Handelsbilanz 147,5 120,3 9,9 145,9
Ausfuhr (fob) 655,2 687,1 650,9 761,5
Einfuhr -507,7 -566,8 -641 -615,6
Dienstleistungen und private Übertragungen -249,8 -298,5 -314,2 -375,3
Staatliche Übertragungen 42,3 82,8 83,5 97,8
Laufender Saldo -60,1 -95,4 -220,8 -131,6
Kapitalbewegungen 36,9 71,6 73,7 89,5
Saldo der Zahlungsbilanz -52 -10,7 -123,1 -36,4
Laufender Saldo in % des BIP -3,1 -4,5 -10 -5,5
Schuldendienst(1) 14,6 19,4 23,4 18,2


(1) In % der Gesamtexporte.

(Quelle: WB 1990a Bd. I, S. 45)



Das Exportwachstum betrug für den gesamten Zeitraum nur 16%, während die Importe um 21% anstiegen. Die Exportsteigerungen beruhten zum größten Teil auf erhöhte Bau-

xitausfuhren der Minengesellschaften. Doch da die Exporte in diesem Bereich fast ausschließlich von externen Faktoren bestimmt werden und nicht von der ökonomischen Entwicklung Guineas beeinflußt werden können, weist die Handelsbilanz ein hohes Maß an Instabilität auf(175).



5.4.4 Phase III (1991 - 1994): Stagnation als Rückschritt - Wachstumsstop durch unzureichenden Aufbau und Förderung der Privatwirtschaft

Im Rahmen einer ersten erweiterten Strukturanpassungshilfe (Facilité d'Ajustement Structurelle Renforcée FASR I, 110 Mill. US$) einigten sich der IWF/die WB und die guineische Regierung für den Zeitraum von 1991 bis 1994 auf folgende wirtschaftspolitische Hauptziele:

1. Konsolidierung der bisherigen Reformziele sowie konsequente und progressive Weiterführung der laufenden Reformen;

2. Stabilisierung eines jährlichen Wirtschaftswachstums von 5% (mind. 4% im Agrarsektor);

3. Reduzierung der Inflation bis auf 8% im Jahre 1994;

4. Verringerung der Staatsausgaben und Beschränkung des Haushaltsdefizits auf etwa 8,2% des BIP;

5. Restrukturierung und Privatisierung der "strategischen" Staatsunternehmen, darunter ENELGUI (nationale Elektrizitätsgesellschaft), Air-Guinée (staatliche Fluglinie), OBK (Office de Bauxite de Kindia), und die Post;

6. Förderung des privatwirtschaftlichen Sektors durch ein neues Immobiliengesetz, ein neues Unternehmensgesetz, die Einrichtung von weiteren Kreditlinien für die Gründung und finanzielle Unterstützung kleiner und mittelständischer Unternehmen/Industrien sowie die Bildung eines staatlichen Büros zur Förderung von Privatinvestitionen;

7. Steigerung der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion sowie eine verstärkte Inwertsetzung des Bergbausektors außerhalb der Bauxitförderung;

8. Höhere Investitionen im Bildungs-, Gesundheits- und Umweltsektor.

(nach KAMANO 1992, S. 13/14; PNUD 1994a, S. 4)

Das erste Halbjahr 1992 war gekennzeichnet durch ein unverhältnismäßig hoch angestiegenes Haushaltsdefizit, dem darüber hinaus eine Verringerung der Steuereinnahmen gegenüberstand. Aufgrund vermehrter Anzeichen eines latenten Reformunwillens fror der IWF die Zuteilung der 2. Tranche (35 Mill. US$) der im November 1991 vereinbarten erweiterten Strukturanpassungshilfe I bis zum Oktober 1992 ein. In der zweiten Jahreshälfte stellte sich eine leichte Verbesserung der wirtschaftlichen Situation ein. Am Ende des Jahres betrug das Wachstum des BIP etwa 3% (gegenüber für 1992 geplanten 3,8%), was eine Steigerung des BIP pro Kopf von nur 0,2% bedeutete.

Die Abhängigkeit vom Bergbau

Die unerwartet niedrige Wachstumsrate des BIP von 2,4% (1992) und 3,0% (1993) hatte

ihre Hauptursache in den infolge gesunkener Weltmarktpreise für Aluminium unter den Erwartungen gebliebenen Geschäftsergebnissen der Bergbaugesellschaften. Damit wurde wieder einmal die Abhängigkeit der guineischen Wirtschaft vom Bergbau als ihre wichtigste Einnahmequelle allzu deutlich. Die Verringerung der Erträge aus diesem Sektor hatte ein Ansteigen des Haushaltsdefizits von etwa 51 Mrd. FG und eine Verschlechterung der Handelsbilanz von mehr als 133 Mill. US$ gegenüber 1991 zur Folge. Dennoch belief sich sein Anteil an den Steuereinkünften 1992 auf etwa 45%, an den Exporteinnahmen auf gar 82,5% (PNUD 1994a, S. 5; IWF 1993, Anh. 9).

Da auf lange Sicht nicht mit einer wesentlichen Erhöhung der Weltmarktpreise für Aluminium zu rechnen ist, kommt der weiteren Diversifizierung der guineischen Volkswirtschaft eine besondere Bedeutung zu. Der landwirtschaftlichen Exportproduktion sind hierbei Grenzen hinsichtlich der Beteiligung am internationalen Markt gesetzt, dennoch sind mit gezielt ausgewählten Produkten, deren konsequente Entwicklung und marktorientierten Kommerzialisierung bestimmte Marktanteile zu gewinnen.

Die Privatwirtschaft als Wachstumsmotor

Die Hoffnungen auf ein diversifiziertes Wachstum lagen indessen in der Entwicklung der Privatwirtschaft. Doch sie schritt nur langsam voran, ständig beeinträchtigt durch strukturelle Hindernisse wie eine teilweise investitionsfeindliche Verwaltung und Gesetzgebung, der unzulänglichen Infrastruktur (Elektrizität, Kommunikation, Transport), dem Mangel an einem investitionsfördernden Umfeld, vor allem im Bereich der qualitativen Unternehmensberatung, und schließlich die Enge des nationalen Marktes. Dennoch war ein allgemeiner Investitionsanstieg von 12,3% gegenüber dem Vorjahr (1991) zu verzeichnen, der jedoch sektoriell unausgewogen ausfiel: im Bergbau betrug er 21%, während in den modernen Investitionssektoren nur 7,2% erreicht wurden (PNUD 1994, S. 5).

Die guineische Regierung ist zwar einerseits stets bemüht, mit Hilfe der internationalen Gebergemeinschaft wachstumsfördernde Rahmenbedingungen für den privatwirtschaftlichen Sektor zu schaffen, indem makroökonomische Steuerungsmaßnahmen der Reformen zur strukturellen Anpassung durchgeführt werden, die direkt den Entwicklungsspielraum der Privatwirtschaft betreffen. Doch wirkten die Aufhebung von Steuerbefreiungen, der Aufbau von Steuer-, Finanz- und Verwaltungsstrukturen, die die privatwirtschaftlichen Aktivitäten formalisieren sollen, sowie die Diversifizierung von Gesetzen zunächst eher entwicklungshemmend, wenn sie nicht von einem entsprechenden Schulungs- und Beratungsangebot zur Aufklärung und Orientierung begleitet worden sind.

Andererseits war der Staat bisher nicht in der Lage, ein erforderliches Maß an Vertrauen auf der Basis eines ständigen Dialogs zwischen den staatlichen Institutionen und Akteuren der Privatwirtschaft zu schaffen. Förderungsvorhaben der Entwicklungszusammenarbeit sind zudem bis heute immer noch sehr geberorientiert. Das Angebot der Geberseite wird dabei staatlicherseits stark gefiltert und in entsprechend den Bedürfnissen und Orientierungen der Regierung an den formellen Privatsektor weitergegeben. Auch die Geberseite trägt noch zu wenig zur Etablierung eines offenen und nachfrageorientierten Dialogs bei. Die Entwicklung formeller privatwirtschaftlicher Aktivitäten ist somit im Anfangsstadium eines Übergangsprozesses vom Abbau der informellen Geschäftswelt zum Aufbau tragfähiger klein- und mittelständischer Unternehmerstrukturen steckengeblieben.

Gerade die Unterstützung der internationalen Gebergemeinschaft ist immer noch zu sehr auf die Errichtung, Schulung und Anpassung institutioneller Instrumente zur vermeintli-

chen Förderung der Privatwirtschaft durch staatliche Steuerungsmaßnahmen gerichtet. Zu selten werden Kontakte zur Privatwirtschaft direkt hergestellt, die oft orientierungslos der Selbstorganisation überlassen ist. Ihr Heil wiederum im informellen Sektor suchend, hat sie dann wenig Möglichkeit, in einen direkten Dialog mit Gebern zu treten, um überzeugend Förderungswürdigkeiten darzulegen.

Geberseitig werden Vorhaben, die direkt den Aufbau von KMU/KMI fördern, als sehr kosten- und betreuungsintensiv eingestuft. Dadurch wird aus entwicklungspolitischer Sicht die Verbesserung der Selbsthilfekapazität und die Sicherung der Nachhaltigkeit von Projekten beeinträchtigt. Als Indiz dafür wird oft die Tatsache herangezogen, daß in solchen Projekten der Mittelaufwand für die Technischen Zusammenarbeit den Umfang der für die Förderung eingerichtete Kreditlinien übersteigt. Dennoch zeigt die Erfahrung, daß dies eine wirksame Methode ist, marktwirtschaftliches Verständnis in einer sich entwickelnden Unternehmerkultur langfristig zu erzeugen und zu festigen.

Die Unentschlossenheit und Inkonsequenz, die der Privatsektor in der konzeptionellen Projektrealität geber- und staatsseitig erfährt, sind denn auch Ausdruck einer für ihn entwicklungshemmenden Prioritätensetzung:

1. Aus innen- und sozialpolitischen Gründen erhöhte der Staat seit 1992 die Löhne und Gehälter seiner Bediensteten sowie den Einkauf von Waren und Dienstleistungen. Um den Haushalt nicht zu gefährden und den finanzpolitischen Vorgaben von IMF/WB Folge zu leisten, wurde im Bereich der Investitionsausgaben gespart, die von 1992 noch 9,9% vom BIP betrugen, 1994 jedoch auf 8,1% vom BIP zurückgingen (vgl. Tab. 65). Aufgrund der Enge des Marktes hatte die Streichung zahlreicher Investitionsprojekte für den Privatsektor erhebliche Konsequenzen. Des weiteren wirkten sich die ebenso den Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich erfassenden Einsparungen in irgendeiner Weise stets auch auf den wirtschaftenden Teil der Bevölkerung aus, die sich mindernde Staatsleistungen mit eigenen Mitteln auffangen müssen.

2. In dieser Zeit stellte die internationale Gebergemeinschaft der guineischen Regierung zwar Mittel zur "Förderung des Privatsektors" zur Verfügung (WB 1994e), konzipierten das Programm jedoch als Finanzhilfe zum Ausgleich des Haushaltsdefizits und zur ausschließlichen Förderung institutioneller Organe(176).

Natürlich ist die Förderung zum Aufbau privatwirtschaftlicher Strukturen nur erfolgreich, wenn Mentalitäts- und Verhaltensänderungen erreicht werden, die die Implementierung und die Einhaltung marktwirtschaftlicher Prinzipien sichern. Zudem ist dies ein langwieriger Prozeß, der der ständigen Betreuung bedarf. Seine Stimulierung und Steuerung darf sich aber nicht nur auf eine Sensibilisierung und Förderung des institutionellen Rahmens beschränken, sondern sollte mindestens zu gleichen Anteilen, wenn nicht deutlich mehr, die Zielgruppe der potentiellen Unternehmer erreichen, also weite Teile der sich im informellen Sektor bewegenden erwerbsfähigen Bevölkerung. So kann ein konsistenter und konsequent unterstützter Prozeß der Formalisierung informeller Aktivitäten stattfinden, der in seiner Breitenwirkung das Lebensniveau der Bevölkerung hebt.

Stagnation als Rückschritt

Mit 4,1% blieb die jährliche Wachstumsrate der öffentlichen Investitionen erwartet niedrig. Aufgrund der angespannten Haushaltslage war die guineische Regierung oft nicht in der Lage, ihren Anteil an zahlreichen Projekten, die größtenteils mit ausländischer Hilfe finanziert werden sollten, zu leisten, so daß es zu erheblichen Kürzungen kam.

Zum Jahresübergang 1992/93 verschlechterte sich die finanzielle Situation im guineischen

Haushalt und wich deutlich von der mit dem IWF gesetzten Zielvorgabe ab. Eine weniger restriktiv als vorgesehene Haushalts- und Finanzpolitik führte zu einer um 23% (IWF 1993, S. 2) und damit inflationsgefährdend ansteigenden Geldumlaufmenge und einer erhöhten Ausgabe für Importgüter. Demgegenüber standen erhebliche Defizite in den Einnahmen, besonders im Bereich der Mineralölsteuern und der Veräußerung von Staatseigentum im Rahmen der Privatisierungsaktivitäten. Nicht konsequent bekämpfter Betrug, Korruption und Diebstahl führten bei der Mineralölsteuer 1992 zu einem relativen Verlust von etwa 18,4 Mrd. FG (EBENDA). Der Ausgleich aller Verluste hatte einen Anstieg des Haushaltsdefizits zur Folge, das mit 8% des BIP um 0,4% von der eigentlichen Zielsetzung abwich (EBENDA).

Auch in den strukturellen Reformen traten Verzögerungen auf. Teile der Verwaltungs- und Gesetzesreformen wurden nur ungenügend und mit längeren Verspätungen umgesetzt, und die Restrukturierung bzw. weitere Privatisierung der Staatsunternehmen schritt nur langsam voran. Eine Hauptursache dabei ist jedoch immer noch im Mangel an qualifiziertem Durchführungspersonal zu suchen.

Ende 1994 konnten ein Großteil der wirtschafts- und entwicklungspolitischen Ziele der guineischen Regierung für diese WB/IMF-Förderungsperiode nicht realisiert werden. Die Unbeweglichkeit und wenig ausgeprägte Sensibilität, mit der man auf makroökonomischer Steuerungsebene auf den lange vorauszusehenden Sturz der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt reagierte, verhinderte eine weitere konsequente Fortführung der bisherigen Reformen und bedeutete daher einen Rückschritt gegenüber den Vorjahren. Gleichzeitig wurde die immer stärker werdende Abhängigkeit Guineas von den Zuwendungen der internationalen Gebergemeinschaft einmal mehr verdeutlicht.



5.4.5 Phase IV (1995 - 1999): Die Konsolidierung der strukturellen Anpassung - Licht und Schatten eines trägen Prozesses

Nach mehr als 12 Reformjahren befindet sich der Kernprozeß der strukturellen Anpassung in seiner finalen Konsolidierungsphase. Programm- und reformbegleitende Maßnahmen beschränken sich seitens der Geber im wesentlichen auf die Optimierung und Verfeinerung der makroökonomischen Steuerung. Die sektorspezifische Förderung, die bisher parallel dazu durchgeführt wurde, gewinnt jetzt mehr an Bedeutung.

Dennoch haben mannigfaltige Turbulenzen verschiedenster Art für einen oft unzufriedenstellenden Verlauf der Reformen gesorgt und letztendlich die Akzeptanz der Reformen sowie das Verständnis für ihre konsequente Umsetzung nur eingeschränkt herstellen können. Verschärfend bildeten sich Geber- und Nehmerrationalitäten, die sich polarisierten und zu Wellenbewegungen in der Implementierung der Reformen führten. Trotz allem ist insgesamt davon auszugehen, daß sich der Wille und die Bereitschaft zur weiteren Fortführung der Anpassung nunmehr voll eingestellt haben, nur dauert der Prozeß länger als erwartet. Die Durchführung der Reformen ist mehr geberabhängig denn je, das Bewußtsein der Notwendigkeit, zu einem selbsttragenden Fortlauf dieses Prozesses zu kommen, weiterhin wenig entwickelt.

So konnten denn auch die bis Mitte des Jahres 1996 zusammen mit der WB und dem IWF im Rahmen der zweiten erweiterten Strukturanpassungshilfe (ESAF II, s. Kasten oben) gesteckten Ziel in den Bereichen der Haushaltsausgaben und der Steuermittelerhöhung

nicht erreicht werden, was zu einer Verzögerung der Auszahlung der letzten Tranche seitens des IWF führte. Solche Reaktionen haben automatisch Signalwirkung für andere bi- und multilaterale Geldgeber, die ihrerseits finanzielle Unterstützungsleistungen dämpften, so daß sich für das Hauhaltsjahr 1996 die Bildung eines erheblichen Haushaltsdefizits abzeichnete. Eine weitere Verunsicherung für die internationalen Finanzpartner stellte der Putschversuch des Militärs vom Februar 1996 dar, der das politische und wirtschaftliche

Leben Guineas für einige Zeit destabilisierte.

Um den Haushalt bis Ende 1996 zu retten und positive Zeichen für weitere Verhandlungen mit der WB und dem IWF hinsichtlich einer dritten Strukturanpassungshilfe zu setzen, wurden strukturpolitische Sofortmaßnahmen getroffen. Die als Reaktion auf den Putschversuch vorgenommene Kabinettsumbildung nutzte man für die Einrichtung des Amtes eines Ministerpräsidenten, Herrn Sydia Touré, dem die Ministerien für Planung, Wirtschaft und Finanzen unterstellt wurden und der das Vertrauen der WB und des IWF

genoß (s. Kap. 3.1.3). Unter seiner Leitung wurden strenge Maßnahmen zur Bekämpfung der Korruption im Zollwesen, zur Aufhebung von nicht gerechtfertigten, umfangreichen Steuer- und Abgabenbefreiungen sowie zur drastischen Einschränkung nicht und weniger notwendiger Importe durchgeführt.

Schließlich kam es im Zuge der daraufhin neu angesetzten Verhandlungen mit der WB und dem IWF zur Verabschiedung einer dritten erweiterten Strukturanpassungshilfe in Höhe von insgesamt 97 Mill. US$, auszahlbar in drei jährlichen Tranchen von 1997 bis 1999. Diese Zusage spiegelt allzu deutlich das geberabhängige Verhalten der Regierung wieder, die selbst die wichtigsten politischen Entscheidungen danach richtet. Auf der anderen Seite haben die WB und der IWF für die Glaubwürdigkeit der vergebenen Kredite und die Effizienz der damit finanzierten Reformprozesse Sorge zu tragen. Aufgrund der gezeigten Verhaltensweisen und Abhängigkeiten bleiben jedoch Zweifel am Erfolg der bisher die Reformen steuernden und begleitenden Beratungsleistungen.

Dennoch sind die Ziele der im Rahmen dieser Strukturanpassungshilfe im Zeitraum von 1997 bis 1999 durchzuführenden Reformen hoch gesteckt:

Makroökonomische Ebene

1. Jährliches reales Wachstum des BIP von 5%;

2. Begrenzung der Inflationsrate auf 5% für 1997, und 4% für 1998 und 1999;

3. Reduzierung der laufenden Außenstände auf 6% des BIP im Jahr mit dem Ziel, bis Ende 1999 auf der Gegenseite das Niveau der Reserven auf ein 3,5-faches des Importwertes für Waren und Dienstleistungen im laufenden Jahr gehoben zu haben;

4. Anhebung der Geldumlaufmenge M2 um 7 - 10%;

5. Steigerung des Investitionswertes um 1%, gemessen am BIP.

Öffentliche Finanzen

1. Erhöhung der Einnahmen auf 12% vom BIP (ohne Zuschüsse);

2. Steigerung der Einnahmen ohne Bergbau um 2,5% auf 10,5% vom BIP;

3. Verbesserung des Systems und des Managements der Steuereintreibung;

4. Rationalisierung der Haushalts- und Investitionsplanung;

5. Verstärkung der Ausgabenkontrolle;

6. Verbesserung der Ausgewogenheit und Effizienz der Ausgaben.

Verschuldung

1. Reduzierung des Schuldendienstes auf ein weniger investitionsbelastendes Niveau;

2. Verhandlungen mit Schuldners über Erlasse und Umschuldungen.

Der IWF sieht die anhaltende Schwäche der guineischen Regierung, ihre Steuerbasis auf ein tragfähiges Niveau zu bringen, als ein grundlegendes strukturelles Problem an, das sich jedoch aus zahlreichen verschiedenen Elementen zusammensetzt. Eines davon stellt sicherlich nach wie vor die ungenügende Kompetenz der Steuerverwaltung dar. Doch zum einen ist ebenso der rechtliche Rahmen für die Gewährung von Abgaben- und Steuerbefreiungen immer noch undurchsichtig. Gerade im Bereich der öffentlichen Aufträge treten Unregelmäßigkeiten in diesem Zusammenhang auf, die die für den privatwirtschaftlichen Sektor nötige Transparenz missen lassen. Dasselbe trifft für Befreiungen von der Mitte 1996 eingeführten Mehrwertsteuer zu. Auf der anderen Seite hat die nach der neuen Bodengesetzgebung erhobene Grundsteuer aufgrund des Fehlens eines umfassenden Kata-

sters noch nicht gegriffen. Die Erhebung eines solchen ist wohl eine langwierige und schwierige Aufgabe, da alle Besitzverhältnisse geklärt werden müssen. Dennoch wäre die Verfügbarkeit eines solchen in Verbindung mit einem gesicherten juristischen Rahmen ein bedeutender Stimulationsfaktor für Privatinvestitionen.

Hinsichtlich der Ausgaben ist eine klare Strukturierung der den einzelnen Sektoren jährlich zuzuweisenden Mittel erforderlich, um ein ad-hoc-Management zu vermeiden, das in Unausgewogenheiten, unvernünftige Verschiebungen der Investitionsprioritäten und letztendlich Gefährdung der sektoriellen Entwicklungsstrategien mündet. Dazu wurde ein mittelfristiger Rahmenplan angelegt (Cadre de Dépenses à Moyen Terme CDMT), der die Ausgabenkontrolle und -verfolgung vor allem bei intersektoriellen Investitionsausgaben verbessert. Auch die Ausgaben der Sozialkasse (Caisse Nationale de la Sécurité Sociale CNSS) sollen mit Hilfe einer Betriebsprüfung und der Informatisierung des Ausgabesystems transparenter gestaltet und rationalisiert werden. Dasselbe betrifft die Rentenkasse, in der immer noch zahlreiche Nichtbeziehungsberechtigte registriert sind. Weitere Rationalisierungsmaßnahmen werden die Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes betreffen, deren Gehälter zunächst eingefroren und sich zudem einer genauen Prüfung hinsichtlich von unberechtigten Auszahlungen unterziehen werden.

Insgesamt verlief das erste Jahr des dreijährigen IWF-Programms (s.o. Kasten) zufriedenstellend, zumal bei relativ stabilen Weltmarktpreisen für die Hauptexport- und Importartikel Guineas eine ausgewogene Bilanz gehalten werden konnte und eine Stabilität versprechende politische Entwicklung in der Region die für die Landessicherheit in letzter Zeit erheblich gestiegenen Ausgaben in Grenzen hielt. Das Folgejahr 1998 bescherte dem ehrgeizigen Programm daraufhin einen durch verschiedene Faktoren verursachten kritischen Einbruch:

Ein Verfall des Aluminiumpreises auf dem Weltmarkt von 16% dezimierte die Exporteinnahmen der Aluminiumrohstoffe Bauxit und Alumina;

Das Wiederaufflammen kriegerischer Auseinandersetzungen in den Krisengebieten an Guineas Grenzen (Sierra Leone, Guinea-Bissau) forderte eine Erhöhung der Sicherheitsausgaben;

Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen Ende 1998 verhielten sich Investoren, das produzierende Gewerbe, Handel und Dienstleistungen zögerlich, was zu einer Abschwächung der konjunkturellen Entwicklung führte.

Darüber hinaus wurden für das letzte Quartal 1998 geplante Ausgaben ausgesetzt und auf das Haushaltsjahr 1999 übertragen, was die Situation für das dritte und entscheidende Programmjahr noch verschlimmerte. Ein zufriedenstellender Abschluß des Programms hingegen ist für Guinea deshalb so wichtig, weil das Land nur dann in neue Verhandlungen über Schuldenerlasse und Umschuldungsinitiativen sowie für weitere Anpassungskredite mit den Bretton Woods- Institutionen treten kann. Die Mittel der übrigen bi- und multilateralen Geber sind indessen vollständig für die laufenden und geplanten Entwicklungsprogramme und -projekte festgelegt, so daß eine Haushaltsausgleichsunterstützung unwahrscheinlich erscheint, der Haushalt also nicht ausgeglichen ist. Zudem weist die

guineische Haushaltsführung dafür noch erhebliche strukturelle und funktionale Defizite auf:

Die Privatisierung größerer, den Haushalt weiterhin belastender Staatsunternehmen geht kaum voran;

Der Mittelabfluß ist trotz der angespannten Finanzlage aufgrund von Verwaltungsmängeln schleppend;

Für die Stagnation der Zolleinnahmen sind u.a. auch der immer noch vorherrschende hohe Korruptionsgrad beim guineischen Zoll sowie eine unkoordinierte und damit ineffiziente Zusammenarbeit zwischen dem Zoll und der schweizer SGS Société Générale de Surveillance als Mandatsträger der Zollüberwachung verantwortlich.

Entscheidend für den Erfolg der Konsolidierung der Strukturanpassungsreformen werden letztendlich die rigorose Durchsetzung der Reorganisation der öffentlichen Finanzen und der Währungspolitik sein. Im Bereich der Haushaltspolitik liegen dabei die Schwerpunkte in einer verbesserten Ausgabenkontrolle, -verfolgung und -bewertung sowie in der weiteren Mobilisierung von Einnahmen durch die weitere Bekämpfung der Korruption auf allen Ebenen, aber auch die Erleichterung und Förderung von Fremdinvestitionen. Eine solide Basis dafür sollten eine strikte Währungspolitik zur Kontrolle der Inflation sowie eine Belebung des unterversorgten Devisenmarktes sein.









6 Wirtschaftsgeographische Sektorbetrachtungen - Analyse, Bestimmung und Bewertung von Entwicklungspotentialen

6.1 Der primäre Sektor - Zukünftiger Wachstumspol oder schlichte Selbstversorgungsbasis?

6.1.1 Die Landwirtschaft - Von der Subsistenzlethargie zur Überschuß- und Exportproduktion

Der Wandel von der durch das Versagen der sozialistischen Agrarpolitik der I. Republik hervorgerufenen Rückentwicklung der landwirtschaftlichen Produktion zu einer ausgepr

ägten Subsistenzwirtschaft hin zur privatwirtschaftlich organisierten Markt- und Exportproduktion schreitet nur langsam voran. Immer noch verhindern grundlegende strukturelle Probleme wie eine unterentwickelte ländliche Infrastruktur, ein ungenügendes Transportwesen, nicht eindeutig geklärte Landbesitzverhältnisse sowie ein niedriges branchenspezifisches Bildungsniveau, aber auch der schwierige Zugang zu Know-how und Krediten langfristige und tragfähige Investitionen. Die weitere Inwertsetzung des landwirtschaftlichen Potentials Guineas hängt im wesentlichen von der Erreichung der folgenden Ziele ab:



6.1.1.1 Die agrarwirtschaftliche Gesamtsituation

Die Erblast der I. Republik

Der landwirtschaftliche Produktionssektor, zu Beginn der I. Republik mit 76% Anteil am Gesamtexport des Landes der Motor der guineischen Wirtschaft (s. Tab. 27), verlor trotz des immensen natürlichen Potentials aufgrund von Mißwirtschaft und des an Dominanz gewinnenden Bergbausektors (s. Kap. 6.2.2) an Bedeutung

und ist heute noch mit 20,4% am BIP beteiligt (RG 1998e, S. 22). Somit rutschte Guinea von einem Exportland (s. Tab. 28) mit Selbstversorgungsstatus in die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten ab.

Tabelle 28: Exportvolumina der wichtigsten Agrarprodukte 1960 - 1990 (in t).

Produkt/Jahr 1960 1970 1974-80(1) 1981-85 1986-88 1990
Kaffee 16000 4652 1963 577 4966 13250
Bananen 55000 20000 8930(2) 0 0 n.bek.
Ananas 5000 8207 3990 619 590(3) 2400
Palmkerne 23000 13025 11985 77 3300(4) n.bek.
Mango n.bek. n.bek. 796 178(5) 197 300


(1) im Mittel.

(2) Angabe für 1971. Der Bananenexport endete 1979.

(3) Durchschnittl. Menge für 1987-88.

(4) Durchschnittl. Menge für 1986-87.

(5) Durchschnittl. Menge für 1980-84.

(Quelle: WB 1990a, S. 24; ARULPRAGASAM/SAHN 1991, S. 87; RG 1991a, BD. II, S. 29).

Nach Auflösung der staatlichen Kollektivbetriebe bestellten fast ausschließlich Kleinbauern auf ihren im Durchschnitt 1-3 ha großen Farmen das Land, die Subsistenzwirtschaft wurde wieder zur vorherrschenden agrarwirtschaftlichen Nutzungsform. Und obwohl 33,4% der Landesfläche Guineas landwirtschaftlich nutzbar sind, standen von dieser 1994 nur etwa 11,1% tatsächlich unter Nutzung, was wiederum nur 3,7% der gesamten Landesfläche ausmacht (RG 1996c, S. 7).

Wichtigstes Anbauprodukt Guineas war während der I. Republik und ist bis heute der Reis. Entsprechend seiner Bedeutung als traditionelle Anbaukultur und als essentielles Grundnahrungsmittel wurde ihm seit jeher das beste Anbauland geopfert. Die Notwendigkeit der Subsistenzwirtschaft unter der I. Republik forderte ebenfalls eine Diversifizierung des Reisanbaus in den verschiedenen Naturräumen heraus. Zudem weist die Kultivierung mehrerer Reisvarietäten auf sein noch ungenutztes Entwicklungspotential hin (Tab. 29).

Tabelle 29: Anbauflächen der Hauptreisarten in den Naturräumen 1986 (in ha).

Naturaum/

Reisart

Mangroven-

reis

Regennasser

Tal- und Sumpfreis

Regennasser Bergreis Gesamt %
Niederguinea 65000 5000 55000 125000 25
Mittelguinea - 8500 76500 85000 17
Oberguinea - 78000 52000 130000 26
Waldguinea - 48000 112000 160000 32
Gesamt: (ha) 65000 139500 295500 500000 100
(%) 13 27,9 59,1 100 100


(Quelle: PHILIPPI WILHELM 1988, S. 32)

Die 20%ige Steigerung der Reisproduktion im Zeitraum vom Ende der I. Republik (1984) bis 1990 war indes weniger auf eine Intensivierung und Optimierung des Anbaus und ein

damit verbundenes Ertragswachstum zurückzuführen, sondern beruhte vielmehr auf der Erweiterung der Anbaufläche. Diese Tatsache beschreibt ein teilweise bis heute existierendes, grundlegendes Problem in der guineischen Landwirtschaft, denn bei nahezu allen wichtigen Anbauarten hat sich die Produktionstechnik, mit Ausnahme einiger separat geförderter Projekte, seit Jahrzehnten kaum weiterentwickelt (CLAPP 1992, S. 347).

Bei dem Versuch, die seit der Unabhängigkeit rückläufige Agrarproduktion abzufangen und wieder zu steigern, konnten bei einigen Exportprodukten wie dem Kaffee positive Ergebnisse erzielt werden. So fiel beispielsweise die 1968 erzielte Exportmenge von 11.280 t Kaffee bis 1979 auf 780 t, konnte aber bis 1989 wieder auf 9.300 t gesteigert werden und übertraf 1990 mit 13.250 t erstmals den Exportumfang zur Zeit der Unabhängigkeit (s. Tab. 28). Da jedoch keine zuverlässigen Daten bezüglich des Überlandexportes existieren, ist zu vermuten, daß diese Produktionssteigerung eher ein Ergebnis verminderter Schmuggeltätigkeit zugunsten legaler Exporte darstellt(177).

Trotz des Wachstums der Agrarexporte nahmen diese bis 1993 nur etwa 5% der Gesamtexporteinnahmen ein. Demgegenüber stand ein doppelt so hoher Wert an Nahrungsmittelimporten, die ob der durch das hohe Bevölkerungswachstum im-

mer schwieriger werdenden Versorgungslage ständig gesteigert werden mußten (Tab. 35).

So kann man denn die Jahre nach der I. Republik bis Ende 1991 als Orientierungsphase mit den sektorpolitischen Zielen der Wiedergewinnung der Nahrungsmittelsicherheit und der Schaffung von Grundstrukturen für eine Exportproduktion von Agrargütern bezeichnen.

Guineas Landwirtschaft heute

Der rurale Sektor (Landwirtschaft, Viehzucht, Fischereiwesen, Forstwirtschaft) trägt heute zu etwa 20,4% zum BIP Guineas bei, wovon 14,3% allein auf die Landwirtschaft fallen (RG 1998e, S. 21). Er beherbergt zudem immer noch 72,5% der Gesamtbevölkerung(178) (RG 1997a, S. 17). Seit 1992 erfolgt die Entwicklungssteuerung in der Landwirtschaft auf der Basis einer mit der internationalen Gebergemeinschaft abgestimmten Sektorpolitik (Lettre de Politique de Développement Agricole (LPDA), s. Kap. 6.1.1.4). Seither konnten folgende Eckwerte beobachtet werden:

Dennoch bleibt die Handelsbilanz aufgrund der hohen Nahrungsmittelimporte (Gesamtimporte an Reis, Mehl und Zucker 1997: 258100 t) mit 17,4 Mill. US$ weiterhin defizitär (RG TBEG Nr. 34 (4/97), S. 18, RG 1998e, S. 29).

Ein Blick auf die heutige Gesamtsituation der Produktion und des Exports landwirtschaft-

licher Erzeugnisse läßt bei zahlreichen Anbauarten beständige Steigerungsraten seit Beginn der 90er Jahre erkennen. Waren im Erntejahr 1992 vor allem die günstigen Wetterverhältnisse für eine überdurchschnittliche Produktion verantwortlich, so ist eine allmähliche Verbesserung der allgemeinen Rahmenbedingungen für Agrarproduzenten festzustellen (s. auch Karte 23: Rahmenstrukturen landwirtschaftlicher Handels- und Produktionsaktivitäten). Obgleich diese noch weitgehend unzureichend sind, scheint die ländliche Bevölkerung aus der langjährigen Lethargie der Subsistenzwirtschaft erwacht und zeigt konstruktive agrarökonomische Aktivität mit den entsprechenden Ergebnissen.

Tabelle 32: Landwirtschaftliche Produktionsmengen 1989 - 95 (in 1000 t).

Erzeugnis 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995
Reis, ungeschält 426 430 430 457 531 532 631
Mais 108 78 85 94 88 85 80
Maniok 358 402 458 481 485 550 601
Yams 100 80 95 73 73 114 114
Süßkartoffeln 104 81 99 107 130 143 143
Ananas 36 43 50 51 58 67 67
Palmöl 40 40 40 40 40 50 50
Erdnüsse (ungeschält) 45 78 78 102 122 128 132
Kaffee 24 30 30 29 29 30 30
Baumwollsamen 1 4 10 19 17 16 11


(Quelle: StLB 1994, S. 54; RG 1995a, S. 38; EIU CP 1996/97, S. 17 u. 1997/98, S. 30; RG 1996C, S. 15ff; RG 1996D, S. 34ff).



Die Gesamtproduktion ist seit 1990 um etwa 44% gestiegen, wobei sich jedoch produktspezifische Tendenzen erkennen lassen: während die für die Nahrungsmittelsicherheit wichtigen Erzeugnisse Reis, Maniok, Yams und Süßkartoffeln hohe Wachstumsraten zu verzeichnen haben, geht die Produktion der Exporterzeugnisse Kaffee und Baumwolle nur schleppend voran.

Jeder der vier Naturräume Guineas besitzt sein eigenes agrarspezifisches Gesicht, gekennzeichnet durch die Dominanz einer oder zweier typischer Anbauprodukte der Region und einer Vielzahl sekundärer landwirtschaftlicher Produktionsaktivitäten. So nimmt der Reisanbau, das wichtigste Grundnahrungsmittel des Landes, über 46% der gesamten agrarwirtschaftlich genutzten Fläche ein. Weniger wasserbedürftige und arbeitsintensive Anbauarten wie Fonio und Mais, die hauptsächlich in den trockenen Zonen Mittel- und Oberguineas angebaut werden, folgen mit 17,5% bzw. 9,9%.

Tabelle 33: Anbaufläche nach Nahrungsmittelanbauart und Naturraum Guineas 1994.

Anbaufläche in % der Gesamtanbaufläche
Anbauart/Naturraum Niederguinea Mittelguinea Oberguinea Waldguinea Gesamt
Mittl. Jahresniederschlag (mm) 3137 1823 1558 2301 2249
Reis 36,3 9,5 23,3 30,9 46,4
Mais 11,2 40,7 43,5 4,6 9,9
Fonio 16,4 41,9 35,9 5,8 17,5
Maniok 15 16,8 43,5 24,7 8,7
Erdnüsse 36,8 19,1 38,9 5,2 9,9


(Quelle: RG 1996c, S. 15)

NIEDERGUINEA

Trotz der Risiken der Versalzung durch das Meerwasser und der Bodenübersäuerung durch lange Trockenzeiten dominiert in diesem Naturraum der Reisanbau und nimmt 63% der Gesamtanbaufläche ein, vor allem im gesamten Küstensaum, auf den weiten Küstenebenen und in einigen Tälern der Fouta Djallon-Ausläufer. Niederguinea gliedert sich in zwei Regionen unterschiedlicher landwirtschaftliche Aktivitätsmuster:

Die Küstenebenen

In den fluvio-marinen Niederebenen des Küstensaums wird neben der Reiskultur noch die Meersalzextraktion und die Mangrovenholzgewinnung betrieben. Die ausladenden Flächen der Küstenebenen bis hin zum Fuße der Fouta Djallon-Ausläufer werden für den Anbau von Ölpalmen, Früchten (Mangos, Bananen und Ananas) und Gemüse genutzt.

Die Ausläufer des Fouta Djallon

In den Tälern und auf den Ebenen der westlichen Ausläufer des zentralen guineischen Bergmassivs Fouta Djallon (s. Karte 4) herrscht der extensive Anbau von Regenkulturen wie Mais , Maniok, Hirse, Yams (Süßkartoffeln), Kartoffeln und Erdnüssen vor. In klimatisch besonders begünstigten Talzonen werden intensiver Reis- und Gemüseanbau betrieben. Im Osten dieser Region wird das ländliche Erscheinungsbild durch die Transhumance der hoch aus dem Zentralmassiv herabwandernden Nomaden geprägt, die ihre Rinderherden bis an die Grenzen zur Küstenebene treiben.

Der Reis-, Früchte- und Gemüseanbau ist mit Ausnahme einiger auf die Weiterverarbeitung und den Export orientierter Fruchtplantagen im Raum Kindia und Forécariah auf die Versorgung der urbanen Agglomerationen (Boké, Boffa, Kindia, Forécariah, Dubreka und Conakry) und der Bergbauzentren (Kamsar, Fria, Débélé) ausgerichtet. Die Transportwege sind in relativ gutem Zustand (der größte Teil der Verbindungswege ist asphaltiert), doch die Transportkosten sind hoch.

Ein weiteres Problem stellt der Bevölkerungsdruck in diesem kleinsten der vier Naturräu-me dar. Von seinen rund 44.000 km2 (18% der Gesamtfläche Guineas) sind nur 21% land-

wirtschaftlich nutzbar(179) (PNUD 1992a, Band Niederguinea, S. 68). Diese 9.200 km2 müssen jedoch eine Bevölkerung von 1,05 Mill. Einwohner (ohne Conakry) ernähren, also etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung (RG 1993a, S. 1 u. 2).

Dieser Druck und die ständige Gefahr unnachsichtiger Nutzung bedrohen das ökologische Gleichgewicht Niederguineas, insbesondere seine sensiblen Mangrovenkulturen. Denn neben der Nutzung als Brennstoff für den Haushalt wird das Mangrovenholz auch als Feuerholz zur Beschleunigung der Meerwasserverdunstung bei der traditionellen Meersalzgewinnung herangezogen. Sie ist mit rund einem Viertel am gesamten Mangrovenholzverbrauch beteiligt.

Die Kommerzialisierung der Agrarprodukte innerhalb Niederguineas (s. Karte 24: Kommerzialisierungsströme in der Landwirtschaft, Niederguinea) ist ganz auf die Hauptstadt und ihren Versorgungsgürtel um die Städte Forécariah, Coyah und Dubreka sowie die Bergbauzentren Fria und Boké ausgerichtet. Ein reger Warenaustausch findet mit den bedeutendsten Handelszentren Mittelguineas statt, den Städten Mamou und Labé, über die die wichtigsten niederguineischen Produkte Reis (lokale Produktion und Importe), Fisch (Frischware und Räucherfisch) und Salz ihren Absatz in diesem Naturraum finden. Im Austausch erhält Niederguinea einen großen Teil der Obst- und Gemüseproduktion des Fouta Djallon.

Aufgrund der wenig entwickelten und schlecht unterhaltenen Transportinfrastruktur sowie dem Mangel an Konservierungsmöglichkeiten und Frischwarentransport sind die Warenströme zu den regionalen Absatzmärkten Ober- und Waldguineas sehr beschränkt. Lediglich handwerklich konservierter Räucherfisch und Meeressalz erreicht die Städte Kankan und N'Zérékoré.

MITTELGUINEA

Der bevölkerungsreichste Naturraum Guineas ist in zwei agrarwirtschaftlich unterschiedlich genutzte Zonen unterteilt; das Massiv des Fouta Djallon und die nordwestlichen Ebenen.

Das Massiv des Fouta Djallon

Die dominierenden Elemente landwirtschaftlicher Produktion im Fouta Djallon lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen:

1. Die sog. "Tapades", Felder intensiven Anbaus, eng um die Siedlungen herum angeordnet und durch Einzäunungen vom übrigen Land abgegrenzt. Unter Verwendung von Tierdung als natürlicher Dünger werden hauptsächlich Fonio, Reis, Mais und Erdnüsse angebaut, oftmals auch im mehrfachen Kulturverbund. Daneben ist auch die Produktion von Yams (Süßkartoffeln), Maniok, Niébé (eine

westafrikanische Bohnenvarietät) und anderen Gemüsearten vertreten. Der Früchteanbau konzentriert sich auf die durch die Städte Mali, Labé, Pita, Dalaba und Mamou verlaufende Nord-Süd-Achse des Zentralmassivs. Diese Präfekturen produzieren mehr als die Hälfte der Früchte des Fouta Djallon, dessen Gesamtproduktion sich auf ca. 140.000 t/a geschätzt wird (PNUD 1992a, Band Mittelguinea, S. 60).

2. Die "Außenfelder", Zonen extensiven Anbaus außerhalb des Siedlungsgebietes und der Tapades. Je nach Bodenart und -qualität werden auf den Hängen, Ebenen und Tälern eine Anbauart beständig oder mehrere im Jahreswechsel kultiviert. Die vorherrschende Hangkultur ist der anspruchslose Fonio. In einigen fruchtbaren und ausreichend humiden Tälern wird Reis gepflanzt.

3. Die weiten Ebenen in den nördlichen und südlichen Randgebieten des Massivs, traditionelle Domänen der Viehhaltung. In den nördlichen Präfekturen Gaoual, Koundara und Mali sowie der südlichen Präfektur Mamou (s. Karte 4) wird mehr als ein Viertel des gesamten guineischen Viehbestandes gehalten (EBENDA, S. 66). Die Haltung liegt zum überwiegenden Teil in den Händen von Familienbetrieben mit Herdengrößen von 5 - 10 Rindern.

Die nordwestlichen Ebenen

Der landwirtschaftliche Charakter der nordwestlichen Ebenen der Provinzen Koundara und Gaoual ist durch den Anbau klassischer Savannenkulturen geprägt: Naßreis, Mais, Sorghum, Hinzu kommen Erdnüsse und Bohnen. Die Zugviehnutzung ist in Mittelguinea seit langem bekannt, wird jedoch nur von 8% der Bauern praktiziert. Die größten Flächen werden jedoch der Viehhaltung vorbehalten. 40 - 50% der Viehhalter besitzen Herden mit bis zu 30 Rinder, darunter einige Großbesitzer mit mehr als 100 Rinder (WB 1992b, Thema Nr. 2, S. 38).

Der Baumwollanbau, von der französischen Gesellschaft für die Entwicklung von Textilfasern (Compagnie Française pour le Développement des Fibres Textiles CFDT) in Oberguinea 1989 eingeführt, hat sich seither auch in einigen Randgebieten des Fouta Djallon stetig weiterentwickelt. Seine Anbaufläche ist hier von 97 ha 1988/89 auf 3735 ha 1992/93 angestiegen (PNUD 1992a, Band Mittelguinea, S. 61).

Die hohe Bevölkerungsdichte in den zentralen Regionen des Fouta Djallon-Massivs mit mehr als 80 E/km2 (WB 1992b, Thema Nr. 2, S. 37) bringt Probleme mit der Verfügbarkeit fruchtbaren Grund und Bodens sowie der Degradation der Böden durch Auslaugung infolge Überbeanspruchung und zu kurzerBrachzeiten mit sich. Dies kommt in der Durchschnittsgröße der Anbauflä-

chen ländlicher Betriebe von etwa 1 ha zum Ausdruck. Eine weitere Folge ist eine starke Abwanderungsbewegung junger Männer (s. Kap. 4.4.3).

Die Nord-Süd-Handelslinie zwischen den Städten Mali und Mamou bildet die Hauptkommerzialisierungsachse der landwirtschaftlichen Güter Mittelguineas (s. Karte 25: Kommerzialisierungsströme in der Landwirtschaft, Mittelguinea). Die größtenteils in Familienbetrieben unterhaltenen Obst- und Gemüseplantagen des Fouta Djallon sind die wichtigsten Gartenbaustandorte für die Hauptstadt Conakry und das Bergbauzentrum Boké im Norden Niederguineas. Im Süden reichen die Kommerzialisierungsströme bis Macenta und N'Zérékoré, wo überwiegend Vieh und etwas länger haltbare Früchte wie Orangen ihren Absatz finden. Auf den traditionellen nördlichen Handelswegen zum Süden des Senegal werden im Austausch gegen größtenteils über Dakar importierte Industrie- und Konsumgüter Frischobst, Gemüse und Vieh exportiert.

OBERGUINEA

In diesem flächengrößten guineischen Naturraum lassen sich die landwirtschaftlichen Produktionsmuster in vier Systeme gliedern:

1. Die Uferterrassen und Alluvialebenen des Nigers und seiner Nebenflüsse Tinkisso, Mafon, Niandan, Milo, Fié und Sankarani (s. Karte 5). Der Reisanbau dominiert auf über 50% der bearbeiteten Flächen in dieser Zone (PNUD 1989a, S. 199).

2. Die nördlichen Ebenen. Mit Abnahme der Niederschläge in Richtung Norden wird der Reis zunehmend von weniger Anspruchsvollen Getreidearten wie zunächst Hirse und Sorghum ersetzt, dann von Fonio und Mais.

3. Die südliche Region bis zu den Ausläufern des guineischen Rückens. Die höheren Niederschläge in diesen Zonen begünstigen den Talanbau (Maniok, Yams) und den Naßreisanbau auf den Hängen.

4. Das westliche Nigerbecken bis zu den Ostausläufern des Fouta Djallon-Massivs. Die nordöstliche Talebene von Dabola und das Becken von Kouroussa werden vom Erdnußanbau beherrscht, teilweise mit Sorghum assoziiert.

Der Anbau von Wurzelfrüchten und Gemüse konzentriert sich auf die Randgebiete der größeren Städte. Bedeutend sind die ausgeprägte Maniokkultur um Faranah und der Anbau von Yams um Kankan. An Obstkulturen sind nur der Mangobestand in der Umgegend von Kankan(180) und der Anbau von Zitrusfrüchten in der Ebene von Mandiana zu nennen.

Die Baumwollkultur erlebte mit der Ansiedlung der CFDT (s.o.) 1985 im Norden von Kankan einen bemerkenswerten Aufschwung. Obwohl sich bis jetzt nur etwa 24.000 Bau-

ern im nord- und nordwestlichen Nigerbecken um Siguiri, Mandiana und Kankan dem Baumwollanbau widmen, ist das hohe Entwicklungspotential dieser Kultur abzusehen.

Im Zuge einiger großräumig angelegter Programme der EU und CF(181) zur Entwicklung des ländlichen Raumes konnten beachtliche Erfolge in der Zugviehnutzung bei Ackerbau-kulturen (Nutzungsrate 30%) und der Einführung des Bewässerungsreisanbaus erzielt werden (WB 1992b, Thema Nr. 2, S. 39).

Die Art der Bodennutzung ergibt sich aus der Bodenqualität und der Entfernung der Siedlungen bzw. Familien zu den Feldern. Es werden zwei Systeme unterschieden:

a. die Dauerkulturen der alluvialen Flächen und Überschwemmungsterrassen der Flüsse sowie der humiden Talebenen;

b. der Wanderfeldbau auf den Plateaus und Hängen der übrigen Regionen. Seine Bewegungsgeschwindigkeit hängt von der Bodenbelastung und den Brachzeiten ab.

Die in Oberguinea dominierende Volksgruppe der Malinké unterscheiden weiterhin zwischen den kollektiven Familienfeldern, die von allen Mitgliedern der Familie bewirtschaftet werden, und den wesentlich kleineren individuellen Feldern.

Die Struktur der Kommerzialisierungsströme landwirtschaftlicher Produkte in Oberguinea zeigt ein über weite Teile der Nigerebene verbreitetes Handelsnetz mit den Umschlags- und Absatzzentren Kankan, Siguiri, Kouroussa, Faranah und Dabola (s. Karte 26: Kommerzialisierungsströme in der Landwirtschaft, Oberguinea). Als größter Produzent der wichtigsten traditionellen Anbauarten Maniok, Fonio, Ignam, Erdnüsse, Flußreis, Néré und Karité reichen die Warenströme im Westen trotz der widrigen Transportbedingungen über den Handelsknoten Mamou bis zur Hauptstadt. Allerdings stellen die steil aufragenden Ausläufer des Fouta Djallon-Massivs im mittel- und nordwestlichen Teil Oberguineas ein natürliches Hindernis für den agrarwirtschaftlichen Handel mit Mittelguinea dar.

Ebenfalls eine gute Anbindung besteht im Süden zu Waldguineas bedeutendsten Absatzmärkten N'Zérékoré und Guéckédou. Über die beiden Umschlagsmärkte Mandiana und Siguiri findet im Norden ein reger grenzüberschreitender Austausch von Agrargütern mit dem Nachbarstaat Mali statt.

WALDGUINEA

Die agrare Produktionsstruktur Waldguineas gliedert sich in zwei Systeme:

1. Dem Nahrungsmittelanbau mit einem deutlichen Übergewicht in der Naßreisproduktion, der 47,3% der Gesamtnutzungsfläche dieses Naturraums gewidmet werden (s. Tab. 36). Die Hauptanbaugebiete befinden sich in der Präfektur von Beyla und den nördlichen Zonen der Präfekturen von Kissidougou,

Macenta und Lola(182) (s. Karte 6). Andere Anbauarten wie Mais, Hirse, Fonio, Maniok, Sorghum und einige Obstsorten (Mangos, Orangen) treten nur geringfügig als Ergänzung des Nahrungsmittelbedarfs auf lokalen Märkten in Erscheinung.

2. Den Dauerkulturen im Plantagenanbau. Die Kaffeproduktion, die lange Zeit unter mangelhafter Betreuung und Überalterung der Pflanzen litt, nimmt heute 43,2% der Anbaufläche Waldguineas ein und stellt mit einer Jahresproduktion von 18.444 t (1995) das wichtigste landwirtschaftliche Exportprodukt des Landes dar (EIU CR 2/96, S. 16). Andere Plantagenkulturen wie Kakao, Avokado, Ölpalmen und Bananen (überwiegend Kochbananen) werden zumeist in Familienbetrieben angebaut und sind für die Eigenversorgung und die Bedienung lokaler Märkte und der Städte in dieser Region bestimmt.

Im nationalen Kontext nehmen indes diese Plantagenkulturen die vordersten Plätze ein:

Das unterschiedliche agrarwirtschaftliche Erscheinungsbild dieses Naturraumes gegenüber den anderen wird noch durch zwei weitere Elemente ergänzt: Die Schweinehaltung und die Naturkautschukproduktion. Während die Haltung von Rindern, Schafen und Ziegen mit etwa 13% Anteil am nationalen Bestand kaum ins Gewicht fällt, besitzt Waldguinea über 91% des guineischen Schweinebestandes(183). Für die Naturkautschukproduktion wurden seit 1988 auf einer Fläche von 8.000 ha Hévéas-Plantagen angelegt, die am Produktionsbeginn stehen (s. Kap. 6.1.1.3.2).

Die Kommerzialisierung der landwirtschaftlichen Agrargüter Waldguineas erfolgt über drei Hauptachsen: Die hauptsächlich aus den Anbauzonen um N'Zérékoré, Macenta und Kissidougou stammenden Produkte Kaffee, Bananen, Erdnüsse, Kolanüsse, Palmkerne und -öl sowie Holz erreichen die Hauptstadt über die südliche Ost-West-Handelsachse Faranah, Mamou und Kindia. Die bedeutenden oberguineischen Absatzmärkte von Kankan und Siguiri werden

mit Palmöl, Mais, dem beliebten Bergreis, Kolanuß und Bananen über den Umschlagsmarkt in Beyla versorgt. Im Süden steht das Handelszentrum N'Zérékoré in regem Warenaustausch mit den Nachbarstaaten Elfenbeinküste und Liberia (s. Karte 27: Kommerzialisierungsströme in der Landwirtschaft, Waldguinea.).



6.1.1.2 Die Viehwirtschaft als traditionelle Wachstumsbranche

Die Viehwirtschaft ist mit 3,3% Beteiligung am BIP (1997) ein konstanter Faktor des primären Sektors. Das jährliche Wachstum der Branche beträgt seit 1992 im Vergleich zum Gesamtwachstum des Agrarsektors überdurchschnittliche 5,5% (RG 1998e, S. 21). Die Viehhaltung stellt eine wirtschaftliche Basisaktivität für große Teile der Bevölkerung in Mittel- und Oberguinea dar, wo sie mit respektive 61% und 53% die regionale ländliche Ökonomie bestimmt. In Nieder- und Waldguinea dagegen macht sie nur etwa 17% der Aktivitäten im primären Sektor aus (PNUD 1992a, Hauptband, S. 13).

Das Engagement der guineischen Regierung einerseits und die konsequente Förderung der Branche durch die internationale Gebergemeinschaft andererseits führten in den letzten Jahren zu beachtlichen Ergebnissen:

Im Jahre 1995 belief sich der guineische Bestand an Rindern auf ca. 2,16 Mill. Stück (RG 1996d, S. 29) der Rasse N'dama, einer sehr widerstandsfähigen(184) und dem Klima Mittel- und Oberguineas bestens angepaßten Rasse. Ihre Produktivität ist mit durchschnittlich 1 - 2 l Milch pro Tag und etwa 100 - 110 kg Fleisch pro Jahr hingegen gering (PNUD 1992b, Hauptband S. 13). Sie wurde von den im Fouta Djallon seßhaft gewordenen, ehemaligen Nomaden, den Peulh, eingeführt, die sie immer noch überwiegend in der familiären Wirtschaft mit einem überschaubaren Bestand von 4-10 Rindern halten. Sie betrachten ihre Herden bis heute als grundsätzlich unveräußerbares Familienvermögen, dessen Wert sich nicht nach der Fleisch- und Milchleistung, sondern nach der Stückzahl allein bemißt.

Guineas Viehbestand ist in den letzten Jahren stetig angestiegen. Besonders der Rinderbestand hatte in den Jahren nach 1990 beständige Wachstumsraten von jährlich etwa 7% zu verzeichnen. Dennoch ist der Fleischertrag gering. 1995 lag die Fleischproduktion bei insgesamt 34.000 t, etwa 108 kg Fleisch pro Rind (RG 1995b, S. 42; MT Nr. 2698, S. 1670). Indes weist die Tatsache, daß nur etwa 10% des Gesamtrinderbestandes zum Schlachthof gebracht werden, zum einen auf den hohen traditionellen Wert des Rindes innerhalb der Familienbetriebe hin, zum anderen werden eine Vielzahl von Schlachtungen anläßlich größerer Festlichkeiten und kultureller Ereignisse im Kreise von Großfamilien

und Dorfgemeinschaften unregistriert vorgenommen.

Zusammen mit einer Produktion von 1656 t Eiern sowie 56378 t Milch ergibt die Fleisch-erzeugung eine jährliche tierische Proteinmenge von 7378 t (1995, ohne Fischeiweiß), was den jährlichen Bedarf der guineischen Bevölkerung an tierischen Proteinen nur zu 58% abdeckt. Der rechnerische pro-Kopf-Verbrauch von 2,9 g täglich reduziert sich in entlegenen ländlichen Gebieten auf oftmals weniger als 1 g. Ein Teil des Bedarfs wird durch den Import von Fleisch und Milchprodukten aufgefangen, mit denen jedoch zumeist nur die urbanen Zentren versorgt werden (MT Nr. 2698, S. 1670).

Der größte Teil der Tiere, die in den Schlachthöfen der Hauptstadt verarbeitet werden, kommen aus dem hochgelegenen Bergland des Fouta Djallon und den von Tsetsefliegen freien Trockensavannen des oberguineischen Manding-Plateaus. Die Schweinehaltung ist aufgrund der Tatsache, daß in Waldguinea ein relativ bedeutender Teil der Bevölkerung das Christentum und den Animismus praktiziert, dort mit 91,6% der insgesamt ca. 40.800 Stück am stärksten vertreten.

Die Geflügelhaltung hatte in den letzten Jahren mit der Einführung von halbindustriellen/industriellen Geflügelfarmen einen Wachstumssprung zu verzeichnen und erreichte 1995 einen Bestand von ca. 7 Mill. Stück(185) (MT Nr. 2698, S. 1670).

Die Hauptprobleme der guineischen Viehwirtschaft liegen trotz der erheblichen Anstrengungen in den letzten Jahren in der immer noch unzureichenden tierärzlichen Versorgung, verbunden mit der Unwissenheit der Bevölkerung über die Bedeutung von Impfungen und adäquaten Behandlungen. Weiterhin führt der traditionell hohe Besitzstandswert von Vieh, insbesondere von Rindern, sowie ein hohes Maß an Extensität bei der Haltung zu einem beständig wachsenden Viehbestand,

wodurch die Weidegründe knapp und der Überweidung preisgegeben werden(186). Außerdem ist von den Möglichkeiten der Integration der Viehwirtschaft in die Landwirtschaft bisher zu wenig Gebrauch gemacht worden(187).



6.1.1.3 Entwicklungsstrategien

Nach der Abkehr von der sozialistischen Planwirtschaft verfolgt die guineische Regierung seit 1985 eine Sektorpolitik, die die privatwirtschaftlich organisierte Agrarproduktion als Motor der landwirtschaftlichen Entwicklung in den Vordergrund stellen soll. Mit den drei Hauptzielen

- Erhöhung der Nahrungsmittelsicherheit,

- Ausbau und Diversifizierung des Anbaus von Exportkulturen und

- nachhaltige Schaffung von Arbeitsplätzen

unterstützt das Land mit Hilfe der internationalen Gebergemeinschaft die Entwicklung seines Agrarsektors in umfangreichen Investitions- und Förderprogrammen.

Um der Reformierung und der Wiederbelebung des Agrarsektors eine Strategie zurunde zu legen, definierte die guineische Regierung im September 1991 ihre landwirtschaftliche Entwicklungspolitik (Lettre de Politique de Développement Agricole LPDA)(188). Der Inhalt dieser Politik ist eine verbindliche Beschreibung der wichtigsten Entwicklungsplanziele, die in einem umfangreichen Aktionsplan, der auch die gesetzlichen und institutionellen Veränderungsmaßnahmen beeinhaltet, verwirklicht werden sollen:

1. Intensivierung der Eigenproduktion zur Sicherung der Nahrungsmittelgrundversorgung und Verminderung der Importleistungen;

2. Exportsteigerung;

3. Schaffung und Verbesserung von investitions- und produktionsfördernden Bedingungen für Agrarproduzenten;

4. Gewährleistung eines vernünftigen Umgangs mit natürlichen Ressourcen.

(nach: RG 1991a, S. 3ff)

Die Verwirklichung dieser Ziele soll mit der Durchführung folgender Maßnahmen erreicht werden:

a) Fortsetzung des Rückzuges staatlicher Beteiligung an Produktionsaktivitäten, die vom privatwirtschaftlichen Sektor übernommen werden können;

b) verstärkte Förderung der privatwirtschaftlichen Initiative im landwirtschaftlichen Produktionsbereich;

c) Verbesserung der Rahmenbedingungen für Privatinvestitionen in den ländlichen Regionen;

d) Bereitstellung von agrarwirtschaftlichen Dienstleistungen (angewandte Forschung, Saatmaterial etc.);

e) Verbesserung der ländlichen Infrastruktur;

f) Aufbau und Unterstützung lokaler Verwaltungskapazitäten durch

g) Markterschließung für nationale Produkte im subregionalen und internationalen Raum;

h) Einführung flexibler Schutztarife für Importe zur Gewährleistung der Konkurrenzfähigkeit nationaler Produkte.

(nach: RG 1991a, S. 11ff, WB 1992a, S. 13)

Der Implementierung dieser Politik liegt das Prinzip der Beschränkung der Rolle des Staates bei gleichzeitiger deutlicheren Problem- und Zielorientierung seiner Interventionen zugrunde. Die vorbereitenden Studien verdeutlichten außerdem die Notwendigkeit, den Umfang und die Qualität ökonomischer und sektorieller Analysekapazitäten zu verbessern. Die Entwicklung des Agrarsektors zu einer tragfähigen Leistungskomponente der guineischen Volkswirtschaft wird indes bei dem Versuch, seine Produktivität und seine Kommerzialisierungskreisläufe zu verbessern, mit zahlreichen Problemen verschiedener Natur konfrontiert. Zu den physischen Problemen zählt die Degradation der natürlichen Umwelt durch den unnachsichtigen und unkontrollierten anthropogenen Einfluß (Brandrodung, Bodenauslaugung), der wiederum die Erosion und die Verarmung der Böden vorantreibt. Aber auch die zunehmende Desertifikation, vor allem im Nordosten und Osten Oberguineas, hervorgerufen durch permanent abnehmende Niederschläge und ungewöhnlich lange Trockenzeiten, drängen die agrarwirtschaftliche Nutzfläche stetig zurück.

In der ländlichen Bevölkerung treffen agrarökonomische Entwicklungsinitiativen oftmals auf Unverständnis und Mißtrauen gegenüber allen Fremdeinflüssen. Die Alphabetisierungsrate ist hier mit 18% extrem niedrig (PNUD 1992b, S. 35), das technologische Niveau entsprechend unterentwickelt. Uneffektive, extensive traditionelle Produktionstechniken überwiegen.

Die ökonomischen und infrastrukturellen Hindernisse sind zahlreich. Eines der Hauptprobleme stellt das trotz beständigen Ausbaus immer noch ungenügende und schlecht unterhaltene Straßen- und Pistennetz dar. Außerdem ist die Kapazität an zuverlässigem und angepaßtem Transportraum begrenzt.

Die branchenspezifischen Rahmenstrukturen sind unterentwickelt (s. Karte 23). Zu den Schwierigkeiten in der Produktion zählen die unzureichende Verfügbarkeit und die schwache Nutzung moderner und rationeller Technologien in Anbau, Ernte und Verarbeitung sowie der ungenügende Vertrieb und Gebrauch von hochwertigem Saatgut. Die

Agrarprodukte können für einen Transport oder eine Lagerung bisher nur in geringem Umfang angemessen behandelt und für längere Zeit konserviert werden. Daraus resultiert das Problem, beständig versorgte Marktkreisläufe aufzubauen und aufrechtzuerhalten, um das Abführen der Produktion zu gewährleisten. Die Zirkulation der landwirtschaftlichen Güter im volkswirtschaftlichen Kreislauf wird zudem durch steigende Nahrungsmittelimporte beeinträchtigt(189). Darüber hinaus werden Bauern, die im Zuge der Anwendung neuer Technologien beispielsweise gerade erste Überschüsse in der Produktion erzielt haben, sehr schnell der Desillusion und Demotivation ausgesetzt, wenn sie diese nicht auf dem Markt absetzen können.

Neben dem unzureichenden Verkehrs- und Transportnetz haben ebenso die ungenügenden Kommunikationsmöglichkeiten sowie der Mangel an finanzieller Infrastruktur investitions- und entwicklungshemmende Wirkungen.

Die institutionelle Seite stellt im Exportbereich hohe Verwaltungskosten und umfangreiche Prozeduren in der Bearbeitung in den Weg. Obwohl neue Gesetze wie das Investitionsgesetz von 1987 (s. Kap. 5.4.2.1), das Zollgesetz von 1992 und das Immobilien- und Unternehmensgesetz von 1992 zur Regelung von Grund- und Eigentumsfragen (s. Kap. 5.4.2.3) sowie Richtlinien und Verordnungen im Handels- und Bankenwesen deutliche Vorgaben hinsichtlich einer korrekten und effizienten Abwicklung von Exportaktivitäten geben, ist eine konsequente Umsetzung des Regelwerkes bis heute oftmals mit Willkür, Korruption, Schikane und Inkompetenz seitens der institutionellen Verantwortlichkeit verbunden.

Zur Überwindung dieser Hindernisse wurde den in der von Regierung und Entwicklungshilfe gemeinsam ausgearbeiteten landwirtschaftlichen Entwicklungspolitik (RG 1991a, s. Kap. 6.1.1.4) formulierten Strategien eine zeitliche Implementierungsstruktur gegeben, die sich in kurz-, mittel- und langfristige Rahmenziele gliedert (nach RG 1991a, S. 3ff, MT Nr. 2407, S. 3415 u. 3416).

Kurzfristige Rahmenziele

1. Konsequente Durchsetzung der allgemeinen Verwaltungsreform im ländlichen Bereich (Zugang zu Dienstleistungen, Vereinfachung und Effizienzsteigerung der Verwaltung für die Agrarproduzenten). Insbesondere die Dienste des Landwirtschaftsministeriums müssen dezentralisiert, ihre Erreichbarkeit optimiert werden.

2. Die Unterstützung der Bildung von Kooperativen und anderen privatwirt-schaftlich organisierten Kollektivstrukturen durch eine Verbesserung der institutionellen und organisatorischen Rahmenbedingungen (Beratung und Betreuung).

3. Der Abschluß der Grund- und Besitzrechtsreform. Sie gilt als Grundvorausset

zung für Investitionen im Agrarsektor, da durch geregelte Besitzstandsverhältnisse Garantien und Solvenzen für Finanzierungen und Kooperationen existieren.

4. Die Intensivierung des Technologietransfers.

5. Die Drosselung der Reisimporte. Um eine vermeintliche Beeinträchtigung der nationalen Reisproduktion zu vermeiden, soll die Reiseinfuhr kontrolliert und auf Conakry, die Bergbauenklaven und wichtige Agglomerationen begrenzt werden.

Die im Zuge der allgemeinen Verwaltungsreform angestrebte Dezentralisierung der Dienstleistungen des Landwirtschaftsministeriums hat sich aufgrund der begrenzten Haushaltsmittel bisher eher bescheiden ausgenommen. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, bestimmte, auf das regionalspezifische Entwicklungspotential zugeschnittene Betreuungseinrichtungen an strategisch günstige Punkten zu errichten, die einfach und kostengünstig erreichbar sind. Andererseits müßten auch jene behördlichen Außenstellen flexibel und mobil genug ausgerüstet sein, um ihre potentiellen Einzugsgebiete auch voll erfassen zu können. Ein Veterinäramt sollte beispielsweise im Zentrum der Viehzuchtdomäne des Fouta Djallon (Mittelguinea), in der Provinzhauptstadt Labé eingerichtet sein. Gleichzeitig müssen Gebiete mit höchster Konzentration an Viehbestand wie die Unterpräfekturen Koumbia, Sareboido und Kakony im Norden Mittelguineas(190) (s. Karte 29) mühelos erreicht werden können.

Außerdem sollte sich die Verteilung und Struktur solcher Dienstleistungseinrichtungen nach den weiteren Entwicklungen des privatwirtschaftlichen Produktionssektors im ländlichen Bereich orientieren. Hierbei ist eine enge Zusammenarbeit mit der guineischen Handels-, Industrie- und Landwirtschaftskammer (CCIAG) für beide Seiten notwendig und profitabel(191).

Die Förderung der Bildung von privatwirtschaftlichen Berufsgruppierungen, vor allem im agraren Exportbereich, dient dazu, Voraussetzungen für die Verbreitung besserer Technologien und entsprechendem Fachwissen zu schaffen. Doch gerade auf dem Gebiet der Kommerzialisierung besteht ein hoher Bedarf an Aufklärung und Beratung. Nur bei einer konstruktiven und zielorientierten Betreuung seitens der Regierung, der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und der subregionalen und internationalen interessierten Handelswelt können die privaten Berufseinrichtungen wirtschaftliche Verantwortung, die vorher beim Staat lag, übernehmen und lenken.

Obgleich guineischer Grund und Boden grundsätzlich Eigentum des guineischen Staates ist und das 1992 verabschiedete Immobilien- und Unternehmensgesetz Grund- und Eigen-

tumsfragen verbindlich beantwortet, halten sich Teile der öffentlichen Verwaltung und der Bevölkerung immer noch an traditionelle Besitzrechte. Dennoch ist die Anerkennung des privaten Boden- und Besitzrechtes dabei sich allmählich durchzusetzen und die traditionellen Eigentumsrechte zu ersetzen.

Mittelfristige Rahmenziele

1. Der Umweltschutz. Die Hauptschwerpunkte sind der Schutz der Böden im zentralen Bergmassiv des Fouta Djallon Mittelguineas, das als das fragilste Ökosystem des Landes gilt, sowie der Schutz der Flora und Fauna des guineischen Rückens Waldguineas (s. Kap. 4.1), insbesondere auf dem südlichen Nimba-Bergmassiv, das durch Brandrodung und den unkontrollierten Abbau von Bodenschätzen bedroht ist.

2. Die Erweiterung und Instandhaltung des ruralen Pistennetzes. Die Hauptorientierungen sind die Verbesserung der allgemeinen Verkehrs- und Transportbedingungen sowie der Ausbau und die Instandhaltung der Zubringerpisten zu wichtigen Anbauzonen.

3. Die Förderung des Aufbaus einer ruralen finanziellen Infrastruktur. Sie bildet eine wesentliche Grundlage für die Etablierung eines normalen Investitionskreislaufs in den ländlichen Regionen. Dabei sollen zunächst die bewährten Kreditsysteme auf der Basis gegenseitiger gemeinschaftlicher Rückversicherung weiter gefördert werden. Gleichzeitig soll der Aufbau eines klassischen Bankensystems mit der Ansiedlung von Filialen privater Handelsbanken in den wichtigsten Zentren der ländlichen Regionen vorangetrieben werden.

4. Die allgemeine Verbesserung der Infrastruktur. Neben dem Ausbau des Verkehrs- und Kommunikationsnetzes gilt die Aufmerksamkeit ebenso der Schul- und Berufsausbildung, der medizinischen Versorgung (Bildung von Gesundheitszentren, Impfprogramme, Erhöhung der Ratio Arzt/Einwohner) sowie der Wasserversorgung und -nutzung (Versorgung der Dörfer mit Trinkwasser, Rationalisierung und Optimierung der Wassernutzung in der Landwirtschaft).

5. Die gezielte Förderung regionalspezifischer Potentiale und Kapazitäten.

Der Umweltschutz betrifft in erster Linie die Bodenkonservierung in der Landwirtschaft. Gerade im Fouta Djallon Mittelguineas und auf dem guineischen Rücken Waldguineas haben Brandrodung, Überweidung, intensive Hangbewirtschaftung und fehlende Brachzeiten zur Auslaugung des Bodens und erheblichen Minderung seiner Qualität und seines Schutzes geführt. Maßnahmen zur Renaturierung zerstörter Flächen, zur Wiederaufforstung und zum Hangbodenschutz sind ebenso notwendig wie die Einleitung einer Bewußtseinsänderung zur Modifizierung der traditionellen Anbaumethoden hin zu nicht zerstörerisch wirkenden, die Natur erhaltenden und besser nutzenden landwirtschaftlichen Bearbeitungsmethoden.

Bei einer Bearbeitung von nur 11% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche (s.o.) liegt das Problem also nicht im Mangel an verwertbarem Boden, sondern in der extensiven und ressourcenfeindlichen, ökologisch belastenden Nutzung desselben. Ziel einer konkreten Nutzungspolitik ist es daher, auf der einen Seite mit Hilfe von Verbesserungen in Anbau- und Bearbeitungsmethoden die bestehende Nutzfläche in einen beständigen Regenerierungsprozeß zu überführen (wenn nötig und möglich mit längeren Brachzeiten), auf der anderen Seite neue Anbauflächen zu erschließen.

Beim Aufbau einer finanziellen Infrastruktur in den ländlichen Regionen hat sich das ländliche Kreditsystem im Rahmen von Solidargemeinschaften (s. Kap. 6.1.1.4.4) als grundlegende Quelle für Erfahrungen und Informationen für Investitions- und Finanzierungsfragen erwiesen. Das System unterscheidet sich nicht wesentlich von längst existierenden traditionellen gemeinschaftlichen Finanzierungsmethoden(192), ist jedoch einer modernen Finanzverwaltung angepaßt. Somit können die ländlichen Kreditsysteme durchaus als Zwischenstufe zu einem späteren Aufbau eines den ländlichen Raum erschließenden Banksystems angesehen werden.

Die Frage nach einer Entwicklungsbank stellt sich indes nicht, denn die Erfahrung zeigt, daß diese Banken durch das eher belastende Mandat der Entwicklungsförderung und durch Mißmanagement vom Zustand der Handlungsunfähigkeit gezeichnet sind, hervorgerufen durch irrationale Kreditvergabe (BAD 1990, S. 64ff). Außerdem sind zahlreiche wichtige internationale Finanzierungsinstitute (CFD, EIB, IFC, DEG) und Entwicklungshilfeorganisationen (UNDP, FED, USAID) am Kapital oder am Kreditangebot der wichtigsten Handelsbank des Landes, der BICIGUI beteiligt (EBENDA, S. 68). Die Errichtung einer Entwicklungsbank würde daher nur zu eine Angebotsverdopplung und Desorientierung in der unternehmerischen Bevölkerung führen. Außerdem liegen die Hauptprobleme der Kreditvergabe nicht an einem Mangel an Liquidität, sondern an der unzufriedenstellenden Qualität der Projekte und dem Profil des beantragenden Privatinvestors.

Der regionalspezifische Entwicklungsansatz basiert auf drei Handlungsprinzipien:

1. Produkte mit einem schon existierenden, bedeutenden Produktionsvolumen, die potentielle Märkte und gute ökonomische Voraussetzungen besitzen, haben Förderungspriorität. Dies wäre beispielsweise der Fall mit dem Gemüseanbau im Fouta Djallon (besonders Kartoffeln und Zwiebeln) für den nationalen und senegalesischen Markt, aber auch der Getreideproduktion im Raum Gaoual - Koundara (im Norden Mittelguineas) für den Dreiländermarkt Guinea-Bissau, Senegal und Mali, oder den Reisanbau in den Küstenregionen Niederguineas für die Versorgung Conakrys.

2. Produkte, die trotz der Liberalisierung von Markt, Preisen und Produktion durch fehlende Technologie unter einer Entwicklungsblockade im Zuge der Wiederaufnahme der Produktion leiden, bedürfen einer gezielten Analyse der Hemmfaktoren

und ebenfalls prioritärer Förderung (insbesondere Kaffee und Reis).

3. Für den Initialprozeß der Ausschöpfung des Entwicklungspotentials einiger Produkte entsteht die Notwendigkeit, strategische Ausgangspunkte wie z.B. eine agro-industrielle Verarbeitungseinheit zu schaffen. Diese Orientierungspole sollten daraufhin katalysierende Wirkung auf die weitere Entwicklung des betroffenen Agrarzweigs besitzen. Dies trifft insbesondere auf die Rohgummi- und Palmölproduktion zu.

Gerade diese Förderungsstrategie bedarf einer besonderen Einbindung in die Entwicklungskonzepte zur Verbesserung der Infrastruktur des gesamten ländlichen Raumes, insbesondere im Transportbereich.

Langfristige Rahmenziele

1. Die Sicherung der Eigenversorgung des Landes mit Nahrungsmittel bis zum Jahre 2000. Strategischer Grundgedanke der guineischen Regierung ist dabei, mit der Beseitigung von Hindernissen institutioneller und infrastruktureller Art der privatwirtschaftlichen Entwicklung genügend Raum zu verschaffen.

2. Mit dem Ausbau der Exportwirtschaft und den die Agrarwirtschaft begleitenden ökonomischen Aktivitäten sollten die ländlichen Regionen eine Umwandlung im Bewußtsein der Bevölkerung und in der ökonomischen Realität erfahren und der wichtigste Nährboden des Landes für Wachstum, Beschäftigung und Einkommen werden.

3. Auf lange Sicht muß der mittelfristig angesetzte regionalspezifische Entwicklungsschritt einer Tendenz zur Ausgewogenheit der Gesamtheit der Regionalentwicklungspläne untergeordnet werden. Eine Integration der einzelnen Förderungskonzepte in die nationale ökonomische Entwicklungsstrategie muß gewährleistet sein.

4. Der Produktionsbilanzausgleich im Agrarsektor. Die Wachstumsrate der landwirtschaftlichen Produktion muß mindestens konstant 3,5% betragen, um eine positive Bilanz zu erzielen (RG 1991a, S. 3). Die wichtigsten Maßnahmen zum Erreichen dieses Ziels sind:

eine deutliche Reduzierung der Nahrungsmittelimporte,

die Zufuhr von technologischem und fachlichem Input sowie wichtigen, bislang nicht verfügbaren Produktionsgrundlagen (Saat, Dünger, etc.) für ein gesteigertes Produktionswachstum,

die Sicherung einer beständigen Exportsteigerung, u.a. durch die Erschließung neuer Absatzmärkte mit Hilfe von darauf zugeschnittenen Produktionsstrategien:

subregionaler Absatzmarkt: Produktionssteigerung (Massenproduktion)

internationaler Absatzmarkt (insbesondere Europa): Qualitätssteigerung

Ein weiteres Problem im Kampf um mehr Wachstum im Agrarsektor ist die Landflucht (s. Kap. 4.4.3). Die Verbesserung der sozioökonomischen, infrastrukturellen und institutio-

nellen Rahmenbedingungen sollen letztendlich der ländlichen Bevölkerung eine realistische Perspektive bieten, ihre Lebensbedingungen mit produzierenden Aktivitäten und wirtschaftenden Händen aufzuwerten. Dazu bedarf es eines erheblichen Maßes an Aufklärung und Ausbildung jeglicher Art, die jedoch vornehmlich in den Städten zu erhalten ist. Somit stellt das Anbieten von agrarwirtschaftsspezifischen Ausbildungsmöglichkeiten für die Träger des ländlichen Produktionswachstums, den Bauern, unmittelbar in ihrem Lebensmilieu eine wichtige Voraussetzung für den Wachstumsprozeß dar.

Die landwirtschaftliche Entwicklungspolitik der guineischen Regierung basiert auf der Annahme einer Inflationsrate von 8 bis 10% vom Jahre 1993 an, um den Erfolg der sektoriellen Strategien zu sichern (RG 1991a, S. 6). Dank einer umsichtigen, aber auch rigorosen Währungs- und Haushaltspolitik konnte die Inflationsrate deutlich unter dieses Niveau gesenkt werden.

Das Erreichen und Halten dieser niedrigen Inflationsrate hat unmittelbare Auswirkungen auf die gesetzten Ziele bezüglich der landwirtschaftlichen Produktion, des Handels und der Agrarinvestitionen. Sie sichert eine bessere Belieferung der nationalen Märkte und verstärkt somit die Selbstversorgung des Landes, da der Export in die Nachbarländer nicht mehr so lukrativ erscheint. Des weiteren ist die Mobilisierung der Volksersparnisse im Zusammenhang mit dem Aufbau eines ländlichen Kreditsystems zur Erhöhung der Investitionsaktivitäten von der Höhe der Zinsen für Kredite und Einlagen abhängig. Sollte sich die Inflationsrate über längere Zeit auf diesem Niveau halten können, kommt die ländliche Bevölkerung noch wesentlich stärker als es in den letzten 2-3 Jahren der Fall war, in den Genuß attraktiver Kreditzinsen.

Eine stabile Wachstumsrate von mindestens 3,5% erscheint in Anbetracht der Entwicklung des Agrarsektors in den letzten drei Jahren und seines Potentials möglich und wahrscheinlich, jedoch nur unter der Voraussetzung einer integrierten, genau aufeinander abgestimmten Förderung und Entwicklungssteuerung in den beteiligten Sektoren wie Transport, Infrastruktur und Dienstleistungen realisierbar. Dank verstärkter öffentlicher Investitionen und der ungeteilten Aufmerksamkeit der internationalen Entwicklungszusammenarbeit wurde dieses Ziel 1993 mit einem Wachstum von 3,8% gegenüber dem Vorjahr erstmals erreicht.

Zusammenfassend hat sich die seit Ende 1991 formulierte und in der Umsetzung begriffene landwirtschaftliche Entwicklungspolitik bisher bewährt und eine Basis für gezieltere Maßnahmen zur Steigerung der Produktion von Agrargütern für die nationale Versorgung und für den Export geschaffen. Seit Ende 1994 werden die Implementierungsstrategien und -aktivitäten einer Revision unterworfen, um sie unter dem Eindruck der bislang gemachten Erfahrungen neuen Rahmenbedingungen und makroökonomischen Orientierungen anzupassen. Drei Aspekte sind dabei von besonderer Bedeutung:

Beteiligung der Privatwirtschaft

Obgleich die privatwirtschaftliche Initiative als Motor der Entwicklung im Agrarsektor fungieren sollte, wurde sie offiziell an der Diskussion zur Erarbeitung einer tragfähigen Agrarpolitik kaum beteiligt(193). Andererseits befand sich der Prozeß der Bildung formeller privatwirtschaftlicher Organisationen, Verbände und Interessensvertretungen zunächst in einem Anfangsstadium, adäquate Ansprech- und Diskussionspartner zu finden war schwer. Dennoch bleibt dem politischen Programm das Fehlen einer eindeutigen und kohärenten Implementierungsstrategie zur Forcierung eines konstruktiveren und aktiveren Dialogs zwischen öffentlichem und privatem Sektor anzulasten.

Makroökonomische und intersektorale Wirkungen und Beziehungen

Innerhalb der landwirtschaftlichen Entwicklungspolitik kommt es bislang zu keiner wesentlichen Analyse, Bewertung und Nutzung makroökonomischer und intersektoraler Wechselbeziehungen zwischen dem Agrarsektor und der nationalen Ökonomie. Eine sektorale Finanzierungsproblematik kann ebenso eine Auswirkung der Steuerpolitik oder der ungünstigen Gestaltung des staatlichen Investitionsprogramms sein, wie auch Kosten und Überschüsse aus dem Agrarsektor von anderen Wirtschaftsfaktoren wie Arbeitsmarktlage, Transportinfrastruktur usw. abhängen.

Die Folge ist eine mehr projektorientierte Umsetzung der Politik denn die Schaffung eines flexiblen Rahmens strategischer Steuermechanismen. Daraus resultiert eine Vernachlässigung des intersektoralen Entwicklungsdialogs zwischen der Regierung und der Geberge-meinschaft, der sich auf das Niveau der Diskussion um Projektrealisierungen reduziert. Obwohl die Geberorganisationen den weitaus größten Anteil der Investitionen tragen, ist das Erreichen der formulierten Ziele durch die monosektorale und projektbeschränkte Implementierungsmethodik infragegestellt. Auch die Koordination der innerhalb des Landwirtschaftsministeriums, seinen betroffenen Abteilungen und den überregionalen und regionalen behördlichen Stellen eingeleiteten Maßnahmen zur Umsetzung der politischen Entwicklungsstrategien stellt ein wichtiges Problem dar.

Politische Analyse- und Wertungskapazitäten

Zur wirkungsvollen und tragfähigen Umsetzung der politischen Maßnahmen fehlt der öffentlichen Verwaltung und insbesondere dem Landwirtschaftsministerium qualifiziertes und erfahrenes Personal, das die Grundlagen der mikroökonomischen Planung sowie das

Management von Wirtschaftsreformen und deren Analyse und Evaluierung beherrscht(194).

Mit Unterstützung der internationalen Gebergemeinschaft führte das guineische Landwirtschaftsministerium Ende 1996 eine Evaluierung der bisherigen Ergebnisse ihrer unter der neuen Agrarpolitik eingeleiteten Aktivitäten durch. Erstmals wurden zu dieser Bewertung auch Repräsentanten ländlicher Erzeugergruppen und -verbände eingeladen (RG 1997b, S. 5).

Die Ergebnisse dieser ersten Phase der landwirtschaftlichen Reformpolitik von 1992 bis 1996 (LPDA) wurden insgesamt als zufriedenstellend bewertet:

Deutliche Defizite waren dagegen in folgenden Bereichen zu verzeichnen:

Den Ergebnissen Rechnung tragend, wurden die Leitstrategien und Umsetzungskonzepte der Landwirtschaftspolitik überarbeitet und aktualisiert uns in Form einer Folgepolitik editiert (LPDA 2) (RG 1997b, RG 1998a). Dabei wurden die bestehenden grundsätzlichen

strategischen Ziele nochmals bestätigt. Die Notwendigkeit des Rückzugs staatlicher Interventionen und Steuerung zugunsten der weiteren Entwicklung des Privatsektors wurde akzentuiert, die Forcierung der Förderung der privatwirtschaftlichen Initiative unterstrichen (RG 1998a, S. 8).

Hervorgehoben wurde außerdem das Streben nach Kohärenz mit anderen Sektorpolitiken zur Verbesserung der Lebensbedingung im ländlichen Raum mit dem Ziel, die Landflucht zu bekämpfen, um sich das erforderliche Humankapital für die Agrarproduktion zu erhalten (EBENDA). Damit einher geht die Absicht, verstärkt partizipatorische Ansätze zur besseren Sensibilisierung der ländlichen Bevölkerung in den Bereichen Diversifizierung und Mechanisierung der Produktion, Anwendung moderner Anbaumethoden und -arten, Investitionsplanung und Ressourcenschutz anzuwenden.



6.1.1.3.1 Die Erreichung der Nahrungsmittelsicherheit als Wachstumsbasis

Um dem erklärten Hauptziel, der Nahrungsmittelautarkie, im Bewußtsein des hohen Bevölkerungswachstums (s. Kap. 4.4) näherzukommen, müßte zuerst die Agrarproduktion drastisch erhöht werden. Dies würde zunächst einen allmählichen Übergang von den wenig produktiven und die Bonität des Bodens beeinträchtigenden Hangkulturen zu einem verstärkten Anbau in den Tälern bedeuten. Hier können die wertvollen Böden besser geschützt und die Einführung und Optimierung von Bewässerungstechniken zur Produktivitätssteigerung beitragen.

Die Anwendung von Kunstdüngern o.ä. würde sich zur Zeit durch die hohen Kosten für den Import und den Transport in das Landesinnere vielfach als unrentabel erweisen. Der Ertrag bestimmter Anbaukulturen kann jedoch vor allem durch eine Selektion und bessere Abstimmung der Varietäten auf die lokalen Bedingungen sowie durch eine Optimierung der Anbautechniken als auch eine Rationalisierung und Verbesserung der Wassernutzung gesteigert werden.

Die landwirtschaftliche Produktionsdecke ist in manchen Regionen und zu bestimmten Zeiten derart dünn, daß saisonal bedingte Ertragsschwankungen nicht ausgeglichen werden können. Die Risiken werden einerseits vom Produzenten und Konsumenten getragen, die zur Zeit der Ernte und größten Markttätigkeit vom guten Verkauf und niedrigen Preisen profitieren, während der Übergangsperioden jedoch unter einem geringen Angebot und überhöhten Preisen leiden. Die Regierung andererseits ist der Unkalkulierbarkeit der nationalen Produktionsmenge ausgesetzt und muß die Nahrungsmittelimporte nach den saisonalen Bedürfnissen ausrichten(196).

Die Situation der wichtigsten Anbauprodukte für die Nahrungsmittelsicherheit:

Zur Erreichung der Nahrungsmittelautarkie ist Guinea gezwungen, für seine wichtigsten

Anbauarten Reis, Maniok, Fonio/Sorghum und Mais die Anbauflächen erheblich zu erweitern und die Erträge mittels einer Intensivierung des Anbaus zu erhöhen.

Reis

Das wichtigste und gleichzeitig kritischste Anbauprodukt und Nahrungsmittel Guineas ist Reis. Man unterlag lange Zeit der Vorstellung, daß die Konkurrenzfähigkeit des guineischen gegenüber dem importierten Reis im wesentlichen von den Transportkosten, dem Preisniveau am Verkaufsort und dem Weltmarktpreis abhinge. Selbst die Weltbank traf die Aussage, daß der lokal produzierte Reis bei zukünftig weiter abnehmendem Weltmarktpreis bald nicht mehr mit dem Importreis wird konkurrieren können (WB 1990b, S. 28) und stimmte noch 1993 mit einem Vorschlag des guineischen Landwirtschaftsministers zur Erhebung von flexiblen Schutzzöllen, die unter ständiger Anpassung an den Weltmarktpreis und an das nationale Produktionsvolumen den guineischen Reis protegieren, überein(197).

Einen wesentlichen Anteil an Destabilisierungsmomenten des nationalen Marktes hat nicht zuletzt die Nahrungsmittelhilfe in Form von Reis. Gerade in Guinea erfolgte sie oftmals zur Zeit der Reisernte und erschütterte das Preisgefüge (WB 1990b, S. 27). Dies wäre wiederum ein Bereich, in dem der Staat durch das Anlegen geeigneter Zwischenlagerungsmöglichkeiten und eine dem Markt angepaßte Ausgaberegelung indirekt die Preisschwankungen für Reis neutralisieren könnte.

Reis ist das bevorzugte Grundnahrungsmittel der guineischen Bevölkerung. Von der täglich verbrauchten Energiemenge(198) stellt er rund 45% (25% lokaler und 20% importierter Reis) (MT Nr. 2698, S. 1661). Der durchschnittliche jährliche Reisverbrauch pro Kopf ist von 50 kg in 1985 über 70 kg in 1989 schließlich auf 90 kg in 1997 gestiegen. In der Hauptstadt, die zu 90% mit importiertem Reis versorgt wird, stieg der Verbrauch sogar auf 126 kg/E/a (RG 1998a, S. 4).

Im Jahre 1995 wurden auf ca. 438400 ha nahezu 50% der gesamten Nahrungsmittelanbaufläche Guineas, etwa 630500 t Reis produziert, was einem Durchschnittsertrag von 1,44 t/ha entspricht. Die höchsten Erträge wurden mit dem Naßreisanbau in Waldguinea erzielt (1,9 t/ha in der Präfektur Kissidougou), die niedrigsten in den mit schwachen Böden besetzten Tälern des Fouta Djallon Mittelguineas (1 t/ha in den Präfekturen von Labé und Tougoué (RG 1996d, S. 34ff).

Die Reisproduktion hat seit 1991 stetig um etwa 6% jährlich zugenommen. Die durch gestiegene Weltmarktpreise verursachte Verteuerung der Reisimporte zwang die guineische Regierung zu einer vorsichtigen Einkaufspolitik. Die so hervorgerufene Nachfrage-

steigerung sowie die in Anlehnung an den gestiegenen Weltmarktpreis von den Erzeugern vorgenommene Preisanpassung sorgten für eine neue Produktionswelle durch die Erweiterung der Anbauflächen besonders in den Jahren 1995 und 96 (MT Nr. 2698, S. 1662). Das Wachstum steht jedoch noch auf schwachen Füssen, da es zu sehr von den Preisbewegungen am Weltmarkt abhängt und bei einem Rückgang der Importkosten für Reis schnell wieder einbrechen könnte. Daher beabsichtigt die guineische Regierung, ein System flexibler und modular handhabbarer Schutzabgaben für die Reisimporte einzuführen, um Preisschwankungen auf dem Weltmarkt aufzufangen und die lokalen Erzeugerpreise zu schützen (RG 1998a, S. 10). Mit dieser Maßnahme hofft man, der nationalen Reisproduktion die nötige preispolitische Unterstützung zu geben, um im Jahre 2005 auf 714000 ha ca. 1,2 Mill. T Reis produzieren zu können und somit dem Ziel der Nahrungsmittelautarkie einen großen Schritt näher gekommen zu sein (EBENDA, S.19).

Zur Intensivierung des Reisanbaus ist das noch relativ unangetastete Bewässerungspotential von ca. 180000 ha in den Ebenen und Tälern Nieder- und Waldguineas zu nutzen. Gleichzeitig sind die Anbautechniken für die Naßreiserzeugung auf den Gebieten des zyklischen Anbaus und der Nutzung natürlicher Düngemittel zu verbessern (MT Nr. 2698, S. 1661).

Maniok

Die Produktion der Wurzelfrucht Maniok als pflanzlicher Stärkelieferant hat in Guinea eine lange Tradition, vor allem im klimatisch und pädologisch dafür begünstigten Oberguinea, auf das nahezu 50% der Gesamterzeugung von 601300 t (1995) fallen. Der mittlere jährliche Ertrag liegt bei 6,2 t/ha, wobei Spitzenwerte von 8,4 t/ha in der Präfektur N'Zérékoré, die niedrigste Ausbeute mit 4 t/ha in der Präfektur Labé erzielt werden (RG 1996d, S. 36).

Neben Maniok sind die Möglichkeiten der Verbesserung des Anbaus und der Kommerzialisierungspotentiale auch anderer Wurzelfrüchte und -gemüse wie Yams, Taro etc. relativ unbekannt, wenn auch ihre Erzeugung auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Aufgrund des durch den wenig arbeitsintensiven Anbau und die einfache Konservierung begünstigten Produktionswachstums der letzten Jahre ist die Prognose berechtigt, daß die Maniokerzeugung bis zum Jahre 2000 1 Mill; t/a erreichen wird (RG 1998a, S. 19).

Mais

Der Maisanbau konzentriert sich auf Mittel- und Oberguinea. In den traditionellen Dorfgemeinschaften der Peulh des Fouta Djallon Mittelguineas findet der Mais oftmals als semi-intensive Anbauart neben anderen Wurzelfrüchten und Gemüsen wie Maniok, Kartoffeln, Zwiebeln und Tomaten in den Gärten der "Tapades" (s.o.) seinen Platz. In Oberguinea wird er in Ergänzung zum Reis angebaut, während man ihn in Niederguinea als Monokultur vor allem in der Präfektur Boké wiederfindet.

Die guineische Maisproduktion betrug 1995 etwa 79000 t; auf einer Fläche von 82000 ha wurde ein Ertragswert von 967 kg/ha erreicht (RG 1996d, S. 25). Die jährliche Wachstumsrate seit 1991 von etwa 6,6% ist ausschließlich der Erweiterung der Anbauflächen zuzuschreiben, nicht der Intensivierung des Anbaus. Auch für den Mais gilt ein schwaches branchenspezifisches Know-how, insbesondere über moderne Methoden und

Techniken zur Ertragssteigerung. Zudem limitiert sich der Konsum auf die traditionell produzierenden Bevölkerungsteile.

Dennoch wird dem Mais ein erhebliches Entwicklungspotential eingeräumt. So sind beispielsweise die Möglichkeiten der Reissubstitution durch den Mais vornehmlich in urbanen Gebieten sowie die Maisproduktion als Futtermittel für die Tierzucht, insbesondere die Geflügelzucht, noch wenig erforscht.



6.1.1.3.2 Organisation und Nutzbarmachung des Exportpotentials

Guinea besitzt umfangreiche natürliche Agrarressourcen, dessen rationelle und marktorientierte Inwertsetzung ein hohes und beständiges Wachstum des landwirtschaftlichen Produktionssektors bedeuten würde. Unter den traditionellen Exportfeldfrüchten sind Kaffee, Baumwolle, Rohgummi und Ananas das größte Potential einzuräumen. Palmkerne, Orangen und Mandarinen werden hauptsächlich zur Befriedigung des Binnenmarktes angebaut und besitzen nur geringfügige Exportanteile im subregionalen Raum.

Exporteure landwirtschaftlicher Erzeugnisse sind mit ähnlichen institutionellen und regulatorischen Schwierigkeiten konfrontiert wie die übrige Geschäftswelt Guineas:

Die technischen Problemkreise im Zusammenhang mit einer Exportsteigerung werden zunächst grundsätzlich vom unzureichenden Zustand von Infrastruktur und Dienstleistun-

gen auf dem Lande beeinträchtigt. Die Agrarforschung hatte aufgrund der fehlenden externen Verbindungen während der I. Republik keine Lebensgrundlage. Bis heute existieren nur begrenzt zuverlässige und aktuelle Informationen über die Nachfrage europäischer und internationaler Märkte an neuen Produkten, deren Herstellungsmöglichkeiten und Qualitätsanforderungen(201). Folglich können sich weder Produzenten noch Exporteure den technischen und qualitativen Anforderungen internationaler Märkte stellen.

Veraltete und unrationelle Produktionstechniken waren verantwortlich für die geringen Ertragsleistungen und minderwertige Qualität. Moderne Anbautechnologien, die Nutzung von Düngemitteln und Produkten aus dem phytosanitären Bereich fanden kaum Anwendung. Außerdem war in der Instandhaltung alter Plantagen und der Erschließung neuer Anbaugebiete eine Stagnation zu verzeichnen. Da immer mehr alte Plantagen aufgegeben wurden, ohne daß es zu Neugründungen kam, hielt seit Beginn der II. Republik trotz der zahlreichen Initiativen zum Aufbau neuer Plantagen die Produktionsrückläufigkeit für einige weitere Jahre an, denn zur endgültigen Erreichung ihrer vollen Produktivität mußten je nach Anbauart 4-10 Jahre vergehen.

Die Weiterverarbeitung von Nahrungsmitteln sowie der Transport schließlich stellten weitere Hemmnisse dar, vor allem für Frischwaren. Angefangen bei den unzureichenden und schlecht unterhaltenen Erntewegen auf den Plantagen(202) über die mangelhafte Aufbereitung, Weiterverarbeitung und Vorbereitung der Ernte bis hin zum unorganisierten und unzuverlässigen Abtransport der Waren zu den Verkaufs- und Handelszentren ist der Weg von der Ernte bis zur Kommerzialisierung verantwortlich für die ungenügende Qualität der Produkte und ihre Chancenlosigkeit auf dem subregionalen und internationalen Markt(203). Für Frischprodukte fehlt zwischen den Ernte- und Verarbeitungsgebieten und dem Exportzentrum Conakry die Infrastruktur für die Frischhaltung.

Der internationale Transport erweist sich zudem als risikoreich. Der Lufttransport von Conakry nach Europa ist kostspielig und irregulär wegen der geringen Frachtvolumen. Der Seeweg mit Schiffen mit entsprechendem Kühlraum oder mittels Kühlcontainer bleibt der kostengünstigste Weg, jedoch haben Exportmengen meist noch nicht den kritischen Punkt der Rentabilität erreicht.

Die größte Wirkung der landwirtschaftlichen Entwicklungspolitik der guineischen Regierung (s. Kap. 6.1.1.4) hatte sie in der Strukturierung des Sektors, in der Strategielegung zur Förderung und Koordinierung von Entwicklungsinitiativen und in der Katalysierung der Implementierung konkreter Maßnahmen auf privatwirtschaftlicher und staatlicher Ebene sowie seitens der Gebergemeinschaft. Vor diesem Hintergrund wurden zahlreiche kohä-rente Aktionsfelder zur parallelen Entwicklung der Subsektoren formuliert. Für den Be-

reich der Agrarexportförderung gelten folgende strategische Orientierungen:

Auf der institutionellen Ebene

Unterstützung der berufsgenossenschaftlichen Organisationen, insbesondere der Industrie-, Handels- und Landwirtschaftskammer im Hinblick auf ihre exportorientierten Aktivitäten als Schlüssel zur institutionellen Entwicklung im privatwirtschaftlichen Sektor.

Auf der Produktionsebene

Neben den erfolgreich durchgeführten Baumwoll- und Rohgummiprojekten soll prioritär der Anbau von Produkten mit dem höchsten Exportpotential wie Kaffee, Ananas und Mango gefördert werden. Schnelle, aber auch nachhaltige Erfolge sollen dann wichtige Impulse für den weiteren Ausbau der Produktion geben (RG 1998a, S. 8ff). Ein weiterer Schwerpunkt soll unter Ausnutzung von Nebenprodukten, die nicht frisch exportiert werden können, auf die industrielle Herstellung von Fruchtfleisch (Mango- und Passionsfrucht) und Fruchtsaft gelegt werden.

Auf der Kommerzialisierungsebene

Der Export qualitativ hochwertiger Produkte ist nach dem europäischen Markt orientiert. Darüber hinaus soll gleichzeitig eine Strategie der Marktdiversifizierung angewandt werden, die einerseits auf die Ausnutzung profitabler kommerzieller Nischen für spezifische Produkte abzielt (Ingwer, Tomaten, Schnittblumen, Pfefferschoten, Parfümessenzen etc.), deren Markt zwar begrenzt, jedoch lukrativ ist. Andererseits sollen ebenso neue Märkte (Osteuropa, mittlerer Osten, subregionale Märkte) für qualitätsärmere Produkte erschlossen werden. Hinzukommt die Erschließung von Saisonmärkten zur Belieferung von Qualitätsgemüsen zur Winterzeit.

Auf der Management- und Durchführungsebene

Der Aufbau und die Vervollständigung zahlreicher noch notwendiger staatlicher und privater Dienstleistungsbereiche sowie die Verbesserung der sie betreffenden strukturellen Rahmenbedingungen (Agrarforschung, Bank- und Kreditwesen, Straßen- und Pistennetz, Veterinärwesen etc.) muß vornehmlich die ländlichen Bereiche erschließen. Komplementär dazu ist die Hauptzielgruppe der Aufbau- und Förderungsinitiativen die Masse der kleinbäuerlichen Betriebe, die heute auf etwa 442.000 geschätzt wird (RG 1996d, S. 21), sowie der klein- und mittelständischen Agrarunternehmen aus allen landwirtschaftlichen Subsektoren, die das Rückgrat einer langfristigen und nachhaltigen Entwicklung darstellen. Die private Landwirtschaft stößt auf dieselben widrigen Investitions- und Entwicklungsbedingungen wie der gesamte privatwirtschaftliche Sektor. Daher müssen alle Maßnahmen zur Förderung der Agrarproduktion auf das für die gesamtvolkswirtschaftliche Entwicklung angewandte Förderungskonzept abgestimmt sein. Diese Integration gewährleistet einen rationellen Einsatz der verfügbaren Ressourcen und eine ausgewogene Entwicklung.Grundlage für eine permanente und effiziente Fortschrittskontrolle sind empirische Erhebungen zur Bereitstellung von statistischen Basisdaten für zielorientierte Bewertungen von Maßnahmen und Entwicklungen. Die statistische Erfassung landwirtschaftlicher Aktivitäten zur Identifizierung von Produktions- und Vermarktungsengpässen und -widerständen,

zur Definierung und Umsetzung von Investitionen sowie zur Leistungssteuerung und -kontrolle politischer Maßnahmen erfordert ein unabhängiges Instrumentarium für empirische Untersuchungen.

Auf der Basis eines ersten Landwirtschaftszensus' 1988-89 wurde ein Projekt zur Schaffung einer institutionellen Struktur aufgelegt, die ständig statistische Daten des Agrarsektors erfassen, aufbereiten und interpretieren sollte (Système Permanent des Statistiques Agricoles SPSA). Diese Struktur festigte sich zu Beginn des Jahres 1993 als nationales Amt für Agrarstatistik (Service National des Statistiques Agricoles SNSA) und wurde direkt dem Landwirtschaftsministerium unterstellt. Aufgrund personeller und logistischer Probleme konnte erst 1995 die landesweite Erfassung und Bearbeitung landwirtschaftlicher Daten abgeschlossen werden, den Zeitraum von 1988 bis 1993 umfassend (RG 1995b). Die Qualität und Verläßlichkeit sowie die Differenziertheit der Daten blieb indes lange Zeit fraglich, da qualifiziertes Fachpersonal und eine beständige Unterhaltsfinanzierung durch den Rückzug der internationalen Geldgeber fehlten. Mittlerweile ist das Amt für Agrarstatistik als wichtige Komponente der neuen Landwirtschaftspolitik soweit etabliert, daß neben den laufenden Statistiken auch Sondererhebungen für agrarspezifische Versorgungs- und Produktionsbereiche durchgeführt werden.

Der Stand der Exportproduktion

Die derzeit für den Export erzeugten Agrarprodukte sind Kaffee, Baumwolle, Rohgummi und Ananas.

Kaffee

Als eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Exportgüter schon während der Kolonialzeit eingeführt, wird der Kaffee heute in etwa 84000 Klein- und Familienbetrieben auf ca. 180000 ha überwiegend in Waldguinea angebaut. Bei einem durchschnittlichen Ertrag von 104 kg/ha konnten 1995 etwa 18800 t zumeist nach Europa exportiert werden(204) (MT Nr. 2698, S. 1665).

Nachdem die Mißwirtschaft und die Vernachlässigung der Branche in den 80er Jahren zu einem drastischen Rückgang der Produktion bis auf 2500 t/a führte, begann die guineische Regierung mit Unterstützung der internationalen Gebergemeinschaft in den Jahren 1989/90 die Kaffeeproduktion wiederzubeleben. Dazu mußten die mittlerweile an einer Überalterung des Biomaterials leidenden Kleinplantagen saniert und neue Kaffeefelder mit genetisch jungem und hochwertigem Material zur Qualitäts- und Ertragssteigerung angelegt werden. Die Umsetzung der Kenntnisse des neuen Biomaterials sowie die notwendige Intensivierung der Kultivierungsarbeiten stießen dagegen bei der lokalen Bevölkerung an Akzeptanzgrenzen, die bisher einen schnellen Produktionsanstieg verhinderten.

Dennoch wird bis zum Jahre 2000 mit einer Produktionsleistung von 20000 t Kaffee gerechnet. Dazu wurden bereits Maßnahmen zur besseren verbandlichen Organisation der Kaffeeproduzenten getroffen, um über die Schaffung günstigerer Transport- und Kommerzialisierungsmöglichkeiten innerhalb der Branche die Kaffeproduktion zu stimulieren.

Weiterhin ist beabsichtigt, einen speziellen Fonds für Kaffeebauern einzurichten, um diesen die Möglichkeiten der Kreditnahme für Neu- oder Expansionsvorhaben zu geben.

BaumwolleDer Baumwollanbau ist ein sehr junger Produktionszweig in der guineischen Landwirtschaft. Nach langen Studien begann man erst im Jahre 1986 mit zwei Projekten im Nordwesten Mittelguineas bei Gaoual und Koundara (s. Karte 4) sowie in Oberguinea in den Präfekturen Siguiri, Mandiana, Kankan und Kérouané (s. Karte 5), mit dem Baumwollanbau. Im Rahmen der von der EU und der bilateralen französischen Zusammenarbeit finanzierten ländlichen Entwicklungsprogramme wurde der Aufbau und die weitere Leitung der Baumwollproduktion der französischen Gesellschaft für Textilentwicklung (Compagnie Française pour le Développement des Textiles CFDT) anvertraut.

Bis 1992 erzeugten etwa 31000 Baumwollkleinproduzenten ca. 16500 t Baumwolle, der Ertrag lag bei 1,2 t/ha. Seither nahmen die Produktionszahlen beständig ab, bis sie 1995 ein Tief von 10700 t erreichten (MT Nr. 2698, S. 1668). Die Gründe für diesen Einbruch waren vielfach: zum einen waren viele Baumwollpflanzer mit den Anbautechniken überfordert und konnten teilweise den Anbaukalender nicht respektieren oder waren unzureichend für die Feldbearbeitung ausgerüstet. Andererseits sorgte die Attraktivität anderer Einkommensquellen wie die in Oberguinea weitverbreitete Goldschürferei oftmals für starke saisonale Abwanderungen, die zu einer Minderbetreuung der Baumwollfelder führten und oftmals dessen Aufgabe zur Folge hatten.

Nach tiefgreifenden Restrukturierungsmaßnahmen innerhalb der CFDT (Personalreduzierung, Privatisierung peripherer Dienstleistungsbereiche, Aufgabe unrentabler Bereiche) und der verstärkten Wahrnehmung des Know-how-Transfers durch ein eigens dafür eingerichtetes Förderzentrum (Centre d'Appui aux Organisations Professionnelles Agricoles CAOPA) konnte die Produktion von 14600 t in 1996 sogar auf 24800 t in 1997 gesteigert werden (RG 1998a, S. 10).

RohgummiNaturkautschuk in Form der Hévéas-Spezies steht am Beginn der Produktion in Waldguinea unter der Führung der guineischen Hévéas- und Ölpalmengesellschaft (Société Guinéenne de Palmier à Huile et Hévéas (SOGUIPAH)(205). Ende 1995 erreichten die Hévéaspflanzungen eine Größe von insgesamt 5600 ha, wovon ca. 4600 ha auf den industriellen Plantagenbau fielen, etwa 1000 ha wurden von privaten Kleinbetrieben angelegt. Nach

den Pflanzjahren 1988, 89 und 90 erfolgte sieben Jahre später eine erste Ernte von etwa 92246 kg Trockenkautschuk. Bei Erreichen der vollen Erntereife wird die Jahresproduktion aus diesen ersten Pflanzungen auf etwa 12500 t Rohgummi geschätzt, was einen Marktwert von rund 12 Mill. US$ entspricht (MT Nr. 2698, S. 1667).

Ananas

Trotz erheblicher Anstrengungen seitens der guineischen Regierung mit Unterstützung der internationalen Gebergemeinschaft, die ehemals florierende Produktion von Exportfrüchten und -gemüsen wiederzubeleben, nahmen sich die bisherigen Ergebnisse eher bescheiden aus. Die Ananasproduktion konnte zwar von 2500 t im Jahre 1991 auf etwa 6500 t für das Erntejahr 1995 gesteigert werden, exportiert wurden nur 2500 t (EBENDA, S. 1666).

Die Kenntnisse der Absatzmärkte sind noch gering, Marketingstrategien zur erfolgreichen Produktvermarktung noch völlig unterentwickelt. Das Potential zur Weiterverarbeitung und Konservierung von Früchten und deren anschließenden Export ist ebenfalls noch unzureichend erforscht. Um auch die institutionellen Rahmenbedingungen zum Anlegen neuer und zur Erweiterung bestehender Exportkulturen und deren Ausfuhr zu verbessern, wurden bereits die Einfuhrzölle für Dünger, Pflanzenschutzmittel, landwirtschaftliche Maschinen und Verpackungsmaterial gesenkt bzw. teilweise aufgehoben. Im infrastrukturellen Bereich wurden komplementär dazu Maßnahmen zum Pistenbau für die weitere Erschließung der Hauptanbaugebiete in Niederguinea und die Rehabilitierung des kleinen Fruchtexporthafens Benty (50 km südlich von Conakry) beschlossen.

Übrige Produkte

Der Kakaoexport erreichte 1995 etwa 2.800 t (PAC BI Nr. 10, S. 30). Man nimmt jedoch an, daß die Realproduktion um ein vielfaches höher liegt und dem Überlandschmuggel anheimfällt.

Die Bananenkultur ist seit ihrem Zusammenbruch in den Jahren 1956-1958 (s. Kap. 5.2.2) zu keiner Blüte mehr fähig gewesen. Die Qualität der Bananen kann den Weltmarktstandard nicht mehr erreichen. Nur einige wenige Pflanzer beherrschen noch das komplexe Handwerk des Bananenanbaus. Orangen werden zur Zeit hauptsächlich in Nieder- und Mittelguinea für den nationalen und regionalen Frischfruchtmarkt produziert (Conakry und Dakar). Die Orangenproduktion erreichte 1993 einen Umfang von ca. 39.000 t bei einem Ertrag von 1.300 t/ha (RG 1995b, S. 38). Hier bestehen zusätzliche Möglichkeiten in der Herstellung von Fruchtkonzentrat und anderen Essenzen(206).

Aufgrund der günstigen klimatischen Bedingungen in geeigneten Anbaugebieten bergen eine Zahl von nicht-traditionellen Frucht- und Gemüsearten ebenfalls ein beachtliches Produktionspotential in sich. Die Passionsfrucht, die gerade das Entwicklungsstadium durch eine Firma zur Fruchtkonzentratherstellung erfolgreich überwunden hat, steht an erster Stelle. Guaven, Limonen, Grapefruits und Papayas sowie Melonen und Tomaten könnten folgen. Die Bedingungen für den Avocadoanbau sind durch die Mehrjährigkeit der Frucht und niedrige Produktionskosten ebenfalls aussichtsreich, doch die bestehenden

Varietäten sind nicht für den internationalen Markt geeignet.



6.1.1.3.3 Ausbau und nachhaltige Sicherung des Technologietransfers

Die guineische Agrarforschung besitzt weder die Mittel noch das Personal, um mit der Umsetzung und Erprobung neuer Technologien und einer Selektion der bestgeeigneten Anbauarten die Exportfähigkeit landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu fördern. Das 1990 gegründete Agrarforschungsinstitut IRAG (Institut de Recherche Agronomique de Guinée) versuchte in einer Anfangsphase eine angewandte, praktische Forschung zu betreiben, indem es sich auf die Erhöhung der Produktivität durch eine rationellere und effektivere Nutzung der bestehenden Ressourcen konzentrierte(207), um eine Alternative zu den steigenden Importen von Samen und anderen landwirtschaftliche Grundstoffen zu bieten.

Bezüglich der Verbreitung moderner Technologien werden in Guinea derzeit mehrere unterschiedliche Ansätze praktiziert. Die französische CFDT (s. Kap. 6.1.1.3.2) in Kankan beispielweise schreibt ihren Baumwollbauern strikt die Anbau- und Produktionstechniken vor, wobei die Rückzahlung der gewährten Kredite durch das Rückkaufsmonopol der Baumwolle durch die CFDT gewährleistet ist.

Die Weltbank hingegen konzentriert sich dabei auf die Ausbildung und technische Beratung nach einem methodisch genau abgestimmten Plan, der sich auf den jeweiligen Stand der Bedürfnisse und die Absorptionsfähigkeit des Projektpartners einstellt (training and visit). Sie steht auf dem Standpunkt, daß der Technologietransfer dem Kriterium der Rentabilität folgen und dem Bauern die Freiheit der Wahl über Anbauart und -technik einräumen sollte. Die FAO bevorzugt dagegen eine stark partizipatorische Methode, bei der der aufwendige Versuch unternommen wird, die Technologieverbreitung direkt vor Ort in den interessierten Dorfgemeinschaften vorzunehmen, um auftretende Probleme schnell und effizient lösen zu können.

Auf staatlicher Seite wird die Popularisierung neuer Technologien von der nationalen Behörde für ländliche Ausbildung und Förderung (Direction Nationale de la Formation et de la Promotion Rurale DNFPR) übernommen. Zur gezielten Förderung der privatwirtschaftlichen Initiative im Bereich moderner Anbau- und Bewässerungstechnologien werden vermehrt darauf spezialisierte Nichtregierungsorganisationen (NRO) eingesetzt. Durch die Liberalisierung des Binnenmarktes soll sich auch eine Informationskette von den Importeuren der Agrartechnik über deren Verteiler bis zum ländlichen Abnehmer etablieren und konsolidieren.

6.1.1.3.4 Anfänge einer tragfähigen ruralen Finanzinfrastruktur

Obwohl sich das guineische Bankwesen in den letzten Jahren mit der Ansiedlung von einigen privaten Handelsbanken zur allgemeinen Verbesserung der Mobilisierung von Investitionskapital beigetragen hat, existiert immer noch kein nationales Finanzorgan,

welches auch im ländlichen Raum operiert, und von den Handelsbanken unterhält derzeit nur die internationale Handels- und Industriebank Guineas (Banque Internationale pour le Commerce et l'Industrie de la Guinée BICIGUI) Zweigstellen in den wichtigsten Städten im Landesinneren. Doch wie alle anderen Banken beschränkt auch sie sich aufgrund des hohen Rückzahlrisikos und fehlender Garantien(208) meist auf kurzfristige Finanzierungen. Ein weiterer Grund für die zögerliche Haltung der Banken, den ländlichen Bereich zu unterstützen, ist die Tatsache, daß der Kreditumfang hier generell sehr niedrig ist, was den Verwaltungsaufwand unverhältnismäßig hoch erscheinen läßt.

So sind es hauptsächlich die bedeutenden, von der internationalen Gebergemeinschaft finanzierten ländlichen und landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekte, die über ihren materiellen und technischen Input Kreditlinien einrichten und investitionsfördernd wirken. Doch aufgrund mangelnder Betreuung der Kreditnehmer und teilweise unzufriedenstellender Projektverläufe erreichten jene Initiativen nur eine durchschnittliche Rückzahlungsrate von etwa 35%.

Als Reaktion darauf wurde in Zusammenarbeit mit einigen Organisationen der internationalen Entwicklungshilfe seit 1986 in verschiedenen Agrarregionen mit Finanzierungssystemen für ländliche Kredite auf der Basis gegenseitiger gemeinschaftlicher Rückversicherung experimentiert(209). Die Grundstruktur dieses Systems beruhte auf dezentralisiert angeordnete Solidaritätsgemeinschaften von max. 5 Personen. Jedes Mitglied konnte eine Höchstsumme von 100.000 FG(210) aufnehmen. die monatliche Rückzahlpflicht der Raten wurde durch die Gemeinschaft streng kontrolliert, da sie sich dafür haftbar zeichnete. Die in den Städten Koundara und Télimélé (Mittelguinea) eingerichteten ersten Kreditkassen verzeichneten eine Rückzahlungsrate von nahezu 100%. 1994 belief sich die Zahl der ländlichen Kreditkassen auf 105. Ihr Sparvolumen erreichte 7,5 Mrd. FG(211), der Umfang der Kreditvergabe 5,2 Mrd. FG(212) (MT Nr. 2584, S. 1085).

6.1.2 Das Fischereiwesen - Noch unberührte Ressourcen

Die guineische Fischereiwirtschaft ist nur mit etwa 1% am BIP beteiligt (1997). Eine konstante durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von ca. 6,8% in den letzten sieben Jahren weist jedoch auf ein beträchtliches Entwicklungspotential hin (RG 1998e, S. 21). Das jährliche Fangpotential beläuft sich auf etwa 138.000 t Fisch in der industriellen Fischerei, 80.000 t im handwerklichen Fischereiwesen, der traditionellen Fischerei mit Pirogen so-

wie ca. 12.000 t in der Süßwasserfischerei (ONUDI 1995, S. 18; MT Nr. 2584, S. 1066). Außerdem besitzt das Land gute Voraussetzungen für eine intensive Entwicklung der Zucht von Süßwasserfischen und Krustentieren.

Guinea verfügt vor seinen Küsten über eine exklusive Wirtschaftszone(213) von etwa 56.000 km2. Die Fläche dieses Anspruchsgebietes zur Ausübung der souveränen Seerechte, die die Nutzung lebender und nicht lebender Ressourcen einschließt, entspricht etwa 23% der Landesfläche Guineas.

Bis zum Ende der I. Republik wurden freizügig Fischfanglizenzen an ausländische Fischereiunternehmen erteilt, ohne sich der Konsequenz einer ungeregelten und ungezügelten Nutzung der Fischgründe bewußt zu sein. Zudem wurde nur ein geringer Teil der Fänge für den guineischen Eigenbedarf angelandet. Erst 1989 kam es nach mehreren Vorläufern (1983 u. 1986) zu einem wirksamen Übereinkommen mit der EU bezüglich einer Nutzungsregelung für guineische Gewässer durch europäische Schiffe (ONUDI 1991a, Vol. III, Bd. 3, S. 1), das 1991 in Kraft trat. Von diesem Zeitpunkt an verringerte sich die Zahl der ausländischen, vor Guineas Küste operierenden Fischfang- und -verarbeitungsschiffe von 152 gezählten Einheiten im Jahre 1987 auf 42 im Jahre 1990 (EBENDA, S. 2).

Ein 1985 erstmals verabschiedetes Gesetz zur Regelung der Hochseefischerei wurde 1995 überarbeitet und trägt in seiner Neufassung der Notwendigkeit einer besseren Reglementierung und Überwachung des Hochsee- und kontinentalen Fischereiwesens Rechnung und schafft auf der anderen Seite investitionsfördernde Rahmenbedingungen im Sektor.

Tabelle 37: Fischproduktion in guineischen Gewässern im Vergleich zur tatsächlich angelandeten Fischmenge für den nationalen Verbrauch (1990 - 95)(1).

Fischereiart/Menge Produktion (t) % Angelandet % Potential Produktion/Potential(%)
Handwerkl. Fischfang 52000 42 52000 64 80000 65
Industrielle Fischerei 68000 55 25000 31 138000 49,3
Süßwasserfischerei 4000 3 4000 5 12000 33,3
Gesamt 124000 100 81000 100 230000 49,2


(1) Jährlicher Durchschnitt

(Quelle: ONUDI 1991a, Vol. III, Bd. 3, S. 1 u. 2; WB 1992b, Thema Nr. 2, S. 16 u. 17, RG 1995b, S. 46; RG 1995c, S. 18; MT Nr. 2698, S. 1671)

Das guineische Meeresfischereiwesen gliedert sich in zwei Beschäftigungstypen, dem handwerklichen Fischertum und dem industriellen Fischfang. Die traditionelle Fischerei stellt mit einer Jahresproduktion von 52.000 t (1995) etwa 54% der für den nationalen Verbrauch bestimmten Fischmenge dar. Die industrielle Hochseefischerei produziert zwar

jährlich etwa 80 - 90.000 t Fisch, landet jedoch nur 25.000 t, ca. 40% der nationalen Verbrauchsmenge, in Guinea an. Hinzu kommt die Süßwasserfischerei mit einer jährlichen Produktionsmenge von etwa 4.000 t.

Das Fischfangpotential des Landes ist nur zu knapp 49% ausgeschöpft. Dennoch sind einige Fischarten durch gezielte Überfischung akut in ihren Beständen bedroht. Plattfischarten beispielsweise haben nur einen 29%igen Ressourcenanteil, sind jedoch mit rund 66% an der jährlichen Produktion beteiligt. Dies führt zu einem Rückgang der Plattfischbestände von etwa 30% pro Jahr (WB 1992b, Thema Nr. 2, S. 17).

6.1.2.1 Das handwerkliche Fischertum - Isolierte Traditionen

Der handwerkliche Meeresfischfang beschäftigt etwa 12000 Fischer, von denen rund 41% allein von Conakry aus operieren (MT Nr. 2584, S. 1066). An etwa hundert befestigten Anlegern entlang der Küste bringen sie ihren Fang an Land. Die Hälfte dieser Piers konzentrieren sich auf die kleine Hafenstadt Boffa, wo das Ästuar des Rio Pongo mit guten natürlichen Aus- und Einlaufbedingungen sowie naher Fischgründe günstige Voraussetzungen bietet (s. Karte 3).

Der traditionelle Fischfang ist eine saisonale Beschäftigung, die sich von Oktober bis Mai erstreckt. In dieser Zeit gehen die Fischer mit ihren Holzbooten, den Pirogen, ohne Motor 100 - 120 Tage, motorisiert(214) 180 - 200 Tage auf See (WB 1992b, Thema Nr. 2, S. 17). Der Zeitraum von Juni bis September, der es aufgrund widriger klimatischer Bedingungen schwierig macht, auf hoher See zu fischen, wird durch eine kleine Subsistenzwirtschaft überbrückt, die zumeist in der Nähe der Anlegestellen verübt wird. Etwa 68% aller Hochseefischer verrichten auf diese Weise noch landwirtschaftliche oder Handels- und Dienstleistungstätigkeiten, nur 32% sind reine Fischer (EBENDA).

Die Produktion besteht zu 50% aus Hochseefischen, 43,5% aus Plattfischarten und 6,5% aus Krustentieren. Aufgrund der Entfernung der Anlegestellen zu den zentralen Fischmärkten, vor allem Conakry, werden 63% der Fänge in der Hauptstadt angelandet. Der größte Teil von ihnen wird mangels Transport- und Konservierungs- bzw. Weiterverarbeitungsmöglichkeiten an Ort und Stelle geräuchert. Diese Form der Haltbarmachung wird fast ausschließlich von Frauen ausgeführt.

Obwohl dem traditionellen Fischfang aufgrund seiner arbeitsmarktpolitischen Bedeutung viel Aufmerksamkeit seitens der Regierung und einiger Entwicklungshilfeorganisationen hinsichtlich seiner Förderung zuteil wurde, schreitet seine Entwicklung nur langsam voran. Zahlreichen Projekten mangelt es an integrativen Entwicklungsstrategien, die den Bedürfnissen der lokalen Fischergemein-

den angepaßt sind und einen weiterführenden Wissens- und Technologietransfer ermöglichen. Auch die Integration in die nationale Ökonomie bleibt ungenügend. Eine Anbindung an gewerbliche Strukturen der Weiterverarbeitung oder der Vermarktung existiert kaum. So bleibt das handwerkliche Fischertum bislang ein immer noch zu sehr isolierter traditioneller Erwerbszweig, der sich auf die Befriedigung der Nachfrage der Küstenbevölkerung nach frischem Fisch beschränkt.



6.1.2.2 Der industrieller Fischfang - Mangel an Struktur und Organisation

Die industrielle Fischerei wird fast ausschließlich von ausländischen Fischfangunternehmen und deren Flotten mit entsprechenden Fischfanglizenzen betrieben. Nach 1985 wurde zwar versucht, eine nationale Fischereiflotte aufzubauen und zu unterhalten, die "Nouvelle Soguipêche", doch von den ehemals 23 angeschafften Fischkuttern verschiedener Größe und Kapazität blieben 1997 nur noch 12 übrig, die schließlich mit der Auflösung der Gesellschaft veräußert wurden. Auch der Versuch, das guineische industrielle Fischereiwesen mit dem Aufbau kleiner schwimmender und begrenzt gefrierender und weiterverarbeitender Einheiten aufzubauen, scheiterte an der Finanzschwäche potentieller Betreiber oder am fehlenden branchenrelevanten Know-how.

Dennoch sind insgesamt 15 industrielle Unternehmen in der Fischwirtschaft tätig. Im Jahre 1996 fischten insgesamt 102 Schiffe in guineischen Gewässern unter Lizenz. Davon waren 37 Schiffe in guineischem Privatbesitz (MT Nr. 2698, S. 1671). Zwei auf den Fischvertrieb spezialisierte Unternehmen, die COGIP und die SONIT Pêche verfügen bereits über Kühlanlagen und Vertriebsketten im Landesinneren. Weiterhin entstehen immer mehr Krabben- und Hummerfarmen entlang der Küste und produzieren Krustentiere hauptsächlich für den Export nach Europa. Viele dieser Unternehmen haben darüber hinaus traditionelle Fischer vertraglich gebunden, um ihre Produktionsleistung zu erhöhen. Weiterhin existiert eine Vereinigung der industriellen und handwerklichen Fischereigesellschaften Guineas (Union des Sociétés de Pêche Industrielle et Artisanale de Guinée USPIAG), die die Mehrzahl der privaten guineischen Reeder zusammenschließt.

Die weitere Entwicklung der industriellen Fischwirtschaft wird von den infrastrukturellen Rahmenbedingungen bestimmt:

Hafeninfrastruktur

Im Vergleich zu den unmittelbaren Konkurrenzhäfen von Dakar, Cap Verde oder Las Palmas besitzt der Hafen von Conakry nur begrenzte Möglichkeiten für die Versorgung und Instandhaltung von Fischereibooten. Der Ausbau eines kleinen

Hafenbeckens zum Fischereihafen ist jedoch geplant(215). Besonders eine für das Löschen des Fangs notwendige Be- und Entladerampe würde die beim derzeit ungeordneten und unkontrollierten Löschvorgang entstehenden Verluste deutlich verringern. Hingegen sind die Möglichkeiten zur Kühllagerung der Frisch- und gefrorenen Ware im Hafengebiet und in der Stadt selbst ausreichend.

Transport, Kommunikation und Energie

Der mangelhafte Zustand des Straßen- und Kommunikationsnetzes erschwert die Erschließung des Binnenlandes für die Fischwirtschaft. Die Fischvertriebsgesellschaften beabsichtigen deshalb, zunächst mit mobilen Gefriercontainern zu arbeiten, die flexibel einsetzbar sind. Das Energieproblem erfordert außerdem eine unabhängige Selbstversorgung mittels Generatoren. Deren Versorgung, Wartung und Instandhaltung wiederum muß durch ein wirksames Transportsystem gewährleistet sein. Diese zu berücksichtigenden Faktoren führen letztendlich zu einem erheblichen Anstieg der Produktionskosten.



6.1.2.3 Entwicklungsmöglichkeiten und -potential

Die Entwicklungsmöglichkeiten des guineischen Fischereiwesens werden durch seine günstigen Voraussetzungen bestimmt, denen wiederum deutliche Hemmfaktoren gegenüberstehen:

Vorteile: - Verfügbarkeit von Ressourcen;

- noch weitestgehend unerschlossener nationaler Absatzmarkt;

- potentielle subregionale und internationale Marktanteile;

- eine traditionelle Verarbeitungsindustrie (Fischräucherei).

Nachteile: - Unzureichende Infrastruktur für die Fischwirtschaft im Hafen von Conakry (Verarbeitungs- und Verkaufsanlagen, Versorgungs- und Instandhaltungsmöglichkeiten für Boote etc.);

- mangelhaftes branchenspezifisches Fachwissen und ungenügende Erfahrung im halbindustriellen und industriellen Fischfang;

- undurchsichtige Kommerzialisierungsstrukturen und -kreisläufe mit teilweise durch Korruption begünstigten oligopolistischen Situationen, die zu Verschiebungen im Preisgefüge und künstlich hochgehaltenen Preisen führen;

- derzeit begrenzte Absorptionsmöglichkeiten auf dem nationalen Markt, bedingt durch die schwierigen und kostspieligen Transportbedingungen und demgegenüber einer geringen Kaufkraft der Bevölkerung im ländlichen Raum;

- die Überfischung bestimmter Fischgründe und Fischarten und damit eine unmittelbare und gleichzeitig langfristige Gefährdung der Ressourcen;

- eine ungenügende Datenlage über bestehende und potentielle Fischbestände;

- die Probleme bei der Überwachung von Fischfangtätigkeiten in guineischen Gewässern;

- der Mangel an verfügbaren Finanzierungsmöglichkeiten für die industrielle Fischerei, das Reederei- und Charterwesen.

Die Nachfrage

Auf den ersten Blick birgt der nationale Markt die weitaus größten Absatzmöglichkeiten. Der Fischverbrauch der guineischen Bevölkerung wird auf etwa 13 kg/E im Jahr geschätzt, während er in den meisten westafrikanischen Ländern bei 20 kg/E liegt und im benachbarten Senegal sogar 27,8 kg/E erreicht (PNUD 1992b, S. 15). Die Bevölkerung im Landesinneren ist nur mit 5% am nationalen Fischverbrauch beteiligt. Die Konservierungsform des Räucherns macht den Fisch zwar für längere Zeit haltbar, doch die Notwendigkeit dieser traditionellen Methode resultiert eher aus der Tatsache, daß Kühl- und Gefriermöglichkeiten ungenügend und ineffizient sind. Der Transport in das Landesinnere ist zudem zu kostspielig, als daß es zu einer angemessenen Versorgungssituation kommen könnte(216).

Allerdings stellt gerade die Fischräucherei für eine forcierte Entwicklung der Versorgung mit frischem Fisch (gekühlt auf kurze Distanzen, gefroren für längere Absatzwege) ein gewisses Hindernis dar, denn langjährige Konsumgewohnheiten lassen sich nur langsam ändern. Somit wird die Erschließung des nationalen Marktes grundsätzlich ein langwieriger Prozeß sein, dessen Realisierung von der Angebotsgestaltung abhängt. Neben der schrittweisen Organisierung der Absatzmarktversorgung muß das Angebot ein Preisniveau treffen, das eine finanziell akzeptable Alternative zum Konsum des traditionellen Räucherfisches bietet, gleichzeitig jedoch den Handel nicht defizitär belastet.

Für den subregionalen Handel mit den westafrikanischen Nachbarländern bestehen Möglichkeiten, neue Marktanteile zu erfassen sowie bereits bestehende Handelsverbindungen zu intensivieren. So setzten beispielsweise die Fischer der Bozzo im nördlichen Nigerbecken ihren Fischfang größtenteils über den Grenzhandelsverkehr in Mali ab (ONUDI 1991a, Vol. III, Bd. 3, S. 10). Bezüglich der Beteiligung am senegalesischen und ivorischen Fischhandel besitzt Guinea den Vorteil, durch ein vergleichsweise niedriges Lohnniveau kostengünstig zu produzieren und die Fischprodukte zu konkurrenzfähigen Preisen anzubieten.

Der internationale Markt bietet Raum, mit teilweise exotische Qualitätsprodukte mit einem hohen Warenwert zu handeln, für die besonders der europäische Markt ein strukturelles Absatzpotential darstellt. Hier ist der Handel mit Plattfischarten und Kopffüßlern sowie einigen Krustentierarten weiterhin ausbaufähig.

Die Entwicklungsziele

1. Die Erhöhung und Verbesserung der nationalen Fischversorgung

Die guineische Regierung plant, bis zur Jahrtausendwende den jährlichen nationalen Fischverbrauch auf 15 kg/E zu heben (ONUDI 1991a, Vol. III, Bd. 3, S. 10). Die Realisierung dieses Anspruchs erfordert jedoch aufgrund des bestehenden Bevölkerungswachstums (s. Kap. 4.4.1 u. 4.4.4) etwa eine Verdreifachung des bisherigen Angebots. Außerdem deutet die eher langsame Geschwindigkeit der allgemeinen infrastrukturellen Entwicklung trotz bedeutender Investitionen wie auch die verhaltenen Aktivitäten des privatwirtschaftlichen Sektors darauf hin, daß sich die entsprechenden Kommerzialisierungskreisläufe und die Einstellung des Angebots auf die geringe Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung mit erheblichen Verzögerungen entwickeln werden.

Nichtsdestoweniger ist die Erhöhung des Fischverbrauchs eine gleichzeitige Notwendigkeit zur erforderlichen Zufuhr von Proteinen und sinnvollen Ergänzung der Nahrungsmittelaufnahme für die guineische Bevölkerung.

2. Die geregelte Inwertsetzung der natürlichen Ressourcen aus der nationalen Wirtschaftszone (200-Meilen-Zone)

Der Fischfang innerhalb der guineischen Wirtschaftsszone bedarf einer eindeutigen Quotenregelung, damit der Fortbestand der Fischmenge und -arten gewährleistet ist. Insbesondere der Platt- und Grundfischbestand, der seit mehreren Jahren einer permanenten Überfischung ausgesetzt und infolgedessen von einem irreversiblen Rückgang bedroht ist, muß in kürzester Zeit entsprechend geschützt werden. Gleichzeitig ist das Fischpotential insgesamt nur zu 49% ausgeschöpft (s. Tab. 43), was eine Produktionsreserve von mehr als 100.000 t/a bedeutet. Um die volle Nutzung der vorhandenen Ressourcen bei gleichsamer Garantie der Reproduktionsfähigkeit des Bestandes zu erreichen, muß ein wirksames Überwachungssystem aufgestellt werden(217).

Die Ausschöpfung der ungenutzten Ressourcen würde denn auch entweder die zusätzliche Vergabe von Fischfanglizenzen bedeuten oder den Ausbau der nationalen Fischereiflotte bzw. ein Wachstum der handwerklichen Fischerei erfordern. Die Lizenzvergabe müßte mit der Bedingung verknüpft sein, einen festgelegten Fanganteil in Guinea anzulanden, um ihn in den nationalen Versorgungskreislauf einzubringen. Die Förderung des handwerklichen Fischertums müßte über eine Verbesserung der infrastrukturellen sowie der finanziellen Rahmenbedingungen erfol-

gen. Ein Anfang wurde vor wenigen Jahren mit dem Bau mehrerer befestigter Anleger mit integrierten Verarbeitungs- und Verkaufshallen entlang der Conakry säumenden Küsten gemacht. 1991 wurde das maritime Kreditwesen (Crédit Maritime) eingeführt, das seither privatwirtschaftliche Investitionen in diesem Bereich finanziell unterstützt (ONUDI 1991, Vol. III, Bd. 3, S. 15)(218).

Zur besseren Kontrolle und Steuerung der Fischfänge in ihren Hoheitsgewässern richtete die guineische Regierung nach der 1995 vorgenommenen Überarbeitung der Fischereigesetzgebung je ein behördliches Zentrum zur Forschung und Über-wachung des Fischereiwesens ein (Centre National des Sciences Halieutiques CNSH und Centre National de Surveillance de la Pêche CNSP).

Ein noch weitgehend unterentwickeltes Wirtschaftspotential im Fischereiwesen ist die Fischzucht. Trotz der vorhandenen natürlichen Voraussetzungen ist sie der guineischen Bevölkerung bisher unerschlossen geblieben. Erst in den letzten Jahren fand durch vereinzelte Aktivitäten internationaler Investoren ein begrenzter Know-how-Transfer statt. So hat entlang der Küste die Krabben- und Garnelenzucht schon mehrere zukunftsweisende Erfolge aufzuweisen und entwickelt sich beständig weiter (RG 1995c, S. 20/21). Ihre Produktion zielt ausschließlich auf den Export nach Europa ab.

3. Die strukturelle, funktionale und praktische Organisation der Fischerei-branche

Die Förderung der drei Produktionszweige des Fischereiwesens, die handwerkliche, semi-industrielle(219) und industrielle Fischerei, sollte den Entwicklungs-möglichkeiten entsprechend ausreichend gestaltet werden. Während beispielsweise die als Kleinunternehmer anzusehenden Pirogenfischer eine intensive Betreuung hinsichtlich einer Unternehmensgründung, -erweiterung und -führung sowie des Investitionsverhaltens benötigten, entbehrt die industrielle Fischerei Strukturen und Initiativen zur Entwicklung von Kontakten mit potentiellen ausländischen Handels- und Investitionspartnern. Hier müssen insbesondere fachliche Kapazitäten geschaffen werden, die gezielte Marktuntersuchungen, Machbarkeitsstudien und Entscheidungsvorlagen für Entwicklungs- und Investitionsprojekte erarbeiten können.

Ebenso ist die Bildung von beruflichen Organisationsformen in der handwerklichen Fischerei zu unterstützen. Bisweilen stützt sich die Zusammengehörigkeit und gemeinsame Vertretung einzelner Fischer auf die Tatsache, daß sie zusammen in einer Dorfgemeinschaft leben oder einen gemeinsamen Lande- oder Liegeplatz besitzen. Die Bildung von Kooperativen und Berufsstandsvertretungen würde auf der einen Seite den Fischern in ökonomischer und politischer Hinsicht mehr Handlungspotential sichern, andererseits wäre eine effizientere Anbindung an infra-

strukturellen Maßnahmen und eine organisiertere Form der Informationsverteilung (Technologietransfer) gewährleistet.

Hinsichtlich der Kommerzialisierung bleibt die Realisierung eines ordentlichen Fischhandelsstatus' ein wichtiger Schritt zur wirklichen Integration des Subsektors Fischerei in die nationale Ökonomie. Wie in der landwirtschaftlichen Produktion und ihren Verteilungsstrukturen ist auch hier die Kammer für Handel, Industrie und Landwirtschaft als wirksame Interessensvertretung geeignet.

Die Integrationsprozesse der guineischen Fischerei in die Landeswirtschaft voll-ziehen sich auf zwei Ebenen:

a. Auf sektorinterner Ebene haben sich bereits Integrationsbewegungen dahin-gehend etabliert, daß sich Verarbeitungsindustrien mit Produkten des handwerk-lichen Fischfangs versorgen, insbesondere mit Qualitätsprodukten (Kopffüßler, Krustentiere).

b. Auf nationaler Ebene haben sich ebenfalls Verflechtungen der Verarbeitungs-industrien mit guineischen Zulieferfirmen (z.B. aus dem Bereich der Ver-packungsindustrie) gebildet. Bei einer weiterhin progressiven Entwicklung des Sektors sind allerdings investitionsfördernde Maßnahmen wie der Zugang zu Krediten erforderlich, um den Aufbau einer entsprechenden Zuliefer- und Ver-sorgungsindustrie zu unterstützen.

Die Sicherung des Technologietransfers spielt insbesondere für die handwerkliche Fischereiflotte eine große Rolle. Obwohl sie durch den Einfluß moderner Flotten z.B. aus dem Senegal in Kontakt mit neuen Technologien und Arbeitsmethoden kommt, sind dennoch deutliche Defizite im elementaren technischen Bereich zu verzeichnen (Motorisierung, Kühlung, Wartung und Instandhaltung, etc.).



6.1.3 Die Forstwirtschaft - Nachhaltige Nutzung einer fragilen Ressource

Bestandsaufnahme des Sektors

Die guineische Forstwirtschaft ist mit etwa 2,2% (1997) am BIP beteiligt. Mit einer konstanten Wachstumsrate von knapp 3% im Mittel der letzten sieben Jahre zeigt sie eine Stagnation in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung (RG 1998e, S. 21). Obwohl Guinea kein ausgesprochenen Waldland ist, besitzt das Land beachtliche forstwirtschaftliche Ressourcen, die mit Ausnahme des nordöstlichen Nigerbeckens nahezu über seine ganze Fläche verteilt zu finden sind. Jedoch weisen nur 10,4% der guineischen Landfläche eine geschlossene Waldbedeckung auf. Der überwiegende Teil ist mit einer mit Waldbestand durchsetzten Feucht- und Trockensavanne bewachsen.

Als Resultat des hohen Wachstums der Bevölkerung, die den Wald als Lieferant für Brenn- und Nutzholz gebraucht und ihn für die Landwirtschaft und den Plantagenbau durch Brandrodung in seiner Fläche reduziert, hat der Rückgang des Waldes schon seit Jahren beunruhigende Ausmaße angenommen. Allein für die Jahre 1976 - 80 wird der jährliche Waldverlust auf 136.000 ha geschätzt, wobei ca. 26.000 ha/a auf den tropischen Regenwald in Waldguinea fielen (WB 1992e, Thema Nr. 2, S. 20). So wurde der wert-

volle Primärwald in diesem noch vor wenigen Jahrzehnten vollständig damit bedeckten Naturraum auf 6.000 km2 dezimiert und auf die für die Landwirtschaft weitgehend unzugänglichen Berghänge der Massive Nimba, Ziama und Diécké des guineischen Rückens zurückgedrängt (s. Karte Nr. 6).

Tabelle 38: Art und Anteil des Waldbestandes Guineas an der Gesamtfläche des Landes.

Waldart/Flächennutzung Fläche (ha) % der Gesamtfläche
Mangroven 250000 1,02
Immergrüner Regenwald 700000 2,85
Übriger Wald 1600000 6,51
Feuchtsavanne mit Waldbestand 10636000 43,25
Gesamtfläche mit Waldbestand 13186000 53,63
Landwirtschafliche Nutzfläche 1700000 6,1
Brachland/Trockensavanne 7500000 30,51
Andere 2200000 9,76
Gesamtfläche ohne Waldbestand 11400000 46,37
Gesamtfläche 24586000 100


(Quelle: WB 1992e, Thema Nr. 2, S. 20; MT Nr. 2275, S. 1655; ONUDI 1991a, Vol. III, Bd. 4, S. 6 u. 7)



Diese Situation erfordert es, daß bei der Entwicklung von Strategien zur Inwertsetzung des forstwirtschaftlichen Potentials die Erhaltung der Ressourcen als kurzfristig zu erreichendes Ziel, die großangelegte Wiederaufforstung und Renaturierung als langfristige Vorgabe Vorrang haben. Einen ersten Schritt dazu tat Guinea 1988 mit der Verabschiedung eines Plans zur kontrollierten Nutzung des tropischen Regenwaldes (Plan d'Aménagement Forestier Tropical PAFT). Er hat zum Ziel, innerhalb eines Zeitraums von 25 Jahren den Bestand des immergrünen Regenwaldes zu sichern und ein ausgewogenes System von Nutzung und Erhalt der natürlichen Ressource Wald zu etablieren (MT Nr. 2407, S. 3423).

Tabelle 39: Waldbestandanteil (mit geschlossener Kronendecke) in den Naturräumen.

Naturraum Gesamtfläche (km2) Waldbestand (ha) % der Gesamtfläche
Niederguinea 36208 300000 8,3
Mittelguinea 63608 850000 13,4
Oberguinea 96667 800000 8,3
Waldguinea 49347 600000 12,1
Gesamt 245856 2550000 10,4


(Quelle: ONUDI 1991a, Vol. III, Bd. 4, S. 6 u. 7; WB 1992e, Thema Nr. 2, S. 2)

AKTIVITÄTEN

Die Betätigungen in diesem Subsektor umfassen im wesentlichen zwei Arten des Holzverbrauchs: der Nutzung als Energiequelle und die Verarbeitung zu Nutzholz. Als Energielieferant wird Holz in Form von einfachem Feuerholz oder Holzkohle benutzt. Das Feuerholz, bestehend aus gesammeltem Bruchholz oder wertlosen Bäumen der Savanne, wird gebündelt auf den lokalen Märkten angeboten. Es dient zur Energieversorgung der Haushalte sowie einiger Gewerbezweige (Bäckereien, kleine Ziegeleien, Schmieden etc.). Die Holzkohle wird vornehmlich in den städtischen Verdichtungsräumen verbraucht, der größte Teil davon in Conakry.

Die Weiterverarbeitung des rohen Holzeinschlags zum Nutzholz für verschiedene gewerbliche Zwecke beinhaltet zwei Hauptaktivitäten:

1. Die erste Transformation, das Zusägen des Holzeinschlags, befriedigt die lokale hauswirtschaftliche Nachfrage der Dörfer, kleineren Städte und randlichen Viertel größerer Städte.

2. In der zweiten Transformation wird das Holz vom Tischler- und Schreinergewerbe zu Produkten verschiedener Fertigungsebenen weiterverarbeitet (Sperrholz, Rahmenholz, Möbel, etc.), um der Nachfrage einer fast ausschließlich städtischen Kundschaft mit entsprechender Kaufkraft zu begegnen.

Dazwischen existieren noch weitere Nutzungs- und Tätigkeitsbereiche wie der Transport vom Einschlagsort zu der ersten Transformationsstätte und zwischen den Verarbeitungsorten sowie die Holznutzung im Baugewerbe.

STRUKTUR

Der heutige Markt dieses Subsektors gestaltet sich fast ausschließlich informell. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Jeder in der Branche Tätige produziert und vertreibt seine Ware so, wie er innerhalb seines Gewerbegebietes und Absatzmarktes kann und will. Für beide Transformationsebenen existieren kaum als industriell zu bezeichnende Produktionsstrukturen(220). Dennoch kann sich eine Strategie zur weiteren Entwicklung der Branche auf zwei wesentliche Strukturelemente stützen:

a. Der ökonomischen Produktionskette vom Rohmaterial bis zu den verschiedenen Endprodukten. Ihre Stabilität und Rentabilität richtet sich nach der Ausgewogenheit der Beziehungen zwischen den Gliedern der Kette sowie dem Absatzmarkt.

b. Einer Gruppe von Unternehmern und Beschäftigten, die als fester Bestandteil der nationalen Ökonomie ein Leben der Branche ermöglichen.

NACHFRAGE

Die Nachfrage gliedert sich auf in den Gebrauch von Nutz- und Brennholz sowie Rundhölzer.

Nutzholz: Es wird in Form von Schnittholz für den Hausbau, Tischlereien und Schreinereien, Verschalungen beim Hoch- und Tiefbau sowie die Möbelherstellung benutzt. Der Jahresverbrauch wird auf etwa 50.000 m3 geschätzt. Nur 15% der Schnitthölzer werden in Sägewerken zugeschnitten, 80% werden von handwerklichen Brettschneidern geliefert, 5% importiert. Mehr als zwei Drittel der Produktion (ca. 35.000 m3) findet ihren Absatz in den Städten (überwiegend in Conakry), nur 15.000 m3 werden in ländliche Räume geliefert.

Brennholz: Die Nutzung von Holz als Brennstoff ist aufgrund fehlender alternativer Energiequellen und entsprechender Infrastruktur immens und beläuft sich auf etwa 7.500.000 m3/a. das Verhältnis zum Nutzholzverbrauch beträgt 150 : 1, doch das Brennholz besteht überwiegend aus Windbruch, Abfallholz und Einschlag minderer Qualität. Im ländlichen Bereich versorgt sich die Familie meist selbst, während die Stadtbevölkerung auf die Zulieferung durch Zwischenhändler angewiesen ist. Allein die Hauptstadt hat einen jährlichen Brennholzverbrauch von 430.000 m3 und einen Holzkohlebedarf von 50.000 t(221).

Rundholz: Sie werden als Pfähle und Pflöcke sowie Gerüst- und Stützstangen für den Häuserbau verwendet. Der Jahresbedarf liegt bei etwa 275.000 m3.

(Alle Zahlenangaben nach: ONUDI 1991a, Vol. III, Bd. 4, S. 13-15)



Problemorientierte Analyse

Der wirksamen Entwicklung des forstwirtschaftlichen Subsektors stehen zahlreiche strukturelle, soziologische und umweltrelevante Hindernisse im Weg:

1. Die Entfernung zwischen den wichtigsten Einschlagsgebieten in Waldguinea und dem Hauptabsatzmarkt Conakry beträgt 800 - 1.000 km. Die Transportbedingungen sind aufgrund des schlechten Zustandes der Straßen und der Transportmittel extrem schwierig und zudem kostspielig.

2. Die Waldbestände in diesem Naturraum sind durch die unkontrollierte Abholzung stark gefährdet. Bei streng überwachtem Einschlag können Sägewerke nur in dem Maße errichtet oder wieder in Betrieb genommen werden, in dem ihr Verbrauch den jetzigen Bestand nicht gefährdet und Wiederaufforstungsmaßnahmen nicht behindert.

3. Andere potentielle Holzbestände in den übrigen Naturräumen sind aufgrund ihrer dezentralen, zerstückelten Lage schwierig zu erschließen.

4. Nahezu alle tätigen Sägewerke und -einrichtungen sowie die Verarbeitungszweige arbeiten mit überalteten und abgenutzten Maschinen und Geräten. Hinzu kommt ein

niedriges allgemeines und fachliches Ausbildungsniveau der Beschäftigten in der gesamten Branche. Die Folge davon ist die Herstellung von Verarbeitungsprodukten minderwertiger Qualität.

5. Die Frage nach der Qualität erweist sich darüber hinaus als ein psychologisches Problem. Die jahrelange Verschlossenheit gegenüber fremden Einflüssen während der I. Republik sowie die politische Erziehung aus dieser Zeit haben eine Berufsauffassung geschaffen, die alles Negative und jegliche Selbstkritik negiert und die eigene Leistung ausschließlich positiv beurteilt. Eine objektive Qualitätskontrolle ist in vielen Fällen bis heute nicht möglich, Kritik bleibt unverstanden. Der Versuch, die Qualität der Produktion zu verbessern, führt grundsätzlich zunächst zu einem psychologischen Konflikt denn zu einem technischen Problem. Damit ist ebenfalls die Möglichkeit der Herstellung und des Exports von Qualitätsware wie Möbel in weite Ferne gerückt.

6. Die Holzkohleherstellung erfolgt nach der traditionellen Methode des Erdmeilers, dessen Karbonisierungsertrag durchschnittlich nur 10 - 15% beträgt. Eine Verbesserung der traditionellen Version, die Casamance-Methode(222), die in fast allen afrikanischen Ländern Einzug gehalten hat, ist in Guinea weitestgehend unbekannt. Die steigende Nutzung von Holz als Brennstoff (Feuerholz, Holzkohle) stößt bereits seit langem an die Grenzen der Regenerationskapazitäten des Holzbestandes um die großen Städte herum, insbesondere um Conakry.

Die Vorteile von Guineas forstwirtschaftlichem Sektor beschränken sich in volkswirtschaftlich entwicklungsrelevanter Sicht auf die gute Qualität der Nutzhölzer, die bei einer interessanten Artenvielfalt einen hohen kommerziellen Wert besitzen, sowie das allgemein niedrige Lohnniveau.



Entwicklungsstrategie

Die Maßnahmen zur effizienten Inwertsetzung des holzwirtschaftlichen Potentials steht unter dem Licht von drei Hauptorientierungen: dem Schutz und der Erhaltung bzw. Erweiterung der Ressourcen, der Entwicklung und Verbesserung der Holztransformation und schließlich der systematischen Organisation der Branche.

1. Inwertsetzung des Waldbestandes

Die Abholzung der Wälder und Savannen muß auf ein erträgliches, den Bestand nicht gefährdendes Maß reduziert werden. Dies kann durch eine verbesserte, ertragreichere Holzkohleherstellung sowie ein umsichtigerer Energieverbrauch unterstützt werden. Letzteres setzt die Bemühungen von Staat und Bevölkerung um alternative Energiequellen und eine bessere Infrastruktur voraus. Aber auch eine ausgewogene Verteilung der Nutzung würde zu einer Erholung gefährdeter Gebiete mit hoher Nutzungskonzentration beitragen. So besitzt Mittelguinea etwa ein Drittel der guineischen Waldbestände (s. Tab. 45). Ihr

Nutzungsgrad vor allem gegenüber den Beständen Waldguineas ist jedoch aufgrund ihrer dezentralen Lage und der ungenügenden Infrastruktur wesentlich geringer.

Gleichzeitig müssen Wiederaufforstungsmaßnahmen den bisherigen Bestand in seinem Volumen halten und darüber hinaus zumindest in dem Maße aufstocken, in dem ein Nutzungswachstum infolge erhöhten Bevölkerungsdrucks abzusehen und kalkulierbar ist.

Der Rahmen für diese Ziele ist durch langfristige Bewirtschaftungspläne abzustecken. Diesen Plänen muß eine genaue Kenntnis des Zustandes des guineischen Waldes nach Fläche, Konzentration, Artenvielfalt und Nutzungspotential zugrundeliegen. Der bisherige Kenntnisstand ist zu fragmentarisch und entbehrt eines Datenbestandes aus einer flächendeckenden spezifischen Untersuchung. Ein weiteres Kriterium der Pläne sollte die Anwendung adaptierter forstwissenschaftlicher Forschung sein, um ihren Wirkungsgrad zu verstärken.

2. Entwicklung der Holzverarbeitung

Die Holzverarbeitung konzentriert sich ausschließlich auf die Versorgung des nationalen Marktes, da sein Bedarf bisher nicht gedeckt ist und auch weiter steigen wird. Außerdem läßt die mindere Qualität aller Produkte auch auf längere Sicht keinen Export zu.

a. Erste Transformation: Eine erhebliche Verbesserung der Qualität der Produkte und ihrer Präsentation ist erforderlich, um die Nachfrage optimaler zu befriedigen. Eine örtliche Anpassung der Produktionsstätten an die tatsächliche Verfügbarkeit der Ressourcen würde ihre Nutzung optimieren, indem die Überlastung bestimmter Bestände Waldguineas zugunsten der dislozierten Potentiale in den übrigen Naturräumen abnimmt.

b. Zweite Transformation: Auch hier ist eine Qualitätsverbesserung des Outputs in sämtlichen Produktionszweigen notwendig. Dies kann nur durch einen intensiven Technologietransfer und umfangreiche berufliche Bildungsmaßnahmen erfolgen. Die Frage eines normativen Rahmens bezüglich der Qualität richtet sich letztendlich nach der Verfügbarkeit der Mittel und der Entwicklung der Kaufkraft. Grundsätzlich bleibt es schwierig, technologisches Wissen für die Branche von außen zuzuführen, obwohl diese sich ausschließlich an den Bedürfnissen des nationalen Marktes orientiert.

Ein vorrangiges Ziel ist die verstärkte Einstellung der lokalen Produktion auf Substitutionsprodukte, die teure Importgüter ersetzen können und somit branchenfördernd wirken. Neben diesem bedeutenden Schritt der Qualitätssteigerung muß die Präsentation und das Marketing der Produkte gleichermaßen entwickelt werden.

Nichtsdestoweniger bleiben die beiden Produktionsarten der Holzverarbeitungsbranche, der handwerkliche und der semi-industrielle bzw. industrielle Bereich, deutlich voneinander getrennt und bedürfen einer unterschiedlichen Förderungsweise. Die Prioritäten der Unterstützung der handwerklichen Produktion, die fast ausschließlich dem informellen Sektor zugehört, liegen im Zusammenschluß der Aktiven zu Interessensgruppen, deren Produktivität und Produktqualität durch Ausbildung und

Investitionsschulung und -unterstützung intensiver in Angriff genommen werden kann. Der semi-industrielle oder industrielle Produktionsbereich, der eine Verbraucherschicht mit größerer Kaufkraft als die handwerkliche Produktion anspricht, bedarf der Unterstützung in der Perfektionierung der massenweisen Produktion von Möbeln, Rahmen, Fenster, Türen und anderen Elementen des Zimmerwerkes sowie der Erschließung neuer Märkte wie Büro-, Schul- und Krankenhausmobiliar, bis heute vielfach importiert.

c. Organisation der Branche: Der holzwirtschaftliche Produktionssektor wird vom guineischen Amt für Holzwirtschaft (Office Guinéen du Bois OGUIB) betreut, das direkt dem Landwirtschaftsministerium unterstellt ist. Es fungiert als Planungs- und Durchführungszentrum für staatliche Interventionen zur Schaffung von investitionsfördernden Rahmenbedingungen und dem Erreichen der Entwicklungsziele. Doch infolge der zahlreichen Akteure im Sektor, die zudem eine hohe berufsspezifische und geographische Streuung aufweisen, sind die Kenntnisse über das genaue Berufsbild bezüglich seines Umfangs sowie Verteilung und Ausprägung seiner Aktivitäten gering. Dies trifft insbesondere auf die Brettschneider und Holzkohleproduzenten zu. Die genaue Erfassung des Sektors ist eine Notwendigkeit zu seiner Strukturierung und Steuerung. Nur so kann der Holzverbrauch mit einer Genauigkeit bestimmt werden, die als Basis für eine realistische Entwicklungsplanung dienen kann. Ein weiteres Ziel dieser Erfassung ist die Kenntnis über Arbeitsbedingungen und Ausbildungsstand, um komplementäre und adäquate Maßnahmen zur Verbesserung einleiten zu können.

Die Möglichkeit des Exports bestimmter Hölzer und deren Verarbeitungsprodukte sollte nicht beschnitten werden. Eine einschränkende Beeinflussung des Nachfrageverhaltens würde bei einem gleichzeitigen Defizit im Angebot, vor allem hinsichtlich der Qualität, Unverständnis hervorrufen, Schmuggel und Korruption fördern. Auf der anderen Seite ist eine strikte Regelung für den Export der wertvollen tropischen Stamm- und Rundhölzer dringend erforderlich. Zum einen muß der Rückgang des Waldbestandes aufgehalten werden, zum anderen darf sich das Land nicht seiner Grundlage für die eigene Verarbeitungsindustrie berauben. Die bei dem geringen Exportpotential ohnehin kaum ins Gewicht fallende Devisenertrag fiele zu Lasten der Entwicklung des nationalen Marktes.

6.2 Der sekundäre Sektor - Fehlende industrielle Produktionskultur und Bergbaudominanz

6.2.1 Die guineische Industrie - Neuanfang statt Wiederbelebung

Neben den allgemeinen Problemen der Infrastruktur (Transport, Energie, Kommunikation) belasten die guineische Industrie bis heute nachteilige marktpolitische und strukturelle Merkmale wie die Beschränkung auf den Binnenmarkt, die starke Konzentration industrieller Aktivitäten auf die Hauptstadt sowie der schwache Nutzungsgrad von Kapazitäten und das niedrige branchenspezifische Fachwissen. Übergeordnete Ziele zur nachhaltigen Förderung der im Rahmen der 1985 eingeleiteten gesamtökonomischen Reformen begonnenen industriellen Wiederaufbaus sind daher:





6.2.1.1 Das Erbe der I. Republik

Eine schwere und ineffiziente Bürokratie, eine ständig überbewertete Währung, eine strikte Preiskontrollpolitik und zahllose Rationierungen, vor allem im Konsumgüterbereich, führten während der I. Republik zur Herausbildung einer dualistischen Volkswirtschaft. Auf der einen Seite, dem offiziellen oder formellen Sektor, hatten die Staatsunternehmen das Monopol über den Export, den Binnenländischen Handel mit Konsum- und Zwischengütern und jeglicher industrieller Aktivität, mit Ausnahme des Handwerks. Auf der anderen Seite existierte ein informeller Sektor, der, durch das langjährige und erst in der Endphase der Ära Sékou Touré gelockerte Verbot jeglicher privatwirtschaftlicher Aktivität in der Verschwiegenheit des Schwarzmarktes und des Schmuggels operierend, die Nachfrage nach Konsumgütern im Lande deckte und im Zuge der immer restriktiver werdenden Wirtschaftsentwicklung ständig an Bedeutung und Volumen gewann.

Die überwiegende Zahl der staatlichen Industriebetriebe wurden in der Zeit von 1969 - 79 gegründet (ONUDI 1991a, Vol. I, S. 29). Ihr Produktionsspektrum beschränkte sich auf die Verarbeitung der wichtigsten natürlichen Rohstoffe Guineas: Tabak, Baumwolle, Holz, Früchte und Gemüse. Am Ende der 70er Jahre zählte der industrielle Sektor etwa 50 staatliche Unternehmen, die ca. 2% des BIP erwirtschafteten (EBENDA, S. 30).

Mit zunehmender Verschlechterung der wirtschaftlichen Gesamtsituation kam es im ohnehin unproduktiv arbeitenden industriellen Verarbeitungs- und Produktionssektor zum

totalen Verfall. Die Kapazitätsauslastung in den Unternehmen betrug weniger als 20% (EBENDA), zahlreiche Betriebe stellten ihre Produktion ein. Die Ursachen dieses Abstiegs lagen im wesentlichen in folgenden Faktoren begründet:

1. Die Versorgungsbedingungen der Industriebetriebe waren unzureichend. Dies galt so-wohl für die Zulieferung lokaler landwirtschaftlicher Grundmaterialien als auch für importierte Grundstoffe, Halbfertigprodukte und Ersatzteile.

2. Es herrschten extrem widrige Produktions- und Absatzverhältnisse: Finanzierungsmöglichkeiten für notwendige Investitionen waren rar, der Wechselkurs unrealistisch, und die strikte Preiskontrolle ließ keinerlei marktwirtschaftliche Spielraum zu. Außerdem erwiesen sich die rigiden Einstellungsregelungen und -praktiken sowie die starren, ineffizienten Kommerzialisierungsstrukturen als überaus entwicklungshemmend.

3. Die Unternehmensführung war durch Inkompetenz und Unprofessionalität gekennzeichnet. Eine zusätzliche Belastung stellte die permanente direkte Einflußnahme der öffentlichen Hand dar.

4. Zahlreichen Unternehmensgründungen lag aufgrund mangelhafter Vorabanalyse der Marktsituation eine unrealistische Konzeption zugrunde. Überdimensionierte, dem Markt auch qualitativ unangepaßte Produktionsstrukturen waren oftmals die Folge.

Am Ende der I. Republik schließlich waren von den sich noch in Betrieb befindlichen 131 Staatsunternehmen 42 in der industriellen Produktion tätig, vornehmlich in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, aber auch in geringem Umfang in der Chemie, Pharmazie und Metallverarbeitung. Diese Unternehmen beschäftigten etwa 7.000 Personen und stellten ca. 40% des industriellen Wertzuwachses dar (WB 1990a. Bd. II, S. 92). Der formelle privatwirtschaftliche Sektor, dem Sékou Touré in seinen letzten Amtsjahren doch noch gewisse Entwicklungsmöglichkeiten einräumte, bestand aus etwa 360 Kleinunternehmen, von denen 130 in der industriellen Nahrungsmittel-, Holz- und Metallproduktion und -verarbeitung tätig waren. Sie beschäftigten ca. 3.000 Personen und repräsentierten weiter 40% des industriellen Wertzuwachses (EBENDA). Der Rest des privatwirtschaftlichen Industriesektors setzte sich aus einer geschätzten Zahl von etwa 3.000 im informellen Bereich arbeitenden Unternehmen zusammen, die ca. 12.700 Personen beschäftigten (EBENDA).



6.2.1.2 Die heutige Situation der guineischen Industrie

6.2.1.2.1 Strukturelle Merkmale

Das produzierende Gewerbe (ohne Bergbau) hat heute einen Anteil von knapp 4% am BIP (1997). Seit dem Greifen erster Reformen im Sektor nach 1988(223), einhergehend mit einer zwar langsamen aber stetigen Verbesserung der strukturellen Rahmenbedingungen für

Investitionen sowie fachlichen und finanziellen Zuwendungen aus dem Entwicklungshilfebereich, hat die überwiegend kleinbetrieblich organisierte Industrie stabile jährliche Wachstumsraten von durchschnittlich etwa 4% zu verzeichnen (RG 1998e, S. 21; ).

Die gegenwärtige guineische "Industrielandschaft" ist durch folgende charakteristische Elemente gekennzeichnet:

1. Sie wird dominiert von der landwirtschaftlichen Verarbeitungsindustrie, die 1994 etwa 35% der Gesamtproduktion im Sektor ausmachte (RG 1995c, S. 1). Die wichtigsten privatwirtschaftlichen Investitionen wurden hier in der Getränkeindustrie getätigt(224). Danach folgt ein stabiler Kern von Unternehmen, die Verbrauchsgüter herstellen, vornehmlich teure Importartikel substituierend (Seifen, Farben, Verpackungen, Plastik- und Metallprodukte). Zahlreiche andere Branchen wie die Baustoffindustrie und die Genußmittelbranche bestehen zumeist nur aus einem einzigen Unternehmen von entsprechender volkswirtschaftlicher Bedeutung(225).

2. Der Großteil der industriellen Aktivitäten konzentriert sich mit Ausnahme der Obst- und Gemüseproduktionsbranche sowie der Holzverarbeitungsindustrie nach wie vor in Conakry. Etwa 80% der industriellen Beschäftigung befindet sich im Einzugsbereich der Hauptstadt (ONUDI 1991a, Vol. I, S. 32). Aufgrund der sich nur langsam einstellenden Verbesserung der Infrastruktur im Binnenland hat sich diese Konzentra-tionstendenz in den letzten Jahren eher noch verstärkt, da Conakry z. Zt. noch die besten Entfaltungsmöglichkeiten bietet.

3. Die guineische Industrie bedient fast ausschließlich den Binnenmarkt. Erst in den letzten Jahren waren in Teilbereichen (Obst- und Gemüseverarbeitung, Chininproduktion, Herstellung von Parfümessenzen, Zucht von Krustentieren etc.) sich langsam aber stetig entwickelnde Impulse einer exportorientierten industriellen Produktion zu verzeichnen.

4. Nicht zuletzt aufgrund der Konzentration in Conakry ist die guineische Industrie mit Ausnahme der Obst-, Gemüse- und Holzverarbeitungsbranchen wenig oder gar nicht in die nationalen ökonomischen Kreisläufe eingebunden. Etwa 80 - 90% der industriellen Zwischen- und Verbrauchsgüter werden importiert (ONUDI 1991a, Vol. I, S. 33). Somit ist die Industrie ständig einer übermäßigen Abhängigkeit gegenüber äußeren Faktoren wie der Zulieferung, des Technologietransfers und der Wartung und Instandhaltung ausgesetzt.

5. Ausgenommen die Getränke-, Genußmittel- und Baustoffindustrien weist das guineische produzierende Gewerbe noch immer einen sehr schwachen Nutzungsgrad

seiner Kapazitäten von etwa 20 - 30% auf (MT Nr. 2584, S. 1072). Dies ist zum einen sicherlich dem noch wirkenden Erbe der I. Republik anzulasten, zum anderen jedoch auch eine Folge von zu optimistischen und unrealistischen Erwartungen bezüglich des binnenländischen Wachstums der Nachfrage.

6. Trotz der im Zuge der Privatisierungen versuchten Durchsetzung von Restrukturierungsmaßnahmen bleibt das Muster der Investitionsstrategien aus der I. Republik teilweise bestehen (s. Kap. 5.3.3).

7. Bis heute ist ein subregional und international konkurrenzfähiges Produktionsniveau aufgrund der hohen Produktionskosten selten zu erreichen. Diese sind verknüpft mit

- einem kostenintensiven Transport auf der Straße, besonders von Obst und Gemüse (Kühltransport), Ölfrüchten und Holz;

- erheblichen Schwankungen in der Versorgung mit Grundmaterialien, Zwischen- und Verbrauchsgütern;

- hohe Energiekosten, hervorgerufen durch die Notwendigkeit einer autonomen Energieversorgung, da das öffentliche Energienetz unzureichend ist;

- Problemen in der Wartung und Instandhaltung, vor allem für Industriebetriebe, die weit entfernt von der Hauptstadt liegen;

- infolge mangelnder Qualifikation ungenügender Produktivität, dessen Steigerung nur durch den teuren Einsatz ausländischen Fachpersonals möglich ist;

- überwiegend veralteten, abgenutzten Anlagen und Maschinen sowie überholten Technologien.



6.2.1.2.2 Tätigkeits- und Verhaltensmerkmale

Die guineischen Industriebetriebe können nach Produktionsbereichen und Funktionsprinzip unterschieden werden:

Nach Produktionsbereich

Der zu Beginn der Reformen eingeleitete Rückzug des Staates aus dem Handels- und Produktionssektor resultierte in einer Auflösungs- und Privatisierungswelle der staatlichen Unternehmen, deren Anteil am industriellen Wertzuwachs fortan auf weniger als 20% schrumpfte (ONUDI 1991a, Vol. I, S. 36). Ihre Hauptproduktionsbereiche liegen in der Nahrungsmittel- und Getränkeherstellung (Zuckerraffinerien, Öl- und Fruchtsaftherstellung, Brauereien, Tabakproduktion), im Baustoffbereich (Ziegeleien, Kachelbrennereien, Keramik), in der chemischen Industrie (Farben, Plastikherstellung, Industriegasproduktion) und in der Holz-, Textil- und Lederindustrie sowie im Maschinenbau.

Nach Einführung einer liberaleren Marktpolitik bildeten sich zahlreiche neue private Kleinbetriebe, die hauptsächlich im Bäckereiwesen (53% der Neugründungen 1986 - 89), in der Tischlerei/Schreinerei (37%) und in der Metallverarbeitung tätig sind. Sie stellen bis heute eine wesentliche Stütze des derzeitigen industriellen Produktionssektors dar, da sie ein weiterhin hohes Expansionspotential besitzen und neben den sich ebenso entwickelnden kleinen Handelsbetrieben eine treibende Kraft in der Volkswirtschaft darstellen (EBENDA). Allerdings sind gerade diese Betriebe bis zu 80% von importierten Grund-

stoffen abhängig (MT Nr. 2584, S. 1072).

Der informelle Sektor schließlich hat sich seine Tätigkeitsbereiche erhalten und sich darüber hinaus im Zuge der Öffnung des Landes zahlreiche neue Produktions- und Verarbeitungsbereiche erschlossen. Neben den traditionellen Domänen der kleinmaßstäblichen Nahrungsmittelproduktion und -verarbeitung sowie der Holzbearbeitung konnte neues Terrain in der Baustoffherstellung und der Metallverarbeitung gewonnen werden. Sein Anteil am industriellen Wertzuwachs wird auf etwa 40% geschätzt.



Nach Funktionsprinzip

1. Unternehmen mit industrieller Struktur:

Es handelt sich größtenteils um aus der Privatisierungsphase resultierende Unternehmen. Die Kapitalmehrheit liegt meist in ausländischer Hand. Führungscharakteristika sind ein klassischer Managementstil mit langfristiger Zielorientierung. Die Über- oder Inbetriebnahme war zumeist begleitet von einer im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen folgender Dezimierung der Beschäftigtenzahl sowie einer grundlegenden Überholung oder Modernisierung bzw. Erneuerung der Produktionsanlagen. Der überwiegende Teil dieser Unternehmen genießt einen tariflichen Schutz und Steuervorteile, die über den vorgesehenen Möglichkeiten des Investitions- und Steuergesetzes liegen, da sie vor deren Inkrafttreten bzw. Reformierung gegründet wurden. Dennoch ist ihre Wirtschaftlichkeit unsicher und schwankend, da oftmals die Entwicklung ihres Marktes überschätzt wurde.

2. Die kleinen und mittelständischen Industrien (KMI):

Die Liberalisierung der guineischen Wirtschaft bewirkte ein Aufblühen der meist als Familienbetrieb unterhaltenen KMI. Sie konzentrierten sich jedoch vielfach auf die Herstellung der gleichen Produkte, was das Angebot erhöhte und die Konkurrenzsituation verschärfte, ohne daß die Nachfrage stieg. Die Gehälter sind niedrig, doch ist der allseits praktizierte zusätzliche Güterausgleich zu berücksichtigen. Die Selbstfinanzierung ist unzureichend. Der Geschäftsführungsstil weist markante Lücken in den wichtigsten Unternehmensbereichen auf (Marketing, Buchführung, Produktion, Personalführung, etc.). Charakteristisch ist auch die ungenügende Information über angemessene Technologien. Es herrscht allgemein die Tendenz vor, europäische Produktions- und Verfahrensweisen zu imitieren, was bezüglich der relativen Faktorkosten und dem verfügbaren fachlichen Qualifikationsniveau häufig zu negativen Ergebnissen führt. Bleiben dann die Erträge aus, wird die industrielle Produktion recht schnell vernachlässigt, und es kommt zu einer Reorientierung in Richtung Handel und Dienstleistungen.

3. Die Unternehmen mit nicht differenzierten Aktivitäten:

Ein Teil der guineischen Industriebetriebe verbindet seine Aktivitäten direkt mit dem

Handel, wobei eine Grenzziehung bezüglich des Finanzflusses nicht möglich ist. Da Gewinne im Handel sicherer und schneller zu erzielen sind, nimmt die industrielle Produktionstätigkeit einen sekundären Platz ein.

4. Die Unternehmen im informellen Bereich:

Die informell tätigen Unternehmen sind in einem bedeutenden Umfang an der industriellen Produktion beteiligt. Ihre Produktionstechniken sind rudimentär, beschränken sich auf einfache Produktionsschritte und werden größtenteils handwerklich ausgeführt. Dadurch ist die Produktivität gering, die Qualität der Produkte niedrig. Meist handelt es sich um Ein-Mann- oder Familienbetriebe mit einem Mindesteinsatz an Kapital. Jedoch ist diese Unternehmensschicht im Grunde genommen die einzige, die sich mit Gütern des nationalen Marktes versorgt.

6.2.1.2.3 Die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzreformen

Seit Beginn der von der guineischen Regierung durchgeführten Wirtschafts- und Finanzreformen blieb der Anteil der Industrie am BIP nahezu unverändert (1986: 4,0%, 1991: 4,0%, 1994: 3,9%, 1997: 3,8%). Der von den Privatisierungen erhoffte Belebungs- und Wachstumseffekt blieb aus. Obwohl Steuervergünstigungen, verbesserte makroökonomische Rahmenbedingungen (Preisliberalisierung, freier Devisenmarkt) und kostengünstige Veräußerungen der Staatsunternehmen scheinbar gute Investitionsvoraussetzungen boten, war die Bereitschaft zu investieren wegen der anhaltenden Schwierigkeiten infrastruktureller und administrativer Art sowie aufgrund der sich nur langsam verbessernden Rechtslage gedämpft.

Das Ergebnis war entsprechend enttäuschend: Für die Entwicklung der Industrie blieb die Privatisierung der staatlichen Industriebetriebe ohne positive Auswirkungen, da die privatisierten Unternehmen auf dieselben Probleme stießen wie Neuinvestitionen, und sich an dieser Situation nicht oder nur sehr langsam etwas änderte(226). Viele Betriebe schätzten auch die Marktsituation zu positiv ein, aufgebaute oder schon vorhandene Überkapazitäten machten die Produktion von vornherein unrentabel, die Unternehmen scheiterten. Bezüglich der Arbeitsplätze ergab sich eine negative Bilanz, da durch Rationalisierungsmaßnahmen und Liquidationen von Betrieben etwa 2.500 Arbeitsplätze verlorengingen (ONUDI 1991b, S. 9). Weiterhin wurde die Regionalentwicklung durch die Auflösung zahlreicher Agrarbetriebe beeinträchtigt.

Ein entscheidender entwicklungshemmender Faktor ist sicherlich der durch die geringe Kaufkraft der guineischen Bevölkerung begrenzte Binnenmarkt. Diese Schwäche wird durch das Fehlen von lokalen Dienstleistungen und die ungenügende Infrastruktur im Hinterland noch verstärkt(227). Ein weiterer, nur auf lange Sicht zu verbessernder Faktor ist das niedrige Produktivitätsniveau in fast allen Produktionsbranchen. Diesen strukturellen, größtenteils als Erblast der Wirtschaftspolitik der I. Republik zu bezeichnenden Hindernissen (s. a. Kap. 5.3.3) setzte die guineische Regierung ihr Reformprogramm zur Sanierung und Belebung von Wirtschaft und Finanzen entgegen, das jedoch gerade in bezug auf eine gezielte Entwicklungsförderung des industriellen Sektors nicht ausreichend und konsequent genug war, zudem nur zögerlich umgesetzt wurde, und somit nachhaltig die geplante Entwicklung behinderte:

1. Boden- und Besitzrecht:

Bis 1992 legte das Landrecht fest, daß jegliche Landfläche Staatseigentum war und nicht endgültig an private Einzelpersonen, Unternehmen oder Institutionen abgegeben werden konnte. Privatinvestoren waren gezwungen, Pachtverträge mit der Regierung über eine maximale Pachtdauer von 30 Jahren, meist kürzer, zu schließen. Das neue Immobilien- und Unternehmensgesetz(228) regelt zwar den nunmehr freien Erwerb von Grund und Boden, seine Umsetzung und gerechte Anwendung stößt jedoch auf technische Probleme und Widerstand in der Bevölkerung. So fehlt bis heute ein allgemeingültiges Kataster und ein auf dem aktuellen Stand gehaltenes Register der Besitzverteilung, vor allem im ländlichen Raum. Dort werden die Besitzverhältnisse noch immer durch die in vielen Teilen der Bevölkerung noch bestehende Akzeptanz des traditionellen Besitzrechtes beeinflußt.

2. Übriger Gesetzesrahmen:

Obwohl die guineische Regierung zeitig mit der Verabschiedung neuer und besserer Wirtschafts- und Handelsgesetze aufwartete, um die Entwicklung des privatwirtschaftlichen Sektors zu fördern, ist deren Umsetzung und praktische Anwendung ebenfalls bis heute unzufriedenstellend. Markante Lücken und inkonsequente Überwachung ihrer kor-

rekten Durchführung ebnen den Weg für Willkür und Korruption. Um tatsächlich zu seinem Recht zu kommen, muß der Unternehmer häufig unangemessen viele Verwaltungshürden überwinden, hinter denen oftmals Unwissenheit, Ignoranz, Selbstbereicherungssucht oder -notwendigkeit, Amtsmißbrauch und Schikane lauert.

In den meisten Fällen konnten die neuen oder reformierten Gesetze die durch den neu eingeschlagenen Weg bestimmte, differenziertere Situation erfassen, artete jedoch in umfangreiche, für den einfachen Unternehmer zu komplizierte, unverständliche Regelwerke aus, die in ihrer Anwendung nicht den tatsächlichen Notwendigkeiten zur Erreichung der gesetzten Ziele gerecht wurden. Um beispielsweise Mitarbeiter einzustellen, sah das neu verfaßte Arbeitsgesetz vor, das Arbeitsministerium aufzusuchen und unter den dort geführten Arbeitslosenlisten potentielle Mitarbeiter auszuwählen. Dieser Vorgang erwies sich als langwierig, kostspielig und zudem ineffizient, da qualifiziertes Personal kaum mit dem Ministerium in Verbindung stand (WB 199a, Bd. II, S. 96).

Ein weiteres Problem wurde 1987 mit der Verabschiedung des Investitionsgesetzes aufgeworfen. Um Investitionsanreize zu schaffen, bot die Regierung zahlreiche Möglichkeiten der Steuererleichterungen und -befreiungen auf unterschiedlichen Ebenen an(229). Diese Angebote blieben oftmals ungenutzt, da zum einen die Zulassungskriterien nicht eindeutig und willkürlicher Auslegung ausgesetzt waren, zum anderen die Verwaltungsvorgänge enorme Zeit in Anspruch nahmen (bis zu 6 Monaten), bis eine definitive Zu- oder Absage erteilt wurde. Diese hinsichtlich des begrenzten und instabilen Marktes zu langen Wartezeiten umgingen die Unternehmer, indem sie Sondervereinbarungen mit einzelnen Ministerien und dem Zollamt schlossen.

Die Folge dieser bald zur allgemein üblichen Verhandlungstaktik avancierten Ausnahmeregelungen, von der beide Seiten, sowohl der Unternehmer als auch Vertreter der Behörden, profitierten, war eine Unterhöhlung des Investitionsgesetzes. Durch mangelnden Informationsfluß und unzureichende Koordination zwischen den einzelnen Ministerien, der Steuerbehörde und des Zollamtes war eine Kontrolle über Art und Umfang der individuellen Steuerbefreiungen unmöglich geworden. Ein Nebeneffekt bestand in der deutlichen "Diskriminierung" der guineischen Kleinunternehmer, die weder Einfluß noch Mittel in ausreichendem Maße besaßen, um derartig vorzugehen.

3. Die institutionelle Förderung von Privatinvestitionen:

Die Definition der Rolle des Staates in bezug auf die Förderung nationaler und ausländischer Investitionen hat eine lange Entwicklungszeit hinter sich. In der ersten Generation ab 1985 stand der zögerliche Versuch im Mittelpunkt, mittels eines Amtes zur Förderung von KMU (Office National de Promotion des Petites et Moyennes Entreprises ONPPME) die Entwicklung des guineischen Produktions- und Handelsgewerbes zu unterstützen. Infolge mangelnder fachlicher Kompetenz und die durch einen überdimensionierten Verwaltungsapparat(230) beeinträchtigte Funktionsfähigkeit konnte diese Institution ihrer Auf-

gabe jedoch zu keinem Zeitpunkt gerecht werden. Gleichzeitig versuchte die Regierung, die im Zuge der durch die staatlichen Verwaltungsreform bedingte Verringerung der Staatsbediensteten durch ein Amt zur Wiedereingliederung von Beamten des öffentlichen Dienstes (Bureau d'Aide à la Réinsertion des Agents de la Fonction Publique BARAF) teilweise aufzufangen und geeignete ehemalige Beamte mit tragfähigen Projektvorhaben bei der Integration in die Privatwirtschaft zu unterstützen. Die Tatsache, daß die Unternehmer nach der Finanzierung und Gründung ihrer Betriebe keine weitere Betreuung erhielten und deshalb mangels Erfahrung aufgeben mußten, ließen das BARAF schnell zu einem Mißerfolg werden(231).

Aus diesen beiden staatlichen Organen entstand dann in der 2. Generation ein Zentrum für die Bildung und Entwicklung von Unternehmen (Centre pour la Création et le Développement des Entreprises CCDE), das einen strafferen Verwaltungsapparat und kompetenteres Personal zur Unterstützung der Unternehmer besaß. Parallel dazu sollte die Investitionsförderung ausländischer potentieller Unternehmenspartner durch das neugeschaffene nationale Zentrum zur Förderung von Privatinvestitionen (Centre National pour la Promotion des Investissements Privés CNPIP) wahrgenommen werden. In zunehmendem Maße schaltete sich auch die guineische Industrie- und Handelskammer ein (Chambre de Commerce, d'Industrie et d'Agriculture de la Guinée CCIAG) ein, die ihrerseits versuchte, die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber dem Staat sowie ausländischen Investoren und Wirtschaftspartnern zu vertreten und somit die Entwicklung des privatwirtschaftlichen Sektors zu fördern.

Nach einer lehrreichen Phase gegenseitiger Kompetenzansprüche, begleitet von entwicklungshemmendem Konkurrenzverhalten zwischen den einzelnen Akteuren, entschloß sich die Regierung, in der 3. Generation das CCDE und das CNPIP zu einem zentralen Organ zu verschmelzen, dem Amt zur Förderung von Privatinvestitionen (Office pour la Promotion des Investissements Privés OPIP). Somit lag die Betreuung von nationalen und ausländischen Investitionsvorhaben endlich in einer Hand und konnte schnell und direkt miteinander verknüpft werden (z.B. in Joint Ventures)(232).

Gleichzeitig erlangte die Industrie- und Handelskammer durch freie Wahlen zur Bildung eines neuen Exekutivbüros sowie durch eine gesicherte Finanzierung ihrer laufenden Kosten aufgrund ihrer Integration in das Projekt zur Förderung der Agrarexporte zu Beginn des Jahres 1993 schließlich die Autonomie. Nachdem sie als staatliche Institution jahrelang ihre Aufgabe, als privilegierter Sprecher der Privatwirtschaft gegenüber der öffentlichen Hand zu fungieren, durch einen ständigen Budget- und Personalmangel sowie unzureichender Ausrüstung und Lokalitäten nur durch das Engagement der Kammermit-

arbeiter und das damit verbundene Wachsen des Mitgliederinteresses zumindest teilweise wahrnehmen konnte, erhielt sie durch ihre finanzielle und funktionale Autonomie nun die Möglichkeit, ihre Rolle als unabhängiger Koordinator, Ansprechpartner, Vermittler, Förderer und Sprachrohr des guineischen Privatsektors erfüllen zu können.

6.2.1.3 Industrielle Entwicklungsstrategien

Der industrielle Produktions- und Verarbeitungssektor Guineas ist wenig entwickelt und schwach diversifiziert. Er hängt wesentlich vom Import von Grundstoffen und Zwischengütern ab. Trotz der Privatisierungsergebnisse bei der Konversion großer Staatsunternehmen bleiben Kapazitätenauslastung und Produktivität gering. Die Industrie ist nicht in der Lage, mit ihren Produkten gegen Importgüter zu konkurrieren, und ihr Exportanteil ist unbedeutend.

Nichtsdestoweniger besitzt das Land ein durch physische, strukturelle und soziale Hinder-nisse zwar eingeschränktes, dennoch förderungsfähiges industrielles Entwicklungspotenti-

al, das unter Anwendung einer langfristigen, tragfähigen Strategie verhältnismäßig beständig inwertgesetzt werden kann.

6.2.1.3.1 Potential und Handlungsspielraum

Guinea besitzt unzweifelhaft eine Reihe von Vorteilen, die jedoch bis heute infolge inadäquater Politik und zahlreicher, oftmals noch aus der destruktiven Wirtschaftsgeschichte der I. Republik stammender Hemmfaktoren nicht angemessen ausgenutzt werden konnten. Neben den natürlichen Potentialen (s. Kap. 3.2) ist in diesem Zusammenhang auch die Dynamik der guineischen Bevölkerung zu nennen. Gerade in den schwierigen Zeiten der I. Republik hat sie bewiesen, daß sie selbst unter widrigen Bedingungen (Verbot privatwirtschaftlicher Tätigkeiten, Abschottung des Marktes gegenüber Nachbarländern und Wirtschaftspartnern, etc.) beispielsweise in der Landwirtschaft und der Textilindustrie erstaunliche Produktionskapazitäten entwickeln konnte.

Indessen stößt die Inwertsetzung der industriellen Produktionspotentiale auf grundlegende Hindernisse:

1. Die Marktunsicherheit:

Der guineische Binnenmarkt ist überaus begrenzt. Die geringe Nachfrage nach industriellen Gütern resultiert aus der schwachen Einkommensstruktur und damit limitierten Kaufkraft. Fast sämtliche Produktionszweige sind von der Einfuhr von Grundmaterialien und Zwischengütern abhängig, auch jene, die Substitutionsgüter produzieren. Außerdem führte die marktwirtschaftliche Öffnung ab 1985 entgegen den geschürten Hoffnungen nicht zum erwarteten Wachstum. Im Gegenteil, der im Vergleich zu anderen westafrikanischen Märkten geringe Schutz der nationalen Produktion sorgte für einen zusätzlichen Rentabilitätsvorteil beim Import von Waren, der häufig noch durch ungerechtfertigte Steuerbefreiungen erhöht wurde. Ein weiterer Nachteil des guineischen Marktes sind seine starke Segmentierung hinsichtlich des geographischen und produktspezifischen Verteilungsmusters mit einer hohen Konzentration auf die Hauptstadt sowie seine teilweise archaischen Kommerzialisierungsstrukturen.

2. Schwierige Rahmenbedingungen:

Die zu überwindenden Hindernisse hinsichtlich einer Verbesserung der Rahmenbedingungen lassen sich in zwei Kategorien aufteilen. Die erste Kategorie umfaßt jene Hindernisse, die die ökonomischen Grundstrukturen betreffen und deren Beseitigung langfristiger Anstrengungen bedarf, wie z.B. die Infrastruktur (Straßen, Energieversorgung, Kommunikation, etc.) und die volkswirtschaftliche und finanzpolitische Ausgewogenheit (Währungs- Haushalts- und Steuerpolitik, Kreditwesen, Volksersparnis, öffentliche Nachfrage, etc.). Bei der zweiten Kategorie handelt es sich um kurzfristig auszuräumende Hindernisse, die hauptsächlich im Beziehungsraum zwischen der öffentlichen Verwaltung und den privatwirtschaftlichen Akteuren anzutreffen sind. Anhaltende Schikanierungen, unproduktive Verhaltensweisen, Unsicherheit und Inkompetenz in der Anwendung von Gesetzen und Reglements sowie die Korruption auf allen Ebenen hemmen die Aktions- und Investitionsbereitschaft der guineischen Privatwirtschaft bisweilen in erheblichem Maße.

3. Ein Mangel an industrieller Kultur:

Ein Vierteljahrhundert lang wurde die privatwirtschaftliche Initiative, vor allem eben im

produzierenden Gewerbe, zum Machtvorteil überdimensionierter Staatsunternehmen, den kollektiven Wohlstand repräsentierend, rigoros unterdrückt. Die Sorge um Produktivität und Rentabilität, die Bemühungen um Konkurrenzfähigkeit existierten nicht. Management und berufliche Bildung verkamen zu marktfernen Erfüllungselementen einer restriktiven Wirtschaftspolitik. In diesem Umfeld war die Bildung einer auf Effizienz, Technologie und gezielte Marktorientierung basierenden industriellen Kultur unmöglich.



6.2.1.3.2 Strategische Orientierung

Rahmenziele

Von großer Bedeutung für das Erreichen eines gesicherten Wachstums ist die Nachhaltigkeit des gesteckten Rahmens für die industrielle Entwicklung. Auch wenn sich die 1985 eingeleitete Konversion von der zentralistischen in eine freie Marktwirtschaft durch ein hohes Maß an Radikalität auszeichnete, die besonders soziale und strukturelle Konsequenzen unzureichend berücksichtigte, so ist die Richtigkeit des liberalen Entwicklungskurses allgemein anerkannt. Die weitere zügige Realisierung und Konsolidierung dieser Hauptorientierung unter ständiger Korrektur sollte daher vornehmliches Ziel der guineischen Wirtschafts- und speziell der Industriepolitik sein. Träger dieses Konzeptes sind folgende vier strategische Orientierungselemente:

1. Konsolidierung der Marktwirtschaft:

Die korrekte Vollendung der begonnenen Reformierung des gesetzlichen und rechtlichen Rahmens ist die Grundvoraussetzung für eine maßgebliche Regelvorgabe für Wirtschaft und Industrie, um den Akteuren eine verläßliche und effiziente Basis zum gesicherten und progressiven Handeln zu geben (Umsetzung des Eigentumsrechtes, Handelsrecht, Arbeitsrecht, Richtlinien für den Bankverkehr, für Unternehmensgründungen, etc.). Mit einer strengen Anwendungskontrolle der Reformen erhält die Etablierung der liberalen Marktwirtschaft dann das nötige Fundament, um immer wieder einbrechenden entwicklungshemmenden Einflüssen zu widerstehen.

2. Festigung der neuen Staatsrolle:

Die neue Rolle der guineischen Regierung, eingeleitet durch die Bemühungen, nicht nur passiv alle bürokratischen und strukturellen Hindernisse zu beseitigen, die der Entfaltung der Privatwirtschaft bisweilen Grenzen setzen, sondern ihre Entwicklung vielmehr aktiv zu fördern, manifestiert sich auf drei Ebenen:

a. Auf der übergeordneten gesetzlichen Ebene bedeutet sie den Abbau von überflüssigen und langwierigen Vorgängen sowie die Beseitigung unklarer und unnötiger Instanzen.

b. Auf der substantiellen Ebene ist der Staat aktiv an der Schaffung von materiellen Voraussetzungen für die Weiterentwicklung privatwirtschaftlicher Aktivität beteiligt (Infrastruktur, Aufträge der öffentlichen Hand, etc.).

c. Auf der Verhaltensebene ist der Staat für die Durchsetzung des Bewußtseinswandels von einer restriktiven Haltung hin zu einer konstruktiven Einstellung seiner Beamten verantwortlich.



3. Besondere Förderung der nationalen Industrie:

In allen Industriebereichen ist der ausländische Import gefragt, weil er für die industrielle Entwicklung des Landes wichtige finanzielle und technologische sowie arbeitspolitische Impulse liefert. Er genießt daher dieselben Bedingungen und Privilegien wie nationale Investitionen, wird in manchen Fällen sogar bevorteilt. Diese kurzsichtige Vorgehensweise baut über kurz oder lang Spannungen auf und ist der Bildung und Festigung einer klein- und mittelständischen guineischen Unternehmerschicht eher abträglich. Der Aufbau einer solchen ist dagegen von zentraler Bedeutung, da sie einerseits zunächst einen geringeren Aufwand an Ressourcen, Technologie und industrieller Kompetenz erfordert, andererseits im Zuge ihrer Konsolidierung einen Hort angepaßter und integrierter industrieller Ausbildung und Ressourcen darstellt.

4. Industrielle Dezentralisierung:

Der größte Teil der guineischen Industrie konzentriert sich in Conakry. Eine bessere Anbindung des Hinterlandes an die industrielle Entwicklung scheiterte bisher am Fehlen einer ausgewogenen Politik sowie der mangelhaften Infrastruktur. Gerade der binnenländische ländliche Raum, in dem 80% der guineischen Bevölkerung leben, birgt ein erhebliches, bisher weitgehend ungenutztes Potential an kleinmaßstäblicher industrieller Produktion, vor allem im Bereich der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte. Die Integration und besondere Berücksichtigung des Hinterlandes in die nationale industrielle Förderungsstrategie, insbesondere unter Einbeziehung der gezielten Förderung einer nationalen Kleinunternehmerschicht (s.o.), stellt somit eine prioritäre Notwendigkeit für die Regierung in der Schaffung materieller und struktureller Voraussetzungen für die industrielle Entwicklung dar.

Inhalt

Das inhaltliche Ziel der guineischen Industriepolitik ist es, einerseits ein gesichertes und beständiges Wachstum durch die Förderung der zukunftsträchtigen Teile des industriellen Entwicklungspotentials und andererseits die Beseitigung von äußeren Hindernissen dazu zu erreichen. Auf der Basis einer Studie der ONUDI zur Erarbeitung eines langfristigen Industrialisierungskonzeptes (ONUDI 1991a, Vol. I-III) legte die guineische Regierung den Kreis der tragfähigsten und damit prioritär zu fördernden Industriebranchen auf die Frucht- und Gemüseverarbeitung, die Speiseölgewinnung, die Holzverarbeitung, die industrielle Fischerei, die Bauindustrie sowie die Metallverarbeitung fest. Für die Realisierung dieser Inhalte bieten sich zwei strategische Orientierungen an:

1. Inwertsetzung der (weiter)verarbeitbaren Ressourcen:

Guinea besitzt zahlreiche Primärressourcen (Holz, Fisch, Agrarprodukte, etc.), die entweder weitgehend ungenutzt bleiben bzw. nach einem qualitätsarmen Verarbeitungsprozeß im Land verbleiben oder unverarbeitet das Land als preiswertes Exportprodukt verlassen. Die Errichtung kleinmaßstäblicher Produktions- und Verarbeitungsketten würde einen intersektoriellen Verknüpfungsprozeß auslösen, aus dem letztendlich die Steigerung der industriellen Wertschöpfung resultiert.

2. Erschließung des subregionalen Exportmarktes

Eng mit der vorherigen verbunden zielt diese strategische Komponente darauf ab, sich nach einer eingehenden Marktanalyse mit erfolgversprechenden Produkten am westafrika-

nischen Markt zu beteiligen. Die Erschließung des subregionalen Marktes stellt eine Priorität dar, denn sie demonstriert gleichzeitig die aktive Beteiligung an der Schaffung eines guineischen Wirtschaftsraumes und der ökonomischen Integrations- und Konsolidierungsbestrebungen aller westafrikanischer Staaten im Rahmen des CEDEAO-Bündnisses(233).

Aktivitäten

Nach einjähriger Vorbereitung veranstaltete das guineische Ministerium für Industrie und KMU (Ministère de l'Industrie et des Petites et Moyennes Entreprises MIPME) mit Unterstützung des PNUD/ der ONUDI vom 26. - 29. Mai 1998 in Conakry das erste guineische Investitionsforum. Während der insgesamt 2-tägigen Plenums- und Einzeldiskussionen sowie einer begleitenden Messe wurden einem internationalen Investorenpublikum insgesamt 140 Investitionsprojekte vorgestellt. Etwa 234 interessierte Investitions-, Unternehmens- und Handelspartner kamen hauptsächlich aus Frankreich, der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten, aber auch aus den Nachbarstaaten Senegal und der Elfenbeinküste sowie der Republik Südafrika angereist, um sich über Investitionsprojekte in der Größenordnung von 220000 - 2 Mill. US$ auszutauschen.

Die vorgestellten Projekte spiegelten gleichzeitig die sektoriellen industriellen Entwicklungsprioritäten wieder: 95 Investitionsprojekte aus den wichtigsten Industriebranchen wie die Weiterverarbeitung von Agrarprodukten, die chemische und Pharmaindustrie sowie die Textilindustrie; 5 Privatisierungsprojekte staatlicher Unternehmen (Industriegase, Farben, Textilien, Baumaterial und Fischfang und -verarbeitung); 21 Infrastrukturprojekte und 19 Bergbauprojekte (ONUDI 1998, S. 4ff).

Während der Gespräche wurden der Schutz und die Vorteile für Investitionen in Guinea wie das mittlerweile recht moderne und angepaßte Unternehmensrecht, die transparente und geringsteuerliche Gesetzgebung sowie das liberale Eigentumsrecht hervorgehoben. Andererseits wurden das unverhältnismäßig hochzinsliche Kreditwesen, der Mangel an branchenspezifischem Fachwissen aufgrund eines unzureichenden beruflichen Bildungssystems sowie hohe Faktorkosten und in der Praxis noch nicht einschätzbare Risiken wie die Stabilität und Sicherheit des Rechtssystems kritisiert.

Trotz zahlreicher Probleme in der Vorbereitung und Durchführung des Forums markiert es für Guinea doch einen symbolischen Meilenstein in seiner neueren Wirtschaftsgeschichte. Das Land hat nach allen rechtlichen, steuer- und finanzpolitischen Anpassungen der letzten Jahre eine wichtige Basis zur Aufnahme des Dialogs zwischen der guineischen und der internationalen Industrie- und Geschäftswelt geschaffen. Ziel muß es jetzt sein, diese Initiative nachzuhalten, den Dialog weiter zu etablieren und beständig zu erweitern und zu intensivieren.



6.2.1.3.3 Ausbildung und Forschung

Der Mangel an ausgebildetem Fachpersonal ist ein weiterer blockierender Faktor für die

industrielle Entwicklung in Guinea. Auf Dauer eingesetztes ausländisches Fachpersonal ist kostspielig, doch bisweilen die einzige Möglichkeit, die qualitative und quantitative Lücke zwischen Angebot und Nachfrage auf diesem Gebiet des Arbeitsmarktes zu schließen.

Das Angebot

Der größte Teil der technischen Ausbildung wird von staatlichen Schulen und Einrichtungen durchgeführt. Nach Abschluß des 10. Schuljahres bietet der Staat in 26 Berufsbildungszentren (Centre de Formation Professionelle CFP) eine dreijährige technische Ausbildung an. Die höhere Fachausbildung zum Ingenieur wird von der Technischen Hochschule, einer Hochschule für Handwerk und Kunst sowie der Universität übernommen.

Neben der staatlichen Ausbildung werden Branchen- und Unternehmensspezifische Ausbildungskurse in einigen nationalen und internationalen NRO sowie in der Industrie- und Handelskammer angeboten. Daneben unterhalten große Unternehmen wie die Bergbaugesellschaften CBG und FRIGUIA eigene Aus- und Weiterbildungseinrichtungen, in denen auch externes Personal geschult werden kann.

Betriebe, die eine integrierte Ausbildung anbieten, sind dagegen in der existierenden Unternehmerschicht selten zu finden. Im informellen Sektor hingegen geht man davon aus, daß alle Betriebe Ausbildung betreiben, diese jedoch nicht auf staatlich anerkannten Werten und Normen basieren ("training on-the-job"). Schließlich existiert eine geringe Zahl von Kleinbetrieben, die sich darauf spezialisiert haben, branchenspezifische Ausbildungskurse anzubieten (Tischlerei, Textilverarbeitung).

Das Angebot an industrieller Ausbildung ist bis auf wenige Ausnahmen(234) durch folgende Schwächen charakterisiert:

- Die Qualität der Ausbildung liegt in der Regel unter dem von den Betrieben geforderten Niveau(235);

- Die gesamte Kapazität der Ausbildungseinrichtungen reicht nicht aus, um die Nachfrage nach qualifiziertem technischen Personal zu befriedigen(236);

- Die Ausbildungsmöglichkeiten werden nur teilweise ausgeschöpft. Während einige staatliche Berufsbildungszentren deutlich überlastet sind, bleiben die den Bergbaugesellschaften eigenen Ausbildungsstätten von betriebsfremden Personal weitgehend ungenutzt (ONUDI 1991c, S. 33).



Die Nachfrage

Die Nachfrage wird in Art und Umfang von den verschiedenen industriellen Unternehmenskategorien bestimmt. Man unterscheidet

1. die ausländischen Industrien,

2. Mischunternehmen, die sowohl eine Produktions- als auch eine Handelskomponente besitzen,

3. KMU, deren Handlungs- und Entwicklungspotential durch fehlendes Know-how und mangelnde finanzielle Mittel begrenzt bleibt,

4. Kooperativen und NRO, die sich zwar durch eine hohe Dynamik auszeichnen, deren technologische und finanzielle Mittel jedoch meist noch begrenzter sind,

5. die Unternehmen des informellen Sektors mit einem deutlichen Mangel an unternehmerischer Führung.

Hauptsächlich von Ausbildungsdefiziten betroffene industrielle Bereiche sind der gesamte Bausektor, der Maschinenbau, die Metallverarbeitung sowie die Kühl- und Elektrotechnik. In der Unternehmensführung und -verwaltung umfaßt die Nachfrage die Bereiche der Rechnungs- und Finanzführung, der Produktionsleitung, der Lagerverwaltung, der Wartung und Instandhaltung sowie des Sekretariats.

Zur langfristigen Verbesserung der industriebezogenen Ausbildungssituation werden schließlich zwei grundsätzliche Initiativen vorgeschlagen:

a. Die Schaffung und Institutionalisierung einer regelmäßigen Konzertation zwischen Unternehmervertretern, den staatlichen Ausbildungsorganen, den Ausbildungskapa-zitäten der internationalen technischen Zusammenarbeit sowie den privaten Ausbildungseinrichtungen zur Gewährleistung eines ständigen Dialogs über Maßnahmen zur Angebotsverbesserung , deren Koordination, Überwachung und Auswertung.

b. Die Rationalisierung und gleichzeitige qualitative und quantitative Aufstockung verfügbarer Berufsausbildungskapazitäten durch

1. eine Reorientierung der bestehenden Ausbildungskonzepte und -materialien auf die wichtigsten Bedürfnisse der Unternehmer in den zentralen Bereichen der Unternehmensführung (Personalmanagement, Rechnungswesen, Produktions-leitung, Angebotsgestaltung, Marketing, Logistik, etc),

2. die Einrichtung von Ausbildungsmöglichkeiten für Unternehmer des formellen Sektors,

3. Die Einführung von adäquaten Ausbildungsprogrammen für Unternehmer aus dem informellen Sektor (Handwerker und klein- und mittelständische Betriebe mit weniger als 10 Angestellten) mit dem Ziel, sie auf das Niveau mittlerer industrieller Produktionsbetriebe zu überführen,

4. die Bildung eines speziellen Ausbildungsprogramms zur Inwertsetzung des bisher kaum beachteten weiblichen Unternehmerpotentials,

5. die Unterstützung und der Ausbau von Weiterbildungsprogrammen für Industrie und Handwerk.

Trotz der schwachen Ausprägung industrieller Tätigkeit existiert die industrielle Forschung in Guinea, wenn sie auch ein Schattendasein führt. In der Metallverarbeitung beispielsweise beschäftigt sich das dem Industrieministerium unterstellte Versuchszentrum für industrielle Technologien (Centre Pilote des Technologies Industrielles CPTI) mit der Entwicklung kleiner, den lokalen Bedürfnissen angepaßter mechanischer Produktions- und Verarbeitungsgeräte wie Entkernungstrommeln, Ölpressen, Zentrifugen, etc. Andere

technische Unterstützungsorgane wie das nationale Labor für chemische Analysen (Laboratoire National des Analyses de Matoto LANAM) sowie das landwirtschaftliche Forschungsinstitut (Institut de Recherches Agronomiques IRAG) beschäftigen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten ebenfalls mit industriellen Forschungsarbeiten.

Die Hauptprobleme der guineischen Industrieforschung liegen indessen im Mangel an Finanzierungsmöglichkeiten für Forschungsvorhaben, in der Verbindungslosigkeit zwischen der Welt der Forschung und der industriellen Nutzung sowie im Mangel an Information über den internationalen Stand der Technik, aber auch in der juristischen Unbestimmtheit und Unsicherheit hinsichtlich der Anwendung, Verteilung und Überwachung von Forschungsprodukten.

Kurzfristig ist die Etablierung des Dialogs zwischen Industrie und Forschung vorrangig, um eine ständigen Überblick über Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten zu erhalten. Mittel- und langfristig ist ein allgemeiner Informationsfluß über speziell dafür einzurichtende privatwirtschaftliche Förderungsorgane zu steuern(237). Darüber hinaus werden sich auch die Einrichtungen zur Förderung von Privatinvestitionen intensiver mit der Verstärkung des Technologietransfers befassen müssen, um ihrer Vokation auf lange Sicht gerecht zu werden.

6.2.2 Der Bergbau - Wirtschaftsintegrative Dominanz durch Neuorganisation und Stimulanz

Der Bergbausektor leidet bis heute unter den schwierigen strukturellen Rahmenbedingungen (Transport, Energie, Kommunikation, Verwaltung). Zudem erlebte der internationale Bauxitmarkt, von dem Guineas Bergbau wesentlich abhängt, in den letzten Jahren einen Einbruch. Mit dem neuen Bergbaugesetz von 1995 versucht die Regierung, die Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung des Bergbaus zu verbessern und Anreize für Investitionen zu schaffen:



Die dem Land zur Verfügung stehenden mineralischen Ressourcen machen aus Guinea eines der an Rohstoffen reichsten Länder Afrikas. Sein Untergrund birgt etwa ein Drittel der Weltreserven an hochwertigem Bauxit, etwa 8 Mrd. t (NU 1994, S. 34). Bei angenommenen Reserven von ca. 500 t wird seine potentielle Goldproduktion auf 10-15 t/a geschätzt. Etwa 25 Mill. Karat Diamantreserven sichern die Diamantproduktion über Jahre hinaus. Das Nimba-Bergmassiv im südlichen Waldguinea enthält eines der letzten großen Lagerstätten an hochwertigstem Eisenerz der Welt (65%). Ihr Volumen umfaßt etwa 315 Mill. t. Andere wertvolle Minerale und Erze wie Blei, Zink, Silber, Uran, Kobalt, Nickel und Platin sind ebenfalls in z.T. abbauwürdigen Mengen vorhanden (MT Nr. 2584, S. 1070; EIU CP 1997/98, S. 18) (s. Karte 28: Bodenschätze und Bergbau).

Bis zu Beginn der 90er Jahre zu durchschnittlich 25% am BIP beteiligt stellte der Bergbau mehr als die Hälfte der Einnahmen für den Staatshaushalt. Sein Anteil and en Exporterträgen betrug jährlich etwa 90%. Seit 1990 ging die Produktion aller Minerale zurück. In der Bauxit- und Aluminaproduktion sorgten technische Probleme der größtenteils überalterten Anlagen, aber auch eine deutliche Verschlechterung der Terms of Trade (TOT) infolge stetig gesunkener Weltmarktpreise für einen Exporteinbruch und forderten Investitionen zur Modernisierung und Rationalisierung der Werke. Zum ersten Mal seit Bestehen der großen Minengesellschaften fiel der Anteil der Steuereinnahmen aus dem Bergbau an den gesamten Staatseinkünften deutlich unter 50%, um sich bei etwa 26% für 1996 und 1997 einzupendeln (RG 1998e, S. 25).

Tabelle 40: Exportmengen der wichtigsten Minerale Guineas 1991-97.

Mineral Einheit 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997
Bauxit (1) 000 t 13729 12303 13740 12453 12100 12910 12090
Alumina 000 t 612,2 614,9 611,2 648,3 586,7 619,4 448,4
Diamanten(2)(3) 000 Karat 125 66 92 13,4(5) 0,4(5) 2,5 10
Gold(2)(4) kg 1352 1052 0 0 950 1270 1530


(1) Bauxit der Minengesellschaft CBG mit 3% Humidität

(2) Ohne Export aus nichtindustrieller Produktion

(3) Diamantgesellschaften AREDOR und HYMEX

(4) Bis 1993 nur Goldgesellschaft AuG (Einstellung 1994), ab 1995 Goldgesellschaft SMD

(5) Ab 5/92 Einstellung der Produktion der AREDOR-Mine, Wiederaufnahme Ende 1996

(Quelle: RG TBEG 1/92, Nr. 12, S. 5; RG TBEG 4/93, Nr. 20, S. 4; RG 1995a, S. 14; RG 1995f, S. 10ff; EIU CP 1997/8, S. 17 u. 18; RG 1998e, S. 30).



6.2.2.1 Die Entwicklung des Bergbaus und seine Bedeutung für die guineische Wirtschaft

Guineas Volkswirtschaft wird noch immer vom Bergbausektor wesentlich bestimmt. Er ist mit etwa 16% am BIP beteiligt, stellt ca. 80,6% des nationalen Exportvolumens und liefert dem Staat 26% seiner Steuereinnahmen (alle Angaben 1997) (RG 1998e S. 29). Indes blieb der industrielle Bergbau seit seiner Entstehung nach der Unabhängigkeit eine Enklave mit nur wenigen direkten Kontakten zur übrigen Wirtschaft Guineas. Verantwortlich für die Trennung der Bergbauaktivitäten vom übrigen Geschehen waren in erster Linie politische Beweggründe:

1. Die Mehrzahl der Minengesellschaften waren zu gleichen Teilen im Besitz von Regierung und Privatkonzernen. Nur eine der großen bauxitexportierenden Gesellschaften war gänzlich in der Hand des Staates, wurde jedoch im Rahmen der guineisch-russischen Technischen Zusammenarbeit von Russen verwaltet(238). Außerdem wurden sämtliche Aktivitäten in den Minen den Privatkonzernen überlassen.

2. Der Bergbausektor konnte seine eigene Transport-, Versorgungs- und Kommunikationsinfrastruktur aufbauen. Umfangreiche Investitionen im Eisenbahn- und Straßenbau sowie in der Versorgung mit Wasser und Elektrizität machten ihn unabhängig von der maroden und wenig entwickelten nationalen Infrastruktur und sicherten rechtzeitige Produktion und Export.

3. Die Minengesellschaften profitierten weiterhin von weitgehenden Steuerbefreiungen. So konnten sie beispielsweise Mineralöle steuerfrei importieren und unterlagen bei der Einfuhr von Kapital-, Zwischen- und Konsumgütern nicht dem landesüblichen Quotensystem. Diese deutliche Bevorzugung führte zu einer vom übrigen volkswirtschaftlichen Geschehen völlig abgegrenzten Entwicklung des Sektors.

4. Die Minengesellschaften durften ihre Devisengewinne auf ausländischen Konten zurückhalten. Nach Abzug des Steuer- und Gewinnanteils der Regierung sowie der lokalen Ausgaben wie Löhne und Gehälter etc., konnten sie frei über ihre Überschüsse in harter Währung verfügen, ohne mit dem guineischen Finanzkreislauf in Kontakt treten und sich der guineischen Verwaltung und dem Risiko einer instabilen Währungslage aussetzen zu müssen. So operierten die in Guinea wirkenden Minengesellschaften ausschließlich auf internationalen Finanzmärkten (ARULPRAGASAM/SAHN 1991, S. 191ff).

Für die Gewährung dieser Bedingungen sicherte sich die guineische Regierung ihren Gewinn in Form der Export- und Gewinnsteuer. Ihre Höhe ist auch vom Verkaufspreis des Minerals abhängig. Im Falle von Bauxit, für den aufgrund nur beschränkter Handelsanteile auf dem Weltmarkt kein festgelegter Preis existiert, wird er gemeinsam von der Regierung, den Produzenten und den Käufern in regelmäßigen Abständen festgelegt(239). Obwohl er dadurch Schwankungen ausgesetzt ist, hat sich Guinea in den meisten Fällen ein vertraglich festgelegtes minimales Einkommen garantieren lassen.

Die erfolgreiche Entwicklung des Bergbausektors vollzog sich völlig unabhängig von der Entwicklung der Volkswirtschaft Guineas. Sie stand im krassen Gegensatz zum Verfall der landwirtschaftlichen Produktion. Zur Zeit der Unabhängigkeit betrug der Anteil der Mineralexporte am gesamten Exportvolumen 29%. Schon 1965 stieg er auf 60% an, betrug 1975 etwa 94% und erreichte 1981 mit 99,4% seinen Höhepunkt (s. Grafik 13). Nicht nur, daß der rasch Aufbau des Bergbaus vollends der Ideologie Sékou Tourés von einer gewinnbringenden und fortschrittlichen industriellen Entwicklung entsprach, die Erlöse aus dem Mineralexport waren darüber hinaus dringend erforderlich, um die Funktionsfähigkeit des Staatsapparates und die kostspielige Versorgung des Landes mit Industrie- und Konsumgütern (besonders für die Hauptstadt) für mehr als 2 Jahrzehnte aufrechtzuerhalten. Zu wenig investierte das Regime in die Entwicklung anderer Sektoren, beispielsweise in die Landwirtschaft.



Tabelle 41: Mineralexporte Guineas 1985 - 97 (in Mill. US$).

Jahr 1985 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997(1)
Bauxit

CBG

OBK/SBK

389,9

309,4

80,5

445,8

364,2

81,6

418,8

355,7

63,1

361,3

330,6

30,7

333,3

298,1

35,2

282,7

270,9

11,8

328,4

309,5

18,9

312,3

291,2

21,1

361,7

336,4

25,3

Alumina (FRIGUIA) 106 166 142,9 160,8 108,9 103,4 96,8 109 109,1
Gold

bis 1992 AuG, ab 1995 SMD

Nichtindustrielle Produktion(1)

n. bek.

---

n. bek.

90,8

19,6

71,2

97,5

15,6

81,9

107,1

18,1

89,0

90,0

0,0

90,0

20,8

0,0

20,8

123,8(2)

11,5

112,3

110,5

14,3

96,2

118,5

15,9

102,6

Diamanten

AREDOR

Nichtindustrielle Produktion(1)

n. bek.

---

n. bek.

60,1

38,0

22,1

61,4

36,0

25,4

55,7

28,0

27,7

70,1

33,9

36,2

40,1

0,0

40,1

48,6

0,0

48,6

28,5

0,1

28,4

43,2

8,3

33,9

Gesamt-Mineralexport

Exporte aus industrieller Produktion (formell)

Exporte aus nichtindustr. Produktion (informell)

n. bek.

495,9

n. bek.

762,7

669,4

93,3

720,6

613,3

107,3

684,9

568,2

116,7

615,3

489,1

126,2

461,1

400,2

60,9

597,6

436,7

160,9

560,3

435,7

124,6

632,5

496,0

136,5

Übriger Export n. bek. 48,7 45,9 53,7 80,8 117,5 121,8 77,1 107,2
Gesamtexport Guineas n. bek. 811,4 766,6 738,6 696,1 578,6 719,4 637,4 739,7
Anteil der Mineralexporte aus industrieller Produktion (formell) am Gesamtexport Guineas (%) n. bek. 82,5 80 76,9 70,3 69,2 60,7 68,4 67
Anteil der Mineralexporte aus nichtindustrieller Produktion (informell) am Gesamtexport Guineas (%) n. bek. 11,5 14 15,8 18,1 10,5 22,4 19,5 18,5
Anteil des Gesamt-Mineralexports am Gesamtexport Guineas (%) n. bek. 94 94 92,7 88,4 79,7 83,1 87,9 85,5

(1) Schätzungen

(2) Nach Öffnung der Mine der Société Minière de Dinguiraye (SMD).

(Quelle: BM 1990a, Bd. III, S. 39; RG 1992a, Anhang A.9; IWF 1993a, Anhang 9; PNUD 1994, S. IV; RG 1995a, S. 14, RG 1998e, S. 28)

Besonders im Beschäftigungsbereich wird der Mangel an Integrität des Bergbausektors in die nationale Ökonomie deutlich. Nur 8.700 Beschäftigte wiesen die den Sektor tragenden fünf Unternehmen 1991 auf(240), wovon mehrere Hundert darüber hinaus internationale Mitarbeiter waren. Dies stellte einen Anteil von nur 0,33% der erwerbstätigen Bevölkerung dar(241). Dagegen waren etwa 30.000 Menschen in der nichtindustriellen oder artisanalen Extraktion von Gold und Diamanten beschäftigt.

Der Aufstieg des Bergbausektors erreichte in den Jahren 1975 - 85 seinen Höhepunkt. In diesem Zeitraum erlangten die beiden größten Bauxitminen, die Mine von Sangarédi der Compagnie des Bauxites de Guinée (CBG) und die Mine von Débélé (Kindia) des Office des Bauxites de Kindia (OBK) ihre volle Produktionsleistung von zusammen ca. 14 Mill. t/a. Der Wert des Bauxitexports stieg von 103,8 Mill. US$ im Jahre 1975 auf 389,9 Mill. US$ im Jahre 1985 oder um 276% (s. Tab. 47). Die Aluminaproduktion der seit 1960 operierenden FRIGUIA erfuhr ebenfalls eine Steigerung von 79%.

Die zu Beginn der II. Republik einsetzende Reform in der Landwirtschaft, die Ende 1991 mit der Verabschiedung einer von der internationalen Gebergemeinschaft unterstützten langfristigen sektoriellen Entwicklungspolitik seinen vollen Wirkungsgrad erhielt (LPDA, s. Kap. 6.1.1.3), führte zu einer Steigerung der landwirtschaftlichen Exportproduktion, die mit geringfügigen anderen Exporten im Jahre 1994 erstmals wieder einen Anteil am Gesamtexport Guineas von über 20% erreichten.

Ein Einbruch in den Exportleistungen landwirtschaftlicher Produkte und eine langsame Erholung der für Guinea relevanten Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt sowie verhältnismäßig konstante Produktionsleistungen der Bergbaugesellschaften sorgten ab 1995 wieder für einen deutlichen Anstieg der Mineralexporte, deren Anteil an den Gesamtexporten Guineas 1996 nahezu 88% erreichte(242).

Guineas Abhängigkeit vom Bergbausektor wird bei der Betrachtung der Einnahmen deutlich. Im Jahre 1986 betrug der Anteil des Bergbaus an den Steuereinnahmen 91,6%, an den Gesamteinnahmen des Landes 69% (ARULPRAGASAM/SAHN 1991, S. 146). In zunehmendem Maße kann die guineische Regierung jedoch ihre Politik der Steuermobilisierung realisieren und vom Einnahmensschwerpunkt Bergbau auf andere, bislang nicht berücksichtigte und im Sinne einer ausgewogenen Steuerpolitik durchaus gerechtfertigte Quellen verlagern.

Tabelle 42: Einnahmen aus dem Bergbau 1989 - 97 (in Mrd. FG).

Einnahmen/Jahr 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997(2)
Gesamteinnahmen(1) 311,5 361,1 351,6 343,3 403,7 398,6 475,9
% des BIP 14,1 13,5 11,4 10,2 11 10 11,1
Steuern aus dem Bergbau 179,5 162,7 137,4 98,5 112,2 106,2 122,9
% der Gesamtsteuereinnahmen 59,8 47,9 41,9 30,9 30,1 28,4 27,7
% der Gesamteinnahmen 57,6 45,1 39,1 28,7 27,8 26,7 25,8
Importsteuern 70,6 89,9 104 111,6 124,3 133,9 181,1
Mineralölsteuern 35,3 48,9 52,6 65,1 78,1 66,7 63,9
Andere Steuern 14,7 38,1 33,6 43,7 58 66,6 75,5
Nichtsteuerliche Einnahmen 11,5 21,3 24 24,4 31,2 25,2 32,5


(1) Ohne Zuschüsse (Quelle: RG 1992a, Anhang A.5; RG 1995a, S. 10; RG 1998e, S. 25ff)

(2) Schätzungen

Mit Ausnahme einer Goldmine wurden jedoch seit Beginn der II. Republik bis 1995 keine neuen Investitionen im Bergbau getätigt(243). Hoffnungen auf Prospektion und Erschlie-ßung neuer Minen wurden nicht erfüllt. Wichtigste Gründe für diese Stagnation waren:

Um eine grundsätzliche Basis für die Revitalisierung des Bergbausektors zu schaffen, wurde Ende 1995 ein überarbeitetes und verbessertes Bergbaugesetz verabschiedet(246). In diesem Gesetz wird erstmals zwischen der Vergabe von Prospektions- und Abbaugenehmigungen unterschieden mit dem Ziel, das Genehmigungsrecht des Prospektors auf entdeckte Bodenschätze zu schützen und somit Investitionsrisiko und -kosten zu minimieren. Des weiteren wurde die Höchstbeteiligung des Staates in der Gewinnung von Edelmetallen und -steinen auf 15% begrenzt. Beim Abbau anderer Bodenschätze existieren keine Beschränkungen, Beteiligungen werden frei ausgehandelt. Eine weitere entwicklungsfördernde Tatsache ist die Sicherheit eines verbindlichen Besteuerungsmodells, das ebenfalls im neuen Gesetz vorgestellt wird. Danach unterliegt der industrielle Abbau von Bodenschätzen folgenden Steuern:

Tabelle 43: Steuermodell des Bergbaugesetzes von 1995.

Mineral Steuersatz Wertbasis
Bauxit: - für den Export bestimmt 10% FOB(1)
- In Alumina umgewandelt 5% FOB-Wert der CBG
Eisenerz: - für den Export bestimmt 7% FOB
- als Konzentrat 3,5% FOB
Andere Metalle/ - für d. Export bestimmt

radioaktive - als Konzentrat

7%

3,5%

FOB

FOB

Substanzen: - als Endprodukt 0% FOB
Gold: Londoner Fixing
Diamanten: - ungeschliffen 5 - 10% Endverkaufswert nach Rentabilität(2)
- geschliffen 2% Endverkaufswert

(1) Free on Board

(2) Die Kriterien der Rentabilität werden vom Bergbauministerium festgelegt.

(Quelle: RG 1995g, S. 37)

Die Ertragssteuer ist auf 35% festgelegt, unterliegt jedoch in zahlreichen Fällen einer deutlichen Minderung oder Befreiung. Natürlich basieren auch heute noch Konzessionsverträge auf außerordentlichen Konventionen, die gesonderte Regelungen und Bedingungen enthalten. Dennoch stellt das neue Bergbaugesetz eine solide Orientierung für Investoren dar, um Prospektionsanstrengungen kalkulierbarer und die Gewinnung von Bodenschätzen rentabler zu machen.

Die mit dem neuen Bergbaugesetz eingeleitete Reform und Neuorientierung der Bergbaupolitik hat zum Ziel, den Rentabilitätsgrad der derzeit genutzten mineralischen Ressourcen zu erhöhen und gleichzeitig die progressive Erschließung neuer mineralischer Rohstoffe zu fördern, um die Einkommensbasis sowohl des Staatshaushaltes als auch der gesamten Volkswirtschaft nachhaltig zu konsolidieren und zu erweitern. Dabei werden 5 strategische Orientierungen verfolgt:

Zur Aufbereitung, Aktualisierung und Vervielfältigung der geologischen und bergbaulichen Informationen begann die guineische Regierung mit Hilfe der Weltbank sowie der französischen und deutschen Entwicklungszusammenarbeit(247) Ende 1996 mit der Aufarbeitung der vorhandenen Karteninformationen, deren Verifikation im Gelände und der Herausgabe einer neuen geologischen Übersichtskarte. Gleichzeitig wurde mit geologischen Kartierungsarbeiten im Nordosten Guineas (mittleres und oberes Nigerbecken Oberguineas) als erste Etappe zur Gesamtkartierung der noch nicht kartierten Gebiete Guineas im Maßstab 1:200000 und in mineralspezifisch interessanten Zonen 1:50000 begonnen.

Die Verarbeitung, Inventarisierung und Verfügbarmachung dieser Informationen wird in einem Geographischen Informationssystem (GIS) erfolgen, das mit seiner umfassenden Datenbank als Informationspool für potentielle Investoren im Bergbausektor dienen soll. Die weitere Förderung der Entwicklung des guineischen Bergbaus im Sinne eines internationalen Marketing wurde schon dem 1996 zu diesem Zweck gegründeten Zentrum zur Förderung von Bergbauaktivitäten (Centre de Promotion et de Développement Minier CPDM) anvertraut. Dieses Zentrum soll darüber hinaus als Schaltstelle zwischen der öffentlichen Verwaltung und den Investoren dienen mit dem Ziel, administrative Formalitäten zu erleichtern und somit den Prospektions- und Gewinnungsprozeß zu beschleunigen (MT Nr. 2698, S. 1672ff). Der Ansprechpartner auf Seiten der Bergbaugesellschaften und peripheren Unternehmen ist die guineische Bergbaukammer, die im Februar 1997 von den 13 größten tätigen oder prospektierenden Bergbaugesellschaften gegründet wurde.



6.2.2.2 Mineralspezifische Tendenzen und Perspektiven

Bauxit

Die Compagnie des Bauxites de Guinée - CBG

Mit einer Jahresproduktion von 13,4 Mill. t (RG 1998e, S. 28) ist die CBG - Compagnie des Bauxites de Guinée der größte Bauxitproduent und damit gleichzeitig die wichtigste Steuer- und Deviseneinnahmequelle Guineas (s. Tab. 41 u. 42).

Nach ihrer Gründung im Jahre 1970 begann die CBG mit der Erschließung der Minen in den Bergen von Sangarédi, im Nordosten Niederguineas, ca. 134 km von der Küste im

Landesinneren gelegen. Die Gesellschaft gehört zu 49% dem guineischen Staat und zu 51% einem internationalen Konsortium, der Halco-Mining Inc.(248) Für den Aufbau der notwendigen Infrastruktur wurde 2 Jahre später das staatliche Office de l'Aménagement de Boké - OFAB gegründet (Hafenbau in Kamsar, Eisenbahnbau in Sangarédi (Minen) - Kamsar, Wohnungsbauten, Einrichtung von sozialen und medizinischen Versorgungseinrichtungen). Die Arbeiten dauerten bis 1973, als der Komplex in die Bauxitproduktion ging. Die Finanzierung belief sich auf 100 Mill. US$, von der Weltbank und USAID als Kredit bereitgestellt.

Von der Mine Sangarédi wird das mit 62% Bauxitgehalt hochwertige Erz per Schiene nach Kamsar zu den dortigen Zertrümmerungs- und Trocknungsanlagen transportiert. Von dort erfolgt der Export zu den Aktionären der CBG, die gleichzeitig neben den guineischen Kunden Rumänien und Ukraine die Hauptabnehmer des Bauxit sind.

Neben der zu Beginn der 90er Jahre einsetzenden Bauxitkrise (s. Kap. 6.2.2) hatte die CBG in den letzten Jahren mit schweren strukturellen und technischen Problemen zu kämpfen. Zunächst fiel die Qualität des gewonnenen Bauxiterzes deutlich ab, da sich die Sangarédi-Lagerstätte ihrem Ende zuneigt. Im Rahmen eines mittelfristigen Investitionsprogramms(249) wurde daraufhin die Erschließung des nahe an der alten Mine gelegenen Vorkommens von Bidi-Koum eingeleitet, das die weitere Produktion bis zum Jahre 2006 sichern wird. Das Erreichen dieser neuen Lagerstätte bedurfte aufgrund der notwendigen Überquerung eines Höhenzuges und des Flusses Cogon (s. Karte 3) erheblicher infrastrukturtechnischer Anstrengungen und Investitionen. Gleichzeitig stiegen die lokalen und ausländischen Lohn- und Nebenkosten sowie die Verschiffungkosten für Bauxit erheblich an (EIU CR 2/95, S. 14).

Mit Hilfe dieser und anderer Investitionen zur Modernisierung und gleichzeitigen Rationalisierung der Bauxitaufbereitung konnte die jährliche Produktion von 11 Mill. t in 1994 auf über 13 Mill. t in 1998 gesteigert werden (RG 1998e, S. 28). Da die seit 1995 erwartete Erholung des internationalen Bauxitmarktes ausblieb und sich sogar durch den Ausbau der brasilianischen und jamaikanischen Bauxitproduktion Anfang 1998 verschärfte, plant die CBG weitere Restrukturierungsmaßnahmen zur Reduzierung der Produktionskosten von derzeit 12 US$/t auf konkurrenzfähigere 9 US$/t. Eine Begleitmaßnahme dazu war u.a. die stufenweise Auflösung des OFAB, indem ein Großteil der peripheren infrastrukturellen und sozialen Einrichtungen nacheinander privatisiert wurden.

Aufgrund seiner vollständigen Autarkie hatte der Minenkomplex bisher wenig Einfluß auf den regionalen Wirtschaftsraum. Im Gegenteil, die Region litt seit Beginn der Bergbauaktivitäten unter einer ständigen Landflucht und einem unkontrollierten Anstieg des informellen Sektors in und um die Hafenstadt Kamsar. Hinzukam, daß die vom Unternehmen eingeleitete Gründung eines Marktes für importierte Produkte viele nicht konkurrenzfähige nationale Produkte vom Markt eliminiert hatte. Mittlerweile wird die Entwicklung lokaler Wirtschaftsaktivitäten durch die Privatisierung o.g. Aktivitäten stimuliert. Die CBG beschäftigte 1997 ca. 3481 Mitarbeiter, davon waren etwa 100 ausländische Experten (CBG 1998, S. 10).

Die Société de Bauxite de Kindia - SBK

Im Jahre 1974 begann in Débélé, 32 km nordwestlich von der Stadt Kindia gelegen, die Ausbeutung einer Bauxitlagerstätte durch das Staatsunternehmen OBK - Office de Bauxite de Kindia. Nachdem im selben Jahr der durch einen Kredit der ehemaligen Sowjetunion von 100 Mill. US$ finanzierte Bau der Minenanlage, des Schienenweges Débélé-Kindia-Conakry und der Verladeanlage im Hafen von Conakry abgeschlossen war, erreichte die Mine eine durchschnittliche Jahresproduktion von etwa 3 Mill. t(250). In den Jahren 1980 und 81 erlitt die Gesellschaft einen enormen Produktionseinbruch. Hervorgerufen durch zahlreiche Eisenbahnzwischenfälle (zwischen 1974 und 1980 verlor das OBK 7 Lokomotiven und 97 Waggons), Stromversorgungsprobleme und logistische Verzögerungen mit den aus der Sowjetunion georderten Ersatzteilen, fiel die Produktion auf 1,8 Mill. t/a zurück. Nach einer teilweisen Nachrüstung mit modernen Anlagen lief die Produktion ab 1982 wieder normale Wege.

Obwohl Staatsunternehmen, wurde die Bergbautätigkeit ausschließlich von der Ex- Sowjetunion geleitet, basierend auf einem Übereinkommen beider Länder vom 27. 11. 1969, demzufolge sie auch der Empfänger fast der gesamten Produktion war. In einem alle 2 Jahre revidierten Vertrag legte man den Verkaufspreis und die zu liefernde Produktionsmenge fest. Der Verkaufswert wurde zu 56% zum Schuldenausgleich Guineas gegenüber der UdSSR verwandt, 44% dienten zum Import von Gütern und Dienstleistungen aus Rußland.

Jegliche Überschußproduktion konnte auf dem freien Markt veräußert werden. Doch auch sie wurde ausschließlich an den russischen Partner geliefert, da sich aufgrund des niedrigen Bauxitgehalts im Erz (48 - 59% gegenüber 52 - 64% in anderen Vorkommen) und seiner minderen Qualität (sehr hoher Anteil an Silizium und Eisenoxid) kein anderer Abnehmer fand. Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, daß der Verkaufspreis des OBK-Bauxits niedriger als jener der anderen Minen war. Auf der anderen Seite lag der

angerechnete Verkaufspreis für die aus Rußland eingeführte Ausgleichware deutlich höher als Vergleichspreise auf dem internationalen Markt.

Mit der Auflösung der Sowjetunion verlor die OBK jeglichen Rückhalt und sah sich Ende 1991 unüberwindbaren finanziellen Schwierigkeiten ausgesetzt. Dies veranlaßte die Regierung, internationale Investitionspartner zur Restrukturierung und Modernisierung der Mine zu suchen. Obwohl das OBK 1992 dazu in eine GmbH namens Société de Bauxite de Kindia - SBK umgewandelt wurde, blieb die Partnersuche erfolglos, der Staat bis heute der 100%ige Eigentümer.

Im darauffolgenden Jahr konnte ein lukrativer Exportvertrag mit der Ukraine geschlossen werden, so daß die Bauxitförderung von 1,1 Mill. t in 1991 auf 2,4 Mill. t in 1993 gesteigert werden konnte. 1994 ließen technische Schwierigkeiten die Produktion erneut von geplanten 1,65 Mill. t auf tatsächliche 1,2 Mill. t (75%) sinken. Außerdem blieb der Verkaufspreis des geförderten Bauxits aufgrund seiner minderen Qualität mit 11 US$/t unter dem Produktionspreis, was einen Jahresverlust von etwa 1,3 Mill. US$ hervorrief (RG 1995f, S. 13 u. 14).

Die SBK hofft nun, durch den selektiven Abbau der höchstwertigen Teile des verbleibenden Vorkommens, dessen Umfang auf etwa 42 Mill. t geschätzt wird (NU 1994, S. 36), sowie durch ein verstärktes Marketing die Verkaufssituation zu verbessern. Gleichzeitig sollen durch eine Verringerung der Lagerflächen- und Umschlagsgebühren im Hafen von Conakry, die kontinuierliche Verbesserung der Gewinnungsmethoden in der Mine, die Abgabe zahlreicher, nicht direkt an den Minenbetrieb angebundener Dienstleistungen sowie eine Reduzierung des Personals die Kosten verringert werden.

Die FRIGUIA

Durch die 1958 errichtete Aluminaschmelze wurde der Wirtschaftsraum um die Stadt Fria nachhaltig beinflußt, die Stadt Fria avancierte zum ersten wirklichen industriellen Zentrum Guineas. Das Bauxiterz wird in der Lagerstätte Badi-Konkouré abgebaut (s. Karte 28), um dann in der 5 km von der Stadt Fria entfernt gelegenen Anlage von Kimbo den aus dem Erz gewaschenen Bauxit in den Aluminiumrohstoff Tonerde (Alumina) umzuwandeln.

Der Minenkomplex wurde 1957 als internationales Unternehmen "Fria" von der französischen Pechiney-Ugine-Gruppe gegründet. Mittlerweile ist der Konzern in "Friguia" umbenannt worden und befindet sich zu 49% in den Händen des Staates, 51% werden vom Frialco-Konsortium(251) gehalten.

Zwischen 1957 und 1960 beliefen sich die Investitionen auf insgesamt etwa 140 Mill. US$, worauf ein Teil auf die Errichtung einer Eisenbahnverbindung von Fria nach Conakry fiel, um das Alumina vom dortigen Hafen aus zu exportieren. Die anfängliche Produktionskapazität der Aluminaschmelze von 480.000 t konnte 1973 auf 700.000 t gesteigert werden. Die Produktion erreichte 1980 einen absoluten Höchststand von 692.000 t. Die bestehenden Bauxitreserven mit einem durchschnittlichen Metallgehalt von 45 - 48% werden auf etwa 26 Mill. t geschätzt. Die derzeitige Abbaukapazität der Mine beläuft sich auf 2,5 Mill. t/a (NU 1994, S. 34). Hauptabnehmer sind die Aktionäre, die das Alumina von Conakry nach Kamerun verschiffen, um es dort in der Aluminiumschmelze von Edéa zu verhütten.

Von 1992 bis 1995 durchlief das Unternehmen eine tiefe Krise, die Aluminaproduktion sank auf 587.000 t/a ab, es mußten schwere finanzielle Verluste hingenommen werden. Die Gründe dafür waren zahlreich: ein markanter Anstieg der lokalen Lohn- und Nebenkosten sowie technische Probleme an überalterten Anlageteilen sorgten für höhere Ausgaben, während der seit 1990 anhaltende allgemeine Verfall der Aluminiumpreise auf dem Weltmarkt und eine verstärkte Anzahl von Billiganbietern die Konkurrenzsituation verschärften(252).

Seit 1995 profitiert die Friguia von bedeutenden Steuern- und Abgabenbefreiungen, um den nötigen Spielraum für die erforderlichen Restrukturierungs- und Modernisierungsmaßnahmen zu gewährleisten(253). Diese wurden 1996 in Form eines vierjährigen Investitionsprogramms eingeleitet, das etwa 200 Mill. US$ umfaßt. Es beinhaltet sowohl infrastrukturelle Komponenten wie die Instandsetzung und teilweise Erneuerung der Schienenwege, die Erweiterung der Produktionskapazitäten auf max. 1,3 Mill. t/a sowie eine Reorganisation der Unternehmensführung und -verwaltung(254).

Bis Ende 1997 konnten die Investitionen nicht umgesetzt werden, als der guineische Staat den ausländischen Hauptaktionär, Betreiber und Hauptabnehmer Pechiney - Ugine (s.o.) aus dem Betreiberverhältnis entließ, worauf dieser die Beteiligung verließ und den Abnehmervertrag mit fester Preisbindung löste. Somit liegt die Friguia nunmehr zu 100% in Staatshand. Die geplanten Investitionen indes erhalten immer höhere Dringlichkeit, denn mit dem weiteren Preisverfall von Aluminium auf dem Weltmarkt und den durch die veralteten Anlagen bedingten hohen Faktorkosten produziert die Friguia unrentabel etwa 20% über dem Weltmarktpreis. Dies hatte einen Anstieg des Schuldenberges der Friguia von mehr als 60 Mill. US$ zur Folge, die nunmehr ebenfalls mit dem Investitionspaket aufgefangen werden müssten.

Andere Projekte

Seit 1991 versucht Guinea mit russischer und ukrainischer Unterstützung die auf insgesamt 800 Mill. t geschätzte Bauxitlagerstätte von Dian-Dian nahe der Stadt Boké zu erschließen(255). Bei einer geplanten Jahresproduktion von 10-12 Mill. t werden die voraussichtlichen Investitionskosten auf ca. 170 Mill. US$ beziffert (EIU CP 1996/97, S. 20).

Ein weiteres Bauxit-Großprojekt ist die gleichzeitige Erschließung der Vorkommen von Dabola (ca. 670 Mill. t) und Tougué (ca. 500 Mill. t)(s. Karte 28). Dazu wurde 1994 ein guineisch-iranisches Joint Venture, die Société des Bauxites de Dabola-Tougué SBDT gegründet. Der Iran investierte bereits ca. 18 Mill. US$ für Explorationstätigkeiten und eine Studie zur Rehabilitierung der Eisenbahnverbindung Dabola-Conakry (EBENDA)(256).

Gold

Die Goldvorkommen Guineas gliedern sich in zwei Lagerstättenarten, die in unterschiedlicher Art und Weise erschlossen werden. Die primäre Lagerstättenart sind die Goldvorkommen in den Glimmerschiefern des ganz Westafrika durchziehenden Birrimien(257), das etwa 30.000 km2 der Fläche Oberguineas erfaßt. Die Hauptvorkommen befinden sich auf den Plateaus nördlich des Tinkisso sowie in den Präfekturen Kouroussa, Mandiana, Dinguiraye und Faranah (s. Karte 5). Die goldführenden, aus Milchquarz bestehenden Schichten treten sehr unregelmäßig und mit Mächtigkeiten zwischen 1 und 3m auf und können einen Goldgehalt von 10-20 g/t aufweisen.

Die sekundäre Lagerstättenart sind alluviale Goldablagerungen entlang der Flüsse im Becken von Siguiri und Kankan, sowie am Fluß Baoulé in der Präfektur Kérouané (s. Karte 5). Der Goldgehalt der Schwemmlager ist sehr schwankend und kann bis zu 100 g/t erreichen.

Die industrielle Produktion

Die Lagerstätte von Karou im nördlichen Becken von Siguiri nahe der Grenze zu Mali wurde von der Société Aurifère de Guinée SAG erschlossen. Die SAG wurde 1985 zwischen der guineischen Regierung (49%) und der Chevaning Mining Company (51%) gegründet(258). Mit einer Schürfreserve von etwa 4,3 Mill. m3 und einem durchschnittlichen Goldgehalt von 2,7 g/m3 erhoffte die Gesellschaft, eine Jahresproduktion von 2 t zu erzielen. Das erste Produktionsjahr 1989 brachte jedoch nur einen Gesamtertrag von 1,2 t, der 1990 aufgrund technischer Probleme sogar noch auf 1 t sank.

Im April 1992 mußte die Produktion eingestellt werden, da sich das Abschürfen der weiträumigen alluvialen Sedimentbänke mit den vorhandenen Abbauanlagen als zu kostspielig und daher zu unökonomisch erwies. Im Jahre 1995 übernahmen dann die ghanaische Ashanti Goldfields Corporation AGC die Minenkonzession(259). Ein Jahr später wurden neue Vorkommen mit einem Volumen von nahezu 30 t prospektiert und erschlossen. 1998 wird mit einer Anfangsproduktion von 5 t gerechnet. Für die Folgejahre wird ein jährlicher Abbau von 6,2 t bei vermuteten Reserven von ca. 90 t erwartet.

Zahlreiche internationale Minengesellschaften bemühen sich derzeit um Prospektionsgenehmigungen und Konzessionsverträge(260). Am weitesten fortgeschritten ist die Société Minière de Dinguiraye SMD(261), die die Goldvorkommen bei Léro, nahe bei Siguiri gelegen, 1995 prospektiert und mit dem Abbau begonnen hat. Die Gesamtproduktion belief sich 1995 und 1996 auf je eine Tonne und soll in den Folgejahren auf erwartete 1,5 t/a gesteigert werden. Die Qualität des Goldes ist hoch, während die Extraktionskosten mit 129 US$ pro Unze vergleichsweise niedrig liegen (EIU CR 3/95, S. 13, RG 199E, S. 28).

Die nichtindustrielle Produktion

Lange Zeit verboten, wurde die nichtindustrielle Goldproduktion 1986 legalisiert, um so der regen Schmuggeltätigkeit mit dem begehrten Edelmetall entgegenzuwirken. Das geschürfte Gold wird ausschließlich von der guineischen Zentralbank aufgekauft, das zu diesem Zweck Büros in Conakry sowie in Kankan, Siguiri und Mandiana eingerichtet hat. In Conakry erwirbt die Bank das Gold zum Preis des Londoner Fixings und bezahlt bis zu 50% des Wertes in Devisen. Auf den in der Landeswährung ausgezahlten Rest wird eine zusätzliche Prämie von 5% gegeben, um den Parallelmarkt zu neutralisieren(262). Im Landesinneren dagegen zahlt die Zentralbank nur in der Landeswährung aus, ebenfalls unter Gewährung einer Prämie von 5%. Die nichtindustriellen Goldverkäufe sind darüber hinaus mit einer Mehrwertsteuer von 1% und einer Exportsteuer von 1,25% belegt.

Die so registrierte nichtindustrielle Produktion erreichte in den letzten Jahren durchschnittlich 5 t/a (EIU CP 1996/97, S. 20). Dennoch geht man davon aus, daß nur etwa ein Fünftel des gewonnenen Edelmetalls in den offiziellen Handelskreislauf kommt, der übrige Teil wird auf Schmuggelwegen außer Landes gebracht (MT Nr. 2584, S. 1070). Mit der Vergabe von Ankaufsrechten für Gold an Privatbanken in Verbindung mit der Einrichtung von Devisenkonten und entsprechende Ausgaben beabsichtigt die Zentralbank, die Privatisierung des Goldmarktes einzuleiten und sich somit des mit dem Goldhandel verbundenen Risikos zu entziehen. Neben der Absicht, so den Devisenabfluß zu reduzieren, erhofft sich die Regierung damit außerdem einen weiteren Aktivitätsschub im Goldsektor.

Von den geschätzten 20 - 25.000 Personen, die in der nichtindustriellen Goldgewinnung tätig sind, arbeiten die meisten unter Bedingungen, die jedweder notwendiger Sicherheit und Hygiene entbehren. Von einem durchschnittlich 0,7 m breiten und 10 - 20 m tiefen Loch werden horizontale Gänge entlang der goldführenden Schichten in die Erde getrieben. Diese schwierige Arbeit wird von erfahrenen Bergleuten ausgeführt, die sich ständig der Gefahr der Verschüttung, Vergasung durch Kohlenstoffgase und Überschwemmung durch spontane Wassereinbrüche aussetzen. Sie lassen sich ihr Risiko mit gängigen 50% Beteiligung am Ertrag entsprechend hoch entlohnen.

Die nichtindustrielle Goldschürferei ist eine Familientätigkeit. Von einer durchschnittlichen elfköpfigen Familie sind 7 Mitglieder mit dem Goldschürfen beschäftigt. Der Ertrag pro Saison liegt bei etwa 12 g pro Person(263). Dies ergibt bei einem Preis von 10.000 FG/g einen durchschnittlichen Jahresgewinn von etwa 840000 FG (PNUD 1989a, S. 245; MT Nr. 2584, S. 1070). Zumeist sind es saisonal arbeitende Kleinbauernfamilien, für die diese zusätzliche Einnahmensquelle vor allem in den kargen Badlands des nordöstlichen Oberguinea oftmals lebensnotwendig ist.

Diamanten

Die meisten Diamantvorkommen sind in Waldguinea und zum größten Teil in der Qualität von Schmuckdiamanten zu finden. Sie entstammen mesozoischen Kimberlit-Gängen und -Schloten, die von tiefreichenden Störungen im guineischen Rücken kontrolliert werden. Da diese Formationen heute weitestgehend abgetragen sind, hat sich der sich vormals in länglichen Schloten von 2 bis 3 km befindliche Diamantinhalt auf die verwitterte und eingerumpfte Landschaftsoberfläche verteilt oder in eluvialen Flächen und Rinnen sowie in den alluvialen Ablagerungen der Fließgewässer angereichert.

Guineas genauer Umfang an Diamantreserven ist weitestgehend unbekannt. Schätzungen

reichen von 30 bis 200 Mill. Karat. Ein Großteil dieser Reserven befindet sich im unwegsamen Hügelland des guineischen Rückens Ober- und Waldguineas (s. Karte 28). Von 1980 bis 1984 wurden die Diamanten ausschließlich von kleinbetrieblichen privaten Schürfern unter Aufsicht der staatlichen Bergbaubehörde (Service National d'Exploitation des Mines SNED) gewonnen. Die Kommerzialisierung übernahm die Zentralbank. Die offizielle Produktion belief sich 1983 auf 40000 Karat, fiel aber im nächsten Jahr auf 23000 Karat zurück (PNUD 1989a, S. 245). Parallel dazu existierten zahlreiche nicht registrierte Schürfbetriebe, die ihre Diamanten über die Grenzen hinweg in die Nachbarländer schmuggelten, um dort einen besseren Gewinn zu erzielen.

Die industrielle Produktion

Von 1984 bis 1993 beutete die Minengesellschaft AREDOR, dessen Hauptaktionäre der guineische Staat und die AREDOR-Holding(264) zu jeweils 50% waren, die Diamantvorkommen in der Region von Banankoro in der Präfektur Kérouané in Waldguinea aus (s. Karte 28). Der Umfang der alluvialen, an den Ufern des Flusses Baoulé gelegenen Lagerstätte wird auf etwa 1,8 Mill. Karat geschätzt, mit einem Anteil an wertvollen Schmuckdiamanten(265) von ca. 90% (EBENDA, S. 246). Die Produktionsleistung der Gesellschaft stieg in der ersten Jahren stetig an und erreichte 1987 mit 210000 Karat einen Höchststand. AREDOR produzierte von 1984 bis 1993 etwa 1,3 Mill. Karat Schmuckdiamanten, die für nahezu 400 Mill. US$ (ca. 300 US$/Karat) verkauft wurden.

Ende 1993 stellte die Mine ihre Tätigkeit infolge heftiger Auseinandersetzungen mit den immer wieder ins Konzessionsgebiet eindringenden illegalen Diamantschürfern ein. Deutlich war inzwischen auch die Rentabilität aufgrund der wachsenden Entfernung zwischen dem Abbauort und der Extraktionsanlage gesunken. Im März 1994 übergab die AREDOR-Holding ihren 50%igen Anteil dem Staat und verließ die Mine. Ende 1996 wurde die Produktion mit einem neuen ausländischen Partner, das Unternehmen TRIVALENCE aus Kanada, wieder aufgenommen(266). Erste Ergebnisse waren zufriedenstellend und Ende 1997 wurde eine Produktion von 65000 Karat im Werte von etwa 8 Mill. (267)US$ erreicht.

Seit 1994 operiert die Diamantgesellschaft HYMEX(268) in der Präfektur Macenta, um die an den Ausläufern des Ziama-Massivs (s. Karte 6) gelegenen Diamantvorkommen bei Sérédou auszubeuten (s. Karte 28). Die Konzession umfaßt etwa 1000 km2 über eine Laufzeit von 25 Jahren, das Investitionsvolumen beläuft sich auf ca. 64 Mill. US$ (MT Nr. 2698, S. 1676). Für die nächsten Jahre wird eine Anfangsproduktion von jährlich et-

wa 200000 Karat erwartet. Die Diamanten mittlerer Qualität sollen einen Marktpreis von ca. 100 US$/Karat erzielen (RG 1995f, S. 19).

Die nichtindustrielle Produktion

Die handwerkliche Diamantgewinnung wurde 1985 von der guineischen Regierung untersagt. Dennoch gehen Schätzungen davon aus, daß etwa 30000 nichtindustrielle Diamantschürfer im Süden Oberguineas eine Jahresleistung von rund 300000 Karat fördern. Ein großer Teil der illegal geschürften Diamanten wird als Schmuggelware abgesetzt, doch auch die guineische Zentralbank tritt als seriöser Käufer auf.

Indessen wird mehr und mehr deutlich, daß sich die Diamantreserven nicht konzentriert in großen Kiesformationen befinden, sondern in kleinen Kiestaschen zu geringen Konzentrationen verstreut sind. Diese Ausgangssituation erlaubt es in vielen Fällen nicht mehr, einen rentablen industriellen Abbau vorzunehmen, sondern begünstigt eher die kleindimensionierte, mobile artisanale Erschließung.

Andere Minerale

Seit mehr als 20 Jahren existiert das Vorhaben, die Eisenerzlager des Nimba-Bergmassivs im Süden Waldguineas an der Grenze zu Liberia zu erschließen und auszubeuten. In der Fortsetzung des auf liberianischer Seite seit 1963 abgebauten Vorkommens lagern auf guineischer Seite etwa 315 Mill. t Eisenerz von sehr guter Qualität mit einem Eisengehalt von 65% und mehr. Trotz aller Aussichten auf eine hohe Rentabilität erweist sich die Erschließung dieser Lagerstätte aus folgenden Gründen als äußerst schwierig:

1. Um eine größtmögliche Wirtschaftlichkeit des Projektes zu erhalten, wäre man gezwungen, das Erz auf einer 285 km langen Eisenbahnlinie durch Liberia zu transportieren, um vom liberianischen Hafen Buchanan aus zu exportieren. Solange jedoch in Liberia noch keine ausreichende politische Stabilität und Friede im Volk herrscht, ist das Investitionsrisiko zu groß.

2. Das Nimba-Bergmassiv ist ein ökologisches Schutzgebiet und wurde 1992 von der UNESCO als zu erhaltende Biosphäre anerkannt. Anschließende Verhandlungen führten zu einem Kompromiß, der der Erschließung des Eisenerzvorkommens eine Fläche von insgesamt 1000 ha einräumt (PNUD 1992a, Bd. Waldguinea, S. 78).

3. Die Entwicklung des Weltmarktes ermöglichte es bis jetzt nicht, selbst bei rentabler Produktion einen gesicherten Absatz zu garantieren, da das derzeitige Angebot an Eisenerzvorkommen höchsten Qualität noch groß ist.

Der Bürgerkrieg in Liberia hatte darüber hinaus weitreichende Folgen. Der seit mehreren Jahren nicht gewartete Schienenweg von der Mine bis zum Hafen von Buchanan ist völlig verwüstet und bedarf umfangreicher Instandsetzungs- und Erneuerungsarbeiten. Ihre Finanzierung ist bis jetzt kaum ins Kalkül gezogen worden. Des weiteren sind die Folgen des durch die Flüchtlingsbewegung ausgelösten Bevölkerungsdrucks auf die Ökologie des Nimba-Massivs noch nicht abzusehen (Brandrodung, Holzverfeuerung, Jagd). Eine zu große Schädigung könnte insofern für das Vorhaben beeinträchtigend wirken, wenn man sich entschließen muß, jedwede weitere Belastung auszuschließen.

Die Aussichten auf eine Beilegung des liberianischen Bürgerkriegs führten 1995 zur Bildung einer vorläufigen Gesellschaft zur Erschließung der Eisenerzvorkommen. Teilhaber dieser Gesellschaft sind die Regierungen Guineas und Liberias (je 20%) sowie das Euronimba-Konsortium (60%)(269). Eine umfangreiche Machbarkeitsstudie soll den endgültigen Investitionsrahmen und die Rentabilität ermitteln (EIU CR 4/95, S. 12).

Eine andere Alternative bildet der Abtransport des Eisenerzes über eine transguineische Eisenbahn zu einem zukünftigen Tiefwasserhafen südlich von Conakry. Zusammen mit kanadischen Partnern ist auch das deutsche Stahlunternehmen Thyssen an der Realisierung dieser Variante interessiert, allerdings beliefe sich das Investitionsvolumen allein für den Bau der etwa 1000 km langen "Transguinéenne"- Eisenbahn auf ca. 2 Mrd. USD.

Der internationale Stahlriese RIO TINTO hält gleichzeitig eine Konzession zur Exploration der fast ebenso hochwertigen Eisenerzvorkommen des Simandou - Massivs in Waldguinea (s. Karte 6). In der Fachwelt wird die Konzessionsnahme eher als eine Maßnahme zur Haltung einer Reserve und langfristigen Kontrolle des Weltmarktes gehalten, da RIO TINTO über ausgiebige und ebenfalls hochwertige, aber bereits erschlossene Erze nahe der nordwestaustralischen Küste verfügt.



6.2.2.3 Ökologische Problemstellungen

Der guineische Bergbau hat in der Natur des Landes deutliche Spuren hinterlassen. Die sichtbarsten sind die Zerstörungen der Vegetationsdecke und des Bodens beim Bauxit-tagebau. Über weite Flächen wurde die Erdoberfläche aufgerissen und ausgehoben, unbrauchbarer Aushub einfach zu Halden außerhalb des Minengebiets aufgetürmt.

Starke Wasserverunreinigungen treten bei Gold- und Diamantminen auf, die das durch ihre Waschanlagen gelaufene Wasser meist ungereinigt zurück in die Flüsse leiten, aus denen es entnommen wurde. Aber auch große Industrieanlagen wie die Aluminaschmelze der Friguia (s. Kap. 6.2.2.2.1), die das für verschiedene Prozesse verwandte Brauchwasser bis vor kurzem nahezu ungeklärt dem Zubringerfluß Konkouré zurückführte, belasten die guineischen Gewässer erheblich.

Besondere Verunreinigungen der Luft traten bei der Verladung von Bauxit und Alumina in den Häfen von Kamsar und Conakry auf, die bis 1996 noch teilweise unter freiem Himmel stattfand und zur Freisetzung großer Mengen belastenden Staubes führte.

Aber auch die nichtindustriellen, kleinbetrieblichen Bergbauaktivitäten bringen ernstzunehmende negative Einflüsse auf die Umwelt mit sich. Die 30 - 40.000 Gold- und Diamantsucher, die sich mit ihren Familien hauptsächlich in Oberguinea in der Region um Siguiri (Gold) und Kérouané (Diamanten) niedergelassen haben, bereiten sich ihr Nutzland durch exzessive Brandrodung vor und zerstören damit Flora und Fauna in einem weiten Umkreis ihrer Siedlungen. Der Mangel an sanitärer Infrastruktur macht die Hygie

ne zu einem weiteren Risikofaktor für die Umwelt in diesen Gebieten.

Viele Minengesellschaf-ten sind sich indessen ihrer Verantwortung hinsichtlich des Umweltschutzes und der Renaturierung bzw. Rekultivierung der von ihnen in Mitleidenschaft gezogenen Räume bewußt geworden. Dieses Bewußtsein manifestiert sich vor allem in der Tatsache, daß immer mehr finanzielle Reserven im Budget der Gesellschaften für Investitionen in diesen Bereichen eingerichtet werden.

Einige der Tagebau betreibenden Minengesellschaften haben bereits einen Vorrat an Humusdecke angelegt und begonnen, die bisher abgetragene Bodendecke zu renaturieren(270). Dennoch stellen diese Aktionen bislang Einzelfälle dar und stehen weder den Umfang noch die Kontinuität betreffend mit einer kohärenten Politik zur nachhaltigen Integrierung und Anwendung des Umweltschutzes im Bergbau in Verbindung.

Der 1993 erarbeitete nationale Aktionsplan für den Umweltschutz (Plan National d'Action pour l'Environnement PNAE) sollte die Basis für eine solche Politik bilden (RG 1993c). In der Analyse der einzelnen die Umwelt beeinträchtigenden Sektoren nimmt der Bergbau eine zentrale Position ein. es wird die klare Aussage getroffen, daß zwar grundsätzlich der Notwendigkeit bergbaulicher Aktivität zum Nutzen der nationalen Ökonomie nachzugeben ist, gleichzeitig jedoch eine genaue Abschätzung der Folgen für die Umwelt und die Ausarbeitung von angemessenen Auflagen und Maßnahmen zur Minimierung des Risikos sowie zur Rehabilitierung von Räumen mit unvermeidlichen Beeinträchtigungen vorzunehmen ist (RG 1993c, S. 45 u. 59ff.). Maßnahmen im einzelnen werden jedoch nicht definiert.



6.2.3 Die Energieversorgung - Reformierung der Angebotsstruktur für Industrie und Haushalte

Die problematische Versorgung mit Energie nimmt in der guineischen Volkswirtschaft eine zentrale Stellung ein. Obwohl das Land über ein beachtliches Potential an hydroelektrischer Energie von ca. 13000 MW verfügt (MT Nr. 2698, S. 1658), rangiert es unter den am geringsten mit Energie versorgten Ländern der Erde. Der Energieverbrauch pro Einwohner lag 1994 bei etwa 65 kg ROE(271) gegenüber 237 kg ROE im subsahari-

schen Raum (WB 1997e, S. 260)(272).

Hauptenergieträger sind Feuerholz und Holzkohle, die etwa 85% des nationalen Energiebedarfs abdecken und nahezu 100% der guineischen Haushalte versorgen. Der jährliche Holzverbrauch wird auf ca. 7,5 Mill. m3 geschätzt. Der kommerzielle Energieverbrauch von Bergbau, Industrie und Transport/Verkehr wird hauptsächlich durch die Wasserkraftwerke sowie die Diesel- und Schwerölgeneratoren der installierten Wärmekraftwerke in der Hauptstadt und in den Bergbauzentren gedeckt. Sie sind zu etwa 15% am nationalen Energieverbrauch beteiligt.

Tabelle 45: Die Energiebilanz Guineas 1995 (in Mill. t ROE).

Herkunft - Verbrauch/Energieträger Mineralöl Elektrizität Holz(1) Gesamt
Produktion - 0,05 1,03 1,08
Import 0,39 - - 0,39
Primärenergieversorgung 0,39 0,05 1,03 1,47
Transformationsverluste 0,11 0,01 - 0,12
Endverbrauch 0,28 0,04 1,03 1,35

(1) Feuerholz, Holzkohle.

(Quelle: PNUD 1994b, S. 206; S. 22; WB 1996b, S. 202).



Die installierte Leistung aller Kraftwerke in Guinea belief sich 1997 auf insgesamt etwa 176 MW, die zu ca. 73% in Wärmekraftwerken und zu 27% in Wasserkraftwerken erzeugt wird. Die nationale Energieerzeugung erreicht 245,4 MW. Davon speisen etwa 100,8 MW das öffentliche Stromnetz, 96,5 MW werden in den Kraftwerken und -stationen der Bergwerksgesellschaften erzeugt(273). Der Rest verteilt sich auf unabhängige, überwiegend industrielle Erzeuger (MT Nr. 2698, S. 1658).

Die Schweröl- und Dieselgeneratoren der öffentlichen Wärmekraftwerke und -stationen in Conakry, Kankan und N'Zérékoré erzeugen etwa 48,5 MW Leistung. Die übrigen 52,3 MW liefern im wesentlichen vier Wasserkraftwerke an den Flüssen Samou (Kraftwerke Grandes Chutes, Donkéa und Banéah, 27, 15 und 5,7 MW), Kokoulo (Kraftwerk Kinkon, 3,2 MW) und Tinkisso (Kraftwerk Dabola, 1,4 MW). Die wichtigsten Städte im Landesinneren (Präfektursitze) werden durch kleinere Dieselgeneratoren von 0,1 - 0,5 MW Leistung versorgt (s. Karte 29: Energieversorgung).

Die Verteilung der Versorgung der guineischen Haushalte mit elektrischer Energie ist sehr unausgewogen. Der infrastrukturell und in den einzelnen Wirtschaftssektoren am höchsten entwickelte Naturraum Niederguinea und die Hauptstadt werden begünstigt,

während sich das Hinterland weitestgehend auf die Nutzung von Petroleum und Holz als Energieträger beschränken muß.

Tabelle 46: Nutzung verschiedener Energieträger zur Lichterzeugung in guineischen Haushalten (in %).

Naturraum/Energieträger Elektrizität Petroleum Holz Andere Gesamt
Niederguinea 9,1 68,4 21,8 0,7 100
Mittelguinea 3,3 38 51,8 0,6 100
Oberguinea 3,5 62,5 33,1 0,9 100
Waldguinea 0,5 71,9 26,8 0,8 100
Conakry 79,1 20,7 0,1 0,1 100
Gesamt 12,5 53,6 33,3 0,6 100

(Quelle: PNUD 1992a, Bd. Niederguinea, S. 105).



Die unzureichende und zudem noch qualitativ mangelhafte Versorgung mit Energie stellt unter den strukturellen Hindernissen einen entscheidenden Hemmfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes dar. Gleichzeitig jedoch bedeutet die einseitige Nutzung von Feuerholz und Holzkohle in zunehmendem Maße eine Bedrohung für die Savannen- und Waldbestände Guineas.



6.2.3.1 Die Entwicklung des Energiesektors

Biomasse

Das Feuerholz und die Holzkohle sind seit jeher die Hauptenergiequellen für die guineische Bevölkerung. Die Nutzung anderer biologischer Brennmaterialien wie Viehdung oder landwirtschaftliche Abfallprodukte ist weitgehend unbekannt und wird kaum praktiziert.

Während im Hinterland nahezu alle Haushalte ausschließlich Feuerholz benutzen, findet in der Hauptstadt die Holzkohle bei 40% der Haushalte Verwendung. Die Brennleistung ist aufgrund des überwiegenden Gebrauchs offenen Feuers und traditionellen, wirkungsarmen Öfen extrem niedrig und liegt beim Feuerholz bei 8 - 13%, bei der Holzkohle bei etwa 19%. Damit steigt der Holzverbrauch pro Einwohner auf etwa 2,5 kg täglich und liegt deutlich über dem Durchschnittsverbrauch in anderen westafrikanischen Staaten.

Das Feuerholz wird im Haushalt hauptsächlich zum Kochen der Nahrung, für das Erhitzen von Wasser zum Waschen, als Heizmaterial (besonders auf den Höhenlagen Mittelguineas, wo nachts die Temperatur stark fällt) und in den entlegensten Gebieten ohne Verfügbarkeit von Elektrizität und Petroleum sogar als Lichtquelle verwendet.

Mineralöl

Guinea besitzt weder Erdöl als Rohstoff noch eigene Raffinerien. Um seinen Bedarf an Mineralölprodukten zu decken, ist es vollständig auf Importe angewiesen. Seit 1970, als

die gesamte Mineralölversorgung, die bis dato fünf internationale Mineralölgesellschaften wahrnahmen, verstaatlicht und zu einer nationalen Mineralölgesellschaft (Office National des Hydrocarbures ONAH) zusammengefaßt wurde, nahm die Verfügbarkeit von Mineralöl und die Qualität der mit der Verteilung verbundenen Dienstleistungen rapide ab. Das Hinterland konnte teilweise nur noch durch den informellen Sektor und Schmuggel mit Kraftstoffen versorgt werden, deren Verkaufspreis den tatsächlichen Wert um ein Mehrfaches überstieg.

Der desolate Zustand der ONAH wirkte sich negativ auf die ökonomische Entwicklung des Landes aus, insbesondere des Transportsektors. Dies ist deutlich am Gesamtverbrauch an Mineralölprodukten zu erkennen, der zwischen 1989 und 1991 nur um 7,2% stieg. Nach langen Verhandlungen schließlich konnte die Regierung die seit 1986 geplante Privatisierung des ONAH im Oktober 1992 abschließen. Es entstand die Mineralölgesellschaft SGP Société Guinéenne des Pétroles, eine Aktiengesellschaft, die zu 33% weiterhin vom Staat und zu je 17% von den drei internationalen Mineralölgesellschaften Shell, Elf und Total sowie zu 16% von der guineischen Gesellschaft Petrogui gehalten wird(274). Während die SGP den Import über den Hafen von Conakry, die Lagerung und Auslieferung en gros sicherstellt, sorgen die nationalen Ableger der Mineralölgesellschaften (Shell Guinée, Elf Guinée, Total Guinée, Mobil Guinée und Petrogui) für die Verteilung im Landesinneren über ein inzwischen weitreichendes und ausreichend dichtes Netz von Tankstellen.

Die Privatisierung des Imports und des Vertriebs von Mineralölprodukten löste positive Impulse für die Entwicklung der Versorgungsinfrastruktur aus. Neben parallelen ordnungspolitischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Schwarzmarktes und der Korruption in diesem Bereich seitens der Regierung fanden wichtige Investitionen zur Errichtung von Depots und Verteilerstationen im Landesinneren statt. Die bessere Versorgung mit Kraftstoffen zum Betrieb von Generatoren trägt somit wesentlich zur Überbrückung eines bedeutenden Standortnachteils bei, der unzureichenden öffentlichen Energieversorgung im Landesinneren Guineas.

Elektrizität

Guinea besitzt ein öffentliches Stromversorgungsnetz, das nur etwa 6% der Bevölkerung erreicht (EIU CP 1997/98, S. 15). Mittlere und größere Städte erhalten zum überwiegenden Teil des Jahres Strom, der durch extreme Spannungsschwankungen und zahlreiche Unterbrechungen gekennzeichnet ist. Der ländliche Raum wird nicht erfaßt. 30% der Anlagen sind mindestens 40 Jahre alt, etwa 50% stammen aus dem letzten durchgeführten Investitionsprogramm der I. Republik von 1970 - 72 (EIU CP 1992/93, S. 20).

Bis zum Jahre 1987 lag die Stromversorgung des Landes bei der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft (Société Nationale d'Electricité SNE). Aufgrund einer ineffizienten Organisationsstruktur, unstimmigen Verantwortlichkeiten mit dem zuständigen Ministerium und innerhalb der SNE selbst, unzureichender Kommunikation und Abstimmung mit den Au-

ßenstellen im Landesinneren sowie der Allgegenwärtigkeit von Korruption und Disziplinlosigkeit blieb ihre Leistungsbilanz ständig defizitär. Die SNE wurde schließlich zu einer der größten Haushaltsbürden des Staates.

Zur Restrukturierung der öffentlichen Stromversorgung lancierte die guineische Regierung alsbald ein entsprechendes Rehabilitierungsprogramm. In einer ersten Phase wurde die SNE im August 1987 in ein halbstaatliches, weitestgehend autonomes Unternehmen, die guineische Gesellschaft für elektrische Energie (Energie Electrique de Guinée ENELGUI), umgewandelt. Ausgestattet mit größerer finanzieller Autonomie und einem unabhängigen Aufsichtsrat, der sich aus Mitgliedern des öffentlichen und privaten Sektors zusammensetzte, sollte die ENELGUI ihre komplett von der SNE übernommene Strukturen reorganisieren und mit Hilfe internationaler technischer Zusammenarbeit ihre Leistung erheblich steigern.

Der Plan scheiterte zunächst. Noch Anfang 1990 war die ENELGUI nicht in der Lage, ihre technischen und kommerziellen Operationen zufriedenstellend abzuschließen(275): weniger als 30% des gelieferten Stroms wurde bezahlt; mehr als 50% der Abonnenten waren offiziell ohne einen Zähler an das Stromnetz angeschlossen gewesen. Darüber hinaus konnte die Zahl der illegalen Anschlüsse nicht verringert werden (WB 1990, Vol. II, S. 71).

Merkliche Verbesserungen traten ein, als durch eine Entscheidung des neuen Aufsichtsrates eine internationale Expertengruppe aus dem Bereich der Energietechnik die Führung der ENELGUI technisch und organisatorisch übernahm(276). Fünf Turbinen des Kraftwerkes Tombo (Conakry) und zwei Generatoren in Kankan sowie jener in N'Zérékoré konnten sofort instandgesetzt werden.

Das Ziel der zweiten, seit 1993 eingeleiteten Phase des Programms (Energie II) war die weitere Privatisierung des Sektors und Reduzierung der staatlichen Beteiligung. Daraufhin wurde die bestehende ENELGUI in eine Vermögensgesellschaft umgewandelt, für den konzessionären Betrieb und die Unterhaltung des öffentlichen Stromversorgungsnetzes wurde im April 1993 eine Betriebsgesellschaft, die Société Guinéenne d'Electricité SOGEL gegründet, in der die staatliche Beteiligung auf ein Drittel des Kapitals beschränkt wurde(277) (MT Nr. 2584, S. 1078).

Der Investitionsplan dieser Phase schloß ebenfalls die Errichtung einer dritten und vierten Kraftwerkstation von insgesamt 42 MW Leistung in der Anlage von Tombo in Conakry bis 1998 ein, damit der Energiebedarf der Hauptstadt bis ins nächste Jahrtausend gedeckt werden kann. Die Inbetriebnahme der drei Dieselgeneratoren von Tombo III mit

einer Leistung von 30 MW erfolgte Mitte 1997, während die Installation von drei weiteren Generatoren für Tombo IV mit einer Leistung von 12 MW auf technische Probleme stieß. Weitere Maßnahmen umfassen die Rehabilitierung der Stromversorgungsnetze von Conakry und Kindia sowie die Erweiterung der Netze von Labé, Kankan und N'Zéréko-ré.

6.2.3.2 Langfristige Planungen und Perspektiven

Die guineische Regierung definiert in ihrem Bestreben, eine ausgewogene Balance zwischen drohender Umweltbelastung, dem zukünftigen Bedarf an Energie und den zu erwartenden Kosten folgende zwei strategische Schwerpunkte:

Die zur Realisierung dieser Strategie festgelegten Ziele sind:

Die massive Steigerung des Energieangebots durch hydroelektrische Großkraftwerke mit einer Leistung >70 MW mittels BOT-Konzessionen (Build-Operate-Transfer);

b. die Diversifizierung der Energieproduktion mittels hydroelektrischer und durch erneuerbare Energien betriebenen Kleinkraftwerke zur Gewährleistung einer besseren Verteilung der Energie zu günstigen Kosten;

c. die strukturelle und inhaltliche Verbesserung der mit der Umsetzung der Energie-politik betrauten institutionellen und privatwirtschaftlichen Strukturen sowie

d. die Realisierung eines Programms zum Schutze des Waldbestandes, bestehend aus einer kontrollierten Holznutzung, die die Regeneration des Waldes sicherstellt, und der Einführung von kleinmaßstäblichen Energielieferanten, die im ländlichen Bereich die Nutzung von Feuerholz und Holzkohle schrittweise abbauen sollen.

Die Umsetzung dieser Strategie hat folgende Auswirkungen auf die Energieträger:

Biomasse

Der Anstieg des Feuerholzverbrauchs verläuft proportional zum Bevölkerungswachstum. Der zunehmende Bevölkerungsdruck läßt die Vernichtung von Waldflächen für die landwirtschaftliche Nutzung (Brandrodung) und Viehwirtschaft wiederum überpro-portional ansteigen(278).

Indessen ist eine sich kreisförmig um große urbane Zonen wie Conakry und Kankan ausbreitende radikale Abholzung des Busch- und Waldbestandes zur Feuerholz-gewinnung und Kommerzialisierung in den Städten zu beobachten. Für die Küste um Conakry stellt dies eine enorme Bedrohung des als Brennholz geschlagenen Man-grovenbestandes dar, was zusätzliche negative Auswirkungen auf andere Ressourcen hat, da wichtige Lebensräume der Krabben- und Garnelenbestände zerstört werden.

Die Probleme der kontrollierten Nutzung von Holz als Energieträger sind sehr komplex und können daher nur mit einer vielseitigen, alle wichtigen Einflußfaktoren berücksichtigenden Vorgehensweise gelöst werden:

1. Maßnahmen zur Einschränkung des Holzeinschlages und dessen rationellere Nutzung sind eng mit der den Wald betreffenden agrarwirtschaftlichen Nutzungspolitik abzustimmen (Bekämpfung der Brandrodung, Verringerung der Hangkulturen zugunsten des Talanbaus, Wiederaufforstung der Hänge als Erosionsschutz etc.).

2. Die Auswirkungen auf andere Ressourcen von ökologischer oder ökonomischer Bedeutung müssen quantifizierbar gemacht und als prioritäres Element in die Strategie der Abkehr von der Holznutzung zugunsten schonenderer Energieträger integriert werden.

3. In der reformierten Version des Boden- und Besitzrechtes (Kasten: "Das Immobilien- und Unternehmensgesetz", Kap. 5.4.2.3) muß der besondere Fall der Nutzung der Ressource Wald für kommerzielle Zwecke berücksichtigt werden.

4. Die Verbesserung und Rationalisierung der traditionellen Holznutzungstechniken zur Energiegewinnung für den Haushalt bedarf eines umfassenden Programms zur Ein- und Durchführung von effektiveren und schonenderen Methoden und Materialien zur Energieversorgung.

Neben der technischen und organisatorischen Unterstützung der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sollte in diesem Zusammenhang der Blick auf Lösungsansätze und -modelle westafrikanischer Nachbarländer des gesamten Subsahararaumes als Hilfsquelle dienen.

Mineralöl

Die Privatisierung des ONAH garantierte zunächst den teilweisen Wiederaufbau des 200 Tankstellen umfassenden Verteilernetzes. Durch eine erste Investitionsetappe wurden ca. 100 Stationen wieder betriebsfähig gemacht oder gänzlich ersetzt, wobei eine flächendeckende Verteilung angestrebt wurde.

Die Verfügbarkeit von Kraftstoff ist ebenso wie der Ausbau und die Qualitätsverbesserung des Straßennetzes eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung des Transportsektors, die wiederum die Basis für eine bessere Nutzung des landwirtschaftlichen und industriellen Potentials des Landes darstellt. Deshalb gilt auch hier der integrative Ansatz, der die energiepolitischen Maßnahmen mit den Strategien zum Ausbau des Transportsektors harmonisiert und dafür sorgt, daß Investitionen rechtzeitig und im richtigen Maße getätigt werden. Besonders die Mineralölpreispolitik, das Verhalten von privaten Investoren im Transportwesen und hinsichtlich der Verteilung von Mineralölprodukten und der damit verbundenen Dienstleistungen bedürfen einer genauen Abstimmung mit den Möglichkeiten und Zielvorstellungen nationaler Wirtschaftsförderung im Rahmen der vorherrschenden inneren und äußeren Bedingungen sowie der verfügbaren Kapazitäten.

Elektrizität

Für das Jahr 1995 wurde das Defizit der öffentlichen Stromversorgung zur Deckung des aktuellen Bedarfs der Haushalte Guineas auf etwa 33 MW quantifiziert (MT Nr. 2698, S. 1658). Bis zur Jahrtausendwende wird sich dieser Kapazitätsmangel mehr als verdoppelt

haben, da sowohl die Bedürfnisse der demographischen und sozioökonomisch/industriellen Wachstumszonen, vor allem in Nieder- und Mittelguinea, in erheblichem Maße anwachsen werden, gleichzeitig jedoch veraltete Anlagen rehabilitiert und teilweise vollständig ersetzt werden müssen.

Um der steigenden Nachfrage an Energie für Haushalte und Industrie bis zum Jahre 2010 zu entsprechen, wurden seit Beginn der 90er Jahre Studien zur Errichtung von großen Wasserkraftwerken an den Flüssen Konkouré, Bafing und Niger durchgeführt. Gemessen an der Bedeutung des Wachstumsraumes Conakry - Kindia und seiner sich äußerst progressiv darstellenden Nachfrageprojektion wurde dem Projekt zum Bau eines 75 MW leistenden Wasserkraftwerkes bei Garafiri am Fluß Konkouré Priorität eingeräumt (s. Karte 29). Nach langen Finanzierungsverhandlungen konnte der guineische Präsident den Beginn der Arbeiten an dem 198 Mill. US$ - Projekt im März 1996 öffentlich verkünden(279).

Das Garafiri-Projekt umfaßt die Errichtung eines 91 km2 großen Stausees, dessen 1,3 Mrd m3 Wasser drei Turbinenstationen à 25 MW antreiben sollen. Das Wasserkraftwerk wird eine jährliche Ausgangsleistung von ca. 264 GW/h produzieren und hauptsächlich die Städte Conakry, Kindia und Mamou mit Elektrizität versorgen. Da das Garafiri-Projekt in der Zukunft nur den absehbaren Energiebedarf der Haushalte und der Leichtindustrie Nieder- und Mittelguineas decken wird, ist der Bau eines zweiten, 80 MW leistenden Wasserkraftwerkes bei Kaléta geplant, das Wasser des durch den Garafiri-Stausee geregelten Konkouré 60 km stromabwärts nutzend (s. Karte 29). Des weiteren existieren Vorstudien zum Bau eines schon in den 70er Jahren erstmals geplanten Wasserkraftwerkes Souapiti, mit einer voraussichtlichen Leistung von etwa 100 MW.

5 Jahre nach ihrer Gründung steht die Leistungsfähigkeit und Rentabilität der Betriebs-

gesellschaft für die Stromversorgung SOGEL aufgrund zu hoher Investitionen und Mangelleistungen in Frage. Grund für diese Entwicklung waren Unklarheiten und undefinierte Freiräume im Konzessionsvertrag mit der Vermögensgesellschaft ENELGUI. Es soll daher ein neuer Konzessionsvertrag aufgesetzt werden, der transparent und detailliert den Stromvertrieb regelt.

Insgesamt laufen die Bemühungen um eine qualitative und quantitative Steigerung der Versorgung mit elektrischer Energie Gefahr, sich nur auf Niederguinea, und insbesondere auf die Achse Conakry - Kindia - Mamou zu beschränken. Selbst eingeräumt, daß dieser Raum die größte ökonomische Wachstumsrate aufweist, so ist die unproportionale energieinfrastrukturelle Förderung aus wirtschaftspolitischer Sicht unrationell und auf die Dauer unrentabel, da das Produktionspotential des Hinterlandes nicht vollständig genutzt werden kann. Hinzu kommt die soziale Pflicht des Staates, den ländlichen Raum schrittweise, aber beständig an die öffentliche Energieversorgung anzubinden.

Immerhin entwarf die guineische Regierung eine konkrete Investitionsplanung zum Ausbau des öffentlichen Stromversorgungsnetzes für Mittelguineas (bis zum Jahre 2000), Ober- und Waldguinea (bis zum Jahre 2010). Die Planung umfaßt die Installation von Dieselgeneratoren in nahezu allen Präfekturstädten der Naturräume.

Tabelle 47: Planung der guineischen Regierung für den Ausbau der öffentlichen Stromversorgung in Mittel-, Ober- und Waldguinea(1).

Naturraum Investitionsplanung bis 2000 Investitionsplanung bis 2010
Mittelguinea Dieselgeneratoren, 25,3 Mrd. FG
Oberguinea Dieselgeneratoren, 40,9 Mrd. FG
Waldguinea Dieselgeneratoren, 41,2 Mrd. FG
Gesamt 25,3 Mrd. FG 82,1 Mrd. FG

(1) Davon ausgenommen sind Regionen, Städte oder Stadtteile, die von den Kapazitäten der Bergbaugesellschaften profitieren.

(Quelle: RG 1994c, S. 63).



Jedoch wird bei dieser Planung nur die Nachfragesteigerung in Relation zum Bevölkerungswachstum berücksichtigt und eine Stagnation des industriellen Energiebedarfs auf dem Niveau von 1994 vorausgesetzt (RG 1994c, S. 2 - 4).

6.3 Der tertiäre Sektor - Trotz Reformmängel und Investitionsschwächen eine stabile Wachstumsachse

6.3.1 Der Handel

Mit einem Anteil von mehr als einem Viertel am BIP und einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 4,1% über die letzten fünf Jahre stellt der Handel einen dynamischen Subsektor der guineischen Volkswirtschaft dar. Maßnahmen wie

haben dazu geführt, daß der Handel zu einem stabilen Element der sozioökonomischen Entwicklung des Landes geworden ist. Seine weitere Zukunft hängt indes stark von der Entwicklung des produzierenden Gewerbes insbesondere in den urbanen Zentren ab, das zur Zeit nicht in der Lage ist, die Nachfrage an Waren und Güter zu befriedigen.

Die von der Regierung der II. Republik 1985 eingeleitete Liberalisierung des Handels wurde von der im Januar 1986 durchgeführten Währungsreform gestützt. Die Einführung einer neuen Währung (FG gegen Syli), die damit verbundene Entwertung sowie der Beginn des Aufbaus eines stabilen Devisenmarktes(280) bildeten erste Voraussetzungen für die Wiederbelebung des Handels.

Seit 1986 führte die Zentralbank (Banque Centrale de la Guinée BCRG) wöchentliche Devisenauktionen durch. Sie legte den offiziellen Wechselkurs nach bestimmten Kriterien fest. Der Unterschied zum Parallelkurs bewegte sich meistens in einer Bandbreite von max. 5-10%, um einen größeren Abfluß von Devisen in den Parallelmarkt zu verhindern. Gleichzeitig mußte eine gewisse Stabilität für den internationalen Währungsmarkt garantiert werden. Diese wurde u.a. durch eine ausreichende Höhe des Devisenangebots bestimmt. Da die Devisennachfrage des privaten Sektors das für den herkömmlichen Devisenankauf bereitgestellte Angebot der Zentralbank regelmäßig überschritt, war die Regierung gezwungen, aus den Steuereinnahmen des Bergbausektors und der Zahlungsausgleichsunterstützung der internationalen Finanzorganisationen (IWF, WB) stammende Devisen für die Deckung der Nachfrage zu benutzen (ARULPRAGASAM/SAHN 1991, S. 33).

Dennoch war ein ständiger Devisenmangel bei der Zentralbank und den von ihr belieferten Handelsbanken festzustellen. Behindert wurden dadurch vor allem klein- und mittelständische Händler, die häufig liquidieren und mächtigeren Großhändlern den Vortritt lassen mußten. Diese hielten zudem den Verkauf eines Großteils der importierten Güter in einer kleinen Gruppe fest in der Hand. Eine solche monopolistische Grundstruktur war oftmals die Basis für eine schwer zu kontrollierende Preissteigerungspolitik.

Mit der Auflösung der I. Republik endete das Handelsmonopol des Staates (s. Kap. 5.4.2.1). Von nun an war der sich langsam retablierenden Privatwirtschaft die Einfuhr jeglicher Waren und Güter mit Ausnahme von Mineralölprodukten erlaubt(281). Ebenso konnten bis auf Gold und Diamanten alle Stoffe und Produkte ausgeführt werden.

In den nachfolgenden Jahren sorgten zwei wichtige Maßnahmen für eine Stimulation des Handels:

1. Die weitere Liberalisierung des Devisenmarktes. Um Devisen für den Import von Waren zu beantragen, mußten Importeure bis zu Beginn des Jahres 1989 der Zentralbank eine Importdeklaration über Art, Quantität und Wert der einzuführenden Ware vorlegen. Durch Verzögerungen bei der Beschaffung dieser Deklaration kam es oftmals zu Nachteilen bei der Importabwicklung. Nach einem Verzicht auf die vor dem Import vorzulegende Deklaration beschränkte sich die Zentralbank nach dem Verkauf von Devisen auf den wöchentlichen Auktionen darauf zu kontrollieren, ob die verkauften Devisen tatsächlich für den Import der Waren verwendet wurden.

2. Die Vereinfachung der Zollinfrastruktur. Der allgemeine Einfuhrzoll wurde auf 10% festgelegt. Für einige wichtige Güter wie landwirtschaftliche Grundstoffe (Samen, Dünger etc.) wurde ein reduzierter Einfuhrzoll von 5% angewandt. Exportzölle wurden aufgehoben.

Diese Erleichterungen, verbunden mit der Entladung der seit einer Generation aufgestauten privaten Nachfrage, führten zu einem übermäßigen Anstieg des Imports an Investitions- und Konsumgütern, den Export 1988 erstmals übersteigend (s. Tab.48). Die Regierung entschloß sich, mit einer Erhöhung und Differenzierung der Importsteuern die Einfuhrentwicklung zu lenken. So steigen die Abgaben für Nahrungsmittel auf 18% (10% Umsatzsteuer, 6% Einfuhrsteuer, 2% Zollabgaben), mit Ausnahme von Reis, Pharmazeutika und Düngemittel. Alle übrigen Importgüter wurden mit 20% Abgaben belegt (10% Umsatzsteuer, 7% Einfuhrsteuer, 3% Zollabgaben). Reisimporte dagegen, ursprünglich nur mit 10% Umsatzsteuer belegt, wurden mit insgesamt 20% Abgaben belastet, um die nationale Reisproduktion gegen den Anstieg ausländischer Reiseinfuhren verstärkt zu schützen. Luxusgüter wie Alkohol und Tabak unterlagen 25% Abgaben sowie einer Luxussteuer von 60%. Düngemittel wurden von jeglichen Abgaben ausgenommen (ARULPRAGASAM/SAHN 1991, S. 34-36).

Doch waren weniger handelspolitische Gründe, als vielmehr eine notwendige Erhöhung der Staatseinnahmen der Hintergrund für die Abgabensteigerung. Die Folge war ein unmittelbarer Rückgang der Handelsaktivitäten. Die Wachstumsrate des Handelssektors fiel von 18,7% im Jahre 1988 auf durchschnittlich 4,4% in den Jahren 1989-91 zurück und entsprach somit der mittleren Wachstumsrate des gesamten tertiären Sektors in dieser Zeit.

Doch haben sich im Zuge einer besseren Abstimmung zwischen der makroökonomischen und institutionellen Strukturanpassung und sektoralen Reformprozessen die wachstumsrelevanten Rahmenbedingungen für den Handel erheblich verbessert. So wurden in einem weiteren Schritt zur Liberalisierung des Devisenmarktes die Devisenauktionen im November 1994 durch eine Devisenbörse ersetzt, der alle Handelsbanken angeschlossen sind. Parallel dazu wurden erste Genehmigungen zum Betrieb von privaten Wechselbüros erteilt (s. Kap. 6.3.3).

Die seit 1990 eingeleiteten Reformen im Zollbereich (Informatisierung, Strukturvereinfachung, Rationalisierung der Verwaltungsabläufe, Optimierung der Kontrollen, personelle Änderungen) haben mehr und mehr zu einer Vereinfachung und Beschleunigung der zolltechnischen Abläufe im Im- und Export geführt. Die vom französischen Bureau Véritas durchgeführten Waren- und Preiskontrollen erfaßten bereits etwa 50% aller Importe. Die Sicherheit und Transparenz des Außenhandels wurde weiterhin erhöht, als im August 1996 die schweizer Société Générale de Surveillance SGS diese Kontrollfunktion übernahm, fortan für alle Im- und Exporte mit einem fob-Wert von 5.000 US$ und mehr geltend.

Seit 1992 stellt der Handel mit über 25% Anteil am BIP den stärksten Subsektor der guineischen Volkswirtschaft dar, noch vor dem Bergbau und der Landwirtschaft. Durchschnittliche jährliche Wachstumsraten zwischen 4 und 5% weisen auf eine weitere zukünftige Expansion hin. Dieses Verhalten liegt derzeit eher in der stagnierenden bzw. zeitweilig rezessiven Entwicklung im produzierenden Sektor der urbanen Zonen, die Städte in große Märkte importierter Waren und Güter verwandelnd, denn in einem monosektoralen progressiven Wachstum.

6.3.1.1 Der Außenhandel - Im- und Exportabhängigkeiten durch fehlende Diversifizierung

Der Außenhandel Guineas hat seit Reformbeginn bis zum Jahre 1990 ständig an Volumen gewonnen. Von 1985 bis 1990 stiegen die Exporte um 53,8% an (s. Tab. 49). Dieses Wachstum war einerseits dem Anstieg des privatwirtschaftlichen Exports zuzurechnen, andererseits kam es in den Jahren 1989 und 1990 ebenfalls zu einem deutlichen Anwachsen der Mineralexporte, bedingt durch eine Steigerung der Produktion von Bauxit, Gold und Diamanten.

Indessen ist hinsichtlich des Wachstumssprung im privatwirtschaftlichen Exportsektor von 1985/86 zu berücksichtigen, daß es sich, besonders im agrarwirtschaftlichen Bereich, zu einem gewissen Teil auch um ein durch die Liberalisierung des Handels ermöglichtes Umlenken der Exporte von inoffiziellen in offizielle Kanäle handelt.

Tabelle 49: Außenhandel Guineas 1988 - 1997 (in Mill. US$).

Jahr 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997(1)
Handelsbilanz -6,3 135,9 66,1 13 -146,6 -65,9 -59 34,3 17,3 -53,5
Export, fob 597,3 722,8 789,3 754,8 621,9 665 625,9 719,3 637,4 785,8
Bergbau 500,7 615,1 678,4 644,3 501,2 574,7 498,5 597,6 560,3 631,5
Andere 96,6 107,7 110,9 110,5 120,7 90,3 127,4 121,7 77,1 154,3
Import, cif 603,6 586,9 723,2 741,8 775 730,9 684,9 685 620,1 839,3
Verwaltung 159,8 162,1 168 153,9 161,4 146,6 138,2 216,4 198,3 217,2
Bergbau 151,8 140,5 230,3 263,3 256,6 217,9 152,6 69,6 70,4 70
Andere privat 292 284,3 324,9 324,8 357 366,4 394,1 399 351,4 552,1

(1) Schätzungen.

(Quelle: WB 1990a, Bd. I, Anh. Tab. 4; ARULPRAGASAM/SAHN 1991, S. 46 - 50; WB WT 1993, Anh. Tab. 9; RG 1995a, S. 11; EIU CP 1997/98, S. 34; RG 1998e, S. 22ff).

Der schnelle Abbau der Importrestriktionen 1985/86 ermöglichte die rasche Befriedigung der Nachfrage nach Investitions- und Konsumgütern und sorgte für ein Importwachstum von 35%. Der rapide Anstieg der Importe sowie eine Verringerung des Exportwertes um 13%, ausgelöst durch einen Preisverfall der wichtigsten Exportgüter des Landes (Bauxit, Alumina und Kaffee) auf dem Weltmarkt, verringerte die positive Handelsbilanz zusehens, bis 1988 ein negativer Stand von 6,3 Mill. US$ erreicht war (s. Tab. 49). Als die Regierung daraufhin Konsequenzen zog und die Importabgaben anhob, reduzierte sich der Importwert des darauffolgenden Jahres leicht, so daß wieder eine positive Bilanz erreicht worden war. Gleichzeitig erholte sich der Bergbausektor wieder und stieg in seinem Exportwert im Jahre 1990 auf einen bisherigen Höchststand von 678,4 Mill. US$, was für den Zeitraum von 1988-90 ein Wachstum von 35,5% bedeutete.

Die im Zuge der Golfkrise gestiegenen Mineralölpreise sorgten in den darauffolgenden Jahren für einen merklichen Anstieg des Importwertes im Bergbausektor, da die Genera-

toren der Minengesellschaften mit Diesel bzw. Schweröl versorgt werden mußten. Außerdem fiel der Aluminiumpreis auf dem Weltmarkt von einem Höchststand von 4280 US$/t im Jahre 1988 auf einen Tiefstand von 1127 US$/t am Ende des Jahres 1991 (UNIDO 1992a, S. 245). Die unmittelbare Folge war ein Exportwertverlust von mehr als 26% im Bergbausektor. Damit fiel die Handelsbilanz des Jahres 1992 wieder deutlich negativ aus.

Die nachfolgende schwere Strukturkrise im Bergbau sorgte weitere zwei Jahre für eine negative Handelsbilanz aufgrund schwacher Produktion und geringer Exporte. Die Regierung verfolgte einen strikten Sparkurs und reduzierte ihre Importe. Die Aufhebung von Steuererleichterungen und -befreiungen für die Minengesellschaften sorgte ebenfalls für eine Verringerung der Importe in diesem Bereich.

Erst mit dem Greifen der Restrukturierungs- und Rehabilitierungsmaßnahmen im Bergbausektor sowie eine deutliche Steigerung der Ausfuhren in die nach dem Zerfall der Sowjetunion mit Guinea nur langsam Handelsbeziehungen aufbauenden GUS-Länder konnte sich Guineas Außenhandel ab 1995 wieder erholen. Ein Blick auf die absoluten Im- und Exportmengen verdeutlicht wichtige Entwicklungstendenzen des guineischen Außenhandels (Tab. 50).

Tabelle 50: Im- und Exportmengen der wichtigsten Handelsgüter 1991 - 1997.

Im- u. Export/Jahr Einheit 1992 1993 1994 1995 1996 1997
EXPORT
Bauxit CBG 000 t 11117,2 11324,3 11333,5 11504,7 14972,5 12420,7
Bauxit OBK/SBK 000 t 1186,1 2415,9 1119,6 1692,9 1918,7 2073
Alumina FRIGUIA 000 t 614,9 611,2 648,2 654,5 646,7 862,2
Diamant AREDOR Karat 65943 91764 0 0 1000 65000
Gold AUG Kg 1052,0(2) 0 0 0 0 0
Kaffee t 5183,9 6971,2 15704,2 18455,3 7528,3 23334,3
Kakao t 1629,7 3968,4 2942,3 2860,7 5801,9 7142,4
Frischfrucht(3) t 626,6 481,3 125,1 909,3 422,6 1578,6
Andere t 3500,8 12952 59744,2 54229,8 405,4 135,9
IMPORT
Reis 000 t 246,5 213,6 205,5 254,4 221,6 134,1
Mehl 000 t 66,1 74,4 88,4 78,1 45,6 62,6
Zucker 000 t 44,8 50,4 56,6 58,4 47,3 61,4
Mineralöl 000 t 397,5 475 437,2 445,3 465,3 498,6
Diesel 000 t 91,8 119,4 95,2 89,2 104,4 119
Benzin 000 t 65,7 71,6 76,1 97,5 98,8 105,9
Klinker 000 t 241,5 231 169,9 200,8 198 246,7
Zement 000 t 23,6 8,5 100,1 112,7 14,7 51,2

(1) Angaben bis November des Jahres.

(2) Angaben bis 4/92.

(3) Fruchtexporte via Flughafen nicht berücksichtigt.

(Quelle: RG TBEG, Nr. 8 (1/91), S. 5; RG TBEG, Nr. 12 (1/92), S. 5; RG TBEG, Nr. 20 (4/93), S. 5; PAC BI, Nr. 10 (6/96), S. 28ff; RG 1994a, S. 14; RG 1995a, S. 14; RG 1998e, S. 28; RG TBEG, Nr. 34 (4/97), S. 18).

Export

1. Der stetig steigenden Bauxitproduktion der CBG steht ein Produktionseinbruch der SBK gegenüber (1992 - 1994), hervorgerufen durch technische und finanzielle Probleme. Auch die Gold- und Diamantproduktion sah sich mit grundlegenden strukturellen Problemen konfrontiert, die 1994 und 1995 sogar zu ihrem Erliegen führten(282). Erst die Restrukturierung der SBK und die Implementierung von mittel- und langfristigen Investitionsprogrammen sowie die Verbesserung der rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen im gesamten Sektor ließen die Mineralexporte ab 1996 wieder ansteigen und deuten auf ein stabiles Wachstum hin.

Die Perspektiven für eine weitere positive Entwicklung im Bergbau, vor allem für die Gewinnung von Gold und Diamanten, können als günstig eingeschätzt werden. Somit wird der Bergbau auch zukünftig als Devisenbringer die wichtigste Stelle im Export einnehmen. Dennoch deutet der in den letzten Jahren beständig wachsende Anteil des privatwirtschaftlichen Sektors besonders an den Importen auf einen sich allmählich manifestierenden Wandel des Wirtschaftssystems von einer sich auf wenige Produktionsträger stützende monosektorale Struktur hin zu einem multisektoralen, marktwirtschaftlich orientierten System hin.

2. Stagnierende und bisweilen rückläufige Mengen im landwirtschaftlichen Export weisen auf die grundlegenden strukturellen Probleme hin, denen der Handel ausgesetzt ist. Dennoch konnte die Entwicklung von Produkten mit Exportpotential wie Kaffee, Baumwolle und Rohgummi seit 1994 deutliche Impulse für eine Diversifizierung und Anwendung moderner Technologien in der Agrarwirtschaft setzen. Besonders der Export von Kaffee hat sich sowohl durch eine Mehrproduktion als auch aufgrund gestiegener Kaffeepreise (von DM 2030/t im Jahre 1993 auf DM 4500/t im Jahre 1994) seit 1992 verdreifacht. Auch die Restrukturierung des Fischereisektors führte nach schwankungsreichen Orientierungsjahren nach 1994 zu einer beständigen Exportsteigerung in diesem Bereich.

Der Diversifizierungsprozeß in der Exportstruktur schreitet langsam aber beständig voran. Die direkte Abhängigkeit vom Weltmarkt wird weiterhin zu teilweise unberechenbaren Schwankungen führen. Diese müssen durch entsprechende sektorspezifische Ausgleichsmaßnahmen aufgefangen werden mit dem Ziel, die Exportstabilität zu optimieren.

Import

1. Während die gesamte Nahrungsmitteleinfuhr für den Zeitraum 1990-95 eine mittlere jährliche Wachstumsrate von 7% aufwies, wurde der Reisimport in den Jahren 1990/91 und 1993/94 merklich gedrosselt. Während der ersten Phase unternahm die Regierung den Versuch, die nationale Reisproduktion durch die Verringerung des Angebots von importiertem Reis zu stimulieren. Durch eine 25%ige Besteuerung der Reisimporte (CLAPP 1991, S. 346) und das gleichzeitige zeitweise Aussetzen der

Reislieferungen der amerikanischen Hungerhilfe(283) verminderte sich das Angebot derart, daß die Reispreise dramatisch anstiegen.

Die Abschaffung der 15%igen Zollabgaben auf Reisimporte und die Wiederaufnahme der amerikanischen Reislieferungen sorgten 1992 wiederum für ein 35%iges Mehrangebot von Reis im Hafen von Conakry, so daß es zur Bildung von ungewöhnlich umfangreichen Vorräten kam. Dies führte zunächst zur erhofften Erholung der Reispreise und wirkte als Inflationsbremse (EIU CR 4/93, S. 15). Sie wurden dann jedoch unter Reduzierung der Reisimporte in den Jahren 1993 und 1994 allmählich wieder abgebaut.

Der drastische Abbau der Reisimporte von 1996 auf 1997 steht in Zusammenhang mit der neuen Landwirtschaftspolitik der guineischen Regierung, die nationale Reisproduktion mehr denn je zu stützen und nicht durch billige Asienimporte zu inflationieren. Die Reduzierung in diesem Umfang war aber auch nur möglich, weil die seit nahezu einem Jahrzehnt laufenden Förderungsmaßnahmen zur Stimulierung der nationalen Nahrungsmittelproduktion gerade in den letzten drei Jahren für einen merklichen Anstieg der Reisproduktion sorgten.

2. Der Anstieg der Mineralölimporte ist auf eine steigende Anzahl von Kraftfahrzeugen und die Wiederinbetriebnahme bzw. die Installation neuer, mit Diesel oder Schweröl betriebener Generatoren zur Energieversorgung des Landes zurückzuführen. Da der produzierende Sektor aufgrund des unzureichenden öffentlichen Energienetzes auf eine Eigenversorgung mit privaten Generatoren angewiesen ist, kann der Mineralölverbrauch als Indikator für wirtschaftliche Aktivität gelten. Insofern stimmt die in den Jahren 1991 und 1992 auftretende Verringerung der Mineralölimporte mit einer Phase wirtschaftlicher Stagnation überein.

Wichtigste Handelspartner für den guineischen Export sind zunächst die ausländischen Gesellschafter der Bergbaugesellschaften FRIGUIA und CBG, die die Bauxit- und Aluminaproduktion abnehmen (USA, Belgien/Luxemburg, Frankreich, Norwegen, Ukraine, etc.). Dennoch ist in den letzten Jahren der Exportanteil der Industrieländer zugunsten verstärkter Ausfuhren in Entwicklungsländer gesunken (EIU CP 1996/97, S. 27 u. 28).

Die bedeutendsten Importpartner sind seit Jahren Frankreich und die Vereinigten Staaten. Seit 1990 ist eine Zunahme des Imports aus dem ostasiatischen Raum zu verzeichnen. Diese umfassen hauptsächlich Investitions-, Zwischen- und Konsumgüter aus Hong Kong und Japan, aber auch steigende Reislieferungen aus anderen fernöstlichen Ländern. Im selben Zeitraum wuchsen Mineralölimporte aus Nigeria, aber vor allem aus der Elfenbeinküste derart an, daß der Nachbarstaat ab 1995 nach Frankreich zum wichtigsten Importpartner avancierte.

Tabelle 51: Wichtigste Außenhandelspartner 1989 - 1995.

1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995
%(3) Mill. US$ % Mill. US$ % Mill. US$ % Mill. US$ % Mill. US$ % Mill. US$ % Mill. US$
EXPORT, fob
USA 20,2 146 16,2 128 20,1 152 19,3 114 20,3 135 14,8 93 14,3 102
Belgien/Luxemburg 7,6 55 8,5 67 10,2 77 15,3 90 25,7 171 27,5 172 30,2 216
Spanien 7,2 52 7 55 10,1 76 10,8 64 10,7 71 9,4 59 10,2 73
Irland 7,5 54 8,9 70 9,9 75 12 71 10,4 69 9,4 59 9,8 70
Frankreich 8 58 7,7 61 6 45 7,8 46 6,2 41 4,5 28 5,6 40
Italien 5,1 37 3,9 31 4,2 32 5,8 34 3,5 23 3,5 22 4,5 32
Deutschland(1) 6,9 50 5,1 40 4 30 5,3 31 5,7 38 5,1 32 3,2 23
Kamerun 4,7 34 5,9 47 3,8 29 4,9 29 4,4 29 4 25 3,6 26
Brasilien 0,3 2 0,5 4 3,4 26 5,1 30 5,1 34 4,9 31 6 43
Gesamtexport(2) 723 789 755 622 665 626 715
IMPORT cif
Frankreich 25,2 148 25,2 182 23,3 173 28,8 223 21,2 155 22 151 23,6 179
USA 7,5 44 6,5 47 13,2 98 8,6 67 8,9 65 8 55 9,6 73
Belgien/Luxemburg 6,6 39 6,1 44 5,4 40 6,1 47 6,7 49 8,2 56 8,8 67
Hong Kong 1,4 8 3,2 23 5,4 40 8,3 64 7,4 54 7,2 49 6,6 50
Deutschland 5,1 30 4,4 32 5,3 39 3,7 29 2,9 21 4,5 31 3,4 26
Niederlande 2,9 17 3 22 4,6 34 4,6 36 4,7 34 4,2 29 4,9 37
Italien 6,1 36 3,3 24 3,8 28 4,4 34 4,4 32 - n.bek. - n.bek.
Elfenbeinküste 6,1 36 8,7 63 11,2 83 11,7 91 14,9 109 18,8 129 21 159
Großbritannien 4,3 25 3 22 2,2 16 1,9 15 2,5 18 5,5 38 3,8 29
Gesamtimport 587 723 742 775 731 685 758

(1) Bis 6/1990 nur Westdeutschland.

(2) Transaktionen mit der ehemaligen Sowjetunion und anderen inbegriffen.

(3) In % vom Gesamtvolumen.

(Quelle: RG 1992a, Anh. A.9; EIU CR 2/93, S. 31; PAC SC 93/94, S. 7ff; PAC SC 94/95, S. 7ff; PAC BI Nr. 10 (6/96), S. 28ff; EIU CR 4/96, S. 48; EIU CP 1996/97, S. 29).

6.3.1.2 Hohe Fraktionierung und Multiplizierung im Binnenhandel

Guineas Binnenhandel ist schwer überschaubar und eigentlich nicht quantifizierbar, da seine Struktur durch eine extrem hohe Fraktionierung und Multiplizierung kleiner Handelsaktivitäten bestimmt ist. Der größte Teil des Binnenhandels wird ohnehin auf informellen Wegen abgewickelt. Selbst bei erfaßten Handelsbewegungen weisen die lokalen Verwaltungen erhebliche Schwächen in der Registrierung und Statistik auf. Dennoch geben einige generelle Charakteristika, belegt mit auf kleinräumlicher, punktueller Beobachtung basierenden Beispielen, Aufschluß über wichtige strukturelle Elemente des Binnenhandels.

Die Überwindung der infrastrukturellen Probleme bestimmt im wesentlichen das die Warenströme zwischen den Handelszentren beherrschende Preisgefüge. Produkte, die nicht im unmittelbaren oder näheren Einzugsbereich eines Handelszentrums hergestellt werden, sondern aus weiter Entfernung herantransportiert werden müssen, werden häufig mit weit über den Transportkosten liegenden willkürlichen Gewinnmargen belegt, nur beeinflußt von geringer Konkurrenz und der maximal ausreizbaren Kaufkraft. Aus Conakry importierte Produkte werden so in Kankan mit 30-50% Zuschlag veräußert. Strategische Produkte wie Zement und Stahlbaustangen für Betonbauten erzielen den zweifachen Preis in Kankan und sogar den dreifachen in Siguiri oder N'Zérékoré. Zudem sind Hindernisse jeglicher Art, die den normalen Transportverlauf beeinträchtigen oder unterbrechen wie ein mit der Fähre zu überwindender Fluß, eine Brücke mit Gewichtsbegrenzung oder ein schwieriger Paß, stets Gegenstand für Spekulationen über den Transportpreis.

Die Kommerzialisierung des überwiegenden Teils der Agrarprodukte, Konsum- und Verbrauchsgüter sowie Handwerksprodukte erfolgt über permanente Märkte in den größeren Städten oder Wochenmärkten überall im ganzen Land. Man unterscheidet:

1. Märkte mit lokaler Versorgungsfunktion. Ihre Bedeutung und ihr Umfang hängt von der Wichtigkeit und Größe der Stadt oder des Dorfes ab, in dem er abgehalten wird. Obwohl N'Zérékoré beispielsweise die regionale Hauptstadt des Naturraums Waldguinea darstellt, hat der wichtigste Markt in diesem Naturraum in Guéckédou seinen Platz.

2. Kontaktmärkte an inhaltlichen und physischen Grenzen:

3. Märkte mit einer Spezialisierung auf bestimmte Produkte. Gaoual (Mittelguinea) gilt als der wichtigste Viehmarkt des Fouta Djallon, während die Märkte von Mamou (Mittelguinea) und Kindia (Niederguinea) auf Frischobst spezialisiert sind. Guéckédou (Waldguinea) besitzt den bedeutendsten Kaffeemarkt der Region, wogegen Dabola und Bissikrima (Oberguinea) für ihren Erdnuß- und Tomatenmarkt bekannt sind.

Der immer noch unzureichende Zustand der Transport- und Kommunikationsinfrastruktur hat dazu geführt, daß ganz Guinea von einem flächendeckenden Netz von Wochenmärkten überzogen ist, die ½ - 1 Tagesmarsch auseinanderliegen (s. Karte 30: Binnenhandelsstrukturen). Die wichtigsten Handelswege im Landesinneren sind die Achsen zwischen den Städten Conakry - Mamou - Kankan - N'Zérékoré, Mamou - Kissidougou - N'Zérékoré und Mamou - Labé. Mamou, Kankan und Kissidougou bilden die zentralen Knotenpunkte des Binnenhandelsmarktes, während Labé, Siguiri, N'Zérékoré und Guéckédou die wichtigsten Verbindungen zu den Handelssystemen der Nachbarstaaten darstellen.



6.3.1.3 Terms of Trade

Der sprunghafte Anstieg der Importe nach der Liberalisierung des Handels zu Beginn der II. Republik und die damit verbundenen Mittelaufwendungen aus Zahlungsausgleichsunterstützungen hatten eine Fall der Terms of Trade TOT(284) Guineas von 12,2% im Jahre 1986 zur Folge (WB 1986a, Anh. 6). In den folgenden Jahren fiel die Handelsbilanz weiter durch den Anstieg von Importpreisen und dem gleichzeitigen Preisverfall der Hauptexportgüter Guineas (Bauxit, Alumina und Kaffee) und erhielt 1988 einen negativen Wert. Im weiteren Verlauf wurde Guineas Handel 1990 nach einer kurzen Erholungsphase von einem Preisanstieg von 31% für Mineralöl (RG 1991b, S. 19) und einen Preisverfall für Kaffee von 34% (EBENDA) erfaßt, so daß der Index der TOT ab 1991 deutlich abfiel.

Tabelle 52: Terms of Trade Guineas 1987 - 1997.

Jahr 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997
Index TOT 100 88 99 100 94 83 78 74 77 74 75

(Quelle: RG 1995e, S. 8; WB 1996c, S. 87, EIU CP 1997/98, S. 28; WB 1998b, S. 27).

Konnten bis dahin zum größten Teil ungünstige äußere Faktoren des Weltmarktgeschehens für die negative Entwicklung der TOT verantwortlich gemacht werden, so mußte ab 1991 die Erkenntnis folgen, daß wichtige strategische Reformschritte nicht konsequent vollzogen wurden und zu negativen Auswirkungen führten.

Das Wachstum des Exports außerhalb des Bergbaus blieb lange Zeit weit unter den Erwartungen und gesteckten Zielen. Obwohl im Agrarsektor Tendenzen zu einer Diversifizierung der Produktpalette erkennbar waren (Rohgummi und Baumwolle als neue Exportprodukte), verlief die Entwicklung bezüglich der Steigerung von Produktivität und Exportvolumen stagnierend, teilweise sogar rezessiv. Somit blieb die Abhängigkeit der guineischen Handelsbilanz von den Einnahmen aus dem Bergbausektor weiterhin bestehen.

Erst in den letzten drei Jahren führten massive strukturelle Reformen im Bergbau, in der Landwirtschaft und im produzierenden Gewerbe allmählich zu höheren Produktionszahlen und einem Wachstum der Exporterlöse. Diese sind wiederum auch Ergebnis augenblicklich günstiger Weltmarktpreise und sollten nicht über die Notwendigkeit der konsequenten Weiterführung der Reformen hinwegtäuschen.

Neben den Steuereinnahmen aus dem Bergbausektor waren vor allem die Unterstützungsleistungen der internationalen Gebergemeinschaft zum Zahlungsbilanzausgleich eine wichtige Devisenquelle, vornehmlich als Finanzierungskapital und zum Zwischengüterimport. Die durch die im Krisenzeitraum zwischen 1992 und 1994 gesunkenen Exporterträge sich negativ darstellende Handelsbilanz wurde seitens der Regierung mit Importkürzungen bekämpft. Dieser Sparkurs sowie die weitere Implementierung von Reformen auf der Basis von tragfähigen gesamtökonomischen und sektoriellen Entwicklungsstrategien vor allem ab 1996 durch die neue Regierung (s. Kap. 3.1.3) sicherten bislang weiterhin das Vertrauen der internationalen Handels- und Finanzierungspartner Guineas.



6.3.2 Transport und Verkehr - Der lange Weg des Wiederaufbaus

Obwohl seit 1986 erhebliche Anstrengungen unternommen wurden, Guineas Verkehrs- und Transportinfrastruktur wiederaufzubauen, stellen fehlende infrastrukturelle Kapazitäten sowie Defizite in Planung, Management, Wartung und Instandhaltung der exisistierenden Verkehrsnetze und Transportdienstleistungen bis heute wesentliche Hemmfaktoren einer gesamtökonomischen Entwicklung dar.



6.3.2.1 Eine verkehrsräumliche Gesamtbetrachtung

Guinea besitzt eines der am wenigsten entwickelten Verkehrs- und Transportsysteme Afrikas. Trotzdem die Regierung mit Hilfe der internationalen Gebergemeinschaft enorme Anstrengungen unternahm, das während der I. Republik in hohem Masse degradierte Straßennetz wieder instandzusetzen, bleiben weite Teile im Landesinneren Guineas nur mit Spezialfahrzeugen erreichbar. Aus diesem Grunde ist die Verkehrserschließung und Inwertsetzung des guineischen Wirtschaftsraumes durch den Verkehr gering.

Ein wichtiger Determinant zum Aufbau und zur Erhaltung eines effizienten Verkehrs- und Transportnetzes sind die physisch-geographischen Einflußgrößen. Die teilweise extremen Klimabedingungen (tropische und subtropische Klimate) sowie die durch ausgedehnte Bergmassive und weitläufige Bergketten hervorgerufene Reliefenergie (Fouta Djallon, guineischer Rücken) behindern seit jeher die systematische Verkehrserschließung des Hinterlandes und die Instandhaltung des Verkehrsnetze. Hinzukommt die außerordentliche Hinterlandstiefe von über 1000 km (Yomou, Waldguinea) im Verhältnis zu einer nur etwa 300 km langen Küstenlinie.

Ferner zeichnen sich der Mangel an Wartung und das Fehlen notwendiger Investitionen während der I. Republik verantwortlich für die Verwahrlosung des Sektors. Von den 14.000 km befestigter Straße zu Beginn der Unabhängigkeit (1958) blieben am Ende der I. Republik weniger als 5.000 km übrig (WB 1990a, Bd. II, S. 76). Die einzige das Hinterland durchziehende Eisenbahnverbindung Conakry - Kankan (660 km) war schon seit langem außer Funktion.

Der wichtigste Handelshafen des Landes, der seeschifftiefe Hafen von Conakry, verzeichnete bis auf den Umschlag von Alumina (FRIGUIA) und Bauxit (OBK) keinerlei Tätigkeit mehr. Der kleine Hafen Benty an der südlichen Küste des Landes, der während der 50er Jahre durch den Export landwirtschaftlicher Produkte (hauptsächlich Bananen) eine gewisse Bedeutung erlangte, wurde geschlossen. Der internationale Flughafen von Conakry konnte durch umfassende Renovierungsarbeiten im Jahre 1983 vor der Schließung bewahrt werden. Die übrigen 9 sekundären Flughäfen im Landesinneren, zum größten Teil aus einer einfachen Rollpiste bestehend, waren der Verwahrlosung preisgegeben.

Der gesamte Transportsektor lag in öffentlicher Hand. Sämtliche Staatsunternehmen in diesem Bereich arbeiteten defizitär. Ihre Verluste, die durch erhebliche Subventionsleistungen ausgeglichen werden mußten, belasteten den Staatshaushalt beträchtlich. Auch zu Zeiten, als privatwirtschaftliche Aktivitäten unterdrückt wurden, konnte die Nachfrage im Transportbereich nie befriedigt werden. Darüber hinaus führten ständige finanzielle Engpässe zu gefährliche Risikosituationen, da man gezwungen war, veraltetes und überlastetes Material zu benutzen(285).

Durch die wenig fortgeschrittene Verkehrserschließung des Hinterlandes, besonders der beiden östlichen Naturräume Ober- und Waldguinea, blieb die Entwicklung und Verflechtung der wirtschaftsräumlichen Strukturen regional begrenzt. Lediglich die traditionellen Binnenhandelsachsen Conakry - Kankan, Mamou - Labé und Kankan - Guéckédou sowie Kankan - N'Zérékoré wurden aufgrund ihrer Wichtigkeit für den Warenverkehr mit den Nachbarländern und der Versorgung der Naturraumzentren in funktionsfähigem Zustand gehalten. Die Bergbauindustrie sorgte mit dem Aufbau und der Instandhaltung einer eigenen Transportinfrastruktur für ihre Unabhängigkeit vom nationalen Verkehrs- und Transportwesen. Die Schienenstrecken von den Minenstandorten zu den Erzverladehäfen sind den auch bis heute die intaktesten Verbindungen.Seit Beginn der Reformen 1985 versucht die guineische Regierung mit Hilfe einer auf Integration, ökonomischen Nutzen und Nachhaltigkeit konzentrierten Sektorpolitik den

infrastrukturellen Degradationsprozeß aufzuhalten, die Verkehrserschließung voranzutreiben und durch die Bildung tragfähiger Institutionen sowie die Privatisierung des Transportwesens die weitere Entwicklung des Sektors zu fördern.



6.3.2.2 Der Verkehr auf der Straße

6.3.2.2.1 Ausdehnung und Zustand des Straßenverkehrsnetzes

Das guineische Straßenverkehrsnetz umfaßt etwa 13900 km Asphaltstraßen und allgemein befestigte Straßen und Pisten. Hinzu kommen noch etwa 7000 km Buschpiste mit weniger als 3 m Breite, die keiner Kontrolle unterliegen. Kernstück des Straßennetzes bildet ein System von intraregionalen und internationalen Fernstraßen. Dieses besitzt eine Länge von ca. 7000 km, wovon jedoch nur rund 2100 km asphaltiert sind.

Bei einer Landfläche von 246.000 km2 zählt Guineas Straßendichte mit etwa 4,3 km befestigter Straße pro 100 km2 zu den niedrigsten auf dem afrikanischen Kontinent. Gemessen an der Bevölkerung kommen auf 1.000 Einwohner 2,3 km befestigte Straße. 1992 stufte das guineische Ministerium für Transport und öffentliche Arbeiten (Ministère des Transport et Travaux Publics MTTP) den Zustand der befahrbaren Straßen zu rund 50% als schlecht ein. Am meisten betroffen waren die Pisten, die sich aufgrund fehlender Wartung vor allem nach Regenzeiten zu etwa 75% in einem kaum befahrbaren Zustand befanden (EIU CP 1992/93, S. 22).

Im Rahmen des mit der Weltbank aufgelegten sektoriellen Transportprojektes (Projet Sectoriel des Transports PST(286) erarbeitete daraufhin die guineische Regierung ein Entwicklungsprogramm und eine Investitionsplanung zur Rehabilitierung und zum Ausbau des Straßennetzes, vier Ziele definierend:

1. Neuorientierung der Rolle des Staates weg von einem immer noch planwirtschaftlichen Prinzipien folgenden Sektormanagement hin zur konzeptionellen Steuerung des strukturellen Aufbaus eines raumerfassenden Verkehrsnetzes mit den Schwerpunkten der Identifizierung und Implementierung geeigneter Verkehrserschließungsprogramme sowie der Planung und Mobilisierung der Investitionen für die entsprechenden Bauphasen;

2. Förderung des Aufbaus eines privatwirtschaftlichen Sektors in den Bereichen Straßenbau sowie Wartung und Instandhaltung;

3. Aufbau eines dezentralen Straßenmeistereinetzes für die ständige Überwachung des

Zustandes des Straßennetzes, Einrichtung eines speziellen Fonds zur Gewährleistung der Verfügbarkeit adäquater Mittel, insbesondere für Sofortmaßnahmen zur Reparatur von Schäden nach der Regenzeit;

4. Erarbeitung und Realisierung eines langfristigen Investitionsprogramms für die vollständige Rehabilitierung, Modernisierung und Erweiterung des Straßennetzes.

Neben der Weltbank waren hauptsächlich die EU und die AFD die Geldgeber für dieses Programm, das zwischen 1988 und 1992 ein Budget von ca. 536 Mill. US$ erreichte (MT Nr. 2584, S. 1086).

Nachdem die mittel- und langfristigen strategischen Sektorziele und die entsprechenden Umsetzungskonzeptionen ähnlich wie im agrarwirtschaftlichen Entwicklungssektor im Jahre 1992 vom Transportministerium in Form einer kohärenten Transportpolitik ausformuliert und verabschiedet wurden (Lettre de Politique des Transports LPT), kam es seit 1994 aufgrund von während der laufenden Rehabilitierungsarbeiten gemachten Erfahrungen zur schrittweisen Überarbeitung der strategischen Orientierungen. So werden nun aufgrund des klimatisch bedingten, extrem hohen Verwitterungsrisikos die Investitionen im Straßenbau stärker als bisher durch eine optimierte Planung, die Verwendung geeigneterer Materialien sowie einen erhöhten Wartungs- und Instandhaltungsaufwand nachhaltig gesichert. Hinzu kamen eine Reihe von institutionellen Maßnahmen zur verbesserten Kontrolle des die Straßen belastenden Gütertransportes.

Letzteres widerspricht in manchen Fällen sicherlich dem Investitionsprinzip der Kosten-optimierung durch die Anwendung der einfachsten und damit finanziell günstigsten Lösung, die auf lange Sicht nicht unbedingt die nachhaltigste sein muß. Und obwohl sich das jährliche Budget der Regierung für die Instandhaltung des Straßennetzes von 1990 2,5 Mrd. FG auf 1995 4,5 Mrd. FG nahezu verdoppelt hat, erreicht es nur 50% des tatsächlich erforderlichen Aufwandes (MT 1995, Nr. 2584, S. 1086). Insgesamt konnte jedoch der Umfang des guineischen Straßen- und Pistennetzes erheblich erweitert und sein Zustand deutlich verbessert werden.

Die Rehabilitierung und Erweiterung des Straßennetzes befindet sich in der 4. Ausbauphase. Die beiden ersten noch während der I. Republik begonnenen Phasen sahen die Wiederherstellung von 1.800 km Straße vor, konnten jedoch aufgrund ungenügender Finanzierung und fachlicher Inkompetenz nur unvollständig und qualitativ unzufriedenstellend durchgeführt werden. Die dritte Phase dagegen schloß 1988 mit der Instandsetzung von 800 km Asphaltstraße ab, darunter wichtige Handels- und Verkehrsverbindungen wie die Strecke Conakry - Mamou, die Nord-Süd-Achse Labé - Mamou und die Anbindung Waldguineas durch die Verbindung Mamou - Kissidougou sowie die Grenzstraße zu Sierra Leone von Coyah nach Pamelas (s. Karte 31: Verkehrserschließung).

Die vierte Phase umfaßt den Ausbau der Küstenstraße Dubréka - Boké (200 km), die Instandsetzung der Strecke Mamou - Kankan (400 km) sowie die Wiederherstellung von 1.500 km Piste im Norden des Fouta Djallon und zwischen Kankan und Beyla (Waldguinea). Damit wird die Erschließung der Küstenregion mit der Landverbindung zwischen den beiden Häfen Conakry und Kamsar abgeschlossen. Die Vollendung der West-Ost-Strecke von Conakry bis Kankan fördert die Anbindung des Hinterlandes erheblich und erleichtert den Handel mit den Nachbarländern Mali, Elfenbeinküste und Liberia.

6.3.2.2.2 Raumerschließungsmuster - die Anbindung des Hinterlandes

Der Erschließung des guineischen Hinterlandes liegt ein dreistufiges Straßenverkehrsnetz zugrunde. Das primäre Erschließungsmuster besteht aus wenigen Fernstraßen, die die Präfekturhauptstädte miteinander verbinden und gleichzeitig die Haupthandelsachsen des Landes darstellen. Das sekundäre Netz besteht aus einem lokalen Verbindungsstraßensystem, das wichtige Städte (Bergbauzentren, Konzentrationen agrarwirtschaftlicher Tätigkeit) und Marktorte erfaßt. Die tertiäre Ebene bildet das ländliche Pistennetz, bestehend aus Dorfverbindungswegen, Zubringerstraßen und reinen Erschließungspisten.

Der Prozeß der Raumerschließung durch den Straßenverkehr beschränkt sich auf zwei zum größten Teil parallel existierende Verkehrsspannungsfelder. Die durch den Binnen- und Außenhandel bestimmte Handelsspannung erfaßt den Verkehr von den wichtigen agrarwirtschaftlichen Produktionszentren und den mineralischen Rohstoffquellen zu den Exportzentren sowie die Verteilung der Importgüter im Inneren des Landes. Es spielt sich hauptsächlich auf den Fernstraßen des primären Straßenverkehrsnetzes ab. Die sich zwar auf den Binnenhandel und kleinmaßstäblichen Regionalhandel beziehende, doch auch alle weiteren Formen wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Aktivitäten erfassende Verkehrsspannung findet in der Nutzung des sekundären und tertiären Straßenverkehrsnetzes ihren Ausgleich.

Die Haupterschließungsgebiete sind der Küstenraum Niederguineas sowie der Fouta Djallon Mittelguineas. Die Küstenregion, insbesondere das nähere Einzugsgebiet von Conakry, ist geprägt von der Mineralexportwirtschaft, der Versorgung der Hauptstadt sowie einer hohen Konzentration produzierenden Gewerbes, das sich aufgrund des besseren Infrastrukturangebotes in unmittelbarer Hauptstadtnähe angesiedelt hat. Die Plateaus des zusammenhängenden Bergmassivs Fouta Djallon sind aufgrund der höheren Bevölkerungsdichte (30 E/km2 gegenüber 27 E/km2 im Landesdurchschnitt ohne Conakry) engmaschig miteinander vernetzt. Das Zentrum bildet der Verkehrsknotenpunkt Labé, der eine bedeutende Umschlagsposition des Handels aus dem Norden (Senegal, Gambia, Guinea-Bissau), dem Südwesten (Conakry), dem Süden (Sierra Leone) und dem Osten (Mali) einnimmt. Die Siedlungsweise der den Fouta Djallon besiedelnden Peulh, sich nur in kleinen Dörfern mit wenigen hundert Einwohnern niederzulassen, sorgt für eine hohe Wegedichte zwischen den so entstandenen zahlreichen Klein- und Kleinstsiedlungen und ihren Marktorten.

Sekundäre Erschließungsgebiete sind die traditionellen Handelszentren Kankan und N'Zérékoré mit ihren direkten Handelsverbindungen zu den Nachbarländern sowie das

Dreieck Kissidougou - Macenta - Guéckédou, das zu einem lokalen agrarwirtschaftlichen Produktions- und Exportzentrum avancierte (s. Karte 31).

Der Handelsverkehr dieser Zentren mit den Nachbarstaaten ist auf nationaler Ebene relativ unbedeutend, regional jedoch bestimmend. Die Straßenanbindung an die Handelswege sind einfach und in gutem Zustand. N'Zérékoré, Guéckédou und Kankan sind daher traditionell strategische Verkehrsknotenpunkte für den Grenzhandel mit den Anrainerstaaten aus dem Süden bzw. Osten.

Im Gesamtüberblick ist das Hinterland gemessen an seinem gesamtwirtschaftlichen und agro-industriellen Produktions- und Entwicklungspotential wenig erschlossen. Der Straßenverkehr, nach dem Aussetzen des Schienenverkehrs die einzige Möglichkeit der distanzreicheren Raumüberwindung für die guineische Bevölkerung, wird durch lange Wege unter teilweise unzumutbaren Bedingungen oft zu einem gemessen an der Kaufkraft kostspieligen und zeitraubenden Abenteuer. Besonders nachteilig wirkt sich der Mangel an einer begleitenden Infrastruktur für das Straßenverkehrsnetz (beständig funktionierende Fährensysteme, Brückensicherung und -instandhaltung, Treibstoffversorgung, Reparaturwerkstätten, Übernachtungsmöglichkeiten) auf die Entwicklung des Verkehrs- und Transportwesens und damit auf den Handel aus (s. Kap. 6.3.1).

6.3.2.2.3 Privatwirtschaftliche Multiplizität im Straßentransport

Nachdem das staatliche Gütertransportmonopol zu Beginn der II. Republik aufgehoben wurde(287), erlebte der kommerzielle Transport auf der Straße zunächst eine fruchtbare Entwicklung. Kleine Privatunternehmen mit einem Fuhrpark von 2 - 3 Lastkraftwagen zwischen 3 und 10 t Zuladung übernahmen von nun an den größten Teil des Gütertransports. Nur wenige Unternehmen, die sich auf den Schwerlasttransport von Schütt- und Sackgütern sowie Containern spezialisierten, konnten sich einen Fuhrpark von 10 - 20 Lastkraftwagen mit teilweise über 20 t Zuladung leisten.

Es herrscht ein liberaler Markt ohne Preisreglementierung, der Zugang zu diesem Sektor ist frei. Da der Markt aufgrund der geringen Finanzkraft der auf den Transport angewiesenen Unternehmer aus dem agrarwirtschaftlichen und produzierenden Gewerbe beschränkt ist, existiert ein harter Konkurrenzkampf.Der Personenverkehr wird ebenfalls von zahlreichen privaten Kleinunternehmern mit den

auf afrikanischen Straßen überall anzutreffenden Minibussen meist japanischer Bauart wahrgenommen. Seit 1988 hat die private Transport-gesellschaft TRANSGUINÉE den Personen-transport mit großräumigen Reisebussen auf der Langstrecke Conakry - Kankan aufgenommen. Seither konnte sie ihr Transportnetz zwischen den Hauptstädten der Präfekturen beständig ausbauen und die Kleintransporteure immer mehr auf den kleinräumlichen Verkehr zurückdrängen.

Die 1985 gegründete allgemeine guineische Transportgesellschaft SOGETRAG (Société Générale des Transports en Guinée) nahm den bis 1984 von der staatlichen Transportgesellschaft TUC (Transports Urbains de Conakry) durchgeführten öffentlichen Personennahverkehr wieder auf. Das Staatsmonopol im Rücken, transportierte das Unternehmen mit einem Fuhrpark von 135 Bussen im Jahre 1991 etwa 190.000 Passagiere pro Tag in Conakry (EIU CR 4/92, S. 17). Doch aufgrund der sprunghaft angestiegenen Zahl der informell arbeitenden Privattransporteure, die ungeregelt agieren und wichtige Marktanteile an sich reißen, sowie der permanenten Überlastung des innerstädtischen Straßenverkehrs, die am Image der Gesellschaft zehrt, hat die SOGETRAG einen erheblichen Rückgang ihres Passagieraufkommens hinnehmen müssen. Das Geschäftsjahr 1992 bescherte der Gesellschaft somit einen Verlust von 3,9 Mrd. FG (EIU CR 2/93, S. 18). Als Subventionsempfänger (8 Mrd. FG in 1994) steht sie hinsichtlich des im Rahmen der strukturellen Anpassung geforderten Kürzung und Eliminierung von Subventionen in der Kritik. Die Regierung hat daher den Privatisierungsprozeß eingeleitet (MT Nr. 2698, S. 1658).

Abgesehen von der bei weitem nicht ausreichenden Qualität und Quantität des Straßen- und Pistennetzes stellen die geringen Möglichkeiten der Wartung und Reparatur sowie die immer noch unzufriedenstellende Treibstoffversorgung im Inneren des Landes bedeutende Hindernisse für die Entwicklung des guineischen Transportsektors dar. Außerhalb der Hauptstadt besteht eine Kfz-Reparaturwerkstatt meist aus einem durch Autowracks abgegrenztes Terrain, auf dem sich zahlreiche "Lehrlinge" um einen Kfz-Meister tummeln. Seine Reparaturphilosophie besteht aus dem Grundsatz, solange zu probieren, bis es funktioniert. Reich ist die Kunst der Improvisation, die häufig aus Mangel an Ersatzteilen zur Notwendigkeit wird. Dadurch leidet die Qualität der Reparatur, und es bleibt oft ungewiß, wie lange sie vorhalten wird.

6.3.2.3 Der Schienenverkehr - Die Hoffnung auf Wiederbelebung durch den Bergbau

Die einzige dem öffentlichen Bahnverkehr angehörende Strecke von Conakry nach Kankan (662 km), zwischen 1902 und 1914 mit einer Spurbreite von nur 1 m erbaut, wurde infolge fehlender Wartung und Instandsetzung nach mehreren Erdrutschen und Überwucherungen der Vegetation, die die Schienen stark beschädigten und unbefahrbar mach

ten, auf dem größten Teil ihrer Länge stillgelegt.

Die staatliche Eisenbahnbehörde (Office National du Chemin de Fer de Guinée ONCFG) hält nur noch eine 36 km lange Strecke vom Hauptbahnhof in Conakry bis in die vorgelagerten Stadtteile und Vororte des langgezogenen, nach Osten ausufernden Einzugsgebietes der Hauptstadt in Betrieb (s. Karte 31). Eine wichtige Einnahmequelle, der Transport des Zementrohstoffs Klinker vom Hafen von Conakry bis zum 25 km entfernten Zementwerk (Ciment de Guinée) im Stadtteil Sonfonia, versiegte, als der Transport 1990 auf Lastkraftwagen umgestellt wurde (WB 1990a, Bd. II, S. 81).

Sollte sich der Abbau der prospektierten Bauxitvorkommen von Dabola und Tougué (Oberguinea) verwirklichen (s. Kap. 6.2.2.2.1), besteht die Möglichkeit, daß die Verbindung Dabola - Conakry (ca. 430 km) zum Abtransport des Erzes zum Verladehafen Conakry mit Hilfe iranischer Investitionen wieder instandgesetzt bzw. neu aufgebaut wird. Die drei übrigen Einsenbahnlinien (Conakry - Fria: 140 km, Conakry - Kindia: 110 km und Sangaredi - Kamsar: 135 km) befinden sich in der Hand der drei Bergbaugesellschaften CBG, SBK und FRIGUIA (s. Kap. 6.2.2.2.1).

Ein weiteres ehrgeiziges Projekt ist der Bau der "Transguinéenne", eine das ganze Land durchquerende Eisenbahnlinie von Conakry nach N'Zérékoré. Pläne dafür wurden schon in den 70er Jahren im Rahmen einer Studie zum Abbau der Nimba-Eisenerzvorkommen ausgearbeitet (s. Kap. 6.2.2.2). Zunächst erschien das Investitionsvolumen von etwa 2 Milliarden US$ nur für die Transportinfrastruktur zu hoch für ein Monoprojekt dieser Art. Neuere Überlegungen gehen jedoch nunmehr von einer etappenweisen Investitionskostenplanung aus, indem möglicherweise frühe Investitionsrückflüsse durch die Beteiligung von öffentlichen und privatwirtschaftlichen Verkehrs- und Transportprojekten sowie die Nutzung von mehr als der Hälfte der Strecke durch die Société des Bauxites de Dabola-Tougué SBDT im Zuge der parallelen Erschließung der Bauxitvorkommen Dabola - Tougué (s.o.)(s. Kap. 6.2.2.2) die langfristige Finanzierung der Transguineastrecke sichern.

6.3.2.4 Die Häfen und der maritime Transport

Guinea besitzt zwei große Häfen: einen Rohstoffhafen in Kamsar und einen Handelshafen in Conakry. Der Hafen in Kamsar, 1975 von der CBG als Werkshafen erbaut, dient der Bergbaugesellschaft als Verladestelle für eine jährliche Bauxitexportproduktion von etwa 11 - 14 Mill. t sowie für den Import von ca. 50000 t Stückgüter zu ihrer eigenen Versorgung. Obwohl die Umschlagsmenge damit deutlich über jener des Hafens von Conakry liegt, besitzt Kamsar als reiner Werks- und Rohstoffhafen kaum Bedeutung für die handels- und transportökonomische Entwicklung des Landes.

Der Hafen von Conakry wurde 1898 von der französischen Kolonialverwaltung au der damaligen Insel

Tombo angelegt und durch einen künstlichen Damm mit der ihr vom Festland zugewandten Spitze der Halbinsel Kaloum verbunden. Die drei vorgelagerten Loos-Inseln Tamara, Roum und Kassa boten für die Anlage eines Tiefseehafens einen natürlichen Schutz gegen die Gewalten des Ozeans (s. Karte 3).

Seit seiner Gründung hatte der Hafen von Conakry den Charakter eines reinen Handelshafens. Im Jahre 1914 erlangte er mit der Vollendung der Eisenbahnstrecke Conakry - Kankan und der damit entstandenen Verkehrsverbindung bis Niamey (Niger) erste große wirtschaftliche Bedeutung als Exporthafen mehrerer französischer Kolonien. Zwischen 1929 und 1939 nahm er als wichtigster Umschlagplatz zwischen dem Hinterland Französisch-Westafrikas und dem Mutterland eine zentrale Position ein. In diese Zeit fielen auch die ersten umfangreichen Ausbauarbeiten, wie das Anlegen eines Sicherheitsdammes gegen die Kräfte des Atlantiks, der Erwerb eines größeren Baggers für die Vertiefung des Hafenbeckens, der Bau der ersten zwei festen Kaianlagen mit einer Wassertiefe von 8 m und die Errichtung eines Anlegeplatzes für den damals florierenden Bananenexport.

Nach dem Zweiten Weltkrieg steigerten zusätzliche Erweiterungs- und Modernisierungsmaßnahmen wie der Bau von 6 weiteren Anlegern, die Verlängerung des Schutzdammes, der erste Bananenhangar- und Großhallenbau sowie die Einrichtung einer gesicherten Hafenbeleuchtung und Wasserversorgung der Kais seine Bedeutung und Attraktivität als Handelshafen. Hinzu kam der Bau eines Anlegers auf der Insel Kassa (Loos- Inseln), um dort abgebaute Minerale und Gesteine (im wesentlichen Granit) abzutransportieren. Bis 1958 erreichte der Hafen eine Kapazität von 10 Anlegestellen und einen Gesamtumschlag von 1,5 Mill. t.

Mit der Proklamation der I. Republik brach dann der internationale Kontakt ab und sämtliche Investitionsquellen versiegten. Es folgte eine lange Phase der Degenerierung der Hafenanlagen mit der dazugehörigen Infrastruktur, die Aktivitäten im Hafen nahmen immer mehr ab. Erst 1981 zog eine Regierungsstudie eine Bilanz und verdeutlichte Ursachen und Probleme:

1. Seit mehr als zwei Jahrzehnten wurden weder im Bereich Instandhaltung noch für die Modernisierung der Hafenanlagen Investitionen getätigt.

2. Die Verantwortlichkeiten für die Hafenaktivitäten waren auf vier Staatsunternehmen mit insgesamt mehr als 1500 Mitarbeitern verteilt, was eine rationelle und effiziente Abwicklung der Hafengeschäfte unmöglich machte.

3. Überhöhte Gebühren und Frachttarife, der Rückgang der Umschlagszahlen und die lange Dauer der Schiffsrotationen (im Durchschnitt 7 Tage Liegezeit) waren die unmittelbaren Folgen.

4. Erhebliche Sicherheitsmängel brachten dem Hafen und seinen Benutzern bedeutende Verluste bei.

Auf sofortige Hilfe angewiesen, konnte die guineische Regierung nach kurzen Verhandlungen die Weltbank, die Bundesregierung Deutschland (KfW) und die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB) für die Finanzierung und Durchführung eines umfassenden Rehabilitierungs- und Modernisierungsprojektes für den Hafen gewinnen.

Nachdem der Hafen zunächst mit der Umwandlung in eine öffentliche Einrichtung mit industriellem Charakter die finanzielle und ökonomische Autonomie erlangte(288), wurde zu Jahresbeginn 1983 die erste, 38 Mill. US$ umfassende Projektphase eingeleitet. Sowohl die Projektmaßnahmen zur Erneuerung der gesamten Hafeninfrastruktur und die Lieferung von moderner Hafenausrüstung als auch die mit dem Regierungswechsel von 1984 verbundene Öffnung der Wirtschaft wirkten sich stimulierend auf das Hafengeschehen aus. Während 1983 noch 227 Schiffe den Hafen aufsuchten, erhöhte sich die Schiffsfrequenz 1985 auf 272, was eine Güterumschlagssteigerung von 20,3% von 1984 auf 1985 hieß.

Die größten Effizienzgewinne ergaben sich jedoch aus der Privatisierung der dem Hafen angeschlossenen Dienstleistungsunternehmen. Damit stellte sich bezüglich des Dienstleistungsangebots im Güterumschlags- und Transportbereich eine erste echte Wettbewerbssituation ein, zudem wurden der Haushalt und die Verwaltung des Hafens merklich entlastet, seine Mitarbeiterzahl sank auf 294 (1989). Gleichzeitig erlangte der Hafen seine volle Autonomie in Form seiner Umwandlung in eine Betriebsgesellschaft, der von einem sich aus 12 Vertretern aus Staat und Wirtschaft zusammensetzenden Aufsichtsrat gelenkt wird.

War der Hafen bis zu Beginn des Jahres 1987 wieder in einen funktionsfähigen Zustand versetzt worden, führte man in der zweiten Phase weitere Ausbau- und Sicherungsmaßnahmen wie die Vervollständigung des Schutzdamms für das Hafenbecken, den Bau eines Container Terminals und einer Mineralölumschlagsanlage sowie die Installierung einer sicheren und ausreichenden Hafenbetonnung durch. Die Projektkosten der im Februar 1989 eingeleiteten zweiten Phase beliefen sich auf 55 Mill. US$ und wurden von denselben Kreditgebern übernommen. Die anvisierten Ziele wie die Verringerung der Schiffswartezeiten, die Kostenreduzierung der Hafenaktivitäten, die Diversifizierung des Operationsspektrums und die Verbesserung der Verlade- und Umschlagsmechanismen waren bis Mitte 1993 erreicht worden.

Der Umschlag im Hafen beschränkt sich im wesentlichen auf Massengutverkehr (87%), wobei hauptsächlich Mineralöle, Zementrohstoffe und Natronlauge importiert und Bauxit und Alumina exportiert werden. Während 1989 noch knapp über 5 Mill. t Güter umgeschlagen wurden, fiel der Umschlag aufgrund erheblicher

Produktionseinbußen der bauxitexportierenden SBK 1992 auf 3,4 Mill. t ab. Trotz stabiler Im- und Exporte in allen anderen Bereichen verläuft der Umschlag aufgrund der weiterhin unregelmäßigen Exportleistungen der SBK seither schwankend (s. Tab. 54).

Tabelle 54: Volumen des Güterverkehrs im Hafen von Conakry 1990 - 1998.

Umschlag/Jahr 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998
IMPORT (1.000 t)
Nahrungsmittel(1) 252 368 437 416 447 510 465 453 463
Industrielle Massengüter(2) 583 560 559 641 603 605 604 617 630
Pflanzl. u. tierische Prod. 15 23 27 23 24 22 27 24 24
Halbfertigprodukte(3) 243 294 377 284 314 371 291 374 394
Industrieausrüstung 30 36 42 41 53 42 45 44 40
Konsumgüter 132 43 76 54 64 64 55 62 72
Andere 47 28 36 49 38 32 30 34 55
Gesamtimport 1302 1352 1554 1508 1543 1646 1518 1610 1680
EXPORT (1.000 t)
Bauxit und Alumina 3538 3504 1799 3026 1759 2347 2534 2038 2030
Nahrungsmittel 2 3 4 2 1 2 4 2 11
Pflanzl. u. tierische Prod. 10 7 11 27 33 31 23 46 57
Andere 36 24 25 27 44 44 47 44 96
Gesamtexport 3586 3538 1839 3082 1837 2424 2608 2130 2194
GESAMTUMSCHLAG 4888 4890 3393 4590 3380 4070 4126 3740 3874
Containerumschlag (TEU)(4) 25800 29300 37200 36100 32500 40500 43800

(1) Hauptsächlich Reis, Mehl und Zucker.

(2) Überwiegend Mineralölprodukte.

(3) Baumaterial, Klinker und Zement.

(4) Twenty Foot Equivalent Unit (20-Fuß Containereinheit), ab Fertigstellung des Container Terminals 1992.

(Quelle: RG 1992c, Anhang 5.1 u. 5.2; EIU CR 3/93, S. 18; PAC SC 1989-94, S. 1-3; PAC BI Nr. 10, 3/96, S. 28-30; PAC SC 1997 u. 98, S. 1ff)

Der Hafen stellt sich als ein insgesamt tragfähiges Wirtschaftsunternehmen dar, in seiner Funktion als Verkehrsknotenpunkt für den nationalen und internationalen Handel eine zentrale Stellung einnehmend. Dennoch ist er über Jahrzehnte hinaus mit den Kreditrückzahlungsverpflichtungen an die guineische Regierung belastet und daher gezwungen, seine Leistungsfähigkeit durch die Nutzung von zukunftssicheren Ausbaumöglichkeiten zur Erschließung rentabler Geschäftsfelder zu steigern. Als eine solche wird die geplante dritte Projektphase gehalten, in der sowohl einem wachsenden Containerverkehr Rechnung getragen und der Fischereisektor im Hafen durch Ausbau- und Modernisierungsmaßnahmen gefördert(289) als auch derzeit vorherrschende infrastruk-

turelle und betriebstechnische Probleme beseitigt werden sollen. Geplant sind:

Die Erweiterung des Container Terminals;

Die Schaffung hafenindustrieller Nutzfläche durch die Rehabilitierung ungenutzter Lagerfläche;

Die Bildung von komplementären Geschäfts- und Handelszonen;

Die Organisation und Durchführung geeigneter Naßbaggereimaßnahmen zur Instandhaltung des 5 km langen Zufahrtskanals und des Hafenbeckens;

Das Ersetzen einiger schwimmender Einheiten (Schlepper, Lotsenboot, etc.);

Die Rehabilitierung des Wasserversorgungsnetzes sowie die Errichtung eines Wasserreservoirs;

7. Die Bekämpfung der Luft- und Wasserverschmutzung durch den Alumina-, Bauxit- und Zementrohstoffumschlag(290).

(Nach LACKNER&PARTNER 1998, S. 3ff)

Die Zukunft des Hafens ist abhängig von seiner weiteren Integration in die guineische Volks- und Transportwirtschaft. Nicht nur die Erhöhung seiner Kapazitäten durch Modernisierung und Ausbau sowie die Erhöhung seines Leistungsspektrums muß auf das volkswirtschaftliche Wachstum und die von Angebot und Nachfrage bestimmten Kräfte abgestimmt sein, auch die infrastrukturellen Voraussetzungen müssen den künftigen Anforderungen gewachsen sein. Hier liegen die Herausforderungen einerseits in der Verbesserung des physischen Anschlusses des Hafens an das öffentliche Verkehrsnetz durch eine Verbreiterung der Zufahrtsstraßen und eine Eisenbahnverbindung vom Hafen an das öffentliche Schienennetz. Andererseits muß die Transportpolitik Transitverbindungen zu den Nachbarstaaten und Handelspartnern Mali und Burkina Faso schaffen, um über feste Transportachsen den Außenhandel zu fördern.

Im Rahmen des Transports auf guineischen Binnengewässern besitzt außerdem die Binnenschiffahrt auf den Flüssen Oberguineas regionale Bedeutung: Während und unmittelbar nach der Regenzeit (Juli bis Oktober) sind die Flüsse Milo (Kankan - Siguiri) und der Niger (Kouroussa - Siguiri - Bamako) auf einer Gesamtstrecke von 385 km schiffbar. Die Wasserwege dienen hauptsächlich dem Transport von Agrarprodukten auf kurze Distanz, der überwiegend noch mit traditionellen Barken durchgeführt wird.



6.3.2.5 Der Luftverkehr

Während der internationale Flughafen Conakry-G'Bessia, etwa 16 km nordöstlich von Conakry's Geschäftszentrum auf dem Festland gelegen, den Anschluß an den innerafrikanischen und europäischen Luftverkehr hält, bilden 9 Kleinflughäfen in den wichtigsten Präfekturhauptstädten im Landesinneren die Stützpfeiler des nationalen Luftverkehrsnetzes(291).

Nach langen Jahren des Verfalls, in denen die Verwahrlosung insbesondere der sicherheitstechnischen Ausrüstung gefährliche Ausmaße annahm, konnte der Flughafen von Conakry durch technische und finanzielle Hilfe von französischer Seite im Jahre 1983 gerettet werden. Nachdem seine funktionellen Basiselemente (Rollbahn, Beleuchtung, Funk und Navigation, internationaler Terminal, Unfall- und Feuerschutzdienst) wiederhergestellt waren, wurde er 1987 von einer guineisch-französischen Betriebsgesellschaft übernommen (Société de Gestion et d'Exploitation de l'Aeroport de Conakry SOGEAC)(292). Diese Gesellschaft finanziert sich im wesentlichen aus den Flugverkehrssteuern und ist weitestgehend autonom.

Indessen machte der wachsende nationale und internationale Flugverkehr(293) den Ausbau der Navigations- und Luftraum-Sicherheitssysteme im Flughafen Conakry-G'Bessia sowie die Verbesserung der meteorologischen Überwachung des inländischen Luftraumes dringend erforderlich. Im Rahmen des von der Weltbank unterstützten Entwicklungsprogramms für den Transportsektor wurde daraufhin 1989 eine nationale Luftfahrtbehörde eingerichtet (Agence de Navigation Aérienne ANA), die, ausgerüstet mit modernen Navigationsinstrumenten und meteorologischen Meßgeräten, die Kontrolle des guineischen Luftraums und die Verwaltung der inländischen Flughäfen übernahm. Ebenfalls finanziell autonom, bezieht diese Behörde ihre Haushaltsmittel aus den Steuereinnahmen der Sekundärflughäfen und einer Teilabgabe der Landegebühren, die die internationalen Fluggesellschaften in Conakry-G'Bessia entrichten.

Ein Flugplatz im Inneren des Landes besteht meist aus einer 1000 - 1600 m langen Lateritpiste für Flugzeuge mit kurzen Start- und Landewegen sowie einigen verwahrlosten Abfertigungsgebäuden. Die Navigations- und Sicherheitsausrüstung, wenn überhaupt vorhanden, ist größtenteils überaltert und aufgrund fehlender Wartung weitestgehend unbrauchbar. Überdies sorgen der Harmattan, der den feinen Wüstensand aus dem Sahel ins Land treibende Wind, und die stürmischsten Monate der Regenzeit dafür, daß selbst

funktionierende Geräte selten einsetzbar sind.

Der internationale Passagierverkehr erreichte in den Jahren zwischen 1990 und 1994 ein Volumen von etwa 210000 Passagieren im Jahr. Der Anteil des Transitverkehrs betrug dabei ca. 26%. Während der Passagierverkehr überwiegend inner-afrikanischer Natur ist, konzentriert sich der Frachttransport auf Bewegungen zwischen Guinea und Europa. Das durchschnittliche jährliche Frachtvolumen betrug zwischen 1989 und 1994 etwa 5000 t/a. In den Jahren 1990 - 1992 nahm der Luftfrachtimport um 26% ab, während das Exportvolumen aufgrund verstärkter Ausfuhr von Frischfrucht und anderen schnell verderblichen Frischwaren um 21% anstieg (EIU CR 1/93, S. 19).

Trotz einer Steigerung des Passagieraufkommens seit 1994 um 25% auf mehr als 280000 Passagiere im Jahr sowie konstanten Luftfrachtwerten von 5000 t/a ist die wirtschaftliche Lage der SOGEAC nach wie vor kritisch (MT Nr. 2698, S. 1656). Da sie bis heute für die Energieversorgung des Flughafens mittels Generatoren selbst sorgen muß, ist die Erreichung eines tragfähigen Maßes an Rentabilität vorerst nicht abzusehen. Erst die voraussichtliche Fertigstellung des hydroelektrischen Kraftwerkes Garafiri Ende 1999 wird ein ausreichendes Energieangebot im öffentlichen Netz garantieren.

Die nationale Fluggesellschaft Air Guinée ist seit langem ein verlustreich arbeitendes Staatsunternehmen, das fast ausschließlich von Subventionen lebt. Eine zu geringe Kapazitätenauslastung, kostspielige Auslandsvertretungen, gravierende Mängel in der Geschäfts- und Finanzführung, die übermäßige Inanspruchnahme kostenloser Regierungsflüge sowie technische Probleme aufgrund von Wartungsdefiziten und Ersatzteilmangel zwangen die Fluggesellschaft Ende 1990, ihre Flotte von 4 auf 2 Flugzeuge zu reduzieren(294). Der internationale Flugverkehr wurde weitgehend eingestellt. Selbst im Inlandsflugverkehr verliert Air Guinée infolge häufiger technischer Pannen, die zu Flugausfällen führen, immer mehr Marktanteile gegenüber den sich etablierenden Privatfluggesellschaften. Seit Mitte 1994 ist daher der Privatisierungsprozeß eingeleitet worden, der jedoch bis jetzt erfolglos blieb (MT Nr. 2485, S.1087).

6.3.2.6 Entwicklungsstrategien und transportspezifische Perspektiven

Die Strategie der guineischen Regierung zur Entwicklung eines effizienten Transport- und Verkehrssystems, das die Verbindungen zwischen den wichtigsten Produktionsstätten, Verbrauchs- und Distributionsgebieten sowie Exportzentren wiederherstellt, den zukünftigen Erfordernissen anpaßt und tragfähig erhält, basiert auf folgenden Grundsätzen:

1. Die kurz- und mittelfristige Konzentration auf die Transportsektoren und -subsektoren mit der größten Perspektive auf schnelle, kostengünstige und den sozio-ökonomischen Entwicklungsprozeß größtmöglich fördernde Wirkung;

2. Die Entwicklung und Umsetzung einer adäquaten nationalen Transport- und Verkehrspolitik zur Mobilisierung und Konsolidierung von Ressourcen auf den Ebenen der Steuerpolitik, des privatwirtschaftlichen Sektors und der internationalen Entwicklungszusammenarbeit(295);

3. Fortsetzung der institutionellen Reformen, der Dereglementierung und Entmonopolisierung des Sektors zur Förderung privatwirtschaftlicher Partizipation sowie des Entflechtungsprozesses staatlicher Aktivitäten zugunsten des Aufbaus einer privatwirtschaftlichen Transport-Dienstleistungsindustrie (nach RG 1996a, S. 46ff).

Seit 1987 wurden auf die Sektoren Transport und öffentlicher Bau durchschnittlich 22,5% der Mittel des nationalen Investitionsprogramms verwandt. Es besteht jedoch ein deutlicher Unterschied zwischen der Planung von öffentlichen Investitionen und deren tatsächlicher Umsetzung. So lag der Realisierungsgrad für öffentliche Investitionsvorhaben im Sektor Transport und öffentlicher Bau in den letzten Jahren durchschnittlich bei etwa 60%, während das Gesamtprogramm um die 70% erreichte. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen zum einen in der begrenzten Fähigkeit der nationalen Kräfte auf nahezu allen Ebenen, Geplantes effizient umzusetzen. Zum anderen verlangt die Dynamik der sich ständig ändernden sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen der Prioritätensetzung zu jeder Zeit Flexibilität ab, an der es in den meisten Fällen mangelt.

Die Mobilisierung finanzieller Ressourcen wird die wichtigste Bedingung zur Verwirklichung der Entwicklungsstrategie im Transport- und Verkehrssektor bleiben. Während die Tarifordnung im Hafen von Conakry und das Besteuerungssystem im Flughafen Conakry-G'Bessia in den letzten Jahren bewiesen haben, daß die Deckung der Betriebs-, Wartungs- und Instandhaltungskosten weitgehend gewährleistet ist, reichen die direkten Einnahmen aus dem Straßenverkehrsbereich nicht einmal aus, um die laufenden Kosten für Wartung und Instandhaltung des Straßennetzes zu decken, geschweige denn für Investitionen.

Landtransport

Obwohl die vom Staat in einem für die Wartung und Instandhaltung des Straßennetzes eingerichteten Fonds (Fonds Routier) bereitgestellten Mittel von 1 Mrd. FG im Jahre 1994 auf 4,5 Mrd. FG im Jahre 1997 anstiegen, erreichen sie nur etwa 60% des tatsäch-

lich benötigten Umfangs (MT Nr. 2698, S. 1653)(296). Die Differenz stellt einen akuten Mittelbedarf dar, dessen Deckung Gegenstand von Finanzierungsdiskussionen mit den internationalen Geberinstitutionen ist. Diese wiederum oktroieren Mittel wiederum nur, Wenn der Bereich Wartung und Instandhaltung vollständig privatisiert ist und auf tragfähigen Strukturen basiert. Formell ist dies mit der Privatisierung der ehemaligen Straßenbaubehörde (Office des Projets Routiers OPS) in eine Aktiengesellschaft (Société Guinéenne des Travaux Routiers SOGUITRO) geschehen. Dennoch bleibt die SOGUITRO Generalauftragnehmer des Staates, vergibt jedoch die Arbeiten im Unterauftrag an Privatunternehmen, die sich gleichzeitig den entsprechenden Fuhr- und Maschinenpark von ihr leihen können.

Diese wie eine Zwangstherapie anmutende Privatisierungsmaßnahme, die zur gleichen Zeit die privatwirtschaftliche Initiative in diesem Bereich fördern sollte, hat denn auch ihre größten Schwächen in der fehlenden Expertise und dadurch mangelnden Effizienz der im Entstehen begriffenen KMI/KMU einerseits sowie der ungenügenden Kompetenz zur Planung und Kontrolle der eingesetzten Mittel seitens der SOGUITRO andererseits. Daraus ergibt sich eine der wichtigsten sektoriellen Entwicklungsaufgaben, nämlich die weitere Förderung des Aufbaus tragfähiger privatwirtschaftlicher Strukturen und ihre langfristige Konsolidierung durch die Steigerung ihrer Planungs-, Durchführungs- und Managementkompetenzen.

Natürlich stehen die Unternehmen in diesem Bereich, wie im gesamten guineischen Privatsektor, vor ständigen Liquiditätsproblemen. Der Aufbau einer dezentralen, vor allem die ländlichen Zonen mit einem ausgeprägten Netz von Sekundärstraßen und Verbindungs- und Zubringerpisten erfassenden Finanzinfrastruktur erweist sich auch für diesen Sektor als prioritär. Gute Erfahrungen wurden im Rahmen eines von 1990 bis 1997 laufenden Projekts zur Entwicklung der ländlichen Infrastruktur mit einer arbeitskraftorientierten Methode bei Bau und Instandhaltung von ländlichen Pisten gemacht, die gegenüber der konventionellen maschinen- und technologieorientieren Methode Vorteile im geringeren Finanzierungsniveau, der Schaffung von Arbeitsplätzen, der Stimulierung der lokalen Wirtschaft sowie im Umweltschutz hat (WB 1997a, S. 11ff).

Neben den geplanten und teilweise in der Umsetzung begriffenen Maßnahmen zur Verbesserung der politischen und institutionellen Rahmenbedingungen hängt die Steigerung der volkswirtschaftlichen Bedeutung des Sektors hinsichtlich eines langfristig tragfähigen Entwicklungskonzeptes des Straßenverkehrsnetzes von der Realisierung folgender drei subsektorieller Vorhaben ab:

1. der strukturellen und organisatorischen Verbesserung des Stadtverkehrs in Conakry, insbesondere im Hinblick auf eine Optimierung der Verkehrsführung durch angepaßte Regelungsmaßnahmen und eine Ausgrenzung des Schwerlastverkehrs sowie die Erleichterung des Verkehrsflusse durch den weiteren

Ausbau der Hauptausfall- und Einfallachsen bis weit in die Vororte hinaus;

2. den Erhalt und weiteren Ausbau des Straßen- und Pisten-Verbindungsnetzes zwischen den Städten und intraregional zur weiteren Erfassung und Erschließung des Hinterlandes;

3. den Ausbau interregionaler Verbindungen zu den Nachbarstaaten.

Die Organisation und Handhabung des Fonds Routier wird für die Zukunft des Straßen- und Pistennetzes entscheidend sein. Von guineischer Seite permanent unterfinanziert, wird er ob seines technischen Charakters als Betriebs- und Unterhaltungskomponente von internationaler Geberseite ebenfalls nicht gegenfinanziert. Geber- und Empfängerrationalität treffen sich dort, wo nicht realisierbare Instandhaltungsmaßnahmen Rehabilitierungen oder gar einen Neubau erforderlich machen.

Schienenverkehr

Der Schienenverkehr ins Landesinnere weist derzeit kaum eine tragfähige Entwicklungsperspektive auf, da das voraussichtliche Investitionsvolumen zur Wiederherstellung der Verbindung Conakry - Kankan jede verfügbare Finanzierungsmöglichkeit übersteigen würde. Außerdem ist durch die Instandsetzung der Fernstraße im Rahmen der 4. Phase zum Ausbau des Straßenverkehrsnetzes (s. Kap. 6.3.2.2.1) eine dem Verkehrsaufkommen bisweilen angemessene Alternative gegeben.

Einzig die Möglichkeit, bestehende und geplante Linien des Bergbausektors zum Abtransport der geförderten und aufbereiteten Erze zusätzlich für den Personen- und Güterverkehr zu nutzen, ist entwicklungsfähig. Es handelt sich einerseits um die bestehenden Werkslinien der FRIGUIA (Fria - Conakry) und der SBK (Kindia - Conakry) sowie die im Rahmen der vorgesehenen Erschließung des Bauxitvorkommens von Dabola - Tougoué geplanten Rehabilitierung der Linie Dabola - Conakry.

Maritimer Transport

Der Hafen von Conakry sieht seine zukünftigen Wachstumschancen in der Gewinnung von Marktanteilen am Transitverkehr zu den Anrainerstaaten, insbesondere zum östlichen Nachbarstaat Mali. Ein erstes Abkommen zwischen den beiden Ländern regelt die Bereitstellung einer Lagerfläche von ca. 2.500 m2 im Hafen für die Lagerung von Transitgütern von und nach Mali (MT Nr. 2698, S. 1656).

Doch ist der Hafen von Conakry als landesweit wichtigster Umschlagsort für den Außenhandel schon jetzt hinsichtlich seiner Lagerungskapazitäten und des Abtransports/der Zulieferung aller Güter quer durch die Hauptstadt überlastet. Aus diesem Grunde existieren neben dem Vorhaben einer weiteren Ausbauphase der Hafeninfrastruktur (s.o.) Pläne, einzelne Aktivitäten wie die Mineralöllagerung aus dem Kerngebiet des Hafens auszuschließen und an geeigneter Stelle außerhalb des Stadtgebietes anzusiedeln, mit dem Hafen mittels einer Pipeline verbunden.

Eine weitere Entlastung des Hafens von Conakry ist mit der Rehabilitierung des Hafens von Benty geplant. Obwohl ständige Wassertiefen von 12 m die problemlose Aufnahme von Großschiffen erlauben, erscheinen die Anfangsinvestitionen für den Wiederaufbau der Kaimauer, die Räumung der Anlegeplätze, die Ausbaggerung des Zufahrtskanals so-

wie der Bau der Zufahrtsstraße unüberwindbar.

Luftverkehr

Trotz der Renovierung des Flughafens von Conakry befindet sich der nationale Luftverkehr seit langem in einer Phase der Stagnation. Obwohl sich einige private Fluggesellschaften neu angesiedelt haben und den inländischen Flugverkehr regelmäßig bedienen, ist seine Ausweitung nur durch die Instandsetzung und den Ausbau der Inlandsflughäfen möglich. Hierzu fehlen derzeit und für die nähere Zukunft jedoch die Mittel. Die nationale Fluggesellschaft Air Guinée ist der Auflösung nahe. Mit jährlichen Defiziten von mehreren Mill. US$ hinterließ sie deutliche Spuren im Staatshaushalt des Landes. Angestrebt wird die Privatisierung zu einer Aktiengesellschaft, in der eine kompetente internationale Fluggesellschaft die finanzielle und technische Führung übernimmt und der Staat sich ein angemessenes Maß seiner Beteiligung erhalten kann.

6.3.3 Der Finanzsektor - Nach reformschwachen Jahren bedingte Sicherheit und Konsolidität

6.3.3.1 Die öffentliche Finanzen - Früchte der Haushalts- und Steuerpolitik

Der Haushalt der Regierung

Seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzreformen im Jahre 1986 war die Führung des guineischen Staatshaushaltes wichtigen strukturellen Wandlungen unterworfen, die ihn im Rahmen des Anpassungsprozesses von Staat und Wirtschaft an internationale Entwicklungsmaßstäbe zu einem bedeutenden Instrument der Entwicklungsplanung und -durchführung für das Land machten.

Eines der wichtigsten Reformziele war das Erreichen zunehmender Unabhängigkeit von den durch hohe Schwankungen charakterisierten Einnahmen aus dem Bergbausektor mit Hilfe von wachsenden Einkünften aus anderen Sektoren. So betrug im Zeitraum von 1987 bis 1992 das Wachstum der nichtbergbaulichen Erträge im Jahresdurchschnitt etwa 57,6%. Ihr Anteil an den gesamten Steuereinnahmen stieg von 19% im Jahre 1987 auf knapp 78% im Jahre 1995 an (s. Tab. 55). Mit der Konsolidierung dieser Haushaltspolitik erhöhten sich auch die Zuschüsse der internationalen Finanzhilfe von 14% im Jahre 1986 (ARULPRAGASAM/SAHN 1991, S. 174) auf etwa 27% im Jahre 1995, gemessen an den staatlichen Gesamteinnahmen. Gleichzeitig stiegen die Ausgaben proportional dazu an und erreichten in den Jahren zwischen 1987 und 1992 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von etwa 25%. Erst seit 1993, als der IWF und die Weltbank aufgrund des bisher immer noch zu zögerlich durchgeführten Abbaus des Beamtenapparates(297) sowie der steigenden Inlandsverschuldung mit wesentlichen Kürzungen und Aufschiebungen der Strukturanpassungskredite und anderen Zuschüssen drohten, kam es zu drastischen Ausgabenkürzungen in allen Haushaltsbereichen. Zwischen 1993 und 95 ging die Wachstumsrate der Ausgaben auf durchschnittlich 4% zurück; für Waren und Dienstleistungen war sogar ein nominaler Ausgabenrückgang zu verzeichnen (1993 80,6 Mill. US$, 1995 72,7 Mill. US$; s. Tab. 55).

Tabelle 55: Haushalt der guineischen Regierung 1989 - 1997 (in Mrd. FG)(1)

EINNAHMEN 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997(1)
Steuereinnahmen 167,9 229 264,4 322,8 327,6 318,9 401,5 373,4 443,4
Bergbau 128,4 147,7 138,7 145,9 137,4 98,5 110,7 106,3 122,9
Mineralölsteuer 18,7 17,1 35,3 48,9 52,6 65,1 72,6 66,7 63,9
Zölle int. Handel 15 32,1 48 56,3 51,2 53,8 58 56,3 75,3
Güter und Dienstleistungen 19,3 24,6 28,5 47,1 61,9 71,4 98,4 100,6 135,7
Einkommen und Gewinne 5 7,5 13,9 24,6 24,5 30,1 36,6 43,5 45,6
Nichtsteuerliche Einnahmen 13,6 16,2 14,3 21,5 24 24,4 25,2 25,2 32,5
Zuschüsse 52,5 68,3 82,5 117,3 112,7 117,5 146,3 123 135,4
Gesamteinnahmen 234 313,5 361,2 461,6 464,3 460,8 547,8 521,6 611,3
AUSGABEN
Laufende Ausgaben 170,2 207,3 246,7 287,9 293,5 311,8 329,6 350,7 383,4
Löhne u. Gehälter 60,7 78,5 102,8 132,2 140,3 145,5 154,9 173,4 171,7
Waren und Dienstleistungen 55,8 69,8 71,8 77,3 80,6 76,5 73,1 75 83,9
Subventionen/Übertragungen 24,4 17,2 28 32,6 31,1 37,3 52,2 50,3 60,3
Zinszahlungen 29,3 41,8 44,1 45,8 41,5 52,5 49,4 52 67,5
Investitionsausgaben 151,5 218,5 220,6 288,9 286,1 268,8 313,9 290,7 349,1
Gesamtausgaben 321,7 425,8 467,3 576,8 579,6 580,6 643,5 641,4 732,5
BILANZ
Saldo Verbindlichkeiten -87,7 -112,3 -106,1 -115,2 -115,3 -119,8 -95,7 -119,8 -121,2
Veränderungen in Zahlungsrückständen(2) -1,7 37,6 12,2 -89,9 0,3 19,2 -58,6 10,3 -56,6
Gesamtbilanz -89,4 -74,7 -93,9 -205 -115 -101 -154 -110 -178
FINANZIERUNG
Externe Finanzierung 103,2 88,2 87,8 217,4 149,7 86,2 130,2 81,1 236,5
Darlehen 115,7 120,1 133 173,5 194 136 152,7 123 251,3
Amortisation -46 -62,6 -89,6 -110,2 -93,6 -139,5 -94,3 -77,4 -76,1
Umschuldung 44,8 --- --- 346,8 56,6 0 246 0 75
Veränderungen in Zahlungs-

rückständen(3)

-11,4 30,8 44,4 -219,4 70,9 95,4 -174,2 35,5 -13,7
Interne Finanzierung -13,8 -13,6 6,1 -12,3 -34,7 14,3 24,1 28,4 -58,7
Gesamtfinanzierung 89,4 74,7 93,9 205,1 115 100,6 154,3 109,5 177,8
Gesamtbilanz d. Finanzen 0 0 0 0 0 0 0 0 0










ZUM VERGLEICH
Einnahmen des Bergbaus/% der Steuereinnahmen 76,4 64,5 52,5 45,2 41,9 30,9 28,1 28,5 27,7
BIP zu Marktpreisen(1)(4) 1624 1930 2346 2890 3116 3309 3642 3981 4278
Einnahmen ohne Zuschüsse/BIP (%) 11,2 12,7 11,9 11,9 11,3 10,4 11,3 10 11,1
Steuereinnahmen/BIP (%) 10,3 11,9 11,3 11,2 10,5 9,6 10,2 9,4 10,4
Steuereinnahmen ohne Bergbau/BIP (%) 2,4 4,2 5,4 6,1 6,1 6,7 7,4 6,7 7,5
Defizit (Steuerbilanz inkl. Zuschüsse/BIP (%) -5,5 -3,9 -4 -7,1 -3,7 -3 -4,1 -2,8 -4,2
Ausgaben/BIP (%) 19,8 22,1 19,9 19,9 18,6 17,5 17,5 16,1 17,1

(1) zu Marktpreisen

(2) National und international

(3) Amortisation

(4) ohne OBK/SBK

(5) Schätzungen

(Quelle: WB 1990a, Bd. I, Anhang 3; ARULPRAGASAM/SAHN 1991, S. 172; RG 1992a, S. 14 u. 15; RG TBEG Nr. 12, 1/92, S. 10 u. 11; RG TBEG Nr. 16, 1/93, S. 10 u. 11; RG TBEG Nr. 20, 4/93, S. 8; IWF 1993a, Anhang 1; EIU CP 1993/94, S. 24 u. 25; PNUD 1994, S. 6; EIU CP 1994/95, S. 26; RG 1994a, S. 6; PNUD 1995a, S. 8; RG 1995a, S. 5 u. 10; StLB 1995, S. 85 u. 86; EIU CP 1996/97, S. 13 u. 26, RG 1998e, S. 21ff).

Dennoch müssen parallele Maßnahmen zur Kürzung der Ausgaben im Investitionsbereich und zur Verbesserung des Steuereinzugs auf einer kohärenten Strategie hinsichtlich eines langfristig stabilen und schwankungsfreien Ausgleichs basieren, da eine fehlende Komplementarität eher entwicklungshemmend auf die Volkswirtschaft wirkt.

EINNAHMEN

Die sich allmählich einstellende positive Entwicklung in der Mobilisierung inländischer Steuerressourcen durch eine stetige Verbesserung und Anwendungsdurchsetzung des Steuereinzugssystems konnte den Einbruch der Einnahmen aus dem Bergbau in den Jahren 1993, 1994 und 1996 nicht auffangen, so daß insbesondere 1994 und 1996 ein nominaler Rückgang der Gesamtsteuereinnahmen zu verzeichnen war. Die drohende Zahlungsunfähigkeit des Staates konnte größtenteils durch eine erhöhte direkte (Darlehen) und indirekte (Umschuldung) externe Finanzierung gewährleistet werden, die 1995 sogar auf 11% vom BIP stieg (s. Tab. 55).

Obwohl das optimale Verhältnis der Steuereinnahmen zum BIP hinsichtlich eines das ökonomische Wachstum nicht beeinträchtigende Steuerniveau schwierig zu bestimmen ist, hat Guinea gegenüber anderen afrikanischen Staaten mit vergleichbarem BIP pro Kopf sein Potential an Steuerreserven noch lange nicht ausgeschöpft. Während die Einnahmen aus direkten Steuern durch die immer noch bedeutenden Einnahmen aus dem Bergbau deutlich über dem Durchschnitt liegen, sind Zoll- und Abgabengewinne aus den Bereichen internationaler Handel, Güter und Dienstleistungen vergleichsweise gering. Dennoch ist seit 1989 ein beständiges Wachstum der Steuereinnahmen außerhalb des

Bergbaus zu verzeichnen, und 1997 überstiegen die Abgabengewinne aus Güter und Dienstleistungen erstmals die bergbaulichen Steuereinnahmen, deren Anteil an den Gesamtsteuereinnahmen umgekehrt proportional stetig sank.

Die Gewinne aus dem internationalen Handel resultierten ausschließlich aus dem Zollverkehr des Hafens und des Flughafens von Conakry(298). Indessen reduzieren bis heute zwei dem guineischen Zoll eigenen Verhaltensweisen seine Einnahmen erheblich und belasten den Staatshaushalt durch beträchtliche Verluste:

a. Die Minderung des Wertes von Importwaren war ein gebräuchliches Mittel zur Reduzierung der Importsteuern, nahm jedoch mangels Kontrolle die Volkswirtschaft schädigende Ausmaße an. Erst seit Mitte 1995 wird bei allen Importen eine allgemeine Waren- und Preiskontrolle ab dem Herkunftsland durchgeführt.

b. Gerade nach Beginn der Handelsreformen 1985/86 artete die Praxis, Zoll- und Abgabenbefreiungen zum Zwecke der indirekten Förderung sektorieller Aktivitäten zu gewähren, zu einem unkontrollierbaren Mißbrauch aus. Untersuchungen einer unabhängigen Expertenkommission sowie die Einführung und Inbetriebnahme eines Zollinformationssystems(299) zeigten, daß Steuerbefreiungen (mit Ausnahme jener für Entwicklungshilfe und dem diplomatischen Dienst) 1994 für eine Minderung der Staatseinnahmen von 68,7 Mrd. FG, also 2,1% des BIP verantwortlich waren (WB 1996, S. 15).

Die gesetzlich festgelegten Zollabgaben für den Import der Mehrzahl privater Waren und Güter belaufen sich auf insgesamt 30% des Wertes. Eine Analyse der tatsächlichen offiziellen Einnahmen im Verhältnis zu den importierten Waren ergibt jedoch nur eine durchschnittliche Abgabenrate von 13,2% für die Jahre von 1990 bis 1994 (EBENDA). Das bedeutet, daß entweder mehr als die Hälfte der privaten Güter am Zoll vorbei in das Land gelangten oder nur zur Hälfte ihres tatsächlichen Wertes verzollt wurden. Die folgende Grafik zeigt außerdem, daß seit 1991 eine negative Tendenz in der Entwicklung der Abgabenrate vorherrschte. Der Verlauf der Mineralölsteuereinnahmen stellt sich ähnlich unzufriedenstellend dar (Grafik 17)(300). Die sich 1991 der geschätzten tatsäch-

lichen Verbrauchsmenge um etwa 75% nähernde Versteuerung hat ihre Begründung in einer zum Zeitpunkt der irakischen Invasion in Kuwait eingeführten Steuersenkung, um einem möglichen Ölpreisschock vorzubeugen (EBENDA, S. 16). Die nachfolgende Steuerberichtigung verminderte die Versteuerungsrate wieder bei anhaltender Steigerung des Gesamtverbrauchs.

Seit der Etablierung eines beständigen Haushaltes im Jahre 1989 schaffte es die guineische Regierung trotz beträchtlicher Einnahmeschwankungen einerseits und seiner strukturellen Mängel andererseits durch die Einführung und Anwendung von Steuerungsinstrumenten immer wieder, diesen rechtzeitig anzupassen, um zu einer letztendlich weitgehend stabilen Haushaltsbilanz zu kommen. In der Tat wurde die Haushaltsführung durch die Zusammenfassung aller Ausgaben in einem Budget und eine verstärkte Ausgabenkontrolle zu einem wichtigen Werkzeug in der Entwicklung von Wirtschaft und Finanzen. Dennoch schwächen ständige Abweichungen von eingeführten Standardprozeduren und -mechanismen seine Effizienz und führen oft zu ad-hoc-Maßnahmen, die die Planungsziele und Durchführungskonzepte zu ihrer Erreichung gefährden.

AUSGABEN

Seit 1990 sind die Ausgaben, im Verhältnis zum BIP gesetzt, beständig gesunken und erreichten 1997 nur noch 17,1% (s. Tab. 55). Damit einher ging der fremdfinanzierte Anteil an den öffentlichen Investitionsausgaben ebenfalls zurück, von 10,1%/BIP im Jahre 1990 auf 6,9%/BIP im Jahre 1994 (EBENDA, S. 19). Doch auch die laufenden Ausgaben erfuhren mit Ausnahme der öffentlichen Löhne und Gehälter teilweise rigide nominale Kürzungen.

Der Anstieg der Löhne und Gehälter der Staatsbediensteten von noch 38% im Jahre 1990 auf nahezu die Hälfte der gesamten laufenden jährlichen Ausgaben des Staates im Jahre 1993 hatte mehrere Ursachen: Aufgrund erheblicher politischer Unruhen wurden die staatlichen Gehälter 1991 verdoppelt. Ein Jahr später sorgte eine Umklassifizierung des Beamtentarifes für Grundschullehrer, die 23% der öffentlichen Angestellten ausmachten, für eine Erhöhung ihrer Gehälter um 50%. Außerdem führten unkontrollierte Bonus- und Zuschlagsregelungen für enorme jährliche Zusatzausgaben.

Im Bereich der Subventionen und Übertragungen waren es weniger die Finanzhilfen für die nach der Privatisierungswelle noch übriggebliebenen Staatsbetriebe(301), sondern vielmehr die Mitfinanzierung der ECOMOG - Friedenstruppen in Sierra Leone und

Liberia(302) sowie wachsende Rentenausgaben, die für ein beständiges Ausgabenwachstum in diesem Bereich sorgten. Der Anstieg der Renten hatte seinen Ursprung sowohl in der seit Beginn der 90er Jahre eingeführten freiwilligen Pensionierung als auch in einer deutlichen Aufwertung der Renten 1992 nach der Anhebung der Beamtengehälter (s.o.).

Drastisch wurden die Ausgaben für Waren und Dienstleistungen gekürzt, die von 1993 bis 1995 um nominal 10% zurückgingen, was unter Berücksichtigung der Inflation im selben Zeitraum einen Rückgang von mehr als 20% bedeutet. Bestandteil der allgemeinen Haushaltskürzungen einerseits, lag die erklärte Absicht der guineischen Regierung zugrunde, mit den Ausgabenreduzierungen in diesem Bereich betrügerische Machenschaften und Korruption einzudämmen. Es bleiben jedoch Zweifel, ob die Kürzungen dieses Ziel erreichen, denn das System zur Ausgabenkontrolle bleibt nach wie vor schwach. Im Gegenteil, fehlende Ausgaben führten in manchen Bereichen bald an den Rand der Handlungsunfähigkeit, vor allem im Bildungs- und Sozialwesen.

DAS ÖFFENTLICHE INVESTITIONSPROGRAMM

Seit Entstehen der II. Republik legte Guinea ein ambitionsreiches öffentliches Investitionsprogramm auf (Programme des Investissements Publics PIP), um seine heruntergekommene physische Infrastruktur wiederherzustellen und zu entwickeln. Die internationale Gebergemeinschaft unterstützte dieses Ziel mit technischer und finanzieller Hilfe in Höhe von durchschnittlich 85% der Investitionskosten. Bis 1990 wuchs der Anteil der Ausgaben für das Investitionsprogramm auf 11,3% des BIP an (s. Tab. 55).

Die in den Folgejahren aufgrund ausbleibender Bergbaueinnahmen im Gesamthaushalt und einer wegen unzureichendem Managements gekürzer externer Unterstützung reduzierte Finanzgrundlage ließ das Investitionsprogramm deutlich zurückfallen, seinen Anteil am BIP auf 7,3% sinken (1996). Die Ressourcenknappheit veränderte die Prioritäten: während die externe Finanzierung (Financement Extérieur FINEX) wie bisher die Entwicklung des sozialen und ländlichen Sektors förderte, wurde das nationale Budget (Budget National de Développement BND) mehr und mehr für die Verbesserung der allgemeinen Verwaltung und den Energiesektor verwandt.

Doch letztendlich sind nicht allein die durch die Kürzungen des Haushalts hervorgerufenen Planungs- und Entscheidungsspannungen für die mangelnde Transparenz im Verabschiedungsprozeß des PIP verantwortlich. Das drei Planungsjahre umfassende Investitionsprogramm wird in jährlichen Sitzungen zwischen der zuständigen Behörde (Direction Nationale des Investissements Publics DNIP) und den betroffenen Ministerien in den letzten 2 - 3 Monaten des Steuerjahres als Komponente der Haushaltsplanung verhandelt und aktualisiert. Die Entscheidungsfindung zur Aufnahme neuer Projekte oder Anpassungen von Budgetzuweisungen bleibt indes unklar. Des weiteren übersteigt der jeweils verabschiedete Budgetvorschlag stets den möglichen Finanzrahmen des PIP und muß daraufhin nach makroökonomisch und steuerpolitisch relevanten Erfordernissen gekürzt werden. Dabei kommen planungs- und projektspezifische Notwendigkeiten wie z.B. Förderungskontinuitäten und Qualitätssicherung ständig zu kurz. Andererseits werden Finanz- und Verlaufskontrollen, Langzeitbewertungen für eine Nachhaltigkeitssiche-

rung oder Sanktionen weniger möglich.

DIE ZUKÜNFTIGE HAUSHALTS- UND STEUERPOLITIK

Seit 1993 nimmt die guineische Regierung zur Kompensation der deutlichen Mindereinnahmen aus dem Bergbau erhebliche Kürzungen in den laufenden öffentlichen Ausgaben und in ihrem Investitionsprogramm vor, um einer makroökonomischen Instabilität vorzubeugen. Gleichzeitig führte ein allmählich sich effektiver gestaltender Steuereinzug zu einem besseren Verhältnis des Steueraufkommens zu den laufenden Ausgaben. Bei möglichen negativen Veränderungen der finanziellen Parameter ist dieser Zustand des Übergangs zur Überbrückung finanzschwacher Zeiten gefährlich instabil und sollte daher zeitlich begrenzt bleiben. Das Risiko einer stagnativen und sogar rezessiven Haushaltspolitik äußert sich durch die Veränderung der Investitionsprioritäten der guineischen Regierung, die bei Finanzknappheit im Rahmen ihres Budgets (BND) steigende Investitionen im Verwaltungsbereich aufweist und durch Mittelkürzungen in mit externen Geldgebern (FINEX) kofinanzierten Projekten Entwicklungsziele gefährdet.

Langfristig gesehen ist die Steigerung der öffentlichen Einnahmen durch erhöhte Steuereinnahmen vorteilhafter und nachhaltiger als eine Bilanzverbesserung durch Ausgabenkürzungen. Die Reaktion der Wirtschaft auf allgemein ausgewogene und sinnvolle Steuererhöhungen ist in der Regel weniger sensibel und restriktiv als auf die Reduzierung öffentlicher Investitionen und das damit verbundene Ausbleiben marktwirtschaftlich notwendiger Anreize. Das setzt allerdings voraus, daß Steuererhöhungen unter der Eliminierung von Steuerprivilegien traditioneller, politischer oder machtindustrieller Art, also unter Anwendung des Prinzips der Steuergleichheit im Rahmen eines Prozesses der Mentalitätsänderung vorgenommen werden.

Die zukünftige Steuerpolitik Guineas wird sich auf Reformen in bestimmten Steuerarten sowie die Einführung und stringente Durchsetzung von Maßnahmen zur weiteren Verbesserung des Steuereinzugsystems konzentrieren. Zum einen soll das Anwendungsfeld für indirekte Steuern erweitert und gleichzeitig eine Vielzahl von sich akkumulierenden Kleinsteuern auf importierte und produzierte Zwischen- und Endgüter zu einer einheitlichen Mehrwertsteuer vom 20% zusammengefaßt werden (RG 1995d, S. 15). Zum anderen soll die Mobilisierung von Steuern durch die folgenden Maßnahmen weiter forciert werden:

1. Zentralisierung der Steuernverwaltung mit sämtlichen Verantwortlichkeiten für den Steuereinzug auf die nationale Steuerbehörde (Direction Nationale des Impôts DNI)(303).

2. Erhebung einer Vorsteuer von 3% auf alle Importe zur besseren Erfassung und Kontrolle informeller Aktivitäten(304).

3. Verbesserung der Erfassung und des Einzugs der Grundstücks- und Immobiliensteuer durch die Anlegung eines Katasters.

4. Bekämpfung des Mißbrauchs von Steuerbefreiungen durch eine deutliche Einschränkung dieser und Kontrolle dieser(305).

5. Verhinderung der Unterfakturierung von Importen durch Steigerung der Transparenz von Verzollungsvorgängen.

6. Aufhebung von Befreiungen von der Mineralölsteuer.

7. Einrichtung einer Spezialabteilung bei der Steuerbehörde für den gezielten Steuereinzug bei Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über 150 Mill. FG zur Vermeidung von Zahlungsrückständen.

Des weiteren stellen insbesondere die Überwachung der ordnungsgemäßen Verzollung der Nahrungsmittelimporte für das Militär sowie die Kontrolle der zollfreien Importe von Verbrauchsgütern für die internationalen Bergbaugesellschaften ein weiteres sensibles Feld dar, den Mißbrauch in Form des kommerziellen Weiterverkaufs o.ä. der Güter in sich bergend.

Die Zahlungsbilanz

Die Jahre 1990 bis 1992 waren gezeichnet vom Rückgang der Exporte aus dem Bergbausektor, hervorgerufen durch den Aluminiumpreisverfall auf dem Weltmarkt sowie tiefgreifenden Restrukturierungen und umfangreichen Modernisierungen der Minengesellschaften, die die laufende Produktion teilweise beeinträchtigten. Gleichzeitig stieg der Import von Zwischen- und Konsumgütern weiter an und übertraf in den Jahren von 1992 bis 1994 die Exporte, so daß die Handelsbilanz negativ ausfiel (s. Tab. 56).

Auch der Kapitalfluß stagnierte bis 1991, was zur negativen Entwicklung der Zahlungsbilanz beitrug. Die auftretenden Defizite konnten durch Umschuldungen, Schuldenteilerlasse, die Mobilisierung finanzieller Staatsreserven, Erhöhungen der Rückstände im Schuldendienst, Kreditaufnahme im Ausland und die Zahlungsbilanzausgleichshilfe internationaler Finanzinstitute neutralisiert werden.

Mit Ende der Reorganisation und Modernisierung der Bergbaugesellschaften, deren vorherige Produktionskapazitäten wieder erreicht und z.T. gesteigert werden konnten, nahmen 1993 die Ausfuhren wieder leicht zu, während die Einfuhren gekürzt wurden. Dadurch fiel die Handelsbilanz weniger negativ aus. Im Folgejahr führten allerdings eine schwache Dienstleistungbilanz, geringe Übertragungsleistungen sowie eine unbefriedigend niedriger Saldo in der Kapitalbilanz wiederum zu einer negativen Zahlungsbilanz. Ab 1995 sorgten der mittels Reformen und Neuinvestitionen erstarkte Bergbau, aber mittlerweile auch andere Produktions- und Dienstleistungszweige durch eine Steigerung der Exporte für eine deutliche Verbesserung der Handelbilanz. Die Dienstleistungsbilanz hat sich durch eine strikte Haushaltspolitik stabil gehalten.

Tabelle 56: Zahlungsbilanz Guineas 1989 - 1996 (in Mill. US$).

Bilanz/Jahr 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996
Handelsbilanz (fob) 135,9 66,1 13,0 -146,6 -111,3 -88,9 34,3 17,3
Ausfuhr 722,8 789,3 754,8 621,9 646,3 564,5 719,3 637,4
Einfuhr -586,9 -723,2 -636,8 -768,5 -757,6 -653,4 -685 -620,1
Dienstleistungsbilanz -317,5 -320,9 -293,2 -236,7 -231,1 -206,7 -182,5 -189,3
Saldo der Übertragungen 53,8 60,7 78,7 80,7 103,2 67,3 -52,6 -68,0
Privat -44,2 -40,2 -30,8 -52,9 -52,3 -52,9 -200,2 -190,0
Staatlich 98 100,9 109,5 133,6 155,5 120,2 147,6 122,0
Saldo der Leistungsbilanz -127,8 -194,1 -201,5 -302,6 -239,2 -228,3 -200,8 -240,0
Saldo der Kapitalbilanz 119,4 117,9 114,5 182,2 189,1 62,9 127,9 117,4
Goldmünzprägung 8,3 27,3 35,4 35,5 37,6 69,4 0 0
Ungeklärte Beträge -27,9 11,2 -16,0 2,4 36,8 49,0 -29,5 -19,0
Saldo der Zahlungsbilanz -28,0 -37,7 -67,6 -82,5 21,3 -47,0 -102,4 -141,6


(Quelle: WB 1990a, Bd. I, S. 45; RG 1992a, S. 19-21; IWF 1993a, Anhang 9; EIU CP 1993/94, S. 28/29; EIU CP 1994/95, S. 30; RG 1994a, Anhang Tab. 9; StLB 1994, S. 96; RG 1995a, S. 4; EIU CP 1996/97, S. 30; RG 1995e, S. 6; RG 1998e, S. 26).



6.3.3.2 Die öffentliche Auslandsverschuldung - Ein Teufelskreis ohne Ausgang

Im Zuge der seit 1982 bestehenden Verschuldungskrise in den Entwicklungsländern und dem mit dem Beginn der II. Republik einsetzenden Kapitalzufluß aus der westlichen Welt hat sich Guinea ebenfalls stark verschuldet(306). 1987 erreichte die Schuldenlast mit knapp 98% des BIP einen relativen Höchststand. Die meisten Kredite vergaben bilaterale Geber, allen voran die Länder des Pariser Clubs(307). Ihr Anteil an den langfristigen Schulden betrug in den Jahren von 1986 - 92 etwa 64%, wies jedoch eine abnehmende Tendenz auf und erreichte 1997 nur noch 48% (s. Tab. 57). Im selben Zeitraum wuchs die Kreditvergabe multilateraler Organisationen von 21,3% (1986) auf 49,4% (1997) an (PNUD RCD 1997, S. 15ff).

Dies zeigt, daß die multilateralen Entwicklungshilfe- und Finanzorganisationen deutlich ihre Bereitschaft erhöhten, zu Beginn der Reformen zur strukturellen Anpassung und den damit verbundenen Wirtschafts- und Finanzreformen mit der Bereitstellung von Krediten zur Sanierung von Staat und Wirtschaft beizutragen, die Entwicklung voranzutreiben.

Aufgrund der weitestgehenden Einhaltung der im Rahmen des Programms zur strukturellen Anpassung mit dem IWF vereinbarten Haushaltsvorgaben wurden Guinea von den Ländern des Pariser Club insgesamt 3 Anträge auf Umschuldung und Teilschuldenerlaß genehmigt(308) (235 Mill. US$ im April 1986, 124 Mill. US$ im April 1989 und 203 Mill. US$ im November 1992(309)). Für die letzte Umschuldung (203 Mill. US$) galten die seit Dezember 1991 eingeführten Sonderbedingungen für Entwicklungsländer mit niedrigem Einkommen, die sog. "erweiterten Toronto Terms(310)", die im Rahmen gestufter Tilgungspläne 3 Optionen vorsahen:

1. Streichung der Hälfte der Schulden und Umschuldung des Restes zu Marktzinsen unter Gewährung einer Tilgungsperiode von 23 Jahren und 6 tilgungsfreien Jahren.

2. Erweiterung der Tilgungsperiode auf 25 Jahre und 216 tilgungsfreie Jahre, die Rückzahlung erfolgt zu Marktzinsen.

3. Umschuldung unter Gewährung von Vorzugszinsen, so daß der Gegenwartswert des gesamten vereinbarten Schuldendienstes halbiert wird, wobei ebenfalls eine Rückzahlungszeit von 23 Jahren ohne tilgungsfreie Zeit zugrundegelegt wird (nach PNUD 1994a, S. 7).

Weiterhin kam es in Verhandlungen mit dem Pariser Club 1995 zu einer Umschuldung von ca. 13 Mill. US$ Handelsschulden mit Japan unter den sog. "erweiterten Toronto Terms" (EIU CR 2/96, S. 18). In denselben Verhandlungen erließen Frankreich, Deutschland, Japan, Norwegen und die USA unter den "Neapel - Bedingungen" (Schuldendiensterlaß bis zu 67%) jeweils 50% des an sie für 1994 und 1995 zu entrichtenden Schuldendienstes (EIU CP 1996/97, S. 32). Im selben Rahmen erfolgte noch einmal eine Schuldenerleichterung von 33,1 Mill. US$. Damit sind insgesamt etwa ein Fünftel der Gesamtbelastungen umgeschuldet worden. Da diese Beträge ebenso wie die Kredite multilateraler Organisationen sowie der überwiegende Teil der Vorzugskredite nicht mehr umgeschuldet werden können, wird zukünftig nur etwa ein Drittel aller mittel- und langfristigen Schulden Gegenstand von weiteren Umschuldungsverhandlungen sein können (StLB 1994, S. 87).

1992 betrug die Auslandsverschuldung (langfristige Schulden) 2,46 Mrd. US$, 79% des BIP (s. Tab. 57). Im selben Jahr wurde kein Schuldendienst an Rußland geleistet, da sich einerseits die SBK, dessen Bauxitproduktion ausschließlich nach Rußland exportiert und zu über 50% zur Tilgung der Schulden verwandt wurde (s. Kap. 6.2.2), infolge ihrer Restrukturierung und Privatisierung in einem Produktionstief befand, andererseits Uneinigkeit über die Höhe der Schuldenlast nach dem Verfall der russischen Währung herrschte. Nach Wiederaufnahme der Produktion im Jahre 1993 wurden die Bauxitexporte im Rahmen von Neuverhandlungen von der Schuldentilgung getrennt und mittels di-

rekter Kaufverträge veräußert. Die Schuldensituation mit der ehemaligen Sowjetunion wurde daraufhin neu verhandelt, und eine Schuldenhöhe von 231 Mill. US$ für 1994 errechnet (EIU CP 1996/97, S. 31).

Tabelle 57: Öffentliche Auslandsverschuldung Guineas 1989 - 97 (Mill. US$)(1).

Schuldenart/Jahr 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997
Auslandsschulden, gesamt 2167 2478 2626 2643 2784 3094 3242 3240 3120
IWF - Kredite 61 51 55 60 60 71 94 82 99
Kurzfristige Schulden 147 183 170 117 128 152 173 177 131
Langfristige Schulden(2) 1958 2244 2401 2466 2596 2871 2975 2981 2890
Öffentl. Kreditgeber 1837 2136 2303 2363 2492 2773 2892 2883 2810
Multilateral 565 678 827 915 1060 1294 1466 1486 1429
Bilateral 1272 1457 1476 1448 1432 1479 1427 1397 1381
Private Kreditgeber 121 108 98 103 104 98 82 98 80
Schuldendienst 115 168 134 85 84 97 181 114 105
Tilgung 77 109 91 48 44 54 134 67 60
Zinsen 38 59 43 37 40 43 47 47 45
Zum Vergleich
BIP (Mill. US$) 2751 2838 2922 3131 3047 3236 3398 3648 3878
Gesamte Auslandsschulden

(in % vom BIP)

78,8 82,6 82,6 84,4 91,4 95,6 95,1 88,8 80,5
Schuldendienstverhältnis (in %)(3) 15,2 19,3 16 12,7 11,1 14,6 25,3 17,9 16,5


(1) Zu Marktpreisen.

(2) Fälligkeit > 12 Monate.

(3) Gesamtschuldendienst im Verhältnis zum Export von Gütern und Dienstleistungen.

(Quelle: IWF 1993, Anhang ); EIU CP 1993/94, S. 31; WB 1993a, S. 289 - 291; WB 1993b, S. 132 u. 134; TBEG Nr. 20 (4/93), S. 7; PNUD 1994a, S. 7; EIU CP 1994/95, S. 31 u. 32; WB 1994c, Annex 5, S. 1; PNUD 1995a, S. 7; RG 1995a, S. 5; StLB 1994, S. 87; EIU CP 1996/97, S. 31 u. 32, EIU CP 1997/98, S. 35, EIU CP 1998/99; RG 1999b, S. 15ff).



War der Schuldendienst seit 1990 stetig reduziert worden, so stieg er 1994 mit 84 Mill. US$ wiederum auf über 3% vom BIP an. Während in den Jahren 1986 - 93 die Aufwendungen für den Schuldendienst zu durchschnittlich 70% auf die Tilgung verwandt wurden, nahmen seit 1992 die Zinszahlungen 45% des Schuldendienstes ein. Erst 1995 stiegen die Tilgungszahlungen wieder an (s. Tab. 57).

1997 erreichten Guineas Auslandsschulden 3,1 Mrd. US$, d.h. 89,3% des BIP. Die Verschuldung konnte bei einem Durchschnittswachstum des BIP von jährlich über 4% trotz Tilgungsbemühungen, Umschuldungsaktionen und Schuldenerlassen nicht reduziert werden, da einerseits die Weltmarktpreise für Guineas Hauptexportprodukte in den letzten Jahren stetig gefallen sind, andererseits die Einfuhr industriell gefertigter Konsumgüter

sowie Produktions- und Nahrungsmittel immer kostspieliger wurde(311). Durch die Öffnung der Schere zwischen Importaufwendungen und Exporterlösen haben sich die terms of trade merklich verschlechtert (s. Tab. 52) (SENF 1996, S. 114).

Sich auch nach makroökonomischen Anpassungsprogrammen und zahlreichen Sektorreformen steigernde Zahlungsbilanzdefizite führten neben der hohen Weltmarktabhängigkeit zu weiteren Abhängigkeiten von der nunmehr in Form von Haushaltsausgleichshilfe gewährten Entwicklungshilfe. Die wenn auch unter erheblichen Vergünstigungen transferierten staatlichen Kredite(312) sollten nach einer Erstarkung der Volkswirtschaft allmählich zurückgezahlt werden. Jedoch konnte sowohl von der Strategie und Konzeption der mit den Krediten verbundenen Programme als auch durch produktivitätshemmende innere Strukturen kein Wirtschaftswachstum erreicht werden, das zu Bilanzüberschüssen und damit zu Rückzahlungsmöglichkeiten geführt hätte.

Dies bedeutet für Guinea eine auf unbestimmte Zeit unabwendbare Abhängigkeit von ausländischen Kreditgebern, wenn nicht das Wachstum des BIP die Rückzahlung der Schulden und gleichzeitige wirtschaftliche und soziale Entwicklungsinvestitionen erlaubt. Seit 1995 ist zwar die gesamte Auslandsschuldbelastung um 4% gesunken und stellt bei einem weitgehend stabilen Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 4,7% im Jahr nur noch 80% des BIP (1997) bei weiter fallender Tendenz dar, doch nimmt der Schuldendienst nahezu 28% der gesamten öffentlichen Entwicklungshilfe ein und übersteigt damit den Wert der jährlichen Entwicklungszusammenarbeit eines jeden einzelnen Gebers (1997).

Noch kritischer ist die Verschuldungssituation Guineas im Hinblick auf die Art der von der internationalen Gebergemeinschaft geleisteten Entwicklungshilfe zu sehen: 1997 betrug der in Form von zurückzuzahlenden Entwicklungskrediten geleistete Übertragungsanteil 55% oder 210 Mill. US$, genau doppelt soviel wie der Schuldendienst im selben Jahr (PNUD RCD 1997, S. 16 u. 30)(313). Andererseits machen die Zinszahlungen Guineas derzeit über 61% der rückzahlungsfreien Entwicklungshilfe aus (1997). Es wird deutlich, daß die hohe Schuldenbelastung Guineas das Land in seinen Möglichkeiten, seine Entwicklung durch entsprechende Investitionen voranzutreiben einschränkt.

Ursprünglich waren die Kredite, die zu diesem Verschuldungsniveau führten, zur Finanzierung von Investitionsprojekten aufgenommen worden, die zu einer verbesserten wirtschaftlichen Entwicklung führen sollten, um dann wiederum die Schulden zurückzahlen zu können. Guinea befindet sich damit wie viele andere afrikanische Entwicklungsländer auch heute noch in einer anhaltenden Verschuldungskrise, aus der es aufgrund eines durch ständige Kreditaufnahme provozierten Wachstumszwangs bei steigenden Zinsla-

sten keinen Ausweg gibt(314).

6.3.3.3 Geld und Kredit - Eine Frage des Vertrauens

Mit der Ende 1985 begonnenen Bankreform sollten drei für die volkswirtschaftliche Entwicklung und insbesondere für die Wiederbelebung des Finanzmarktes entscheidende Ziele verwirklicht werden; die Rückgewinnung des Vertrauens der guineischen Bevölkerung in das Bankensystem, die Mobilisierung finanzieller Ressourcen für die guineische Wirtschaft, und der damit verbundene Aufbau eines tragfähigen Kreditmarktes.

Vertrauen in das Bankensystem

Erstmals nach mehr als einem Vierteljahrhundert der finanzwirtschaftlichen Herrschaft der Staatsbanken wurde der Bankensektor durch seine Liberalisierung mittels eines neuen Bankgesetzes Ende 1985 der breiten Öffentlichkeit und dem privatwirtschaftlichen Sektor zugänglich gemacht. Der Anteil der kurz- und langfristigen Bankeinlagen, der 1986 etwa 15,8% der Geldmenge im Umlauf betrug, stieg bis 1997 auf über 41% an. Ein weiteres, wichtiges Zeichen für die Wiederherstellung des Vertrauens in das Bankensystem war ein beständiger Anstieg der Bankkredite an Private, die zwischen 1990 und 1997 ein jährliches Durchschnittswachstum von etwa 17% verzeichnen konnten. Weiterhin sorgten die Liberalisierung des Wechselkurses, ein neues Investitionsgesetz (1987)(315) sowie der Kreditfluß internationaler Finanzierungs- und Entwicklungshilfeorganisationen für einen Anstieg ausländischer Nettokapitaleinlagen in Guinea.

Guineas Finanzsystem besteht heute aus der guineischen Zentralbank (Banque Centrale de la Guinée BCRG), fünf Handelsbanken, vier Versicherungsgesellschaften, einer Sozialversicherungskasse sowie zwei Bankenkooperativen für den ländlichen Bereich(316). Die Zahlen in der Tab. 58 belegen bis 1993 durchaus eine positive Entwicklung des Bankensektors. Jedoch haben sich die Beziehungen zum privatwirtschaftlichen Sektor und das Vertrauen der guineischen Öffentlichkeit noch nicht in ausreichendem Maße konsolidiert, um von einer die Konjunktur nachhaltig fördernden Wirkung zu sprechen. Die unzureichende Wirtschaft der Monetarisierung sowie vorherrschende ungünstige Geschäftsverbindungen und rechtliche Bedingungen blockierten weiterhin den Aufbau eines vor

allem den produzierenden Mittelstand ansprechenden Finanz- und Kreditsektors.

Tabelle 58: Die Währungssituation 1990 - 1998 (in Mrd. FG).

Jahr 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998(1)
Ausländische Nettoeinlagen 64,6 82,4 112,4 161,7 121,4 109,4 85,7 157,2 180,4
Zentralbank 49,9 58,3 74,1 122,3 88,1 98,4 74,4 135,2 146
Handelsbanken 14,7 24,1 38,3 39,4 33,3 11 11,3 22 34,4
Nettokredite im Inland 76,3 92,6 136,2 152,2 183,3 209,9 264,3 253,5 255,6
Nettokredite a.d. öfftl. Hand 13,3 30,4 52,6 45,9 67,9 72,1 127,4 94,9 84,3
Kredite an die Regierung 32,2 40,7 50,2 43,3 64,8 68,3 122,9 90 79,5
Kredite an Staatsbetriebe -18,9 -10,3 -2,4 2,5 3,1 3,8 4,5 4,9 4,8
Bankkredite an Private 63 62,2 83,6 106,3 144,4 172,4 188,4 187,4 219,9
Andere (Netto) 7 19,4 6,7 1,1 -29 -34,6 -56 -33,7 -53,3
Geldmenge im Umlauf (M2)(2) 134,7 194,2 255,3 315 304,6 336,7 350 410,7 435,6
Bargeldumlauf 84,8 119,4 133 166,6 154,8 174,1 154,4 191,6 208
Bankeinlagen kurz/langfristig 44,3 61,3 104,8 116,8 121,3 134,4 151,1 168,8 171,3
Deviseneinlagen 5,6 13,5 17,5 31,6 28,5 28,2 44,5 53,6 56,3
Zum Vergleich
BIP zu Marktpreisen (3) 1930 2340 2890 3116 3309 3642 3663 3841 4030
Geldmenge in % vom BIP 7 8,3 8,8 10,1 9,2 9,2 9,6 10,7 10,8
Jährliche Wachstumsrate der Geldmenge im Umlauf (%) 44,2 31,5 23,4 22,9 -3,3 10,5 3,1 14,2 9
Jährliche Wachstumsrate der Bankkredite an Private (%) -1,3 34,4 27,2 12,7 35,8 19,4 9,3 -0,5 17,3


(1) Schätzungen.

(2) Mit Deviseneinlagen, ohne öffentliche Unternehmen.

(3) Ohne OBK/SBK.

(Quelle: RG TBEG Nr. 16 (1/93), S. 12; RG TBEG Nr. 20 (4/93), S. 9; RG TBEG Nr. 24 (2/95), S. 10; EIU CP 1993/94, S. 26; IWF 1994, Anhang 8; StLB 1994, S. 83; RG 1994a, S. 5; EIU CP 1996/97, S. 26 u. 27, RG TBEG Nr. 34 (4/97), S. 22; RG TBEG Nr. 37 (4/98), S. 22; RG 1999b, S. 15ff).

Die Weltbank und der IWF bewilligten daher 1993 im Rahmen ihrer Kredite zur strukturellen Anpassung zusätzliche Mittel für Maßnahmen zur Fortführung der Finanz- und Währungsreformen, die die Zentralbank bis 1998 weitgehend umsetzte:

1. Währungspolitische Maßnahmen:

a. Einrichtung eines Marktes für Schatzanweisungen und Festsetzung der Mindestreserven auf 7% der Bankeinlagen zur Liquiditätskontrolle;

b. Weitere Liberalisierung des Devisenmarktes durch die Erteilung von Genehmigungen zum Betrieb privater Wechselbüros sowie der Einrichtung einer Devisenbörse im bankgeschäftlichen Bereich unter Beteiligung aller Handelsbanken (Marché Interbancaire de Devises MID);

c. Weiterentwicklung indirekter Steuerungsmöglichkeiten der BCRG durch die Einrichtung von makroökonomischen Überwachungsinstrumenten,

Frühwarnsystemen, weitere Informatisierung sowie Schulung des entsprechenden Personals.

2. Strukturelle Maßnahmen:

a. Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen für Banken und Versicherungen durch die Optimierung ihrer gesetztlichen Grundlagen;

b. Rekapitalisierung zweier Handelsbanken mit Liquiditätsproblemen (BIAG und BIG);

c. Reduzierung der staatlichen Beteiligung in Banken und Versicherungen;

d. Weitere Dezentralisierung und Diversifizierung des Finanzsystems durch die Institutionalisierung von Bankkooperativen (Crédit Rural, Crédit Mutuel) sowie die Förderung des Aufbaus von Sparkassen.

Doch auch nach den Reformen kennzeichnet Guineas Finanz- und Bankensystem mangelnde Tiefe und Instabilität. Obwohl ein stetes Anwachsen der Geldreserven der guineischen Zentralbank seit 1993 erheblich zur Verminderung des Inflationsrisikos beitrug, konnten andererseits die Nettokredite an die öffentliche Hand nicht wesentlich verringert werden. Im Bereich der währungspolitischen Maßnahmen wird sicherlich die weitere Organisation des Devisenmarktes und seiner strikten Orientierung nach Angebot und Nachfrage der Entwicklung des Handelsgewerbes positive Impulse geben können. Die Gefahr des unkontrollierten Devisenabflusses und der Fortsetzung eines ungeregelten Finanzverkehrs wird durch die Verbesserung der gesetzlichen Grundlagen der Banken und Versicherungen und damit eine deutliche Erhöhung der Transparenz und Sicherheit entkräftet. Demzufolge kommt den Banken und Versicherungen ebenso eine noch nicht abschätzbare Aufklärungs- und Informationsaufgabe zu.

Die Erfassung und Integration des ländlichen Bereiches in einen dort noch zu etablierenden Bankensektor wird eine sensible und langwierige Aufgabe sein. Ihr Erfolg wird im wesentlichen vom Ergebnis der Institutionalisierung der schon bestehenden Bankkooperativen sowie der Einrichtung eines seriösen und tragfähigen Systems von kleinen Volksbanken und Sparkassen abhängen.

Mobilisierung finanzieller Ressourcen

Die Monetarisierung der Volkswirtschaft schreitet nur langsam voran und wird vom Inflationsrisiko bestimmt. Der Anteil der im Umlauf befindlichen Geldmenge am BIP stieg von 7% im Jahre 1990 auf nahezu 11% im Jahre 1998. Obwohl bis 1993 eine ständige Mehrproduktion an Geldmitteln zum Ausgleich der Defizite im Staatshaushalt stattfand(317), blieb der Anteil der Geldmenge am BIP gegenüber anderen westafrikanischen Nachbarländern deutlich zurück(318).

Tabelle 59: Inflationsrate und Wechselkursverhalten (US$) des FG 1986 - 1998(1).

Jahr 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998
% 71,8 36,8 27,4 28,2 19,4 19,6 16,6 8,1 5 5,6 3 1,9 5,1
FG/US$(2) 345 428 475 590 660 760 900 960 978 992 1004 1099 1233


(1) Die Werte errechnen sich aus dem Mittel der monatlichen Inflationsrate über ein Jahr, verglichen mit dem Mittel des vergangenen Jahres.

(2) Jahresdurchschnitt, gerundet.

(Quelle: RG 1992a; WB 1993a, S. 4; PNUD 1994, S. 5; RG 1994a, S. 5; RG 1995a, S. 5; EIU CP 1996/97, S. 16; RG 1998e, S. 20; RG TBEG Nr. 34 (4/97), S. 20), RG 1999b, S. 3).

Sobald die allgemeine Nachfrage an Waren und Dienstleistungen steigt, tendiert das allgemeine Preisniveau ebenfalls dazu, beträchtlich anzuziehen. Die Gründe dafür sind einerseits in der Limitierung des nationalen Angebots, andererseits in der Tatsache, daß die Zentralbank auf diese Situation mit einer Entwertung des Wechselkurses zur Eindämmung der Nachfrage an importierten Produkten reagiert, zu suchen.

Außerdem hat die Finanzierung von Haushaltsdefiziten durch die Erhöhung der Geldumlaufmenge ebenfalls nachhaltige Auswirkungen auf die Preisentwicklung auf dem guineischen Markt, da mit dieser Maßnahme Veränderungen in der allgemeinen Nachfrage provoziert werden. Dies liegt wiederum in der extremen Geschwindigkeit begründet, mit der das Geld zirkuliert; die Einkommen werden sehr schnell ausgegeben oder in Werte und Besitz umgewandelt. Diesem Problem wird derzeit durch die Verringerung des Haushaltsdefizits und die Ausgabe von staatlichen Wertpapieren aus dem Schatzamt begegnet(319).

Die Mobilisierung nationaler Finanzkraft für produktive Investitionen ist nach den durch fünf Entwertungen der guineischen Währung während der I. Republik beigebrachten massiven Verluste für Sparer und Anleger und dem damit verbundenen Vertrauensverlust besonders schwer. Ende 1989 betrugen die inländischen Bankeinlagen in der Landeswährung nur 2,1% des BIP (WB 1990a, Bd. II, S. 103). Nach den schlechten Erfahrungen mit dem staatlichen Bankensystem zog die Bevölkerung nach Reformbeginn die Sicherheit von Devisendepots und Immobilienanlagen den Bank- und Spareinlagen in lokaler Währung zunächst vor.Heute liegt der Hauptgrund für die zögerliche Haltung der guineischen Öffentlichkeit und Teilen der Geschäftswelt gegenüber einer intensiveren Beteiligung am Finanzkreislauf in der negativen Realszinsentwicklung. Von 1988 bis 1990 lag die Zinsspanne für Sparkonten bei 12 - 16%, für Festgeldeinlagen bei 17 - 21%. Im selben Zeitraum herrschte jedoch eine durchschnittliche jährliche Inflationsrate von 25% vor. Erst in jüngerer Zeit hatte sich die Inflationsrate dem Zinsniveau von Spareinlagen angenähert, 1993 die 10%-Marke deutlich unterschritten und seither bei etwa 5% Stabilität bewiesen, so daß Sparer auch

nach Abzug der Verwaltungskosten mit einem positiven Realzins rechnen konnten.

Doch nicht alle Geldanlagen bringen den erhofften Zins, so daß selbst bei einer verhältnismäßig niedrigen Inflationsrate ein positiver Realzins keineswegs gewährleistet ist. Hinzu kommt, daß einige der Banken im Hinblick auf Einlagen in lokaler Währung einen Mindestumfang erwarten, der für Kleinsparer oftmals nicht erreichbar ist. Die Folge davon ist eine Verstärkung der Tendenz, die nationale Währung in Devisen umzutauschen und sichere Devisendepots anzulegen sowie eingeführte Devisen erst gar nicht umzutauschen. Dies trägt zur Verzögerung eines realen Wachstums des formellen Geldkreislaufs bei und beeinträchtigt die notwendige Verfügbarkeit finanzieller Ressourcen für das Wachstum der guineischen Volkswirtschaft.

Der Kreditmarkt

Der guineische Kreditsektor ist bis heute in vielen Belangen unterentwickelt. Banken und Versicherungen reagieren bei Kreditvorhaben sehr zurückhaltend, da zahlreiche notleidende Kredite bereits bis zum Ende der 80er Jahre die mittels hoher Kreditzinsen angelegten Reserven stark dezimierten. Das bisherige Kreditrecht bietet nicht genügend juristische Absicherung gegen das Kreditrisiko. Zudem gab es auch in der Justiz zahlreiche Korruptionsvorfälle in diesem Bereich (WB 1990a, Bd. II, S. 104/105). Dennoch weisen einige positive Aspekte in den Rahmenbedingungen auf eine zukünftig günstigere Entwicklung des Kreditmarktes hin:

1. Die Inflation hält sich dank einer strikten Haushalts- und Währungspolitik seit 1994 bei durchschnittlich 5,5% und darunter und wird auch in den folgenden Jahren stabil bleiben. Dementsprechend haben sich ebenfalls die Kredit-, Spar- und Anlagezinsen auf einem konstruktiven Niveau stabilisiert, um als Basis für positive Impulse zur Kreditmarktentwicklung zu fungieren.

2. Die auf die Kredit- und Anlagebearbeitung umgelegten Verwaltungsgebühren der Banken sind gesunken. Außerdem hat die Eröffnung weiterer Handelsbanken für eine Belebung des Wettbewerbs gesorgt.

3. Mit einer verbesserten Vorbereitung von kreditnehmenden Unternehmen durch die sich langsam etablierende Branche der Unternehmensberatung durch die internationale Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen ihrer von den Banken verwalteten Kreditlinien sowie durch die Banken selbst hat sich die Zahl der Risikokredite in den letzten Jahren deutlich verringert. Die so gewonnene Sicherheit schlug sich in verbesserten Geschäftsergebnissen der Kreditabteilungen der Banken nieder, was direkt auf die Kreditnehmer umgeleitet werden konnte.

4. Die Reformierung des Grund- und Besitzrechtes durch ein neues Immobiliengesetz, das ebenfalls neu verabschiedete Unternehmensgesetz sowie das jüngst verbesserte Investitionsgesetz bieten weitere Sicherheiten für die Banken zur Kreditvergabe.

Um das Kreditrisiko dennoch so gering wie möglich zu halten, beschränkten sich die Banken bisher auf kurzfristige Kredite an wohlbekannte Importeure und Händler für Handelsfinanzierungen (60% aller Kredite), an renommierte Baufirmen für terminierte Bauvorhaben (17%) sowie an den Nahrungsmittelverarbeitungs- und Textilsektor, um die Kreditausgleichsspanne so gering wie möglich zu halten. Selbst ausländische Investoren taten sich mit dem Zugang zu Krediten zuweilen schwer und mußten sich nicht selten auf Finanzierungen ihrer Muttergesellschaft stützen.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß sich trotz positiver Entwicklungstendenzen in der Währungspolitik und im Kreditwesen das Vertrauen in das Bankensystem und den nationalen Finanzkreislauf nur langsam festigt. Ein negativer Realzins und unattraktive Spar- und Anlagebedingungen führten sogar zu einem Rückgang der Bruttoinlandsersparnisse: 1986 betrug ihr Anteil am BIP noch etwa 19,3% (ARULPRAGASAM/SAHN 1991, S. 168), 1991 waren es nur noch 14,3% (RG 1992a, S. 13). Erst der Rückgang der Inflation, die Senkung der Verwaltungskosten und eine verbesserte Zinssituation bei Einlagen und Krediten förderten seit 1992 die Mobilisierung finanzieller Ressourcen aus der eigenen Volkswirtschaft.

Die Situation auf dem Kreditmarkt bleibt kritisch. Zwar hat sich das Kreditrisiko seit Beginn der Bankreform deutlich vermindert, dennoch waren Ende 1992 mehr als 20% aller Bankkredite als verlustreich zu bezeichnen (EIU CR 4/93, S. 13). Eine Verfälschung der Marktbedingungen tritt durch stark subventionierte, von den internationalen Finanzierungs- und Entwicklungshilfeorganisationen im Rahmen ihrer Wirtschaftsförderungsprogramme eingerichteten Kreditlinien auf. Einerseits wird damit zwar seriösen Unternehmern mit tragfähigen Projekten der Zugang zu Krediten erleichtert, andererseits spaltet sich der Finanzmarkt dadurch in ein Lager der Geförderten und ein Lager der Real- oder Marktzinszahler auf.

Schließlich ist die wichtige Verbindung zwischen der Entwicklung des Finanzmarktes und dem Wachstum der Volkswirtschaft noch nicht schlüssig genug. Kurzfristige Investitionen fließen in großem Umfang in den Handels- und Dienstleistungssektor, während sich das produzierende Gewerbe infolge mangelnder Investitionen nicht zu dem erhofften Stützpfeiler der guineischen Wirtschaft entwickeln kann.



6.3.3.4 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

Die Entwicklung des BIP

Seit Beginn der Reformen im Jahre 1986 ist ein relativ gleichmäßiger Wachstumsverlauf des BIP zu verzeichnen. Obwohl die Wirtschaftskraft schwach bleibt, bedeutet ein jährliches Durchschnittswachstum von 4,1% (1987 - 97) einen zunächst tragfähigen Vorsprung vor dem mittleren Bevölkerungswachstum von etwa 2,9% im Jahr und somit ein reales Minimalwachstum von 1,2%.

Zur Zeit der I. Republik von 1960 - 1984 lag das jährliche Wachstum des BIP nur bei etwa 2,5% (WB 1990a, Bd. I, S. 2 u. 3), also unter der Bevölkerungswachstumsrate, die sich seither kaum verändert hat. Infolgedessen hatte die guineische Bevölkerung während der gesamten Sékou Touré - Ära unter einem realen Negativwachstum des BIP zu leiden. Der neuere Reformprozeß ist unter der Betrachtung des Verlaufs der Wachstumsraten eher als Regenerationsphase denn als konsistente Wachstumsentwicklung zu bezeichnen. Deutlich zeigen sich drei markante Entwicklungsabschnitte als Ergebnis einer nicht konsequent bzw. nicht flexibel genug durchgeführten Reformpolitik und der durch den Bauxitexport bedingten Weltmarktabhängigkeit der guineischen Volkswirtschaft:

1. Eine erste Phase des allgemeinen Aufschwungs der im Zuge der Liberalisierung und Öffnung einsetzender Euphorie, die in den Jahren von 1987 - 90 für ein mittleres Wachstum des BIP von ca. 4,4% und ein Wachstum von 1,6% pro Kopf sorgte.

2. Eine zweite Phase der Stagnation (1991 - 92), in der die Wachstumsrate des BIP auf 2,7% zurückging und somit ein reales Negativwachstum von -0,1% pro Kopf zur Folge hatte.

3. Eine von 1993 - 95 laufende Konsolidierungsphase mit einem mittleren Wachstum des BIP von über 4% und einem Wachstum von durchschnittlich 1,4% pro Kopf.

Ende 1996 konnte die Mitte des Jahres eingesetzte neue Regierung der III. Republik erste Früchte ihrer marktwirtschaftlich orientierten Reformpolitik ernten und das Wachstum insgesamt konstant halten. Die darauffolgenden Jahre entwickelten sich zu bisher moderaten, aber hoffnungssetzenden Wachstumszeiten mit einem reellen jährlichen BIP-Wachstum von nahezu 5%.

Tabelle 60: Entwicklung des BIP zu Marktpreisen 1986 - 98 (in Mrd. FG).

BIP/Jahr 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998(1)
BIP Gesamt
Zu Marktpreisen 671 902 1165 1628 1980 2397 1919 3116 3354 3502 3663 3841 4030
Zu konst. Preisen (1986) 671 692 733 764 796 815 839 877 912 954 996 1042 1093
Wachstumsrate (%) 3,1 5,9 4,3 4,3 2,4 3 4,5 4 4,4 4,6 4,8 4,9
BIP pro Kopf (000 FG)
Zu Marktpreisen 108 142 171 230 268 312 367 421 448 479 524 564 596
Zu konst. Preisen (1986) 108 108 111 113 115 115 115 117 118 120 122 124 126
Wachstumsrate (%) 0,3 3 1,4 1,7 -0,4 0,2 1,7 0,9 1,6 1,8 2 2


(1) Schätzungen

(Quelle: StLB 1989, S. 74 u. 75; RG 1990d, S. 11-20 u. Anhang 1; WB 1990a, Bd. I, Anhang 1; EIU CP 1993/94, S. 13-15; RG TBEG Nr. 20 (4/93), S. 2; StLB 1994, S. 93ff; PNUD 1995a, S. 5; RG 1995a, S. 5; EIU CP 1996/97, S. 13; RG 1998e, S. 26).

Dennoch gehört Guinea mit einem jährlichen BIP pro Kopf von knapp 550 US$ (1997) auch heute noch zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern der Welt(320).

Die Entstehung des BIP

In den ersten Reformjahren verlor der primäre Sektor immer mehr an Bedeutung. Besonders die Landwirtschaft büßte bis 1989 etwa ein Drittel ihres Anteils am BIP von 1986 ein. Erst seit 1991, nachdem die Aktionen und Investitionen der verschiedenen im Sektor tätigen Parteien (NRO, Entwicklungshilfeorganisationen, verschiedene Ministerien) durch eine einheitliche agrarwirtschaftliche Entwicklungspolitik koordiniert werden konnten(321), zeigten die zahlreichen Initiativen erste Erfolge und die Reformen langsam begannen zu greifen. Die Wachstumsverringerung der Landwirtschaft konnte zunächst durch ihre Modernisierung, die Einführung neuerer und angepaßterer Anbaumethoden,

den Ausbau der ländlichen Pisten und damit die Verbesserung der ländlichen Transportinfrastruktur sowie eine Steuererhöhung für Agrarimporte aufgehalten werden. 1994 erreichte die Landwirtschaft erstmals eine dem Wachstum des BIP gleichkommende Wachstumsrate, die sich auch in den darauffolgenden Jahren als stabil erwies (s. Tab. 61).

Die größten Wachstumsraten sind im Fischereiwesen zu verzeichnen. Die Stützung und der Ausbau der traditionellen Fischerei und der ihr anhängenden Zulieferungs-, Verarbeitungs- und Vertriebskette sowie die konsequente Förderung des industriellen Fischproduktions- und -verarbeitungssektors sorgten für ein jährliches Durchschnittswachstum von etwa 7,6% (1989 - 94). Die Verabschiedung eines neuen Fischfanggesetzes sorgte 1995 mit Verzögerungen in der Neuregelung und Umsetzung von Fangrechten für einen Produktionseinbruch in der industriellen Fischerei und somit ein deutliches Negativwachstum. Doch zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der guineischen Fanggründe im Atlantik, der verstärkte Aufbau industrieller Verarbeitungskapazitäten im Hafen von Conakry, die Verbesserung der Versorgungsinfrastruktur im Landesinneren sowie die Förderung der Süßwasserfischerei bescherten in den darauffolgenden zwei Jahren wieder positive Wachstumszahlen und lassen auch weiterhin beständige Wachstumsraten von über 10% realistisch erscheinen.

Der Anteil des sekundären Sektors am BIP ging von 33% im Jahre 1986 auf 27,3% im Jahre 1994 zurück. Diese Abnahme deutet tendenziell auf einen Rückgang der Bedeutung des Bergbaus hin. Die Gründe dafür sind einerseits in der Abhängigkeit vom Weltmarkt zu suchen, der in den letzten Jahren Niedrigpreise für Guineas Hauptexportprodukte Bauxit und Alumina aufwies, andererseits in internen Schwierigkeiten der großen Bergbaugesellschaften selbst (Mißmanagement, Modernisierung/Restrukturierung). 1995 und 96 kam es dank neuer umfanreicher Bergbauaktivitäten im Gold- und Diamantbereich, aber auch infolge erster positiver Ergebnisse der Restrukturierung bestehender Werke zu überdurchschnittlichen Wachstumsraten im Bergbau. Diese werden sich in den nächsten Jahren zwar wieder verringern, doch andere Sektorbranchen wie die verarbeitende Industrie und das Bauwesen werden mit soliden Wachstumsraten der guineischen Volkswirtschaft den sekundären Sektor als einen beständigen Wachstumspol erhalten.







Tabelle 61: Die Entstehung des BIP 1994 - 1998 (in Mrd. FG).

Sektor/Jahr 1994(1) %(2) WR(3) 1995 % WR 1996 % WR 1997 % WR 1998(4) % WR
Primärer Sektor 690 20,6 5 714 20,1 3,4 746 20,4 4,5 784 20,4 5,1 825 20,5 5,2
Landwirtschaft 472 14,1 5 489 13,9 3,6 512 14 4,8 538 14 5,1 565 14 5
Viehwirtschaft 108 3,2 5,5 114 3,3 5,4 120 3,3 5,3 127 3,3 5,5 134 3,3 5,7
Fischereiwesen 34 1 7,6 33 0,9 -4,9 34 0,9 2,5 37 1 10 41 1,1 11
Forstwirtschaft 76 2,3 2,6 79 2,3 3 80 2,2 2,5 83 2,1 2,5 85 2,1 2,7
Sekundärer Sektor 916 27,3 5,3 971 27,7 6 1056 28,8 8,8 1102 28,7 4,4 1150 28,5 4,3
Bergbau 490 14,6 4,6 527 15,1 7,5 589 16,1 11,7 608 15,8 3,3 626 15,5 2,9
Industrie 133 3,9 4,3 137 3,9 2,8 140 3,8 2,5 146 3,8 4,5 154 3,8 5,2
Energie 17 0,5 7,6 18 0,5 3,5 18 0,5 0,6 19 0,6 6,3 21 0,5 7,5
Bauwesen 275 8,3 6,7 289 8,2 5,1 309 8,4 7 328 8,5 6,2 349 8,7 6,4
Tertiärer Sektor 1340 39,9 4,2 1392 39,7 3,6 1418 38,7 2,6 1468 38,2 3,8 1530 38 4,5
Handel 955 28,8 4,7 989 28,2 3,6 1014 27,7 2,5 1066 27,7 5,1 1116 27,7 4,7
Transport 199 5,9 5,4 205 5,8 3,1 216 5,9 5,6 227 5,9 4,8 237 5,9 4,5
Verwaltung 187 5,5 -2,8 198 5,7 5,9 188 5,1 -5,1 176 4,6 -6,3 178 4,4 1
Andere 408 12,2 8,9 426 12,2 5,8 443 12,1 5,7 486 12,7 13,7 525 13 9,5
BIP Gesamt 3354 100 5 3502 100 4,4 3663 100 4,6 3841 100 4,8 4030 100 4,9


(1) In Preisen von 1994, in Mrd. FG.

(2) In % vom BIP.

(3) Wachstumsrate gegenüber dem vergangenen Jahr in %.

(4) Schätzungen.

(Quelle: WB 1992b, Thema Nr. 3, Anhang Tab. 4.1; RG 1992a, Anhang A.1; EIU CP 1992/93, S. 12 u. 13; EIU CP 1993/94, S. 13-15; RG TBEG Nr. 20 (4/93), S. 2; StLB 1994, S. 93/94; PNUD 1994, S. 111; RG 1995a, S. 6ff; EIU CP 1994/95, S. 15; EIU CP 1995/96, S. 16; RG TBEG, Nr. 24 (2/95), S. 2; EIU CP 1996/97, S. 13; WB 1996a, S. 73; RG 1998e, S. 23).

Positive Aspekte dabei sind die Effizienzsteigerung in der traditionellen guineischen Bergbauindustrie durch ihre Rationalisierung und Modernisierung sowie die allgemeine Minderung ihrer Bedeutung und damit die indirekte Förderung der Ausgewogenheit der verschiedenen Produktionsbranchen untereinander. Demgegenüber steht allerdings die Tatsache, daß sowohl das Volumen des übrigen Exports wie auch seine Diversifizierung bei weitem noch nicht ausreichen, um den Mineralexport in seiner Bedeutung als wichtigste Stütze der Volkswirtschaft und des Nationaleinkommens auch nur teilweise zu ersetzen.

Nach einem kurzzeitigen Aufschwung in den Jahren 1988 und 1989 nahm sich die Entwicklung in der Industrie ab 1990 eher verhalten aus und lag nur geringfügig über der durchschnittlichen Wachstumsrate des BIP. Wichtige Investitionen scheiterten allzu oft an den noch ungenügenden Rahmenbedingungen infrastruktureller, sozioökonomischer, institutioneller und rechtlicher Art. Die teilweise nur halbherzigen und langwierigen Bemühungen des Staates um eine Verbesserung der Situation konnte den Prozeß der Inwertsetzung guineischen Produktionspotentials bis jetzt nicht entscheidend stimulieren. Auch bei der Privatisierung der industriellen Staatsunternehmen traten hinsichtlich der Wiederaufnahme der Produktion erhebliche Probleme auf. Zahlreiche Betriebe scheiterten am Mangel an Kapital, Know-how, qualifiziertem Fachpersonal und nicht zuletzt am ungeeigneten Profil der Unternehmensführung. Eine deutliche Verbesserung der institutionellen Rahmenbedingungen mit der Neufassung des Investitionsgesetzes, der Vereinfachung administrativer Abläufe und einem erhöhten Investitionsschutz sorgte ab 1995 für neue Wachstumsimpulse.

Bis 1993 hatte die größten Wachstumsraten der tertiäre Sektor aufzuweisen, besonders im Handel. Die positiven Konsequenzen der Liberalisierung des Handels und der Zoll- und Steuerreformen ließen den Anteil der Handelsbrache am BIP von 22% im Jahre 1989 auf 26% im Jahre 1993 steigen. Dennoch handelte es sich in den meisten Fällen um kurzfristige Investitionen im Importhandel; ihre Nachhaltigkeit bzw. tatsächliche Impulskraft zum Aufbau eines tragfähigen Handelssystems war in Frage zu stellen. In den Jahren 1995 und 96 führten insbesondere die Restrukturierung des Zollwesens, die Einführung der 18%igen Mehrwertsteuer sowie die Wiedereröffnung des Konkurrenzhafens Monrovia zu leichten Wachstumseinbrüchen. Die Entwicklung im Verkehrs- und Transportwesen weist mit über dem durchschnittlichen BIP-Wachstum liegenden Werten (1989 - 97 = 5,2%) eine positive Tendenz auf. Dies liegt zum größten Teil an der Gründung zahlreicher privater Transportunternehmen im städtischen Personenverkehr, im Überlandverkehr, in der Landwirtschaft, im Gütertransport und im Baugewerbe. Dennoch ist die Entwicklung gemessen am erforderlichen Wachstum zum Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur und zur Förderung der einzelnen Produktionssektoren eher noch als zu gering zu betrachten.

Die Verwendung des BIP

Der Gesamtverbrauch sank von 1986 - 88 um etwa 6,4%, stieg dann jedoch beständig an und erreichte 1993 mit rund 89% des BIP einen Höchststand. In den Jahren 1987 und 1988 sank der öffentliche Verbrauch stark ab, da der größte Teil der Liquidationen und Privatisierungen der Staatsbetriebe zu dieser Zeit erfolgte. Von 1990 bis 1992 stagnierte er dann bei etwa 10%, um ab 1993 durch den weiteren Abbau des Staatsapparates auf 7% im Jahre 1997 abzusinken. Der private Verbrauch dagegen weist seit 1990 eine stabile Wachstumsrate auf, ein deutliches Indiz für die allgemeine Verbesserung der Gesamtsituation.Tabelle 62: Die Verwendung des BIP 1986 - 1998.

Verwendungsart/Jahr 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998(1)
BIP zu Marktpreisen (Mrd. FG)