Titel: Hausarztbindung im Kontext kollaborativer und gestufter Versorgung psychischer Erkrankungen – Ausprägung, Verlauf und Bedeutung für Versorgungsprozesse
Sonstige Titel: Commitment to the General Practitioner in Collaborative and Stepped Care for Mental Disorders – Level, Course and Relevance for Care Processes
Sprache: Deutsch
Autor*in: Porzelt, Sarah Tanja
Schlagwörter: Versorgungsforschung; Collaborative Care; Hausarztbindung; Psychische Erkrankungen; Primärversorgung; Hausarztbindung
GND-Schlagwörter: HausarztGND
GesundheitswesenGND
Arzt-Patient-BeziehungGND
Psychische StörungGND
AllgemeinmedizinGND
Erscheinungsdatum: 2026
Tag der mündlichen Prüfung: 2026-09-08
Zusammenfassung: 
Hintergrund: Psychische Erkrankungen zählen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen in der Primärversorgung. Die hausärztliche Versorgungsbeziehung, operationalisiert als Intensität der Hausarztbindung, wird als relevanter Faktor qualitativ hochwertiger Versorgung diskutiert, wurde bislang jedoch weder längsschnittlich noch aus beiden Perspektiven untersucht.

Fragestellung: Die vorliegende Arbeit untersucht die Stabilität und Wahrnehmung der Hausarztbindung im Zeitverlauf, ihre kontextuellen Einflussfaktoren sowie ihre Bedeutung als Struktur- und Prozessfaktor im Kontext eines gestuften und kollaborativen Versorgungsmodells für psychische Erkrankungen (COMET-Studie; Heddaeus et al., 2025).

Methode: Es handelt sich um eine eingebettete Beobachtungsstudie innerhalb der cluster-randomisierten COMET-Studie (N = 615 Patient:innen; 41 Hausarztpraxen; Hamburg). Die Hausarztbindung wurde mit dem Fragebogen zur Intensität der Hausarztbindung (F-HaBi) zu Studienbeginn und nach zwölf Monaten aus Patient:innen- und Hausärzt:innenperspektive erhoben. Die Analysen umfassen deskriptive Längsschnittanalysen, Korrelationen, hierarchische Regressionsanalysen, binär-logistische Regressionen sowie lineare gemischte Modelle zur Berücksichtigung der Clusterstruktur.

Ergebnisse: Die Hausarztbindung erwies sich aus Patient:innenperspektive über zwölf Monate auf Gruppenebene als überwiegend stabil, aus hausärztlicher Perspektive nahm sie leicht ab (d = 0,21); die Rangstabilität war jeweils moderat (r = 0,54 bzw. 0,53). Patient:innen bewerteten die Hausarztbindung systematisch höher als Hausärzt:innen (d = 0,19); die Übereinstimmung zwischen beiden Perspektiven war zu beiden Messzeitpunkten gering. Höheres Alter und männliches Geschlecht waren signifikante Prädiktoren der Hausarztbindung zu Studienbeginn; die Studiengruppenzugehörigkeit war nicht assoziiert. Hausarztbindung war weder mit der Umsetzung empfohlener Behandlungspfade (OR = 1,02; p = 0,485) noch mit der psychischen Lebensqualität nach zwölf Monaten assoziiert. Die Umsetzung war vor allem mit der Studiengruppenzugehörigkeit assoziiert (OR = 4,67; p < 0,001), die psychische Lebensqualität mit ihrem Ausgangsniveau.

Schlussfolgerung: Die Hausarztbindung ist bei Patient:innen mit psychischen Erkrankungen ein auf Gruppenebene weitgehend stabiles, perspektivenabhängiges Konstrukt. In einem hochstrukturierten Versorgungsmodell war sie nicht mit Versorgungsprozessen oder der psychischen Lebensqualität assoziiert. Möglicherweise übernimmt die Intervention dort jene koordinierende Funktion, die unter Regelversorgungsbedingungen stärker von der Versorgungsbeziehung abhängt.

Background: Mental disorders are among the most common health problems in primary care. The care relationship with the general practitioner (GP), operationalised as the intensity of commitment to the GP, is discussed as a relevant factor of high-quality care, but has not yet been examined longitudinally or from both perspectives.
Research Question: This study examines the stability and perception of commitment to the GP over time, its contextual determinants, and its significance as a structural and process factor within a stepped and collaborative care model for mental disorders (COMET study; Heddaeus et al., 2025).

Method: This is an observational study embedded within the cluster-randomised COMET study (N = 615 patients; 41 general practices; Hamburg). Commitment to the GP was assessed with the Questionnaire on the Intensity of Commitment to the GP (F-HaBi) at base-line and after twelve months from both the patient and the GP perspective. Analyses com-prised descriptive longitudinal analyses, correlations, hierarchical regression analyses, bi-nary logistic regressions and linear mixed models to account for the cluster structure.

Results: From the patient perspective, commitment to the GP remained largely stable at group level over twelve months, whereas it decreased slightly from the GP perspective (d = 0.21); rank-order stability was moderate in both perspectives (r = 0.54 and 0.53). Patients rated commitment to the GP consistently higher than GPs did (d = 0.19); agreement between the two perspectives was low at both time points. Older age and male sex were significant predictors of commitment to the GP at baseline; study group was not associated. Commitment to the GP was associated neither with the implementation of recommended treatment pathways (OR = 1.02; p = 0.485) nor with mental quality of life after twelve months. Implementation was mainly associated with study group (OR = 4.67; p < 0.001), mental quality of life with its baseline level.

Conclusion: In patients with mental disorders, commitment to the GP is a largely stable construct at group level that depends on perspective. Within a highly structured care model, it was not associated with care processes or mental quality of life. The intervention may take over the coordinating function that, under usual care conditions, depends more strongly on the care relationship.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/12668
URN: urn:nbn:de:gbv:18-ediss-141517
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Scherer, Martin
von Knesebeck, Olaf
Härter, Martin
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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