Titel: Evangelische Sexualethik und Geschlechterpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, 1945-1960
Sprache: Deutsch
Autor*in: Esselborn, Dörte
Schlagwörter: Sexualethik; Geschlechterpolitik; Protestantismus; Nachkriegszeit; Diskursanalyse; Dichte Beschreibung
Erscheinungsdatum: 2020
Tag der mündlichen Prüfung: 2021-04-12
Zusammenfassung: 
Umfassende Zäsuren wie Kriege und Wechsel der politischen Systeme stellen normalerweise alles gesellschaftliche Leben auf den Kopf – und zur Disposition. Das gilt auch und gerade für ethische Vorstellungen und Geschlechterverhältnisse. Durch Gewalt, Flucht und Vertreibung, Verlust von Wohnungen, Angehörigen und Hab und Gut und eine extreme soziale Notlage brachen viele Familien auseinander. Im Krieg verschwanden Männer in hoher Zahl und die, die zurückkamen, waren meistens geschwächt und verwundet. Währenddessen übernahmen Frauen aktiv Funktionen in der Familie, Wirtschaft und Gesellschaft, die in Friedenszeiten Männern vorbehalten gewesen waren. Bei ihrer Gründung 1949 verankerten beide neuen deutschen Staaten die Gleichberechtigung der Geschlechter als Grundrecht in ihren Verfassungen. Zugleich haben Ideen und Mentalitäten eine hohe Beharrungskraft und verändern sich nur langsam, auch über Brüche hinweg. Die vorliegende Arbeit untersucht mit Hilfe der ethnografischen Methode der „dichten Beschreibung“ von Clifford Geertz und der durch Michel Foucault inspirierten Diskursanalyse, wie sich der deutsche Protestantismus in der Umbruchs- und Wiederaufbauzeit der ersten fünfzehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Bezug auf Sexualität, Ehe und Familie in Ost- und in Westdeutschland positionierte und verhielt. Die tiefgreifende Erfahrung einer Krise, die einherging mit apokalyptischen Visionen und einer umfassenden Kritik an der Moderne, wirkte als Motor für ein breites, vielseitiges und energisches Engagement zur Durchsetzung evangelischer sexualethischer Normen in evangelischer Kirche und Diakonie mit den zahlreichen ihr angeschlossenen und verbundenen Vereinen, Verbänden, Einrichtungen und Arbeitskreisen. Auch wenn es keine offizielle kirchliche Verlautbarung einer evangelischen Sexualethik gab, lassen sich in den vielfältigen Äußerungen dieses Diskursfeldes doch einheitliche Linien erkennen. Sie griffen die mit Aufklärung und Industrialisierung entstandene traditionelle bürgerliche Geschlechterordnung wieder auf. In ihrem Zentrum stand die Ehe als eine ganzheitlich verstandene, lebenslange heterosexuelle und monogame Geschlechterbeziehung, institutionalisiert und legitimiert durch die zivile und vor allem die kirchliche Eheschließung. Inakzeptable Abweichungen von dieser Norm waren Ehebruch, Prostitution, Abtreibung, Homosexualität und Onanie. Anpassungen an die veränderte Wirklichkeit gab es in der Perspektive auf ledige Frauen, auf die Wiedertrauung Geschiedener und Fragen der Geburtenregelung. Alleinstehenden Frauen musste angesichts des durch die zwei Weltkriege verursachten asymmetrischen Zahlenverhältnisses eine andere Option als die Ehe angeboten werden. Die Entscheidungen über die Wiedertrauung Geschiedener und die Anwendung von Methoden der Geburtenregelung wurden in den (Spiel-)Raum des individuellen freien protestantischen Gewissens verlagert. Diese sexualethischen Vorstellungen wurden unmittelbar nach dem Krieg mit großer Vehemenz und Professionalität in Familienpolitik, sozialer Arbeit und in der Gemeindearbeit versucht umzusetzen. Hierbei bauten die Akteure und Akteurinnen auf den seit Beginn der Sittlichkeitsbewegung um die Jahrhundertwende geschaffenen Strukturen und Erfahrungen auf. Im Westen Deutschlands konnten sich evangelische Kirchen, Organisationen, Arbeitskreise und Einzelpersonen sehr erfolgreich auf diesem Feld einbringen und vernetzen. Dabei gelang es insbesondere in der Eheberatung tätigen Medizinern und Fürsorgerinnen, die sich schon vor und im Nationalsozialismus für rassenhygienische Ziele und Forschung eingesetzt hatten, in leitende Funktionen zu kommen. Für die Kirchen in der DDR war es durch die massiven staatlichen Repressionen nur in ihrem sehr begrenzten kirchlichen Binnenraum möglich, sexualethische Normen zu verankern. Dies zeigt auch der abschließende Vergleich der beiden lutherischen Landeskirchen Sachsens und Hannover noch einmal besonders deutlich.
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Extensive breaks such as wars and changes in political systems usually turn all social life upside down - and put it up for negotiation. This also and especially applies to ethical ideas and gender relations. Violence, flight and expulsion, loss of homes, relatives and property, and extreme social distress have led to the break-up of many families. During the war, men disappeared in large numbers and those who returned were mostly weakened and wounded. Meanwhile, women actively took over family, economic and social functions that had been reserved for men in peacetime. When both new German states were founded in 1949, gender equality was encorporated as a fundamental right in their constitutions. At the same time, ideas and mentalities have a high persistence and change only slowly, even across ruptures. Using Clifford Geertz's ethnographic method of "dense description" and discourse analysis inspired by Michel Foucault, this study ex-amines how German Protestantism positioned itself and behaved with regard to sexuality, marriage and family in East and West Germany during the period of upheaval and reconstruction of the first fifteen years after the Second World War. The profound experience of a crisis, which was accompanied by apocalyptic visions and a thourough criticism of modernity, acted as a motor for a broad, versatile and energetic commitment to the implementation of Protestant sexual ethics norms in the Protestant Church and Diaconia with the numerous associations, federations, institutions and working groups affiliated and associated with it. Even if there was no official church proclamation of a Protestant sexual ethics, nevertheless uniform lines can be recognized in the various expressions of this field of discourse. They took up again the traditional bourgeois gender order that had emerged with the Enlightenment and industrialization. In its center was marriage as a holistically understood, lifelong heterosexual and monogamous gender relationship, institutionalized and legitimized by civil and above all church marriage. Unacceptable deviations from this norm were adultery, prostitution, abortion, homosexuality and onanism. There were adjustments to the changed reality in the perspective on single women, on the re-marriage of divorcees and questions of birth control. Single women had to be offered an option other than marriage in view of the asymmetrical numerical ratio caused by the two world wars. Decisions on the re-marriage of divorced women and the application of methods of birth control were shifted to the space of the individual free Protestant conscience. Immediately after the war, these sexual-ethical ideas were tried to be implemented with great vehemence and professionalism in family policy, social work and community work. Therefore, they used the structures and experiences made since the beginning of the moral movement at the turn of the century. In West Germany, Protestant churches, organisations, working groups and individuals were able to participate and network very successfully in this field. In particular, doctors and carers working in marriage counselling, who had already worked for racial hygiene objectives and research before and during National Socialism, were able to take up leading positions. For the churches in the GDR, massive state repression meant that it was only possible to establish sexual-ethical norms within their very limited ecclesiastical space. The final comparison of the two Lutheran regional churches of Saxony and Hanover once again shows this particularly clearly.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/9480
URN: urn:nbn:de:gbv:18-ediss-98916
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Hering, Rainer
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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