Zusammenfassung: | In der deutschen Gesellschaft spielt sexualisierte Gewalt in den letzten Jahren eine zunehmende Rolle. So kam es von 2016 auf 2017 zu einem Zuwachs polizeilicher Anzeigen bezüglich Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen um fast 42,5% (BKA 2017a). Hinzu kommt eine extrem hohe Dunkelziffer. Generell kann diese Form der Gewalt alle Mitglieder einer Gesellschaft betreffen (U.S. Department of Justic... In der deutschen Gesellschaft spielt sexualisierte Gewalt in den letzten Jahren eine zunehmende Rolle. So kam es von 2016 auf 2017 zu einem Zuwachs polizeilicher Anzeigen bezüglich Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen um fast 42,5% (BKA 2017a). Hinzu kommt eine extrem hohe Dunkelziffer. Generell kann diese Form der Gewalt alle Mitglieder einer Gesellschaft betreffen (U.S. Department of Justice 2013), junge Frauen sind jedoch am häufigsten die Opfer (WHO 2003). Um diese Fälle in Hamburg zu spezifizieren, wurden weibliche Personen, die vom 01.01.2013 bis 31.12.2017 am UKE im Rahmen eines Sexualdelikts untersucht worden waren (n=692), durch eine retrospektive Auswertung standardisierter Untersuchungsprotokolle erfasst. Die Analyse erfolgte mittels Häufigkeits- verteilungen, χ2-Tests nach Pearson und logistischen Regressionen (p<0,05). Es ergab sich ein Durchschnittsalter der Betroffenen von 26,3 Jahre. Der Missbrauch erfolgte in mehr als die Hälfte der Fälle durch einen bekannten Täter (53,9%) und ereignete sich vorwiegend in den frühen Morgenstunden (03:00-03:59 bzw. 04:00-04:59, je 8,5%). 10,3% waren Opfer eines wiederholten Übergriffs geworden und bei mindestens 13,4% stellten wir eine psychiatrische Vorerkrankung fest. Auffällig häufig kam es zu einer vollständig (20,1%) bzw. teilweise (18,7%) ausgeprägten Amnesie, die mit Alkoholkonsum und dem unfreiwilligen Konsum von Substanzen/ K.O.-Tropfen in Zusammenhang stand (p<0,001). Hierbei hatten insgesamt wesentlich mehr Betroffene Alkohol konsumiert, als Substanzen verabreicht worden waren (59,4% vs. 2,3%). Ein Drogenkonsum erfolgte in 7,5%. Während extragenitale Verletzungen bei mehr als dreiviertel der Patientinnen festgestellt wurden (78,6%), traten genitale Verletzungen vergleichsweise seltener auf (28,5%). Wenn vorhanden, war die Entstehung einer solchen Verletzung abhängig von einem vergleichsweise höheren Alter der Patientin (50 bis 74 Jahre, HR 3,00 KI95% (1,02-8,87) p=0,046) und einer erfolgten analen Penetration (HR 1,89 KI95% (1,08-3,29) p=0,025). Das Auftreten extragenitaler Verletzungen hingegen war mit dem niedrigeren Alter zwischen 25-49 Jahren (HR 1,75 KI95% (1,07-2,85), p=0,025), einem bekannten Täter (HR 0,6 KI95% (0,36-0,99), p=0,046) und Alkoholkonsum (HR 1,95 KI95% (1,21-3,12), p=0,006) assoziiert. Therapeutisch kam es in 53,4% zur Verschreibung einer postkoitalen Kontrazeption und in 21,3% zur Einleitung einer Postexpositionsprophylaxe gegen HIV. Um eine gute Versorgung von Frauen nach Sexualdelikt gewährleisten zu können, ist eine umfassende Betreuung, Versorgung von Verletzungen, Infektionsdiagnostik, medikamentöse Prophylaxe und gerichtlich verwertbare forensische Dokumentation nötig. Die psychologische Betreuung forcierend, kann das Versorgungsmodell von Frauen nach Sexualdelikt am UKE aufgrund der optimalen Aufteilung entsprechend der jeweiligen Fachexpertise der Rechtsmedizin und Gynäkologie anderen Kliniken als Vorbild dienen und ggf. sogar Teil einer bundesweit empfohlenen Leitlinie sein. |