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Titel: Religion heißt Dienst an den Göttern : eine kultur- und religionswissenschaftliche Untersuchung zu den Grundlagen des mesoamerikanischen Polytheismus
Sprache: Deutsch
Autor*in: Kremer, Hans Juergen
Schlagwörter: Menschenopfer; sakral; Kannibalismus; Tonalpohualli; Xihuitl; Morphologie; Chaak; Tlalocan; Mesoamerica; sacred; polytheism; maya; aztec; religion; cult; culture; civilization
GND-Schlagwörter: Mesoamerika; Religion; Polytheismus; Kultur; Kulturwissenschaften; Azteken; Maya; Kult; Götter; Pantheon; heilig; Ritual; Orakel
Erscheinungsdatum: 2013
Tag der mündlichen Prüfung: 2010-11-10
Zusammenfassung: 
Die hier vorgelegte kultur- und religionswissenschaftliche Untersuchung zum Polytheismus Mesoamerikas geht von dem Umstand aus, dass zahlreiche kolonialzeitliche Dokumente, ebenso wie das aus vorspanischer Zeit erhaltene Quellenmaterial die überlieferten religiösen Ausdrucksformen Mesoamerikas unverkennbar als eine neuweltliche Ausprägung der Religionsform des Polytheismus ausweisen. Epistemologisch stützt sich die Arbeit auf die von der europäischen, insbesondere der deutschen und italienischen Religionswissenschaft bis Mitte 2010 veröffentlichten Erkenntnisse zum abendländischen Polytheismus, sowie auf das Konzept der „unidad religiosa mesoamericana“ ab, das Alfonso CASO und Paul KIRCHHOFF mit Unterstützung durch Henry B. NICHOLSON während des 38. Internationalen Amerikanistenkongresses, Stuttgart-München 1968, für den mesoamerikanischen Polytheismus erarbeitet und drei Jahre später veröffentlicht haben.
Entsprechend ihrer Bedeutung als derjenigen Elemente, die den Polytheismus vornehmlich prägen, werden an erster Stelle die Götter und Göttinnen Mesoamerikas behandelt. Deren augenfälligste Merkmale sind - wie in anderen Varianten dieser Religionsform auch - zunächst ihre schiere Menge, sowie ihre Differenziertheit nach Geschlecht und Alter. Realitätsimmanenz und Ortsgebundenheit bzw. Raumstabilität der Göttinnen und Götter haben darüber hinaus zu verschiedenen äußeren Formen geführt, die ihre zusätzliche Diversifizierung nach natur- und kulturräumlichen Besonderheiten sinnvoll erscheinen lassen.
Ihre Gestalt beziehen sie aus den Phänomenen der wahrnehmbaren Realität, ihre Existenzform ist dennoch die von Personen. Als solche handeln sie selbständig und nach eigenem Ermessen. In Mesoamerika waren sie keinem „Höchsten Gott“ oder „Göttervater“ unter- oder nachgeordnet. Ebenso markant mesoamerikanisch ist ihr ausgeprägter Hang zur Gewalt, der fester Bestandteil ihrer Handlungsprofile ist. Diese bestanden aus individuell sehr unterschiedlich gefügten Synthesen von Verhaltens- und Handlungsroutinen, in denen bestimmte Ausschnitte aus der wahrnehmbaren Realität Gestalt angenommen hatten und Wirkung entfalteten. In dem kooperativ agierenden Pantheon ließen sich individuelle Handlungsprofile jedoch vielfach und mannigfach miteinander verknüpfen, sodass sie insgesamt das volle Spektrum wahrnehmbarer Realität abdeckten.
Grundlage für die Effizienz aller Kulthandlungen in der Konfrontation und permanenten Kommunikation mit Göttinnen und Göttern von solcher Art waren die genaue Kenntnis und richtige Einschätzung ihrer Handlungsprofile. Auf diese waren alle Kulthandlungen abgestimmt. Bevorzugte Kultempfänger waren diejenigen Götter und Göttinnen, die in Gestalt der NO-Winde und der feuchten Luftmassen des zentralamerikanischen Passats auftraten. Sie brachten die für den Feldbau als Ernährungsgrundlage unverzichtbaren sommerlichen Niederschläge. In ihrem Dienst wurde der größte kultische Aufwand betrieben.
Die Kulthandlungen, die im Umgang mit solchen Göttern zwei Jahrtausende hindurch praktiziert, memoriert und tradiert wurden und die dem gesamten privaten wie öffentlichen Leben in den Gemeinwesen Sinn, Ordnung und Stabilität verliehen, werden in den maßgeblichen kolonialzeitlichen Quellenwerken (LAS CASAS, SAHAGÚN, DURAN, LANDA, LÓPEZ MEDEL) denn auch als diejenigen Faktoren beschrieben, die das innere Gefüge mesoamerikanischer Kultur am stärksten beeinflusst haben. Sie haben auch ihr äußeres Erscheinungsbild am nachhaltigsten geprägt.
In diesem Geschehen war das orthopraktische Können der Kultfunktionäre im Umgang mit den Göttinnen und Göttern mesoamerikaweit nicht nur bestimmend für die Effizienz religiöser Handlungen, es garantierte auch den Bestand der Kultur in ihrer Gesamtheit. Mesoamerika ist so - in Erweiterung der ursprünglichen Definition Paul Kirchhoffs aus dem Jahre 1943 - als ein Raumgefüge zu verstehen, dessen Substanz und innere Dynamik von religiösen Denk- und Handlungsweisen bestimmt waren. Eine Reihe von Vorstellungen und Praktiken des mesoamerikanischen Götterkultes sind auch jenseits der Grenzen anzutreffen, die Kirchhoff seinerzeit für Mesoamerika gezogen hat, so im Südwesten der heutigen USA und auf den Antillen.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/4961
URN: urn:nbn:de:gbv:18-62340
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Koechert, Andreas (PD Dr.)
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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