Titel: Der ‚deutsche‘ Chopin? Künstlerfigur zwischen Verherrlichung und Ressentiment. Fryderyk-Chopin-Rezeption zur Zeit des Nationalsozialismus im Deutschen Reich und im okkupierten Polen
Sprache: Deutsch
Autor*in: Ebneth, Nora Elisabeth Annemarie
Schlagwörter: Fryderyk Chopin; Frederic Chopin; Chopin
GND-Schlagwörter: MusikwissenschaftGND
KulturpolitikGND
NationalsozialismusGND
KomponistGND
Zweiter WeltkriegGND
Erscheinungsdatum: 2026
Tag der mündlichen Prüfung: 2026-01-30
Zusammenfassung: 
Die vorliegende Dissertation untersucht die Rezeption und ideologische Instrumentalierung Fryderyk Chopins und seiner Musik während der Zeit des Nationalsozialismus. Im Zentrum der Arbeit steht die Thesenstellung, dass das nationalsozialistische Chopin-Bild nicht von einer einheitlichen Doktrin, sondern von einer strukturellen Ambivalenz geprägt war.

Durch die Verknüpfung von musikwissenschaftlicher Rezeptionsforschung, Diskursanalyse und Kulturgeschichte beleuchtet die Studie die vielschichtigen Mechanismen, mit denen Chopin in den NS-Machtbereich eingeordnet, umgedeutet und funktionalisiert wurde. Analysegegenstände sind dabei u. a. die kulturpolitischen Leitlinien der Reichskulturkammer, musikwissenschaftliche Veröffentlichungen (u. a. von Edith Meister, Hugo Leichtentritt), fiktionale Darstellungen (wie ein Roman von Julius Sibers) sowie mediale Erzeugnisse (wie der NS-Propagandafilm Abschiedswalzer von 1934).

Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den Versuchen einer ideologischen 'Germanisierung' Chopins. Um das Werk des Komponisten trotz rassistischer Vorurteile gegenüber Polen im Konzertleben halten zu können, versuchte die NS-Propaganda, eine deutsche Musikerziehung durch seinen deutschstämmigen Lehrer Józef Elsner sowie vermeintlich deutsche Vorfahren ("Schopping") zu etablieren. Dennoch blieb das Vorgehen des Regimes hochgradig inkonsequent. Die Zerstörung des Warschauer Chopin-Denkmals im Jahr 1940 steht im krassen Gegensatz zur Eröffnung der Krakauer Chopin-Ausstellung 1943.

Auch ein Thema ist Chopins Musik als Symbol des Widerstands und des Überlebens. Für die polnische Bevölkerung avancierten Werke wie die Revolutionsetüde oder die As-Dur-Polonaise zu musikalischen Identifikationsfiguren des nationalen Unabhängigkeitskampfes. Im Untergrund sowie unter den inhumanen Bedingungen der Konzentrationslager und Ghettos (u. a. dokumentiert an den Biographien von Władysław Szpilman und Alice Herz-Sommer) spendeten seine Werke den Verfolgten Hoffnung und Trost.

Die Arbeit leistet einen Beitrag zur Erforschung der Politisierung von Musik in totalitären Systemen und dokumentiert die Spannungsfelder zwischen staatlicher Propaganda, historischer Verfälschung und der kulturellen Identitätsstiftung durch Chopins Werk.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/12660
URN: urn:nbn:de:gbv:18-ediss-141412
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Noeske, Nina
Tuchowski, Andrzej
Wibrowski, Adam
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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