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Titel: Sakrale Inszenierungen des Profanen : die Rezeption des christlichen Reliquiars in der Kunst nach 1945
Sonstige Titel: Sacred Stagings of the Profane : the Reception of the Christian Reliquary in Art after 1945
Sprache: Deutsch
Autor*in: Böhm, Dorothee
Schlagwörter: Kunst nach 1945; Zeitgenössische Kunst; Kunst und Religion; Object Art; Modern Art; Reliquary; Art after 1945; Contemporary Art; Art And Religion
GND-Schlagwörter: Objektkunst; Moderne Kunst; Reliquiar
Erscheinungsdatum: 2015
Tag der mündlichen Prüfung: 2007-11-14
Zusammenfassung: 
Das christliche Reliquiar ist aufgrund seiner inszenatorischen und medialen Fähigkeiten nach 1945 immer wieder von bildenden Künstlerinnen und Künstlern als Referenzobjekt für ihre Arbeiten gewählt worden. Die Dissertation untersucht diese Adaption als eine wirkungsvolle Strategie der bildenden Kunst, ehemals christliche Praktiken und Symbole, die mit der Säkularisierung zur Umnutzung und Neudeutung verfügbar wurden, für ihre profanen Zwecke produktiv zu machen. So werden etwa wie beim christlichen Vorbild vermeintlich kunstfremde Materialien oder Dinge ästhetisch überformt und damit erst als Bedeutungsträger sichtbar gemacht. Dieser funktionelle Rekurs auf das tradierte inszenatorische Modell kommt ausschließlich bei künstlerischen Arbeiten zum Tragen, bei denen ein Behältnis konstitutiver Werkbestandteil ist. Ihnen gilt daher das Erkenntnisinteresse der Untersuchung.
Die zentralen Verfahren der künstlerischen Bezugnahme auf das spezifische Wechselverhältnis von Reliquie und Reliquiar werden in drei Kapiteln an signifikanten Werken und Werkgruppen exemplarisch analysiert. Im ersten Teil der Arbeit wird anhand der Werke von Daniel Spoerri, Joseph Beuys, Martial Raysse und Arman der Stellenwert von Behältnissen beim Einbringen alltäglicher Stoffe und Gegenstände in die Kunst untersucht. Das folgende Kapitel ergründet an den Arbeiten von Lucas Samaras, Christian Boltanski und Dorothee von Windheim das Zusammenspiel von Kästen und Körperbildern sowie die wechselseitigen Beglaubigungsstrategien von Materialien und Bildern. Den Abschluss bildet im dritten Abschnitt mit Werken von Bernard Réquichot, Paul Thek und Orlan eine Analyse der quasisakralen Präsentation von imitierten Körpergliedern und realen Körperstoffen im Kunstraum. Innerhalb der Kapitel werden die vorgestellten Werke auf phänomenologische, inhaltliche und strukturelle Bezüge zum christlichen Reliquiar untersucht und auf die jeweilige Aneignung des Modells für die Gegenwart hin befragt. Dem unverzichtbaren Beitrag der Behälter zur Semantisierung der enthaltenen Gegenstände und Stoffe wird dabei besondere Aufmerksamkeit zuteil.
In den einzelnen Werkanalysen kristallisieren sich spezifische relevante Debatten der jeweiligen Entstehungszeit heraus, und im Zuge der gesamten Untersuchung erweist sich das Reliquiar als ein ebenso wandelbares wie einflussreiches Modell, das sich auch in der Gegenwart für die künstlerische Rezeption gesellschaftlicher Prozesse, die Offenlegung der Kontingenzen (post-)moderner Lebenswelten und die Hinwendung zu existentiellen Zeitfragen eignet.

Due to its possibility to stage and mediate things and materials after 1945 the Christian reliquary has been repeatedly chosen as point of reference by artists for their works. In the PhD dissertation this phenomenon is investigated as a powerful strategy of contemporary art: Christian practices and symbols that since secularization have become available for conversion and reframing are utilized for profane purposes. As in the Christian model supposedly non-artistic substances or objects are aesthetically framed and subsequently appear as conduits of meaning. This functional recourse to the traditional model is especially important to artistic practices where a container is constitutive part of the work. Therefore, these strategies are at the center of the epistemological interest of this thesis.
The central operations of the artistic dialogue with the specific interrelationship of relic and reliquary are analyzed in three chapters dealing with significant artworks. In the first chapter the status of receptacles as containers that enable the introduction of everyday materials and things into art is considered via the works of Daniel Spoerri, Joseph Beuys, Martial Raysse, and Arman. The second chapter is investigating the interplay of boxes and representations of the body as well as the reciprocal strategies of authentication of materials and images via the practices of Lucas Samaras, Christian Boltanski, and Dorothee von Windheim. The third and final chapter is concerned with the quasi-sacred staging of imitated body parts and actual bodily materials within the art context, considering Bernard Réquichot, Paul Thek, and Orlan. In all chapters the presented works are analyzed in their phenomenological, content-related, and structural links to the Christian reliquary. It is questioned how the sacred model is appropriated for addressing contemporary issues. Special attention is being given to the receptacles and how they contribute to the semanticization of the contained things and substances.
In the course of the dissertation the singular case studies let specific relevant contemporary debates crystallize. Also in present times the reliquary is proving itself as changeable and influential model that is relevant for the artistic reception of societal processes, the disclosure of the contingencies of (post)modernist living environments and the steering towards existential questions.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/6345
URN: urn:nbn:de:gbv:18-71365
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Wagner, Monika (Prof. Dr.)
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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