Titel: Selbstorganisierte medizinische Hilfe in Deutschland am Beispiel von Demosanitätsdiensten – Eine historisch politologische Analyse
Sprache: Deutsch
Autor*in: Bachelier, Christiane
Schlagwörter: Demosanitätsdienste; Demonstrationen; Selbstorganisierte medizinische Hilfe; Anti-AKW-Bewegung; Autonome Sanität
GND-Schlagwörter: DemonstrationGND
SelbsthilfeGND
PolizeiGND
AntikernkraftbewegungGND
Erste HilfeGND
Soziale BewegungGND
Erscheinungsdatum: 2024
Tag der mündlichen Prüfung: 2025-10-28
Zusammenfassung: 
Versammlungen und Demonstrationen sind in Deutschland Teil des Grundgesetzes, gehören also zu den Grundrechten der Bevölkerung und gelten weithin als notwendiger Bestandteil für eine lebendige Demokratie. Die damit verbundene Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit soll der Gesellschaft ermöglichen, Demokratie vielfältig mitzugestalten. Das war nicht immer so. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich durch die Arbeiterbewegung mit ihren Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen oder durch die Frauenbewegung mit ihrer Forderung eines Frauenwahlrechts öffentliche, politische Proteste respektive Demonstrationen, die so manches Mal auch mit Zerstörung und Gewalt verbunden waren. Dabei kam es zu Verletzungen, zumal diese neue Aktionsfreiheit vor allem von den Polizeikräften nicht geduldet wurde. Die aufgebrachte und zunehmend organisierte Menschenmenge brauchte bei ihren Demonstrationen dringend eine medizinische Erste Hilfe, die zu organisieren sie bald in Angriff nahm, denn das bereits existierende DRK kannte noch keine zivile medizinische Versorgung, sondern agierte ausschließlich im Kriegsfall. Der ASB gehört seit seiner Gründung im Jahr 1909 zu den ersten Verbänden in Deutschland, die eine medizinische Hilfe für Proteste und Demonstrationen organisiert haben. Eine solche selbstorganisierte medizinische Hilfe bedeutete eine solidarische Selbsthilfe, wurde aber innerhalb der (gewaltsamen) Unterdrückung von Kritik auch als eine Anti-Repressionsarbeit angesehen. Bei Protest- oder Demonstrations-Teilnehmenden lässt sich zwischen denjenigen unterscheiden, die aktiv demonstrieren, und solchen, die sich primär nicht als Demonstrierende betrachten, also „nicht demonstrantische Akteur*innen“ sind. Zu ihnen werden Bürgerrechtsorganisationen oder auch aktivistische Medien gezählt. Zu ihnen können auch sogenannte uniformierte Demosanitätsdienste gezählt werden, die primär Erste Hilfe leisten, sich als politisch neutral bezeichnen oder sich lediglich mit den Protesten solidarisieren. Eine andere Gruppe von Demonsanitätsdiensten hingegen bezeichnet sich bewusst als Demonstrierende: nicht-uniformierte Demosanitätsdienste. Ob uniformiert oder nicht-uniformiert, alle Demosanitätsdienste können als Personengruppen definiert werden, die sich zusammenfinden, um die erste medizinische Versorgung von Demonstrierenden, aber auch weiteren Personen wie Polizeikräften, sicherzustellen.
Eine historisch-politologische Forschungsarbeit über die Demosanitätsdienste war bislang ein Desiderat der Forschung. Diese Forschungslücke schließt die vorliegende Dissertation „Selbstorganisierte medizinische Hilfe in Deutschland am Beispiel von Demosanitätsdiensten“. Konkret geht es um zwei Gruppen von Demosanitätsdiensten:
1. Demosanitätsdienste, die als Vereine organisiert sind, wie zum Beispiel die Demosanitäter – Sanitätsgruppe Süd-West e.V. und Demosanitätsdienst Sanitätsgruppe Süd-Ost.
2. autonome Gruppen, die sich aus schon bestehenden alternativen politischen Strukturen organisiert haben, wie zum Beispiel die Autonome Sanität Hamburg und Autonome Demosanis Frankfurt.
Diese politisch linken und links-radikalen Demosanitätsdienste wurden von ihrer Gründung bis in die Gegenwart untersucht, es wurden ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede (wie z.B. Auftreten und Arbeitsweise) seit Ende der 1960er-Jahre bis heute herausgearbeitet. Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Anti-AKW-Bewegung zwischen 1970 und 2010 gelegt. Aber auch während der Startbahn West-Proteste ab Mitte der 1980er Jahre, sowie in den Hausbesetzer-Jahren in West-Berlin – die erste Welle begann Ende der 1960er Jahre – entstanden Demosanitätsdienste, die teilweise noch heute existieren. All diese Proteste und Demonstrationen entwickelten sich schnell zu einer Art sozialen Bewegung bzw. Umweltbewegung, an der sich Hunderttausende von Menschen beteiligten. Es konnte nicht ausbleiben, dass es in dieser aufgeheizten politischen Situation zu gewaltvollen Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und Polizeikräften kam. Verletzungen und auch traumatische Erlebnisse bedurften einer sofortigen Ersten Hilfe, die – jenseits von DRK oder ASB - die Demosanitätsdienste vor allem für politisch Gleichgesinnte übernahmen. Die Quellen für die vorliegende Dissertation waren neben Literatur zur Protest- und Bewegungsforschung und Dokumente aus Archiven (v.a. das Privatarchiv von Hans-Günther Meyer Thompsen sowie dem Archiv der sozialen Bewegungen Hamburg e.V.) auch Zeitungsartikel und Eigendarstellungen von Demosanitätsgruppen im Internet. Im Gorleben Archiv e.V., in dem tausende Schriftstücke, Fotos und Plakate zur Geschichte des wendländischen Widerstandes gesammelt und beherbergt werden, ließen sich wider Erwarten nur wenige Informationen über Demosanitätsdienste finden. Deshalb waren die Einzel- und Gruppeninterviews mit ehemaligen und noch aktiven Demosanis von besonderer Bedeutung und haben die historisch-politologische Darstellung ergänzt; viele Fakten, die durch Akten erforscht werden konnten, wurden durch die Interviewten bestätigt. Die Erarbeitung der Dissertation mit überwiegend Archivalien und grauer Literatur zeigt, dass es bis heute kaum Forschungsliteratur gibt und Informationen über Demosanitätsdienste nur schwer zugänglich waren.
Das hat auch damit zu tun, dass das Bewahren der Anonymität der Behandelten und die Sicherheit einer medizinischen Versorgung auf Demonstrationen oder Aktionen auch für diejenigen, die mit dem deutschen Rechtsstaat nicht in jeder Hinsicht übereinstimm(t)en bzw. eventuell mit den Rechtshütern in Konflikt geraten könnten, für Demosanitätsdienste nach wie vor von zentraler Bedeutung ist. Es handelt sich um eine Form der solidarischen Selbsthilfe politisch linker und auch links-radikaler Strukturen; Demosanitätsgruppen unterstütz(t)en sich bundesweit untereinander. Zwar gibt es auch in rechten und rechts-radikalen Strukturen organisierte Demosanitätsgruppen; die werden in dieser Dissertation jedoch nicht weiter thematisiert. Der sichtbarste Unterschied zwischen den untersuchten Gruppen ist ihr Auftreten in der Öffentlichkeit:
rettungsdiensttypische Uniform vs. nicht-uniformiert. Uniformierte Sanitätsdienste schützen sich vor Repressionen durch eine deutliche Kennzeichnung, während autonom organisierte Sanitätsdienste eher den Schutz des Kollektivs nutzen. Passend zur rettungsdiensttypischen Einsatzkleidung sprechen Demosanis der Gruppe Sanitätsdienst Süd-West auch von „Patient*innen“ und von „Einsätzen“, was eine gewisse Distanz zu den Demonstrierenden zeigt und den professionellen Ansatz der Gruppe unterstreicht. Vertreter*innen der Autonomen Sanität hingegen berichteten im Interview von „Genoss*innen“ und „Demonstrationen“, was die Zugehörigkeit zu den linken Strukturen betont. Die medizinische Arbeit der Demosanitätsdienste entwickelte sich seit Ende der 1960er-Jahre analog zur Aufrüstung und Ausrüstung der Polizei. Dies führte zunehmend zu Aggressionen und körperlichen Auseinandersetzungen, so dass physische, aber auch psychische Folgen nicht ausbleiben konnten. Demosanitätsdienste professionalisierten sich von Jahr zu Jahr: Sie sammelten Erkenntnisse über die Aufrüstung und Ausrüstung der Polizei, organisierten (medizinische) Fortbildungen, sammelten und verteilten Informationen in Print-Zeitschriften – heute auf Onlineplattformen. Eine weitere Professionalisierung zeigte sich in der 1980 gegründeten „Freien Republik Wendland“, wo das freie unabhängige wendländische Klinikum aufgebaut wurde. Während der Startbahn-West Proteste entstand ein weiteres Klinikum, die Ernesto-„Che“-Guevara-Klinik. Auch stationäre Sanistrukturen wie Behandlungszelte oder Krankenliegen bei mehrtägigen Protestcamps gehören zur Professionalisierung der Demosanitätsdienste.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Demosanitätsdienste früher und heute einen wichtigen Teil der Anti-Repressionsarbeit übernehmen und ihre medizinische Erste Hilfe durchaus auch dazu beitrug bzw. beiträgt, Proteste aufrecht zu erhalten, weil medizinisch versorgte Verletzte ihr demokratisches Recht auf Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit fortführen konnten bzw. können. Der Soziologe Dieter Rucht ist überzeugt, dass es ohne Proteste keine Demokratie gebe und dass die repräsentativ-parlamentarische Demokratie und der Protest in einem wechselseitigen Bedingungs- und auch Spannungsverhältnis stünden, demnach also von einer „Politik von ,unten´“ die Rede sein kann. In dem Sinne können auch die Demosanitätsdienste als eine „Medizin von unten“ bezeichnet werden, ohne deren Erste Hilfe viele Demonstrierende – vor allem bei den aggressiven Demos der Anti-AKW-Bewegung, der Startbahn-West-Bewegung sowie der Hausbesetzerbewegung seit den 1960er Jahren – ihr demokratisches Grundrecht nicht hätten fortführen können.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/12185
URN: urn:nbn:de:gbv:18-ediss-132914
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Schwoch, Rebecca
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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