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Titel: Einstellungen von psychiatrischen Patient*innen und Mitarbeiter*innen zu Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie – Möglichkeiten zur Reduktion von Zwang aus Sicht von Betroffenen und Beschäftigten
Sonstige Titel: Attitudes of psychiatric patients and staff members towards coercive interventions in psychiatry - Possibilities for reducing coercion from the perspective of patients and staff members
Sprache: Deutsch
Autor*in: Krieger, Eva Carolin
Schlagwörter: Zwangsmaßnahmen; Zwangsmedikation; Akutpsychiatrie; Isolierung; Coercive Interventions; forced medication; emergency psychiatry; seclusion; restraint
GND-Schlagwörter: Psychiatrie; Zwang; Fixierung
Erscheinungsdatum: 2020
Tag der mündlichen Prüfung: 2020-08-03
Zusammenfassung: 
Hintergrund: Freiheitsentziehende Maßnahmen und medizinische Zwangsbehand-lungen in psychiatrischen Kliniken sind ein kontroverses und viel diskutiertes Themengebiet. Trotz der damit verbundenen hohen Belastungen für alle Beteilig-ten, sowohl Patient*innen als auch Mitarbeiter*innen, handelte es sich dabei über lange Zeit um einen wenig erforschten Bereich. In den letzten Jahren ist ein deutli-cher Zuwachs von Konzepten und Maßnahmen zu verzeichnen, die das Ziel haben, Zwangsmaßnahmen in der Akutpsychiatrie zu verhindern oder zu reduzieren. Die-ses gesteigerte Interesse spiegelt sich auch in einem Anstieg wissenschaftlicher Arbeiten wider. Dennoch ist bisher wenig über die Einstellungen der Betroffenen zu Zwangsmaßnahmen bekannt. Empirische Daten darüber, wie Patient*innen, die Erfahrungen mit Zwangsmaßnahmen in Psychiatrien gemacht haben, diese im Nachhinein bewerten, welche eigenen Präferenzen sie für ihre zukünftige Behand-lung haben und welche Möglichkeiten zur Reduktion von Zwang sie sehen, sind bisher rar. Noch weniger erforscht sind die Einstellungen sowie die mit Zwangs-maßnahmen einhergehenden Emotionen von Mitarbeiter*innen, die direkt oder indirekt an der Durchführung der Maßnahmen beteiligt sind. Dies erscheint jedoch vor dem beschriebenen Hintergrund relevant, da die Einstellungen und Emotionen direkte Auswirkungen auf Entscheidungsfindungsprozesse (so auch z. B. für oder gegen eine bestimmte Maßnahme) haben können.
Ziele: Ziel der vorliegenden Dissertation ist es, die Einstellungen von betroffenen Patient*innen und Mitarbeiter*innen in Psychiatrien zu Zwangsmaßnahmen sowie damit einhergehende Emotionen zu untersuchen. Zudem sollen aus Sicht beider untersuchter Gruppen Möglichkeiten zur Reduktion dieser Maßnahmen erfasst werden. Die beiden zu diesem Zwecke durchgeführten Studien verfolgen zudem das Ziel, praktische Implikationen für den Stationsalltag abzuleiten, um zukünftig Zwangsmaßnahmen weiter reduzieren zu können.
Methode: Es werden zwei Studien konzipiert, die zum einen die Einstellungen zu Zwangsmaßnahmen der Patient*innen (Studie I), und zum anderen die der Mitar-beiter*innen (Studie II) in der Asklepios Klinik Nord- Wandsbek und Ochsenzoll untersuchen. Studie II umfasst zudem Items zur Einstellung der Beschäftigten zu reflektierenden Maßnahmen (Team-Supervisionen und Nachbesprechungen von Zwangsmaßnahmen mit den betroffenen Patient*innen und Mitgliedern aus dem Behandler*innen-Team). Nachbesprechungen von Zwangsmaßnahmen mit Pati-ent*innen und Mitarbeiter*innen bieten die Grundlage für die dritte Publikation, eine Übersichtsarbeit, die im Rahmen dieser Dissertation entstanden ist.
Ergebnisse: In Studie I akzeptierten Patient*innen „nicht-invasive Maßnahmen“ (z. B. „weicher Raum“, Isolierung) eher als „invasive Maßnahmen“ (z. B. Fixierung, Zwangsmedikation). Das Verständnis für Zwangsmaßnahmen nahm mit fortschrei-tender Behandlungsdauer zu. Die meisten Patient*innen bewerteten verschiedene Optionen (z. B. Musik oder Bewegung) als hilfreich, um Zwangsmaßnahmen zu vermeiden. In Studie II waren Beschäftigte mit mehr Berufserfahrung am kritischs-ten gegenüber Zwangsmaßnahmen eingestellt. Mitarbeitende der Pflege bewerte-ten Zwangsmaßnahmen positiver als andere Berufsgruppen. Die Mehrheit emp-fand bei der Ausübung von Zwangsmaßnahmen Emotionen wie Mitgefühl, Trauer oder Angst. Fast 20 % gaben an, Macht zu erleben. Reflektierende Interventionen (v. a. Supervisionen oder Nachbesprechungen) wurden von den meisten Beschäf-tigten als wichtig erachtet. Etwa die Hälfte gab an, dass diese Interventionen be-reits routinemäßig durchgeführt werden. Mitarbeiter*innen vermuteten, dass be-stimmte Faktoren (z. B. hohes Stresslevel, geringe Personalausstattung) die Wahr-scheinlichkeit für Zwangsmaßnahmen erhöhen könnten.
Schlussfolgerungen: Auf Akutstationen sollten „mildere“ Maßnahmen als Alternati-ve zu invasiven Zwangsmaßnahmen angeboten werden. Patient*innen sollten so viel wie möglich in ihren Behandlungsprozess miteinbezogen werden, da sich ihre subjektiven Präferenzen unterscheiden. Die Ergebnisse der Studien führten zu konkreten Veränderungen in der Psychiatrie Wandsbek. Ein „weicher Raum“, in dem sich Patient*innen in akuten Situationen nicht verletzen können, wurde als „nicht-invasive“ Maßnahme auf der neuen Akutstation eingerichtet, um invasivere Maßnahmen zu vermeiden. Zudem wurden Sportgeräte und Bewegungstherapien auf den geschützten Stationen etabliert. Die Einstellung zu Zwangsmaßnahmen sowie damit einhergehende Emotionen unterscheiden sich zwischen Berufsgrup-pen und Beschäftigten mit unterschiedlich viel Berufserfahrung. Reflektierende Maßnahmen (z. B. Supervisionen, Nachbesprechungen von Zwangsmaßnahmen mit den Patient*innen) können helfen, eigenes Handeln zu reflektieren.

Background: Coercive interventions in psychiatric hospitals are a controversial and much discussed topic. In spite of the associated high burden on all those involved, both patients and staff members, this has long been a scarcely studied field. In recent years there has been a significant increase in the number of concepts and measures aimed at preventing or reducing coercive interventions in emergency psychiatry. This increased interest is also reflected in an increase in scientific work. Nevertheless, little is known about the attitudes of those affected to coercive interventions. Empirical data on how patients who have experienced coercive interventions in psychiatry see them in retrospect, what their own preferences are for their future treatment and what possibilities they see for reducing coercion are still rare. Even less research has been done on the attitudes and emotions of staff members who are directly or indirectly involved in the application of coercive interventions. However, this seems to be relevant against the background, as attitudes and emotions can have a direct impact on decision-making processes (e.g. for or against a certain measure).

Objectives: The aim of the present dissertation is to investigate the attitudes of affected patients and staff members in psychiatric hospitals towards coercive interventions as well as the accompanying emotions. Furthermore, possibilities for reducing these interventions are assessed. The two studies also aim to derive practical implications for the clinical practice in order to further reduce coercive interventions in the future.

Methods: Two studies are designed to examine the attitudes towards coercive interventions of patients (Study I) and staff members (Study II) at Asklepios Clinic North in Hamburg, Germany. Study II also includes items on staffs' attitudes to reflective interventions (team supervisions and post-seclusion/ -restraint debriefings with the affected patients and team members). Post-seclusion/ -restraint debriefings with patients and staff members provide the basis for the third paper, a review that has been publicized within the framework of this dissertation.

Results: In Study I, patients better accepted “noninvasive measures” (e.g., the use of a “soft room,” observation in seclusion) than “invasive measures” (e.g., mechanical restraint, forced medication). The retrospective understanding of coercive interventions increased over the course of treatment. Most patients considered different options (e.g. music or exercises) to be helpful in avoiding coercive interventions. In Study II, staff members with the most work experience were the most critical of coercive interventions. Nursing staff rated coercive interventions more positively than other occupational groups. The majority experienced emotions such as compassion, grief or fear when using coercive interventions. Almost 20% stated to experience power. Reflective interventions (especially supervision or post-seclusion/ -restraint debriefings) were considered important by most staff members. Approximately half said that these interventions were already routine. Staff members believe that certain risk factors (including stress, low staffing) enhance the probability of coercive interventions.

Conclusions: “Milder" measures should be offered in emergency psychiatry as an alternative to “invasive” coercive interventions. Patients should be involved as much as possible in their treatment, as their preferences differ. The results of the studies led to concrete changes at the study site. A "soft room", in which patients cannot injure themselves in acute situations, was set up as a "non-invasive" measure on the new locked ward to avoid more “invasive” measures. In addition, sports equipment and exercise therapies were established on the locked wards. Attitudes towards coercive interventions and the accompanying emotions differ between occupational groups and staff members with different levels of work experience. Reflective interventions (e.g. supervision, post-seclusion/ -restraint debriefings) can help to reflect on one's own practices.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/8473
URN: urn:nbn:de:gbv:18-106170
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Moritz, Steffen (Prof. Dr.)
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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