Titel: Die Entwicklung des Veganismus-Diskurses in deutschen Printmedien - Eine korpusassistierte diachrone Diskursanalyse
Sprache: Deutsch
Autor*in: Majewski, Markus
GND-Schlagwörter: DiskursanalyseGND
VeganismusGND
Korpus <Linguistik>GND
MethodenmixGND
TextsorteGND
TextlinguistikGND
Erscheinungsdatum: 2025
Tag der mündlichen Prüfung: 2026-03-18
Zusammenfassung: 
In der vorliegenden Dissertation wird mittels diskursanalytischer Methoden untersucht, wie sich die printmediale Berichterstattung über Veganismus seit den 1990er-Jahren bis Ende 2020 entwickelt hat. Hierzu wird zunächst der Forschungsstand von Sprache und Ernährung abgebildet, bevor anschließend das grundlegende Verständnis von Diskurs innerhalb der Arbeit dargelegt wird. Kern des hier vorliegenden Diskursverständnisses ist Diskurse als transformative Prozesse zu verstehen, die die grundlegenden, treibenden Kräfte menschlichen Denkens und Handelns sind. In diesem Zusammenhang wird sowohl die kognitive Dimension als auch die soziale Dimension von Diskursen thematisiert, aus deren Wechselspiel sich die Gesamtheit des gesellschaftlichen Wissens, welches als wahr empfunden wird, ergibt. Dabei wird gezeigt, dass Diskurse stark durch Kontexte geprägt sind, die wiederum den regulatorischen Rahmen bereitstellen und Diskurse somit zu Sagbarkeitsräumen machen.
Um dieser diskursiven Komplexität gerecht zu werden, wird eine möglichst umfassende Datengrundlage (VeDi-Korpus, 9.210 Texte, ca. 8 Mio Token) bereitgestellt, die es ermöglicht die diachrone, prozessuale Entwicklung des Veganismus-Diskurses, wie er sich innerhalb der Printmedien geriert, zu untersuchen. Bereits aus der Textverteilung geht hervor, dass sich der Veganismus-Diskurs in den letzten 35+ Jahren maßgeblich verändert hat und dass eine zunehmende Anzahl von Texten ermittelt werden können, die eines der diskurskonstituierenden Lexeme vegan, Veganer:in oder Veganismus enthalten. Die Datengrundlage wird mittels einer eigens entwickelten Methode analysiert, die das Untersuchungskorpus zum zentralen Punkt der Analyse macht, dabei aber auch soziohistorische Kontexte berücksichtigt und inte-griert. Die entwickelte Methode ist eine korpusassistierte diachrone Diskursanalyse (KadDi), die die aktuellen Entwicklungen der Diskurslinguistik berücksichtig und inkorporiert, dabei jedoch auch dem speziellen diachronen Fokus der Arbeit gerecht wird. Maßgeblich ist dabei die Verbindung von quantitativen und qualitativen Perspektiven, die als ‚Zoomen‘ und ‚Pendeln‘ vorgestellt werden.
Die Diskursanalyse selbst, gliedert sich in drei Teile, die einen sich verringernden Abstraktionsgrad aufweisen und das korpusexplorative Vorgehen der Arbeit abbilden. Zunächst wird mittels korpuslinguistischer Zugänge ein Überblick der Zusammensetzung des Korpus geboten, bevor anschließend mittels Keyword- und Kookkurrenzanalysen Indizien für die Entwicklung des Veganismus-Diskurses gesammelt werden. Aus der Übersicht geht hervor, dass sich der Diskurs vor allem hinsichtlich seiner diskursiven Verschränkungen (Wandel der thematischen Verknüpfungen) diversifiziert und neben Aspekten von Tierschutz und Tierrechten auch vermehrt Gesundheit, Umwelt- und Klimaschutz im Zusammenhang mit Veganismus thema-tisiert werden. Hinsichtlich der lexikalischen Umfelder der Lexeme vegan und Veganer:in zeigen sich sowohl konstante Muster als auch grundlegende Veränderungen, so wird bspw. das Adjektiv vegan zunehmend frequenter als Attribut verwendet, um Lebensmitteln und Gerichten als frei von tierischen Inhaltsstoffen zu beschreiben.
Im zweiten Teil der Analyse wird der Veganismus-Diskurs in den Printmedien aus der Per-spektive seiner Textsorten-Zusammensetzung analysiert. Hierfür wurde ein Verfahren erarbeitet, mittels dessen alle Texte des VeDi-Korpus hinsichtlich ihrer Textsorte annotiert wurden. Aus der Möglichkeit die Texte hinsichtlich ihrer strukturierenden Einheit analysieren zu können, von der ausgegangen wird, dass sie maßgeblichen Einfluss auf den Textinhalt nimmt, wird der Diskurs in seinem Facettenreichtum untersucht. Dabei wird etwa deutlich, dass sich die kontextuelle Verwendung von vegan innerhalb einiger spezifischer Textsorten ändert oder dass einige Autor:innen ihre Einstellung und Bewertung des Veganismus im Zeitraum der Un-tersuchung geändert haben. Weiterhin ermöglicht eine deutlich qualitativ fokussierte Analy-se die Berücksichtigung von diskursiven Details, die Anlass zu weiteren Analysen geben.
Im letzten Teil der Analyse werden die größeren Muster, die aus den vorherigen Analysen gewonnen wurden, detailliert und mit qualitativem Fokus analysiert. Diese werden im Sinne des dargelegten Diskursverständnisses als soziale Wissensstrukturen bezeichnet, womit ge-meint ist, dass diese die grundlegenden Wissenskontexte zum Veganismus in den Printmedien beschreiben. Die analysierten Bezugsdomänen sind Ideologie, Politik, Gesundheit und Ökonomie, wobei innerhalb der Bereiche Detailanalysen zu verschiedenen Aspekten der jeweiligen Verknüpfung durchgeführt werden. Dabei finden sich folgende zentrale Erkenntnisse: Ernährung wird als Religion metaphorisiert, wobei Veganismus als radikale Auslegung dargestellt wird. Ernährung beinhaltet zunehmend auch eine moralische Komponente, nicht nur in Hinblick auf die Vermeidung tierischen Leids, sondern auch bezüglich von Umwelt- und Klimaschutzaspekten. Vegane Ernährung wird als Index für eine soziale Gruppe benutzt, die als diskursive Gegenposition herangezogen wird, um Kulturkampf von konservativer Seite zu betreiben. Vegane Ernährung wurde in der Vergangenheit oftmals als Mangelernährung charakterisiert und die diskursiven Prozesse, diese falsche Vorstellung zu transformieren, verlaufen sehr langsam. Die zunehmende Vermarktung von veganen Produkten richtet sich weniger an (überzeugte) Veganer:innen, sondern vor allem an diejenigen, die ihren Fleischkonsum reduzieren wollen.
Neben diesen Erkenntnissen auf der Ebene des Diskurses finden sich noch weitere, die sich auf die generelle Prozessualität von subversiven bzw. subkulturellen Diskursen anwenden lassen. Subkulturelle Diskurse, die in ihrer Bedeutung zunehmen, unterliegen Prozessen der Mainstreamisierung, Ent- bzw. Reideologisierung und Kapitalisierung. Durch diese Prozesse wandelt sich der Diskurs und potenziell auch die (konnotative) Bedeutung einzelner für den Diskurs bedeutsamer Lexeme.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/12562
URN: urn:nbn:de:gbv:18-ediss-140112
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Androutsopoulos, Jannis
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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