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Titel: E-Watch und Controltainment : Zur Kriminologie der Kontrollkultur
Sonstige Titel: E-Watch and Controltainment : Criminology of Controlculture
Sprache: Deutsch
Autor*in: Toepffer-Wenzel, Kirsten
Schlagwörter: Unterhaltungskultur; crimeprevention; video surveillance; control; mass media; entertainment
GND-Schlagwörter: Videoüberwachung; Verbrechenskontrolle; Datenschutz / Kontrolle; Medienwirkungsforschung; Massenmedien / Soziologie
Erscheinungsdatum: 2004
Tag der mündlichen Prüfung: 2005-01-12
Zusammenfassung: 
Die Implementation von E-Watch, also all jener Kontrolltechnologien, die auf elektronischem, zumeist digitalem Wege, Personen, Räume und/oder Interaktionen akustisch, optisch und/oder taktil durch Datenspeicherung und Datenabgleich überwachen, in die verschiedensten Bereiche des gesellschaftlichen Lebens im öffentlichen und privaten Raum beim Einkaufen, beim Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Passieren öffentlicher Plätze und neuerdings auch beim Spielen im Kindergarten oder Lernen in der Schule, ist begleitet von einer Verknüpfung aus Kontrolle und Unterhaltung. Nicht alleine der Kontrollgedanke motiviert die Menschen dazu, die Kameras zu akzeptieren, sondern auch ihr Wunsch, selber kontrollieren und beobachten zu können sowie die Möglichkeit, sich selber in Szene zu setzen. Genau diese Wechselwirkung aus Kontrolle und Unterhaltung bezeichne ich als Controltainment.

Die These der vorliegenden Arbeit ist: E-Watch und Controltainment bieten eine Bühne für das Kontroll-, Sicherheits- und Zurschaustellbedürfnis der Gesellschaft. Es entwickelt sich eine Kontrollkultur. Die Einführung neuer Technologien vollzieht sich sukzessive auf den unterschiedlichsten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, die in ihrer Komplexität von den Einzelnen nicht wahrgenommen wird. Vielmehr entfaltet sich ein kontinuierlich weiter spannendes Netz von Informationssammeldatenbanken über die Gesellschaft, die den Einzelnen katalogisiert und kategorisiert.
Diese Informationssammeldatenbanken werden zugleich von den Gesellschaftsmitgliedern genutzt, um sich und die „Anderen“ katalogisieren und kategorisieren zu können und somit Orientierungs- oder auch Ortungshilfen in ihrer gesellschaftlichen Positionierung und Selbstvergewisserung zu erhalten. Die Informationssammlung erfolgt jedoch nicht mehr notwendigerweise durch staatliche Institutionen, sondern vielmehr unter Mithilfe von sowohl privatwirtschaftlichen Unternehmen als auch von den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern selbst, die sich zunehmend in der Öffentlichkeit – etwa im Internet oder anderen Massenmedien – präsentieren und nahezu vollständig auf ihre Privat- bzw. Intimsphäre verzichten (wollen), um durch die öffentliche Wahrnehmung eine Identität entwickeln zu können. Der vollständigen Vergesellschaftung der Subjekte ist damit der Weg offen.

Es entsteht eine Aufmerksamkeits- und Selbstkontrollgesellschaft, auf deren Daten – ergänzt durch eigene Erfassungs- bzw. Kontrollinstrumente - der Staat zur Kontrolle der Bevölkerung zurückgreifen kann. Der Einzelne wird damit zum „Kontrolleur seiner selbst“, der einen omnipräsenten, kontrollierenden Staat – in Teilen - überflüssig macht. Eine Kontrollkultur erwächst.

Theoretisch lassen sich diese Entwicklungen einbetten in das von Foucault entworfene Konzept der Gouvernementalité – das einerseits auf die Eigenverantwortung und Selbstsorge und andererseits durch diese Responsibilisierungsstrategie auf den Rückzug des Staates abzielt. Leitideen einer solchen Regierungspraxis sind das ‚governing at a distance‘ und das ‚Regieren durch Freiheit‘ (Garland). Gilles Deleuze Überlegungen zur Kontrollgesellschft bieten einen weiteren theoretischen Zugang zu dem Thema.

Durch die zunehmende Privatisierung öffentlicher Räume entsteht ein Kontrollparadigma, dass zumeist durch private Wach- und Sicherheitsunternehmen umgesetzt wird, wobei, wie Garland in seiner Unterscheidung zwischen den „Criminology of the self“ und „Criminology of the other“ darstellte, danach differenziert wird, wer zu den ‚Insidern‘ oder ‚Outsidern‘ gehört und entsprechend sanktioniert werden muss.

In der Arbeit werden zahlreiche Beispiele für den Einsatz von E-Watch im öffentlichen und privaten Raum zur Herstellung von ‚Insidern‘ und ‚Outsidern‘ vorgestellt, die u.a. auf eine Wechselwirkung von Kontrolle und Unterhaltung hinweisesen. Das Controltainment erhält jedoch durch die Schaffung neuer Sendeformate im Fernsehen in Form von „Big Brother“ noch ihre Perfektion. Die Möglichkeiten, die die technischen Entwicklungen in dem Bereich von E-Watch bieten, dienen hierbei dem Controltainment als eine wichtige Ressource. Gleichzeitig dienen die Entwicklungen auf dem Markt der Unterhaltung für die Implementierung von E-Watch dazu, eine positive Grundstimmung in der Gesellschaft zu erzeugen bzw. zu verstärken.

Durch die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten von E-Watch und die Entwicklung zum Controltainment entsteht eine Kontrollkultur. Diese Kontrollkultur ist gekennzeichnet durch das Bedürfnis nach Identität der einzelnen Gesellschaftsmitglieder einerseits und das Bedürfnis nach Identifizierung durch Staat und Gesellschaft andererseits. Dieser ‚Mode‘ der Selbstzurschaustellung und (Selbst-)kontrolle erwächst ein Kult(ur)charakter von Kontrolle, der eine Frage des Stils oder ‚Lifestyles‘ und auch der Ästhetik ist.

The Implementation of E-Watch – which includes all technologies of control, which control streets, persons, spaces and/or interaction acoustically, optically and/or tactilely by saving and comparison of data – in the different areas of social life in public and private spaces while shopping, using public transportation, crossing public places and playing in kindergarten or learning at school, is accompanied by a combination of control and entertainment. Not only the idea of control motivates individuals to accept surveillance cameras, but also their wish to control and observe themselves and the opportunity to play to the gallery. This reciprocity of control and entertainment I term controltainment.

The thesis of this paper is:

E-Watch and controltainment set the stage for the need of control, security and performance of society. The introduction of new technology is done successively in the different areas of social life, which are not recognised in its complexity by the individual. A continuously expanding net of information-collection data banks unfolds, which catalogues and categorises every person.

These information-collection data banks are used by members of a society to be able to catalogue and categorise themselves and others and become therefore a tool of orientation and location in their social positioning and self-assurance. The collection of information is done not only by governmental institutions but also by members of private business organisations and individual members of the society at large. Persons present themselves more and more often in public – either via Internet or mass-media – and almost relinquish their privacy and intimacy in order to gain a personal identity through their viewers’ perception. This process opens the gate for the entire “Vergesellschaftung” of the individual.

The result is an attention- and self-control-society, based on which data - and supplemented by its own instruments of capture and control - the state is able to use the combined data for its purposes. Individuals become “controlers of themselves”, who make an omnipresent, controlling state – partly – obsolete. A Controlculture emerges.

Theoretically these developments can be seen in the context of the concept of “gouvernmentality” by Foucault. This refers on the one hand to self-responsibility and self-sufficiency and on the other hand through these strategies of responsibilisation to the retreat of the state. Leading ideas of this form of governing are ‘governing at a distance’ and governing through liberty (Garland). Gilles Deleuze’s thoughts about the control-society offer as well an approach to the subject.

From the continuously growing privatisation of public places results a paradigm of control, which is mostly realised by private security-services. Following the concept of Garland of “Criminology of the self” and “Criminology of the other” individuals are differentiated and sanctioned as insiders or outsiders.

This paper presents a number of examples for the use of E-Watch in public and private places to produce insiders and outsiders, which inter alia refer to a reciprocity of control and entertainment. Controltainment finds its perfection in television productions like “Big Brother”. The possibilities which are offered by the technical developments in the field of E-Watch serve as an important resource to establish Controltainment. At the same time advancements of mass-media help to evoke or to emphasize a positive attitude towards the implementation of E-Watch.

The diverse implementation possibilities of E-Watch result in the development of Controltainment and Controlculture. This Controlculture is characterised by the need for identity of the members of the society and the need to identify of the state and the society-at-large. This trend of self-presentation and self-control assumes a character of cult(ure), which becomes a question of lifestyle and esthetics.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/8590
URN: urn:nbn:de:gbv:18-24395
Dokumenttyp: Dissertation
Bemerkung: Für die Benutzung gesperrt. Neufassung unter: urn:nbn:de:gbv:18-70187
Betreuer*in: Scheerer, Sebastian (Prof. Dr.)
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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