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Titel: Das hagiografische Werk zu Śarṣ́a Ṗeṭros. Werkgenese und Teiledition
Sonstige Titel: The Hagiography of Śarṣ́a Ṗeṭros: Genesis of the Work and Partial Edition
Sprache: Deutsch
Autor*in: Hummel, Susanne
Schlagwörter: Manuskriptkunde; Begründung eines Heiligenkults; Gründungsmythos; äthiopische Geschichte; philology; manuscript studies; Ethiopic; Geez; hagiography; Ethiopian history; invention of tradition
GND-Schlagwörter: Philologie; Handschrift; Geez; Edition; Hagiografie; Heiligenvita; Geschichte; Heiligenverehrung
Erscheinungsdatum: 2020
Tag der mündlichen Prüfung: 2019-12-17
Zusammenfassung: 
Wenngleich die Hagiografie eine zentrale Gattung der Geez-Literatur ist, ist über ihren Schaffensprozess fast nichts bekannt. Die vorliegende Arbeit untersucht ein hagiografisches Werk, dessen Entstehung in der altäthiopischen Philologie auf einzigartige Weise dokumentiert ist. Dank solider Manuskriptbefunde war es möglich, den komplexen Entstehungsprozess einer indigenen Hagiografie zuverlässig zu rekonstruieren. Es handelt sich um das hagiografische Werk zu Śarṣ́a Ṗeṭros, ein heiliger Mönch, der in der zweiten Hälfte des 15. Jh. lebte und in Dabra Warq (Ost-Goǧǧām, Äthiopien) als Heiliger verehrt wird.

Die Hagiografie von Śarṣ́a Ṗeṭros besteht aus mehreren Werktexten, darunter zwei Versionen seiner Heiligenvita: die Kurzvita (i.e. der Sǝnkǝssār-Eintrag) und die Langvita (d.h. das Gadl), jeweils in zwei Fassungen (I und II). Sämtliche Werktexte sind in verschiedenen ausschließlich um 1900 angelegten Handschriften überliefert. Die Mehrheit des der Dissertation zugrundeliegenden Materials (Handschriften, Wandmalereien, Interviews) wurde auf eigenen Feldforschungen gesammelt.

Die schöpferischen Arbeitsprozesse konnten nach eingehender Untersuchung der Textzeugen im Detail nachgezeichnet werden. Sie umfassen die Ausarbeitung der Langvita auf Grundlage der Kurzvita als Ausgangstext, die intensive Um-Schreibung der Langvita resultierend in einer zweiten Fassung und schließlich die Kompilation einer zweiten Fassung der Kurzvita.

Von herausragender Bedeutung für die Rekonstruktion der Werkgenese ist eine in der altäthiopischen Philologie bisher einzigartige Handschrift, die zunächst als temporärer Textträger für die Langvita und kurz darauf als Arbeitsbuch für die Um-Schreibung zu einer zweiten Fassung diente. Doch erst die Betrachtung der Genese des gesamten Werkes offenbart die enorme Komplexität des schöpferischen Schaffensprozesses, der sich an verschiedenen Orten vollzogen hat. Wesentliches Kennzeichen ist, dass es sich um ein Gemeinschaftswerk handelt. Dabei waren nicht bloß Schreiber, sondern Hagiografen mit hohen literarischen Kenntnissen beteiligt. Die Ausarbeitung der langen Heiligenvita oblag der mehrere Tagesreisen entfernt liegenden autoritativen Institution Dabra Sān in ʾƎnfrāz, das wohl einst eine literarische Werkstatt führte. Mindestens zwei Vitenautoren waren beteiligt, die um 1900 ihren fertigen Text in ein maschinell produziertes Papierkontobuch hineinschrieben. Die handwerkliche Herstellung eines der Verehrung des Heiligen würdigen Pergamentkodexes oblag der Wirkstätte Dabra Warq. Dort allerdings nahmen vier Redaktoren zunächst eine weitreichende auf ganz bestimmten Zielen ausgerichtete Um-Schreibung vor (u.a. wurde ein neuer Gründungsmythos eingeführt). Hiernach legte ein Berufsschreiber einen wertvollen Pergamentkodex für die Reinschrift der zweiten Fassung an. Die Fertigung der Kurzvita II ist einem oder mehreren Kompilatoren zuzuschreiben, die für ihren Text mehrere Vorlagen heranzogen, aber auch Eigenes hinzufügten.

Diese Dissertation besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist in neun Kapitel gegliedert und eröffnet nach einer Einführung in Thema und Struktur der Arbeit mit der Darstellung des Forschungsstandes (Kap. 1) und der Überlieferungslage (Kap. 2). Das längste Kapitel (Kap. 3) bietet die ausführlichen Beschreibungen aller relevanten Textzeugen und bildet die Grundlagenarbeit für die Darlegung der Werkgenese mittels eines kapitelweisen Vergleichs der Versionen der Vita in ihren beiden Fassungen (Kap. 4) sowie für die Abhandlung der Fragen nach Schreibheimat und Entstehungszeit der Werktexte und seiner Zeugen (Kap. 5). Hiernach werden die zeitgeschichtlichen Umstände aufgezeigt, die den Überlieferungsgang und die Textausgestaltung beeinflusst haben (Kap. 6). Abschließend werden die Historizität der grundtextlichen Berichte über die drei Klostergründungen beleuchtet (Kap. 7) sowie die Wirkungsgeschichte der neuen Fassung der Heiligenvita (Kap. 8) kurz umrissen. Der erste Teil endet mit der Beschreibung und Rechtfertigung des editorischen Verfahrens (Kap. 9). Ein Index zum ersten Teil der Dissertation, zwei Tabellen, eine Karte und 58 Abbildungen sollen die Benutzung der Arbeit erleichtern.

Eine vollständige Ausgabe der umfangreichen Werktexte war aufgrund der eingehenden Untersuchung der Werkgenese im Rahmen dieser Arbeit nicht mehr möglich. Solche Abschnitte der Werktexte, die für das Verständnis des Entstehungsprozesses von tragender Bedeutung sind, werden in einer synoptischen, den Prozess der Werkgenese abbildenden Edition nebst deutscher Übersetzung und einem ausführlichen Kommentar bereitgestellt. Diese Teiledition bildet den zweiten Teil der Dissertation.

Die Arbeit verdankt ihre Gestalt und Ergebnisse zwar auch den eigenen beharrlichen Feldforschungen, aber ganz im Wesentlichen den unermüdlichen Hüterinnen und Hütern der Manuskripte in Äthiopien und ihrer mir gewährten unschätzbaren Unterstützung. Ihnen ist diese Arbeit gewidmet.

Even though hagiography is a substantial genre of Geez literature, almost nothing is known about the process of creation of hagiographical texts. This PhD dissertation examines a hagiographical work whose genesis is documented in a way that is unique among Ethiopic hagiography. Thanks to solid manuscript evidence it was possible to reliably reconstruct the complex creation process of this indigenous hagiography. It is the hagiography of the monk Śarṣ́a Ṗeṭros, who lived in the second half of the fifteenth century and who is venerated as a saint in Dabra Warq (East Goǧǧām, Ethiopia).

The hagiography of Śarṣ́a Ṗeṭros comprises several texts including two versions of his Life: the short (i.e. the commemorative notice for the Sǝnkǝssār) and the long Life (i.e. the gadl), each in two redactions (I and II). ). All texts are transmitted in different manuscripts that were produced around the turn of the nineteenth century. Most of the text witnesses and other valuable materials were photographed during my own field trips to Goǧǧām, ʾƎnfrāz, and Bagemdǝr.

A comprehensive and vivid picture of the creative work processes could be build up after a thorough examination of the extant text witnesses. The processes include the creation of the saint’s Long Life based on the Short Life as the source text, the intensive rewriting of the Long Life resulting in a second redaction and finally the compilation of a second version of Short Life.

Of outstanding importance for the reconstruction of the work’s genesis is a paper manuscript, unique in Ethiopic philology, which served first as a temporary text carrier for the Long Life I and shortly afterwards as a ‘workbook’ for the rewriting to the Long Life II. A crucial discovery is, however, that the hagiography of Śarṣ́a Ṗeṭros is in fact a collaborative work. Not only scribes, but highly skilled hagiographers were involved in the creation processes that took place in different institutions. It appears very plausible to attribute the creation of the Long Life I to the authoritative institution Dabra Sān in ʾƎnfrāz where the Life was designed and crafted around 1900. At least two authors were involved, who chose a machine-produced paper account book as a text carrier for their text. The production of a parchment codex suitable for the saint’s veneration and rituals was left to the place of veneration. In Dabra Warq, however, the paper book was not simply copied ‘as is’. Rather, it served as a ‘workbook’ for four redactors who made dramatic alterations (e.g., a new founding narrative was incorporated). The paper ‘workbook’ was ultimately given to a professional scribe who produced a beautiful parchment codex and fair copied therein the Long Life II in 1910 at the latest. Sometime afterwards the Short Life II was created which can be attributed to one or more compilers who used several Vorlagen and added own details.

This PhD dissertation consists of two parts. The first part is divided into nine chapters, and after the Introduction, opens with the presentation of the current state of research (Ch. 1) and the state of transmission (Ch. 2). The longest chapter (Ch. 3) comprises the detailed descriptions of all relevant text witnesses and forms the basis for the following reconstruction of the work’s creation process through a chapter-wise comparison of the long and short version of the Life in both redactions (Ch. 4), as well as for discussion of the questions concerning the place of writing and the time of creation of the texts and its witnesses (Ch. 5). The contemporary context and the historical factors that influenced the creation of the work are presented next (Ch. 6). Finally, the historicity of the three founding narratives is examined (Ch. 7), and the reception and impact of the rewritten Life are outlined Ch. 8). The first part ends with a description and justification of the editorial technique I used (Ch. 9). An Index to the first part of the dissertation, two tables, a map, and fifty-eight figures are intended to facilitate the reading of the dissertation.

The detailed and comprehensive examination of the work’s genesis did not allow a complete edition of the work. All parts of the texts that are relevant for the understanding of the work’s creation process are presented in a synoptic edition accompanied by a German translation and a detailed commentary. This partial edition forms the second part of the dissertation.

Form and results of this dissertation are to a large extent due to the multiple field trips during which most of the material was collected, but the project exists at all only thanks to the unflagging efforts of the guardians of the manuscripts in Ethiopia, to whom the dissertation is dedicated.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/8372
URN: urn:nbn:de:gbv:18-103879
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Bausi, Alessandro (Prof. Dr.)
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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