Titel: Abkunft oder Abgrenzung? Zur Bedeutung von Koguryŏ in der Geschichtsschreibung der koreanischen Minderheit in China
Sonstige Titel: On the Meaning of Koguryŏ in the Historiography of the Korean Minority in China
Sprache: Deutsch
Autor*in: Witt, Lukas
Schlagwörter: Koreanische Minderheit; Koguryŏ; Nordkorea; Südkorea; Kojosŏn
GND-Schlagwörter: GeschichtsschreibungGND
ChinaforschungGND
KoreaforschungGND
NationalbewusstseinGND
Nationale MinderheitGND
Erscheinungsdatum: 2021
Tag der mündlichen Prüfung: 2022-06-21
Zusammenfassung: 
Die Beanspruchung des traditionell der koreanischen Geschichte zugerechneten Königreichs Koguryŏ (chin. Gaogouli 高句丽) (37 v. Chr.-668 n. Chr.) durch Teile der chinesischen
Geschichtswissenschaften löste Anfang der 2000er Jahre in Südkorea einen Sturm der Entrüstung aus. Beobachter mutmaßten, die VR China instrumentalisiere die koreanische Frühgeschichte für sich, um die Identität der in China ansässigen koreanischen Minderheit als „Chinesen“ zu stärken. Die südkoreanischen Kommentatoren gingen bei ihren Einschätzungen für die koreanische Minderheit somit von einem Geschichtsbild aus, das in Gänze dem eigenen entsprach. Vorstellungen über die eigene Herkunft und Abstammung wurden unmittelbar auf scheinbare Teilhaber dieser Geschichte übertragen. Die erstmalige Gesamtschau der Geschichtsdarstellungen in den beiden koreanischen Nationalstaaten und der VR China in dieser Arbeit kann hingegen zeigen, dass unterschiedliche systemische, ideologische und politische Gegebenheiten zu signifikanten Unterschieden in den Auffassungen zu Herkunft und Abstammung der Koreaner geführt haben. Dies lässt sich besonders gut anhand der koreanischen Frühgeschichte und den Einordnungen des – größtenteils im heutigen Nordosten Chinas gelegenen – Königreichs Koguryŏ aufweisen.

Im ersten Hauptkapitel der Arbeit werden zunächst die Entwicklungen der Historiographie Koreas thematisiert. Die starke Identifikation vieler Koreaner mit den nördlich gelegenen Reichen Kojosŏn und vor allem Koguryŏ als Ursprung des koreanischen Volkes entwickelte sich maßgeblich während der japanischen Kolonialzeit (1904-1945). Beide Reiche wurden – ob ihrer kriegerischen Auseinandersetzungen mit den chinesischen Dynastien – zu historischen Vorbildern des Widerstandes und nahmen aufgrund dieser Zuschreibung für viele Koreaner einen zentralen Platz in der Vorstellung der eigenen Geschichte und Herkunft ein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs traten die Narrative zur koreanischen Frühgeschichte der Kolonialzeit in beiden neugegründeten Nationalstaaten jedoch in den Hintergrund. So orientierte sich die nordkoreanische Geschichtsschreibung in den frühen Jahren nach der Gründung zunächst starr an den historiographischen Standards der Sowjetunion. Die ethno-nationalistischen Darstellungen der Kolonialzeit mussten dem historischen Materialismus weichen. Ab Anfang der 1960er Jahre begannen nordkoreanische Historiker jedoch damit, den nordkoreanischen Alleinvertretungsanspruch mithilfe der größeren geographischen Nähe zum angenommenen Ursprung des koreanischen Volkes nördlich der Halbinsel zu propagieren, was zu einer Wiederbelebung kolonialzeitlicher Narrative führte. Zu der propagandistischen Bedeutung kam überdies eine geostrategische hinzu. Die angenommene Ausbreitung alter „koreanischer“ Territorien bis weit in das heutige Liaoning hinein, konnten nordkoreanische Begehrlichkeiten auf chinesisches Territorium legitimieren. Die großen Veränderungen der Darstellung koreanischer Geschichte in Nordkorea werden in dieser Arbeit anhand verschiedener Ausgaben der Chosŏn T’ongsa, ein Standardwerk zur koreanischen Geschichte, das ab Ende der 1950er Jahre in regelmäßigen Abständen in Nordkorea in revidierter Form neu veröffentlicht wurde, skizziert.
Auch in Südkorea trat die besondere Bedeutung, die die sogenannten nördlichen Territorien in der Kolonialzeit innegehabt hatten, zunächst in den Hintergrund. Erst Anfang der 1980er Jahre kehrte auch in Südkorea das Interesse und die Identifikation mit den nördlichen Königreichen zurück. Die zunehmenden zivilgesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten erlaubten es nationalistisch gesinnten Gruppen – in Rückbesinnung auf die Historiographie der Kolonialzeit – gesamtkoreanische Geschichtskonzeptionen zu propagieren und sich aktiv an Reformen der Geschichtserziehung zu beteiligen. Für das Unterkapitel zur südkoreanischen Historiographie wird vor allem auf Zeitungsartikel zurückgegriffen, in denen im Lichte einer anvisierten Schulbuchreform im Verlauf der 1980er Jahre öffentlich etwaige Änderungen historischer Narrative diskutiert wurden und somit die unterschiedlichen Standpunkte trefflich veranschaulicht sind.

Das zweite Hauptkapitel dieser Arbeit untersucht die Herausbildung einer eigenständigen Ethno-Geschichte der koreanischen Minderheit in der VR China. Neben einem kurzen einleitenden Kapitel zur Siedlungsgeschichte koreanischer Migranten in China zwischen 1860 und 1945 beschäftigt sich diese Arbeit hauptsächlich mit der Geschichte der koreanischen Minderheit und den hiermit eng in Verbindung stehenden Bemühungen um die Schaffung einer eigenständigen Ethno-Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Diese verlief in zwei Phasen. Für die Darstellung der ersten Entwicklungsphase ab den späten 1950er Jahren bis zum Beginn der Kulturrevolution greift diese Arbeit neben den wenigen publizierten Monographien und deren Entwürfen vor allem auf Artikel unterschiedlicher Regionalzeitungen sowie autobiographische Schriften und Interviews beteiligter Historiker zurück. Umfangreicher sind die Materialien der zweiten Phase, die mit dem Beginn der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik Ende der 1970er Jahre einsetzte und bis in die späten 1990er Jahre fortdauerte. In dieser Zeit erschien eine Vielzahl an wissenschaftlichen Artikeln, Konferenzbänden, edierten Quellensammlungen, Sammelbänden und Monographien, die allesamt die Darstellung der eigenen Geschichte thematisierten und in dieser Arbeit analysiert werden.
Die Historiker aus Reihen der koreanischen Minderheit agierten bei der Erstellung einer eigenständigen Ethno-Geschichte stets in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite mussten sie die Geschichte der koreanischen Minderheit dem zentral vorgegeben Narrativ von China als historisch gewachsenem Vielvölkerstaat unterordnen, auf der anderen Seite jedoch eine gewisse historische Partikularität der eigenen Ethno-Geschichte bewahren. Aus dieser Gemengelage ergeben sich zwangsläufig Unterschiede zu den Narrativen der beiden koreanischen Nationalstaaten. Während sowohl in Nord- als auch Südkorea die koreanische Ethnogenese weit in die mythische Vorzeit zurückverlegt und im heutigen chinesischen Nordosten verortet wird, lässt sich für die koreanische Minderheit in der VR China eine diametral entgegengesetzte Darstellung konstatieren. Das Einsetzen der koreanischen Ethnogenese wird auf das 8. Jahrhundert datiert und auf der koreanischen Halbinsel verortet.
Diese alternative Darstellung ist den Anforderungen des innenpolitischen Kontexts der VR China geschuldet, in dem sie entstand. Im Zuge der Reform der Minderheitenpolitik, die ab Anfang der 1980er Jahre zur Wiedergutmachung für die Diskriminierung der zwei vorangegangenen Dekaden initiiert wurde, wurden die nationalen Minderheiten der VR China mit einer Reihe an Sonderrechten bedacht, die auch bei Teilen der chinesischen Mehrheitsgesellschaft Begehrlichkeiten weckte. Im chinesischen Nordosten begannen Teile der Han-chinesischen Bevölkerung, die mit der eigentlichen koreanischen Minderheit historisch in keinerlei Verbindung standen, mit Verweis auf eine angebliche Abstammung von Koguryŏ, sich als Koreaner zu registrieren. Den Historikern der koreanischen Minderheit fiel daher die Aufgabe zu, für den chinesischen Kontext eine scharfe Trennlinie zwischen Koreanern und Nicht-Koreanern zu zeichnen. Es galt, ein Abgrenzungsnarrativ zu schaffen, das durch klar definierte Standards der Zugehörigkeit die Minderheit vor dem Zerfall durch Beliebigkeit schützte und ein gewisses Maß an Exklusivität garantierte. Die Betonung der Ethnogenese auf der koreanischen Halbinsel erlaubte es der koreanischen Minderheit, sich deutlich von anderen Ethnien der Region zu unterscheiden und fungiert seither als Abgrenzungsnarrativ, das vor Assimilation durch Aufweichen ethnischer Begrifflichkeiten schützen soll. Die Herkunft von der koreanischen Halbinsel wird im chinesischen Kontext zur obersten Prämisse der Zugehörigkeit zum koreanischen Volk und somit gleichzeitig zur koreanischen Minderheit.

Im Rahmen dieser Arbeit wird erstmalig ein Gesamtüberblick über koreanische Ethnohistorien aus drei Staaten samt ihrer Entstehungskontexte zwischen 1948/ 1949 und 2002 vorgelegt. Diese Arbeit macht am Beispiel der koreanischen Minderheit in China deutlich, wie im innenpolitischen Kontext entstandene Narrative im Zuge der postsozialistischen Internationalisierung der Wissenschaften auf konfligierende Standpunkte treffen können, die alle Beteiligten vor bis dato unbekannte Herausforderungen stellen. Indem diese Arbeit die jeweiligen Varianten aufzeigt und historisch einordnet, vermittelt sie ein besseres Verständnis nationaler historiographischer Eigenarten und leistet somit einen Beitrag vor allem für die vergleichenden Geschichtswissenschaften.
URL: https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/9790
URN: urn:nbn:de:gbv:18-ediss-102922
Dokumenttyp: Dissertation
Betreuer*in: Friedrich, Michael
Schulz Zinda, Yvonne
Enthalten in den Sammlungen:Elektronische Dissertationen und Habilitationen

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