Titel: Die dionysische Ästhetik in Nietzsches Dithyramben
Sprache: Deutsch
Autor*in: Schlöhmer, Stefan
Schlagwörter: Nietzsche; Dionysos; Dithyramben; Lyrik; Dionysisches; Philosopheme
Erscheinungsdatum: 2025
Tag der mündlichen Prüfung: 2025-12-09
Zusammenfassung: 
Das Dionysische wurde Ende des 18. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum als ästhetische Theorie entwickelt und stellt einen der wichtigsten literarischen Impulsgeber dar, der Epochen geprägt hat und bis in die Gegenwart im Fokus der wissenschaftlichen Diskussion steht. Der Begriff des Dionysischen lässt jedoch vom ausgehenden 18. bis ins späte 19. Jahrhundert eine deutliche Entwicklung erkennen, ist weit gefasst und entzieht sich deshalb einer klaren inhaltlichen Bestimmung.
Die wesentlichen Charakteristika des Dionysischen entstammten irrationalistischen Kunsttheoretikern, naturmythischen Vordenkern und philosophischen Mystikern, die zunehmend extremere Positionen entwickelten, bei denen Ekstase, Gewalt, Unsterblichkeit, Sexualität und Dionysos als religiöser Mittelpunkt innerhalb eines heiligen Altertums wesentliche Bedeutung erhielten und die konträr zu den Idealen der Aufklärung positioniert wurden.
Nietzsche verbleibt bei seinen dionysischen Attributen gerne im Ungefähren, was dazu führt, dass sich die dionysische Ästhetik einer präzisen Definition entzieht und in der Forschung weitreichend, auch widersprüchlich diskutiert wird. Auch aufgrund der unterschiedlichen Phasen und wechselnden Ansichten Nietzsches ist der Begriff bislang nicht klar gefasst worden. In dieser Arbeit soll der ästhetische Ansatz des Dionysischen bei Nietzsche erklärt werden.
Ein wesentliches Ergebnis der Arbeit lautet, dass das Dionysische bei Nietzsche eine neue ästhetische Theorie bildet, eine relevante Weiterentwicklung gegenüber allen existierenden Ansätzen darstellt und den vorläufigen Höhepunkt des Diskurses. Demzufolge erfand Nietzsche die Kategorie des Dionysischen in dem heute bekannten Sinn. Sein Dionysisches ist der Kunsttrieb im Zeichen des Schreckens mit einer überschwänglichen Lust am Werden, getrieben von plötzlicher Kreativität und Dynamik, ausgeführt und gelebt vom tragischen Dichter. Die Ausübung der tragischen Kunst erfolgt intuitiv, instinktiv und rauschhaft und ist nicht an verstandesmäßiges Denken gebunden. Das Negative wird ins erschreckende Positive umgedeutet, denn eine Lust am Vernichten und Untergang, auch dem eigenen, ist ebenso vorhanden wie die Umwertung der christlichen Moral, an deren Stelle die Kunst positioniert wird. Aus einer solchen Philosophie der schöpferischen Lebenslust erwächst die Daseinswertung jenseits von Gut und Böse. Inhärente Bestandteile des Dionysischen sind neben dem ausgeprägten ästhetischen Topos ein methodischer Psychologismus, die irrationalistische Verherrlichung des Lebens und eine Tendenz, die etablierten moralischen Normen und Konventionen zu überschreiten. Nietzsches dionysische Ästhetik wirkte nachhaltig auf wesentliche Autoren des 20 Jahrhunderts. Die Bestimmung des Dionysischen in dieser Arbeit soll einen Beitrag leisten, künftige Interpretationsansätze der späten Schriften Nietzsches zu unterstützen.
Die Dionysos Dithyramben besitzen eine zentrale Bedeutung im Werk Nietzsches und stellen die Verbindung zwischen Poetik, der dionysischen Kunsttheorie und den Philosophemen her. Die literarische Wirkung dieser Gedichte ist bis in die Gegenwart spürbar. So verwundert es, dass eine Auseinandersetzung mit den Dionysos Dithyramben von der Nietzsche Forschung bislang nur in marginalisierter Form stattfand und die darin enthaltene dionysische Ästhetik weitgehend ausgeblendet wurde. Ein Grund dafür ist der dominante poetische Charakter gegenüber den philosophischen Topen. In dieser Arbeit sollen die Untersuchungsergebnisse des Dionysischen bei Nietzsche in die Analysen der Dithyramben einfließen, um das Interpretationsspektrum zu erweitern. Dieses Vorgehen ermöglicht darüber hinaus in der künftigen Forschung neue Perspektiven zur Interpretation der Dithyramben.
Die Untersuchungen belegen, dass Nietzsche in den Dionysos Dithyramben seine wichtigsten philosophischen Ansätze offenbart, seine neue ästhetische Theorie vollumfänglich umsetzt sowie sein Verständnis des Dionysos als philosophisches Prinzip offenbart. Eine opulente Bildersprache ist Grundbestandteil der neuen ästhetischen Theorie, in deren Zentrum sich die Erscheinung des Dionysos als Ereignis befindet. Damit verbunden ist der dionysische Augenblick als eine a priori verstandene transzendentale ästhetische Wahrnehmungskategorie. Der dionysische Augenblick wird von Nietzsche als wesentliches Strukturelement eingesetzt, der tiefgreifende strukturelle und semantische Wirkungen erzeugt. Die philosophischen Ansätze des Wiederkunftgedankens, des Willens zur Macht, des Übermenschen sowie des Nihilismus werden in diesem ästhetischen Strukturelement vereint.

The Dionysian was developed as an aesthetic theory in German-speaking countries at the end of the 18th century and represents one of the most important literary impulses that has shaped epochs and remains the focus of academic discussion to the present day. However, the concept of the Dionysian shows a clear development from the end of the 18th century to the late 19th century, is broadly defined and therefore eludes a clear definition in terms of content.
The essential characteristics of the Dionysian originated from irrational art theorists, natural-mythical thinkers and philosophical mystics who developed increasingly extreme positions in which ecstasy, violence, immortality, sexuality and Dionysus as the religious center within a sacred antiquity took on essential significance and were positioned in opposition to the ideals of the Enlightenment era.
Nietzsche likes to remain vague about his Dionysian attributes, which means that Dionysian aesthetics eludes a precise definition and is the subject of wide-ranging and contradictory debate in research. Due to the different phases and changing views of Nietzsche, the term has not yet been clearly defined. The aim of this work is to explain Nietzsche's aesthetic approach to the Dionysian.
An essential result of the work is that the Dionysian in Nietzsche forms a new aesthetic theory, represents a significant further development compared to all existing approaches and the preliminary climax of the discourse. Consequently, Nietzsche invented the category of the Dionysian in the sense we know it today. His Dionysian is the artistic drive under the sign of horror with an exuberant pleasure in becoming, driven by sudden creativity and dynamism, performed and lived by the tragic poet. The practice of tragic art is intuitive, instinctive and intoxicating and is not bound to intellectual thought. The negative is reinterpreted as a terrifying positive, because there is a desire to destroy and perish, including one's own, as well as a revaluation of Christian morality, in whose place art is positioned. Such a philosophy of creative lust for life gives rise to a valuation of existence beyond good and evil. In addition to the pronounced aesthetic topos, inherent components of the Dionysian are a methodical psychologism, the irrationalistic glorification of life and a tendency to transgress established moral norms and conventions. Nietzsche's Dionysian aesthetics had a lasting effect on important authors of the 20th century. The definition of the Dionysian in this work is intended to contribute to future interpretations of Nietzsche's late writings.
The Dionysus Dithyrambs are of central importance in Nietzsche's work and establish the link between poetics, the Dionysian theory of art and the philosophical themes. The literary impact of these poems can still be felt today. It is therefore surprising that Nietzsche research has so far only dealt with the Dionysus Dithyrambs in a marginalized form and that the Dionysian aesthetics they contain have been largely ignored. One reason for this is the dominant poetic character compared to the philosophical topoi. In this work, the results of the investigation of the Dionysian in Nietzsche will be incorporated into the analyses of the dithyrambs to broaden the spectrum of interpretation. This approach will also open up new perspectives for the interpretation of the dithyrambs in future research.
The investigations prove that Nietzsche reveals his most important philosophical approaches in the Dionysus Dithyrambs, fully implements his new aesthetic theory and reveals his understanding of Dionysus as a philosophical principle. An opulent imagery is a basic component of the new aesthetic theory, at the center of which is the appearance of Dionysus as an event. Linked to this is the Dionysian moment as an a priori understood transcendental aesthetic category of perception. The Dionysian moment is used by Nietzsche as an essential structural element that produces profound structural and semantic effects. The philosophical approaches of ewige Wiederkunft, Willen zur Macht, Übermensch and nihilism are united in this aesthetic structural element.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/12237
URN: urn:nbn:de:gbv:18-ediss-135563
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Schäfer, Martin Jörg
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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